Kriegstagebuch von Heinrich Fehr, Unteroffizier der Reserve im Infanterie-Regiment 99 (25. August bis 2. November 1914)

Über den Kriegstagebuchschreiber Heinrich Fehr ist leider bisher wenig bekann. Fehr war Soldat im Infanterie-Regiment 99, das zur 60. Infanterie-Brigade in der 30. Division gehörte. Im Kriegstagebuch erfahren wir wenig über seine Biographie. Wahrscheinlich war er zum Zeitpunkt des Schreibens noch nicht verheiratet, da er nie eine Ehefrau erwähnt. Er erwähnt allerdings seine „Liebste“, wobei ihr Name nicht eindeutig identifiziert werden kann. Über seine Familie erfahren wir keine substanziellen Informationen. Auch erfahren wir nicht sein Alter, seinen Beruf und auch nicht seinen Heimatort.

In seinem Kriegstagebuch erwähnt Fehr, dass er Unteroffizier der Reserve ist. Diese Beförderung wurde ihm am 30. August 1914 mitgeteilt.

Das Kriegstagebuch beginnt unvermittelt mit dem Eintrag vom 25. August 1914. Zu dem Zeitpunkt befand sich Heinrich Fehr bereits an der Front in Frankreich im Raum Raon-l’Étape in den Vogesen. Am 8. September 1914 wird das IR 99 nach Tirlemont (Belgien) verlegt. Am 14. September erfolgte bereits die Rückverlegung nach Frankreich, zunächst nach Laon (17. September 1914), dann weiter in den Raum Craonne nördlich der Aisne. In diesem Raum verbleibt Fehr dann, bis das Tagebuch am 2. November 1914 endet.

Ob Fehr sein Kriegstagebuch noch über den 2. November 1914 hinaus geführt hat, ist nicht bekannt. Weitere Bände liegen in meiner Sammlung nicht vor und werden auch in dem vorliegenden Band nicht erwähnt.

Erste Doppelseite des Kriegstagebuches von Heinrich Fehr

Kriegstagebuch von Heinrich Fehr (25. August bis 2. November 1914)

Dienstag, 25. August 1914

Marsch zum Regiment durch einen großen Wald, alles mit Soldaten und Wagen beladen. Abends dann Halt in einem Tannenwald. Hier ganz nahe heftigen Kanonendonner bis spät zum Abend. Nach Eintritt der Dunkelheit Lager im Wald auf den Tannennadeln, nur Zeltbahnen. Kleine Regenschauer, nicht zu essen, nur einige Wurzeln die ich vom Morgen noch hatte. Auch etwas Brot und Wurst von Trude. Eine Flasche Wein, die einer vom Wagen geholt hatte, schmeckte ganz gut. In der Nacht schlecht geschlafen, dann kühl, dann zu hart, alles unbequem. Morgens früh weckte uns der Kanonendonner. Wieder nichts essen, kein Kaffee bis zum Ausgang marschiert.

Mittwoch, 26. August 1914

Viele Flüchtlinge. Am Rande des Waldes auf der einen Seite schwere Artillerie, auf der andern leichte. Das war ein Donnern und Krachen, wie ich es nie gehört habe. Hier bekamen wir Mittagessen früh morgens um 7 Uhr aus der Feldküche. Kein Wasser. Weiter in die Stadt Raon l´Etappe [Raon-l’Étape]. Dort bis zum Marktplatz. Die Kirche ausgebrannt. Auf dem Platz großer Brunnen. Wasser getrunken. Wein verteilt. Hundekuchen. Dann kam die erste Granate; darum der Platz geräumt. Am andern Platz exerziert, weil einige in die Häuser waren. Andere hatten ganze Ladungen geraubt: Pflaumen, Wein, Gemüse, Konserven. Brennend Häuser, auch nach hier kamen die Granaten, darum zurück bis zum Waldsaum; dort der kommandierende General. Da zurück ausgeschwärmt durch die Felder. Kam an den Fluß; dadurch bis an die Hüften. Einige Granaten schlugen dicht neben uns ein. Zwei Blindgänger. Man hörte sie so schön sausen. Steinbruch gelagert. Stiefel ausgezogen. Fußbekleidung ausgewrungen. Längere Pause. Nachmittags Verteilung auf die Batallione, ich zum dritten. Einer an den Baum gebunden weil er gestohlen hatte. Abends fing es an zu regnen und zwar sehr heftig. Ich noch auf Wache oben in den Steinbruch. In den Schuppen geschlafen vor den Pferden.

Donnerstag, 27. August 1914

Zur 10. Kompagnie eingeteilt. Wieder Essen von der Maschinengewehr-Kompagnie. Dann Abmarsch des ganzen Batallions unter strömendem Regen durch schlammige Wege in einen Tannenwald. Lauter Erltannen bis zu 20m hoch, sehr steiler Berg, beschwerlich, oben Schützengraben. Zwei Regimenter lagen vor uns. Wir vorläufig in Reserve. Anfangs hieß es, der Feind werde versuchen durchzubrechen, kurz darauf jedoch Divisionsbefehl, daß der Feind in fluchtartigem Rückzug räume, von unsere Artillerie beschossen werde. Im Wald lagen wir so in Deckung in unsere Zelten. Dann Abstieg. Langschwieriger Abstieg, weil wir einzeln bergab. Viele tote Franzosen, viel Kleidungsstücke. Dann durch ein Dorf. Über die Bahn an einem Elektrizitätswerk vorbei. Auf eine Wiese, dort kurze Rast. Dann zurück in den Waldsaum, heftiges Artilleriefeuer von unserer Seite, auf der feindliche Seite schwieg alles. Dann an einer Villa vorbei im Tannenwald. Viel zerstört. In der Dunkelheit kamen wir nach Etivalles [Étival-Clairefontaine] . Stand zum Teil in Brand. An der Kirche vorbei in ein Haus mit der ganzen Kompagnie. Ich lag schon auf der Matratze. Da wurden wir umquartiert. Einige Wurzeln dienten mir als Nahrung; überhaupt den ganzen Tag der ins Stroh. ziemlich anstrengend gewesen war. Sehr hungrich. Kamen auf die Dele oder oben ins Stroh. Da kam die Küche. Wieder aufstehen, essen, auch noch Zwieback empfangen.

Freitag, 28. August 1914

Morgens ziemlich lange geschlafen. Erst Kaffee holen, dann wieder hingesetzt. Andere hatten Hühner und Kaninchen geschlachtet und waren fleißig am Kochen. Auch selbst ziemlich eingenommen, da ich zum 1. Zug als Gruppenführer kommandiert war gegen 11 Uhr Aufbruch. Es war trübes ganz unklares Wetter, weshalb auch wohl so spät. Das Dorf hinauf, ging dann über die Wiese in einem schmalen Waldsaum. Dann wieder zurück nach der andern Seite des Dorfes und hinaus nach Pajalles [Pajaille ]. Dort wieder heftiges feindliches Feuer, aber weiter über zwei kleine Bäche worüber Bretter gelegt waren. Unten am Rande lagen wir nun lange Zeit, verschiedene Regimenter stark. Endlich ging es vor auf die Höhe. Auch mit meiner Gruppe gehörte Zug zwei, Halbzug des 1. Zuges. Als wir auf die Höhe kamen, sausten zuerst unsere eigenen Artilleriegeschosse über uns. Kurz darauf kamen auch Kugeln angesaust. Eine schlug dicht neben mir ein. Es wurde in mir doch ein wenig sonderbar und unwillkürlich duckte man sich zusammen. Bis auf den Berg[,] wo die Kühe lose herumliefen[,] ging es vor. Heftiger Kanonendonner von drüben kam dicht über uns. Als es dunkel wurde, mußten wir uns eingraben. Da lag man nun, auch hatten wir etwas Heu hineingelegt, und starrten in den Himmel, in die Sterne, auch die Venus war zu sehen. Im Hintergrunde rechts ein brennendes Dorf. Da kam der Artilleriehauptmann und bestimmte die feindliche Batterie. Endlich gegen 10 Uhr wurden wir abgelöst. In der Dunkelheit ging es zurück nach dem Platz der vorigen Nacht. Es wurde mir sehr kalt auf dem Stroh. Morgens schickte ich meine Karte ab. Dann lagen wir marschfertig.

 Sonnabend 29. August 1914

Den ganzen Tag blieben wir liegen. Als wir abends abkochen wollten, denn es war ein Schwein geschlachtet und verteilt, da feuerte plötzlich die Artillerie und das Fleisch wurde nicht gar. Ich habe noch etwas so gegessen. Am Sonntag morgen früh 2 Uhr wurde alamiert. Der Feind schoß wieder heftig auf uns.

Sonntag, 30. August 1914

Um 4 Uhr rückten wir ab. Völlige Dunkelheit. Starker Nebel wie überhaupt fast täglich morgens. Das ganze Regiment rückte aus, zurück über Raon l´Etappe [Raon-l’Étape] und noch ein Stück weiter. Beschwerlicher Marsch. Gegen 9 Uhr Ankunft in dem Dorf. Vor allem liegen bleiben. Der ganze erste Zug lag in einem Hause. Ich mit meiner Gruppe oben auf dem Boden[,] wo Holz war. Um 10 Uhr Appell. Dann 12 Uhr ein recht fettes Mittagessen. Dabei mußte ich mir den Magen verdorben haben. Auch noch ein Zahngeschwür. Es war mir recht eigen zu Mute. Da kam die Nachricht über meine Beförderung zum Unteroffizier nicht gerade sehr erfreut. Nachmittags 4 Uhr Löhnungs-Appell, 6 Uhr nochmals, dauerte ziemlich lange. Am Abend kam Heinrich Becker zu mir, und wir gingen zusammen hinter dem Hause auf die Anhöhe und tauschten Heimaterlebnisse und Grüße an unsere Lieben aus. Der Abendstern schien so goldig.

Montag, 31. August 1914

In der Nacht ziemlich geschlafen mit der Zeltbahn. 6.30 Uhr ging es dann zum Schanzen durch das Dorf über die Chaussee nach Baccarat zu. Auf der Straße Gepäck abhängen und an den Bahndamm und dahinter schanzen. Ich brauchte nicht viel zu tun. Vor uns lag ein Tal, sumpfig, dahinter der Wald. Von rechts er ertönte die Regiments-Musik aus Baccarat. Ab und zu kam ein Flieger. Ein deutscher Flieger wurde geschossen, ließ aber sofort Leuchtkugeln fallen und stieg wieder. Bei dem französischen [sic!] nachher fielen Schüsse, die aber zu kurz gingen. Gegen 6 Uhr essen, Reis mit Gulasch. Ich verwahrte mir noch eine zweite Portion bis zum Abend. Nachmittags wieder Appell. 6.30 Uhr Abmarsch zum Kirchgang. Unser Regiment und Artillerie 84 kamen zusammen vor dem Dorf auf dem Schlachtfelde. Der Feldprediger sprach sehr schön: „Ihr gedacht es böse zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.[“] Am Abend ich wieder oben auf dem Ufer und spähte hinaus in die feindliche Welt. Da leuchtete der Mond so friedlich, da lenkte der Abendstern mit sehr wundervoller Klarheit meine Gedanken wieder der fernen Heimat zu, der liebsten. Dazu spielte unten im Dorf die Regiments-Musik. [„]Das Niederländische Dankgebet“ und dann „Ich bete an die Macht der Liebe.“

Dienstag, 1. September 1914

Morgens exerzieren auf dem Felde. Das erste Mal kommandierte ich eine Gruppe. Der Major kam zur Besichtigung, In der Ferne wieder heftiger Donner. Am Nachmittag kam ich zur Feldwebelstube, wo wir 15 Flaschen verzehrten. Ich zahlte 2 M dafür, dann auch zum Abend eben dort. Es war recht gemütlich in der Küche der Franzosen. Dann nahm mich Feldwebel Marquard mit zum schlafen und so quartierte ich am andern Morgen ganz um.

Mittwoch, 2 September 1914

Um 7 ½ Uhr sprach der Hauptmann die Unteroffiziere. Dann zum Exerzieren nach Rücker. Es waren 70 Reservisten zum Ersatz von Göttingen angekommen. 10 bekam ich in meine Korporalschaft. Um 4 Uhr sprach der Brigade-Kommandeur zu uns und hielt eine begeisterte Ansprache, worin er auch lebend die Verdienste der Brigade erwähnte. Da hatten wir uns einen kleinen Kuchen backen lassen., den wir mit großem Appettit [sic!] verzehrten. Am Abend war ich mit Heinrich Becker im Dorf zur Jagd auf Tabak. Zwei Cigarren bekam ich, das Stück für 20 Pf. Karten abgeschickt nach Trude, zu Hause und Tiefendorf. Man sprach schon von Alarm. Der Feldwebel lag schon zu Bett, als ich Becker meine letzte Cigarette gab. Dann lagen wir noch etwas draußen. Ein wundervoller Abend. Der Mond und der Abendstern in nächster Nähe und doch so fern.

Donnerstag, 3. September 1914

Morgens früh 5 Uhr wurden wir plötzlich geweckt. Die Kompanie stand schon draußen. Wir hatten nichts gepackt. Auch die Fußbekleidung noch aus, doch es ging noch. Um 6 Uhr Abmarsch zurück auf die Straßen nach Raon l’Etappe [Raon-l’Étape]. Dann seitwärts links über eine Wiese zu dem alleinstehenden Gehöft. Dort lagen wir im Garten. Poin [sic!] sollte ein heftiges Gefecht sein und wir waren zur Reserve zurückgeblieben. Dort lagen wir von 7 Uhr bis ¼ vor 3 Uhr. Dann Eilmarsch wieder über Raon l’Etappe [Raon-l’Étape], dann rechts seitwärts über Ht. Neufvillage [wohl: La Haute Neufville]. Viele Verwundete begegneten uns. Sehr heiß. Einige machten schlapp. Mir wurde es auch sehr sauer, ebenso Hildburg und Brackelmann. Oben vor einem Wald halt. Wasser aus einem Bach getrunken, war sehr kühl. Dann wieder zurück rechts in den Wald. Lange und beschwerlich ging es auf und ab, durch schmale Waldwege und quer durch die Berge, sehr schöne hohe Tannen. Endlich wieder herunter auf einer breiten Straße sammelten wir uns. Da kam ein feindlicher Flieger. Nun ging’s wieder weiter nach rechts an dem Haus vorbei[,] wo der Oberst stand, durch Sumpf und Morast bis vorn in den Wald. Es war schon dunkel. Der Mond leuchtete so friedlich. Heftiges Gewehrfeuer, besonders zu unserer Lausche [sic!]. Wir lagen still. Dann wieder zurück in den Wald. Sehr kühl. 12 Uhr Alarm und weiter ging’s zurück über die Chaussee in ein Dorf[,] wo wir vor einem Hause noch etwas herum lagen. Dann Kiefern holen zur Deckung der Artillerie.

Freitag 4. September 1914

Kam unsere Kompagnie allein vor. Wir brachten sie erst nach vorn und gingen dann zum Waldessaum zurück. Dann aber mußte unser Zug wieder vor zur Besatzung der Höhe vor dem Pro[t]zen, zum Schutz vor Flanken Angriff. ½ 7 Uhr kamen wir unten an. Was für ein heißer Tag! Wir hatten die Hoffnung auf ein schönes Leben. Dichter Nebel lag vor uns im Tal. Plötzlich gegen ½ 8 Uhr fallen die ersten Schüsse. Wir mussten natürlich vor. Aber da ging es los. Wir feuerten und sahen doch nichts. Als es heller wurde klärte sich die ganze Stellung. Vor uns lag noch eine andere Linie. Die Franzosen auf dem jenseitigen Berg in Schützenlinien verschanzt. Unsere Artillerie arbeitete vorzüglich huhuhusssssbum! Dann die Flintenschüsse Pink, Pink! So den ganzen Tag über sahen wir dieses Manöver an. Wir konnten nicht mehr schießen da wir zur Bedeckung liegen bleiben mussten und vor uns deutsche Truppen lagen. Als Unsere auf einige Entfernung an den Graben kamen, gingen sie los „Heidi!“ [.] Dann wurden die Dörfer und der gegenüberliegende Wald befeuert, bis endlich alles still wurde. Den ganzen Tag über hörte man feindliche Artillerie, ein solches Feuer hatte ich noch nicht erlebt. Einer wurde verwundet durch Schuss in den Oberschenkel. Gegen Abend wurde es ruhig. Wir zogen uns zurück und machten uns ein Lager von Haferstroh vom Felde. Die Nacht so gut geschlafen wie lange nicht.

Sonnabend 5. September 1914

Des Morgens aufgewacht. Keine Wache. Dann ging es zum Wasser holen über die Höhe an zerstörten Häusern und Schützengräben vorbei. Einige Äpfel mitgenommen. Etwas Kaffee bei der Artillerie bekommen. Dann noch 1/3 Brot. Dann wieder sammeln zur Kompagnie, die die bis zum Mittag wieder zum Schutz der Artillerie zurück musste. Zwei Doppelposten in den Kieferwald. Postsachen verteilt. Ich wieder gar nichts dabei, sonst aber recht gemütlich. Abends gab es dann das erste Mal ein Festessen: warme Würstchen. Dann auch noch Essen wie am Mittag. Dann musste ich auf Wache ziehen, da meine 3 Leute etwas zu spät kamen. Am Abend stand und lag ich dann am Hügel und schaute in dem Mond und nach dem Abendsternen aus, zunächst verdunkelt, dann sehr schön hell. Heimatgedanken 12 Uhr Ablösung. Ich gleich ins Zelt zum Hildburg.

Sonntag der 6. September 1914

Am Morgen früh Kaffee empfangen. Ich blieb im Zelt liegen. Nachher bekam ich doch noch etwas. Dann wieder zwei Würstchen. Marschbereit halten. Dann ging es wieder zurück. Unsere Kompanie war an der Spitze. Es ging dann von Lasalle [bisher nicht identifizierter Ort] über Wiesen und Felder nach Etipal [Étival-Clairefontaine?], St. Blase [Saint-Blaise], auf den Weg den wir genau vor 8 Tagen gemacht haben, über Raon l’Etappe [Raon-l’Étape] an den kommandierenden General vorbei. Es war sehr heiß. Vor Bertrichames [Bertrichamps] wieder Rast. Wasser geholt und dann Hause am Waldrand, wo der Hauptmann in der Küche war. Dann Mittagessen. Es gab blauen Heinrich, schmeckte aber sehr gut. Dann wurden auch noch Cigaretten verteilt, jeder bekam 2 Stück. Da war große Freude. Dann lagen wir noch einige Zeit. Gegen ½ 4 Uhr wieder nach Baccarat. Dort auch viel Militär einquartiert. Die Häuser noch ziemlich unversehrt. Schön gelegenes Garnisonsstädtchen. Aber getäuschte Hoffnung. Es ging nämlich weiter Berg auf. Sehr staubig. Wir waren fast alle schwarz. Endlich rast auf staubiegen Feld. Nochmals Cigaretten bekommen. Dann wieder bis nach Montigny, dort Biwack, war sehr kalt die Nacht. Morgens ganz durchgefroren und durchnäßt. Ich hatte mir zwar ein trockenes Hemd angezogen. Um ½ 6 Uhr weiter. Wohin?

Montag 7. September 1914

Durch Montigny bergauf und ab, es war sehr kühl. Durch ein Dorf[,] das vollständig niedergeschossen war. Von den etwa 100 Häusern habe ich nur 3-4 heil gesehen. Da wurde es heiß. Viele machten schlapp. Durch verschiedene Dörfer, immer weiter. Endlich auf dem Feld vor Aprikurt [Avricourt?]. Da leuchteten die Berge des Vaterlands und ein warmes Gefühl der Liebe wurde wach. In Aprikurt [Avricourt?] großer Wassermangel. Lagen in dem Hofe. Mein Hemd gewaschen. Stiefel nach 4-5 Tagen tragen das erste Mal ausgezogen. Einiges Obst gegessen. Nachmittags Gewähr reinigen. Dann Apell. Brief an Trude. Abends viel Arbeit mit empfangen der Sachen: Schokolade, Cigarren, Cigaretten, Strümpfe, Fußlappen. Warmes Abendessen bekamen wir noch; dann ging es zurück ins Zelt. Sehr gut geschlafen nach der Anstrengung. 6 Uhr aufstehen, etwas experimentieren auf dem Feld. Dann wieder Ruhe; in Stand setzten der Sachen. Mittags schmeckte mir sehr gut, Äpfel gebraten und Kaffee gekocht; nachher auch ein Stück Fleisch. Meine Pfeife bekam mir nicht gut. Um 5 Uhr Appell, das klappte nicht, darum unter Aufsicht reinigen. Heinrich Becker besuchte mich. Er war allein von seiner Gruppe zurückgeblieben. Dann wieder Appell. Etwas früh das Abendessen, dann etwas auf Stroh geschlafen, während die anderen am Wachfeuer begeistert sangen. Der Abendstern leuchtete wieder so herrlich. Es war gerade 9 Uhr. ½ 11 Uhr wurde ich aufgeweckt aus meinem schönen Traum, in dem ich bei meinem Lieb war. Dann Abmarsch zum Weinhof Aprikurt [Avricourt?]. Überführt dort gegen 1 Uhr. Auf der Bank geschlafen. Morgens um 6 Uhr war ich wieder wach.

Dienstag, 8. September 1914

Wir waren ganz in deutschem Lande. Ein wesentliches Gefühl der Ruhe. Überall wieder begeistert aufgenommen. Auf dem Bahnhof gut versorgt. Der ganze Eindruck geordneter. Das erste Mal ein Stück Wurst, in Saarbrücken wegen der guten Speise den Magen verdorben, daß ich den Sanitäter in Anspruch nahm.

Mittwoch, 9. September 1914

Auf der Bank schlecht geschlafen. 11 Uhr stiegen wir plötzlich aus in Tirlemont, 18 km von Löwen. Auf der Straße Obst gekauft. Dann Marsch. Plötzlich auf der Chaussee Schrapnellfeuer, nachdem vorher eine feindliche Bataillon gemeldet war. Unsere Kompagnie besetzte wieder den Wald vorn. Ich mit meiner Gruppe von linken Flügel. Da sollten wir vorgehen, aber heftiges Maschinengewehrfeuer hielt uns zurück. Völlige Deckung. Die Kugeln pfiffen nur so. Da kam ich von meiner Kompanie ab. Das Gefecht verzögerte sich bis zum Abend. Da sollten wir das Dorf Felsenberg besetzen, ganz langsam vorgerückt. Plötzlich mitten im Dorf Feuer. Alles war Blitzschnell nieder, keiner wollte mehr vor. Langsam weiter. Als wir die letzten Häuser erreicht hatten, ganz heftiges Feuer, wussten nicht woher. Dann ging’s sofort, den Waldrand, die Straße u.s.w. abwechselnd beschießen. Endlich gegen 2 Uhr zur Ruhe gekommen. Morgens früh wieder vor gegen den Feind. Ein Haus durchsucht, mit dem altem Vater der so viel Wein hatte. Nur Wasser, kein Kaffee mehr. Lagen dann vor ein Runkelfeld, als unsere Kavallerie zur Aufklärung herbeikam. Kühles Wasser und trübe.

Donnerstag, 10. September 1914

Ich hatte in einer alten Kalkgrube etwas geschlafen. Gegen 11 Uhr zogen wir uns zurück und sollten dann Quartier beziehen. Hatten uns auch ganz gemütlich eingerichtet in der Backstube und Schmiede, als plötzlich der Befehl zum Ausmarsch kam. In strömendem Regen. Wir sollten den Feind angreifen. Ich hatte einen Mantel eines belgischen Radfahrers mit, um mich gegen Regen zu schützen. Nach endlosem hin und her, da wir den Feind nicht finden konnten, kamen wir auf die Hauptstraße Löwen-Tirlemont, meinten, wir würden verladen, ging dann quer über die Bahn, endlich wieder zurück nach Löwen zu. War spät abends. Vor Löwen 1 Stunde etwa sollten wir wieder kehrt machen kehrt machen und lagen ganz durchnäßt in der kühlen Nacht auf der Straße und froren. Ich hatte mir ein Bund Stroh von dem Hause geholt. Dann ging es doch nah Löwen zu. Aber endlich bahnte sich der Weg. Der ganze Stadtteil war zerstört. Als wir schließlich in die finstere öde Stadt eingezogen, hofften wir, wir würden dann verladen, doch es kam anders. Wir mussten auf der Gartenstraße bleiben und schlafen. Gegen 1 Uhr lag ich unter meinen an die Mauer gestellten Ofenschirm.

Sonnabend, 12. September 1914

Um 4 Uhr geweckt mit dem Rufe: Brot empfangen! Dann schnell Kaffee holen und nun ging es durch Löwen weiter. Sehr ermüdet. In der Ferne donnerten schon die Kanonen. Langsam vor, über Gräben, die Eisenbahn, dann über einen Fluss und die Chaussee entlang, wo fast alle Häuser in Brand standen. Hier waren die Leute des Lehrbataillon vor uns. Diese hatten schweren Stand gehabt. Viele Verluste, aber sie hatten 2 Geschütze und 2 Maschinengewehre erbeutet und waren stolz darauf. Wir gingen jetzt vor, oft durch heftiges Gewehrfeuer in die Gräben geschreckt. Dann an der Bahnlinie entlang und eine andere Chaussee hinter dem Garten zurück. Auf einmal Granatfeuer. Verschiedene Schüsse ganz nahe, sogar an unserem Hause, so dass die Ziegel flogen. Das Nebenhaus brannte. Wir waren hungrig, blieben aber doch ruhig liegen, weil das stark ermüdet. Hier lagen wir etwas längere Zeit. Die Stimmung war nicht sehr vorzüglich. Auch sehr schmutzig. Gegen Abend quartierten wir ein in ein Schweinestall mit 4 Mann, aber ordentlich Stroh. Doch nicht lange werte die Freude, so mussten wir umquartieren in eine andere Scheune als Vorposten – Reserve. Da sehr gut geschlafen bis gegen 7 Uhr.

Sonntag, 13. September 1914

Es war Sonntag, doch man spürte nicht viel davon. Trotz des Regens ging es los. Endlich kamen wir vor ein Dorf aus dem der Feind gemeldet war. Wir blieben vor dem Dorf an der Seite der Chaussee in Deckung. Da bekommen ein Feuer[,] wie ich es noch nicht erlebt hatte. Die Splitter flogen nur so. Ein dicker Baum war vollständig zerschossen. Die Stellung war recht verraten worden. 3 bis 4 Stunden mussten wir in diesem Feuer liegen bleiben und duckten uns mit jedem Schuss ängstlich aneinander. Als das Feuer nachließ, machten wir es und bequemer. 2 Uhr rückten wir ins Dorf. Die Kirche zerschossen. Die schwarz – gelb – rote Fahne zerschossen.

Montag, 14. September 1914

Langsam vorgerückt, weil die Häuser durchsucht werden mussten. Wir kamen auf ein Feld hinter der Schule. Hier Schützengraben auswerfen. Beutel voll Zucker. Nachher schön geschlachtet und gebraten. Meine Leute und ich 2 Hühner und Bratkartoffeln, eine Flasche Bier, ein Becher mit Milch, außerdem sehr viel gellen. Ich ein Honigglas gefüllt. So vorzüglich gespeist, wie lange vorher nicht mehr. Abends 8 Uhr abrücken nach Löwen zurück, wo wir gegen 10 Uhr ankamen. Wieder auf dem Straßenpflaster um das Feuer herum. Da kam Wein und Zigaretten. Ich selbst mit in das herrschaftliche Haus, wo wir einige Flaschen Wein mitnahmen. Da bis zum Boden hinauf, oben nahm ich eine Unterhose mit. In der Nacht wenig geschlafen. Morgens 10 Uhr Abfahrt. Es ging sehr langsam vorwärts, immer lange Aufenthalt. Wir lebten vorzüglich, hatte mit 3 Unteroffizieren 5 Flaschen Wein, Glas mit Gellen, frische Konserven. Abends kamen wir in Brüssel an. Hier kauften wir Schokolade. Andere Bier usw. Dabei blieben wir die Nacht liegen, auf dem Bahnhof auf der Bank geschlafen. Morgens noch auf 3 Stationen von Brüssel halt gemacht. Eine Tasse Kaffee und Kuchen verteilt. Auch schöne Cigaretten und Karten, auch den Blaustift womit ich jetzt schreibe. Viele Karten geschrieben. Wir hatten im Wagen – Abteil Löhnung bekommen. Es war wieder besseres Wetter und gefiel uns ganz gut. Wir durchfuhren ein ganz ebenes Gelände mit reichen Pappelbeständen, viele Wiesen mit schönem Vieh. Die Ortschaften waren zum größten Teil noch recht lebhaft, nur das viele Männer herumlungerten. Ich kaufte mir auch ½ Pfund gute Butter, wir lebten ganz vorzüglich, auch an Bier und Zigaretten fehlte es nicht. Abends stand ich auf der Plattform und suchte unsere Sterne, konnte aber wegen des trüben Wetters keine entdecken. Wir sangen dann auch: „Sah ein Knab ein Rößlein stehn´“ In der Nacht lagen wir wieder stille. Ich träumte so schön und lag in den Armen meines Lieb. Doch das Erwachen…

Mittwoch, 16. September 1914

Gleich in dem Graben neben der Bahn gewaschen. Sehr erfrischend, dann gefrühstückt, Gellee genug, aber kein Kaffee. Erst gegen 9 Uhr fuhren wir weiter. Mittag in Mons und dort essen. Hier sah ich die Munition der 42 cm Kanone. 1,58 m lang und Gewicht von 16,86 kg. Auch viele erbeutet Geschütze standen hier. Längerer Aufenthalt bis zum Abend kamen wir an die französische [Wort fehlt, vermutlich: Grenze]. Am Abend ausgestiegen, in die Stadt gegangen, Zigaretten gekauft, meist freundliche Leute, wie überhaupt das ganze Wesen einen gemütlichen, freundlichen Eindruck machte.

Donnerstag, 17. September 1914

In der Nacht lagen wir in Valentin [Valenciennes?], ein Städtchen mit lauter kleinen, ärmlichen Häusern. Überhaupt ist der Unterschied zwischen den Ländern ziemlich groß. Belgien sauber, hier alles mehr verkommen, sonst aber große Kornfelder. War trübes, regnerisches Wetter. Wir freuten und sehr, dass wir beschützt waren und dachten mit Grauen an das Aussteigen. In St. Quentin etwas zu Mittag gegessen. Ich ein Stück Brot empfangen. Immer noch heftiger Regen. Auf der Weiterfahrt sahen wir dann eine am Tage vorher gesprengte Brücke[,] die aber bereits wieder fertig gestellt war. Es hieß, die Franzosen befänden sich in fluchtartigem Rückzuge. Falls sie diese Schlacht verlören, müssten sie Frieden schließen. England sei von Amerika angegriffen worden. Das gab uns wider frischen Mut. Doch immer scheuten wir noch in das Wetter hinaus zugehen und hofften noch eine Nacht in den Wagen zu bringen zu könne. Ob sich unsere Hoffnung erfüllt? Ha! Am Abend sprach ich mit dem Militärfahrer und einen Diakonus und wir blieben noch im Wagen. Morgens früh ½ 5 Uhr aussteigen. Auf dem Kasernenhof der Artillerie tranken wir erst Kaffee. Dann kamen wir nach La Fere [La Fère]. Von dort nach Laon waren 24 km, wo wir dann gegen 11 Uhr eintrafen, aber sehr ermüdet. Die Landschaft war anfangs ziemlich eben, wurde dann aber gebirgiger. Fruchtbar. Viel Getreide und Zuckerrüben. In der Ferne die Kirchen von Laon hoch auf dem Berge. Laon ein schönes Städtchen mit schönem Friedhof vor dem Berge. Oben eine mächtige Feuersäule, da gerade Pulver verbrannt wurde. 2 – stündige Rast dann weiter, nach 3 Stunden größerer Anstrengungen hinter dem Dorf wieder Rast. Sehr müde. Wund gescheuert. Viele schlapp. Ins Dorf zurück zum Biwaksplatz in der Allee unter hohen Bäumen. Um 7 Uhr schön ins Zelt gekrochen. 4 Mann unter einem. Aber sehr schön waren. Das Gefühl der Geborgenheit noch vergrößert, als es in der Nacht heftig regnete.

Sonnabend, 19. September 1914

Höchst unangenehm sind wir schon um halb vier geweckt worden. Strömender Regen. Da war man Krieg doppelt leid. Trotzdem ging es wieder los von Seriena [bisher nicht identifizierter Ort] nach St. Croix [Sainte-Croix] bis vor den Waldrand zur Artilleriedeckung. Nachher ließ der Regen nach. Aber höchst ungemütlich, da man tüchtig fror. Als Mittagessen gab es 4 oder 5x hintereinander Reis. Doch weil es etwas Warmes war, tat es schon gut. Vorn ein heftiges Artilleriefeuer. Die Franzosen sollten sich auf ihrem Exerzierplatz fest verschanzt haben. Am Nachmittag gingen wir vor in das nächste Dorf und von dort durch schlammige Wege, erreichten wir den Wald hinter dem Kloster, das eine große Mauer umgab. Kaum waren wir dahinter, so ging die Artillerie wieder los und befeuerte den Wald, wobei die anderen Compagnien mehrere Verwundete hatten. Hier auf unser Wachtlager. Keine Küche. Vor uns spielte die Schlacht von Craon [Craonne], wo bereits seit 5 Tagen gekämpft wurde.

Sonntag, der 20. September 1914

Sonntag! Zu der Zeit, der ich diese Zeilen schreibe, sitze ich am Mittag 2 Uhr auf meinem Tornister, meinem Mantel, der fast durchnäßt ist und mein Zelt um gehangen. Seit heute Morgen liegen wir hier im Walde und decken die Ufer für das heftige Granatfeuer, das den ganzen Wald absucht, o, wie war es früher daheim doch so schön, wie sehr schleicht sich da die Sehnsucht ins Herz, meine Lieben sitzen nun nach dem Mittagessen und unterhalten sich über das letzte Lebenszeichen ihrer Lieben oder sonst über den Krieg. Und meine Braut, was mag sie beginnen? Ach, armer Schatz! Wie gerne wäre ich bei dir! Bei diesem Wetter wird man den Krieg doppelt leid. Heute hat er unseren Feldwebel Sioland gefordert. Heute morgen 4 Uhr hinter der Schlossmauer hervorgekrochen. Dann durch sehr sumpfige Waldwege, wo man bis an den Knöchel in den Kot stand. 6 Uhr gedachte ich meiner Lieben. Gegen 7 Uhr waren wir an unserem Platz in der Kaserne, kein Essen mehr, kein Kaffee und sehr kalt. Um ½ 11 Uhr gedachte ich wieder meiner Lieben, die nun in der Kirche sitzen und für ihre Lieben beten. O, wäre ich doch erst mit dabei. Dann um 12 Uhr ein Stück sehr altes Brot aus dem Sack und ein Stückchen Speck gefuttert, schmeckte tadellos. Da kamen die Granaten und wir mussten die Stellung ändern. Doch auch hier ging es weite. Wie lange noch? Wie ängstlich duckt sich jeder, sobald man die Granaten heranpfeifen hört. Genau der Unterschied, ob sie nah ist oder weiter entfernt. An diesem Tage war ich sehr leid. Gegen Abend kam der Hauptmann zu uns und tröstete uns, daß es auf dem rechten Flügel von uns hier gut sehr gut stände. Aber wir hatten 4 Verwundete, die anderen Kompagnien unseres Batles. [Bataillons] sogar 4 und 8 Tote. Dann machten wir uns ein Nachtlager zurecht. Wie ganz anders könnte es sein, wenn man zuhause wäre. In der Nacht sehr schlecht geschlafen, es war zu kalt. Auch spürte ich in den Knien sehr heftige Schmerzen, wahrscheinlich Gicht. Früh in der Dunkelheit wieder heraus. Bis auf die Waldhöhe. Dort wieder lange Zeit gelegen. Es gab endlich ein halbes Brot, aber nichts warmes, kein Fleisch, es war erbärmlich.

Montag, den 21. Sept. 1914

Wieder wie den vorigen Tag sehr heftiges Granatfeuer. Die franz. Artl. [französische Artillerie] schießt gut. Zu Mittag ein Stücken Brot und etwas Zucker, O, wie kümmerlich, und doch hätte man gern noch mehr davon gegessen, wenn man genug hätte. Das Wetter hatte sich ziemlich gehalten und so trocknete auch mein Belgier etwas, dann eine kleine Verschanzung gebaut, und darin schlief ich ein wenig. In der Nacht waren Jäger und ein anders Regiment gekommen. Gleich Morgens ein Haufe[n] von 35 Mann Gefangener. Noch mittags setzte unsere Artillerie dabei auch scharf ein, schoß leider zu kurz, und so kamen viel unserer Truppen zurück, da sie sonst in eigenes Feuer geraten wären. Der ganze Berg dröhnte oft unter den Schüssen und Explosionen, aber man wir ruhig dabei. Man ist sehr gleichgültig. Nun bedrückte mich auch so sehr, daß ich nunmehr als 4 Wochen keine Nachricht mehr hatte von Trude und von zu Hause. Seit 4 Tagen nicht mehr gewaschen. Keine Wäsche auch seit 14 Tagen nicht mehr. Gestern gerade die Fußlappen gewechselt. Die 2 Karten an Trude und Zuhause vom Samstag konnte ich bisher noch nicht absenden, hoffentlich bald.

Dienstag, der 22. Sept. 1914

Stellung wie am Tage vorher. Vor uns die Schlacht bei Craon [Craonne]. Morgens früh als ich meine Wache zu Ende hatte, in der Dunkelheit antreten. Einen Zug nach vorn ausfüllen. Es waren 3 Schützenlinien. Ich ging mit 9 Mann hin. Um Essen zu bringen. Kam jedoch nur bis zum 2. Graben. Neben mir ein toter Franzose. Ich dennoch gefrühstückt. Wie gleichgültig man wird! Die Granaten pfiffen, daß mir alles gleichgültig wurde. Rechts, links, vorn, hinten. Dann aber wieder zurück mit den Fleischkonserven zum Walde. Dort gegraben. Tief hinein. Am Abend sollte Essen geholt werden, aber am folgenden Morgen war es kalt.

Mittwoch, der 23. September 1914

Da ich diese Zeilen schreibe sitze ich in meiner Indianerhöhle, während die Granaten sausen, daß einem bald Hören und Sehen vergeht. Diesen Morgen etwas länger geschlafen, unsere Artillerie feuert lebhaft, aber die französische antwortet. Es ist fast betrübend, man muß nervös werden. Ein Bote ging ins Dorf der nahm meine 2 Karten mit und sollte Post holen. Das am Abend geholte Essen war ganz kalt und säuerlich und ungenießbar. Vom vielen Graben und Hocken war ich sehr müde. Alle Glieder Schmerzen, dazu der leere Magen. Ach, wenn das (doch) alles meine Lieben wüssten; doch wie gut, daß man stark sein kann und alles für sich behalten. Hoffentlich dauert es aber nicht lange mehr, sonst muß man doch zugrunde gehen. Ich vertraue jedoch immer auf meinen Gott, den Vater im Himmel, er wird mich schützen. Dann wurde ein Bote, der Radfahrer abgeschickt, um an der Küche mal nach Postsachen zu fragen. Wie gespannt erwarte ich ihn! Werde ich endlich nach 31 Tagen mal wieder etwas von meinen Lieben hören? Er nahm auch meine Feldflasche mit. O, wie grausam ist doch der Durst. Wie gern würde man nun bei Wasser und Brot verbringen, hätte man ja nur davon. Gegen 10 Uhr morgens sausten einige Granaten dicht neben meiner Höhle vorbei. Eine 5 mtr. entfernt durchschlug einen 40 ctmer. dicken Baum und traf einen Mann, der auch in Deckung lag, daß er den halben Kopf verlor. Kurz dabei rief und schrie noch ein anderer, der auch verletzt war. Ja, wie hartherzig man wird. Und wie so willenlos, die Nerven sind zu abgespannt durch das schwere Feuer. Jeden Augenblick ein Schuß. Wird er treffen und wen? Wohin geht er? Es ist schon nach 1, nichts zu essen. Nur ein paar Zwiebäckchen. Ich muss Wasser holen. Hoffentlich kommt der Bote bald zurück und bringt mir alles, Wasser und gute Nachricht. Das erstere kam bald. Ha, wie labend der frische Trunk Wasser war. Unter den Postsachen befanden sich dann für mich wirklich 3 Paketchen; 2 mit Zigarren und eins mit Schokolade. Alles bis zum 7. September abgesandt. Nachmittags kam der Oberleutnant Ernst als Führer unserer Kompagnie. Wie köstlich schmeckte mir die Schokolade, wie wohl bekam mir die erste Zigarre. Leider kein Brief, keine Karte und doch schon die Aufschrift, schon Ihre Schrift, wie sehr beruhigte sie mich, war es doch ein Lebenszeichen von „Ihr“. Das Feuer blieb wieder den ganzen Tag über. Am Abend ging es dann hinunter zum Essen holen. Unsere Komp. und ein Teil der 12.ten marschierte mit dichter Fühlung hintereinander in Reihe durch den finsteren Wald, über Wiesen, Gräben, ein Haferfeld, am Kloster vorbei nach Bukneville [Bouconville-Vauclair?]. Da gab es dann nach 4 ½ Tagen das erste warme Essen. Auch Kaffee bekam ich und von dem Bäumen Äpfel. Dann empfingen wir auch noch Fleisch und Brot, und so waren wir wieder recht mit Mundvorrat versehen. Gegen 12 Uhr auf dem Heimweg. Dabei verloren wir den Anschluss an die 12., und so irrten wir wohl 2 Stunden lang umher und kamen schließlich gegen 3 Uhr wieder an, aber ich hatte mich einmal wieder recht satt getrunken und genug gegessen, Nachtruhe war natürlich kurz.

Donnerstag, der 24. Sept. 1914

Führung unserer Kompagnie übernahm Oberleutnant Ernst als 4. Führer. Auch der Oberst war gefallen. 6 Uhr früh aufstehen. Die Portionen wurden verteilt. Dann wieder etwas geschlafen. Von unserer Seite heftiges Artilleriefeuer, es hieß, die österreichischen Motorkanonen wären angekommen. Nachdem ich mir dann mit meinem Mann die Konserven über einer Kerze angewärmt hatte, frühstückte ich sehr gut. Dann hatte mein Kamerad noch schönes Essen vom Abend vorher von der Artillerie. Das angewärmte schmeckte ganz vorzüglich. Nachmittags wie gewöhnlich. Abends Essen holen. Tüchtig Fleisch. Auch etwas Wein. Sternklarer Himmel, besonders leuchtete „unsere“ Venus. Auf der rechten Seite von uns blitzten die Kanonen auf, auch das Dorf war bezogen. Einzelne verirrte Gewehrkugeln kamen 12 Uhr zur Ruhe.

Freitag, den 25. Sept. 1914

Morgens ziemlich ruhig. Ich baute ein Unterstand für Versprengte. Mittags Fleisch, tüchtig gegessen, Schokolade und eine Zigarre. Dann mal seit 8 Tagen das erste bisschen Wasser aus dem Kochgeschirr und etwas abgekühlt. Abends nicht zum Essen holen, sondern schön geträumt, ich war in der Heimat, wie so oft!

Samstag, der 26. Sept. 1914

Früh morgens alarmiert. Heftiger Kanonendonner weckte mich schon. Dann in den Graben an der Straße. Dort wieder eingeschanzt. Starkes Feuer. Ich habe mich zwischen 2 Gräben eingebuddelt. Kommis[s]brot und ein Stück Zucker gegessen. Es war ein schöner, klarere Tag, man sah in die wundervolle Landschaft vor uns. Oben im Walde schien ein Institut zu sein. Links, der Fesselballon zum Beobachten für die Artil.. Man sah so deutlich das Einschlagen der Geschosse. Am Abend dann zum Essenholen ins Dorf. Ich erbittete mir 2 Fleischbissen als Geschenk. Auch wieder tüchtig Äpfel. Bei Rückkehr heftiges Feuer.

Sonntag, d. 27. Sept. 1914

Wieder ein Sonntag. Früh 5 Uhr, wieder in Stellung am Wege. Dann wieder tiefer eingraben. Am Abend hatte ich die erste Post von Trude, den Brief vom 5. Karte von Schwiegermutter, Fritz Godman nun ein Päckchen Tabak von zu Hause erhalte. Ich freute mich sehr. Bis etwa gegen 10 Uhr arbeitete ich, holte Baumstämme u.s.w.. Meine Gedanken waren immer in der Heimat, wo ich vor 8 Wochen auf der Orgelbank saß und das niederländische Dankgebet spielte. Mittags schrieb ich ein Briefchen an Trude. Dann speiste ich Schweinefleisch uns der Büchse mit Kommis[s]brot, Schokolade und zwei Äpfeln. Heftiges euer. Dem Unteroffizier Arndt beide Beine abgeschossen und noch 2 andere verletzt. Hinter uns auf dem Felde in der Nähe der alten Mühle eine Scharfherde. Erinnerte mich immer an die Jungfrau Orleans. [Randbemerkung: Brief an Trude, Karte noch heute.]

Montag, der 28. Sept. 1914

Wie tags vorher an der Straße im Schützengraben. Sonst wie gewöhnlich Abends sollten wir in die vorderste Schützenlinie. Mit Baumstämmen und Schanzzeug reichlich versehen, zum Abrücken bereit, da ein heftiges Feuer, und wir gingen wieder in die Deckung zurück. Dann aber vor in 2 Zügen. Ich mit dem 1. Teil unter Führung des Oberleutnants Ernst. Der Mond war ziemlich verdunkelt und so kamen wir glücklich hinein. Breiter Graben, vor und hinter mit Leichen umgeben. Auch in dem Graben waren Leichen verscharrt. Am Kopf guckte am anderen Morgen hervor. Mit Erde zugedeckt. Da arbeiteten wir und machten eine Oberdeckung aus den Bäumen. Aber dann fiel die ganze Erde herunter und wir mußten von vorn anfangen. Gegen Morgen etwas geschlafen. In der Nacht heftiges Feuer. Doch etwas unangenehm.

[Randbemerkung: Geschrieben an Karl Stein, Alex und Fritz Sosmann.]

Dienstag, d. 29. Sept. 1914

Erwachte im Schützengraben 300 mtr. vor dem Feinde. Da haben wir köstlich gelebt. Fleischkonserven angewärmt nach dem Vorbild des Oberleutnants mit Rotwein, schmeckte vorzüglich. Auch warmen Cognac getrunken dann geschlafen. Nachmittags Kaffee heiß gemacht und gar Karten gespielt. Am Morgen hörte ich gar eine Lerche singen, trotz des Kanonendonners. Das klang mir so feierlich, so heimatlich doch so wenig passend zu den Zeiten. Gegen Abend wurde es dann recht kühl. Hoffentlich abgelöst, leider eine enttäuschte Hoffnung, dann die 9. Kompagnie kam nur zur Verstärkung, da die Franzosen einen Angriff oder Durchbruch versuchen wollten. So entstand auch die ganze Nacht hindurch ein sehr heftiges Infanterie- und zähes Artilleriefeuer. Von unserer Seite mit Leuchtkugeln abgesucht.

Mittwoch, d. 30. Sept. 1914

Noch im Schützengraben. Wenig zu trinken. Sehr kalt. Von unserem linken Flügel donnerten die schweren Geschütze herüber, selbst die Erde erdröhnte. Auch der Schützengraben wurde teilweise unter Feuer genommen. Die Franzosen verschwenden andauernd viel Munition, schießen fortgesetzt. Einer unserer Leute Schuß durch den Kopf. Am Morgen sang wieder die Lerche zwischen den Granaten. Der Feind soll sich teilweise zurückziehen. Am Abend dann abgelöst durch 11. Kompagnie. Auf dem Rückweg wollte keiner die Fleischbüchsen mitnehmen. Dafür sollten die von mir bestimmen 4 Mann 1 Stunde an den Baum gebunden werden, es ist ihnen aber erlassen.

Donnerstag, den 1. Oktober 1914

Die Nacht verbrachte ich in meiner Deckung an der Landstraße, die aber schon von 3 Leuten von der Kompagnie besetzt war. Ich lag sehr warm. Ein wunderschöner, heller warmer Tag. Wie wohl tat die Sonne, in der man sich so wollig ausstreckte. Leider bekam ich am Morgen garkeine Postsachen. Doch am Abend eine Karte von Klara vom 20./9.. Unsere schwere Artillerie, die dicht vor uns am Waldrande stand[,] feuerte heftig, während der Feind fast ganz schwieg. Am Abend sollten wir auf 2 Tage abgelöst werden. So geschah es dann auch. Wir rücken durch den Wald nach Buecksoville [Bouconville-Vauclair?]. Dort zu Abend gegessen. Es schmeckte köstlich, war es doch nach 4 Tagen das erste warme Essen. Dann bezogen wir ein Lager in dem Bauernhof am Ausgang des Dorfes. Unser Zug in einen Stall. Aber es war schön warm und man schlief, trotzdem man dicht gedrängt lag.

Freitag, den 2. Oktober, 1914

Am Morgen erst nach 8 Uhr aufgewacht. Kaffee holen. Gewehrreinigen und Appell. Da endlich mal nach 15 Tagen das erste Mal richtig gewaschen, ein neues Hemd angezogen, o, wie wohl tat einem das! Auch das Taschentuch gewaschen und die Halsbinde. Es war aber trübes Wetter und trocknete schlecht. Nachmittags fing es gar an zu regnen. Mittags 2 Deckel voll gegessen. Es waren Maggie-Erbsen. Auch einen Becher Wein bekamen wir nachher. An Klara eine Karte geschrieben, um eine Halsbinde [Wort fehlt, vermutlich: gebeten]. Dann wurden Kartoffeln gebraten von Hinischen. Am Abend das 2.x warmes Essen, Erbsensuppe, hochfein. Um ½ 8 Uhr schlafen gelegt. In der Nacht schön geträumt, meiner Braut einen unendlichen Kuss beim Wiedersehen. Dann saß ich auf der Orgelbank u.s.w. O, dann wieder das nüchterne Erwachen.

Samstag, den 3. Okt. 1914

Morgens trübes Wetter. Löhnungsappell, 26.60 M. 20 Mark nach Hause geschickt. Wieder nichts bei der Post. Mittagessen schmeckte wieder fein. Am Nachmittag kam die Bagage. Wurde richtig überfallen. Fuhr dann auf unseren Hof, wo ich für die Korporalschaft 16 Mann, für 23M. Tabak kaufte. Morgens 11 Uhr Gottesdienst in der kapellischen [sic!] Kirche, die vollständig zerstört war. Vorher hatte der General des Korps eine kurze Ansprache gehalten, worin er die Verdienste des Regiments rühmlich anerkannte. Ein Band gewaschen in warmen Wässern aus der Küche des Hofes. Am Abend rückten wir in die neue Stellung ein. Gegen ½ 11 Uhr führte uns ein Feldwebel-Leutnant. Es ging dann weiter nach dem rechten Flügel zu. In einer Schlucht lag die Artillerie in Deckung an einem steilen Berg. Ebenso oben auch die Infanterie. Wir mußten mit 2 Zügen gleich in den Schützengraben zwischen den Kanonen, die nur einige Meter vom Walde entfernt waren. Der Graben mit weißgelbem Sand nicht sehr tief, schlechte Deckung, Gegen 1 Uhr dann heftiges Feuer.

Sonntag, den 4. Oktober

Dann wieder ruhig, am Morgen abgelöst in den Wald zurück. Dort bessere Deutung. Das Ganze glich einem Indianerlager. Wir hatten 7 Bretter verzimmert und viel Zweige. Der ganze Waldhang war kahl und mit Sandhaufen angefüllt. War uns eine wunderschöne Landschaft im Sonntagsschmuck. Viel[e] kleine Städte. Aber wechselnde Bevölkerung. Während der Kirchzeit wanderten die Gedanken wieder in die heimatliche Kirche, wo ich vor 9 Wochen auf der Orgelbank saß. Schon 9 Wochen und noch kein Ende abzusehen. Die Franzosen schießen zeitweise arg, aber unsere können es auch ganz gut. Gutes Mittagsschläfchen. Dann eine Fleischbüchse gegessen. Daran mehrere Butterbrote gestrichen. Am Abend wieder in die Stellung. Warme Bohnensuppe und Kaffee, gut geschlafen.

Montag, den 5. Oktober 1914.

Morgens 7 Uhr abgelöst. Wieder in den Wald zurück. Bei dem Granatfeuer wurde ein Mann (Simon) durch Granate in 5 Teile zerrissen. Einer schwer verwundet vorn am Denkmal. Am Tage vorher hatte er noch geäußert, es sei ihm gleich, ob er getroffen würde. Er war 3 Wochen verheiratet. Das lenkt die Gedanken doch auf ernste Dinge. Ach, mein schönes, reines Glück darf doch nicht zerrissen werden.- Dann gab es wieder Kaffee und ein Stück Speck. Gegen 11 Uhr schwere Geschosse schlugen in unsere Stellung. Viele Splitter kamen nach vielen Sekunden erst wieder. Liebesgaben wurden geteilt, Zigarren 30 Stück und Zigaretten. Während des Feuers sang wieder die Lerche, aber es schien, als habe sie ihren alten Klang doch verloren, so einförmig klagend tönte ihr Lied. Am Tag meist in der Deckung verblieben. Am Abend in der Deckung beim Oberleutnant, ein Glas Wein, Stellung des Feldwebels dazu. Gegen 10 Uhr abgelöst von 105. Marsch nach dem Schloß. Geschwitzt, dann war es kühl. Man fror. Warmes Essen. Weiter nach Quraney [bisher nicht identifizierter Ort] dort Quartier.

Dienstag, d. 6. Oktober 1914.

In einer offenen Scheune, aber gut geschlafen. 2 Packetchen von Frau Lappe und Rübke. Gleich dafür gedankt, man bekam hier mal wieder Karten. Ein sehr armes, ausgeraubtes Dorf. Hatte fast nichts mehr zu essen. Kein Obst. Aber die Vögel sangen hier noch schön. Man freute sich, daß man den Donner der Granaten nur aus der Ferne dröhnen hörte. Ein paar Wurzeln genommen, Kartoffeln mit Salz gekocht. Im Schulgarten, auf der Höhe, eine Aster gebrochen. Keine Nachrichten von der Heimat. An Hause auch ein Kärtchen geschrieben. Das Läuten der Abendglocken, das Brüllen der Kühe weckten wieder Heimatsgefühle. Früh zur Ruhe gelegt. Doch ich fror etwas.

Mittwoch, den 7. Oktober, 1914.

Ruhetag, schönes warmes Wetter. Klarer Sonnenschein. Wie einem das wohl tat. Der Kamerad ließ meine Unterhose waschen. Am Nachmittag schrieb ich ein Brief an Trude. Morgens Kärtchen an Hause, Rübke und Frau Lappe. 3 Flieger gegen Abend. Der Fesselballon ganz nahe auf der Höhe. Am Abend umquartiert in eine andere Falle. Doch wärmer. Beim Biwackfeuer Brief abgeben an Trude an den Briefträger. Gleich hinterher hieß es die Korporalschaftsführer Postsachen empfangen. Im Keller bekam ich ein Briefchen von Trude. Sehr erfreut. Gleich gelesen vom 14./9. Und einen Brief für den Kameraden in unserem letzten Loch. Dabei folgende Verslein gewechselt: „Ihr Sachsen, willkommen in unserem Bau, 99 hat ihn verlassen; gebt den Franzosen mächtige Haue, doch nicht den Kaffee kalt werden lassen!“ Darauf erwiderte ich: „Euch grüßend, eingezogen in den Bau, die Franzosen werden bald hinken, wir werden sie schlagen grün und blau, wie westfälische Schinken!“

Donnerstag, den 8. Okt. 1914.

Gut geschlafen bis um 8 Uhr. Kaffee gekocht, dann Bratkartoffeln gemacht mit etwas Fleisch aus der eisernen Portion. Hochfein. Karte an Trude und Schwiegermutter. In der Nacht war heftiger Kanonendonner gewesen. Gestern Abend hieß es auch, Antwerpen sei gefallen. Am Abend in der Schule residiert und Schreibpapier besorgt. O, wie wüst sah es doch in der Schule aus! Keine Spur mehr von der heiligen Ordnung. Warme Decken wurden verteilt für jede Korporalschaft 4 Stück. Ich hatte in der Nacht eine und schlief so ausgezeichnet. Nur 3x in der Nacht aufstehen und mein Bedürfnis machen, ebenso wie die Anderen. Sehr heftiges Feuer in der Nacht.

Freitag, den 9. Oktober 1914

Noch einen 4. Ruhetag. Wie fühlt man sich so wohl, so sicher dabei. Herzliche Bratkartoffeln gemacht, gekocht aus Pellkartoffeln und etwas Fett. Ein sonniger Herbsttag. Jetzt in der l. Heimat sein, die Fluren durchstreifen oder mit der Liebsten eine Ferien-Tour machen können. Ach, wie müßte das schön sein. Doch hier Not und Elend unter den Bewohnern. Kein Essen, kein Streichholz, nichts, nur Frauen, Kinder, Greise und Krüppel sieht man auf der Straße, bald wird es wohl wieder in den Kampf gehen. Am Abend wurde sehr häufig das Lied gesungen „Sah ein Knab ein Röslein stehen.“ Sehr schön mehrstimmig.

Sonnabend, den 10. Oktober 1914.

Zum Frühstück Bratkartoffeln. Mittag aus der Küche. Nachmittags hieß es ging am Abend fort. Da hatten wir uns mit 2 Mann ein Hühnchen gekocht. Für M.: 1,90. Vorzügliches Süppchen. Nachmittags Bratkartoffeln aus dem Fett vom Mittag. Und es ging doch nicht los. Große Freude, daß wir einmal einen Sonntag haben sollten. An diesem Tag bekam ich Post von Hause, Trude, Schulte-Elsey, und Alex. Geschrieben an Trude und Hause. Ich hatte mich einmal so voll gegessen, daß ich den Knopf vorn nicht zumachen konnte. Wieder gut geschlafen.

Sonntag, den 11. Oktober 1914.

Ein Sonntag herrlich und schön. Gleich geht es zum Gottesdienst. Ich freue mich darauf. Fand statt dicht vor dem Schosse im Park. Nachher Bataillon und die Artillerie durch Feldprediger unter Begleitung unserer Militärkapelle. Die Predigt sehr erholend und feierlich. Wir sollen der gefallenen Brüder gedenken auf ewig, und sie sollen uns zurufen, es ihnen gleich zu machen, wenigstens aufzuhalten für unser geliebtes Vaterland. Zum Schluß ging es dann mit heiterer Musik wieder heim. Mittagessen schön, das 4. oder 5.x Reis mit Rindfleisch. Nachmittag bereithalten zum Abmarsch. Nochmals Bratkartoffeln, aus der Küche wieder Reis. Um 6 Uhr antreten. Wie mich der Blaue (Feldwebel) anschnauzte wegen meines schwarzen Mantels. Dann am Schloß vorbei und die Straße hin auf! Jetzt hört man die Schüsse schon wieder deutlicher. Wie schwer drückte der Tornister, hatte man ihn doch schon seit 6 Tagen nicht mehr aufgehabt. Schon während wir noch auf der Straße standen, kamen die Granaten. Die Gruppenführer noch vorn in die Stellung. Auch mit meiner Gruppe etwas 100 mtr. weiter nach links von der alten Stellung. Jeder ein Loch. Lange Laufgräben. Die Nacht war kühl. Franzosen versuchten rechts von uns zu stürmen, hatten aber kein Glück, sondern viel viel Tote und 120 gefangene Turkos. Sehr kalt.

Montag, den 12. Oktober 1914.

4.15 ein Mann zum Kaffee holen. Wegen heftigen Feuers, wobei Einer verwundet war, kam er gegen 8 ½ Uhr mit ganz kaltem Kaffee wieder an. Ich hatte meine Deckung mit Stroh und Mantel etwas in Ordnung gebracht. Schlafen konnte ich nicht. Es wurde mir so sehr einsam, und die Gendanken nahmen eine Richtung, die wenig freundlich war. Mittags gegen 2 Uhr dann doch warmes Essen, aber Reis. Auch schien die Sonne schon. Das Feuer, daß den ganzen Morgen über angehalten, ließ nach. Keine Post dabei. Am Abend kam die Nachricht, daß in der vergangener Nacht die Franzosen auf dem rechten Flügel einen Sturm versucht hatten, der bei 120 Tote und ebensoviele Gefangenen. Für den folgenden Morgen wurde wieder ein Sturm erwartet. Starke Wachen aufgestellt. Schon gegen ½ 9 Uhr, ich hatte mich gerade hingelegt, nachdem ich bis 8 Uhr gewacht und „unsere“ Venus betrachtet hatte, begann das Infanteriefeuer. Leuchtkugeln. Die Franzosen schrien. „Hurra“, mußten aber doch zurück. Wieder ruhig. Verstärkung ka[m] an. Gegen 3 Uhr morgens ein erneuter Angriff, wieder abgeschlagen.

Dienstag, den 13. Oktober 1914.

Von 5 Uhr morgens ab war war alles bereit, aber wer nicht kam, waren die Franzosen. Fast garkein Feuer, auch die Artillerie schwieg, nur unsere arbeiteten weiter. Am Abend kam dann auch wieder eiserne Portion, natürlich der schweren Granaten, rrrunubum, immer etwas höher pfeifend.

Mittwoch, den 14. Oktober 1914.

Tags über ziemlich ruhig. Man lebt von Reis und Brot. Ich schreibe meinen Bericht an Trude über „Ein Tag in Stellung vor den Feind!“ Besuch von Unteroffizier Hartmann. In der Nacht regnete es.

Donnerstag, den 15. Oktober 1914.

Die Nacht gut geschlafen, nur einmal Posten revidiert. Am Morgen Post bekommen. Brief von meiner Schwiegermutter vom 1. Oktober und Karte von Rübke vom 6. Alle haben sie lange nichts von mir gehört, obwohl ich ständig geschrieben habe. Sofort an Briefchen an Trude und nach Hause. Bei der Feldküche abgeben lassen. Sonst viel an den Bericht für Trude geschrieben. Wieder neue Siegesnachrichten waren angekommen. 11000 Russen gefangen, 28000 Belgier entwaffnet in Holland, darunter 2000 Engländer Auf unseren rechten Flügel sind sie soweit, daß sie drücken. Aus geheimer Quelle erfuhr ich, daß unsere Pioniere einen unterirdischen Gang bis nach Kraon [Craonne] gruben und so unterminierten[,] um dieses dann nachher in die Luft zu sprängen. In der Nacht soll umgeschnallt geschlafen werden. Also ganz bereit sein. Auch an diesem Morgen fing recht dunkel wieder an.

Freitag, den 16. Oktober 1914

Die Nacht ruhig, gut geschlafen. Am Morgen mußten meine Leute an den Unterstand für Vorposten arbeiten. Der Oberleutnant selbst dabei. Wie er sich mühte mit Hacke und Schaufel, ein sonderbares Bild. Ich legte noch ein Bündel Fußschlingen. Mittagessen, dann Suppe, wenig Fleisch. Das trockene Kommis[s]brot ekelt mich fast an. Abends gegen 8 Uhr versuchter Angriff. Gegen 12 Uhr nochmals.

Sonnabend, den 17. Oktober 1914

Trübes Wetter, wenig gegessen, weil das Brot nicht mehr schmeckte. Der Kollege Döpper von der 9. Kompanie besuchte mich, ebenso Brinkmann aus Halden. Sehr enttäuscht und mißgestimmt, weil garkeine Post. Dazu die Nachricht, daß Emil Brenne aus Ergste gefallen sei.

Sonntag, den 18. Oktober 1914 Ein Sonntag trübe und kühl. Keine Post. Ziemlich bedrückte Stimmung. Am Nachmittag besuchten mich 2 – sonst recht traurig, weil garkeine Post.

Montag, den 19. Oktober 1914.

Wir sollten am Abend abgelößt werden, Brief an Peters und an Trude ein Kärtchen geschrieben. Die Ablösung kam am Abend nicht. Das bange Gefühl der Ungewissheit, wohin wird es nun gehen?

Dienstag, den 20. Oktober 1914.

Bis nach 8 Uhr geschlafen. Ablösung noch nicht da. Dann traf ich 99.er Nach 3 Nächten wieder mal geschlafen. 1.11.14. Aller-Heiligen, ein Sonntag. Am Morgen wurde das Regiment rangiert. Vom Bataillon 2 Kompagnien. Der Oberleutnant verwundet, Bataillons-Adjutant, der Kommandör, Regiments-Kommandör und General verwundet. Erst hinter einem kleinen Waldstücken auf der Wiese gelegen, kein Brot, nur etwas gesundes. Aber Fleisch und Tabak. Dann wieder langsam vor. Wir waren erst zur Reserve. Über die Gräben, dann durch den Wald bis an den Ausgang. Dort gelegen bis 4 Uhr. Meine Gedanken während der Kirchzeit. Erst am Abend Essen und dann die Post. Viel Briefe und 4 Packetchen, 3 von der Liebsten. 1 von Frühauf. In der Nacht 3 Uhr mußte ich alle Leute wecken.

2.11.14 Brief an Trude und Karte nach Hause. Heftiges Feuer. Wahrscheinlich werden wir wieder angegriffen.

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