Kriegserinnerungen eines unbekannten Soldaten vom August 1914 bis 6. September 1916 (Hannoversches Jägerbataillon Nr. 10)

Die Kriegserinnerungen des unbekannten Soldaten beginnen mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs in Antwerpen. Hier lebte der namentlich nicht bekannte Soldat vor Beginn des Ersten Weltkrieges, ohne dass wir erfahren, was er dort gemacht hat und wer alles zu seiner dort lebenden Familie gehörte. Über seine Familie sind in den Kriegserinnerungen keine weiteren Informationen zu finden.

Von Antwerpen ging es zunächst nach Neumünster. Zwar hoffe er auf einen baldigen Kriegseinsatz als Soldat, allerdings musste aber aus unbekannten Gründen zunächst über ein Jahr hinter der Front arbeiten. Vom 4. September 1915 bis zum 28. November 1915 arbeitete er dann im Reserve Lazarett I „Weißes Roß“ – Braunschweig, nachdem er eine dreiwöchige Ausbildung absolviert hatte. Vom 28. April 1915 bis zum 26. April 1916 arbeitete er im städtischen Krankenhaus. Am 26. April 1916 beginnt dann seine infanteristische Ausbildung bei dem 1. Bataillon des Reserve Regiments 78. Später trat er dem Hannoverschen Jägerbataillon Nr. 10 in Clausthal bei. Am 17. Juli 1916 fuhr er in einem Zug Richtung Frankreich zur Front. Am Mittag des darauffolgenden Tages kommt er in Spincourt an. Am 19. Juli wurde er der 3. Kompanie des Hannoverschen Jägerbataillons Nr. 10 zugeteilt. Am 20. Juli ging es dann nach Villers le Rond. Aufgrund dessen, dass das Lager in Villers le Rond überfüllt war, folgte am 25. Juli die Verlegung nach Petit Failly. Hier blieb der Soldat bis zum 3. August stationiert. Dann ging es zur Front nach Verdun. Zunächst ist er in der Nähe von Fort Douaumont beim Steilhang, dem Dorf Fleury und der Fosses-Schlucht eingesetzt. Am 12. August verlässt der Soldat den Kriegsschauplatz Verdun und wird zusammen mit dem Bataillon in den Argonnerwald verlegt. Das Kriegstagebuch endet am 6. September 1916. Sein Kriegseinsatz ging allerdings noch weiter, wie eine den Kriegserinnerungen beiliegende Seite mit der Überschrift „Meine Wanderung durch die Truppenteile“ zeigt.

Leider ist es bisher nicht gelungen, alle vom Soldaten verwendeten Geländebezeichnungen zu entziffern und zu identifizieren! Einzelne Worte der Kriegserinnerungen konnten bisher auch nicht entziffert werden.

Erste Seite der Kriegserinnerungen des unbekannten Soldaten

Meine Wanderung durch die Truppenteile

04. September 1915 1. Rekruten-Depot 1. Ers. Batl. I.R.92

24. September 1915 Res. Lazarett I Braunschweig

26. April 1916 Ers. Batl. Inft. Reg 78 (Braunschweig)

13. Juli 1916 II. Ers. Batl. Jäger Batl. Nr.10[,] 2. Kompagnie

17. Juli 1916 Feld Rekr. Depot Alpenkorps

19. Juli 1916 3. Komp. Hann. Jäger-Batl. 10, Feld-Batl.

  1. Juli – 11. August 16 Schlacht bei Verdun

15. Aug.-6. Sept. 16 Argonnen

23. Sept.-7. Okt. 16 Rumänien

  1. Oktober [16] verwundet am Roten Turmpaß auf Bilcinlui östl. Veresteroug

08. Oktober 16 Res. Laz. 58 A Hermannstadt

16. Oktober 16 Res. Laz. B München

30. Oktober 16 Res. Laz. Braunschweig

25. Januar 17 Vereinslaz. Herzgl. Krankenhaus Braunschweig

27. April 1917 2. Jäger Erd. Batl. 10 Clausthal

1. Mai 1917 4. Komp. 2. Jäger Ers. Batl. 10 (Osterode)

9. Juni 1917 4. Komp. IV. Landst. Infa. Ers. Batl. Braunschweig (X 20) Vördener Moor

30. Juni 1917 5. Ers. Eskadron Train Ers. Abt. 10

2?. September 1917       1. Ers. Eskadron Ostpreuß. Ers. Abt. 1

1. November 1917 Et. Fuhrpark Kol. 457, Et. Infg. 8

20. Juni 1918 – 21. Dezember 1918 Gouvernement Riga

20. Juni 1918 4. Landst. Inf. Batl. Posen (V 4)

18. Oktober 1918 2. Landst. Inf. Batl. Cüstrin III/5[,] 3. Komp.

14. Dezember 1918 Gouv. Riga

16. Dezember 1918 Rgt. Pr. Wirtschafts-Komp. 248 (Pillau)

21. Dezember 1918 Braunschweig

Kriegserinnerungen eines unbekannten Soldaten des Hannoverschen Jägerbataillons Nr. 10 (August 1914 - 6. September 1916)

Erinnerungen aus der großen Zeit

Gesehenes und Erlebtes

Wie in den ersten Tagen des August die Nachricht von dem Kriegsausbruch nach Antwerpen kam[,] hieß es für mich, die Familie zu verlassen und dem Rufe des Vaterlandes zu folgen. Leicht war der Abschied von Frau und Kind nicht. Das eiserne „Muß“ half aber auch hier den Abschied erleichtern. Wer wollte denn auch in den großen Tagen zurückstehen. Wir sahen zu der Zeit Tage, wie sie Deutschland wohl noch nicht erlebte und auch wohl kaum jemals wieder haben wird. Hoch gingen die Wogen der Begeisterung[,] wie wir am Sonntag, 2. August 1914 auf dem Bahnsteig des Zentralbahnhofs standen. Wohin das Ohr lauschte überall deutsche Leute. Was irgend konnte[,] wer finanziell um den Scheidenden bis dahin das Geleit zu geben. 1700 Männer, junge und alte stiegen in den wartenden Zug, um ihre Kräfte in den Dienste des Vaterlandes zu stellen. In dem Augenblick, daß der Zug abfuhr, wurde vorne bei der Lokomotive die deutsche Fahne gehißt. Ein donnerndes Hurra und unter dem Gesange: [„]Es braust ein Ruf wie Donnerhall“ verließ der lange und auch zu gleicher Zeit der letzte Zug die Bahnhofshalle. Nach der langen, fortwährend unterbrochenen Fahrt durch Belgien kamen wir endlich um 1 ½ Uhr in Rheydt an. Hier wollten wir uns bei dem Bezirkskommando stellen. Nachdem wir dort die Erlaubnis zur Weiterfahrt erhielten, setzte ich gegen 4 ½ h meine Fahrt fort. Über Elberfeld, Hannover, Hamburg kam ich in Neumünster an. Vom frühen Morgen bis spät in die Nacht hinein standen die Leute in Scharen an großen und kleinen Haltestellen. Sie alle wollten ihre Vaterlandsverteidiger begrüßen.

Meine Hoffnung, in den nächsten eingezogen zu werden, wurde zu nichte. Ich habe im Gegenteil noch viel, viel Zeit gehabt[,] bevor ich den bunten Rock anbekam. Während dieser Zeit hieß es eben hinter der Front arbeiten. Endlich am 4. September 1915 hatte für mich noch die Stunde geschlagen. Nach dreiwöchentlicher Ausbildung hieß es Dienst im Lazarett zu verrichten. Bis zum 28. November 1915 pflegte ich die Verwundeten im Reserve Lazarett I „Weißes Roß“ – Braunschweig. Danach folgte ich einem Rufe ins „Städtische Krankenhaus“, fast ½ Jahr habe ich in dieser Anstalt der unruhigen Abteilung vorgestanden. So lieb ich die Arbeit auch gewonnen hatte, sie mußte aufgegeben werden. Im Oktober war ich schon felddienstfähig geschrieben worden – am 26. April 1916 erfolgte die Ablösung. Und nun begann die infanteristische Ausbildung bei dem Ers. Batl. des Res. Reg. 78 in Braunschweig.

Eines guten Tages wurden Mannschaften für das Jägerbatl. Clausthal ausgesucht. Ich war dazwischen. In der Meinung, dort noch eine weitere Ausbildung zu erfahren, fuhren wir 12 an der Zahl frohen Mutes in den Harz. Wie wurden wir aber enttäuscht. Es wurde nur ein Transport für das Feld zusammengestellt. Am Donnerstag kamen wir an, Freitag, Sonnabend und Sonntag Einkleidung. Und am 17. Juli am darauffolgenden Montage saßen wir schon im Zuge. Unter strömendem Regen war die Verladung vor sich gegangen. Im Sonnenschein verließen wir das kleine Harzstädtchen. Ist´s eine gute Vorbedeutung?

Wie ganz anders als vor gut zwei Jahren damals die alles einreißende Begeisterung. Und heute – gewiß wir wurden überall begrüßt, fuhren wir doch in Feindesland, damit unsere Grenzen bewehrt blieben.

Wo war aber die erste Liebestätigkeit geblieben. Damals wurden die Reservisten und f.w.[,] die zur Fahne eilten förmlich mit allen möglichen guten Gaben überschüttet. Heute gab es nur auf den Verpflegungsstationen die nötigsten Mahlzeiten. Satt sind wir aber dennoch überall geworden – Mangel hat keiner gehabt. Göttingen, Marburg und Limburg durchfuhren wir am ersten Tage. Dort ertönte der Ruf: Kartoffelsupp.

Morgens am 18. Juli nahmen wir den Kaffee in Trier ein.

Noch waren wir im Ungewissen, wohin die Reise gehen sollte. Als wir uns nach wenigen Stunden auf französischem Boden befanden, unterlag er keinem Zweifel mehr: Es geht nach dem gefürchteten Verdun.

Um die Mittagszeit werden wir in Spincourt ausgeladen. In Feindesland, welch eigentümliches Gefühl. Jetzt wird es ernst. Und manch einer, der früher über das Garnisonsleben gescholten hatte, sagt nun – Wär ich doch dahin – Gar eindringlich ertönt das Brummen der Kanonen. Jetzt heißt es noch schnell das Fehlende empfangen und dann ertönt der Befehl: Fertigmachen, umhängen, – Gewehr… – in – die Hand, . umhängen, – ohne Tritt marsch. Und nun begann ein beschwerlicher Marsch. Ich hatte bis dahin mit meiner 8 wöchentlichen Ausbildung noch niemals einen feldmarschmäßigen Dachs auf dem Rücken gehabt. Wie oft wurde pausiert. Trotzdem bauten viele ab – ältere Mannschaften, die des öfteren schon in ähnlicher Weise losmarschiert waren. Leicht was ja fürwahr nicht. Der Regen hatte die Straßen, die durch die vielen Autos schon zerfahren waren, bis zur Grundlosigkeit aufgeweicht. Tags, Tags ging es durch diesen fürchterlichen Matsch. Nein, ich kann nicht mehr, die anderen drohen im Kopfe zu platzen. Wird denn nicht endlich einmal Halt gemacht. Aber immer weiter geht es. Die Maschine scheuert weiter. Es ist nur noch ein Hinschleppen. Endlich – Halt – Im nu liegt alles; was kümmert uns der Schmutz – wir können uns ausruhen. Lange dauert die Pause nicht. Bald ist alles wieder in Bewegung. Und wie schnell drückt der fürchterliche Affe wieder. Der Koppelriemen scheuert die Hüften wund – aber weiter nur weiter. Immer kürzer werden die Marschleistungen, immer länger die Pausen. Zur Abwechselung geht es über Knüppeldamm. Wie merkt man jede Unebenheit des Bodens durch die dicken Sohlen der Bergstiefel. Ich muß auf jeden Fall schon Blasen an den Füßen haben. Aber was hilft´s, wir müssen weiter. Stolpernd und fallend geht es ein lange, lange Zeit über Feldeisenbahnschienen. Soll ich mich hinwerfen. Meine Brust hämmert wie der Hammer auf dem Ambos. Der Schweiß rinnt in Strömen; jetzt ist auch alles wund – wie weit ists denn noch? Vorwärts, vorwärts. Die Zähne werden einen Augenblick zusammengebissen; dann keucht aber schon wieder der Blasebalg. Aber nein, schlappmachen darfst du nicht. Mit Aufbietung der letzten Kräfte schleppt man sich in dem fürchterlichen Dreck bis zum nächsten Haltepunkt. Und nun sehen wir vom weiten einen Ort. Es ist[,] als gebe es nun Kräfte. Aber kurz vor dem Dorfe drohen wir wieder niederzubrechen, es war noch eine halbe Stunde weit gewesen. Nun liegen wir in den Straßen und warten auf Kaffee und auf Quartiere. – Welch eine Enttäuschung! Nach einer halben heißt es wieder aufbrechen.

Und nun ging ein Suchen an. Die Führer wußten nicht Bescheid. In der Dunkelheit verliefen wir uns noch etliche Male. Umkehren – ein fürchterliches wettern der müden, kraftlosen Menschen.

Endlich um 11 ½ Uhr erreichten wir eine Baracke. Todmüde warfen wir uns hin. Unter dem Donner der Kanonen und dem Aufbrüllen der einschlagenden Granaten schliefen wir. Wäre in der Nähe eine Granate geplatzt, ich glaube keiner hätte sich gerührt. Und hätte uns eine Kugel getroffen – es wäre uns eine Erlösung gewesen. Am nächsten Morgen kochte ich zum ersten Male ab. Bald brodelte es in allen Kesseln. Es war dort draußen doch etwas anderes. Das Wasser floß aus einer Röhre – einwandfrei war es nicht. In dem Wasserloch wusch sich nebenbei die ganze Gesellschaft. Glücklicherweise wurden uns bald andere Quartiere angewiesen. Dort unten im Wiesengrund der Kaplagers war gut wohnen. Natürlich durfte man nicht zu hohe Ansprüche stellen. Ein Sack mit Holzwolle und Spähnen bildete das sogenannte Bett. Die Wolldecke zum Zudecken hatten wir ständig bei uns. Obwohl in Gesellschaft von Ratten schliefen wir tadellos. Wir wachten wohl ab und zu auf, wenn in der Nacht eine Granate einschlug und unsere Bretterbude wie ein Schiff hin und her schwankte. Aber an diese Kleinigkeiten gewöhnt man sich gar schnell. Am zweiten Tage wurden wir dann einzelnen Kompanien zugeteilt. Und nun war ich Jäger im Feld-Batl. Jäger 10. Unsere Zeit verbrachten wir mit nichts tun. Es war aber andauernd ein Hangen und Bangen. Kommen wir noch voran oder erhält die Kompanie endlich einmal die wohlverdiente Ruhe. Am 22. Juli wars soweit. Antreten, es ging zurück. In der glühenden Sonne marschierten wir auf der staubigen Landstraße. In Mangiennes wurde Nachtlager bezogen. Früh morgens am 23. Juli ging der Marsch weiter nach dem Dörfchen Villers de Ronde. O, wie wurden wir dort zusammengepfercht. Wie die Heringe lagen Mann an Mann auf einem Boden. Schnell Heu und Stroh zusammengerafft und das Bett war fertig. Endlich konnten man [sic!] einmal Post absenden. Wegen Raummangel mußte unsere Wohnung am 25. Juli geräumt werden. Glücklicherweise erreichten wir nach einer Stunde unsern Bestimmungsort Petit Failly. Das dortige Quartier war groß und luftig. Hier sollten sich nun die Truppen erholen. Des morgens wurde exerziert, nachmittags mußte im Dorfe gearbeitet werden. Es gab in den vielen zerstörten Häusern noch vieles aufzuräumen. Vor allen Dingen hieß es aber, das Heu von den Wiesen einzubringen. Am 30. Juli wohnte ich dem ersten Feldgottesdienst in Villers de Ronde [Villers le Rond] bei. Der Prediger war entschieden aber nicht ganz auf der Höhe. Einige Tage später hatten wir das Vergnügen nach Longeyon [Longuyon] zu marschieren. Entlausung war die Parole. Obwohl ich noch nichts mit den kleinen Quälgeistern zu tun gehabt hatte, ich mußte auch mit. Auf dem Rückwege fuhr der Kronprinz an uns vorbei. Wer das Glück hatte erhielt einige Zigarren und Zigaretten, die er aus dem Auto uns zu warf.

Lange sind wir nicht in dieser schönen Ruhestellung geblieben. Am 3. August abends 9 Uhr wurden wir plötzlich allamiert. In aller Eile wurde alles gepackt und ¾ 10 Uhr stand die Kompanie feldmarschmäßig auf dem Apellplatze. Unser Kompanieführer kam: „Leute! Das Batl. ist aus unbekannten Gründen allamiert  worden. Wohin es geht, keiner weiß es. Sollten wir aber in die Scheiße hineinkommen, so erwarte ich, daß ein jeder seine Pflicht tut.“ Ohne Tritt – marsch! Stolpernd ging es die düsteren Landstraßen entlang- Wohin gehts. Nach einer Stunde waren wir wieder vor Villers de Ronde. Was nun? Keiner wußte es. Auf einer Wiese wurde Halt gemacht. Nach längerem Warten legte sich einer nach dem anderen hin. Der Dachs diente wie immer wieder als Kopfkissen. Naß von Schweiß lagen wir im taufrischen Gras. Da noch immer keine Anstalten zum Weitermarsch gegeben wurden schnell die Decken heraus – so wars doch wärmer.  In der Ferne hörten wir die Kanonen brummen, Lichtsignale stiegen draußen auf. Kommen wir an die Front, oder gehts nach einem anderen Kriegsschauplatz. Vielleicht fuhren wir durch Deutschland. Mit diesen Gedanken verfiel bald jeder in Schlaf. Weit von dem nicht angenehmen Lager erhob man sich dem Morgen. 4. August 6 Uhr. Dort, sieh ein Lastauto, noch eins and dann kamen noch immer wahr. Sie halten bei uns. Abzählen! Einsteigen! 30 Mann in einen Wagen und fort ging die wilde Fahrt. Fahrwohl lieb Deutschland, wir müssen in das Gebrüll der Schlacht. Stiller und stiller wurde die Gesellschaft. – es gehe nach Verdun. [?], ein Auto hat sich verfahren. Unter fürchterlichem Schütteln gehts weiter. Rums, da sitzen wir in dem aufgeschütteten Schotter fest. Ein Bündel Stroh wird untergelegt – endlich kanns weiter gehen“ O, wie sehen überall die Landstraßen aus, was haben die vielen Automobile die Wege zerrissen. Und wir werden hindurch geholpert. Gegen Mittag hört die Fahrt auf. Alles aussteigen. Wie glücklich fühlten wir uns, wie wir die Marterinstrumente verlassen konnten. Draußen vor Azannes lagerten wir. Und nun wurde empfangen – Brot und kalte Portionen und – Handgranaten – Antreten – ohne Tritt marsch! Nach einer halben Stunde waren wir im Kaplager Zelte aufbauen, Mittagessen und Verproviantierung für den Stellungskrieg. ¼ Pfund Speck, 1 Pfund Schweizerkäse, nochmals Brot und doppelte eiserne Portionen. Enttäuscht brachen wir gegen 4 Uhr unsere Zelte wieder ab. Um 8 Uhr waren wir wieder in Bewegung immer näher gings dem Verdun zu. Wir waren in der Ruhe ja nicht zu Ruhe gekommen. Manchen Marsch hatten wir zurückgelegt, so fiel uns das Gehen über Hügel und Tal nicht gar zu schwer. Trotzdem mußte öfters gehalten werden. Es war noch tageshell und aufmerksam mußten ausgelugt werden, ob wir nicht vom Feinde bemerkt würden. Einzelne aus der Stellung zurückkehrende Kameraden darunter verschiedene Verwundete trösteten uns – da vorn ist dicke Luft.“ Bald hieß es in Gruppenkolonnen, dann wieder Reihenmarsch.  Jetzt zur Deckung in einen alten Laufgraben. Es würde dunkler und begann ein Stolpern über die vielen Drahte im Graben. Du, was ist das? Die erste Batterie. Sind wir schon so nahe an dem Feinde.“ Obacht, schneller gehen, Laufschritt! Was ist es dann. Wir waren an einer Stelle, welche von den Franzosen ständig unter Sperrfeuer genommen wurde. Gott sei dank, wir sind durch. Lange dauerte die Freude nicht. Wir hatten bald dasselbe Manöver. Frisch waren wir so nicht mehr, aber was konnten wir Beine machen nun noch durch ein Stück Wald, überall die zerborstenen Bäume. Hier hatten die Granaten gewütet. Aufgedunsen liegt dort ein Pferdekadaver. Schnell! Schneller nun noch diesen Abhang herunter. Wir sind vorläufig in Sicherheit in der Brule-Schlucht. Und nun beginnen darüber die Kanonen einzuschlagen, wo wir noch vor einem Augenblick gingen. Eine nach der anderen kommet angebrüllt – huiii. Dort schlägt eine ein bergehoch steigt der stinkende Qualm, Sand und Steine wirbeln in der Luft – eine fürchterlich[e] Detonation. Das also sind Granaten. Gut, daß sie angeflogen kommen da wir in Sicherheit einer [Berg…?] sind. Die tun uns nichts. Unheimlich aber ists doch – dieser Höllenlärm wie der Schall sich zwischen den Bergen bricht. Zu den bombensicheren Unterständen des Berges wird Nachtquartier bezogen. Über uns sausen die großen Zuckerhüte – wir brauchen uns nicht zu fürchten. Nun gestärkt erheben wir uns am Morgen des 5. August. Wunderbares Bergwasser dient zum Kaffeekochen. Eine Handgranate spendet Feuer. Nun kommen auch die ersten Morgengrüße des Feindes. Heulend kommen die Granaten wieder angeflogen. Ein Kamerad, welcher nicht genügend in Deckung war wird getötet. – da heißts aber auch schon wieder – Antreten. „Das kann nur gutes werden.“ Am hellen Tage noch weiter vor. Im allgemeinen ist es üblich des Abends im Dunkeln in Stellung gehen; um vom Feinde nicht bemerkt zu werden. Granate auf Granate platzt, während wir antreten. In Reihen rechts um einer hinter dem anderen. Glücklicherweise schießt der Franzose noch zu weit. Durch das erste Sperrfeuer sind wir glücklich hindurch. Über Berg und Tal und bald sind wir in der Todesschlucht. Totenstille ringsumher, aber die tiefen Trichter links und rechts, die zersplitterten Baumstümpfe zeugen davon, daß es hier schon laut sein kann. Und lange sollen wir auch nicht mehr warten. Dort kommt schon die erste Granate huii-i und rags [sic!] vorne platzt sie. Das war die erste auf uns . Die apathische Ruhe ist dahin. Unruhig dringen die Hinteren noch. Nun platzt eine links und dann wieder echts. Wir sind im Sperrfeuer. Nun packt es, in unseren Reihen sind einige gefallen. Also so sieht ein gefallener Jäger aus. Grausig, aber schnell vorbei; denn überall wartet der Tod. Unaufhaltsam kommt eine Granate nach der anderen an; immer neue Opfer. Jetzt stolpern wir über einen gefallenen Kameraden. Vorwärts, vorwärts! Aber es stockt; dann wieder hat eine der großen Kugeln nur zu gut getroffen. Die Splitter schwirren um die Schreu [sic!]. Einige werfen sich hin und bedenken das Gesicht. Aber warum das – im nächsten Augenblick kann es dort auch treffen. Darum, nur nicht stehen bleiben. Wo ist die Muttigkeit [sic!] geblieben, merkst du etwas von dem Druck des Dachses. Alles ist verschwunden. Aber der Selbsterhaltungstrieb peitscht an und schneller den je ist die gefährliche Feuerszene durcheilt. Nun haben wir doch endlich wieder etwas Ruhe. Aber wie bald ist etwas ähnliches da. Jetzt kommen wir zu einer besonders gefährlichen Stelle. Dort an der Anhöhe steht unserer Batterien, welche dauernd unter feindlichen Feuer liegt. Und wir Schaffens auch ohne Verluste. Links taucht Fort Douaumont auf. Bald sind wir am Ziele. Laufschritt marsch marsch. Alle Kräfte werden noch einmal angespannt. Jeder Muskel strafft sich; dann noch einmal geht es durch einen Todesweg. Jetzt sieht man auch keinen nahe fallen, dazu haben wir keine Zeit. Dort hinten liegt der sog. Steilhang unserer Reservestellung. Dort sind wir erst einmal wieder geborgen – also schnell. Zu Ende ermattet schleppen wir uns hinter die schützende Mauer des Berges. Zu tausenden wimmelt es dort. Nirgends ein Plätzchen wo wir die müden Knochen ausruhen können. Ich schlüpfe endlich bei einigen bayrischen Jägern unter. Kaum sind wir in Sicherheit so beginnt der Franzose ein wütendes Feuer. Er hatte uns nur zu gut bemerkt und beobachtet. Über zwei Stunden trommelt er. Der kann uns ja gewogen bleiben. Hierhin kann er nicht treffen. Zu früh hatten wir triumphiert. Eine kurz gehaltene Granate, ein fürchterlicher Einschlag – Sanitäter, Sanitäter! Grauenhaft erklingt der Jammerruf. Wohin nun; nirgends ein bombensicherer Unterstand. Also aushalten! Nur wie bald hatten wir uns eingelebt. Der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier. Bald lief alles durcheinander. Nur das Signal „Flieger Deckung“ brachte schnell Ruhe. Alles legt sich hin oder bleibt stehen. Dann heißt es noch ein Unterkommen für die Nacht suchen. Eifrig arbeitet Spaten und Spitzhacke. So hier am Berge liegen wir sicher. Kaum ist das Wort ausgesprochen – eine fürchterliche Erschütterung, die Erde bebt. Geduckt bleiben wir hocken. Nein – hier ist es nicht gut sein. Nun schnell noch etwas anderes suchen. Nur wir sind vom Glück begünstigt. Mit zwei anderen Kameraden krieche ich in einen verlassenen Bau. Hier schliefen wir mit dem Bewusstsein ein, jeden Augenblick kannst du von einer Granate getroffen werden. Merkwürdig wie der Mensch schnell abstumpft. Ich habe mit einer Ruhe geschlafen als wäre ich daheim. Während des 6. August blieben wir in der Befehlstellung. Auch am 7. August hatten wir verhältnismäßig Ruhe. Die Beschießung war die gleiche wie am ersten Tage. Überall hatten wir Verluste. Dort wo die Granaten einschlugen erforderten sie Opfer. Ruhig lagen wir in unserem Unterstand. In einer Entfernung von 4 Metern krepiert plötzlich einer der Zuckerhüte. Die großen Erdklumpen flogen auf uns zu. Wie ein Wunder blieben die Bewohner des Unterstandes, welcher betroffen wurde verschont; nur einer hatte eine leichte Verwundung im Rücken. Unsere Hoffnung in Reserve bleiben zu können, wurde am 8. August zu nichte. Die aktiven 10er Jäger gehen heute Abend in Stellung! Die Truppe, welcher ich angehörte blieb zum Waffentragen bestimmt zurück. So war ich am 9. August tagsüber noch einigermaßen in Sicherheit. Aber am Abend hatte auch unser Stündlein geschlagen. Ich wurde zum Kranken- bezw. Verwundetentragen kommandiert. Im fahlen Mondlicht zogen wir in einer Reihe um 11 1/2 Uhr ab. Zuerst hatten wir einen noch einigermaßen gangbaren Weg vor uns. Bald änderte sich aber das Gelände. Granatenloch an Granatenloch drüber weg. Zu allem Überfluss wurde noch ein Kaffeekessel defekt. Wir mußten ihn auf der Bahre schleppen. In Kaffee [sic!] brachten wir nach vorne. Mit Lebensmittel war jeder so ziemlich versorgt aber an Trinken mußte man auch denken. Ganz unhaltbare Zustände herrschten schon am Steilhang. Überall fehlte es an Wasser. Nach dem Fort Douaumont hin befand sich freilich eine Quelle. Aber das Wasserhohlen wurde gewöhnlich mit dem Tode bestraft. Zu genau wußte der Feind wo unser Wasserspender war. Fortgesetzt lag die Quelle unter Feuer. Die vielen Leichen ringsum sagten zu deutlich wie wenige zurückgekehrt waren. Aber wir mußten doch etwas zum Trinken haben. Mit dem Becher konnte doch keiner auskomme. Aus den Granatenlöchern wurde das schmutzige grüne Wasser geschöpft. Oft hatte es noch den Pulvergeschmack. Es wurde aufgekocht und dann mit Todesverachtung getrunken. Und auch das holen des Wassers aus diesen Löchern war mit Todesgefahr verbunden. Man mußte immer eine Feuerpause abwarten. Also nun waren wir dabei unseren Kameraden Kaffee zu bringen. Wie obern bemerkt war das Gelände von Granaten schrecklich durchwühlt. Die Löcher waren nicht nebeneinander, sondern im wahrsten Sinne des Wortes aufeinander. Grausig war der Anblick der vielen Gefallenen. Ein unsagbarer Geruch ging von ihnen aus, schrecklich, oft bis zur Unkenntlichkeit gerissen. Wie manches mal stolperten wir über abgerissene Gliedmaßen. Bis zum Bahndamm von Fleury fanden wir uns gut zurecht. Nach einigen suchen erreichten wir dann auch glücklich unsere Stellung. Schnell den Kaffee abgeladen. „Habt ich schon Verluste?“ „Nein! Aber dort liegt seit 3 Tagen noch ein 14er, nehmt den nur mit, wir können sein Jammern nicht mehr aushalten.“ Also los! Wo sind die bestimmten Krankenträger; nur zwei Mann. Wie ziehen ab. Der Gegend unkundig verlaufen wir uns. Immer durch Granatenlöcher, soweit wir sahen, nichts als Löcher, ein aufgewühltes Erdreich wie von einen riesigen Dampfpflug durchwühlt. Nach 10 Minuten Schleppens finden wir unsere Kameraden. Wir beide sind aber auch schon von den fürchterlichen Strapazen vollständig marode. Ablösung vor. Diese hat nun schon wenigstens etwas von einem Weg. Trotzdem fordern sie nun nach kurzer Zeit wieder zum Tragen auf. Es geht kaum. Und nun zu allem Unglück, wir haben wieder nur Granatenlöcher zu durchqueren. Die anderen Kameraden eilten voraus. Nur durch andauerndes Schreien ließen sie sich bewegen zu warten. Sie lösten einmal wieder ab. Nach kurzer Zeit mußten wir aber wieder heran. Keuchend fast zusammenbrechend schleppten wir uns dahin. Das war noch viel schlimmer als seiner Zeit auf dem ersten Marsch in Frankreich. Dazu summten die Granaten um uns herum. Ein Ausweichen gab es nicht, sie konnten unseren Verwundeten doch nicht kurzerhand hinwerfen. Nur heraus aus dem offenen Gelände. Also Laufschritt mit der Bahre. In welcher Verfassung wir endlich den Steilhang erreichten, kann sich ja jeder vorstellen. Erschöpft und ermattet bis zur Bewusstlosigkeit legten wir uns in den Unterstand. Nur endlich einmal etwas Ruhe. An Schlaf konnte ich nicht denken, die Erregung war zu stark. Mit offnen Augen hatte ich wohl eine Stunde gelegen. „Alle Mann heraustreten.“ Wir rührten uns nicht. Aber nun wurden wir gesucht und gefunden. Von jeder Gruppe wurde ein Führer ausgewählt. Führer, die unsere Ablösung in die Stellung bringen sollte. Und ich war wieder dabei. Es geht nicht und es mußte gehen. Nach einer Weile standen wir feldmarschmäßig bereit, freilich mit zitternden Knien. Um 6 Uhr des 10. August, dem dem Geburtstag meiner Mutter marschierten wir ab. Wie oft habe ich an dem Tage nach Hause gedacht. Nun schnell durch die Schlucht nach oben – zurück zur 2. Reservestellung – zur Fosses-Schlucht. Glücklicherweise blieben wir von Feuer ziemlich verschont, aber wir hatten 1 Stunde zu gehen und das mit vollem Gepäck. Mit Aufbietung meiner letzten Kräfte schleppte ich mich dahin. Die Brust hämmerte, die Lunge arbeitete wie ein Blasebalg. Wie erquickend war es von den Pionieren im Walde eine Trunk Wasser zu erhalten. Noch waren wir aber nicht am Ende unseres Weges. Und wenn wir dachten endlich einmal zur wohlverdienten Ruhe zu kommen, wir hatten uns geirrt. Wie lange mußten wir an dem Morgen noch nach einer Unterkunft suchen. Alle Quartiere waren belegt. Endlich fanden wir einen Bau. Vertrauenserweckend sah er ja freilich nicht aus, ein Erdloch mit einigen Baumstämmen bedeckt. Wenn hierauf nur eine Granate fällt, so sind wir alle verloren. Aber die große Ermattung ließ schließlich alle Bedenken schwinden. Wir krochen hinein. Wie bald wurden wir aber dort wieder vertrieben. Nach kurzer Zeit begann der Franzose sein Morgenkonzert. Wir vermeinten in der Hölle zu sein. Krachend unter donnerndem Getöse schlugen die fürchterlichen Brummer ein. „ Stollen aufsuchen!“ ertönte überall der Ruf. Mit einigen anderen fand ich dann auch einen solchen unterirdischen Bau. Froh , einigermaßen in Sicherheit zu sein, erwarteten wir die Beschießung ab. Schweres Kaliber kam ununterbrochen angesaust. Von den fürchten lachen Explosionen erzitterte die Erde. Als würde das unterste nach oben gekehrt. Solch fürchterlicher Spektakel herrschte um uns. Mit Schrecken gedachten wir des kommenden Abends. Keineswegs konnten wir in unserer leichten Sommerwohnung verbleiben. Zum Glück währte die Beschießung nur eine Stunde. Bald waren wir wieder auf der Wohnungssuche. Leider vergeblich. Alles war überfüllt. Eines tröstete uns nur noch: Das Reservebatl. . Der 10er Jäger geht heute Abend weiter zurück. Schnell handeln, ein Stollen wird im voraus bestellt. Unsere Geduld wurde aber noch einmal auf eine recht lange Probe gestellt. Sollten wir denn garnicht einmal zur wohlverdienten Ruhe kommen. Bis Abends 11 ½ Uhr verblieben noch die alten Bewohner in ihrer Höhe. Dann konnten wir sie in Beschlag nehmen. 3m lang, 1,70m hoch und vielleicht 1,20m breit. Mit 3 Mann hielten wir unseren Einzug. Nun konnten die Franzosen ruhig weiter donnern; sie waren schon ein Weilchen wieder dabei. Wir saßen erst einmal wieder geschützt in der Erde. Wie schnell paßt sich doch der Mensch neuen Verhältnissen an, wenn es sich um das liebe Leben handelt. Jetzt waren wir Höhlenbewohner. So, nun konnten sich die müden Knochen einmal wieder strecken. Am nächsten Tage sorgte der Regimentsstab für unser leibliches Wohl. Wenn nicht bloß jeder Weg mit Lebensgefahr verbunden war, so hätten wir es lange aushalten können. Unsere Ablösung, Inf. Reg. 130 war am Abend auch angekommen. Bald sollten wir in Arbeit treten. Tagsüber wurden wir fürchterlich beschossen. Während des ganzen Nachmittags bis gegen 10 ½ Uhr abends kam eine Grabet nach der anderen angeflogen. Um diese Zeit wurde abgetreten. Überall formierten sich die Kompagnien. Mir wurde der dritte Zug der dritten Kompanie zugewiesen. Unter Kanonendonner und Granatenfeuer ging’s zuerst dem Steilhang zu. Mitten durch unsere feuernden Batterien führte uns der Weg. Ein gefährlicher Augenblick, jeden Moment konnten wir von den feindlichen Granaten, die unsere Batterien zum Ziel hatten, getroffen werden. Die langen Feuerstraßen aus unseren Kanonen beleuchteten den Weg. Wir kamen glücklich hindurch. (11. August) Mit dem Stecken in der Hand schritt ich meinem Zuge vorauf. Dort hinten lag der Steilhang. Nun schneller; denn wir kamen wieder in eine gefährliche Feuerzone. Laufschritt, nun kommt der Hang. Da stockt es! Aus der Reihe heraus nur vorbei. Da Habens wir. In die Reihen der 130er schlägt ein. Also nun schon Verluste! Nun sind wir glücklich in Sicherheit. Ermattet warfen sich die Leute hin. Eine kurze Rast. Wir erhalten noch zwei Führer von der Kompanie. Nun kommt das schlimmste Stück. Im Halbdunkel stapfen wir dahin. Vielleicht haben wir Glück und kommen ohne Feuer durch. Aber so etwas gibts ja einfach nicht. In die vorderste Reihe kommt ein Volltreffer. Führer nach vorne! 5 waren wir gewesen. Wie wir uns umschauen sind wir noch zu zweit, Wir beide hier an die Spitze der Kompanie. Langsam gehts Schritt vor Schritt. Nun wieder Sperrfeuer. Alles sucht Deckung in den vielen Granatenlöchern. Weiter! Wieder das selbe und so fort. Aber allmählich gewinnen wir doch Raum. Jetzt sind wir am Bahndamm von Fleury. Wie geht der Weg nur weiter, keiner weiß es. Jeder Weg und Steg hielt hier auf. Was nun? – Suchen! Zuerst links, dann rechts, dann einmal gerade aus. Wohin wir uns wenden, Überall heftiges Feuer. Weit können wir nicht von unserer Stellung entfernt sein. Mein geraden wegs [sic!] sinds nur 10 Minuten. Aber wo ist er? Daß wir vorne waren erzählen uns schon die vielen Infanteriegeschosse, das Rattern der Maschinengewehre, das platzen der Gewehrgranaten und das Jaulen der Mienen.

Zurück, vorwärts! Ein hin und her. Einen Augenblick Deckung. Jetzt wieder in den Regen der geschossen. Ping, ping Fliegen die kleinen Spitzkugeln um die Ohren. Die Kompagnie bleibt in Deckung liegen. Führer suchen die Stellung. ¾ Stunde dauert dieses entsetzliche Umherirren. Kann man denn nicht einmal einen Menschen fragen. Nein, wer kommt wohl hier her? Endlich stoßen wir auf Truppen. Gebückt gehen, schreien Sie uns entgegen. Warum denn? Dabei kann man eben so gut eine Kugel bekommen. Gibt es überhaupt einen Punkt, der nicht getroffen ist? Es scheint so, als bleiben wir beide nur verschont. Unsere oder ich will lieber sagen meine Gedanken sind längst vollständig ausgeschaltet. Mit einer fast krankhaften Ruhe kriechen und stolpern wir weiter über Granatlöcher. Endlich haben wir Anschluss mit unseren Jägern. Auf dem selben Wege zurück und die 130 heran holen. Dort sind sie. Die Leute folgen einzeln gebückt in größeren Abständen. In der Stellung angekommen haben wir sämtliche Offiziere und 12-15 Mannschaften hinter uns. Wo sind die anderen geblieben? Ein fürchterliches Wettern unseres Kompagnieführers! Was bleibt uns beiden Führern übrig nochmals auf die Suche. Über ¼ Stunde suchen wir das unwirtliche Gelände ab. Überall hören wir in dem einerlei grau nur unsere eigene Stimme. Dazu haben wir nochmals das Vergnügen in die blödsinnige Schießerei hineinzurennen. Nimmt das denn garkein Ende? Der Kopf brummt, die Füße schmerzen; denn es ist ein andauerndes Ausgleiten! Mit den endlich gefundenen Feldgrauen rutschen wir endlich in die Granatlöcher unserer Kameraden. Da habt ihr eure Ablösung! Nun aber hurtig. Schnell wie der Wind sausen wir mit unseren Recken den Rückweg entlang. Als ob der Böse hinter uns sei – und ists denn nicht so? Aus wie viel Mündern spuckt es Tod uns Verderben hinter uns drein? Trotz der feldmarschmäßigen Bepackung werden wir überrannt. So schnell sind die Jäger noch niemals gelaufen, wie damals auf dem Rückweg zum Steilhang. Leider haben wir in dem Sperrfeuer noch arge Verluste gehabt. Engelmann fiel!

Unseren Vorsatz in der 1. Reservestellung zu übernachten gaben wir auf. Obwohl müde zum Umfallen rafften wir beide uns nachmals auf und wankten noch 1 Stunde weiter. Bis zur Fosses-Schlucht bekamen wir kein Feuer. Wie tat die Ruhe im Walde wohl. Das Herz floß über und Dankbarkeit gegen Gott, der mich so gnädig bewacht hatte. Wieder tränkten uns die Pioniere mit frischen Bergwasser. Eine Wohltat. 5 Uhr morgens wars geworden, wie wir unsere Lagerstätten aufsuchten. Die seelische Erregung war aber so stark, kein Schlaf kam in meine Augen. Um 10 Uhr (11.8.16) packten wir unsere Sachen und nun ging es dem Batl. nach. Glück muß der Mensch haben. Von der Fosses-Schlucht bis Deutsch Eck konnten wir mit der Feldbahn fahren. Endlich waren wir aus dem Bereich der Kanonen heraus. Gegen. 1 ½ Uhr trafen wir um Lager „Neuer Wald“ ein. Essen aus unserer Feldküche – ein Hochgenuß. Können wir uns denn nun endlich ausruhen? Nein, es kam anders. Verschiedene Apells. Und am Abend die Nachricht: Morgen früh 3 Uhr steht die Kompagnie feldmarschmäßig auf der Landstraße. Wieder wars einmal ein Sonntag, an einem solchen Tagen hatten wir doch schon immer etwas besonderes gehabt. Was war das für ein Mensch am 13. August? Die ermattete Truppe mußte bis 10 Uhr marschieren. Niemals hätte ich früher gedacht, daß der Mensch so etwas aushalten könnte. Und es ging, weil es gehen mußte. Bis drei Uhr lagen wir vor dem Bahnhof Spincourt! Gehts nach Deutschland? Ach, dieses Sehnen die Heimat zu sehen! Bis 1 Uhr nachts sind wir gefahren und gar bald wußten wir, Richtung Norden von Verdun. Mit 16 Mann richteten wir es uns in unserem Güterwagon etwas gemütlich ein. Es war doch einmal wieder etwas anderes, ein bisschen Reisender zu spielen. Kurz war aber nur die Freude. Endstation „Grandpre“. – Alles aussteigen. Im dunkeln hockten wir auf Brettern und schlürften mit behagen den warmen Kaffee. Antreten! Dort lag das Stückchen, dort werden wir zur Ruhe kommen. Aber nein, wie sollte uns dieses Glück beschieden sein. Die Maschine setzte an und schnurr begann sie zu laufen. Mechanisch setzten wir die Beine. Was nützte uns die wunderbare Mondlandschaft and der Aisne, wir blieben ja doch nicht. Bis 4 Uhr morgens pilgerten wir. Wie manche Pause mußte gemacht werden. Wie heißt das Nest? Champigneule [Champigneulle]. Um 5 Uhr durften wir die müden Knochen hinstrecken. Wie lange. Um 7 Uhr wurde geweckt. Und um 8 Uhr standen wir wieder in Gruppenkolonnen. (14. August) Eine Erleichterung. Die Dachse wurden gefahren. Und doch bittersüßer ist uns der Marsch geworden; denn um 2 Uhr erreichten wir erst unser Ziel. Zwei Stunden bergan hinein in den Argonnerwald. Eine schönre Gegend wie dort im Nollte-Lager konnten wir uns garnicht denken. Mittagessen aus der Feldküche. Düfte empfangen. Wie ich mein Essgeschirr spüle lese ich „Bad“. Da mußt du einmal hineinsehen. Ein warmes Brausebad. Wie lange wars schon her, daß ich einmal das Hemd gewechselt hast? Bist du der noch, der früher so Tee petete war. Brr. Ich schwelgte förmlich, wie das warme Naß hernieder rieselte. O, wie tat das gut. Nun ists aber Zeit, einmal aus Zurufen. Kaum lagen wir. Hui – rax und dann noch mal und wieder und wieder. Sollten wir denn ohne Schlaf bleiben? Jaulend sausten die schwarzen Dinger in den Wald hinein. Auf in einen Stollen. Nach einer halben Stunde krochen wir wieder ans Tageslicht. Antreten und antreten. Gibts denn nichts anderes, wollen sie uns denn heute schon kaputtmachen? Von 10 Uhr abends bis 12 ½ Uhr durften wir dann endlich ruhen. Wieder war es nichts mit einem Ruhetag, garnicht daran zu denken, daß wir in Ruhe liegen bleibenkonnten. Morgens um 1 Uhr (15.08.) standen wir marschbereit. Zu allen Überfluss begann es leise zu regnen. Das kann auf den Waldwegen ja gut werden: Unsere mißhandelten Füße! Wie weit ists denn? 1 ½ Stunde! Das geht ja noch. Unsere Büchse mußten wir freilich schleppen. Nach einer Stunde waren wir glücklich am Anfang des Laufgrabens. Voll froher Hoffnung nach einer halben Stunde das müde Haupt hinlegen zu können ging es fürbas. Gar bald war die halbe Stunde und noch eine dazu herum. Von einem Ende dieses schmalen Grabens war aber nichts zu sehen. Links und rechts stieß man gegen die Kalkmauern des Grabens. Ein Stolpern über abgebröckelte Steine. Lebensgefährlich wurde dieses wenn man scheinbar endlose Stufen nach oben klettern mußte. Endlich trafen wir Kameraden. Wie weit ists noch? 10 Minuten! Nach einer Viertelstunde wieder; Wie weit haben wir noch? Zwanzig Minuten! Bald wieder unser Fragen, und immer dieselbe Antwort, bald heißt es 10 Minuten, bald 1/2 Stunde. Alles nimmt ein Ende so auch dieser Schmerzensweg. Ein solcher war im er im wahren Sinne des Wortes. Es war auch wohl keine Stelle am Körper, die nicht mehr oder weniger wehtat. Morgens 5 ¼ Uhr erreichten wir den uns zugewiesenen „Grabenabschnitt“. Büchse abnehmen; der Graben wird so eng, daß wir uns zwängen müssen. Ein Werk unser freundlichen Nachbarn von drüben. Ich trollte als letzter meiner Gruppe hinterdrein. Meinen Dachs zog ich wie einen Schlitten hinter mir her. Im Zwielicht erblickte ich plötzlich zwei Soldaten in Mänteln. Es wohl zwei von den naseweisen 178ern sein, die uns nun schon so oft angeödet hatten. „Nun machen Sie nur etwas schnell“ ertönt ihr Kommando. „Ihr habt hier klug reden, aber seit 10 Tagen haben wir keine Nacht Ruhe gehabt.“ Meine Antwort. „Wie heißen Sie?“ Die Stimme meines Kompagnieführers. Ein ruckartiges Zusammenfahren meinerseits. Kurz und knapp erfolgt die militärische Antwort. Ein Abwinken und die Sache wäre erledigt gewesen. Da besitze ich die besondere Frechheit und entgegne noch: „Es ist aber auch wirklich so, Herr Leutnant.“ „Halten Sie’s Maul!“ Ich schlurfte weiter. Mir war doch alles so egal. – Am anderen Tage erzählte mir ein Kamerad, daß unser Leutnant sich zu einem Pionieroffizier geäußert hätte, seine Leute hätten in der letzten Zeit fast unmenschliches geleistet. Eine Genugtuung für mich. Wenn wir nun dachten, jetzt endlich schlafen zu können, so waren wir wieder auf dem Holzweg. „Keiner darf sich vor der Sprengung hinlegen. Kohlengase (Kohlenoxidgase) Was verstanden wir von einer Sprengung. Wir krochen trotz des Verbots in unsere unterirdische Höhle. Gegen 6 Uhr werden wir von einem furchtbaren Erdbeben geweckt. Die Sprengung. Der ganze Bau schwankte wie eine Schaukel hin und her. Wir dachten, alles würde über uns zusammenfallen. Es war für mich aber trotzdem nur ein kleiner Zwischenfall. Ich nahm eine andere Seite und döste weiter. Um 10 Uhr wurde ich aber auf unliebsame Weise geweckt. Auf Posten ziehen. Also etwas neues. Feldmütze auf, umgeschnallt, Gewehr in die Hand, so krache ich ans Tageslicht. Handgranatenposten. Wären an dem Tage die Franzosen gekommen, sie hätten kinderleichtes Spiel gehabt. Mit drei Mann saßen wir in einem Stollen und erzählten uns etwas. Glücklicherweise wurden wir bei der Ablösung nicht beschossen. Am 16. August bekam ich eine neue Bestimmung – Patrouille im Graben. Ich hatte hinfür nur Nachtdienst. Dafür sollte ich aber des nachmittags Arbeitsdienst verrichten. Abends 10 Uhr bezog ich zum erstmals meinen neuen Posten. Der Einfachheit halber hatten wir miteinander ausgemacht, uns alle 4 Stunden abzulösen und nicht alle 2 Stunden. So hatten wir dann doch etwas mehr schlaf. Bis morgens 2 Uhr verblieb ich draußen. Viel Schlaf habe ich dann aber doch nicht gehabt. Morgens um 5 Uhr wurde ich schon wieder geweckt. Kaffee holen. Bei dieser Gelegenheit habe ich mich nun ganz gewaltig verlaufen. Wo bin ich an dem Morgen überall gewesen? Eine Stunde bei der Küche vorbei habe ich sie in den Schluchten gesucht. Nach vielen Fragen landete ich dann aber doch bei unserer Küche. Für die nächsten Tage war mein Dienst derselbe wie eben gesagt. Das heißt, Ich habe nicht jeden Tag Kaffee geholt, das gehen abwechselnd. Aber in der Nacht ging ich meinem Grabenabschnitt entlang. Schöne Stunden habe ich dort verlebt. An dem Endpunkte meines Ganges traf ich mich mit meinem Nachbarn. Nur hier wurde nun politisch. 21. August 1916, mein Geburtstag. Geburtstag in Feindesland, fern von den Lieben, ein eigentümliches Gefühl. Morgens um 1 Uhr, wie ich auf Posten stand erinnerte ich mich dessen, daß ich wieder einmal ein Jahr älter geworden war. Am Nachmittag verrichtete ich Arbeitsdienst. Wie weilten wieder meine Gedanken daheim. Am 22.8. wurden wir zwei Stunden von den Franzosen mit schweren Minen belegt. Wir hatten dort einen vorgeschobenen Trichter besetzt. Mit Granaten konnte uns der Franzmann nichts anhaben. Aber desto mehr schleuderte er und seine unheimlichen Minen herüber. Gefährlich waren die kleinen Fallminen. So klein sie waren, so unheimlich wirkten sie. Blitz schnell waren sie da und rissen alles in Stücke was sie trafen. So schnell konnten nun die großen Dinger nicht heran kommen. Man konnte sie gut in der Luft beobachten. Im flachen Bogen kamen sie angesaust um steil herniederzufallen. Also zeitig in Deckung gehen. Wo eines dieser unförmigen Dinge hinschlug, da wuchs kein Gras mehr. Angenehm war’s ja auch nicht im Unterstand. Dieses fürchterliche Getöse, das Krachen der eingeschlagenen Minen. Der ganze Unterstand erbebte in seinen Fugen. Er war ja ziemlich bombensicher 10-12m unter der Erde. Doch war unser Gespräch nur das eine – hält er stand? Wie oft haben wir während einer solchen Beschießung die Kerze anzünden müssen. Durch den gewaltigen Luftdruck saßen wir alle Augenblicke im Dunkeln. Wie sah es denn überhaupt dort unten aus? Einladend gewiss nicht. Der Abstieg in unserer Wohnung war jedes Mal alles andere, nur nicht angenehm. Eng und schmal ging die Treppe nach unten. Das Wasser tropfte von der Decke. Unten ein Raum 2,50 m im Geviert. Wohnung für 9 Mann, eigentlich 10. 5 Betten unten, 5 darüber. Maschendraht war zwischen Baumknüppel gespannt. Und doch fühlten wir uns in der muffigen Luft ganz wohl. Wir waren wenigstens in Sicherheit. Wir hatten einen Ort, wo wir die müden Glieder hin strecken konnten. Die Beschießung war beendet. Schnell die Posten auf ihre Runde. Wie sah unsere schöne Stellungen nur aus. Was hatten in den zwei Stunden die Franzmänner wieder erreicht. Die Graben und leichteren Unterstände waren zerschossen. Die dicken Balken und Eisenträger waren wie Streichhölzer geknickst. Von Glück konnten die Bewohner eines zerstörten Unterstandes sagen, wenn sie ihr Leben gerettet hatten. Immer ging es nicht so glimpflich ab. Gar manche Opfer haben wir zu beklagen gehabt. Von Granatsplitter getroffen liegen sie da. Schwierig war es oft noch dem Postenstande zu kommen, wenn die Minen so gewütet hatte. Da hieß es, wenn der Graben zusammengefallen war, oben drüber weg. Eine lebensgefährliche Geschichte. Dort drüben stand der Feind. Jedem, den er sah sandte er mit dem Maschinengewehr einige blaue Bohnen nach. Ich hatte am [Socler?]-Weg meinen Postenstand. Beim Aufräumen nach einer solchen Beschießung pfiff eine solche abgesandte Kugel feuerscharf an meinem Kopfe vorbei. Also wenige Millimeter und es wäre gewesen. Nachts patrouillierte ich jetzt von der Diplomatenecke bis zum untersten Sperrposten. Kinners war das ein Betrieb wie ich am 28. August [1916] zum 1. Male abends um 10 Uhr aufzog. Gefr. Fink löste ich ab. Er sollte mich nun schnell in meine Tätigkeit einweisen. Soweit kam es aber nicht. Kaum hatten wir uns etwas von der Diplomatenecke entfernt, da hörten wir überall in den französischen Gräben helle Signalhörner. Gleich darauf begann ein unheimliches Geschieße, ein Getöse, daß einem Hören und Sehen verging. Leuchtraketen, weiße, grüne und rote gingen hoch. Es war ein fürchterliches Durcheinander. Unsere Kanonen und Maschinengewehre antworteten. Wir dachte doch nichts anderes, der Franzmann wolle einen Angriff machen. Mein guter Mann lief davon. So da stand ich und wußte nicht wohin. Kurzerhand kehrte ich schließlich um und suchte vor den Minen etwas Deckung. Wie die Schießerei sich schließlich gelegt hatte ging ich meinen Patrouillienweg. Ich habe mich dann auch allein zurecht gefunden. Die Zeit von 10-12 Uhr war immer schnell dahin. Aber die von 4-6 Uhr morgens. Nachdem ich noch einmal den Nachtposten bezog mußte ich um 4 ½ Uhr am [Socler?] Weg auf Tagesposten stehn. Der war nun kein Vergnügen. In Wind und Wetter stand ich dort ohne Schutz, keine Hand konnte ich vor Augen sehen. Drei Sandsäcke waren unter mir. Von einem Fuß auf den andern trat ich darauf herum. Ganz schlimm wurde die Geschichte, wenn es regnete. Nun wurde ordentlich eingeweicht. O, wie sah unsere Stellung aus, wenn sie zerschossen war, aber wenn ein schöner Landregen in der Nacht dazu niederging, man wußte nicht, ob es im Schweinestall sauberer war. Bis zu den Knien kam man in den Schlamm hinein. Dazu suchte man mit den Händen Stütze an den Grabenwänden. Jedesmal griff man in Schmodder oder fiel dagegen. Salonfähig war ich ganz gewiß nicht. Nach Ablösung legte man sich dann hübsch mit dem Dreck schlafen. Um vier Uhr ließ man sich dann vom Regen durchweichen. Angenehm war schließlich etwas anderes. Wie schmeckte dann aber um sechs Uhr der Kaffee. So haben wir bis zum 6. Sept. 2 Stunden Posten gestanden 4 Stunden Ruhe gehabt. Zuletzt waren wir kaum noch zu kriegen. Der Schlaf war bleiähnlich. Man konnte ja niemals durchschlafen, immer wurde man wieder geweckt. Ich glaube dieses Parkoursystem halten auch wir aus. Andere Truppenteile wurden immer nach einigen Tagen vom Postenstehen abgelöst um ausschlafen zu können. Unser Zug hat eben Dauerpostenstellung gehabt. – Das angenehme in den Argonnen war die Verpflegung. Zuerst haperte es gewaltig. Dann nachdem unsere Jäger bei anderen Truppenteilen Brot gebettelt hatten[,] wurde es gut. Jeden Nachmittag erhielten wir noch extra ein Brötchen. Das schmeckte großartig. Postverbindung war auch gut. Wenn diese Minengeschieße und vor allen Dingen die Sprengungen nicht gewesen wären, man hätt es schon aushalten können. Bei der Beschießung wurden jedesmal die Posten zurückgezogen. Alles kroch in die Heldenkeller. Hier hörte man sich dann das Höllenkonzert an. Wie oft haben wir infolge des fürchterlichen Luftdruckes, den die Minen verursachen, unsere Kerzen anstecken müssen. Ganz arg waren auch die kleinen Pfeilminen, so klein sie waren, sie hatten eine unheimliche Wirkung. Das ärgste waren aber die Sprengungen. Das ganze Gelände war durchwühlt, wie es die Maulwürfe nicht schlimmer machen konnten. Die einzelnen Stollen wurden in die Erde gebaut, so 20 m tief und noch tiefer und dann wurde langsam geradeaus gearbeitet. Die Pioniere hatte sehr viel unter [Erd?] zu leiden. Dauernd arbeiteten die Ventilatoren. War ein solcher Stollen nun weit genug vor getrieben, so wurde ein darüber gefunden feindlicher Stollen abgequetscht und damit unbrauchbar gemacht. Oder es fanden große Sprengungen statt. Zu dem Zweck wurden hinderte von Centnern Sprengstoffe hineingeschafft, dort wo sie in die Höhe gingen entstand ein gewaltiger Trichter. (Wir hatten ja auch einen solchen besetzt.) Ca. acht Tage bevor wir abgelöst wurden, hatten sich die Franzosen unter uns gewühlt. In Angst und Bangen sind wir die Zeit noch dort gewesen. Jeden Augenblick konnten wir allesamt in die Luft gehen. – Wir haben aber Gott sei Dank Glück gehabt. Fand eine solche Sprengung statt – morgens von 5 ½ -10 Uhr war Sprenggefahr – so konnte man die gewaltigen Erschütterungen [?…weit] warnehmen. Die Erde schwankte wie bei einem Erdbeben.

Am 6. September erkrankten wir in unsrem Unterstand an Gasvergiftung, hervorgerufen durch eine am Morgen stattgefundene Sprengung. Durch entstandene Spalten waren Gase in den Unterstand gelangt. Während unser Batl. abgelöst wurde, bezogen wir 9 Mann das Revier. Glücklicherweise hatten wir es zur rechten Zeit bemerkt, sodaß wir mit leichterem Unwohlsein davon kamen. Es war aber auch die höchste Zeit, daß wir aus unserem Bau herauskamen; denn der Franzmann war mit seinem Stollen schon unter unserem Unterstand.

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Kriegstagebuch des Musketiers Wilhelm H**** aus Bockel – IR 77 (Heideregiment) (8. August – 9. September 1914)

Musketier Wilhelm H**** aus Bockel bei Wietzendorf war Soldat im in der 4. Kompanie des Infanterie Regiments 77 (Heideregiment) in Celle. Sein Kriegstagebuch umfasst nur den verglichsweise kurzen Zeitraum vom 8. August bis 9. September 1914.

Die vom Verfasser gemachten Angaben konnten mit Hilfe des Buches „Das Heideregiment – Königlich Preußisches 2. Hannoversches Infanterie-Regiment Nr. 787 im Weltkriege 1914 – 1918 von Oberleutnant a. D. Helmut Viercke (Celle 1934) bestätigt werden. Einige Ortsangaben, wo Wilhelm Leerstellen gelassen hatten, konnte durch dieses Werk ergänzt werden. Am Ende des Kriegstagebuches ist eine vermutlich vom Verfasser selbst angefertigte Karte eingeklebt, auf der seinen Weg eingezeichet hat, den er mit seiner Kompanie am 7. und 8. September 1914 zurückgelegt hat. Dies war der weiteste Vorstoß der Deutschen auf französisches Gebiet, wie Wilhelm selbst schreibt.

Die fehlerhafte Rechtschreibung des Verfassres wurde übernommen. Zum besseren Verständnis der Aufzeichnungen wurden Satzzeichen eingefügt, was durch eckige Klammern kenntlich gemacht wird.

Die Karte zeigt den weitesten Vorstoß des IR 77 (rote Markierung) am 7. September 1914. In der Nacht vom 7./8. September 1914 erfolgte der Rückzug. Eine Wiedereroberung am 8. September scheiterte. (Quelle: Das Marnedrama 1914 2. Teil)

Der Verfasser des Kriegstagebuches hatte anscheinend seine Aufzeichnungen einem Kameraden zur Verfügung gestellt, wie er am Ende des Kriegstagebuches selbst schreibt. Hierin bittet er darum, seinen Namen nicht zu nennen – was auch in diesem Blog respektiert wird. Hier nun der Eintrag vom Ende des Kriegstagebuches:

Werte Kamerad[,] übersende sie hiermit meine aufzeichnungen[,] welche ich noch ergänzt habe, sollten sie etwas davon gebrauchen können, sollte mich das freuen, aber bitte mich nicht nennen.

Mitt Kameradengrus!

 

Pächter Wilhelm H**** [Name durch den Blogbetreiber anonymisiert]

Bockel Post Wietzendorf

Kreis Soltau

 

Es sollte mich freuen[,] wenn sie nach gebrauch es mir wider schickten.

Kriegstagebuch des Musketiers Wilhelm H**** aus Bockel (4. Kompanie im I. Bataillon IR 77) vom 8. August bis 9. September 1914

Monat August

¾. 4. austreten 3-6. Unt. 6. Löhn. ½ ). Aget.

8. August morgens 6 Uhr ankunft in Saurbrot [Surbrot] Abmarsch nach Lager Elsenborn.

9. Morgens um 2 Uhr abmarsch aus Elsenborn nach Belgien ungefähr 15 km vor Lüttich machten wier halt[,] wier sahen bis jetzt noch nichts von den schrecken des Krieges[,] aber von nun an geht’s zu dem Feind[,] zum Teil sind die Bewohner friedlich gesund[,] es sind grausamkeiten an Deutsche vorgekommen[,] welches sie bitter haben büßen müssen[,] heute den 10. haben wier geschlafen bis um ½ 6 und wir werden heute wohl die Feuertaufe erhalten, wir werden unsern Mann aber stehen[,] denn wie das gerücht geht[,] soll unser Geliebter Oberst Örtzen [Oberst v. Oertzen, Kommandeur der 38. Inf. Brig.] meuchlings ermordet sein, wurde aber nicht bestätigt, von unsere abmarsch ist nichts geworden[,] haben noch immer ruhe[,] welche wier aber auch gut gebrauchen können nach dem anstrengenden marsch von Sonntag. Dieses Nest[,] worin wier Biwackieren heißt Theux, die bewohner sind zum teil hinterlistig, gestern wurden ein der auf einen Wachtmeister geschossen, ist ein Mann gewesen von 35 Jahre[,] wurde gestern abend aber noch gleich erschossen[.] Das war der Lohn für seine tat, womit er sich wohl für sein Vaterland verdient machen wollte.

Dienstag d. 11/8. 14. Gab es Löhnung[,] aber es ist nichts mehr in der Stadt [Theux] zu haben, wier mußten noch ein paar Stunden Dienst machen.

Mittwoch, 12/8. 14. Sollte alles wieder in gewohnter weise fort gehen[,] als um 3 Uhr der Befehl zum abrücken kam, es war ein anstrengender marsch[,] man hatte heufig steile Berge zu erklimmen, um ½ 9 langten wir in ___________ [Lincé und Higne] an[.] Dort wurde Alarm quatier, wier logierten uns in der Küche mit 5 Mann ein[,] das Haus mußte aber vor unsere ankunft geräumt sein[,] denn die Kohlen auf dem Herde wahren noch glühend[,] wier machten es uns so bequem wie möglich.

Donnerstag d. 13/8. 14. Um 5 Uhr morgens rükten wier aus[,] hatten heute aber noch einen beschwerlichen Weg wie gestern[.] Die Sonne brannte furchtbar auf uns hernieder auf den Felsenstraßen[,] die sozusagen Diereckt in den Felsen hinein gehauen sind, wäre dies unser Vaterland es wäre kein Feind hinein gekommen[,] sie hätten sich alle den Schädel eingerannt, auch diesen marsch hatten wie den höchsten Berg zu erklimmen[,] bis jetzt marschierten noch unseren bestimmungsort Xhoris, wo wier völlig ermattet um 10 Uhr ankamen, ich weis nicht wenn dem Regimentskommandör die Hitze in den Kopf gestiegen[,] das er nach dem mittag 2 stunden Dienst machen ließ.

Freitag d. 14/8. 14. Heute haben wier Ruhetag[,] aber damit die Leute nicht ganz und gar ausruhen können[,] mußte heute nachmittag wieder Dienst gemacht werden, hätten wier doch unsern lieben Oberst von Ortzen [von Oertzen] [,] der konnte alles von uns verlangen[,] für den gingen wier durchs Feuer, aber es hat nicht sollen sein.

Sonnabend, d. 15/8. 14. Heute sollte alles in gewohnter weise weiter gehen, wier hatten von 8-8.30 Uhr Unterricht und von 9-11 Uhr Exazieren[,] hatten dann noch Fußrevision[,] als plötzlich Alarm gemacht[,] um 12 Uhr rückten wier aus und marschierten bis 3.30[,] da machten wier eine Stunde pause[,] um 4.30 war Gewehrfeuer hörbar[,] werden wohl einen Flieger beschossen haben, Essen haben wier bis jetzt heute noch nicht gehabt[,] wie heute morgen etwas Kaffee, zu kaufen gabs nichts mehr, da wahr ein jeder froh wenn man trocken Brod hat, um 9 Uhr kammen wier in Biwack [in Suheit-Tinlot], da bekammen wier das langersehnte Essen.

Sonntag d. 16/8. 14. Heute morgen hatten wier Gewehrappell, nach dem appe[l]s hatten wier anschließend Grüßen[,] die Herren schienen verrückt geworden zu sein, um 2.30 wurde Arlarm gemacht nun mußten wier ausrüken[,] heute hatten wir keinen großen marsch[,] kamen schon rechtzeitig ins Biwack[,] mußten aber um 8 Uhr wieder abrechen und alarm quatier rüken [nach Yernée-Fraineux].

Montag d. 17/8. 14. Freineux [Fraineux] Heute hatten wier ruhetag[,] wier blieben in unsern quatier, nachmittags hatten wier Ezezieren.

Dienstag d. 18/8. Morgens um 4 Uhr rükten wier ab[,] um die Maas zu überschreiten[,] die Pioniere hatten die Brücken noch nicht ganz fertig[,] wier mußten die alte Brücke benutzen, um 8 Uhr überschreiten wier den Fluß beim Orte Dinant, marschierten weiter bis um 9.30. Da mußten wier halten[,] um die 38. Brigade vorüber zu lassen, da sahen wier auch unseren alten Oberst wieder, er ritt die Front ab[,] dabei freute er sich aber und wier auch. Hier blieben wier liegen bis um 2 Uhr, da marschierten wier ins unbestimmte weiter[,] um 9 Uhr bezogen wier quatier in Arvenn [Avennes][.]

Mittwoch, d. 19/8. 14 rückten wier um 8 Uhr aus dem quatier und machten um 12 Uhr halt[,] als vor uns Kanonendonner hörbar wurde[,] unterwegs sahen wier die ersten laufgräben[,] die aber geräumt waren, nachmittags ging es wieder vorwärts als es hieß, die Battallone auseinander ziehen, das 3te und 2te Battallon war schon ausgeschwärmt[,] als der Feind in wilder flucht ausgerissen war und wier hatten das nachsehen, abends bezogen wier Biwack [in Perwez] [,] wo hier waren die Franzosen eine Stunde vorher in laufschritt durch gekommen.

Donnerstag, d. 20/8. 14. Morgens um 6 Uhr rückten wier aus[,] wier wanten uns in nördlicher richtung[,] wie sonst machten wir 10 Uhr halt[,] als der große generalstab kam[,] wobei sich auch Herzog Ernst August von Braunschweig befand, um 11 Uhr marschierten wier weiter[,] als wier um 12 Uhr wieder halt machten[,] hier blieben wier liegen bis um 5 Uhr[,] weil der Feind wieder geflüchtet war. Danach bezogen wier quatier in ______ als wier um 7 Uhr wieder abrüken mußten unser Battallon mußte auf Vorposten ziehen, hier auf Vorposten bezogen wier zusammen mit der ersten Kompanie einen großen Gutshof hatten ein schlechtes quatier [bei Cortil-Noirmont].

Freitag, d. 21/8. 14. um 8 Uhr rückten wier aus[,] heute waren wier zur bedeckung der Artillerie bestimmt, es war ein sehr schlechter marsch denn ich war beihnah krank[,] hatte furchtbar im [?dunst] zuleiden als wier endlich um 11 Uhr halt machten, um 12.15 ging es wieder los[,] aber kammen nicht weit[,] als wier wieder halt machten. Da mußte unsere Artillerie auffahren[,] mußte die gleich darauf an zu schießen mit der gestalt das schießen müssen wier nicht, um 10 Uhr kammen wier in arlarmquatier, in Veller de Same [Velaine-sur-Sambre], um 1.30 Uhr [am 22.08.1914] rückten wier aus nach Tammien [Tamines] [,] mit aufgepflanzten Bajonett marschieren wier durch den Ort[,] als wier bald am ausgange des Ortes waren[,] wurde plötzlich aus Häusern auf uns geschossen, während die Franzosen mit Schrappnell in die Stadt schossen, darauf gingen wier zurück[,] viele Verirten sich in den Gärten, darauf gings wieder in die Stadt und jedes Haus wurde in Brand gesteckt, darauf gings gegen den Berg hier war es schlecht für uns[,] wier mußten viele lassen[,] von hier gings in die Weiden[,] hier blieben wier in Reserve[,] hatten einen schlechten standt[,] denn der Feind schoß mit Granaten auf uns schoß aber zu weit und in der wiese kammen die Geschoße nicht zur Explosion[,] schließlich mußten wier uns zurück ziehen wegen unsere Attillerie[,] die das Dorf neben uns in brand schießen wollte, wier zogen uns zurück nach der Eisenbahn, hier wurden wier noch mittags noch mit Schrappnell beschossen[,] hatten aber nur 4 Verwundete und 1 toten hier[,] um 6 Uhr rükken wier wieder zurück[,] das war die Schlacht bei Tammien [Tamines], nun hatten wier hier 1-2 Stunden aufenthalt[,] darauf gings wieder fort[,] denn die Stadt sollte vernichtet werden[,] eher wier ausrükten wurden noch 260 Zivil Personen erschossen wegen ihr verhalten am morgen gegen uns [vgl. Heideregiment S. 49], um 12 Uhr [nachts] bezogen wier Biwak [an der Ferme Belle Motte bei le Roux], um 4 Uhr [am 23.08.1914] gings wieder los waren angetreten[,] da wurden wier mit 2 gruppen zum Munitionsempfang kommandiert, abends um 7 Uhr war unsere Attillerie in schwere bedrängnis, da hieß es alles was Gewehr hat nach vorne, nun schoben wier uns zwischen die Geschütze, hier gruben wier uns ein und bereiteten uns zum angriff vor[,] denn jeden augenblick konnte Feindliche Infanterie erwartet werden, wier gruben uns schließlich einen graben hier stehen die Schützen und brachten die nacht darin zu.

Montag, d. 24/8. 14.

Morgens um 4 Uhr fuhr die Battr. ab[,] da gingen wier auch zurück zu unsere Munitionskollonen die fuhr aber zu schnel und wier konnten ihr nicht folgen kam auch von den andern ab und langte mittags um 12 Uhr bei der Kompanie an[,] abends um 8 Uhr bezogen wier quatier in __________ [Fraire].

Dienstag, d. 25/8. 14.

marschierten wier wieder hinter den fliehenden Franzosen her[,] so gings es weiter bis zum 27. Da rückten wier in Frankreich ein[,] hier mußten wier etwas vorsichtiger sein, am 28. abends kammen wier vor Guisee [Guise] an[,] hier logierten wier im Chaussegraben um 4 Uhr[,] am Sonnabend den 29/8 rückten wier um 4 Uhr aus und marschierten durch Guisee [Guise][,] es herschte starker Nebel die 17. Husaren ritten voraus[,] alls sie plötzlich von allen seiten feuer bekammen und nach allen Winden aus einander stoben [,]wir wurden als rechte seiten Deckung raus[,] konnten uns nicht mehr halten und zogen uns hinter hafer zurück, von hier aus zogen wier uns zurück nach einem Gute von hier ab gingen wier wieder vor unsern Regiment sammelte sich darauf und wier lagerten uns vor der Chaussee zogen uns aber zurück im Schatten der Bäume[,] hier lagen wier bis um 6 Uhr[,] dann hieß es alles zum Angriff vorzugehen, wie ein Mann stands Regiment auf und er ging gegen den Feind an, der Feind empfing uns aber mit starken Atilleriefeuer, wärend die Feindliche Infanterie gleichzeitig zum Angriff überging, wir kammen durch die Tahlmulde bis zum Kamm der nächsten Höhe (Sie ist im Nachrichtenblatt) veröffentlicht, die Photografie ist von Ob. St. Artz v. [B…?])

Hier setzten wir uns fest und dann hieß es aus halten, hier trafen wier mit der Feindlichen Infanterie zusammen. Die unterstützt von ihre Atillerie, uns hier zurück drängen wollte, knieend, bald links bald rechts, uns was schwenkend, suchten wir uns den Feind auf 50-100 von Leibe[,] aber unsre Zahl wurde immer kleiner[,] alle Augenblicke hieß es (Ik hev minen Deel) Ich hab mein Teil. Als letzte gingen Einj. Freiw. Buhr und ich zurück 30 m rechts von uns marschierte ein Trupp von 30 Mann[,] wir sehn uns die leute genau an und sahen[,] das es Franzosen waren, wir beide wollten sie zuerst gefangen nehmen, ließen aber von unserm Vorhaben ab, und im laufschritt ging es auf unsere Linien zurück, und konnten sie hier schon, von vorne kommen, ein paar Salven und sie waren zusammen geschossen, unsere linien kam ich gerade neben Freund H. Röhrs aus Bergen zu liegen, links neben mir wurde Offz. Stellv. Stüdter von der 3. verwundet, nun wurden wir in Kompanien ein geteilt, und mußten uns ein buddeln, H. R. und Ich, waren als Pioniere ausgebildet und gruben uns so tief ein[,] das wir stehend schießen konnten, als wir diese arbeit geschafft hatten[,] gingen wir beide zu den vor unsern linien liegenden Franzosen, und nahmen denen das Brot ab, denn die hatten es nichts mehr nötig, und wir hatten Hunger. Aber unsere Feldküchen kamen auch noch raus, nun hieß es Essen hohlen, ich hin, mit den Kochgeschirren, die wurden beide gefüllt und der Kutscher mußte mir noch eine Flasche Wein geben, und ich zog wohl versorgt zu der Stellung[,] wo ich von Kamerad H. Röhrs freudig empfangen wurde. Hier lagen wir nun bis zum andern nachmittag um 3 Uhr[,] wo die ganze Division zum Angriff vorging. Dann bezogen wir Biwack vor Landifai [Landifay] und am andern morgen den 31/8. rückten wir ins Dorf, wo wir einen ruhetag hatten, hier wurde eine gründliche säuberung vorgenommen, den die Haferflöhe hatten uns im Biwack stark zu gesetzt. Am nachmittag war Feldgottesdienst und wo es möglich war wanderte Franzmanns Kuchen ins Deutsche Kochgeschirr.

1/9. ging die jagd hinter den Franzosen wiederlos immer weiter nach Frankreich hinein, gingen kampflos über die Marne, wo es ein längeres Halt gab, weil vorne die sache nicht ganz geklärt war, am 5/9. marschierten wir morgens durch Montmor [Montmort], als Spitze der Division, wir waren eben durch den Ort [Étoges], auf einmal ging eine Schießerei los, und die Husarenpferde kamen hier zurück, ein kurzer befehl und das I. Bat. stob zu beiden seiten der Chausse ausein[an]der und im kurzen anlauf war die feindliche Nachhut übern haufen gerannt. Dann wurde das Regiment zusammen gegangen und halt gemacht, denn wir mußten uns hinten an die Division anschließen, am Abend kamen wir nicht in das für uns bestimmte Quatier, sondern mußten wider zurück, und bezogen im Dunkeln in einen Schloßhof [Château de Congy] Biwak, es war soetwas wie dicke Luft da.

Am 6/9. morgens wurden wir zur Flankierung ein gesetzt, wir buddelten uns etwas ein, und harrten der Dinge[,] die kommen sollten[,] und sie kamen in Gestallt von Französischen Schrapnells aus der schlechten Kiste oder zu hoch, am abend wurden wir vorgezogen, das III. Bat. hatte die Franzosen zurück gedrängt, wir marschierten durch den Ort [Joches] aufs Feld zum Schanzen, revidierten aber zuerst die Kornstiegen nach eisernen Portionen und fanden auch ein gut teil, denn die Franzosen erleichterten ihre Tornister gerne.

7/9. wurden wir im Dunkeln zurück gezogen mußten antreten und marschierten ab, bei hell werden kamen wir an die große Straße, hiertrafen wir 77. 164. wir marschierten weiter und machten halt vor den Wald von Chalons [bisher nicht identifizierter Wald], hier wurden die Kompanien auseinander gezogen. Die Hornisten mußten das alt bekannte Angriffs Signal der Sitt nach Wort geben und gings in den Wald. Vorm Walde hatten sich die Franzosen in den Weiden , hinter den Hecken fest gesetzt, wurden aber nach kurzen, heftigen Feuergefecht, gefangen genommen, nun gings vor auf das Dorf St. Prix [Talus-Saint-Prix] und die höhen links davon. Ueber die höhen konnten wir nicht vorwärts kommen, und zogen und nach rechts aufs Dorf zurück, hier wurde eine Kompanie zusammen gestellt (unter Lt. Lerche), und nun versuchten wir rechts aus dem Dorf heraus zu umfassen, wollte aber auch noch nicht gehen, nun wollte Lt. Lerche noch weiter rechts mit uns aushohlen, da kam befehl von Major Bode [Bataillonskommandeur III. Batl. IR 77], der unterdeß ins Dorf [wohl Soizy-aux-Bois] gekommen mit dem[,] was er hatte zusammenraffe[n] können[,] sich ihm anschließen, nun gings auf der Dorfstraße vor Papa Bode voran mit seinen Klappstok die Chausse war tief eingeschnitten, und so kammen wir denn bis zur Höhe hinauf, wo ein Feldweg war, diesen besetzten wir, er war tief ausgefahren[,] wir konnten knieend schießen. Aber der Franzose bedacht uns hier ordentlich, so das wir uns, auf befehl (von Herrn Major Bode[)] aufs Dorf zurück zogen, hier machten wir eine Atempause, dann gings auf den ruf so jungs wieder los von Papa Bode wieder vor das dritte mal, blieben [Wort fehlt: wo] wir waren, es wurde schon dunkel, wier buddelten uns [im Branle Wald] ein, um 11 Uhr hieß es leise zurück ziehen, in St. Prix wurden die Kompanien etwas vormiert, und dann gings durch den Wald zurück, vorm Walde hielten die Feldküchen nun gabs Essen, und dann hieß es antreten, und nun gings den weg zurück, wo wier am Morgen hergekommen waren, aber nicht lange wärte der marsch das Frühlicht traf soeben an [am 8.9.1914] [,] da wurde halt gemacht[,] das Battl. auseinander gezogen, und wier gruben uns ein, als auch schon ein erster Gruß vom Feind eintreffen, wobei unsere Komp. 1 leicht verwundet hatte, hier lagen wir bis nachmittags um 4[,] wo wir uns in die hinter uns liegende Holzung zurück zogen, nach rechts marschierten und durch den Wiesengrund angreifen, beim vorgehen mußte ich bei einem M.G. eintreten und kam dadurch von der Komp. ab. Mitt unserm M.G. gingen wir biß zum Walde vor, hier mußten wir etwas halten, plötzlich kommt ein Zug 92. zurück, sie sind bei nächsten Straßenecke auf eine feindliche marsch kolonne gestoßen, nun mußten wir unsern zwei M.G. vorgehen. wir sollten das gelände abstreuen, wir machten die Gewehre fertig und gingen im Chaussegraben vor bis zu der betreffenden ecke, hier machten wier einen sprung über die Chausse und schoßen was die Rohre hergeben wollten, hatten dabei noch einige verwundete, und ein Gewehr mußte zurück gezogen werden, wegen Schuß defekt, kein Franzose ließ sich sehen darauf wurde das andere Gewehr auch zurück gezogen, und wir mußten auch noch eine stellung besetzen biß zum andern nachmittag den 9/9. wo wir uns um 5 Uhr zurück zogen, wir waren am weitesten nach Frankreich hinein gewesen.

Handgezeichnete Karte am Ende des Tagebuches. Die gestrichelte Linie zeichnet den Weg des Verfassers am 7./8. September 1914 nach.
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Kriegstagebuch des Leutnants Werner Rieck – Grenadier Regiment 12 (04. August 1914 – 02. Februar 1915)

Biographisches zur Werner Rieck

Die Biographie von Werner Rieck lässt sich auf Grund der doch zahlreich vorliegenden Unterlagen relativ gut rekonstruieren. So liegen in meiner Sammlungen neben dem Kriegstagebuch vom 04. August 1914 bis 02. Februar 1915 auch der Personalbogen sowie ein Konvolut von Feldpostbriefen an seinen Vater vor. In diesen Feldpostbriefen sind auch die Original-Kriegstagebücher Riecks enthalten, die er während des Krieges in Kurzschrift verfasst hatte.

Erst Hermann Werner Rieck wurde am 07. Januar 1892 in Berlin geboren. Sein Vater Hermann war zuletzt Prokursit bei der Nürnberger Lebensversicherungs-Bank. Seine Mutter hieß Anne, geb. Köhlert. Werner Rieck wurde im elterlichen Hause erzogen und besuchte das Kaiserin-Augusta-Gymnasium in Berlin-Charlottenburg und das Humboldt-Gymnasium in Berlin. Anschließend studierte acht Semester lang Rechts- und Staatswissenschaften. Im Personalbogen wird sein Zivilverhältnis, also sein Beruf, mit Rechtsreferendar angegeben. Als Wohnort wird Charlottenburg genannt.

Am 1. Oktober 1911 trat Rieck als einjähriger Freiwilliger in die 9. Kompagnie des 2. Garde-Regiments zu Fuß ein. Am 15. September 1912 wurde er zum Unteroffizier befördert undam 1. Oktober 1912 zur Reserve der Provinzial-Infanterie entlassen. Am 13. April wurde er beim Infanterie Regiment 132 zum Vizefeldwebel der Reserve befördert.

Mit Kriegsbeginn 1914 wurde Werner Rieck am 4. August 1914 zum Grenadier-Regiment 12 eingezogen. Er war dort im II. Bataillon in der 6. Kompagnie Vizefeldwebel. Zunächst war er mit seinem Regiment an der Westfront in Belgien und Frankreich eingesetzt. Am 22. Januar wurde Rieck das Eiserne Kreuz 2. Klasse verliehen, was er in seinem Kriegstagebuch allerdings nicht erwähnt. Diese Information stammt aus dem Personalbogen. Am 31. Januar 1915 erfolgte seine Beförderung zum Leutnant. Am 2. Februar 1915 erfolgte Riecks Versetzung an die Ostfront, wo er jedoch aus mir unbekannten Gründen nicht lange blieb. Vermutlich lagen gesundheitliche Gründe vor, denn er wurde bis Kriegsende nicht mehr an der Front eingesetzt. Rieck war ab dem 14. Dezember 1915, wohl bis Kriegsende 1918, Adjutant bei der Bahnhofskommandantur in Cottbus. Die Unterlagen aus dieser Zeit wurden zwar ebenfalls auf Ebay versteigert. Allerdings lag das Höchstgebot nicht bei mir.

Die zahlreichen Feldpostbriefe an seinen Vater, die ebenfalls in meiner Sammlung vorliegen und denselben Zeitraum wie das Kriegstagebuch abbilden, konnten bisher nicht ausgewertet werden.

Werner Rieck als einjähriger Freiwilliger

Bei der hier vorliegenden Version des Kriegstagebuches handelt es sich um eine Abschrift, die Werner Rieck im Februar 1916 an seinen Vater geschickt hat.

Brief von Werner Rieck an seinen Vater über die Abschrift des Kriegstagebuches.
Originalkriegstagebuch in Kurzschrift
Erste Seite der von Werner Rieck selbst angefertigten Abschrift seines Orignalkriegstagebuches

Bezug zu Schriftsteller Walter Bloem

Der Schriftsteller Werner Bloem (1868-1951) nahm als Hauptmann der Reserve, später als Major der Reserve am 1. Weltkrieg teil. Er war Kompagniechef der 2. Kompagnie des I. Bataillons des Grenadier-Regiments 12 – also dem Regiment, in dem auch Werner Rieck eingesetzt war.

Werner Bloem verarbeitete seine Eindrücke aus dem Krieg in seinem autobiographischen Buch „Vormarsch“, das in erster Auflage 1916 erschienen ist.

Interessant an Riecks Kriegstagebuch sind zwei Bemerkungen, die Werner Riecks Vater hineingeschrieben hat. So steht auf der Umschlaginnenseite: „Die Angaben im vorliegenden Kriegstagebuch stimmen auffallend mit Walter Bloems „Vormarsch“ überein. H.R.“ Als Anmerkung zum 23. August 1914 ist zu lesen: „S[iehe] auch Bericht von Walter Bloem“.

Deshalb wird es nun für mich notwendig sein, das Buch „Vormarsch“ einmal zu lesen, um dies selbst zu überprüfen. Über die Ergebnisse des Lesens werde ich später dann hier berichten.

Einband von Walter Bloems "Vormarsch" in der ersten Auflage von 1916. Das Buch ist im Verlag Grethlein & Co GmbH in Leipzig erschienen.

Kriegstagebuch von Werner Rieck (04. August 1914 - 02. Februar 1915)

4. August

3. . Mobilmachungstag – Meldung beim Regt.

8. August

517 nachm. Abfahrt von Frankfurt a. O., 100 Ankunft in Berlin-Neukölln, wo das Abendessen eingenommen wurde; gegen 110 Weiterfahrt.

9. August

Morgens 50 in Burg, hier Frühstück; Weiterfahrt über Magdeburg, Seesen, Börssum durch das Harz- und Weserland bis Lippstadt. Auf allen Bahnhöfen ein begeisterter Empfang; man überbot sich darin, den Soldaten Gutes zu erweisen.

10. August

In Wattenscheid Frühstück. Weiterfahrt über Essen, Düsseldorf, Neuß bis Elsdorf, dem Endpunkte der Fahrt. Marsch bei glühender Hitze bis Hambach. Quartier im Haus Nr. 50 bei Sperl.

11. August

Felddienstübung in der Gegend von Hambach. Dasselbe Quartier.

12. August

Marsch nach Dürwiß; hier Bürgerquartier.

13. August

Von Dürwiß nach Eilendorf. Quartier bei Bahnvorsteher Schutzeich Bahnhofstr. 1 zusammen mit den Einj. Stephan v. Altrogge.

14. August

330 Wecken. 50 Abmarsch. 60 Überschreiten der deutsch-belgischen Grenze bei Herbesthal. Weitermarsch vorbei an zerstörten Gehöften, durch zerstörte, teils noch brennende Städte und Dörfer wie Battice, Julément. 7. nachm. Überschreiten der Maas bei Wandre. 80 einstündige Rast und Essen bei Herstal; dann weiter bis zum Dorf Glous, wo wir 1130 nachts ankamen bei Regenwetter. Biwak.

16. August

Etwa um 90 wurde der Vormarsch fortgesetzt in westlicher Richtung, aber nur 15 km weit bis Berg, 2 km entfernt von Tongres. Biwak.

17. August

Marsch durch Tongres, Stadt von etwa 30000 Einwohnern, mit schöner gotischer Kathedrale, bis Looz; hier Mittagrast auf freiem Felde. Der Marsch wurde fortgesetzt bis Houppertingen, größerem Dorfe, teilweise von Einwohnern verlassen. Hier Quartier zusammen mit Lt. Thiele u. Offz. Stellv. Simon in einer Wirtschaft; freundliche Aufnahme, wenn auch nicht übermäßig sauber.

18. August

30 Abmarsch. Im Hinblick auf die zu passierenden Flüßchen und Kanäle wurde noch alles mögliche Material zum Brückenbau requiriert und auf Wagen verladen. Uns ist es leider nicht zu gute gekommen. ½ 11 erster Zusammenstoß des Regiments mit dem Feinde, der unblutig verlief, wenigstens für uns. Ich selbst war zur Fahne kommandiert, und zwar mit dem Fahnenträger bei der 7. Komp. Die Kompagnie war nur entfaltet, nicht entwickelt. Gegen 70 abends nochmals Begegnung mit dem Feinde, von dem wir allerdings nichts zu sehen bekamen. Das Dorf, in dem sich Belgier festgesetzt hatten, war von unserer Artillerie zum Teil in Brand beschossen; es war ein schauerlich schöner Anblick, wie sich die brennenden Baulichkeiten, darunter ein Mühle, von Abendhimmel abhoben.

Nachdem diese Aufgabe erledigt wart, ging es noch etliche Kilometer weiter bis —?—, wo wir gegen 110 ankamen und Ortsbiwak bezogen. Die 7. Komp. war auf einem verlassenen Gehöfte untergebracht.

19. August

Früh ging es weiter auf der großen Straße auf Löwen zu. Man merkte, daß hier Kämpfe stattgefunden haben. In den Ortschaften Häuserruinen, zum Teil noch brennende Häuser. Auffallend ist die große Anzahl von Uniformstücken, die man namentlich in der Nähe von Ortschaften zu beiden Seiten des Weges liegen sieht. Als hätten es die belgischen Soldaten vorgezogen, sich in Zivilkleidung dünn zu machen. Um 100 etwa war Vorhut wieder auf Feind gestoßen, darunter F./12.; wieder wurde nur eine Entfaltung vorgenommen; unsere Aufgabe bestand hernach lediglich darin, belgische Kavalleriepferde, die ohne ihre Reiter herangesaust kamen, einzufangen, eine willkommene Beute. Lange hielt uns dies Gefecht mit belgischer Nachhut nicht auf. Es ging weiter auf Löwen zu. Das Innere der Stadt bekamen wir nicht zu sehen; durch Vorstädte ging es zum Westrand der Stadt, wo die große Straße nach Brüssel abgeht. Auf ihr marschierten wir dann, nachdem noch in Löwen Fütterung gehalten worden war, 5 km weiter bis Leefdal. Bataillon auf Vorposten. Bataillonsstab und Fahne in einer verlassenen Wirtschaft.

20. August

Weitermarsch Richtung Brüssel. ¾ 8 erster Halt bei dem Kongo Museum in Tervuren. Dann weiter bis Anderghem 7 km von Brüssel entfernt. Der Weitermarsch geht durch die südlichen Vorstädte von Brüssel durch Ixelles, Uccles [Uccel] (rue de Waterloo), wo etwa eine Stunde lang Halt gemacht wurde, bis Ruysbroeck, etwa 7 km südöstlich Brüssel. Hier Quartier bei der 7. Komp.

21. August

Abmarsch von Ruysbroeck gegen acht Uhr. Nach einem Marsche von 8 km gingen wir bereits zur Ruhe über, und zwar in Hal, einem Städtchen von etwa 15000 Einwohnern mit prächtiger gotischer Kirche, die ein wundertätiges Marienbild enthält. Mein Quartier lag in einer kleinen vom Markt abgehenden Seitenstraße. Die Aufnahme war sehr freundlich. Konnte man doch hier endlich mal wieder seinen Körper pflegen und in schönen hölzernen Betten schlafen.

22. August

Gegen 6 Uhr Abmarsch. Vorbei an Enghien, Schloß des Herzogs v. Arenberg, bis Thoricourt. 2. Batl. auf Vorposten. Die Engländer waren gemeldet worden. Die Nacht verlief aber ohne Zwischenfall.

23. August Sonntag.

Marsch bis Baudour, wo Quartiere bezogen werden sollte. Kurz vor der Ankunft daselbst wurde bekannt, daß die Eisenbahndämme südlich B. von Engländern besetzt seien. Es war gegen 11 Uhr. Das II. Batl. entfaltete sich diesseits des Bahndammes, ging über die Bahn und entwickelte sich jenseits derselben. Kaum waren wir drüben, als uns heftiges Artilleriefeuer empfing. Überall krepierten die Schrapnells, rechts und links von mir sanken die Leute zu Boden. Immer vorwärts.. Als erster von seinem Zuge fiel Leutnant Thiele, Führer des 3. Zuges. Nachdem der Wald hinter uns lag, waren wir nicht mehr im Artilleriefeuer, aber in heftigem Infanteriefeuer. Unverletzt kam ich über die Wiesen durch zwei Bäche hindurch an den Anfang des dichten Waldes von St. Ghislain. Durch diesen gingen wir d.h. Lt. Leo, Fähnrich Steinhausen, ich und etwa dreißig Mann hindurch bis zum jenseitigen Waldrande, der etwa 100 m vom Rande der Ortschaft entfernt war. Ein Gehöft, eine Fabrik schienen namentlich stark besetzt zu sein. In diesem Waldrande mußten wir kleine Schar einstweilen Deckung nehmen, um Verstärkungen abzuwarten. Hier mußten wir tatenlos bis zum Abend verharren. Ohne Opfer ging es auch trotzdem nicht ab. Als sich Lt. Leo im Gespräch mit dem Batls. Adjutanten v. Haugwitz, der auch bald danach fiel, aus seiner liegenden Stellung aufrichten, erhielt er einen Schuß in die rechte Seite und war nach wenigen Minuten tot. Er war das einzige Kind seiner Eltern gewesen.

Mit Einbruch der Dunkelheit kamen der Hauptmann v. Freyhold, der Feldwebel Woite, die Vzw. Simon und Schneider mit kleineren Trupps an, sowie Teile der anderen 3. Komp. des Btl. Jetzt wurde der Fähnrich Steinhausen durch einen Handschuß verwundet, offenbar ein verirrtes Geschoß; der Feind schoß trotz der Dunkelheit noch.

Die Nacht verbrachte das Batl. in dem obenerwähnten Waldrand in Schwarmlinie.

Während der Nacht war die feindliche Stellung zum größten Teile geräumt worden. Mit dem Morgengrauen wurde weiter vorgegangen; bald war die Stadt unser. Wir marschierten durch die Stadt hindurch und weiter in südlicher Richtung bis Hornu. Hier tobte schon der Kampf, als das Regiment eingesetzt wurde. Die 6. Komp. nahm Stellung an einem Bahndamm und Schrapnellkugeln ergoß sich über uns. Glücklicherweise wurde nicht allzuviel Schaden angerichtet zumal es unserer Artillerie bald gelang, die feindliche niederzukämpfen. Mir hatte eine Schrapnellkugel ein Loch in den Mantel gerissen; ich selbst blieb unverletzt. Nachdem wir in dem einen von uns eroberten Hüttenwerk uns an dem Futter der Gulaschkanone gestärkt hatten, ging es hinter den sich zurückziehenden Engländern her. Wir marschierten bis Dours [Dour], wo wir um Mitternacht ankamen und Biwak bezogen.

25. August

Schon vor 5h war es mit dem Schlafe vorbei; um 6h marschierten wir ab in Richtung auf die französische Grenze. Diese wurde um ½ 2 bei Fait le Franc [Fayt-le-Franc] überschritten zwischen den beiden Festungen Valenciennes und Maubeuge. erst um ½ 12 nachts wurde in Lolymetz Halt gemacht.

26. August

8h Abmarsch. Immer hinter dem Gegner her. Keine wesentlichen Ereignisse. Gegen 10h abds. Ankunft in Esquanfourt. Ortsbiwak.

27. August

7h Abmarsch. In der Marschordnung ist Regt. 12 am Eden des Gros. Übergang zur Ruhe in Vianicourt. Ortsbiwak.

28. August

Abmarsch 7h. Verfolgung des Feindes bis gegen 2h bei glühender Sommerhitze; gefechtsbereit, da gemeldet war, der Feind sei eingekreist, seine Kavallerie versuche einen Durchbruch. Auf dem Weitermarsche ging es vorbei an Péronne, das nach kurzer Beschießung die weiße Flagge hochgezogen hatte. In Le Mésnil-Bruntel [Mesnil-Bruntel ]Alarmquartiere.

29. August

Wie üblich gemäß Batls.-Befehl 5h marschbereit. Abmarsch 8 ½h. Verfolgungsmarsch über Brie bis Marchélepot. Hier mehrstündiger Halt dann wurde in dem etwa 2 km entfernten Miséry [Misery] Ortsbiwak bezogen.

30. August

515 Abmarsch. Zunächst bis Marchélepot, wo das Regiment sich sammelte. Weiter über Chaulnes, Halle, Hattencourt, Fouquescourt, Rouvroy, Bouchoir, Daméry. Südlich Chaulnes längerer Halt, weil die Vorhut auf Feind gestoßen war. Glühende Hitze. In Fresnoy Notquartier.

31. August

4h Abmarsch. Anstrengender Marsch mit kurzen Unterbrechungen über Goyencourt, Roye, Crapeaumesnil, Lassigny, Ribécourt, Bailly, Allencourt, Tracy-le-Mont bis Rue du Val bei Attichy (im Aisnetal unweit Compiègne)

1. September Gefecht bei Villers-Cotterets [Villers-Cotterêts].

3 Uhr Wecken. 730 Abmarsch. Nach etwa dreistündigem Vormarsch wurde der Feind gemeldet. Das Bataillon wurde entwickelt in der Gegend von Roy St. Nicolas und Faillefontaine. Wir gingen vor, ohne aber auf den Feind zu stoßen. Es wurde gesammelt und weitermarschiert. Gegen 2 Uhr erhielt das Bataillon den Auftrag, zwei englische Kompagnien, die abgeschnitten sein sollten, anzufangen. Sie wurden aber nicht gefunden. Wieder ging es weiter über Haramont bis in die Gegend von Largny, wo Mittagsrast gehalten wurde. Kaum hatte ich mich nach dem Essen ein wenig hingelegt und war sanft entschlafen, als der Befehl zum Schwärmen gegeben wurde. Nicht lange, so wurden wir auch schon von Artilleriefeuer empfangen, ohne daß nennenswerter Schaden bei uns angerichtet wurde. Zwei Stunden vergingen unter beiderseitigem Artilleriefeuer. Gegen 7 Uhr verstummte es. Wir marschierten weiter, zunächst unter Anwendung von Vorsichtsmaßregeln, dann in Marschkolonnen, zunächst bis Villers-Cotterets [Villers-Cotterêts], dann nach Vauciennes wo Alarmquartiere bezogen wurden; 6. Komp. in der Kirche. Ich lag mit zwei Kameraden auf den Stufen des Altars.

2. September

630 Abmarsch von Vauciennes in die Richtung Boursonne. Hier verteilte sich das Regiment am Fuße einer Höhe vor der Mauer des Schloßparks von B. und erwartete die weiter zurückliegenden Truppenteile. Gegen 12 Uhr Weitermarsch nach Ivors. Nach durchschreiten des Dorfes Verpflegungsrast. Dann weiter bis Cuvergnon. Hier mehrstündige Rast und dann Beziehen von Alarmquartieren in C., mein Zug in einer Wirtschaft.

3. September

Am frühen Morgen ging es weiter in vierstündigem Marsche über Mareuil sur Ourq bis Montigny l´Allier, wo um 9 Uhr ein kurzer Halt war. Ein herrlicher Sommermorgen; hügelige, waldreiche Gegend, über die sich himmlischer Frieden breitet. Nach Passieren von Brumetz, Gandélu, Veuilly la Poterie Mittagsrast in Marigny en Orxois. Um 2 Uhr Weitermarsch über Bézu le Guéry bis Nanteuil-sur Marne. Auf dem gegenüberliegenden Ufer der Marne Halt. Beim Anblick der herrlichen Natur vergißt man für kurze Zeit die gehabten Anstrengungen. Weitermarsch über Saacy [Saâcy-sur-Marne] bis Rongeville, wo wir gegen 10 Uhr anlangten. Während der Nacht in Gefechtsstellung.

4. September

½ 7 Aufbruch. Nach vierstündigem Marsch über Petit Villiers, Hondevillers bis Sablonnières. Hier sollte ¾ stündige Rast sein, als der Feind gemeldet wurde . Durch die Höhen zogen wir uns rechts seitwärts und bogen dann immer wieder links ein dem Feinde nach. Es war abgesessene Kavallerie gewesen, die unseren Vormarsch verzögern sollte. Gegen zwei Uhr nachm. das Batl. Halt zur Mittagsrast in Doncy. Kaum war eine halbe Stunde vergangen, als gemeldet wurde, feindliche Kavallerie sei im Anmarsch. In aller Eile wurde fertig gemacht und abgerückt. Bald stellte sich heraus, daß Eile noch gar nicht nottut, wenngleich sich feindliche Kavallerie im Vorgelände zeigte. Nachdem wir 3 km vorgerückt waren, wurde gehalten und ich entwickelte meinen Zug in der Richtung auf eine Anhöhe, an der einige vorgeschobene Gehöfte des Dorfes Barthélemy [Saint-Barthélemy] lagen, und ging in Stellung. Vereinzelt zeigten sich französische Kürassiere, wurden aber meistens abgeschossen. Wenige Meter rechts von uns war eine Batterie F.A. 54 in Stellung und gab Feuer. Plötzlich wurde sie mit einem Hagel von Granaten überschüttet. Wir zogen uns zunächst aus dem Strichfeuer der feindl. Artillerie links seitwärts, gleich darauf aber gingen wir in Richtung des Dorfes [Bruo?] [vermutlich das Dorf Grenet – vgl. Erinnerungsblätter S.28], das inzwischen bereits geräumt war. Das II. Batl. bog dann rechts vor dem Dorfe ab und ging hinter dem I. Batl. vor. Es blieb untätig, während links von uns ein Kavallerieangriff abgeschlagen wurde. Danach zogen wir durch das Dorf durch, in dem Kolonnen französischer Bagage verlassen standen, bis zum Kirchhof. Hier wurde geschanzt. Die Nacht lagen wir in Gefechtsstellung zur Bedeckung einer Batterie.

5. September Gefechte von La Chapelle Véronge und Sancy [Sancy-lès-Provins]

II./12 wieder in der Vorhut, und zwar im Vortrupp; 6. Komp. am Ende des Vortrupps. Früh gegen 6 Uhr wurde die Stellung geräumt, nachdem die Nacht ohne den geringsten Zwischenfall verlaufen war, und der Vormarsch angetreten. Schon nach etwa einer Stunde stieß die Spitzenkompagnie auf Feind, kurz vor la Chapelle Véronge, und griff an. 2 Kompagnien und eine Batterie wurden eingesetzt. Nach kurzer Dauer des Gefechts zog sich der Feind zurück und die Verfolgung wurde wieder in geschlossener Ordnung fortgesetzt. Im nächsten Dorfe ¾ stündige Rast. Gegen 11 Uhr ging es weiter. Bald nach Verlassen des Dorfes wurde abermals gehalten. Es kam die Meldung, das nächste Dorf sei von Infanterie oder abgesessener Kavallerie besetzt. Kaum hatte die Entfaltung begonnen, als wir in Artilleriefeuer kamen. Die 6. Komp. sollte als Unterstützung des Bataillons hinter der 5. Komp. folgen, und zwar die Züge hintereinander in kurzen Abständen rechts und links der Chaussee im Graben. Der erste Zug war bereits im Graben, der zweite, mein Zug, begann hineinzusteigen, als ein ganzer Regen von Schrapnells auf uns niederprasselte. Hinter der 5. Komp. die zu beiden Seiten der Chaussee in Schützenmulden lag, gingen wir im Chausseegraben weiter vor, während sich des feindliche Artilleriefeuer mehr und mehr auf die weiter rückwärts liegenden Truppenteile, namentlich auf unsere Artillerie konzentrierte. Auch bei der Gefechtsbagage waren Verluste zu verzeichnen. Nach etwa vierstündiger Dauer dieses Artillerieduells hörte die feindliche Artillerie auf, zu schießen; wir gingen gegen das Dorf – es war Sancy-les-Provins [Sancy-lès-Provins] – vor, zogen durch und machten am anderen Dorfrande längere Zeit Halt, während welcher Zeit gegessen wurde. Gegen 8 Uhr bezogen wir dann Alarmquartiere in Sancy, der Ort, in dem der Feind seine Stellung gehabt hatte. Untergebracht war die Komp. in der Schule.

6. September

Gegen 8 Uhr Abmarsch in nordöstlicher Richtung. Da der Feind auf die Seine zurückgeworfen und von Paris abgeschnitten sei, habe die I. und II. Armee (v. Kluge und v. Bülow) die Aufgabe, Paris auf der Ostseite einzuschließen und etwaige Vorstöße daraus abzuwehren. Regt. 12 marschiert im Gras vor dem Leibregiment und den 52ern. Nach etwa zweistündigem [Marsch] wurde Halt gemacht. Inzwischen tönte in unserem Rücken in der Gegend von Sancy Kanonendonner, der immer stärker wurde. Es dauerte auch nicht lange, als der Befehl kam, Regiment 12 rückt wieder auf Sancy vor. Unterwegs wurde die 6. Kompagnie zur Bedeckung der großen und Gefechtsbagage befohlen. Gegen 3 Uhr nachm. begann die Vorwärtsbewegung, die aber wegen des feindlichen Feuers wieder ins Stocken geriet. Mit Eintritt der Dunkelheit ging es dann neulich vorwärts. Als die Kompagnie bei dem Divisionsstab vorbei kam, wurde sie angehalten und blieb während der Nacht teils als Wache für den Stab, teils als Bedeckung für leichte Munitionskolonnen.

7. September

Bereits um 5 Uhr ging es weiter und zwar jetzt in der Tat der Marsch angetreten wie am Tage vorher angekündigt. Wir passierten die Ortschaft St. Mars [Saint-Mars en Brie], la Ferté Gaucher, Doucy, Bellot (wo sich die Ereignisse am 4.IX. abgespielt hatten). Gegen 4 Uhr längerer Halt. Während des Weitermarsches bogen wir in die Straße Metz-Paris ein, wo auf einem Meilenstein die Entfernung bis Paris mit 57 km angegeben war. Auf dieser Straße marschierten wir bis La Ferté sous Jouarre an der Marne, das wir um Mitternacht erreichten Alarmquartiere; mein Quartier befand sich in einer schönen, reich ausgestatteten Villa, wo ich nach langer Zeit wieder mal, wenn auch nur halb ausgekleidet in einem schönen Bette schlief.

8. September Lizy Le Plessis-Placy

Lange sollte das Vergnügen nicht dauern. Schon um 5 Uhr ging es weiter und zwar zur Unterstützung des IV. Res. Korps, das in Gemeinschaft mit dem II. und III. ? Res. Korps gegen die vor Paris liegenden französische Armee im Feuer lag. Ankunft auf dem Schlachtfelde ca. 11 Uhr. Wir griffen vorläufig noch nicht ins Gefecht ein, sondern blieben Unterstützung. Gegen ½ 1 kam das Befehl auf Vincy vorzurücken und das Dorf zu nehmen, weil es vom Feinde besetzt sein sollte. Dies stellte sich als irrtümlich heraus. Wir gingen deshalb in das Dorf Le Plessis-Placy, wo Mittag gegessen wurde. Hier blieben wir bis 7 Uhr liegen. Dann ging II./12 in die vordere Schützenlinie vor, um die Schützenlinie zu verstärken. Hier blieben wir während der Nacht in Erwartung eines feindlichen Vorstoßes. Im Morgengrauen ging die Komp. zurück; von jedem Zuge blieb eine Gruppe vorn unter meiner Führung.

9. September

Bis gegen 7 Uhr war Ruhe. Dann begann unsere Artillerie das Feuer, das von der feindlichen erwidert wurde. Zeitweise krepierten die Geschosse auch in unmittelbarer Nähe des Schützengrabens, ohne daß jemand verletzt wurde. Aber auch sie galten wohl der Artillerie, die nicht mit weit von unserem Graben in Stellung war. Gegen 2 Uhr kam der Befehl: Alles kehrt marsch! Anfänglich schloß ich mich mit meinem Häuflein der 8. Kompagnie Regts. 24 an, bei der ich noch einen Bekannten, den Vfw. Koppelow, traf, mit dem ich bei I.R. 132 geübt hatte. Bald aber trennte ich mich und stieß nach wenigen Stunden wieder zur Komp. Nunmehr folgte ein fast ununterbrochener Marsch bis in die Nacht hinein. Um ½ 1 Nachts wurde Halt gemacht, Essen ausgegeben und dann durfte man die müden Knochen etwas ruhen.

10. September

Um ¾ 3 ging es schon wieder weiter und immer weiter in ununterbrochenem Marsche bis Choicy?, südöstlich Villers-Cotterets [Villers-Cotterêts], wo wir Quartier bezogen. Die Unterkunft war gut und berechtigte zu den schönsten Hoffnungen durch den bösen Feind schmählich zerstört. Schon um 11 Uhr wurde alarmiert, kaum daß wir uns gewaschen und eine Tasse Kakao nebst etwas Gebäck zu uns genommen hatten; die schon gerupften Hühnchen wanderten unzubereitet ins Kochgeschirr. Zunächst ging das Regiment, das in der Nachhut war, (II./12 Nachtrupp) am Südrand des Dorfes in Stellung; dieser Plan wurde aber aufgegeben und es fiel dem Regt. die Aufgabe zu, für die 5. I.D. eine Aufnahmestellung einzunehmen. Südlich Corcy nahmen 5. u. 6. Komp., die wegen ihrer geringen Stärke zu einer vereinigt waren – 5. Komp. hatte bei le Plessis Placy ihre Offiziere bis auf einen Offz. Stellv. Vohran verloren – ihre Stellung ein. Dort lagen wir bis zum Einbruch der Dunkelheit. Dann kam der Befehl zum Rückmarsch. Hindurch durch Corcy und Longpont marschierten wir bis zu den Höhen von L., wo die 67. Komp. in Reserve am Fuße der Höhe zur Ruhe überging. Von 12 bis 3 Uhr lag sie im Schutze eines großen Strohschobers.

11. September

Noch im Dunkel der Nacht – es war zeitweise sternenklar – rückten wir ab in Richtung auf Soissons. Während dieses ebenfalls fast ununterbrochenen Marsches wurden Gefangene – Franzosen und Engländer, weiße und farbige – an uns vorbeigeführt. Gegen Mittag war Soissons in Sicht. Wir marschierten aber nicht durch die Stadt hindurch, sondern im Süden an der Stadt vorbei noch einige Kilometer in nordöstlicher Richtung. Auf einer Hochfläche ließ der kommandierende General das III. A.K., v. Lochow, die Truppen an sich vorbeiziehen und rief ihnen ermunternde Worte zu. In einem Waldstück wurde Halt gemacht, gegessen und dann legte man sich hin. Leider fing es an zu regnen, daß wir zum teil trotz Stroh und Zeltbahnen bis auf die Haut naß wurden. Bei Eintritt der Dunkelheit durfte das Batl. abrücken, um in einer nahe gelegenen großen Strohscheune die Nacht zu verbringen. Leider war die Freude über das Gefühl, nur von kurzer Dauer. Es mochte 10 Uhr sein, als Befehl kam: Das II. Batl. rückt sofort zum Brückenschutz nach Venizel (Aisne) ab. gegen 12 Uhr waren an der Aisnebrücke Posten aufgestellt und Patrouillen eingeteilt. Darauf legte ich mich neben der Brücke an der Uferböschung hin, um einige Stunden zu ruhen. Die Nacht verlief ohne Zwischenfall; der Marsch der Division über die Brücke vollzog sich ohne Störung.

12. September

Halb erstarrt erwachte ich am Morgen. Die Nacht war sehr kalt gewesen; es hatte auch etwas geregnet. Im nächsten Dorfe Bucy-le Long stärkten wir uns an einer Mehlsuppe, die die Feldküche für uns inzwischen bereitet hatte; als dann zogen wir unsere Straße weiter. Nach mehrstündigem Marsche wurde auf den Höhen oberhalb der Ortschaft Chivres und St. Marguérite Halt gemacht. Es wurden Zelte aufgeschlagen. Man nahm bei der Feldküche seine Portion entgegen und kroch dann ins Zelt. Der Chronometer zeigte 2 Uhr nachmittags. Inzwischen machte sich starker Kanonendonner vernehmbar. Zudem fing es an zu regnen. Bis zum Abend war es in den Zelten noch erträglich. Erst in der Nacht wurde es ungemütlich, als sich der Regen innerhalb der Zelte unangenehm bemerkbar machte. Am Abend fand sich auch der Hauptmann v. Freyhold, der am 11. früh abgekommen war, wieder zur Kompagnie mit mehreren Mann.

13. September

Es war schon hell, als wir geweckt wurden. Vom Feinde waren wir während der Nacht nicht gestört worden, wohl aber durch die Unbilden des Wetters; einmal war so heftiger Sturm, daß das Zelt fast in die Höhe gerissen wurde. Im Laufe des Vormittags zogen wir auf der Höhe mehrfach hin und her, kamen dann aber schließlich an einen Platz, wo wir mehrere Stunden liegen blieben. Als dann gegen Mittag das Artilleriefeuer zu heftig wurde, stiegen wir etwas tiefer hinab in Wald und legten uns an einer ziemlich steilen Böschung hin, um gegen das Artilleriefeuer etwas Deckung zu haben. Etwa 6 Uhr war es, als die Nachricht kam, die Feldküchen wären in unserer Nähe. Einige Mann mit Kochgeschirren wurden abgesandt, um Essen zu holen. Inzwischen hatten sich bei uns auch der Brigade-Kommandeur, Generalmajor Sontag, mit seinem Stabe und der Regimentskommandeur, Oberst v. Reuter, mit seinem Adjutanten eingefunden und hielten sich hier längere Zeit auf. Nach einer Stunde etwa kam das Essen und wurde verteilt; auch der General und der Oberst ließen sich einen Kochgeschirrdeckel mit Linsen geben. Aber als hätte der alt-böse Feind drüben geahnt, daß wir beim Götterschmaus waren, kaum hatten wir zu essen begonnen, als in unserer unmittelbaren Nähe zwei Granaten krepierten, uns über und über mit Erde bewarfen, ohne uns weiter Schaden zu tun. Aber unser schönes Linsengericht konnten wir den Göttern spenden; es war dermaßen bitter geworden, daß wir es trotz großen Hungers nicht genießen konnten.

Bei Anbruch der Dunkelheit erhielten die 6. und 8. Kompagnie den Auftrag, sich an dem etwas vor uns liegenden Waldrande einzugraben und in Bereitschaft zu bleiben. Mit meinem Kameraden Simon verbrachte ich die Nacht; im Wachen lösten wir uns gegenseitig ab.

14. September

Morgens früh wurde die Kompagnie gesammelt und das Bataillon setzte sich in Marsch auf ?, wo es die Deckung der leichten Munitionskolonne übernehmen sollte. Wir fanden aber schon ein anderes Regiment dort vor und mußten infolgedessen wieder umdrehen. Auf dem Rückmarsche wurde der Bataillonskommandeur Frhr. v. Schleinitz durch einen Gewehrschuß am Knie verwundet; die Führung des Batls. übernahm Hauptmann d. R. Gerhart, Führer der 7. Komp. Zwar nicht genau an derselben Stelle wie am Tage vorher aber doch ganz in der Nähe machten wir Halt. Zusammen mit Kamerad Simon vertilgten wir die eiserne Fleischration, nachdem wir am Tage vorher schon die seinige z uns genommen hatten. Nach einigen Stunden, es mochte 1 Uhr sein, rückten wir ab in Vereinigung mit der M.G.K., angeblich feindlicher Infanterie entgegen. nachdem wir mehrere Stunden in Stellung gelegen hatten, marschierten wir wieder zurück, ohne einen Schuß abgegeben zu haben. Wieder war der Wald und auch die Stelle, an der wir lagerten, in heftigem Artilleriefeuer, noch heftiger als am Tage vorher. Ich machte mich daran, einige Postsachen, die ich am selben Tage erhalten hatte, zu beantworten. Während ich gerade einen Brief am meine Mutter schrieb, flog mir ein Granatsplitter auf den Helm, durch den eine ungefährliche, wenn auch ziemlich stark blutende Schramme am Kopf davontrug. Vom Kameraden Simon oberflächlich verbunden, begab ich mich zum Verbandsplatz, und nachdem die Wunde gereinigt und verbunden war, wieder zur Kompagnie. Ich fand sie nicht mehr an derselben Stelle. Es war inzwischen schon die Nachricht eingetroffen, die Engländer ständen im Begriff, die Stellungen der 52er zu stürmen; II./12 sollte zur Verstärkung heran. Wir stiegen die Höhe hinan und traf[en] oben den Obersten v. Reuter mit seinem Adjutanten, Lt. Maron. Es wurde sofort über uns verfügt. Der 3. Zug, der gerade vorn war, wurde unterteilt, als einige 52er mit der Nachricht kamen, die Engländer stürmen. Sofort ging ich auf Befehl des Obersten mit meinem Zuge in die bezeichneten Richtung vor über ein Rübenfeld hin, das unter derart heftigem Granat- und Schrapnellfeuer lag, wie ich es bis dahin noch nicht erlebt hatte. Die Verluste waren aber nur sehr gering. Als wir zu dem gefährdeten Grabenstück kamen, war der Sturm der Engländer bereits abgeschlagen; die 7. Komp. war bereits vor uns an Ort und Stelle gewesen. Von meiner Kompagnie war ich getrennt, schloß ich mich hier oben den übrigen Teilen des Batls. an. Inzwischen war die Nacht hineingebrochen, die wir in den Stellungen am Waldesrande verbrachten. Aus einer Feldküche der 52er hatten wir noch Essen bekommen.

15. September

In früher Morgenstunde wurden wir von einigen Kompagnien der 52er abgelöst und gingen dann, das Bataillon unter Führung des Leutnants d. R. Thiesing, in das Fort Condé. Untergebracht wurden wir in den Kasematten. Zunächst legten wir uns noch mal aufs Ohr und schliefen bis in den späten Vormittag hinein. Dann dachte man auch an das leibliche Wohl. Leicht war es nicht, da Rat zu schaffen. Die Feldküche war nicht im Fort; und hier war an Lebensmitteln auch nichts aufzutreiben. Da bereitete dann der Einj. Altrogge aus seiner Gemüsekonserve, dem letzten Bestandteil der eisernen Ration, eine Bohnensuppe, die uns trefflich mundete.

Um ½ 5 erschien der Regts. Adjutant und alarmierte alles; es hieß, wir sollten zur Verstärkung der vorderen Schützenlinien verwendet werden. Im Artilleriefeuer rückten wir ab. Es stellte sich heraus, da0 der Befehl entgegen dem Brigadebefehl gegeben war, nach welchem II./12 zur Bedeckung der Artillerie auf dem Fort bleiben sollte. Mit Einbruch der Dunkelheit gingen wir ins Fort zurück. Kurz vorher war der Adjutant Lt. Weidner durch Schrapnell schwer verwundet worden, sodaß nunmehr von den Offizieren des Batls. nur noch drei übrig waren: Hptm. v. Freyhold, Lt. Thiesing Führer des im Fort liegenden Teils des Batls. und Lt. Steinhausen, der die Adjutantengeschäfte übernahm. Die Nacht verbrachten wir wieder in einer Kasematte des Forts, ich selbst in einer kleinen Kammer, in welcher sich ein wenig Stroh vorfand.

16. September

Bis in den Tag hinein wurde geschlafen. Nun war wieder die Sorge, war werden wir essen, war werden wir trinken. Meine beiden Entfernungsschätzer, Einj. Altrogge und Grd. Voß, bereiteten ein lukullisches Mahl: Mehlsuppe, Kartoffeln und anschließend Kaffee mit Zwieback.

Für die Nacht ward uns ein besonders ehrenvoller Auftrag zuteil. Der Zug sollte in der Nähe des Forts einen Schützengraben ausheben und während der Nacht draußen Wacht halten.

17. September

Mit dem Morgengrauen, als die Artillerie uns die Morgengrüße herübersandte, bezogen wir wieder unser altes Quartier. Zunächst wurde eine Weile geschlafen, als dann ähnlich wie am vorigen Tage gespeist. Diesmal nahm an dem mahle ein Kamerad von der 5. Komp. Vfw. d. R. Vohren gefallen bei Soissons 13.I.15 teil, der zusammen mit Altrogge auch in meine Schlafkammer übersiedelte. Das Wasser war übrigens durch Holzwolle etwas verbessert worden.

So war denn allmählich mit Essen, Schlafen und Briefeschreiben die Nacht herangekommen. Heute kam nach Einbruch der Dunkelheit auch die Feldküche ins Fort; wir aßen und legten uns zur Ruhe.

18. September

Diesmal mußte ich schon am frühen Morgen mein Lager verlassen. Wohl infolge des Liegens in dem feuchten Schützengraben bei dem naßkalten Wetter und infolge der ungenügenden Ernährung der letzten Zeit hatte ich mir einen heftigen Magen- und Darmkatarrh zugezogen, der mich endlich plagte. Unser Tagwerk unterschied ich nicht viel von dem des vergangenen Tages. Unsre Kammern wurde mit Matratzen und Kopfpolstern aus den Schlafsälen des Forts , in dem in Friedenszeiten das französische Linien-Regiment 67 lag, ausgestattet. Nachdem wir uns bei der Feldküche gestärkt hatten, sanken wir aufs Lager und schliefen bis in den Tag hinein.

19. September

Auch dieser Tag brachte keine Veränderung. Das Fort lag nach wie vor unter Artilleriefeuer, das bald schwächer, bald stärker war.

Am Abend wurde uns wiederum ein Auftrag zuteil. Dem Obersten genügte die Zahl der während der Nacht vor dem Fort postierten Leute nicht: Der Zug der 6. mußte zur Verstärkung  hinaus. Die Nacht war wiederum naßkalt.

20. September

Am nächsten Morgen um ½ 6 kam unser Fahnenträger, der auch auf dem Fort gelegen hatte, mit dem Befehl vom Hauptmann, der Zug solle wieder zur Kompagnie stoßen, die etwa eine Viertelstunde von Chivres entfernt in einem Hohlwege lag. Nach kurzem Marsche kamen wir dort an. Es wurde für den Zug ein Zelt gebaut und Stroh besorgt. Damit war unser Tagewerk für den heutigen Sonntag getan. Am Abend übergab der Hauptmann, der an der Ruhr erkrankt war, die Führung der Komp. dem Lt. Steinhausen.

21. September

Mit dem vorigen Tage begann eine Zeit, die ziemlich gleichmäßig verlief. Unsere Beschäftigung bestand in Essen, Trinken, Schlafen und etwas inneren Dienst, z.B. Abnahme von Appells, sowie mit Rücksicht auf die Enge des Raumes und die Schießerei und dergl. Mit dem Morgengrauen beginnt das Artilleriefeuer und dauert bis Einbruch der Dunkelheit. Ab und zu krepieren auch mal Geschossen in der Höhe unseres Hohlweges, ohne aber Schaden anzurichten.

Mein Darmkatarrh ist es statt besser schlechter geworden.

22. September

Morgens früh wurde eine Verbesserung der Einrichtung vorgenommen nach deren Beendigung ich mit einigen Leuten nach Chivres runterging, um Stroh zu hohlen; das Dorf wurde gerade stark beschossen, sodaß wir uns möglichst beeilten. Die englische Artillerie beobachtete sehr scharf; sobald sich eine Nasenspitze sehen ließ, kamen gleich ein paar Granaten herüber. Nach Rückkunft begann wie üblich die Sorge ums Essen; wir, d.h. der Untffz. Döring aus meinem Zuge, von Beruf Dachdecke aus dem Eichsfelde, und mein Spielmann, bereiteten Kartoffelpuffer. Ich ließ sie mir dann in Gemeinschaft mit den beiden gut schmecken. Abends stellte sich dann wie üblich die Feldküche ein. Am Nachmittag war endlich nach vielen regnerischen Tagen schön Wetter. Durch den Sonnenschein kam die Schönheit des Landschaftsbildes voll zur Geltung.

23. September

Ein Tag wie die anderen. Das Mittagessen gestaltete sich heute „üppiger“: es war eine Ziege geschlachtet worden. Am Abend kam der Hauptmann zur Komp. zurück; mit ihm kam der Major, der von seiner Wunde genesen, wieder die Führung des Batls. übernahm.

24. September

Nach sehr schlecht verbrachter Nacht meldete ich mich krank und blieb während des Tages an meinem Platze liegen begraben in einigen Bunden Stroh. Mein Essen bestand in je einem Becher Kaffee mit Opium des Morgens und des Abends, mittags etwas Bouillon; es war nämlich ein Schwein geschlachtet worden. Dieses Verhalten hatte zur Folge, daß ich mich am Abend wieder halbwegs wohl fühlte und sich der Durchfall einstellte. Auch die Nacht verbrachte ich ohne Störung.

25. September

Die Besserung im Befinden hielt an. Zum Mittag konnte ich schon wieder mit Geschmack mein Essen vom vorigen Trage zu mir nehmen. Sonst verlief der Tag wie gewöhnlich. Am Nachmittag kam die Nachricht, daß der Ersatz für das Regiment eingetroffen wäre, etwa 500 Mann. Die 6. Komp. erhielt 2 Vizefeldwebel d. R., 5 Unteroffiziere und 11 Mann. Im Bereich meines Zuges wurde für die neuen Ankömmlinge angebaut, die dann in der Dunkelheit eintrafen.

26. September

Frühbegann die Verteilung der neuen Leute. Der eine Vfw. d. R. Wittstock, der Offiziersstellvertreter war, übernahm den 3. Zug, der andere, Waßmund, gefallen als Leutnant bei Moulins-sous-Touvent Juni 1915, ein Student der Nationalökonomie aus Berlin, wurde dem 2. Zuge zugeteilt; ich wurde dadurch stellvertretender Zugführer. Von den neuen Unteroffizieren kamen zwei zum zweiten Zuge, Untffz. du Plessis. Bei der Neueinteilung kam auch der Einj. Altrogge zum 2. Zug, ebenso der Fahnenjunker Schneider. Mit Beschäftigungen für den Ersatz verging der Tag.

Gegen 6 Uhr abends wurde bekannt gegeben, II./12 solle ein Batl. der 48er ablösen. Die Ausführung dieses Befehls wurde aber noch um 24 Stunden hinausgeschoben. Wir verlebten daher noch den nächsten Tag, einen Sonntag, im Hohlweg bei Chivres.

27. September

Verlauf des Tages wie üblich. Mittags gab es reichliches Essen, da es bis zum nächsten Abend nichts mehr zu futtern gab; dann an diesem Abend kam die Feldküche nicht. Gegen ½ 8 wurden die Zelte eingerissen und um 8 Uhr der Abmarsch zu den Stellungen der 48er angetreten. Es war eine schöne Marschnacht. Der etwa einstündige Marsch führte durch bekannte Gegenden, den Platz unseres Vorgehens am Nachmittag des 14.IX. und am Fort Conde vorbei. Gegen 9 Uhr kamen wir bei den 48ern an. Der 1. Zug bezog den zur Straße Chimy-ferme – Dorf Condé flankierend angelegten Schützengraben, der 2. und 3. Zug wurde in einer Höhle untergebracht. Die Stellung des 3. Zuges wurde durch Posten in Stärke einer Gruppe belegt. Wir vier Vizefeldwebel d. R. vom 2. u. 3. Zuge quartierten uns in dieser Höhle, der Fehmarnhöhle, in einer größeren Nische ein, die etwa 2 m höher lag als der Fußpunkt der Höhle. Nachdem wir unsere Leute untergebracht hatten, machten wir uns auch unser Lager zurecht, auf dem uns schon einige Kissen und decken zurückgelassen waren.

28. September

Zunächst schlief man sich ordentlich aus; dann wurde die Magenfrage erörtert. Glücklicherweise war es in dieser Hinsicht besser als angekündigt war. In einer kleineren Nachbarhöhle wurde eine Küche eingerichtet, in der zum Mittag Essen hergerichtet wurde. Im Laufe des Vormittags begannen wir auch, uns wohnlicher einzurichten. Aus dem Dorfe wurden Tisch und Stühle geholt; abends wurde Stroh besorgt. Das Essen aus der Feldküche mußte in Kochgeschirren herangeholt werden, da die Küche nicht bis zur Höhle fahren konnte; sie fuhr abends von Nanteuil [Nanteuil-la-Fosse] aus auf der Straße nach Condé vor bis zu einem Punkte, der etwa 20 Minuten von der Höhle entfernt lag.

29. September

Die Nacht war ohne Störungen verlaufen. Am Vormittage war alles so still, daß man wähnen konnte, alles läge im tiefsten Frieden. Die Komp. beschäftigte sich mit Instandsetzen der Sachen. Im Übrigen gab es nichts besonderes. Der Dienstbetrieb wurde ähnlich eingerichtet wie in der Kaserne wenigstens was den inneren Dienst anlagt. Man richtete sich auf längeres Bleiben ein. Bei Einbruch der Dunkelheit wurde wie üblich das Essen aus der Feldküche geholt, Wasser aus Condé. Zur Ruhe legten wir uns diesen Abend nicht, da während der Nacht geschanzt wurde. Es wurde am oberen Rande eines Abhanges ein Schützengraben ausgehoben, der allerdings noch nicht fertig wurde, weil es nach Monduntergang dermaßen dunkel wurde, daß ein Weiterarbeiten unnütz war. gegen 4 Uhr morgens gingen wir in der Höhle zur Ruhe.

30. September

Geweckt wurde gegen 10 Uhr und bald darauf Kaffee getrunken. Unsere Einrichtung hatte sich inzwischen um etwas Geschirr vermehrt, Eß- und Waschgerätschaften. Von jetzt konnten wir also auch eine Reinigung des Körpers vornehmen, was wir ja lange hatten entbehren müssen. Der Vormittag verging mit Briefschreiben. Nach dem Essen nahmen wir Vorschuß auf den Nachtschlaf, weil abends die Schanzarbeit fortgesetzt werden soll. Die Essenausgabe um 8 Uhr vollzog sich in gewohnten Bahnen. Ich hatte Dienst. Dazu gehört u.a. auch die Revision der Posten der Kompagnie. Die Arbeit meines Zuges bestand darin, daß der eine Teil am Schützengraben weiter arbeitete, der andere einen Weg durch den Wald zur Stellung des 1. Zuges schlug, für den Fall, daß dieser seine Stellung räumen und sich hierher zurückziehen müßte.

Um nicht bei der Beaufsichtigung der Schanzarbeiten frieren zu müssen, machte ich meine Postenrevision nach Mitternacht zum zweiten Male, besuchte bei dieser Gelegenheit auch meinen Kameraden Simon. Um 5 Uhr wurde eingerückt, es gab Kaffee und man begab sich zur Ruhe.

1. Oktober

Bis 2 Uhr nachmittags dauerte die Ruhe. Sodann wurde gegessen und für den Rest des Nachmittags Instandsetzen der Sachen angeordnet. Heute erfuhr ich, daß ich endlich eine Offiziersstellvertreterstelle erhalten hatte. Zur Nacht wieder Schanzarbeiten.

2. Oktober

Wiederum wurde bis gegen 2 Uhr geschlafen. Verlauf bis zum Abend ohne Besonderheiten. Auch diese Nacht rückte die Komp. wieder zum Schanzen aus. Der 2. Zug bekam andere Arbeit. Ein kleinerer Teil der Leute leerte eine neue Latrine, der andere Teil holte Wasser, der Rest ging nach Condé um zu requirieren, was zur weiteren Einrichtung der Höhle notwendig erschien, Decken, Kopfpolster Stroh, für uns etwas Eßgeschirr u. dergl. Gegen 4 Uhr fand sich alles wieder in der Höhle ein; es wurde Kaffee ausgegeben; dann begann die Schlafzeit.

3.-13. Oktober

Die Zeit verging eintönig, ohne daß sich etwas besonderes ereignete. Nachts bis 3 Uhr wurde drauß0en gearbeitet. Einigemale hatte ich Runde und damit die Posten der Kompagnie zu revidieren. Einmal war ich Patrouille mit der Aufgabe, die Posten des Batls. zu revidieren, von denen ein teil, die der 5. und 8. Komp. unmittelbar am Ufer der Aisne standen. – Das Wetter ist herrlich, nur daß man den goldenen Sonnenschein zu wenig genießen kann, weil man sich am Tag draußen nicht frei genug bewegen kann, ohne das feindliche Artilleriefeuer auf die Stellung zu lenken. Dann ist der Aufenthalt in der Höhle nicht angenehm, namentlich weil es drinnen z.T. stockdunkel ist, ohne daß diese Finsternis durch Beleuchtung irgendwelcher Art gelichtet werden konnte. Es herrscht Mangel an jedwedem Beleuchtungsmaterial. Sonst ist das Leben ganz erträglich, namentlich wenn man es vergleicht mit den anstrengenden Tagen der vergangenen Wochen.

13. Oktober

Für den Abend dieses Tages wurde uns noch eine Überraschung zuteil. Gegen 7 Uhr wurde plötzlich alarmiert. Rechts (westlich) von uns, bei der 9. Brigade oder dem II. A.K. war heftiger Geschützdonner und lebhaftes Gewehrfeuer zu hören. Wir legten uns in der Nähe der Höhle in Bereitschaft hin. Nach etwa zwei Stunden wurde das Feuer schwächer und hörte bald ganz auf. Zunächst der 2., dann der 3. Zug gingen in die Höhle zum Essen. Danach legte sich wieder jeder Zug bei seiner Stellung in Bereitschaft hin. Um 12 Uhr etwa rückte alles wieder in die Höhle und legte sich dort, nachdem stärkere Postierungen ausgestellt waren, in erhöhter Gefechtsbereitschaft zur Ruhe nieder. Die Nacht verlief ohne Störung.

14.-19. Oktober

Verlauf ohne bemerkenswerte Ereignisse.

20. Oktober

Es wurde bekannt gegeben, daß wir am Abend von anderen Truppen würden abgelöst werden. Nachdem wir noch einen Teil unserer Vorräte vertilgt hatten, rückten wir gegen 10 Uhr ab, zunächst bis Nanteuil, wo sich das Batl. sammelte, dann weiter nach Laffaux, wo wir gegen 3 Uhr morgens ankamen und in einer Scheune einquartiert wurden.

21. u. 22. Oktober

Der 21. wurde in der Scheune zugebracht, ebenso der 22. Am Nachmittage dieses Tages wurde das Bataillon auf dem Hofe des Gehöftes versammelt. Der Kommandeur hielt eine kurze Ansprache und brachte ein Hoch auf die Kaiserin aus zu deren Geburtstage. Gegen 4 Uhr marschierten wir ab nach Margival. Von hier aus wurden wir mit der Bahn über Vauxaillon, Anizy-le Château, Coucy-le château, Chauny nach Noyon transportiert. Gegen 1 Uhr nachts kamen wir an und blieben bis zum nächsten Morgen in Bahnwagen.

23. Oktober

Gegen 8 Uhr marschierte das Regiment, nachdem es auf dem Bahnhof in Noyon Kaffee gegeben hatte, durch Noyon hindurch in nordwestlicher Richtung bis Ecuvilly (Oise). Es wurde Ortsunterkunft bezogen, 2. und 3. Zug auf einem großen Gehöft. Das Quartier war leidlich. Es ereignete sich nichts besonderes, ebensowenig wie am nächsten Tag.

24. Oktober

In der Nacht zum 25. kam der Befehl zum Abrücken.

25. Oktober

5 Uhr morgens marschierten wir ab und zwar zurück nach Noyon, wo wir verladen wurden. Es ging wieder über Clauny, Concy-le château nach Aziny-Pinon. Von da marschierten wir nach dem etwa 4 km entfernten Vauxaillon und bezogen Ortsunterkunft. Mein Quartier ist in einem freundlichen sauberen Häuschen bei netten Leuten, einem alten Ehepaar, namens Martin.

26. Oktober

Am frühen Morgen wurden wir zu 9 Uhr nach Pinon bestellt: Der oberste Kriegsherr wollte das Regiment sprechen. Im Park des Schlosses von Pinon, einer herrlichen Anlage, nahm das Regiment Aufstellung. Gegen 11 Uhr erschien der Kaiser, hielt eine Ansprache, nachdem er die Front abgeschritten war, und ließ dann das Regiment in Gruppenkolonnen an sich vorbeimarschieren. Am Nachmittage war Feldgottesdienst ebenfalls im Schloßpark von Pinon, der ersten, an dem wir teilnahmen. Man hätte keinen schöneren Platz hierzu wählen können. Im Anschluß an de Gottesdienst hielt der kommandierende General des III. A.K., v. Lochow, eine kurze Ansprache. Alsdann begab man sich nach Vauxaillon zurück.

27. Oktober

Der Tagesverlauf brachte nichts besonderes. Innerer Dienst.

28. Oktober

Früh morgens rückten wir ab von V. nach Pinon, wo wir für längere Zeit bleiben sollten. Die Unterkunft war gut. Mein Quartier lag in einem Hause, das bis dahin noch keine Einquartierung gehabt hate. Die Eigentümerin, Madame Kapfer, war geflohen, sodaß wir darin Alleinherrscher waren. Es wurde von Lt. Steinhausen und mir sowie unseren Burschen bewohnt. Zum ersten Mal wieder seit langer Zeit schlief man in Betten.

29. Oktober

Am Vormittag war einige Stunden Exerzieren am Kirchhof, dann innerer Dienst. Nachmittags fand in der Schule des Ortes Typhusimpfung statt. Leider sollten wir das schöne Quartier in P. nicht lange genießen. Am Abend wurde bekannt, daß es am nächsten Tage wieder mal an den Feind gehen solle.

30. Oktober

Morgens um ½ 5 Abmarsch in der Richtung auf die Aisne. Zunächst wurde gehalten bei der ferme de Colomb, dann ging es weiter in der Richtung Vailly [Vailly-sur-Aisne]. Beim Vorgehen pfiffen die Gewehrkugeln um uns. Ins Gefecht griffen wir aber vorläufig noch nicht ein, da wir Reserve waren. Bis zum Schlosse Vauxelles [Vauxcelles] gingen wir vor; hier lagen wir von 9 bis ½ 2. Mehrmals flogen Flugzeuge über uns hin, einmal auch ein englisches, das verhältnismäßig niedrig flog und Abzeichen trug, die denen unserer Flugzeuge sehr ähnlich sahen. Als es gerade über uns war, warf es Bomben, deren eine in der Nähe unserer 5. Komp. zur Erde kam und ihr auch Verluste zufügte. Bald nach diesem Ereignis ging es vorwärts, ohne daß wir auf ernstlichen Widerstand gestoßen wären. Mit geringen Verlusten kamen wir nach Vailly [Vailly-sur-Aisne] hinein. Die Stadt bot ein Bild der Zerstörung, zerschossene Häuser, brennende Gehöfte; selbst die Kirche war nicht verschont geblieben; ein Teil des Turmes lag in Trümmern. Wahrscheinlich war während des Kampfes auf ihm ein französischer Beobachter entdeckt worden. – Wir zogen durch die Stadt hindurch fast bis an die Aisne heran. Hier blieben wir bis in die späten Nachmittagsstunden liegen. Dann gingen wir wieder durch den zum Teil noch brennenden Ort und marschierten nach Jouy, wo Alarmquartiere bezogen wurden.

31. Oktober

Wir lagen hier als Korpsreserven. Dieser Zustand wurde von uns deshalb als nicht sehr angenehm empfunden, weil wir, sobald sich in vorderster Linie eine Maus rührte, zu der bedroht erscheinenden Stelle mußten oder doch wenigstens alarmiert wurden. – Schon um 5 Uhr waren wir marschbereit, ohne daß wir abrückten. Gegen 9 Uhr abends hörte man aus der Gegend von Vailly Schießerei. Es wurde alarmiert, aber nicht abmarschiert, da es bald wieder ruhig wurde.

1. November

Die Nacht sollte nicht ohne Störung vergehen. Gegen 2 Uhr nachts war wieder heftige Schießerei im Gange. In 5 Minuten war die Komp. marschbereit; das Batl. rückte ab Richtung Vailly. Als wir noch unterwegs waren, wurde schon das Feuer schwächer und hörte bald ganz auf. Am Eingang zur Stadt ein kurzer Halt, dann kam der Befehl zur Rückkehr nach Jouy. Der Tag verlief in dem sehr kümmerlichen Quartier ohne Störung.

2. November

Vormittags hörte man wieder Infanterie- und Artilleriefeuer. Es hörte jedoch bald auf. Schon eine ganze Weile war alles wieder still, als plötzlich gegen 2 Uhr der Ruf erscholl: „Alarm“! Wir rückten ab, zunächst nach Jerlaux ferme, dann nach Ostel. Unseres weiteres Vorgehen auf Chavonne war wohl von einem feindlichen Flieger der Artillerie gemeldet. Es dauerte gar nicht lange, als verschiedene Grüße in Form von Granaten und Schrapnells angeschwirrt kamen. Einige von ihnen krepierten in der Nähe unserer Kompagnie und brachten auch Verluste. Darunter war auch der Unteroffizier d. R. Carl Klanke, ein Gerichtsassessor aus Berlin, dem eine Schrapnellkugel in den Unterleib gedrungen war. Einige Tage später ist er an den Folgen der Verwundung in Ostel gestorben und dort bestattet worden.

Bei unserem weiteren Vorgehen erreichte uns schon die Nachricht, Soupir sei genommen und Chavonne vom Feinde geräumt.

Der 6. Kompagnie ward jetzt die Aufgabe zuteil, das Schlachtfeld von Toten und Verwandten zu räumen. Schauer erregende Anblicke boten sich manchmal. Gegen 3 Uhr hielten wir inne mit diesem traurigen Beginnen, um in der Nähe einer Mühle uns noch zwei Stunden Schlaf zu gönnen.

3. November

Am Fuße der Höhen, auf denen sich tags zuvor der Kampf abgespielt hatte, legten wir uns in Bereitschaft hin. Der Tag brachte nichts neues. Die Artillerie schoß hüben und drüben, Granatfeuer war nur vereinzelt vernehmbar. Wir gingen nur ein Stückchen weiter vorwärts den Hang hinan und bezogen dann Unterstände, in denen vor dieser Verschiebung der Front, 20er gelegen hatten.

4. November

Am Abend dieses Tages wurden wir durch eine Komp. Regts. 20 abgelöst und marschierten nach Jouy zurück.

5.-10 November

Ruhe sollte es in diesen letzten Tagen, in denen unser Regiment Korpsreserve war, für uns nicht geben. Einige Male marschierten wir früh nach Ostel und abends wieder zurück nach Jouy. Soupir war nämlich an die Franzosen wieder verloren gegangen und sollte von uns wieder genommen werden. Für diesen Fall sollten wir in Ostel zur Verfügung sein. Ein Angriff unsererseits unterblieb aber, möglicherweise auch deswegen, weil in diesen Tagen dichter Nebel herrschte.

Am 10. mittags verließen wir Jouy, um die Stellungen der 35 bei Soupir zu besetzen. In Froidmont wurde der Eintritt der Dunkelheit abgewartet; gegen Mitternacht erreichten wir nach mancherlei Mühsalen den uns zugewiesenen Abschnitt; er lag östlich Soupir, etwa 600 m vor unserer Stellung lag die ferme de Metz. Bei unserer Ankunft wurden wir mit Granatfeuer begrüßt, wenn auch wohn unwissentlich; ab und zu wurde die Gegend von Raketen begrüßt; die Schießerei hörte die ganze Nacht nicht auf, ohne uns allerdings ein Leid zu tun. Die Stellung, die wir vorfanden, war noch reichlich unvollständig; an einigen Stellen war der Schützengraben noch nicht so tief, daß er den Mann der Sicht entzog, Unterstände waren noch fast gar keine vorhanden. Es gab also für uns reichlich zu tun. Der 1. und 3. Zug kamen in vorderster Linie, der 2. (mein) Zug bezog einen etwa 5 m hinter dem des 3. Zuges liegenden Graben, um ihm Falle eines Angriffs sofort nach vorne zu eilen. Hier lag auch der Unterstand des Kompagnieführers.

11. November bis 4. Dezember

Viel ist über unseren Aufenthalt im Schützengraben nicht zu sagen. Angriffe erfolgten weder unsererseits noch seitens der Feinde. Die Artillerie schoß täglich, bald schwächer, bald stärker. Hie und da wurde ein Unterstand eingeschossen; manchmal kamen die Insassen mit dem Schrecken davon, ein ander Mal gab es auch Verwundungen. Unsere Hauptarbeit wurde nachts geleistet; sie bestand in der Verbesserung und Verstärkung der Stellung. Mein Zug hatte die Aufgabe, zweimal täglich das Essen für due Komp. an der Feldküche zu holen, die in der Nähe eines Steinbruches, ¾ Stunden von der Komp. entfernt, hielt. Jeden Morgen gegen 5 Uhr und jeden Abend mit Einbruch der Dunkelheit machten wir uns auf den Weg den Berg hinan bis zum Steinbruch. Es war sehr schwer passierbares Gelände, das infolge der Dunkelheit noch schlechter gangbar war. Dazu kam noch, daß fast während dieser ganzen Zeit feuchtes, regnerisches Wetter war bis auf einige Tage Frost.

Ende November verließ der Hauptmann die Kompagnie und ging nach der Heimat; die Anstrengungen hatten ihn sehr mitgenommen. Die Führung der Komp. übernahm Lt. Hering. Auch in der Führung des Batls. trat ein Wechsel ein: Major v. Schleinitz nahm die Führung wieder in die Hand, nachdem er von Anfang November an das Regiment 35 geführt hatte, während dem Hauptmann Frhr. v. Linstow (vom Leib. Gren. Regt. 8) die Führung eines Batls. Regts. 24 übertragen wurde.

Am 30. XI. gingen wir vorübergehend nach Froidmont, wo der Batls.-Stab und die Res. Komp., die 5., lag und wurden in einer großen Höhle untergebracht. Hier wurden wir zum 2. Male gegen Typhus geimpft. Am 3.XII. ging es wieder in den Schützengraben zurück. Am 4. abends wurden wir dann durch die 35er abgelöst und gingen zunächst nach Ostel.

5.-7. Dezember

In Ostel verbrachten wir zwei Tage, Sonnabend und Sonntag. Am Sonntag ward uns ein besonderer Genuß zuteil: Die Regimentsmusik spielte auf der Dorfstraße erst geistliche, dann klassische, schließlich Operettenmusik. Im Übrigen war der Aufenthalt in O. nicht übermäßig reizvoll; der Ort war sehr zerschossen und lag auch jetzt noch täglich unter Feuer, selbst Infanteriegeschosse verirrten sich dahin. Auch mein Quartier war nicht sicher, einzig daß es sich gut heizen ließ, was nach langem Aufenthalt nicht zu unterschätzen ist. Am 7. früh marschierten wir ab, um unser neues Quartier zu beziehen. Als solches war die Vaurains ferme, etwa 3 km südöstlich Pinon an der Straße Laon-Soissons gelegen, ausersehen.

7.-21. Dezember

Als wir dort ankamen, war das, was wir vorfanden, trostlos. Das Quartier in Ostel war noch schön gewesen, gegen dieses war es hervorragend. Das Gut war bereits schwach belegt mit leichter Munitionskolonne; im Gutshaus, das übrigens bis auf ein Zimmer fast vollständig ausgeräumt war, lagen einige Offiziere. Hier quartierte sich auch unser Bataillonsstab sowie die Offiziere der 6. u. 8. Komp. ein. Ich lag bei meinem Zeuge, das in einer großen massiven Scheune untergebracht war. Durch emsige und liebevolle Tätigkeit der Leute gelangten wir schließlich dahin, daß das Quartier einigermaßen wohnlich wurde. Mein Heim lag in einer Nische der Scheune, die durch Wachholderbüsche von dem Hauptraum abgeschlossen war. Die Einrichtung bildete ein roh gezimmerter Tisch und Stuhl, sowie einige Bänke, daneben ein Verschlag zum Schlafen, Koch- und Heizanlage und Wandbretter; das Glanzstück war ein Kronleuchter in Gestalt eines großen Mistelzweiges.

Am 21. wurde ich zur 7. Komp. versetzt, die mit der 5. auf der Mennejean ferme lag. Am Mittag dieses Tages meldete ich mich dort bei meinem neuen Lt. Kamlah. In meinem Quartiere fand sich schon ein Weihnachtsbaum vor. Ich teilte das Quartier mit dem Vfw. d. R. Thielicke und dem Einj. Gefr. Mynarek.

Ich überwache die Führung des 1. Zuges.

22.-25. Dezember

Das Leben hier gleicht dem auf der Vaurains ferme. Man schläft lange, ißt und trinkt, tut ein wenig Dienst und vertreibt sich die Zeit durch Skatspielen und dergl. Die allgemeine Weihnachtsfeuer fand bereits am 23. statt, für den Fall, daß wir am heiligen Abend etwa gestört werden sollten. Eine Scheune war in einen Festsaal und mit Tannenzweigen und -gewinden geschmückt; zwei mächtige Weihnachtsbäume strahlten im Lichterglanz. Die Feier begann mit Gesang; als dann las ein Kriegsfreiwilliger aus meinem Zuge cand. theol. Bölicke, das Weihnachtsevangelium und eine von ihm verfaßte Predigt. Danach wieder Gesang und Bescheerung [sic!], bei welcher ein jeder bedacht wurde wenn auch nur mit einer Kleinigkeit.

24. Dezember

Auch den heiligen Abend konnten wir im engeren Kreise festlich begehen.

25.-27. Dezember

Der 1. Feiertag sollte nicht hingehen, ohne uns eine unangenehme Überraschung zu bringen. Als wir gerade beim Mittagessen saßen, wurde plötzlich alarmiert. Wie wir erfuhren, war es dem Feinde gelungen, im Abschnitt des Leibregiments ein Stück Schützengraben zu sprengen. Wir wurden deshalb näher an den bedrohten Abschnitt des Leibregiments herangezogen, für den Fall, daß etwa der Feind dort einen Durchbruchsversuch machen wollte. Wir marschierten zunächst bis Moulin Laffaux, dann nach einigem Aufenthalt bis Laffaux und bezogen hier Alarmquartiere. In unserem Quartier, das vordem 52er inne gehabt hatten, hatte die Quartierwirtin – in Laffaux war noch Zivilbevölkerung, während sie aus den Ortschaften in vorderster Linie nach der feindliche Seite abgeschoben war – gerade das Mittagsmahl, das noch für unsere Vorgänger bereitet war, fertig. Wir ließen es uns gut schmecken. In Laffaux blieben wir bis zum Abend des 2. Feiertages, ohne daß man unserer Hilfe bedurft hätte. Wir marschierten in unser altes Quartier auf der Mennejean ferm zurück.

28. Dezember 14 bis 13. Januar 1915

Hier war unseres Bleibens nicht mehr lagen. Am 27. wurde uns bekannt, daß unser Batl. das F. Bnatl. aus den Stellungen in vorderster Linie ablösen sollte. Die 5. und 7. Kompagnie nahmen die Stellungen am Dorfe Condé ein. Die Hauptstellungen liegen hier ziemlich weiter auseinander. Unsere Vorposten standen jenseits der Aisne, während die Verteidigungsstellungen diesseits der Aisne lagen. Die 5. Komp. übernahm als erste den Wachtdienst, während die 7. als Reserve-Kompagnie im Ort. lag; untergebracht war sie in Kellern; der1. Zug lag in einem großen Keller in einem Hause gegenüber der Schule. Mein Quartier war in dem Hause neben der Schule. Ich teilte es mit dem Vizefeldwebel meines Zuges Bando. Hier hatten wir uns wohnlich eingerichtet. Das Feuer der feindlichen Artillerie war nur sehr selten derart, daß wir uns veranlaßt sahen, den etwas sichereren Keller aufzusuchen. Nachts wurden auch hier einige Stunden dem Ausbau der Stellung gewidmet. Im Übrigen vergingen die Tage ganz ruhig, bis wir am 12. Abds. alarmiert wurden. Schon am Tage hatte das Dorf unter ziemlich starkem Feuer gelegen, auch in unserer Nähe war es ziemlich laut zugegangen, woraus zu entnehmen war, daß sich vorbereitet. Zwar blieben wir vorläufig in unserer Unterkunft, aber in erhöhter Alarmbereitschaft, wir es so schön heißt. Gegen Mitternacht kam der Befehl, daß die Komp. 30 Morgens abrücken solle, zunächst nach dem Fort Condé.

13. Januar

Auf aufgeweichten Wegen stiegen wir empor zum Fort, von wo wir nach kurzem Aufenthalt zu dem Ort abrücken, an dem wir stürmen sollten. Es war die Höhe 146 östlich Vregny, die Erstürmung uns oblag. Die Truppe bestand an dieser Stelle aus Teilen des 1. Batls. und der 6. u. 7. Komp. Gren.-Regts. 12.

Es dämmerts bereits, als wir in der Sturmstellung anlangten; der allgemeine Sturm war auf 12 Uhr angesetzt. Zunächst begann die beiderseitige Artillerie ihr Konzert. Unser Graben blieb verschont, vielleicht daß man uns nicht entdeckt hatte. Punkt 12 Uhr begann der Tanz, die beiden Kompagnien I./12, die unmittelbar am Fuße der Höhe in einem Wassergraben lagen, zuerst, dann 7. und 6. Komp., die ein paar Meter weiter lagen. Es waren Alpenjäger, die uns hier gegenüberlagen. Offenbar kam ihnen unser Ansturm an dieser Stelle derart überraschend, daß sie nicht daran dachten, energischen Widerstand, zumal es ihnen auch nicht gelang, ihre Reserve, mit denen sie reichlich versehen waren und die wir teils noch ihrer Unterkunft, großen Steinhöhlen, abfingen, einzusetzen. Und dies alles, trotzdem diese waldige Höhe von Natur wie durch Menschenhand stark befestigt war. Bereits um ½ 2 war die Höhe 146 vollständig in unserem Besitz. 12er und 52er teilten sich darin; erstere lagen bei der Moncel Schlucht beginnend, wo sich ein großer Teil der feindlichen Artillerie befand, die übrigens bis zuletzt ausgehalten hatte, auf der Hochfläche nach St. Marguérite zu.

Bald nach Beginn des Sturmes hatte Regen eingesetzt, der mit großer Hartnäckigkeit bis in d e Abendstunden anhielt. Die Nacht verbrachte ich zusammen mit Lt. Kamlah u. Offz. Stellv. Südel in dem einzigen leidlich erhaltenen französischen Unterstande zitternd vor Kälte, während wir von Zeit zu Zeit abwechselnd die Stellung abliefen.

14. Januar

Am Vormittage dieses Tages, den wir noch in seiner ganzen Schönheit in dieser lehmigen Umgebung genossen, ward uns auch Atzung zuteil, was wir nach den Entbehrungen des vergangenen Tages keineswegs bedauerten. Französische Konserven, französisches Obst, französisches Brot und dazu französischen Wein war es, den wir uns gut schmecken ließen. Hierdurch trat eine Verbesserung unserer Stimmung ein, zu deren weiteren Verbesserung die Nachricht des guten Gelingens auf der ganzen Linie erheblich beitrug.

Am Abend wurden wir an dieser Stelle herausgezogen, um anderen Truppen Platz zu machen, und zogen nach Vregny, wo wir einen großen Keller bezogen, um uns etwas auszuruhen.

15./16. Januar

Am 15. Abds. bezogen wir eine Höhle bei Vregny, ein Aufenthalt, der wenig reizvolles an sich hatte. Am 16. Abds. verließen wir ihn, um unsere neue Stellung zu beziehen.

17. Januar – 2. Februar

Die Stellung begann für den rechten Flügel (1. Zug) am Kirchhof von Crouy und zog sich dann zu östlicher Richtung nach Bucy-le-Long hin, das von der 6. Komp. besetzt gehalten wurde.

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Kriegserinnerungen des Landsturmmannes H. Dittmer – Kriegsgefangenen-Arbeiter-Bataillon 92 (4. Kompanie) (7. Januar – 16. April 1918)

Die Kriegserinnerungen des Landsturmmannes H. Dittmer stellen den Leser vor einige Rätsel. Zum einen erfahren wir nichts über Herkunft, Familie oder Beruf Dittmers, zum anderen ist in den Erinnerungen auch nie ein Jahr erwähnt! Es werden lediglich Tages- und Monatsdaten erwähnt. Selbst Wochentage, anhand denen das Jahr bestimmt werden könnte, fehlen leider.

Klar ist, dass H. Dittmer Landsturmmann im Kriegsgefangenen-Arbeiter-Bataillon 92 in der 4. Kompanie war. Seine Aufgabe bestand in der Bewachung der russischen Kriegsgefangenen, die in Nordfrankreich südlich von Verdun zum Bau einer Bahnlinie eingesetzt waren. Die insgesamt 151 Kriegsgefangenen-Arbeiter-Bataillone wurden von der Obersten Heeresleitung seit dem 10. September 1915 aufgestellt. Die sieben Russen-Abteilungen wurden seit dem 8. Februar 1918 aufgestellt. Aus dieser Tatsache lässt sich das Kriegstagebuch eindeutig auf das Jahr 1918 datieren!

Zu den Aufgaben der Kriegsgefangenen-Arbeiter Bataillone gehörten u.a. die Errichtung von Militärbauten und die Reparatur der militärtechnischen Infrastruktur. Der Einsatz der Kriegsgefangenen in diesen Arbeiter-Bataillonen scheint bisher nicht gut erforscht zu sein, denn selbst nach intensiver Internetrecherche konnten fast keine Informationen über die Kriegsgefangenen-Arbeiter-Bataillone gefunden werden. Das Kriegstagebuch lässt sich also auf den Zeitraum vom 7. Januar bis 16. April 1918 datieren.

Nach dem Handbuch zur deutschen Militärgeschichte Band 3, Abschnitt V (S. 270) wurde die Russen-Abteilungen der Kriegsgefangenen-Arbeiter-Bataillone seit dem 8. Februar 1918 aufgestellt. Nach Dittmers Kriegstagebuch scheinen die Vorbereitungen dazu bereits im Januar 1918 getroffen worden zu sein.

Unklar bleibt auch, welche Bahnlinie die russischen Kriegsgefangenen bauen sollten. Hierzu blieben Recherchen leider bisher erfolglos. Klar ist, dass es eine Bahnlinie sein sollte, die von Sedan Richtung Süden führt – über die Dörfer Authe und Buzancy. Vielleicht ergeben sich hier noch neue Forschungsansätze, die bei der genauen Einordnung der Kriegserinnerungen in ein Kriegsjahr hilfreich sein können.

Ungewöhnlich an den Kriegserinnerungen sind auch die Gedichte zu Beginn und zu Ende. Sie umrahmen die Kriegserinnerungen, die wahrscheinlich erst mit zeitlichem Abstand zum Einsatz verfasst wurden, denn sie sind in einer sehr schönen und durchgehend sauberen Handschrift geschrieben, was eindeutig für eine spätere Erstellung spricht.

Ob Dittmer auch nach dem Ende seiner Erinnerungen weiterhin im Krieg eingesetz war, bleibt offen. Über weitere Bände seiner Kriegserinnerungen liegen mir keine Informationen vor.

Dittmers Rechtschreibung wurde so belassen. Zum besseren Verständnis wurden an einigen Stellen Satzzeichen und Buchstaben eingefügt, was durch eckige Klammern deutlich gemacht wird.

Erste Seite der Kriegserinnerungen von H. Dittmer. Oben sind der Namenseintrag und seine Einheit zu sehen. Unten beginnt das Gedicht am Anfang der Erinnerungen.

Kriegserinnerungen des Landsturmmannes H. Dittmer - Kriegsgefangenen-Arbeiter-Bataillon 92, 4. Kompanie (7. Januar - 16. April 1918)

Es war auf Frankreichs Fluren wohl im Ardennenwald als Deutsche Landsturmleute stehn wier dort, auf der Wacht. Das Auge feucht doch fest die Hand so stehn wir hier im fremden Land. Leb wohl nun Weib und Kinder mein Heimatsort leb wohl. Mit 500 Gefangenen stehn wir im Franzosenland und wehren allen Feinden allhier mit starker Hand. Der Fuß ists naß die Brust die keucht und über uns der Flieger fliegt. Leb wohl nun Weib und Kinder mein Heimatort leb wohl.

Wir bauen einen Bahndamm allhier in Feindesland. Hindurch durch Sumpf und Kot zu helfen den Kameraden wenn sie in Not und Tod.

In St. Pieremont [Saint-Pierremont] da liegen wir doch leider jetzt in Orchhiers [Oches?] hier[.] Leb wohl mein Weib und Kinder mein Heimatort leb wohl.

Und ists die Fahrt zu Ende und unsere Dienstzeit aus. Wir drücken uns die Hände und alles zieht nach Haus Die Freude und die helle luft erfüllet unsere wunde Brust[.] Leb wohl mein Weib und Kinder, mein Heimatsort leb wohl.

 

In Soltau sind wir vom Artz [sic!] untersucht und Garnisondienstfähig befunden, jetzt kam ich zum Gefangenenlager, welches mit 30000 Gefangenen belegt ist, hier in Baracken untergebracht welche mit 150 Mann belegt ist, alle schlafen wie Murmeltiere, Mann an Mann auf Strohsäcken auf die Erde.

Ganze 5 Tage so zu gebracht, ohne in eine Kompagnie eingereicht zu werden. Am 7 Januar in der 7. mobil Kompanie eingestellt. Am 12 sämtliche Sachen feldmarschmäßig bekommen. Am 13 Januar Kriegslöhnung nachbezahlt weil die Kompanie am 12 mobil geworden ist. 14 Januar einige Leute haben sich schlecht betragen, zur Strafe wird jeden Tag Diensts angesetzt, morgens 3 St. nachmittags 2 St. Am 15 Januar Apell feldmarschmäßig angetreten. Der Hauptmann giebt bekannt, das die Stunde des Ausrückens herangekommen, aber noch nicht bekannt ist. 50 Mann müßen zurük bleiben, da die Kompanie 2000 Russen mitbekomt, aber nur 1500 fertig sind, die fehlenden 500 sollen die 50 Mann nachbringen. Ich bleibe auch mit den 50 Mann hier, der Hauptmann verspricht uns zurückbleibenden einige Tage Urlaub. Abends kommt Bescheid, das die Kompanie am andern morgen mit 1500 Russen nach Frankreich in die Etappe abrückt. 16 Januar rückt die Kompanie aus. 50 Mann die hier bleiben sollen. Mit mehrere Mann melden wir uns wegen Urlaub, wird abgelehnt mit der Begründung, das wir auf jeden Tag abrücken können. 17 Januar Wir zurückgebliebenen sind beim Baracken reinigen, da kommt der Befehl Bettwäsche abliefern und um 3 Uhr feldmarschmäßig an der Schreibstube stehen, da wir heut noch nach Göttingen müßen und dort die 500 Russen in Empfang zu nehmen. 6 Uhr fährt unser Zug, mit klingendem Spiel rücken wir zum Bahnhof. 8 Uhr in Hannover hier wird übernachtet, gleich auf dem Bahnhof beim Rotenkrug[.] 18. Januar. Eine schlaflose Nacht habe ich hinter mir und dabei schon erkältet. 9 Uhr fährt unser Zug weiter. 1 Uhr sind wir in Göttingen. 22 Uhr betreten wir das Gefangenenlager hier wird gleich gesagt, das am 24 Januar keine Russen fertig sind. Auch wird gleich gesagt, Urlaub kann nicht gewährt werden. Decken und Bettwäsche wird empfangen und wir richten uns häuslich ein. Ein hartes Lager seh ich im voraus, denn die Strohsäcke sind fast ohne Holzwolle. 19. Januar. Schlechtes Lager. Diensts gibt es nicht, nur 1 Stunde Gewehr reinigen. 20 Januar Heute kein Dienst. Bei der Parole wird für den andern Tag 1 Stunde Exzezieren [sic!] und 1 Stunde Gewehrreinigen angesagt. 21 Januar. 9 Uhr wird angetreten zum Exzezieren [sic!]. 10 Uhr sind wir schon wieder in der Baracke. 22 Januar. Diensts wie am Tage vorher. 23 Januar Um 9 Uhr ausrücken zum Üben, bald kommt ein Ordonanz hinter uns her und bringt Befehl, sofort zum Lager zurück kommen und die Gefangenen in empfang nehmen. Wir werden vom Obersts begrüßt und in die 10 Abtheilungen zu je 4-5 Mann eingeteilt. Jede Abteilung bekommt 50 Russen[.] Am Vormittag nehmen wir die Russen in Empfang. Ich hab mir das Russenvolk ganz anders vorgestellt, aber die waren gleich vertraulich. Wenn mann was frug, kam die Antwort: Nicht versteh. Ich habe einen guten Eindruck von den Leuten bekommen und hab ich mir gesagt, mit den Leuten ists gut umzugehen. Den Abend vor der Reise bekam jeder ein Stück Speck und ein Brod mit auf den Weg. Vom 24-21 Januar jeden morgen Russenapell. Am 31 Januar kommt nachmittags Befehl, morgen wird abgerückt. Wir wurden am Abend entlöhnt bekommen 1 ½ Pf. Speck und ein Brod. 1. Feb morgens 8 Uhr nahmen wir die Russen in Empfang[.] Dann geht’s zum Bahnhof 11 Uhr setzt sich der Zug in Bewegung und rollen wir mit unsere Russen nach Frankreich zu. 6 Uhr ist die erste Verpflegung und zwar in Holzwiken. Es gab hier Sauerkraut mit Mettwurst die Russen taten sich hier aber war zu gute. Gleich hieß es wieder einsteigen. Nun ging der Weg weiter durchs Kohlenbecken nach Düsseldorf zu. In Düsseldorf war kurzer Aufenthalt, hier gabs warmen Kaffe. Dann gings wieder weiter und wir rollten übern Rhein, zum ersten mal in meinen Leben. Um 2 Uhr nachts hatten wier Achen [Aachen] erreicht, hier gabs wieder Verpflegung. Die Russen bekamen Kaffe Brod, und Wurst. Die Begleitmanschaft Kaffe, Brod Butter und Käse. Nach einer Stunden Aufenthalt hieß es wieder: Einsteigen. Es war schon 3 Uhr vorbei wie wir abfuhren. Von hier ab fuhr der Zug auf dem linken Gleis und ganz langsam. Hier kamen wir durch eine öde Gegend, bin darüber eingeschlafen wie ich aufwachte war es bald 1 Uhr ich merkte gleich das wir nun schon in ganzes Stück in Belgien sein mußten, denn die Gegend war doch zu unbekannt, habe felsige Berge und sehr oft kamen wir durch ein Tunel [sic!]. Nun hatte der 2 Februar schon begonnen und ich freute mich darauf, das es bald heller Tag wurde, um etwas mehr von Belgien zu sehen zu bekommen. Je weiter wir kamen, desto schöner wurde die Gegend. Belgien ein schönes Land, reich von Naturschönheiten, solche Felsenberge sind mir noch nicht begegnet. Wir kamen bald Lüttich näher auch als wir in Lüttich einfuhren, war vom Krieg nichts zu sehen, es war alles unversehrt, wir sind allerdings nicht direkt durch Lüttich gekommen, sondern durch einen neben Bahnhof von Lüttich. Von Lüttich kamen wir bald nach Namur, auch auf diesen Wege gab es nicht viel zu sehen. Die nächste Stazion [sic!] hinter Namur sollten wir verpflegt werden aber es kam anders. Von hier aus wurde und ein anderer Weg vorgeschrieben wie wir hätten fahren sollen[.] Hier machten wir eine halbe kehrtwendung und kamen dann auch bald ins Kriegsgelände. Gleich die nächste Station Trier fanden wir das erste Soldatengrab 4 Helden in einem Grab, direkt am Bahnhof. Nun fuhr der Zug langsam weiter, aber war ich da zu sehen bekam übersteigt doch weit mein vermutung. Von jetzt ab sah mann bald kein heiles Haus mehr, ab und zu sah mann auch noch Menschen zwischen den Trümmern herum laufen es war schrecklich anzusehen. Bald kamen wir an ein Fort vorbei, hier sah es noch wüster aus, aber es ist doch ein schöner Anblik, wenn mann oben auf der kleinen Festung die Deutsche Flage wehen siht. Diese Fort welches Dinant heißt, ragt direkt aus einem Bergfelsen heraus, es ist von natur aus schon eine starke Festung. Die ganze Gegend ists nur ein Felsen und eine Schlucht nebeneinander. Nun ging es immer durch verlassene Dörfer und zertrümmerte Häuser weiter. So kamen wir dann an die französische Grenze näher und gelangten dann an die kleine, aber starke Festung Giwet [Givet]. Auch dieses Fort ist ein steiler Bergfelsen und muß mann sich wundern, das es so schnell erobert wurde. Die da hinterliegen[de] Kaserne waren nur noch ein großer Trümmerhaufen. Auch hier winkte auf die Deutsche Kriegsflagge vom Felsen entgegen. Der Zug fuhr hier durch ein Tunel, direkt unter der Festung durch. Auch jetzt gab es viele zertrümmerte Dörfer. Nun wurde es dunkel und die schönste Gegend sollte jetzt noch kommen, denn wir kamen bald Sedan näher. In Sedan wurden wir endlich nach 14 Stunden ununterbrochhener [sic!] fahrt wieder warm verpflegt hier gab es Graupen mit Rindfleisch. Hinter Sedan sind wir noch gut 1 Stunde gefahren und kamen damit auf unsern Endstation an, welches Bremont [nicht identifizierter Ort] heißt. Es mochte 11 Uhr sein, als der Zug hält. Hier wurden 20 Mann als Posten ausgestellt, welche sich alle 2 Stunden ablösen mußten. Dann wir blieben hier die Nacht über liegen. Morgens 8 Uhr alle Mann aussteigen, nun ging der Marsch bald los. Dann wir mußten noch 20 klm. zu Fuß gehen. Mittags wurde Rast gemach und gab es warmen Kaffe, welches in unserer Feldküche hinter uns im Marsch gekocht war. Die Rast tut gut, besonders wenn mann mit vollem Gepäck laufen muß. 1 Uhr ging es los es wurde noch einige Mal kurze Zeit geruht, bis wir entlich gegen 4 Uhr an, u[n]ser Zeil anlangten. Unsere Russen waren bald in ihr Lager untergebracht und wir bekamen dann auch unsere Quartiere zugewiesen. Ich kam nun auch in ein Zimmer welches nicht zu heizen war und sämtliche Fenster zerbrochen waren[.] Wir schleppten uns Heu und Stroh zusammen und machen uns unser Lager für die Nacht fertig. Darnach gingen wir mit mehrere um unser Dorf in Augenschein zu nehmen. Mann sah nur niedrige Hütten, welche zur hälfte zusammen geschoßen waren, aber auch in den verschont gebliebenen Häusern gab es bald keine ganze Tür und Fenster mehr. Zum Abendessen gab es dann Kaffe mit Marmelade. Nun ging es bald zur Ruhe und kroch mir so gut es ging in mein Heulager hinein, dekke mir mit die dünnen Decke, die jeder mitbekommen hatte und mit Rock und Mantel zu. Ich schlief ziehmlich gut ein. Denn ich hatte 2 Nächte, welche wir auf der Bahn gelegen hatten, so gut wie garnicht geschlafen. Gegen morgen zwischen 3=4 Uhr wachte ich auf wohl sicher wegen der Kälte, denn ich fror am ganzen Leibe und am einschlafen war nicht mehr zu denken. Der andere Tag war dienstfrei. Nun gingen wir mit 4 Mann los und suchten uns ein anderes Quartier, welches wir auch bald fanden. In den Zimmer war wohl kein Ofen aber dafür doch ein Backofen. Jetzt ging es an der Suche nach Bettstellen und fanden wir glüklich 2 oben im Hause stehen[.] Indes war zweischläfrig, also für uns 4 Mann gerade genug. Dann suchten wir uns Tisch und Stühle, welche wir bald zusammen hatten. In den Bettstellen wurde wieder Heu gepackt, nun hatte mann doch wenigstens einen festen Kasten worin mann schlafen konnte und ich schlief die Nacht auch gut. Um es behaglich zu machen, hatten wir uns denn auch den Backofen angeheizt. Am andern morgen 7 Uhr wurde angetreten und gingen wir denn gegen ½ 8 Uhr zur Arbeitsstätte, hier sahen wir denn was geschafft werden mußte[.] Wir müßen eine Bahn bauen von Sedan ab bis zur Front eine sogenannte Verbindungsbahn von Sedan abgehend zwischen Reims und Verdun auslaufend. Diese Bahn wird eigens zum Zweck der Frühjahrsoffensive gebaut[,] sie wird über 40 klm. lang. Unsere 500 Russen fingen die Arbeit gut an, waren recht fleißig und wurden vom Hauptmann dieser Eisenbahn Companie gelobt. Nun muß sich etwas dazwischen fügen. Unsere Companie sollte mit 2000 Russen nach Frankreich hiervon sind 1500 mitte Januar abgefahren. 500 sind in Sedan ausgeladen. 1000 kamen nach St. Pierremont [Saint-Pierremont]. 500 wo ich mit zugeteilt bin, sind am 2 Febr abgerückt. Die 500 Mann die in Sedan ausgeladen sind haben auch gute Arbeit verrichtet, aber diese 1000 Russen, welche nach Pierremont [Saint-Pierremont], wo auch wir mit unsere 500 Russen hingekommen waren, haben im Anfang große Schwierigkeiten gemacht. Diese Leute haben dierekt die Arbeit verweigert, 4 Tage haben sie jede Nahrung zurück gewiesen, sie wollten einfach nicht arbeiten. Das da Gewalt angewandt werden mußte, kann sich wohl jeder denken. Am 3 Tag ist den Leuten gefragt worden, ob sie arbeiten wollten, aber kein Mann hat sich gemeldet, darauf wurde einer der größten Aufhetzer erschossen, von 12 Kugeln durchbort, fiel er tot am Boden. Aber unsere Russen glaubten immer noch nicht, das es ernst werden sollte. Am 4 Tag mußten alle antreten und wurden wieder gefragt, ob sie jetzt arbeiten wollten, nun wollten sich wohl viele melden, aber die Dolmetscher trieben sie wieder zurück. Was war zu machen, es mußte noch mal 1 Russe dran glauben und sollte nun ein Dolmetscher erschossen werden, aber es meldete sich freiwillig ein anderer und wurde dieser vor den Augen der ganzen Russen erschossen, auch dieser bekam eine Salve von 12 Kugeln, worauf auch dieser tot zusammen knickte. Hier auf wurden die Russen gefügig und alle Mann meldeten sich zur arbeit, aber es waren viele dabei die von den 4 Tagen fasten sich nicht mehr auf den Beinen halten konnten. Nun war aber Ruhe und die Rußkis gingen schön zur Arbeit. Dies hatte sich alle zugetragen, wie ich noch nicht da war. Das Dorf wo wir liegen heißt St. Piermont [Saint-Pierremont]. Die ersten 8 Tage mußten wir von hier bis zum nächsten Dorf etwa eine Stunde zur Arbeitsstelle laufen. Darnach bekamen wir es näher, etwa ½ stunde Wegs. Hier gab es ein schweres stück Arbeit zu überwinden denn hier mußte die Bahn an einer Stelle unter eine Straße geführt werden und mußte hier 7 Meter tief ausgeschachtet werden. Es war ein schweres Stück Arbeit, denn jeder Spatenstich mußte 5-6 mal mit den Fuß nachgeholfen werden, ehe der Spaten in die Erde steckte. Es arbeiteten hier an dieser Stelle, welche gut 100 Meter lang war, über 1000 Russen, aber diese Arbeit ist entlich auch geschaft worden und die Brücke nebsts Unterführung auch fertig. Überall, wo es schwere Arbeit gab, mußten unsere 500 Russen ran. Ein Tag, der Dienstfrei war habe ich hier die Gegend abgestreift. besonders da, wo sich alte Stellungen befanden. Nicht weit von St. Pirmont [Saint-Pierremont] hat ein kleines Gefecht stattgefunden, hier liegen 69 Franzosen in einem Massengrab beerdigt, aber auch mehrere Einzelgräber deutscher Helden lagen hier, alles war in den Schützengräben beerdigt worden dierekt bei Piermont [Saint-Pierremont] sind noch mehrere Gräber von deutschen Soldaten. In unser Quartir war es recht gemütlich geworden und es war abends nach dem Diensts immer eine recht fidele Stimmung unter uns 4 Kameraden, besonders ein Harburger Junge, Kamerad Laß, wußte immer viel Unsin zu erzählen. Unter Quartier hatten wir zum Backofen getauft, weil wir doch alle Tage unsern Backofen einheitzen mußten. Einmal hat unser Teichröster [sic!] doch versagt, denn die Hitze alle Tage mußt ihr doch wohl nicht gut bekommen sein, denn in einer Nacht spielte er uns einen gefährlichen Streich, morgens gegen 5 Uhr, es war der 28. Februar wachten wir auf und unser Salon war ein dichter Rauch eingefüllt, denn die Hitze muß wohl zu stark geworden sein, er war nämlich nach unten hin durchgebrannt. Vom 26. auf 27. Februar war ich auf Wache. Da unser Backofen nicht mehr zu heitzen war, mußten wir uns nach einen andern Ofen umsehen, aber Ofen sind hier ganz was seltenes, denn die Leute haben hier alle die veralteten Kamiene, wie mann sie in Deutschland in den Bauernhäusern wohl noch hat, darum war guter Rat teuer, aber wir wußten uns zu helfen, denn wir nahmen einfach einen Futterkessel, den Kessel nahmen wir aus, legten oben eine Platte über, machten mit Lehm dicht und unser Ofen war fertig. Er heitzte gut, besser wie der Backofen. Nun hatten wir unser Quatir wieder in Ordnung, auch Strohsäcke hatten wir einige Tage vorher bekommen, da hieß es auf ei[n]mal, die 4. Gefangenen Komapnie muß nach dem nächsten Dorf umquartieren. Dieses Dorf heißt Osch [Oches]. Mit Sak und Pack rückten wir nun am 1 März von St. Pirmont [Saint-Pierremont] ab[,] besehen uns dann unsere neue Arbeitsstätte, welche in einem dichten Wald lag. Am 2 März wurde dann die Arbeit frisch in Angriff genommen und ging auch hier die Arbeit schnell von statten, denn hier mußte sehr viel dike Baumstämme ausgerodet werden. Weil es dichter Wald war, wo wir arbeiten mußten, kamen unsere 500 Russen als die zuverlässten [sic!] dahin, aber wie zuverlässig das sie waren haben wir gleich 2 Tage später erfahren müßen, denn am 4 März fehlten am Abend 2 Mann. Ich war nicht mit draußen, weil ich den morgen von Wache gekommen war. Unser Komandoführer war sehr aufgeregt und mußten den Abend noch 10 Mann, wo ich nicht mit bei war, die ganze Arbeitsstelle nebsts Gehölz absuchen nach den Gefangenen, aber was soll man im stockdunkel finden. man konnte nicht die Hand vor Augen sehen und wenn nicht mehrere eine Taschenlampe bei sich gehabt hätten, wären wir wohl kaum in unser Quartier wieder angelangt, die halben [sic!] Leute haben sich mehrere mal in den Lehmboden gewälzt. Wir kamen den Abend ziehmlich abgehetzt gegen 11 Uhr wieder zu Hause an. Die andern Tage ging der Diensts wie immer und es wurde nicht mehr nach den geflohenen Russen gefragt. Wie mir nun am 6 Febr. Abends wieder kamen hatte der Feldwebel schon die Nachricht für uns, die beiden Gefangenen waren wieder ergriffen worden noch nicht 5 klm. weit waren sie gekommen, in ihrer Unkenntnis waren sie noch weiter zur Front gelaufen. Denselben Abend wurden sie noch geholt und von einem Dolmetscher verprügelt. Am andern morgen mußten sie sämmtliche Sachen abgeben, sogar einen Zivilanzug hatten die Kerls bei sich und in Arrest gebracht. Unser Quatir ist hier nicht schön, wie liegen mit 8 Mann in ein Zimmer, ein richtiges Russenlager, es sieht eher einen Stall als Zimmer ähnlich und die Ratten spazieren hier ein und aus. Schon mehrere mal haben uns die Ratten ein halbes Brod weggeholt. Aber mit den Gedanken erfüllt, das wir hier doch nicht lange bleiben, sind wir in unsern Stall geblieben. Die Arbeit ging rüstig vorwärts und waren wir schon am 8. Febr. mit dieser Strecke fertig[.] Wir hoften nun wohl einen Ruhetag zu bekommen, aber weit gefehlt, nun gab es erst recht Strapatzen, es mußte noch an einer Stelle weiter nach Sedan zu ausgeholfen werden, das war ein Tagesmarsch von 6 Stunden, 3 Stunden hin, 3 zurück. Gearbeitet wurde nur 4 Stunden. Diese Tage war es recht kalt und habe ich mich jedes mal ein schönes Feuer gemacht, was ja streng verboten ist, aber es hat gut gegangen. ich habe alle drei Tage den Weg gemacht und wußte ich aber, was ich gemacht hätte, den andern Tag kam ich auf Wache. Da nun der Unterbau fertig war, mußten die Gefangenen Schwellen mit verstopfen helfen. Diese Arbeit ist nicht so schmutzig und schwer, und freuen sich die Leute, das sie nicht mehr in den Lehm rum schwimmen brauchen. Am 13. März sind wieder 2 Russen ausgerissen, gleich morgens sie sollten in Gruppen zur Arbeit eingeteilt werden. Kein Mensch dachte daran, das wir da noch mehr solche Halunken bei hätten, ehe die Wachtmannschaft sich verstand waren 2 Russen übers Geleise ins Gehölz verschwunden, trotz sofortiger Verfolgung und sogar 2 mal auf den Ausreißer geschossen worden ist, sind sie nicht wieder eingefangen. Diesmal war ich auch nicht dabei, denn ich war wieder mal auf Wache. Das es nun keine gute Tage für uns gab, kann sich jeder leicht denken. Unser Komandoführer, Offiziersstellvertreter Strieke, war draußen aufgebracht und hat er geschimpft wie ein Rohrspatz. Der Lagerfeldwebel dagegen ist sehr ruhig, er sagt, es sind zu wenig Wachtmannschaften vorhanden. Es ist nichts seltenes, das 2 Wachtleute mehr wie 50 Gefangene bewachen müssen. Der Hauptmann kam am andern Tag von St. Pirmont [Saint-Pierremont] herüber, um den Platz, wo die Russen ausgerissen sind, in Augenschein zu nehmen. Das alles änderte nichts, die Leute waren eben verschwunden. Nun nahm der Hauptmann ein großes Verhör ab und noch ein größeres Protokoll wurde aufgesetzt aber das die Leute bestraft werden können, glaube ich nicht, denn es sind eben zu wenig Leute vorhanden. Unser Strieke blieb aber die nächsten Tage sehr aufgeregt und schnautzte uns bei jeder Gelegenheit an. So war ich am 18 März auf Wache, keine dachte daran, das Strieke uns mitten in der Nacht einen Besuch abstatten würde. Mitten in der Nacht, kurz vor ein Uhr alles alg und schlief, außer den Wachthabenden, kommt Strieke herein geschwind, einer sitzt am Tisch und schläft, diesen schreit er gleich an: Können sie nicht aufstehen, wenn ich herein komme. Dieser antwortet, ich habe den Feldwebel nicht erkannt. Darauf Strieke wieder: Mensch sie schlafen wohl mit offenen Augen. Ich lag im Stroh und schlief fest, von den schreien war ich auch gleich auf den Beinen. So ging das andauern[d] bis er sich etwas abgekühlt hatte. Er weiß nicht wie er uns Leute herum kriegen soll und er muß sich doch sagen, das er von uns nicht mehr verlangen kann.

Unsere Russen sind nun alle Tage feste am Schwellen stopfen. Die ganze Zeit wo nun hier sind, surren uns die Flieger immer so um die Köpfe herum, ist das wohl 15 bis 20 auf eimal [sic!] in der Luft sind. Auch feindliche Flieger kamen oft herüber, wurden aber immer beschossen. Es sieht von weiten sehr interssant aus, wenn die Schrappnels in der Luft platzen. Am 28 März hatten wir das Glück, zum ersten mal auf unsern neue Kriegsbahn zu fahren. Wir mußten wieder auf eine entfernte Strekke arbeiten. Wenn wir nicht mit der Bahn gefahren wären, hätten wir 3 Stunden laufen müßen. Die kleine Fahrt machte sehr viel Vergnügen, wenn es auch manchen Puff gab, was ja auch nicht zu verwundern ist, wenn man auf gewöhnliche Steinwege fährt. Selbst verständlich fuhren wir abend wieder zurück, mußten aber von dem Zuge, der uns zurück bringen sollte, Steine abladen. Es war gegen 6 Uhr, wie wir mit diese Arbeit anfingen. Die Maschine mußte los hangen [sic!] und zur Endstation Afrikur [nicht identifizierter Ort] fahren denn sie hatte kein Wasser nicht auf dem Kessel. Unterdessen hatte der Himmel seine Schleusen eröffnet und es regnete nur so in Strömen. Die Steine waren bald abgeladen und in den ströhmenden Regen warten wir auf unser Dampfroß und wir warten, 3 Stunden lang. Seit einer ½ stunde hört man die Maschiene schon tuten, aber sie kommt nicht näher. Endlich es war schon lange nach 9 Uhr, kam sie in Sicht. Wir standen im freien Felde, von jeder Ortschaft weit entfernt und stockfinster, mann konnte nicht die Hand vor Augen sehen und es regnete noch in Strömen. Ich hatte 19 Gefangene auf meinen Wagen, die hätten alle fliehen könne, ich hätte nichts dagegen machen könne, denn mann konnte tatsächlich keine halben meter sehen. Nun setzte sich der Zug, in Bewegung, mußte aber auf der Streke noch mal anhalten und einige Wagen anhängen. Nun ging das Ziel auf unsern Dorf zu. Unser Dorf bekommt eine Haltestation. Gegen 11 Uhr waren die Russen in ihre Baracken untergebracht, es fehlte kein einziger.

Am andern morgen hatten wir etwas länger Ruhe, wir brauchten erst 9 Uhr mit unsern Russen ausrücken. Sonsts wird jeden Tag 6 Uhr angetreten, 5 Uhr wird aufgestanden. So ist der eine Tag wie der andere abwechslung giebt es nicht. Seit einiger Zeit dürfen wir kein mehr mit den Russen sprechen, auch dürfen wir uns tagsüber nicht hinsetzen, was sonsts erlaubt war, wenn man dabei ertappt wird, dann kann man 14 Tage in Arrest fahren. Am 25 März haben wir hier ein Battl. Infanterie in Quartier bekommen. Diese werden aber bald Reservestellungen beziehen, denn es deutes [sic!] alles darauf hin, das wir bald die Offensiehve ergreiffen. Vom 1 April ab sollen Truppen, Munition und Kriegsmaterial mit der Bahn befördert werden. Es ist noch manche Stelle , wo gestampft werden muß. Es war herliches Wetter und die Rückfahrt machte jetzt mehr Vergnügen wie das erste mal. Vorläufig müßen wir jeden Tag mit der Bahn fahren, denn es muß längere Zeit auf der Stelle gearbeitet werden. Jetzt heißt es, jeden morgen 4 Uhr aufstehen, denn um 5 Uhr muß alles fertig stehn. Der erste Zug fährt im 6 Uhr. Es ists aber kein Personenzug, sondern vorläufig fahren noch immer Steinzüge. Personenzüge werden auf dieser Strecke wohl überhaupt nicht eingeführt, denn es ists eben eine Kriegsbahn. Von 2. zum 3 April war ich auf Wache, den Tag wo mann von Wache kommt, braucht man nicht viel Diensts machen. Kartoffeln schälen und Begleitdienst machen ist das einzige was gemacht werden muß. ich mußte diesmal die Küche mit begleiten, das war ein marsch von über 2 Stunden. Auf dem Rückwege wurden gefahren, und zwar habe ich gefahren. Am 1. April ist die 1. und 2. Kompanie verlegt nach Briekuni [Briquenay], etwa 3 klm. vor Harikur [Harricourt]. Unsere Kompanie bleibt für unbestimte Zeit noch in ihr altes Quartier. Den Kanonendonner den mann hier sehr deutlich hört, wird oft recht heftig geführt. In der Gegend von Verdun ist er oft besonders heftig. Am 5 April muß da die reine Hölle los gewesen sein, besonders Abends, zwischen 9-10 Uhr war das Feuer so stark, das mann die einzelnen Schüsse nicht unterscheiden konnte. Am 7 April sind einige kranke Russen zurück nach Deutschland befördert worden. Heute am 8 April arbeiteten wir bei dem Dorfe Busancie [Buzancy]. Hier befindet sich auch ein Proviantlager, auch führt hier eine Feldbahn bis zu Front. Es war heute morgen recht kühl und windig. Ich hatte mir meine Zeltbahn aufgeschlagen und hatte mich etwas hingesetzt. Dies hatte der Unteroffizier Kreuter gesehen und kommt auch gleich auf mich zu und schnautzt mich an. Ob ich nicht wüßte, das das hinsetzen verboten wär und ob es denn so kalt wär. Das sitzen ists nämlich streng verboten. Ich mußt also wieder stehn und auch mein Zeltlager mußte ich wieder einrollen. Die Tage vergehen jetzt immer eintönig. Wir fahren jeden Tag mit unseren Russen nach Aute [Authe] und Luzanli [nicht identifizierter Ort] zur Arbeit. Die Bahn ist für den Betrieb fertig. Es wird jetzt schon jeden Tag Proviant, Munition und Truppen auf unsern Kriegsbahn befördert. Am 12 April fuhr der erste Lazarettzug von der Front kommend nach Sedan zu. Nun ist die Bahn wohl fertig, aber wir bleiben mit unseren Russen noch hier, denn die Schwellen drücken sich stellenweise noch zu tief ein, dies muß dann immer wieder von neuem gehoben und gestopft werden. Seit dem 11. April darf im Lager kein Licht mehr brennen. Sonsts würde jedes Gefangenenlager trotz der hohen Drahteinzeunung [sic!] hell erleuchtet. Auch mußt jedes Fenster hinter welchen Licht brennt verhangen werden. Dis sind alle Maßregel wegen Fliegerangriffe und wird dies auch wohl alles mit der Beforstehenden Offensieve im zusammenhang stehen. Die Posten beim Lager sind in der Nacht auch mit einer Taschenlampe versehen. Die Einteilung der Russen bei der Arbeit geschieht jetzt anders als sonsts. Jetzt bekommt jeder von uns 20 Russen zur beaufsichtigung, für diese Leute ists mann verantwortlich und muß mann sie Abends wieder vollzählig abliefern. Sonst gehörte unsere Kompanie zum 16. Armeekor [Armeekorps] jetzt zur Millitär Eisenbahn Direktion 2 Frankreich. Wir fahren noch alle Tage mit einen Steinzug nach unsere Arbeitsstelle. Manchmal hatte ich in der Richtung auf Verdun Fesselballons gesehen. Am 16 April konnte ich mehrere Ballons in der Richtung auf Reims zu beobachten. Die Flieger surren uns bei klarem Wetter nur immer so um die Köpfe rum. Unsere Arbeit ist hier bald erledigt und hat es den Anschein, das wir nun bald verlegt werden, denn in den nächsten Tagen sollen unsere Russen entlaust werden.

 

Auf Frankreichs weiten Feldern davor der Festung Reims. Da stand ein junger Krieger auf sein Gewehr gestützt. Der junge Krieger auf der Wacht was schaust du in die dunkle Nacht. Ich steh für dich mein Vaterland, mein Vaterland lebt wohl. Und steh ich so in dunkel, auf einsam stiller Wacht, und alle Sternlein funkeln in finster dunkler Nacht. Denkt ich der trauen Braut daheim. Den lieben teuren Eltern mein. Ich steh für dich mein Vaterland leb wohl. Und sollt ich nicht erleben, mein Land befreit zu sehn. So soll mein Grabeshügel auf Frankreichs Erde stehn. Da kracht ein Schuß der kostet viel ihm klingts so süß wie Harfenspeil. Ich sterb für dich mein Vaterland. Mein Vaterland leb wohl.

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Kriegstagebuch von Franz Legler – Feldlazarett 2 im X. Armeekorps (10. August 1914 – 31. Mai 1915)

Über den Tagebuchschreiber Franz Leger lassen sich aus seinem Kriegstagebuch kaum biographische Informationen entnehmen. Legler war eingesetzt beim Feldlazarett 2 des X. Armeekorps. Eventuell stammte er aus Lindau. An einer Stelle seines Tagebuches erwähnt er, dass er mehrere Lindauer gesehen habe, was diesen Verdacht stützt. Ansonsten gibt er keinerleite persönliche Informationen über sich preis: Weder etwas über seine Familie, noch über seine Beruf.

Auffallend an seinem Kriegstagebuch ist die sehr fehlerhafte Rechtschreibung. Vermutlich hatte der Schreibe zumindest eine Schreibschwäche.

Das Kriegtagebuch umfasst den Zeitraum vom 10. August 1914 bis 31. Mai 1915. Nicht immer wird die Chronologie eingehalten. So springt der Verfasser gerade im Monat September zwischen den Daten. Einzelne Seiten des Tagebuches sind locker. Zumindest ein einer Stelle besteht der Verdacht, dass eventuelle Seite verloren gegangen sind. Vom zweiten Weihnachtstag 1914 bis 1. Februar 1915 sind keine Einträge vorhanden. Und die Seite vom 1. Februar liegt lose im Tagebuch. Es ist möglich, dass dort eine oder mehrere Seiten verloren gegangen sind.

Mit dem Eintrag vom 31. Mai 1915 bricht das Tagebuch ab. Die weiteren Seiten bleiben, bis auf einige wenige Einträge am Ende über u.a. Adressen, Geld- und Paketsendungen, leer.

Umschlaginnenseite mit Namenseintrag von Franz Legler
Erste Seite mit Tagebucheintragungen. Auf den drei Seiten vorher finden sich französische Wörter mit deutschen Übersetzungen.

Kriegstagebuch von Franz Legler - Feldlazarett 2 im X. Armeekorps (10. August 1914 - 31. Mai 1915)

1914

10-13 August auf Truppenübungsplatz Elsenborn. Da lagen Artillerie u. Infanterie u 1-4te Feldlazarett.

Am 15 August 10 ½ Uhr Abmarsch von Elsenborn nach Spa in Belgien großer Badeort.

Am 15 Augst Ognev [wohl Ogné]

Die ersten in Brand geschossenen Dörfer. In der einen Ortschaft hatten 2 Belgier einen Hauptmann erschossen, die sind Standrecht beide erschossen.

  1. August

300 Belgische Gefangene gefahren von 20 Mann 73 Infanterie bewacht.

Am Abend 22 August in Pontelu [Pont-de-Loup] 500 Verwundete untergebracht, die ganze Nacht von Hauptverbandsplatz nur Verwundete gefahren u. auf Bahren getragen.

Am 1 Sept Abmarsch in Pontelu [Pont-de-Loup] auf der Landstraße fiele Einwohner gesehen auf Wagen u. Esel ihr Hab u. Gut. Kinder u. Frauen, alte Männer ein trostloses Bield[.]

Am 2 Sept die französische Grenze ½ 10 Uhr morgens überschritten.

Des Abends Qutier Avesnes [Avesnes-sur-Helpe]. In der Herberge 2 Mann ein Bett. Am Sonntag 12 Sept. morgens 7 Uhr Abmarsch von Passankur [wohl Bazancourt], da haben wir den Abend 1000 Gefangene Franzosen u. Engländer gesehen. Die erste Nachricht v. d. Heimat erhalten. Nach Reims marschiert den 11 Sept. morgens 5 Uhr morgens, lagen wir auf der Straße um die Cathedrale schändlich gefroren[.] Die Nacht durch marschiert in Regen.

Von Passackur [wohl Bazancourt] nach Tagnon[.]

Sonntag mittag um 1 Uhr hier angekommen, den Wein aus einen Keller in Eimer geholt.

—–

Den Sonnabend 5 Sptb wo wir Ruhetag hatten habe ich mit 2 Kammera[d]en Laon angesehen u. hatten uns die Chattedrale einwendig angeschaut. v. 4 Uhr b. 8 Uhr Abends, dann zogen wir 3 Mann auf Wache, den Sonntag ging es um 7 Uhr morgens Abmarsch, durch Laon ein schöne Stadt, wir lagen nämlich eine Stunde davor.

Donnerstag 3 Septb. Marschierten wir um 6 Uhr von Avennes [Avesnes-sur-Helpe] nach Fonteine [Fontaine-lès-Vervins] wo wir die Nacht in der Scheune schliefen, unterwegs den Rückmarsch der Einwohner immer das selbe Elend.

Freitg. 4 Sptb. Rückten wir 6 Uhr von Fonteine [Fontaine-lès-Vervins] ab um 4 ¼ Uhr nachmittags in Chambry an.

Sonnabd. 5 Sptb. Ruhetag 8 Uhr morgens standen wir auf u. hatten Appell Nachmittags Gewehr reinigen u. Apell.

Sonntag 6 Sptb. Um 6 Uhr morgens rückten wir von Chambry ab nach Firmes [Fismes] wo wir die Nacht blieben, unterwegs trafen wir Kriegsgefangene Franzosen Engländer Turkos.

Montg. 7 Sptb. Rückten wir um 6 Uhr wieder von Firmes [Fismes] ab. um nach Reims zu gehen, die richtung wurde geändert wir kamen nach Port d Bison [Port-à-Binson] wo wir um 4 Uhr ankamen. Gewehr reinigen.

Dienstg. 8 Sptb. Um 7 Uhr abmarsch v. Port-Bison [Port-à-Binson] nach Montmort [wohl Montmort-Lucy] wo wir um 4 Uhr ankamen. In Montmort kamen viele leicht Verwundete, die wir die Nacht noch unterbrachten.

Mittwoch 9 Sptb. wurde von Montmort um 9 ½ Uhr morgens ab nach Bringy-Vand [wohl Brugny-Vaudancourt] wo wir Biwack machten um 5 Uhr abends Abgekocht. Donstg. 10 Spbt. Um 210 Uhr nachts verließen wir das Biwack um Sillery zu marschieren wo wir um 4 Uhr nachmittags Biwack machten, die Nacht marschierten wir um 11 Uhr Abend ab nach Reims zu.

Sonnabd 12 Sptb. kamen wir in eine Vorstadt v. Reims in Qutir auf einen großen Fabrikhof. Da kam der Rückzug von Reims nach Tagnon.

Sonntag 13 Sptb kamen wir um 1 Uhr mittags in Tagnon an lagen hier eine Woche u. hatten jeden Tag v. 7 Uhr Dienst in Sachen reinigen Gewehr Geografie Völkerrech[t]en Franzsch [Französisch] nachmittags um 5 Uhr Apell bis auf weitres

Sonntag 20 Sptb v. Tagnon 8 ½ Uhr abmarsch auf Roizi auf den Marsche begegnete uns ein Transport Verwundete Deutsche u. Französen. Hier in der Kirche lagen viele Verwundete Deutsche. Wir kochten ab auf einen freien Platz.

Montag 21 Sptb. Die Verwundeten Deutschen Franzosen haben wir den morgen auf Wagen geladen und zur Bahn befördert ein Elendes Bild. Heute mittag große Wäsche gehabt Unterhose u. Hemd.

Roizy Mittwoch 23 Sptb. nachmitags 4 Uhr hatte ein Französischer Flieger 4 Stk Bomben in eine Furback [Fuhrpark] Kolonne geworfen. 10 Mann schwer verletzt 5 Pferde tot. De Verwundeten hatten wir gleich hohlen müßen, Notverband dann kamen sie gleich weiter. 4 km [unleserliches, verwischtes Wort].

Sonnabend 26 Sptb. Von Roizy nach Asfeld 6 Klm. Hier konnten wir Wein kaufen 40 ch die Flasche. Von einer Furbark [Fuhrpark] Kolonne wurde ein Faß Amerikanisches Schmalz verteilt.

Sonntg 27 Sptb. Vormittags von 9-10 Uhr Feldgottesdienst in Asfeld. Dann wurde um 12 Uhr mittag gegessen. Um 3 Uhr nachmittags abmarschiert. Asfeld nach Bourgogne 15 Klm. Abend 6 Uhr dann zog ich auf Wache. Hier lagen 20 Artl. Garde Pioniere Husaren Maschinengewehrk.

Dienstag 29 Sptb. morgens abmarsch von Bourgonge [Bourgogne] nach Asfeld zurück. Am Abend vor Abmarsch war großes Geschütz Feuer 3 Klm von Bourgonge [Bourgogne].

Mittwoch 30 Sptb 2 Stunden ekzazieren [exerzieren] Kriegsspiele von 2-4 Uhr.

Freitag 16. Sptb. Abmarsch um Asfeld 12 Klm. 8 ½ Uhr abmarsch um ½ 12 Uhr wieder ankunft in Asfeld. Der Wirt hier wo wir liegen hat müßen 200 M strafe zahlen weil er 2 Deutsche Soldaten beleidigt hatte.

Sonnabend 17. Septb wurden mehre Ladungen Liebesgaben von Bahnhof abgefahren.

Neufschattel [Neufchâtel-sur-Aisne] 21. Oktob. abends 5 Uhr abmarsch von Asfeld nach hier abends um ¼ 8 Uhr hier an, kam gleich auf Parkwache die Nacht, am Mittag wurde hier die Ortskrankenstube von uns übernommen, nachmittags um 5 Uhr spielte hier Reg. Musik v. 77.

Neufschattel

Freitag 23 Oktb. nachmittags wurde an Mannschaften u. Unteroffz. das eiserne Kreuz verteilt v. General Kommando die Musik spielte Deutschland über alles Regmt. N. 77.

Sonnabd. 24 wurde ein Artillerist begraben auf den Friedhof in Neufschattel [Neufchâtel-sur-Aisne] mit Regm. Musik. Der war beim Karabiner reing. v. s. Kam. aus unforsichtichkeit erschossen. Landwehrmann Vater v. 3 Kind.

Sonntag 25 Oktb. Liebesgaben verteilt an Mannschaften u. Unteroffz. Den Abend Kranken Wache.

Montag 26 Oktb. Bein Fliegeroffz. auf Wache kommandiert.

Freitag 13. Nov. wurde derselbe geheilt entlassen.

Sonnabend 21 Novb. 12 Uhr mittags Kranke nach Laon gebracht per Bahn von Neufschattel [Neufchâtel-sur-Aisne]. Den Abend auf den Bahnhof v. Laon. Die Nacht geschlafen[,] um 8 Uhr morgens nach Neufschatel [Neufchâtel-sur-Aisne].

Dienstag 24 Novb. nachmittags 2 Uhr v. Neufschattel [Neufchâtel-sur-Aisne] nach Le Thour 15 Klm.

Sonnabend d. 28 Novb. Alarm sämmtliche Truppen im Orte darnach ein Übungsmarsch bis mittag wieder zurück.

Le-Thour, den 24 Novb. auf Nachtwache beim Brücken-Train.

26 abed. auf Nachtwache.

2ten Weihnachtstag Strafwache.

[Möglicherweise fehlten einige Seiten]

Montag, den 1. Febr. [1915] 9 Uhr morgens von Le-Thour nach St. Germont [Saint-Germainmont] 4 km, da wurden unser Ortsquart. zu recht gemacht.

Mittwoch den 24 März Marsch von St. Germainmont [Saint-Germainmont] nach Bassancourt [Bazancourt] dort Abfahrt 9 Uhr 50 vor den Verladen der Wagen Fuhrt über große Orte Rethel Hirson 3 Uhr nachmittags Verpflegung ein genommen, Fuormies [Fourmies] Sains [Sains-du-Nord][.] Mehre gespannte Talbrücken, wieder von unsern Pionieren hergestellt. Wiesen u. Wühler. Avesnis [Avesnes-sur-Helpe] unser früher Quartier Aulnoye [Aulnoye-Aymeries] Hautmont (Injustrigegen) [Industriegegend] Glas Tonwerke Einhartguswerk Leveau Mons Mormau [unleserliches Wort] Chlen

Sonntag, den 11 April Abmarsch von Brags [Brages] Belgien ¾ 4 Uhr vormittags nach den Bahnhof Turbriz [Turbize] um 5 ½ Uhr hier angekommen bis 7 Uhr Verladen der Wagen u. Pferde. Größte Bahn Station Ath Ligne Chapelle-a-Wattimes [Chapelle-à-Wattines]. Tournai Lille Mittagessen Karte bekommen. Lieberkur [Libercourt] Dunane [Douai] St.-Quetin [St. Quentin] Laon Sedan. Verpflegung bekommen Nacht i. d. Festung Montmedy [Montmédy] Ausgeladen am 12 April vormittags 10 ½ in Conflanz [vermutlich Conflans-en-Jarnisy] Frankreich dich[t] bei Verdun. Mittags 12 ½ Abmarsch nach Lorry [Lorry-lès-Metz] dich[t] bei Metz um ½ 3 Uhr die deutsche Grenze Marschiert in Deutschland hinein.

Am Sonnabend den 17 April 10 Uhr Abends Nachtübung bis 12 Uhr zurück. Wurde den Abend zur Nachtwache verurteilt, welche den Sonntag aabend wieder aufgehoben wurde, da ich den Befehl weiter gegeben hatte, ein Zeuge hatte das bestätig[t].

Sonnabend, 23 April um 1 Uhr mittags abmarsch von Lorry nach Vinoville [Vionville] 22 Klm. über Gravelotte die fielen Gräbern von 16.8.70 hier auch die Wohnhäuser v. K. W. I u. Mol[t]ke u. Bismar[c]k gesehen, durch das Dorf marschiert. In Gravilotte [Gravelotte] machten wir1/2 Std. halt, da traf ich einen Lindauer. Hier bei Vinoville [Vionville] ist das große Reiter Gefecht gewesen v. 70. Marslatur [Mars-la-Tour] liegt 4 Klm. von unser Quartier. Am 13 Mai ½ 8 Uhr Abmarsch von Vionville nach Lorry um 1 ¼ Uhr nacht angekm. gleich auf Wache. Gartenarbeit gemacht b. Regierungsrat.

Am 17. Mai Abmarsch v. Lorry 2 ¾ Uhr nachmittags nach Metz. Bahnhof Verladen um 7 ½ Uhr Abfahrt v. Metz nach Cambrey [Cambrai] Ankunft 18 Mai 10 Uhr vormittags. Abgeladen, dann Abmarsch nach Epinoy wurden in ein Saal einquartiert.

Am 31 Mai morgens 2 Uhr Abmarsch von Epinoy nach Corselles 26 Klm. morgens 8 Uhr ankunpft haben dorten ein Lazarett übernommen von 4 Armekor [Armeekorps].

"Rezept" für den magenkranken Fliegerunteroffizier Cassel über die Verschreibung von mehreren Flaschen Fachingen-Mineralwasser.
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Kriegstagebuch von Heinrich Fehr, Unteroffizier der Reserve im Infanterie-Regiment 99 (25. August bis 2. November 1914)

Über den Kriegstagebuchschreiber Heinrich Fehr ist leider bisher wenig bekann. Fehr war Soldat im Infanterie-Regiment 99, das zur 60. Infanterie-Brigade in der 30. Division gehörte. Im Kriegstagebuch erfahren wir wenig über seine Biographie. Wahrscheinlich war er zum Zeitpunkt des Schreibens noch nicht verheiratet, da er nie eine Ehefrau erwähnt. Er erwähnt allerdings seine „Liebste“, wobei ihr Name nicht eindeutig identifiziert werden kann. Über seine Familie erfahren wir keine substanziellen Informationen. Auch erfahren wir nicht sein Alter, seinen Beruf und auch nicht seinen Heimatort.

In seinem Kriegstagebuch erwähnt Fehr, dass er Unteroffizier der Reserve ist. Diese Beförderung wurde ihm am 30. August 1914 mitgeteilt.

Das Kriegstagebuch beginnt unvermittelt mit dem Eintrag vom 25. August 1914. Zu dem Zeitpunkt befand sich Heinrich Fehr bereits an der Front in Frankreich im Raum Raon-l’Étape in den Vogesen. Am 8. September 1914 wird das IR 99 nach Tirlemont (Belgien) verlegt. Am 14. September erfolgte bereits die Rückverlegung nach Frankreich, zunächst nach Laon (17. September 1914), dann weiter in den Raum Craonne nördlich der Aisne. In diesem Raum verbleibt Fehr dann, bis das Tagebuch am 2. November 1914 endet.

Ob Fehr sein Kriegstagebuch noch über den 2. November 1914 hinaus geführt hat, ist nicht bekannt. Weitere Bände liegen in meiner Sammlung nicht vor und werden auch in dem vorliegenden Band nicht erwähnt.

Erste Doppelseite des Kriegstagebuches von Heinrich Fehr

Kriegstagebuch von Heinrich Fehr (25. August bis 2. November 1914)

Dienstag, 25. August 1914

Marsch zum Regiment durch einen großen Wald, alles mit Soldaten und Wagen beladen. Abends dann Halt in einem Tannenwald. Hier ganz nahe heftigen Kanonendonner bis spät zum Abend. Nach Eintritt der Dunkelheit Lager im Wald auf den Tannennadeln, nur Zeltbahnen. Kleine Regenschauer, nicht zu essen, nur einige Wurzeln die ich vom Morgen noch hatte. Auch etwas Brot und Wurst von Trude. Eine Flasche Wein, die einer vom Wagen geholt hatte, schmeckte ganz gut. In der Nacht schlecht geschlafen, dann kühl, dann zu hart, alles unbequem. Morgens früh weckte uns der Kanonendonner. Wieder nichts essen, kein Kaffee bis zum Ausgang marschiert.

Mittwoch, 26. August 1914

Viele Flüchtlinge. Am Rande des Waldes auf der einen Seite schwere Artillerie, auf der andern leichte. Das war ein Donnern und Krachen, wie ich es nie gehört habe. Hier bekamen wir Mittagessen früh morgens um 7 Uhr aus der Feldküche. Kein Wasser. Weiter in die Stadt Raon l´Etappe [Raon-l’Étape]. Dort bis zum Marktplatz. Die Kirche ausgebrannt. Auf dem Platz großer Brunnen. Wasser getrunken. Wein verteilt. Hundekuchen. Dann kam die erste Granate; darum der Platz geräumt. Am andern Platz exerziert, weil einige in die Häuser waren. Andere hatten ganze Ladungen geraubt: Pflaumen, Wein, Gemüse, Konserven. Brennend Häuser, auch nach hier kamen die Granaten, darum zurück bis zum Waldsaum; dort der kommandierende General. Da zurück ausgeschwärmt durch die Felder. Kam an den Fluß; dadurch bis an die Hüften. Einige Granaten schlugen dicht neben uns ein. Zwei Blindgänger. Man hörte sie so schön sausen. Steinbruch gelagert. Stiefel ausgezogen. Fußbekleidung ausgewrungen. Längere Pause. Nachmittags Verteilung auf die Batallione, ich zum dritten. Einer an den Baum gebunden weil er gestohlen hatte. Abends fing es an zu regnen und zwar sehr heftig. Ich noch auf Wache oben in den Steinbruch. In den Schuppen geschlafen vor den Pferden.

Donnerstag, 27. August 1914

Zur 10. Kompagnie eingeteilt. Wieder Essen von der Maschinengewehr-Kompagnie. Dann Abmarsch des ganzen Batallions unter strömendem Regen durch schlammige Wege in einen Tannenwald. Lauter Erltannen bis zu 20m hoch, sehr steiler Berg, beschwerlich, oben Schützengraben. Zwei Regimenter lagen vor uns. Wir vorläufig in Reserve. Anfangs hieß es, der Feind werde versuchen durchzubrechen, kurz darauf jedoch Divisionsbefehl, daß der Feind in fluchtartigem Rückzug räume, von unsere Artillerie beschossen werde. Im Wald lagen wir so in Deckung in unsere Zelten. Dann Abstieg. Langschwieriger Abstieg, weil wir einzeln bergab. Viele tote Franzosen, viel Kleidungsstücke. Dann durch ein Dorf. Über die Bahn an einem Elektrizitätswerk vorbei. Auf eine Wiese, dort kurze Rast. Dann zurück in den Waldsaum, heftiges Artilleriefeuer von unserer Seite, auf der feindliche Seite schwieg alles. Dann an einer Villa vorbei im Tannenwald. Viel zerstört. In der Dunkelheit kamen wir nach Etivalles [Étival-Clairefontaine] . Stand zum Teil in Brand. An der Kirche vorbei in ein Haus mit der ganzen Kompagnie. Ich lag schon auf der Matratze. Da wurden wir umquartiert. Einige Wurzeln dienten mir als Nahrung; überhaupt den ganzen Tag der ins Stroh. ziemlich anstrengend gewesen war. Sehr hungrich. Kamen auf die Dele oder oben ins Stroh. Da kam die Küche. Wieder aufstehen, essen, auch noch Zwieback empfangen.

Freitag, 28. August 1914

Morgens ziemlich lange geschlafen. Erst Kaffee holen, dann wieder hingesetzt. Andere hatten Hühner und Kaninchen geschlachtet und waren fleißig am Kochen. Auch selbst ziemlich eingenommen, da ich zum 1. Zug als Gruppenführer kommandiert war gegen 11 Uhr Aufbruch. Es war trübes ganz unklares Wetter, weshalb auch wohl so spät. Das Dorf hinauf, ging dann über die Wiese in einem schmalen Waldsaum. Dann wieder zurück nach der andern Seite des Dorfes und hinaus nach Pajalles [Pajaille ]. Dort wieder heftiges feindliches Feuer, aber weiter über zwei kleine Bäche worüber Bretter gelegt waren. Unten am Rande lagen wir nun lange Zeit, verschiedene Regimenter stark. Endlich ging es vor auf die Höhe. Auch mit meiner Gruppe gehörte Zug zwei, Halbzug des 1. Zuges. Als wir auf die Höhe kamen, sausten zuerst unsere eigenen Artilleriegeschosse über uns. Kurz darauf kamen auch Kugeln angesaust. Eine schlug dicht neben mir ein. Es wurde in mir doch ein wenig sonderbar und unwillkürlich duckte man sich zusammen. Bis auf den Berg[,] wo die Kühe lose herumliefen[,] ging es vor. Heftiger Kanonendonner von drüben kam dicht über uns. Als es dunkel wurde, mußten wir uns eingraben. Da lag man nun, auch hatten wir etwas Heu hineingelegt, und starrten in den Himmel, in die Sterne, auch die Venus war zu sehen. Im Hintergrunde rechts ein brennendes Dorf. Da kam der Artilleriehauptmann und bestimmte die feindliche Batterie. Endlich gegen 10 Uhr wurden wir abgelöst. In der Dunkelheit ging es zurück nach dem Platz der vorigen Nacht. Es wurde mir sehr kalt auf dem Stroh. Morgens schickte ich meine Karte ab. Dann lagen wir marschfertig.

 Sonnabend 29. August 1914

Den ganzen Tag blieben wir liegen. Als wir abends abkochen wollten, denn es war ein Schwein geschlachtet und verteilt, da feuerte plötzlich die Artillerie und das Fleisch wurde nicht gar. Ich habe noch etwas so gegessen. Am Sonntag morgen früh 2 Uhr wurde alamiert. Der Feind schoß wieder heftig auf uns.

Sonntag, 30. August 1914

Um 4 Uhr rückten wir ab. Völlige Dunkelheit. Starker Nebel wie überhaupt fast täglich morgens. Das ganze Regiment rückte aus, zurück über Raon l´Etappe [Raon-l’Étape] und noch ein Stück weiter. Beschwerlicher Marsch. Gegen 9 Uhr Ankunft in dem Dorf. Vor allem liegen bleiben. Der ganze erste Zug lag in einem Hause. Ich mit meiner Gruppe oben auf dem Boden[,] wo Holz war. Um 10 Uhr Appell. Dann 12 Uhr ein recht fettes Mittagessen. Dabei mußte ich mir den Magen verdorben haben. Auch noch ein Zahngeschwür. Es war mir recht eigen zu Mute. Da kam die Nachricht über meine Beförderung zum Unteroffizier nicht gerade sehr erfreut. Nachmittags 4 Uhr Löhnungs-Appell, 6 Uhr nochmals, dauerte ziemlich lange. Am Abend kam Heinrich Becker zu mir, und wir gingen zusammen hinter dem Hause auf die Anhöhe und tauschten Heimaterlebnisse und Grüße an unsere Lieben aus. Der Abendstern schien so goldig.

Montag, 31. August 1914

In der Nacht ziemlich geschlafen mit der Zeltbahn. 6.30 Uhr ging es dann zum Schanzen durch das Dorf über die Chaussee nach Baccarat zu. Auf der Straße Gepäck abhängen und an den Bahndamm und dahinter schanzen. Ich brauchte nicht viel zu tun. Vor uns lag ein Tal, sumpfig, dahinter der Wald. Von rechts er ertönte die Regiments-Musik aus Baccarat. Ab und zu kam ein Flieger. Ein deutscher Flieger wurde geschossen, ließ aber sofort Leuchtkugeln fallen und stieg wieder. Bei dem französischen [sic!] nachher fielen Schüsse, die aber zu kurz gingen. Gegen 6 Uhr essen, Reis mit Gulasch. Ich verwahrte mir noch eine zweite Portion bis zum Abend. Nachmittags wieder Appell. 6.30 Uhr Abmarsch zum Kirchgang. Unser Regiment und Artillerie 84 kamen zusammen vor dem Dorf auf dem Schlachtfelde. Der Feldprediger sprach sehr schön: „Ihr gedacht es böse zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.[“] Am Abend ich wieder oben auf dem Ufer und spähte hinaus in die feindliche Welt. Da leuchtete der Mond so friedlich, da lenkte der Abendstern mit sehr wundervoller Klarheit meine Gedanken wieder der fernen Heimat zu, der liebsten. Dazu spielte unten im Dorf die Regiments-Musik. [„]Das Niederländische Dankgebet“ und dann „Ich bete an die Macht der Liebe.“

Dienstag, 1. September 1914

Morgens exerzieren auf dem Felde. Das erste Mal kommandierte ich eine Gruppe. Der Major kam zur Besichtigung, In der Ferne wieder heftiger Donner. Am Nachmittag kam ich zur Feldwebelstube, wo wir 15 Flaschen verzehrten. Ich zahlte 2 M dafür, dann auch zum Abend eben dort. Es war recht gemütlich in der Küche der Franzosen. Dann nahm mich Feldwebel Marquard mit zum schlafen und so quartierte ich am andern Morgen ganz um.

Mittwoch, 2 September 1914

Um 7 ½ Uhr sprach der Hauptmann die Unteroffiziere. Dann zum Exerzieren nach Rücker. Es waren 70 Reservisten zum Ersatz von Göttingen angekommen. 10 bekam ich in meine Korporalschaft. Um 4 Uhr sprach der Brigade-Kommandeur zu uns und hielt eine begeisterte Ansprache, worin er auch lebend die Verdienste der Brigade erwähnte. Da hatten wir uns einen kleinen Kuchen backen lassen., den wir mit großem Appettit [sic!] verzehrten. Am Abend war ich mit Heinrich Becker im Dorf zur Jagd auf Tabak. Zwei Cigarren bekam ich, das Stück für 20 Pf. Karten abgeschickt nach Trude, zu Hause und Tiefendorf. Man sprach schon von Alarm. Der Feldwebel lag schon zu Bett, als ich Becker meine letzte Cigarette gab. Dann lagen wir noch etwas draußen. Ein wundervoller Abend. Der Mond und der Abendstern in nächster Nähe und doch so fern.

Donnerstag, 3. September 1914

Morgens früh 5 Uhr wurden wir plötzlich geweckt. Die Kompanie stand schon draußen. Wir hatten nichts gepackt. Auch die Fußbekleidung noch aus, doch es ging noch. Um 6 Uhr Abmarsch zurück auf die Straßen nach Raon l’Etappe [Raon-l’Étape]. Dann seitwärts links über eine Wiese zu dem alleinstehenden Gehöft. Dort lagen wir im Garten. Poin [sic!] sollte ein heftiges Gefecht sein und wir waren zur Reserve zurückgeblieben. Dort lagen wir von 7 Uhr bis ¼ vor 3 Uhr. Dann Eilmarsch wieder über Raon l’Etappe [Raon-l’Étape], dann rechts seitwärts über Ht. Neufvillage [wohl: La Haute Neufville]. Viele Verwundete begegneten uns. Sehr heiß. Einige machten schlapp. Mir wurde es auch sehr sauer, ebenso Hildburg und Brackelmann. Oben vor einem Wald halt. Wasser aus einem Bach getrunken, war sehr kühl. Dann wieder zurück rechts in den Wald. Lange und beschwerlich ging es auf und ab, durch schmale Waldwege und quer durch die Berge, sehr schöne hohe Tannen. Endlich wieder herunter auf einer breiten Straße sammelten wir uns. Da kam ein feindlicher Flieger. Nun ging’s wieder weiter nach rechts an dem Haus vorbei[,] wo der Oberst stand, durch Sumpf und Morast bis vorn in den Wald. Es war schon dunkel. Der Mond leuchtete so friedlich. Heftiges Gewehrfeuer, besonders zu unserer Lausche [sic!]. Wir lagen still. Dann wieder zurück in den Wald. Sehr kühl. 12 Uhr Alarm und weiter ging’s zurück über die Chaussee in ein Dorf[,] wo wir vor einem Hause noch etwas herum lagen. Dann Kiefern holen zur Deckung der Artillerie.

Freitag 4. September 1914

Kam unsere Kompagnie allein vor. Wir brachten sie erst nach vorn und gingen dann zum Waldessaum zurück. Dann aber mußte unser Zug wieder vor zur Besatzung der Höhe vor dem Pro[t]zen, zum Schutz vor Flanken Angriff. ½ 7 Uhr kamen wir unten an. Was für ein heißer Tag! Wir hatten die Hoffnung auf ein schönes Leben. Dichter Nebel lag vor uns im Tal. Plötzlich gegen ½ 8 Uhr fallen die ersten Schüsse. Wir mussten natürlich vor. Aber da ging es los. Wir feuerten und sahen doch nichts. Als es heller wurde klärte sich die ganze Stellung. Vor uns lag noch eine andere Linie. Die Franzosen auf dem jenseitigen Berg in Schützenlinien verschanzt. Unsere Artillerie arbeitete vorzüglich huhuhusssssbum! Dann die Flintenschüsse Pink, Pink! So den ganzen Tag über sahen wir dieses Manöver an. Wir konnten nicht mehr schießen da wir zur Bedeckung liegen bleiben mussten und vor uns deutsche Truppen lagen. Als Unsere auf einige Entfernung an den Graben kamen, gingen sie los „Heidi!“ [.] Dann wurden die Dörfer und der gegenüberliegende Wald befeuert, bis endlich alles still wurde. Den ganzen Tag über hörte man feindliche Artillerie, ein solches Feuer hatte ich noch nicht erlebt. Einer wurde verwundet durch Schuss in den Oberschenkel. Gegen Abend wurde es ruhig. Wir zogen uns zurück und machten uns ein Lager von Haferstroh vom Felde. Die Nacht so gut geschlafen wie lange nicht.

Sonnabend 5. September 1914

Des Morgens aufgewacht. Keine Wache. Dann ging es zum Wasser holen über die Höhe an zerstörten Häusern und Schützengräben vorbei. Einige Äpfel mitgenommen. Etwas Kaffee bei der Artillerie bekommen. Dann noch 1/3 Brot. Dann wieder sammeln zur Kompagnie, die die bis zum Mittag wieder zum Schutz der Artillerie zurück musste. Zwei Doppelposten in den Kieferwald. Postsachen verteilt. Ich wieder gar nichts dabei, sonst aber recht gemütlich. Abends gab es dann das erste Mal ein Festessen: warme Würstchen. Dann auch noch Essen wie am Mittag. Dann musste ich auf Wache ziehen, da meine 3 Leute etwas zu spät kamen. Am Abend stand und lag ich dann am Hügel und schaute in dem Mond und nach dem Abendsternen aus, zunächst verdunkelt, dann sehr schön hell. Heimatgedanken 12 Uhr Ablösung. Ich gleich ins Zelt zum Hildburg.

Sonntag der 6. September 1914

Am Morgen früh Kaffee empfangen. Ich blieb im Zelt liegen. Nachher bekam ich doch noch etwas. Dann wieder zwei Würstchen. Marschbereit halten. Dann ging es wieder zurück. Unsere Kompanie war an der Spitze. Es ging dann von Lasalle [bisher nicht identifizierter Ort] über Wiesen und Felder nach Etipal [Étival-Clairefontaine?], St. Blase [Saint-Blaise], auf den Weg den wir genau vor 8 Tagen gemacht haben, über Raon l’Etappe [Raon-l’Étape] an den kommandierenden General vorbei. Es war sehr heiß. Vor Bertrichames [Bertrichamps] wieder Rast. Wasser geholt und dann Hause am Waldrand, wo der Hauptmann in der Küche war. Dann Mittagessen. Es gab blauen Heinrich, schmeckte aber sehr gut. Dann wurden auch noch Cigaretten verteilt, jeder bekam 2 Stück. Da war große Freude. Dann lagen wir noch einige Zeit. Gegen ½ 4 Uhr wieder nach Baccarat. Dort auch viel Militär einquartiert. Die Häuser noch ziemlich unversehrt. Schön gelegenes Garnisonsstädtchen. Aber getäuschte Hoffnung. Es ging nämlich weiter Berg auf. Sehr staubig. Wir waren fast alle schwarz. Endlich rast auf staubiegen Feld. Nochmals Cigaretten bekommen. Dann wieder bis nach Montigny, dort Biwack, war sehr kalt die Nacht. Morgens ganz durchgefroren und durchnäßt. Ich hatte mir zwar ein trockenes Hemd angezogen. Um ½ 6 Uhr weiter. Wohin?

Montag 7. September 1914

Durch Montigny bergauf und ab, es war sehr kühl. Durch ein Dorf[,] das vollständig niedergeschossen war. Von den etwa 100 Häusern habe ich nur 3-4 heil gesehen. Da wurde es heiß. Viele machten schlapp. Durch verschiedene Dörfer, immer weiter. Endlich auf dem Feld vor Aprikurt [Avricourt?]. Da leuchteten die Berge des Vaterlands und ein warmes Gefühl der Liebe wurde wach. In Aprikurt [Avricourt?] großer Wassermangel. Lagen in dem Hofe. Mein Hemd gewaschen. Stiefel nach 4-5 Tagen tragen das erste Mal ausgezogen. Einiges Obst gegessen. Nachmittags Gewähr reinigen. Dann Apell. Brief an Trude. Abends viel Arbeit mit empfangen der Sachen: Schokolade, Cigarren, Cigaretten, Strümpfe, Fußlappen. Warmes Abendessen bekamen wir noch; dann ging es zurück ins Zelt. Sehr gut geschlafen nach der Anstrengung. 6 Uhr aufstehen, etwas experimentieren auf dem Feld. Dann wieder Ruhe; in Stand setzten der Sachen. Mittags schmeckte mir sehr gut, Äpfel gebraten und Kaffee gekocht; nachher auch ein Stück Fleisch. Meine Pfeife bekam mir nicht gut. Um 5 Uhr Appell, das klappte nicht, darum unter Aufsicht reinigen. Heinrich Becker besuchte mich. Er war allein von seiner Gruppe zurückgeblieben. Dann wieder Appell. Etwas früh das Abendessen, dann etwas auf Stroh geschlafen, während die anderen am Wachfeuer begeistert sangen. Der Abendstern leuchtete wieder so herrlich. Es war gerade 9 Uhr. ½ 11 Uhr wurde ich aufgeweckt aus meinem schönen Traum, in dem ich bei meinem Lieb war. Dann Abmarsch zum Weinhof Aprikurt [Avricourt?]. Überführt dort gegen 1 Uhr. Auf der Bank geschlafen. Morgens um 6 Uhr war ich wieder wach.

Dienstag, 8. September 1914

Wir waren ganz in deutschem Lande. Ein wesentliches Gefühl der Ruhe. Überall wieder begeistert aufgenommen. Auf dem Bahnhof gut versorgt. Der ganze Eindruck geordneter. Das erste Mal ein Stück Wurst, in Saarbrücken wegen der guten Speise den Magen verdorben, daß ich den Sanitäter in Anspruch nahm.

Mittwoch, 9. September 1914

Auf der Bank schlecht geschlafen. 11 Uhr stiegen wir plötzlich aus in Tirlemont, 18 km von Löwen. Auf der Straße Obst gekauft. Dann Marsch. Plötzlich auf der Chaussee Schrapnellfeuer, nachdem vorher eine feindliche Bataillon gemeldet war. Unsere Kompagnie besetzte wieder den Wald vorn. Ich mit meiner Gruppe von linken Flügel. Da sollten wir vorgehen, aber heftiges Maschinengewehrfeuer hielt uns zurück. Völlige Deckung. Die Kugeln pfiffen nur so. Da kam ich von meiner Kompanie ab. Das Gefecht verzögerte sich bis zum Abend. Da sollten wir das Dorf Felsenberg besetzen, ganz langsam vorgerückt. Plötzlich mitten im Dorf Feuer. Alles war Blitzschnell nieder, keiner wollte mehr vor. Langsam weiter. Als wir die letzten Häuser erreicht hatten, ganz heftiges Feuer, wussten nicht woher. Dann ging’s sofort, den Waldrand, die Straße u.s.w. abwechselnd beschießen. Endlich gegen 2 Uhr zur Ruhe gekommen. Morgens früh wieder vor gegen den Feind. Ein Haus durchsucht, mit dem altem Vater der so viel Wein hatte. Nur Wasser, kein Kaffee mehr. Lagen dann vor ein Runkelfeld, als unsere Kavallerie zur Aufklärung herbeikam. Kühles Wasser und trübe.

Donnerstag, 10. September 1914

Ich hatte in einer alten Kalkgrube etwas geschlafen. Gegen 11 Uhr zogen wir uns zurück und sollten dann Quartier beziehen. Hatten uns auch ganz gemütlich eingerichtet in der Backstube und Schmiede, als plötzlich der Befehl zum Ausmarsch kam. In strömendem Regen. Wir sollten den Feind angreifen. Ich hatte einen Mantel eines belgischen Radfahrers mit, um mich gegen Regen zu schützen. Nach endlosem hin und her, da wir den Feind nicht finden konnten, kamen wir auf die Hauptstraße Löwen-Tirlemont, meinten, wir würden verladen, ging dann quer über die Bahn, endlich wieder zurück nach Löwen zu. War spät abends. Vor Löwen 1 Stunde etwa sollten wir wieder kehrt machen kehrt machen und lagen ganz durchnäßt in der kühlen Nacht auf der Straße und froren. Ich hatte mir ein Bund Stroh von dem Hause geholt. Dann ging es doch nah Löwen zu. Aber endlich bahnte sich der Weg. Der ganze Stadtteil war zerstört. Als wir schließlich in die finstere öde Stadt eingezogen, hofften wir, wir würden dann verladen, doch es kam anders. Wir mussten auf der Gartenstraße bleiben und schlafen. Gegen 1 Uhr lag ich unter meinen an die Mauer gestellten Ofenschirm.

Sonnabend, 12. September 1914

Um 4 Uhr geweckt mit dem Rufe: Brot empfangen! Dann schnell Kaffee holen und nun ging es durch Löwen weiter. Sehr ermüdet. In der Ferne donnerten schon die Kanonen. Langsam vor, über Gräben, die Eisenbahn, dann über einen Fluss und die Chaussee entlang, wo fast alle Häuser in Brand standen. Hier waren die Leute des Lehrbataillon vor uns. Diese hatten schweren Stand gehabt. Viele Verluste, aber sie hatten 2 Geschütze und 2 Maschinengewehre erbeutet und waren stolz darauf. Wir gingen jetzt vor, oft durch heftiges Gewehrfeuer in die Gräben geschreckt. Dann an der Bahnlinie entlang und eine andere Chaussee hinter dem Garten zurück. Auf einmal Granatfeuer. Verschiedene Schüsse ganz nahe, sogar an unserem Hause, so dass die Ziegel flogen. Das Nebenhaus brannte. Wir waren hungrig, blieben aber doch ruhig liegen, weil das stark ermüdet. Hier lagen wir etwas längere Zeit. Die Stimmung war nicht sehr vorzüglich. Auch sehr schmutzig. Gegen Abend quartierten wir ein in ein Schweinestall mit 4 Mann, aber ordentlich Stroh. Doch nicht lange werte die Freude, so mussten wir umquartieren in eine andere Scheune als Vorposten – Reserve. Da sehr gut geschlafen bis gegen 7 Uhr.

Sonntag, 13. September 1914

Es war Sonntag, doch man spürte nicht viel davon. Trotz des Regens ging es los. Endlich kamen wir vor ein Dorf aus dem der Feind gemeldet war. Wir blieben vor dem Dorf an der Seite der Chaussee in Deckung. Da bekommen ein Feuer[,] wie ich es noch nicht erlebt hatte. Die Splitter flogen nur so. Ein dicker Baum war vollständig zerschossen. Die Stellung war recht verraten worden. 3 bis 4 Stunden mussten wir in diesem Feuer liegen bleiben und duckten uns mit jedem Schuss ängstlich aneinander. Als das Feuer nachließ, machten wir es und bequemer. 2 Uhr rückten wir ins Dorf. Die Kirche zerschossen. Die schwarz – gelb – rote Fahne zerschossen.

Montag, 14. September 1914

Langsam vorgerückt, weil die Häuser durchsucht werden mussten. Wir kamen auf ein Feld hinter der Schule. Hier Schützengraben auswerfen. Beutel voll Zucker. Nachher schön geschlachtet und gebraten. Meine Leute und ich 2 Hühner und Bratkartoffeln, eine Flasche Bier, ein Becher mit Milch, außerdem sehr viel gellen. Ich ein Honigglas gefüllt. So vorzüglich gespeist, wie lange vorher nicht mehr. Abends 8 Uhr abrücken nach Löwen zurück, wo wir gegen 10 Uhr ankamen. Wieder auf dem Straßenpflaster um das Feuer herum. Da kam Wein und Zigaretten. Ich selbst mit in das herrschaftliche Haus, wo wir einige Flaschen Wein mitnahmen. Da bis zum Boden hinauf, oben nahm ich eine Unterhose mit. In der Nacht wenig geschlafen. Morgens 10 Uhr Abfahrt. Es ging sehr langsam vorwärts, immer lange Aufenthalt. Wir lebten vorzüglich, hatte mit 3 Unteroffizieren 5 Flaschen Wein, Glas mit Gellen, frische Konserven. Abends kamen wir in Brüssel an. Hier kauften wir Schokolade. Andere Bier usw. Dabei blieben wir die Nacht liegen, auf dem Bahnhof auf der Bank geschlafen. Morgens noch auf 3 Stationen von Brüssel halt gemacht. Eine Tasse Kaffee und Kuchen verteilt. Auch schöne Cigaretten und Karten, auch den Blaustift womit ich jetzt schreibe. Viele Karten geschrieben. Wir hatten im Wagen – Abteil Löhnung bekommen. Es war wieder besseres Wetter und gefiel uns ganz gut. Wir durchfuhren ein ganz ebenes Gelände mit reichen Pappelbeständen, viele Wiesen mit schönem Vieh. Die Ortschaften waren zum größten Teil noch recht lebhaft, nur das viele Männer herumlungerten. Ich kaufte mir auch ½ Pfund gute Butter, wir lebten ganz vorzüglich, auch an Bier und Zigaretten fehlte es nicht. Abends stand ich auf der Plattform und suchte unsere Sterne, konnte aber wegen des trüben Wetters keine entdecken. Wir sangen dann auch: „Sah ein Knab ein Rößlein stehn´“ In der Nacht lagen wir wieder stille. Ich träumte so schön und lag in den Armen meines Lieb. Doch das Erwachen…

Mittwoch, 16. September 1914

Gleich in dem Graben neben der Bahn gewaschen. Sehr erfrischend, dann gefrühstückt, Gellee genug, aber kein Kaffee. Erst gegen 9 Uhr fuhren wir weiter. Mittag in Mons und dort essen. Hier sah ich die Munition der 42 cm Kanone. 1,58 m lang und Gewicht von 16,86 kg. Auch viele erbeutet Geschütze standen hier. Längerer Aufenthalt bis zum Abend kamen wir an die französische [Wort fehlt, vermutlich: Grenze]. Am Abend ausgestiegen, in die Stadt gegangen, Zigaretten gekauft, meist freundliche Leute, wie überhaupt das ganze Wesen einen gemütlichen, freundlichen Eindruck machte.

Donnerstag, 17. September 1914

In der Nacht lagen wir in Valentin [Valenciennes?], ein Städtchen mit lauter kleinen, ärmlichen Häusern. Überhaupt ist der Unterschied zwischen den Ländern ziemlich groß. Belgien sauber, hier alles mehr verkommen, sonst aber große Kornfelder. War trübes, regnerisches Wetter. Wir freuten und sehr, dass wir beschützt waren und dachten mit Grauen an das Aussteigen. In St. Quentin etwas zu Mittag gegessen. Ich ein Stück Brot empfangen. Immer noch heftiger Regen. Auf der Weiterfahrt sahen wir dann eine am Tage vorher gesprengte Brücke[,] die aber bereits wieder fertig gestellt war. Es hieß, die Franzosen befänden sich in fluchtartigem Rückzuge. Falls sie diese Schlacht verlören, müssten sie Frieden schließen. England sei von Amerika angegriffen worden. Das gab uns wider frischen Mut. Doch immer scheuten wir noch in das Wetter hinaus zugehen und hofften noch eine Nacht in den Wagen zu bringen zu könne. Ob sich unsere Hoffnung erfüllt? Ha! Am Abend sprach ich mit dem Militärfahrer und einen Diakonus und wir blieben noch im Wagen. Morgens früh ½ 5 Uhr aussteigen. Auf dem Kasernenhof der Artillerie tranken wir erst Kaffee. Dann kamen wir nach La Fere [La Fère]. Von dort nach Laon waren 24 km, wo wir dann gegen 11 Uhr eintrafen, aber sehr ermüdet. Die Landschaft war anfangs ziemlich eben, wurde dann aber gebirgiger. Fruchtbar. Viel Getreide und Zuckerrüben. In der Ferne die Kirchen von Laon hoch auf dem Berge. Laon ein schönes Städtchen mit schönem Friedhof vor dem Berge. Oben eine mächtige Feuersäule, da gerade Pulver verbrannt wurde. 2 – stündige Rast dann weiter, nach 3 Stunden größerer Anstrengungen hinter dem Dorf wieder Rast. Sehr müde. Wund gescheuert. Viele schlapp. Ins Dorf zurück zum Biwaksplatz in der Allee unter hohen Bäumen. Um 7 Uhr schön ins Zelt gekrochen. 4 Mann unter einem. Aber sehr schön waren. Das Gefühl der Geborgenheit noch vergrößert, als es in der Nacht heftig regnete.

Sonnabend, 19. September 1914

Höchst unangenehm sind wir schon um halb vier geweckt worden. Strömender Regen. Da war man Krieg doppelt leid. Trotzdem ging es wieder los von Seriena [bisher nicht identifizierter Ort] nach St. Croix [Sainte-Croix] bis vor den Waldrand zur Artilleriedeckung. Nachher ließ der Regen nach. Aber höchst ungemütlich, da man tüchtig fror. Als Mittagessen gab es 4 oder 5x hintereinander Reis. Doch weil es etwas Warmes war, tat es schon gut. Vorn ein heftiges Artilleriefeuer. Die Franzosen sollten sich auf ihrem Exerzierplatz fest verschanzt haben. Am Nachmittag gingen wir vor in das nächste Dorf und von dort durch schlammige Wege, erreichten wir den Wald hinter dem Kloster, das eine große Mauer umgab. Kaum waren wir dahinter, so ging die Artillerie wieder los und befeuerte den Wald, wobei die anderen Compagnien mehrere Verwundete hatten. Hier auf unser Wachtlager. Keine Küche. Vor uns spielte die Schlacht von Craon [Craonne], wo bereits seit 5 Tagen gekämpft wurde.

Sonntag, der 20. September 1914

Sonntag! Zu der Zeit, der ich diese Zeilen schreibe, sitze ich am Mittag 2 Uhr auf meinem Tornister, meinem Mantel, der fast durchnäßt ist und mein Zelt um gehangen. Seit heute Morgen liegen wir hier im Walde und decken die Ufer für das heftige Granatfeuer, das den ganzen Wald absucht, o, wie war es früher daheim doch so schön, wie sehr schleicht sich da die Sehnsucht ins Herz, meine Lieben sitzen nun nach dem Mittagessen und unterhalten sich über das letzte Lebenszeichen ihrer Lieben oder sonst über den Krieg. Und meine Braut, was mag sie beginnen? Ach, armer Schatz! Wie gerne wäre ich bei dir! Bei diesem Wetter wird man den Krieg doppelt leid. Heute hat er unseren Feldwebel Sioland gefordert. Heute morgen 4 Uhr hinter der Schlossmauer hervorgekrochen. Dann durch sehr sumpfige Waldwege, wo man bis an den Knöchel in den Kot stand. 6 Uhr gedachte ich meiner Lieben. Gegen 7 Uhr waren wir an unserem Platz in der Kaserne, kein Essen mehr, kein Kaffee und sehr kalt. Um ½ 11 Uhr gedachte ich wieder meiner Lieben, die nun in der Kirche sitzen und für ihre Lieben beten. O, wäre ich doch erst mit dabei. Dann um 12 Uhr ein Stück sehr altes Brot aus dem Sack und ein Stückchen Speck gefuttert, schmeckte tadellos. Da kamen die Granaten und wir mussten die Stellung ändern. Doch auch hier ging es weite. Wie lange noch? Wie ängstlich duckt sich jeder, sobald man die Granaten heranpfeifen hört. Genau der Unterschied, ob sie nah ist oder weiter entfernt. An diesem Tage war ich sehr leid. Gegen Abend kam der Hauptmann zu uns und tröstete uns, daß es auf dem rechten Flügel von uns hier gut sehr gut stände. Aber wir hatten 4 Verwundete, die anderen Kompagnien unseres Batles. [Bataillons] sogar 4 und 8 Tote. Dann machten wir uns ein Nachtlager zurecht. Wie ganz anders könnte es sein, wenn man zuhause wäre. In der Nacht sehr schlecht geschlafen, es war zu kalt. Auch spürte ich in den Knien sehr heftige Schmerzen, wahrscheinlich Gicht. Früh in der Dunkelheit wieder heraus. Bis auf die Waldhöhe. Dort wieder lange Zeit gelegen. Es gab endlich ein halbes Brot, aber nichts warmes, kein Fleisch, es war erbärmlich.

Montag, den 21. Sept. 1914

Wieder wie den vorigen Tag sehr heftiges Granatfeuer. Die franz. Artl. [französische Artillerie] schießt gut. Zu Mittag ein Stücken Brot und etwas Zucker, O, wie kümmerlich, und doch hätte man gern noch mehr davon gegessen, wenn man genug hätte. Das Wetter hatte sich ziemlich gehalten und so trocknete auch mein Belgier etwas, dann eine kleine Verschanzung gebaut, und darin schlief ich ein wenig. In der Nacht waren Jäger und ein anders Regiment gekommen. Gleich Morgens ein Haufe[n] von 35 Mann Gefangener. Noch mittags setzte unsere Artillerie dabei auch scharf ein, schoß leider zu kurz, und so kamen viel unserer Truppen zurück, da sie sonst in eigenes Feuer geraten wären. Der ganze Berg dröhnte oft unter den Schüssen und Explosionen, aber man wir ruhig dabei. Man ist sehr gleichgültig. Nun bedrückte mich auch so sehr, daß ich nunmehr als 4 Wochen keine Nachricht mehr hatte von Trude und von zu Hause. Seit 4 Tagen nicht mehr gewaschen. Keine Wäsche auch seit 14 Tagen nicht mehr. Gestern gerade die Fußlappen gewechselt. Die 2 Karten an Trude und Zuhause vom Samstag konnte ich bisher noch nicht absenden, hoffentlich bald.

Dienstag, der 22. Sept. 1914

Stellung wie am Tage vorher. Vor uns die Schlacht bei Craon [Craonne]. Morgens früh als ich meine Wache zu Ende hatte, in der Dunkelheit antreten. Einen Zug nach vorn ausfüllen. Es waren 3 Schützenlinien. Ich ging mit 9 Mann hin. Um Essen zu bringen. Kam jedoch nur bis zum 2. Graben. Neben mir ein toter Franzose. Ich dennoch gefrühstückt. Wie gleichgültig man wird! Die Granaten pfiffen, daß mir alles gleichgültig wurde. Rechts, links, vorn, hinten. Dann aber wieder zurück mit den Fleischkonserven zum Walde. Dort gegraben. Tief hinein. Am Abend sollte Essen geholt werden, aber am folgenden Morgen war es kalt.

Mittwoch, der 23. September 1914

Da ich diese Zeilen schreibe sitze ich in meiner Indianerhöhle, während die Granaten sausen, daß einem bald Hören und Sehen vergeht. Diesen Morgen etwas länger geschlafen, unsere Artillerie feuert lebhaft, aber die französische antwortet. Es ist fast betrübend, man muß nervös werden. Ein Bote ging ins Dorf der nahm meine 2 Karten mit und sollte Post holen. Das am Abend geholte Essen war ganz kalt und säuerlich und ungenießbar. Vom vielen Graben und Hocken war ich sehr müde. Alle Glieder Schmerzen, dazu der leere Magen. Ach, wenn das (doch) alles meine Lieben wüssten; doch wie gut, daß man stark sein kann und alles für sich behalten. Hoffentlich dauert es aber nicht lange mehr, sonst muß man doch zugrunde gehen. Ich vertraue jedoch immer auf meinen Gott, den Vater im Himmel, er wird mich schützen. Dann wurde ein Bote, der Radfahrer abgeschickt, um an der Küche mal nach Postsachen zu fragen. Wie gespannt erwarte ich ihn! Werde ich endlich nach 31 Tagen mal wieder etwas von meinen Lieben hören? Er nahm auch meine Feldflasche mit. O, wie grausam ist doch der Durst. Wie gern würde man nun bei Wasser und Brot verbringen, hätte man ja nur davon. Gegen 10 Uhr morgens sausten einige Granaten dicht neben meiner Höhle vorbei. Eine 5 mtr. entfernt durchschlug einen 40 ctmer. dicken Baum und traf einen Mann, der auch in Deckung lag, daß er den halben Kopf verlor. Kurz dabei rief und schrie noch ein anderer, der auch verletzt war. Ja, wie hartherzig man wird. Und wie so willenlos, die Nerven sind zu abgespannt durch das schwere Feuer. Jeden Augenblick ein Schuß. Wird er treffen und wen? Wohin geht er? Es ist schon nach 1, nichts zu essen. Nur ein paar Zwiebäckchen. Ich muss Wasser holen. Hoffentlich kommt der Bote bald zurück und bringt mir alles, Wasser und gute Nachricht. Das erstere kam bald. Ha, wie labend der frische Trunk Wasser war. Unter den Postsachen befanden sich dann für mich wirklich 3 Paketchen; 2 mit Zigarren und eins mit Schokolade. Alles bis zum 7. September abgesandt. Nachmittags kam der Oberleutnant Ernst als Führer unserer Kompagnie. Wie köstlich schmeckte mir die Schokolade, wie wohl bekam mir die erste Zigarre. Leider kein Brief, keine Karte und doch schon die Aufschrift, schon Ihre Schrift, wie sehr beruhigte sie mich, war es doch ein Lebenszeichen von „Ihr“. Das Feuer blieb wieder den ganzen Tag über. Am Abend ging es dann hinunter zum Essen holen. Unsere Komp. und ein Teil der 12.ten marschierte mit dichter Fühlung hintereinander in Reihe durch den finsteren Wald, über Wiesen, Gräben, ein Haferfeld, am Kloster vorbei nach Bukneville [Bouconville-Vauclair?]. Da gab es dann nach 4 ½ Tagen das erste warme Essen. Auch Kaffee bekam ich und von dem Bäumen Äpfel. Dann empfingen wir auch noch Fleisch und Brot, und so waren wir wieder recht mit Mundvorrat versehen. Gegen 12 Uhr auf dem Heimweg. Dabei verloren wir den Anschluss an die 12., und so irrten wir wohl 2 Stunden lang umher und kamen schließlich gegen 3 Uhr wieder an, aber ich hatte mich einmal wieder recht satt getrunken und genug gegessen, Nachtruhe war natürlich kurz.

Donnerstag, der 24. Sept. 1914

Führung unserer Kompagnie übernahm Oberleutnant Ernst als 4. Führer. Auch der Oberst war gefallen. 6 Uhr früh aufstehen. Die Portionen wurden verteilt. Dann wieder etwas geschlafen. Von unserer Seite heftiges Artilleriefeuer, es hieß, die österreichischen Motorkanonen wären angekommen. Nachdem ich mir dann mit meinem Mann die Konserven über einer Kerze angewärmt hatte, frühstückte ich sehr gut. Dann hatte mein Kamerad noch schönes Essen vom Abend vorher von der Artillerie. Das angewärmte schmeckte ganz vorzüglich. Nachmittags wie gewöhnlich. Abends Essen holen. Tüchtig Fleisch. Auch etwas Wein. Sternklarer Himmel, besonders leuchtete „unsere“ Venus. Auf der rechten Seite von uns blitzten die Kanonen auf, auch das Dorf war bezogen. Einzelne verirrte Gewehrkugeln kamen 12 Uhr zur Ruhe.

Freitag, den 25. Sept. 1914

Morgens ziemlich ruhig. Ich baute ein Unterstand für Versprengte. Mittags Fleisch, tüchtig gegessen, Schokolade und eine Zigarre. Dann mal seit 8 Tagen das erste bisschen Wasser aus dem Kochgeschirr und etwas abgekühlt. Abends nicht zum Essen holen, sondern schön geträumt, ich war in der Heimat, wie so oft!

Samstag, der 26. Sept. 1914

Früh morgens alarmiert. Heftiger Kanonendonner weckte mich schon. Dann in den Graben an der Straße. Dort wieder eingeschanzt. Starkes Feuer. Ich habe mich zwischen 2 Gräben eingebuddelt. Kommis[s]brot und ein Stück Zucker gegessen. Es war ein schöner, klarere Tag, man sah in die wundervolle Landschaft vor uns. Oben im Walde schien ein Institut zu sein. Links, der Fesselballon zum Beobachten für die Artil.. Man sah so deutlich das Einschlagen der Geschosse. Am Abend dann zum Essenholen ins Dorf. Ich erbittete mir 2 Fleischbissen als Geschenk. Auch wieder tüchtig Äpfel. Bei Rückkehr heftiges Feuer.

Sonntag, d. 27. Sept. 1914

Wieder ein Sonntag. Früh 5 Uhr, wieder in Stellung am Wege. Dann wieder tiefer eingraben. Am Abend hatte ich die erste Post von Trude, den Brief vom 5. Karte von Schwiegermutter, Fritz Godman nun ein Päckchen Tabak von zu Hause erhalte. Ich freute mich sehr. Bis etwa gegen 10 Uhr arbeitete ich, holte Baumstämme u.s.w.. Meine Gedanken waren immer in der Heimat, wo ich vor 8 Wochen auf der Orgelbank saß und das niederländische Dankgebet spielte. Mittags schrieb ich ein Briefchen an Trude. Dann speiste ich Schweinefleisch uns der Büchse mit Kommis[s]brot, Schokolade und zwei Äpfeln. Heftiges euer. Dem Unteroffizier Arndt beide Beine abgeschossen und noch 2 andere verletzt. Hinter uns auf dem Felde in der Nähe der alten Mühle eine Scharfherde. Erinnerte mich immer an die Jungfrau Orleans. [Randbemerkung: Brief an Trude, Karte noch heute.]

Montag, der 28. Sept. 1914

Wie tags vorher an der Straße im Schützengraben. Sonst wie gewöhnlich Abends sollten wir in die vorderste Schützenlinie. Mit Baumstämmen und Schanzzeug reichlich versehen, zum Abrücken bereit, da ein heftiges Feuer, und wir gingen wieder in die Deckung zurück. Dann aber vor in 2 Zügen. Ich mit dem 1. Teil unter Führung des Oberleutnants Ernst. Der Mond war ziemlich verdunkelt und so kamen wir glücklich hinein. Breiter Graben, vor und hinter mit Leichen umgeben. Auch in dem Graben waren Leichen verscharrt. Am Kopf guckte am anderen Morgen hervor. Mit Erde zugedeckt. Da arbeiteten wir und machten eine Oberdeckung aus den Bäumen. Aber dann fiel die ganze Erde herunter und wir mußten von vorn anfangen. Gegen Morgen etwas geschlafen. In der Nacht heftiges Feuer. Doch etwas unangenehm.

[Randbemerkung: Geschrieben an Karl Stein, Alex und Fritz Sosmann.]

Dienstag, d. 29. Sept. 1914

Erwachte im Schützengraben 300 mtr. vor dem Feinde. Da haben wir köstlich gelebt. Fleischkonserven angewärmt nach dem Vorbild des Oberleutnants mit Rotwein, schmeckte vorzüglich. Auch warmen Cognac getrunken dann geschlafen. Nachmittags Kaffee heiß gemacht und gar Karten gespielt. Am Morgen hörte ich gar eine Lerche singen, trotz des Kanonendonners. Das klang mir so feierlich, so heimatlich doch so wenig passend zu den Zeiten. Gegen Abend wurde es dann recht kühl. Hoffentlich abgelöst, leider eine enttäuschte Hoffnung, dann die 9. Kompagnie kam nur zur Verstärkung, da die Franzosen einen Angriff oder Durchbruch versuchen wollten. So entstand auch die ganze Nacht hindurch ein sehr heftiges Infanterie- und zähes Artilleriefeuer. Von unserer Seite mit Leuchtkugeln abgesucht.

Mittwoch, d. 30. Sept. 1914

Noch im Schützengraben. Wenig zu trinken. Sehr kalt. Von unserem linken Flügel donnerten die schweren Geschütze herüber, selbst die Erde erdröhnte. Auch der Schützengraben wurde teilweise unter Feuer genommen. Die Franzosen verschwenden andauernd viel Munition, schießen fortgesetzt. Einer unserer Leute Schuß durch den Kopf. Am Morgen sang wieder die Lerche zwischen den Granaten. Der Feind soll sich teilweise zurückziehen. Am Abend dann abgelöst durch 11. Kompagnie. Auf dem Rückweg wollte keiner die Fleischbüchsen mitnehmen. Dafür sollten die von mir bestimmen 4 Mann 1 Stunde an den Baum gebunden werden, es ist ihnen aber erlassen.

Donnerstag, den 1. Oktober 1914

Die Nacht verbrachte ich in meiner Deckung an der Landstraße, die aber schon von 3 Leuten von der Kompagnie besetzt war. Ich lag sehr warm. Ein wunderschöner, heller warmer Tag. Wie wohl tat die Sonne, in der man sich so wollig ausstreckte. Leider bekam ich am Morgen garkeine Postsachen. Doch am Abend eine Karte von Klara vom 20./9.. Unsere schwere Artillerie, die dicht vor uns am Waldrande stand[,] feuerte heftig, während der Feind fast ganz schwieg. Am Abend sollten wir auf 2 Tage abgelöst werden. So geschah es dann auch. Wir rücken durch den Wald nach Buecksoville [Bouconville-Vauclair?]. Dort zu Abend gegessen. Es schmeckte köstlich, war es doch nach 4 Tagen das erste warme Essen. Dann bezogen wir ein Lager in dem Bauernhof am Ausgang des Dorfes. Unser Zug in einen Stall. Aber es war schön warm und man schlief, trotzdem man dicht gedrängt lag.

Freitag, den 2. Oktober, 1914

Am Morgen erst nach 8 Uhr aufgewacht. Kaffee holen. Gewehrreinigen und Appell. Da endlich mal nach 15 Tagen das erste Mal richtig gewaschen, ein neues Hemd angezogen, o, wie wohl tat einem das! Auch das Taschentuch gewaschen und die Halsbinde. Es war aber trübes Wetter und trocknete schlecht. Nachmittags fing es gar an zu regnen. Mittags 2 Deckel voll gegessen. Es waren Maggie-Erbsen. Auch einen Becher Wein bekamen wir nachher. An Klara eine Karte geschrieben, um eine Halsbinde [Wort fehlt, vermutlich: gebeten]. Dann wurden Kartoffeln gebraten von Hinischen. Am Abend das 2.x warmes Essen, Erbsensuppe, hochfein. Um ½ 8 Uhr schlafen gelegt. In der Nacht schön geträumt, meiner Braut einen unendlichen Kuss beim Wiedersehen. Dann saß ich auf der Orgelbank u.s.w. O, dann wieder das nüchterne Erwachen.

Samstag, den 3. Okt. 1914

Morgens trübes Wetter. Löhnungsappell, 26.60 M. 20 Mark nach Hause geschickt. Wieder nichts bei der Post. Mittagessen schmeckte wieder fein. Am Nachmittag kam die Bagage. Wurde richtig überfallen. Fuhr dann auf unseren Hof, wo ich für die Korporalschaft 16 Mann, für 23M. Tabak kaufte. Morgens 11 Uhr Gottesdienst in der kapellischen [sic!] Kirche, die vollständig zerstört war. Vorher hatte der General des Korps eine kurze Ansprache gehalten, worin er die Verdienste des Regiments rühmlich anerkannte. Ein Band gewaschen in warmen Wässern aus der Küche des Hofes. Am Abend rückten wir in die neue Stellung ein. Gegen ½ 11 Uhr führte uns ein Feldwebel-Leutnant. Es ging dann weiter nach dem rechten Flügel zu. In einer Schlucht lag die Artillerie in Deckung an einem steilen Berg. Ebenso oben auch die Infanterie. Wir mußten mit 2 Zügen gleich in den Schützengraben zwischen den Kanonen, die nur einige Meter vom Walde entfernt waren. Der Graben mit weißgelbem Sand nicht sehr tief, schlechte Deckung, Gegen 1 Uhr dann heftiges Feuer.

Sonntag, den 4. Oktober

Dann wieder ruhig, am Morgen abgelöst in den Wald zurück. Dort bessere Deutung. Das Ganze glich einem Indianerlager. Wir hatten 7 Bretter verzimmert und viel Zweige. Der ganze Waldhang war kahl und mit Sandhaufen angefüllt. War uns eine wunderschöne Landschaft im Sonntagsschmuck. Viel[e] kleine Städte. Aber wechselnde Bevölkerung. Während der Kirchzeit wanderten die Gedanken wieder in die heimatliche Kirche, wo ich vor 9 Wochen auf der Orgelbank saß. Schon 9 Wochen und noch kein Ende abzusehen. Die Franzosen schießen zeitweise arg, aber unsere können es auch ganz gut. Gutes Mittagsschläfchen. Dann eine Fleischbüchse gegessen. Daran mehrere Butterbrote gestrichen. Am Abend wieder in die Stellung. Warme Bohnensuppe und Kaffee, gut geschlafen.

Montag, den 5. Oktober 1914.

Morgens 7 Uhr abgelöst. Wieder in den Wald zurück. Bei dem Granatfeuer wurde ein Mann (Simon) durch Granate in 5 Teile zerrissen. Einer schwer verwundet vorn am Denkmal. Am Tage vorher hatte er noch geäußert, es sei ihm gleich, ob er getroffen würde. Er war 3 Wochen verheiratet. Das lenkt die Gedanken doch auf ernste Dinge. Ach, mein schönes, reines Glück darf doch nicht zerrissen werden.- Dann gab es wieder Kaffee und ein Stück Speck. Gegen 11 Uhr schwere Geschosse schlugen in unsere Stellung. Viele Splitter kamen nach vielen Sekunden erst wieder. Liebesgaben wurden geteilt, Zigarren 30 Stück und Zigaretten. Während des Feuers sang wieder die Lerche, aber es schien, als habe sie ihren alten Klang doch verloren, so einförmig klagend tönte ihr Lied. Am Tag meist in der Deckung verblieben. Am Abend in der Deckung beim Oberleutnant, ein Glas Wein, Stellung des Feldwebels dazu. Gegen 10 Uhr abgelöst von 105. Marsch nach dem Schloß. Geschwitzt, dann war es kühl. Man fror. Warmes Essen. Weiter nach Quraney [bisher nicht identifizierter Ort] dort Quartier.

Dienstag, d. 6. Oktober 1914.

In einer offenen Scheune, aber gut geschlafen. 2 Packetchen von Frau Lappe und Rübke. Gleich dafür gedankt, man bekam hier mal wieder Karten. Ein sehr armes, ausgeraubtes Dorf. Hatte fast nichts mehr zu essen. Kein Obst. Aber die Vögel sangen hier noch schön. Man freute sich, daß man den Donner der Granaten nur aus der Ferne dröhnen hörte. Ein paar Wurzeln genommen, Kartoffeln mit Salz gekocht. Im Schulgarten, auf der Höhe, eine Aster gebrochen. Keine Nachrichten von der Heimat. An Hause auch ein Kärtchen geschrieben. Das Läuten der Abendglocken, das Brüllen der Kühe weckten wieder Heimatsgefühle. Früh zur Ruhe gelegt. Doch ich fror etwas.

Mittwoch, den 7. Oktober, 1914.

Ruhetag, schönes warmes Wetter. Klarer Sonnenschein. Wie einem das wohl tat. Der Kamerad ließ meine Unterhose waschen. Am Nachmittag schrieb ich ein Brief an Trude. Morgens Kärtchen an Hause, Rübke und Frau Lappe. 3 Flieger gegen Abend. Der Fesselballon ganz nahe auf der Höhe. Am Abend umquartiert in eine andere Falle. Doch wärmer. Beim Biwackfeuer Brief abgeben an Trude an den Briefträger. Gleich hinterher hieß es die Korporalschaftsführer Postsachen empfangen. Im Keller bekam ich ein Briefchen von Trude. Sehr erfreut. Gleich gelesen vom 14./9. Und einen Brief für den Kameraden in unserem letzten Loch. Dabei folgende Verslein gewechselt: „Ihr Sachsen, willkommen in unserem Bau, 99 hat ihn verlassen; gebt den Franzosen mächtige Haue, doch nicht den Kaffee kalt werden lassen!“ Darauf erwiderte ich: „Euch grüßend, eingezogen in den Bau, die Franzosen werden bald hinken, wir werden sie schlagen grün und blau, wie westfälische Schinken!“

Donnerstag, den 8. Okt. 1914.

Gut geschlafen bis um 8 Uhr. Kaffee gekocht, dann Bratkartoffeln gemacht mit etwas Fleisch aus der eisernen Portion. Hochfein. Karte an Trude und Schwiegermutter. In der Nacht war heftiger Kanonendonner gewesen. Gestern Abend hieß es auch, Antwerpen sei gefallen. Am Abend in der Schule residiert und Schreibpapier besorgt. O, wie wüst sah es doch in der Schule aus! Keine Spur mehr von der heiligen Ordnung. Warme Decken wurden verteilt für jede Korporalschaft 4 Stück. Ich hatte in der Nacht eine und schlief so ausgezeichnet. Nur 3x in der Nacht aufstehen und mein Bedürfnis machen, ebenso wie die Anderen. Sehr heftiges Feuer in der Nacht.

Freitag, den 9. Oktober 1914

Noch einen 4. Ruhetag. Wie fühlt man sich so wohl, so sicher dabei. Herzliche Bratkartoffeln gemacht, gekocht aus Pellkartoffeln und etwas Fett. Ein sonniger Herbsttag. Jetzt in der l. Heimat sein, die Fluren durchstreifen oder mit der Liebsten eine Ferien-Tour machen können. Ach, wie müßte das schön sein. Doch hier Not und Elend unter den Bewohnern. Kein Essen, kein Streichholz, nichts, nur Frauen, Kinder, Greise und Krüppel sieht man auf der Straße, bald wird es wohl wieder in den Kampf gehen. Am Abend wurde sehr häufig das Lied gesungen „Sah ein Knab ein Röslein stehen.“ Sehr schön mehrstimmig.

Sonnabend, den 10. Oktober 1914.

Zum Frühstück Bratkartoffeln. Mittag aus der Küche. Nachmittags hieß es ging am Abend fort. Da hatten wir uns mit 2 Mann ein Hühnchen gekocht. Für M.: 1,90. Vorzügliches Süppchen. Nachmittags Bratkartoffeln aus dem Fett vom Mittag. Und es ging doch nicht los. Große Freude, daß wir einmal einen Sonntag haben sollten. An diesem Tag bekam ich Post von Hause, Trude, Schulte-Elsey, und Alex. Geschrieben an Trude und Hause. Ich hatte mich einmal so voll gegessen, daß ich den Knopf vorn nicht zumachen konnte. Wieder gut geschlafen.

Sonntag, den 11. Oktober 1914.

Ein Sonntag herrlich und schön. Gleich geht es zum Gottesdienst. Ich freue mich darauf. Fand statt dicht vor dem Schosse im Park. Nachher Bataillon und die Artillerie durch Feldprediger unter Begleitung unserer Militärkapelle. Die Predigt sehr erholend und feierlich. Wir sollen der gefallenen Brüder gedenken auf ewig, und sie sollen uns zurufen, es ihnen gleich zu machen, wenigstens aufzuhalten für unser geliebtes Vaterland. Zum Schluß ging es dann mit heiterer Musik wieder heim. Mittagessen schön, das 4. oder 5.x Reis mit Rindfleisch. Nachmittag bereithalten zum Abmarsch. Nochmals Bratkartoffeln, aus der Küche wieder Reis. Um 6 Uhr antreten. Wie mich der Blaue (Feldwebel) anschnauzte wegen meines schwarzen Mantels. Dann am Schloß vorbei und die Straße hin auf! Jetzt hört man die Schüsse schon wieder deutlicher. Wie schwer drückte der Tornister, hatte man ihn doch schon seit 6 Tagen nicht mehr aufgehabt. Schon während wir noch auf der Straße standen, kamen die Granaten. Die Gruppenführer noch vorn in die Stellung. Auch mit meiner Gruppe etwas 100 mtr. weiter nach links von der alten Stellung. Jeder ein Loch. Lange Laufgräben. Die Nacht war kühl. Franzosen versuchten rechts von uns zu stürmen, hatten aber kein Glück, sondern viel viel Tote und 120 gefangene Turkos. Sehr kalt.

Montag, den 12. Oktober 1914.

4.15 ein Mann zum Kaffee holen. Wegen heftigen Feuers, wobei Einer verwundet war, kam er gegen 8 ½ Uhr mit ganz kaltem Kaffee wieder an. Ich hatte meine Deckung mit Stroh und Mantel etwas in Ordnung gebracht. Schlafen konnte ich nicht. Es wurde mir so sehr einsam, und die Gendanken nahmen eine Richtung, die wenig freundlich war. Mittags gegen 2 Uhr dann doch warmes Essen, aber Reis. Auch schien die Sonne schon. Das Feuer, daß den ganzen Morgen über angehalten, ließ nach. Keine Post dabei. Am Abend kam die Nachricht, daß in der vergangener Nacht die Franzosen auf dem rechten Flügel einen Sturm versucht hatten, der bei 120 Tote und ebensoviele Gefangenen. Für den folgenden Morgen wurde wieder ein Sturm erwartet. Starke Wachen aufgestellt. Schon gegen ½ 9 Uhr, ich hatte mich gerade hingelegt, nachdem ich bis 8 Uhr gewacht und „unsere“ Venus betrachtet hatte, begann das Infanteriefeuer. Leuchtkugeln. Die Franzosen schrien. „Hurra“, mußten aber doch zurück. Wieder ruhig. Verstärkung ka[m] an. Gegen 3 Uhr morgens ein erneuter Angriff, wieder abgeschlagen.

Dienstag, den 13. Oktober 1914.

Von 5 Uhr morgens ab war war alles bereit, aber wer nicht kam, waren die Franzosen. Fast garkein Feuer, auch die Artillerie schwieg, nur unsere arbeiteten weiter. Am Abend kam dann auch wieder eiserne Portion, natürlich der schweren Granaten, rrrunubum, immer etwas höher pfeifend.

Mittwoch, den 14. Oktober 1914.

Tags über ziemlich ruhig. Man lebt von Reis und Brot. Ich schreibe meinen Bericht an Trude über „Ein Tag in Stellung vor den Feind!“ Besuch von Unteroffizier Hartmann. In der Nacht regnete es.

Donnerstag, den 15. Oktober 1914.

Die Nacht gut geschlafen, nur einmal Posten revidiert. Am Morgen Post bekommen. Brief von meiner Schwiegermutter vom 1. Oktober und Karte von Rübke vom 6. Alle haben sie lange nichts von mir gehört, obwohl ich ständig geschrieben habe. Sofort an Briefchen an Trude und nach Hause. Bei der Feldküche abgeben lassen. Sonst viel an den Bericht für Trude geschrieben. Wieder neue Siegesnachrichten waren angekommen. 11000 Russen gefangen, 28000 Belgier entwaffnet in Holland, darunter 2000 Engländer Auf unseren rechten Flügel sind sie soweit, daß sie drücken. Aus geheimer Quelle erfuhr ich, daß unsere Pioniere einen unterirdischen Gang bis nach Kraon [Craonne] gruben und so unterminierten[,] um dieses dann nachher in die Luft zu sprängen. In der Nacht soll umgeschnallt geschlafen werden. Also ganz bereit sein. Auch an diesem Morgen fing recht dunkel wieder an.

Freitag, den 16. Oktober 1914

Die Nacht ruhig, gut geschlafen. Am Morgen mußten meine Leute an den Unterstand für Vorposten arbeiten. Der Oberleutnant selbst dabei. Wie er sich mühte mit Hacke und Schaufel, ein sonderbares Bild. Ich legte noch ein Bündel Fußschlingen. Mittagessen, dann Suppe, wenig Fleisch. Das trockene Kommis[s]brot ekelt mich fast an. Abends gegen 8 Uhr versuchter Angriff. Gegen 12 Uhr nochmals.

Sonnabend, den 17. Oktober 1914

Trübes Wetter, wenig gegessen, weil das Brot nicht mehr schmeckte. Der Kollege Döpper von der 9. Kompanie besuchte mich, ebenso Brinkmann aus Halden. Sehr enttäuscht und mißgestimmt, weil garkeine Post. Dazu die Nachricht, daß Emil Brenne aus Ergste gefallen sei.

Sonntag, den 18. Oktober 1914 Ein Sonntag trübe und kühl. Keine Post. Ziemlich bedrückte Stimmung. Am Nachmittag besuchten mich 2 – sonst recht traurig, weil garkeine Post.

Montag, den 19. Oktober 1914.

Wir sollten am Abend abgelößt werden, Brief an Peters und an Trude ein Kärtchen geschrieben. Die Ablösung kam am Abend nicht. Das bange Gefühl der Ungewissheit, wohin wird es nun gehen?

Dienstag, den 20. Oktober 1914.

Bis nach 8 Uhr geschlafen. Ablösung noch nicht da. Dann traf ich 99.er Nach 3 Nächten wieder mal geschlafen. 1.11.14. Aller-Heiligen, ein Sonntag. Am Morgen wurde das Regiment rangiert. Vom Bataillon 2 Kompagnien. Der Oberleutnant verwundet, Bataillons-Adjutant, der Kommandör, Regiments-Kommandör und General verwundet. Erst hinter einem kleinen Waldstücken auf der Wiese gelegen, kein Brot, nur etwas gesundes. Aber Fleisch und Tabak. Dann wieder langsam vor. Wir waren erst zur Reserve. Über die Gräben, dann durch den Wald bis an den Ausgang. Dort gelegen bis 4 Uhr. Meine Gedanken während der Kirchzeit. Erst am Abend Essen und dann die Post. Viel Briefe und 4 Packetchen, 3 von der Liebsten. 1 von Frühauf. In der Nacht 3 Uhr mußte ich alle Leute wecken.

2.11.14 Brief an Trude und Karte nach Hause. Heftiges Feuer. Wahrscheinlich werden wir wieder angegriffen.

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Kriegstagebuch von Gottfried Leidich aus Grüningen (August 1914 bis Oktober 1915)

Gottfried Leidich wurde am 18. Januar 1884 in Grüningen geboren. Seine Eltern waren der Schmied Karl Leidich (verstorben am 5. August 1936 im Alter von 79 Jahren) und Katharina Leidich, geb. Marsteller.

Am 13. Oktober 1904 trat Gottfried Leidich als zweijähriger Freiwilliger in den Militärdienst ein. Im Jahr 1911 erbaute er ein Haus in Grüningen und betrieb Landwirtschaft. Am 6. April 1913 heiratete der Frieda Eleonora Ernstine Joheim, Tochter des Landwirts Christian August Joheim und seiner Ehefrau Maria Elisabeth, geb. Engel aus Grüningen.

Am 2. August 1914 wurde die gemeinsame Tochter Frieda geboren. Gottfrieds Ehefrau Frieda verstarb allerdings einen Monat später, am 2. September 1914, am Kindsfieber. Dies erfuhr Leidich erst am 16. September 1914 durch einen Brief seines Paten.

Am 9. Juli 1921 heiratete Leidich seine zweite Frau Luise Euler, mit der er dann noch vier gemeinsame Kinder hatte.

Gottfried Leidich verstarb im Alter von 90 Jahren am 17. November 1974 in Grüningen.

Während des 1. Weltkrieges war Gottfried Leidich von Kriegsbeginn an bis November 1916 bei der 5. Artillerie-Munitions-Kolonne im XVIII. Armee-Korps eingesetzt. Von Deember 1916 bis Dezember 1918 war er beim Staffelstab 86 im XVIII. Armeekorps.

Das vorliegende Kriegstagebuch begann Leidich am 8. August 1914 und endet am 9.Oktober 1915. Während er bis Anfang 1915 noch relativ detailliert schrieb, sind die Eintragen von Ende Januar bis Oktober 1915 nur noch sporadisch erfolgt. Die weiteren Seiten des Kriegstagebuches sind, bis auf die Rede Kaisers Wilhelms II. vom 6. August an das deutsche Militär und ein kurzes Zitat von Bismarck am Ende des Kriegstagebuches, unbeschrieben.

Neben dem eigentlichen Kriegstagebuch liegen dem Konvolut noch zwei Fotos bei, bei denen allerdings nicht klar ist, ob Gottfried Leidich darauf zu sehen ist. Außerdem gehört Leidichs Militärpass mit zum Konvolut, ebenso wie die Sterbeurkunde seines Vaters Karl Leidich.

Für einige Informationen danke ich Reinhold Hahn vom Heimatverein Grüningen!

Dem Kriegstagebuch beiliegendes Foto. Ob Gottfried Leidich darauf zu sehen ist, ist unklar.
Ein weiteres Foto, das dem Kriegstagebuch beiliegt. Möglicherweise zeigt es Gottfried Leidich.
Postkarte einer Artillerie-Munitions-Kolonne im Biwak. So oder so ähnlich können wir uns auch das Leben von Gottfried Leidich im Biwak vorstellen.
Der Beginn des Kriegstagebuches von Gottfried Leidich. In der ersten Zeile links oben ist zu erkennen, dass er seine Aufzeichnungen am 8. August 1914 begonnen hat.

Kriegstagebuch von Gottfried Leidich aus Grüningen (1. August 1914 bis 9. Oktober 1915)

Darmstadt am 8. August

Am 1. August 1914 machte unser oberster Kriegsherr S. M. Kaiser Wilhelm II. die gesammten deutschen Streitkräfte mobil. Erster Mobilmachungstag 2. August. Ich stellte mich am 5. Tage den 6. August Bezirkskommando Gießen. Wir fuhren per Bahn nach Darmstadt an allen Stationen wurden wir bewirtet von Frauen und Jungfrauen besonders in Bonames [Stadtteil von Frankfurt]. Ich mußte fort von meiner lieben Frau und einem kleinen Kind, welches erst 3 Tage alt war. In Darmstadt angekommen bezogen wir Bürgerquartier in Bessungen bei einem Oberhessen Pfarrer Münch in P. Am 7. August wurden wir eingekleidet und eingeteilt[,] ich wurde zur 5. Art. M. Kolonne eingeteilt und wurde Pferdebursche bei Herrn Rittmeister d. L. Selzam. 8. August Arbeitsdienst Sachen ve[r]paßt für die Pferde.

Sonntag den 9. August wurden wir geimpft[,] nachmittags 4 Uhr war Ausrücken der Kolonne und Besichtigung derselben. 11. August wurden wir eingeladen[,] 1.15 ging es mit der Bahn von hier weg. Die Fahrt ging über Mainz Kreuznach durch die Pfalz[,] überall wurden wir beschenkt mit Essen und trinken[,] um 4 ½ Uhr morgens 12. August wurden wir in Saarburg Rheinprovinz ausgeladen. Dann hatten wir einige Stunden Rast. Dann ging die Fahrt der Saar entlang durch schöne Weinberge und wurden in Tawern Rheinprovinz an der Grenze von Luxemburg einquartiert. Donnerstag den 13. lagen wir in Tawern in Bereitschaft[,] wurden aber nicht allarmiert. Freitag den 14. hatten wir Übungsmarsch Samstag den 15. Arbeitsdienst. Sonntag den 16. Ruhetag.

Montag den 17. August Ausrücken. Dienstag den 18. 7 Uhr abrücken von Tawern letzte deutsche Stadt Wingringen [Wincheringen] [,] von da über die Moselbrücke nach Luxemburg Biwak bezogen in Lindgen [Lintgen]. Am 19. Abmarsch nach Mersch ein schönes Städtchen mit Villas. Am 21. Durch 10 Ortschaften nach Nachem [Nocher?] Ankunft 7 Uhr nachmittags Biwak bezogen, nachts feucht und kalt Pferde leiden sehr an Mangel. Gestern sind unterwegs 4 und heute 2 Pferde zusammen gebrochen. Am 22. Die Grenze zwischen Luxemburg und Belgien überschritten bei der letzten Stadt in Luxemburg ein großes Schieferbergwerk Wilhelmschacht 15 km über der Grenzen Biwak bezogen, nachts 1 Uhr alarmiert. Sonntag 23. Sofort nach Alarm abgerückt, wir kamen durch viele Ortschaften die zusammengeschossen und abgebrannt waren, die Leute hatten auf durchmarschierende Truppen geschossen und wurden deshalb auf diese Weise bestraft wir kamen durch ein Dorf das vollständig niedergebrannt war. Wir fahren in raschem Zug weiter bei Bertrix fand seit Freitag Abend die erste Schlacht statt, unsere hessische Division hatte hier schwer zu leiden[,] als wir gegen 12 Uhr in Libramont (Biwak) ankamen, sahen wir die ersten Gefangenen Franzosen[,] dann kamen die Verwundeten[,] die Leichtverwundeten zu Fuß[,] die schwerverwundeten zu wagen darunter Wilh. [Wilhelm] Marsteller.

Hier bekamen wir den ersten Wein[,] welchen wir bei einem Pfarrer holten[,] welcher ungefähr 2000 Flaschen im Keller hatte. Nachts wurde auf unser Biwak geschossen[,] sofort treffen unsere Kanoniere in die Gewehre[,] ein heftiges Gewehrfeuer entstand und ein 2 Schuss krachte über unser Zelt[,] drin gab es Rufe. Die Franzosen hatten sich die Nacht in die Ardennen zurück gezogen[,] werden schon heute den ganzen Tag mit schweren Geschützen beschossen. Am 24. sind wir weiter vorgerückt haben das ganze Schlachtfeld durchquert. Alle Gräben[,] Hecken und Felder sind gesät mit Toten[,] im Tannendickicht liegen 28 französische Geschütze mit Mannschaften und Pferden. Mit Ross und Mann hat sich der Herr geschlagen. Wir fuhren weiter und kamen durch einen Ort Herbmont [Herbeumont?]. Dort bot sich ein Bild[,] das nicht beschrieben werden kann, fast alle Häuser stehen in hellen Flammen. Das Vieh lief schreiend auf der Straße umher[,] die Häuser[,] welche noch nicht brannten[,] wurden auf Befehl der Gen. Kom. angesteckt. Hier wurde bei einem Pfarrer wieder der Wein geholt[,] unzählige Flaschen[,] nach 9 Uhr bekamen wir Befehl 15km weiter vorzurücken[,] um 12 Uhr nachts kamen wir an einen Ort Cecile[,] an legten uns zur kurzen Ruhe nieder ohne Zelt. Am 25. Nachts 2 Uhr mussten einige Wagen mit Mun. [Munition] in die Feuerstellung[,] wo gerade die Schlacht um Sedan tobte[,] die Wagen kamen gegen Morgen wieder zurück[,] Herr Rittmeister macht die letzten siegreichen Schlachten bekannt und liest den Dank des Kaisers für die tapferen Kriegervor lauter Hurraschall aus allen Kehlen[,] es kommt wieder Befehl zum Vormarsch heftige Kanonendonner macht den Weg nach Sedan frei. Chaisepiere [Chassepierre] bezogen wir wieder Biwak[,] von hier sehen wir unsere Artillerie im Feuer von Sedan[,] am Abend rötete sich der Himmel man sah ein brennendes Dorf. Am 26 morgens bis spät abends donnerte der Artilleriekampf bis endlich die Franzosen aus der festen Stellung bis über die Maas geschlagen den ersten Regen im Feldzug Biwack. Am 27 morgens entdeckten wir in Chasiepiere [Chassepierre] ein Waffenlager u. Mun. welches vernichtet wurde[,] nachmittags 4 Uhr erhielten wir Befehl zum Weitermarsch[,] nach kurzem Marsch kamen wir auf französischen Boden[,] bezogen Biwak bei Pouru aux Bois Am 28. August mittags Abzug in manchem Tage durch viele brennende Dörfer über die neue deutsche Maasbrücke[,] hier sahen wir zum ersten Mal den Großherzog[,] die unseren hatten schwere Verluste[,] wir mussten 5 Wagen mit Manschaften u. Pferd abgeben. Biwack bei Autre curet [vermutlich Autrecourt-et-Pourron]. Am 29 bleiben wir liegen die Kirche war zum Lazarett/ viele Verwundete … und gefangene Franzosen an uns vorüber. Am 30 Sonntagnachmittag kamen wir nach Remilly [Remilly-Aillicourt] [,] bezogen Biwak vor dem Dorf[,] durchsuchten das Dorf und fanden guten Wein auch sahen wir hier eine Bäuerin etwas seltenes in Frankreich.

Am Sonntag[,] den 30 August[,] wurde Herr Rittmeister Führer der Gefechtsstaffel[,] nachmittags 6 Uhr rückten wir von Remilly ab und kamen gegen 10 Uhr abends nach Audrekur [vermutlich Autrecourt-et-Pourron] [,] wo wir nachts auf der Straße schliefen auf einer Treppe vor einem Hause. Am 31 August morgens gegen 5 Uhr brachen wir auf und kamen gegen Mittags nach Stromes [Stonne?] [,] wo unsere Truppen in Feuer standen[,] gegen die Franzosen leisteten heftigen Widerstand[,] flohen jedoch gegen nachmittag[,] wir bezogen Biwak und zählten zur 4 Infanterie Mu. Kolonne [Infanterie Munitionskolonne] waren wir die erste Halbkollonne[,] war Führer Offiziers-Stellvertreter Schutt vom Hofgut Stetheim Oberhessen. Am 1. September gegen Mittag brachen wir im Biwak auf und kamen über die Schlachtfelder[,] abends bezogen wir Biwak. Am 2. September wurde Herr Rittmeister wieder als Staffelführer abgelöst und wir gingen mit dem Stab der II. Abteilung weiter[,] bis wir unsere Kolonne wiedertrafen. Am 8. September bei Villes Deseh [nicht identifizierbarer Ort] Wir lagen hier schon seit Sonntagabend[,] hier hatte seit Sonntagmorgen ein heißer Kampf getobt[,] die fliehenden Franzosen hatten sich in Challon [Châlons-en-Champagne] u. am Marne Kanal fest gesetzt[,] der Kampf dauerte die Nacht durch[,] uns. [unser] Großherzog hatte hier Quartier bezogen. Am 7 morgens früh hörten wir heftiges Gewehrfeuer[,] später setzte der Kanonendonner wieder ein[,] gegen nachmittag verhielten unsere Kolonnen bis auf 100m Schrapnellfeuer[,] sogar unser Herr Rittmeister beobachtete ein Schrapnell auf 10 m. Wir zogen 200m zurück und bezogen Biwak ohne Zelte mit beschirrten Pferden[,] am morgen 8 [September] trafen wir wieder unsere Kolonne[,] welche in der Nacht mit Munition angekommen war[,] als die Munition an die leichte Kollone abgeliefert war [,]gingen wir zurück[,] um neue Sendung zu sehen[,] jetzt mussten Autos die Munition an das Schlachtfeld heranbringen, weil es mit den Fahrwerken zu lang dauerte[,] da wegen der furchtbaren Schlacht die Munition fast aufgebraucht war. Wir kamen nach Herapont [Herpont?] [,] um Munition zu empfangen[,] dieselbe war aber all weg und wir bezogen dort Biwak da Pferde u. Mannschaft sehr erschöpft. Ein französischer Flieger warf hier eine Pompe[,] traf jedoch niemand. Am 9. Morgens warteten wir auf Munition[,] war aber noch keine da und es konnten wir uns wieder erholen[,] wir blieben noch über Nacht da. Am 10. morgens um 4 Uhr brachen wir auf, luden Munition[,] dann ging es weiter nach dem Schlachtfeld zu[,] um 3 Uhr nachmittags trafen wir in Heiltzlemaurupt [Heiltz-le-Maurupt] ein[,] wo wir abkochten und die Pferde fütterten[,] des morgen[,] als wir aufbrachen[,] hatten wir einen starken Gewitterregen[,] als wir hier ankamen hörten wir heftigen Kanonendonner[,] Verwundete kamen in Massen an, sie erzählten[,] dass sie in der Nacht einen Sturmangriff gemacht hatten auf die feindliche [Wort fehlt. Vermutlich: Linie][,] sie hatten Befehl alles mit dem Bajonett niederzustechen[,] sie erbeuten mehrere englische Geschütze und Munitionswagen[,] die Angreifer waren unsere Hessen. Das 18 Armeekorps wurde hier so stark mitgenommen[,] dass es durch das 8 abgelöst werden musste. Wir bekamen den Befehl zum Rückmarsch und wurden nachts um 3 Uhr im Biwak allarmiert. Am 11. September gingen wir wieder ungefähr 50 km bis Herpont zurück. Unterwegs fuhren wir 2 Mal auf zum Biwak[,] mussten aber nach kurzem Aufenthalt immer wieder zurück und kamen nach Herpont[,] bezogen wir dort Biwak[,] das Wetter wurde schlechter[,] heftiger Regen setzte ein, wir flüchteten in eine Scheune. Am 12 morgens 7 Uhr kam wieder Befehl zum weiteren Rückmarsch[,] Wind und Regen setzte heftig ein[,] in Challerange in den Ardennen kamen wir abends 8 Uhr durchnässt an, wir bezogen Notquartier[,] ich schlief mit Herrn Rittmeister bei Pferden. Am 13. Sonntag gingen wir noch 35 km zurück und kamen bei Sturm und Regen abends 10 Uhr in Sommaute [Sommauthe] an. Das Dorf war von Militär belegt[.] Die Pferde mussten wir im Freien lassen[,] wir schliefen in einer Scheune. Am 14. September 11 vormittags rücken wir ab und gingen wieder 20 km vor bis Boult aux Bois Ankunft 4 ½ Nachm. es war immer noch schlechtes Wetter[,] wir bezogen Notquartier[,] am 15 mussten wir nachts um 2 Uhr aufstehen und abmarschieren über Vouziers Sugny[,] wo wir 8 Uhr Vormittags ankamen[.] Wir bekamen Quartier in einem sehr großen Bauernhof[,] wo alle Mannschaft und Pferde unterkamen. Am 16. September rückten wir bei sehr schlechten Wetter um 6 Uhr morgens ab und marschierten 30km nordwestlich zum Sammelplatz der Kolonne bei Rethel[,] hier lagen wir den ganzen Tag auf der Landstraße und warteten auf Befehl zum Weitermarsch, der erst abends 6 ½ abends eintraf. Wir mussten nun noch 17km weiter und kamen erst 10 Uhr abends in Avancon [Avançon] an[,] wo wir Biwak bezogen.

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Der 16. September war für mich ein sehr trauriger Tag[,] um 4 Uhr nachmittags wurde die Post verteilt, ich erhielt einen Brief von meinem Paten, dass meine liebe Frau am 2. September verstorben sei. Am 2. August gebar sie ein Mädchen[,] an diesen Folgen und Sorgen über mich wegen dem Feldzug mag wohl die Ursache ein.

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Am 17. lagen wir bei sehr schlechtem Wetter Wind und starkem Regen bis nachmittags 5 Uhr im Biwak[,] dann mussten wir abrücken[,] unterwegs trag uns ein starker Regen, wir kamen abends um 10 Uhr durchnässt in Pignicourt An und wurden in einem großen Gehöft untergebracht[,] die Kanonen donnerten fürchterlich, sodass man kaum Schlafen konnte. Am 18. 6:30 wurde angespannt[,] wir warteten auf Befehl zum Weitermarsch[,] lagen aber hier den ganzen Tag ohne weiter zu gehen. Abends bezogen wir wieder Quartier. Am Tage wurden viele deutsche Verwundete und französische Gefangene an uns vorbeigeführt. Es hier am Marnekanal ungefähr 15 Armeekorps Franzosen gegen uns[,] sie sehr gut befestigt und eingegraben sind besonders die Artillerie, die sogar mit englischen Schiffgeschützen ausgerüstet sind. Es ist ein heftiger Artilleriekampf[,] der wohl noch einige Tage in Anspruch nehmen wird. Am 19 blieben wir noch im Quartier. Am 20 morgens 7 Uhr rückten wir in nördlicher Richtung zum Sammelplatz der Kollone bei Briene [Brienne-sur-Aisne] [,] wir hielten einige Stunden bei starkem Wind und rückten ab nach Asfeld bezogen[,] dort Quartier am 21 und 22 blieben wir noch[,] da die Leute[,] wo wir lagen[,] waren sehr gut[,] der Mann hatte nur einen Arm[,] die Frau war lahm[,] die Kinder von 9 und 6 Jahren halfen fest mit an der Arbeit die Pferde ungefähr 30 standen in der Scheuertenne[,] die längste[,] die ich bisher gesehen habe[,] die Pferde standen an einem Stock Kleeheu und ließen es sich schmecken. Am 23. rückten wir um 7:30 Uhr ab und kamen nachmittags um 5 Uhr in Liesse an. Wir bezogen Quartier in einer großen Terme [Ferme?] [,] welche den Fürsten von Mouver gehörte[,] die der Neuzeit entsprechend eingerichtet war. Am 24 morgens 7:30 Uhr rückten wir ab und kamen nach 9 stündigem Marsch in Chevresis [Chevresis-Monceau] an bezogen Quartier. Am 25 morgens wurden wir um 4 Uhr allamiert[,] wir kamen durch mehrere Dörfer zum Sammelplatz der Kolonne bei Juzzy um 1Uhr marschiert[,] wir mussten unterwegs eine zersprengte Brücke über Kanäle passieren[,] die von unseren Pionieren wieder hergerichtet waren auch ging bis hierher schon die deutsche Eisenbahn[,] gegen Abend bezogen wir in flavny le Mintel [Flavy-le-Martel] Quartier. Am 26. Blieben wir bis abends 9 Uhr dort liegen bekamen dann Befehl zum Weitermarsch[,] um 2 Uhr nachts kamen wir in Liebermont [Libermont] an[,] wir bezogen Biwak[,] ich suchte einen Bretterschuppen[,] wo ich Herr Rittmeister[,] Wachtm. Lauber u. noch einige Kameraden bei den Pferden schliefen. Am Sonntag[,] den 27 blieben wir hier liegen[,] um Munition an die leichte Kolonne abzugeben. Am Nachmittag kam auch S. [Exz.?] zum Munitionsempfang am Abend bekamen wir Befehl Pferde in die Stäbe zu ziehen. Am 28. musste die Kolonne nach Ham zum Empfang von Munition[,] Herr Rittmeister[,] ich[,] ein Sergeant und 2 Melder weiter ritten nach dem Schlachtfeld das erste Dorf Ercheu[,] das wir passierten[,] lag das General Kommando und unser Großherzog. Herr Rittmeister begrüßte S. Königliche Hoheit[,] welche uns über die allgemeine Lage aufklärte[,] am morgen 6 Uhr hatten die Franzosen einen Sturmangriff auf eine kleine deutsche Abteilung gemacht[,] die Franzosen erhielten Flankenfeuer und musste fast alles auf dem Schlachtfeld lassen[,] als wir ein Dorf weiter kamen[,] sahen wir die Toten[,] die am Tage zuvor gefallen waren[,] Deutsche wie Franzosen[,] als wir noch eine Stunde geritten hatten[,] kamen wir in die Feuerstellung von unserem 25 Regiment[,] wir wollten zur 1 Batt. [Batterie] [,] konnten aber nicht heran[,] weil 100-200 m hinter der Feuerstellung die feindlichen Granaten einschlugen[,] wir ritten links ab hinter eine Scheune und beobachteten von da aus das Gefecht[,] als das Feuer etwas nachlies[,] wollten wir durch das Dorf[,] konnten der nicht durch, weil inzwischen ein heftiges Gewehrfeuer eingesetzt hatte[,] die Kugeln kamen über unsere Köpfe. Wir ritten wieder zurück[,] unterwegs fanden wir noch viele Tode vor[,] wir kamen an eine Stelle[,] wo ungefähr 20 Franzosen lagen, eine Granate war zwischen sie gefahren und alle auf der Stelle tot geschlagen[,] darunter lagen 15 Zuaven[,] wir ritten nach Ham und suchten unsere Kolonne[,] welche inzwischen abgerückt war und Quartier bezogen hatte in Verlaines. Am 29 mittags gingen wir nach Ham zum empfang von Munition und lieferten dieselbe wieder ab an die leichtere Kolonne. Am 30. September blieben wir in Verlaines im Quartier. Am 1. Oktober morgens 3 Uhr ritten wir von Verlaines ab nach St. Quentin wir fuhren nach dem Bahnhof[,] um Munition zu empfangen[,] wurden aber in Kasernen geschickt[,] um dort Munition in Empfang zu nehmen, hier in der Kaserne fanden wir ganze Haufen Civilkleider von französischen Reservisten[,] welche beim Einkleiden von unseren Truppen gefangen wurden. Die Kaserne war belegt mit deutschen Soldaten[,] welche die Wache in der Stadt zu halten hatten. Wir kochten vor der Stadt ab und fuhren zurück nach Verlaines in unser altes Quartier Ankunft abends 9 Uhr . Am 2. Oktober morgens 3:30 Uhr rückten wir ab zum Stammplatz der Gefechtsstaffel bei Öschöl [Erscheu?] u. lieferten Munition an die leichte Kolonne ab. Am Abend bezogen wir Quartier auf einer Farm bei Liebramont [Libermont] Am 3. Oktober rückten wir morgens 5 Uhr ab und gingen nahe an die Gefechtslinie heran bei Schampien [Champien] [,] machten wir Halt und lagen hier bis abends 7 Uhr[,] hier haben furchtbare Schlachten stattgefunden[,] fast die ganzen Dörfer in der Umgebung sind zusammengeschossen[,] hinter Mauern Hecken und auf den Feldern lagen die Toten Franzosen[,] auf unserer Seite hat es viele Leute getroffen. Die Franzosen hatten hier gute Stellungen Kellerartig ausgegraben mit Wellblech und Brettern bedeckt[,] viele Matratzen und Bettzeug lag umher[,] worauf die Franzosen geschlafen hatten[,] wir bezogen Quartier in Rethon Villers [Rethonvillers] hier waren wir schon am 28. September als die Schlacht noch tobte. Am Sonntag den 4 rückten um 5 Uhr morgens nach Nesle ab zum Empfang von Munition[,] wir lagen den ganzen Tag am Bahnhof[,] gegen Mittag kam ein Zug an mit Militär aus der Heimat sowie mehrere Autos und Waggonladungen voll Liebesgaben von ihrer K[öniglichen] H[oheit] der Großherzog gegen 4 Uhr wurde der erste Feldgottesdienst für unsere Kolonne, sodann wurde Munition empfangen[,] dann rückten wir wieder ab in unser altes Quartier. Am 5 Oktober morgens 6 Uhr rückten wir wieder ab zum Sammelplatz der Gefechtstaffel bei Schampier [Champien][.] Am Nachmittag erhielten wir die Liebesgaben. Hemden[,] Unterzeug[,] gestrickte Strümpfe[,] Zigarren[,] Tabak u. d. gl. [,] ich erhielt 2 paar Strümpfe[,] 1 paar Pulswärmer[,] 9 Cigarren[,] 2 Schachtel Streichholz[,] 1 Päckchen Tabak u. mehrere Zigaretten. Am Abend 8 Uhr rückten wir ab nach Liebramont [Libermont]. Am 6 Okt. blieben wir liegen und warteten weitere Befehle ab.

Am 7 Oktober vormittags 7 Uhr rückten wir ab nach Cressy[,] wo wir gegen 10 Uhr vorm. ankamen. Am 8 Oktober um 6 Uhr morgens rückten wir in Cressy ab zum Sammelplatz der Gefechtsstaffel bei Roye. Diese Stadt wurde noch fest von den Franzosen beschossen gegen 5 Uhr nachmittags warf ein französischer Flieger eine Bompe vor das Zelt unseres Stabes[,] wobei mehrere Pferde des Stabes getötet und ein Mann von uns verwundet wurde[,] abends rückten wir ab und bezogen Quartier in _____________. Am 9 Oktober vormittags 6 Uhr rückten wir wieder ab zum Sammelplatz der Gefechtstaffel bei Roye[,] gegen Mittag ritten wir Herr Rittmeister[,] ich und 2 Meldereiter vor zur Gefechtslinie 1 Stunde von unserem Sammelplatz entfernt. Hier war alles gut verschanzt an einem Dorfe traf ich Ad. Euler[,] welcher bei den Geschützprotzen in Deckung war[,] als wir zurückritten[,] kamen wir durch Roye[,] abends 9 Uhr kamen wir nach Etallon [Étalon] in Quartier. Am 10 Okt. morgens 7 Uhr rückten wir ab nach Nesle zum Empfang von Munition[,] bekamen keine und bezogen Quartier in Langquession [Languevoisin] [,] wo wir weiteren Befehlen abwarteten. Am 11 Oktober Sonntag die erste Sonntagsruhe seit dem abrücken von Tawern[,] hier lagen wir bis 23.10.14[.] Am 18 Oktober Sonntag zum 2mal Sonntagsruhe[,] am 19 Munition Empfang zurück ins Quartier[.] Am 23 nachmittags 3 Uhr rückten wir ab nach Cressy[,] bezogen dort Quartier. – 5 [St.?][.]

Am 24[.] ritten wir zur Feuerstellung Herr Rittmeister Serg. Koch[,] Neu[,] Ysterburg u. ich. Wir hielten mit den Pferden an einem Kruzifix[,] welches mit Linden eingepflanzt war[.] Herr Rittmeister ging zur 4/25. Die Franzosen müssen uns gemerkt haben[,] wir erhielten einige Granaten als Morgengruß[,] sie gingen aber über uns weg, wir gingen mit den Pferden hinter eine dichte Hecke[,] da näherte sich ein deutscher Flieger[,] die Franzosen sanden auch ihm einen Morgengruß[,] die Geschosse platzten über unseren Köpfen zwei Geschoßböden fielen vor uns nieder. Wir ritten dann wieder zurück. Am 25 Sonntag nachmittags 4 Uhr Feldgottesdienst. Bis Freitag den 30 Vorrücken zur Gefechtslinie. Am Freitag dann vormittags 6:45 Uhr abrücken der Kolonne zum Sammelplatz der Gefechtsstaffel bei Gruny[,] Munitionsausgabe nachmittags[,] Einrücken ins Quartier nach Cressy. Samstag den 31 Okt. Reiten durch das Gelände um Nesle. Am 4. November von morgens 8 bis abends 8 Uhr in Gruny zur Gefechtsstaffel[.] Am 5. November abrücken von Cressy morg. 9 Uhr nach der Term [Ferme?] Hamele b. Seraugourt [Seraucourt-le-Grand]. Ankunft nachmittags 2:30 Uhr eingeteilt zur 2 Staffel Führer 5-30 Rittmeister Frh. v Rechenberg[.] Am 30 November vormittags 10 Abmarsch nach Villers St. Christoph [Villers-Saint-Christophe] zur 1. Staffel Major v[.] Rosenlicht[.] Am 2[.] Dezember vormittags 10 Uhr Abmarsch nach Büny [Buny]. Am 14[.] Dezember ritten wir nach Fresnoy [Fresnoy-lès-Roye] [,] wo 25 M. von unserer Kolonne Geschütznieschen aushuben. In Büny [Buny] hatte ich das erste Bett in Frankreich. Am 22[.] Abmarsch nach Seraugourt [Seraucourt-le-Grand] Quartier schönes Zimmer mit Bett[.] Am 24[.] heiligen Abend Weihnachtsfeier mit Bescherung[.] 25. 1[.] Feiertag Gottesdienst 26. 2. Feiertag Übungsmarsch[.] Am 6. Januar 1915. Abmarsch nach Happencourt Quartier. Am 15 Januar 1915 Abmarsch nach Germaine.

Vom 6[.] März [1915] 14 Tage Urlaub in der Heimat. Am 5[.] März 3.45 Abfahrt St. Quentin über Lüttich[,] Herbesthal[,] Aachen[,] Köln[,] Betzdorf[,] Gießen Ankft. 6.3. nachmittags. 3.45 in Gießen[.] Abf. in Gießen am 18.3. vormittag 8.10 in Gießen Ankunft in Herbesthal 3.17 nachmittag. In Herbesthal letzte Deutsche Stadt Grenzstation liegt an der belgischen Stadt Welkenrad [Welkenrath] rechts der Straße deutsch[,] links belgisch[,] die Grenze wurde nach der Mobilmachung mit Draht abgesperrt am Ausgang von Herbesthal am „Weißen Haus“ genannt grenzen Deutschland[,] Belgien[,] Holland und Frankreich aneinander[,] bei Ausbruch des Krieges waren die Bewohner hier in großer Not[,] die Belgier hatten die Brücke über die Bahn gesprengt, welches den Deutschen ein großes Hindernis war. Am 19. März nachts 1:50 Abfahrt in Herbesthal über Namur[,] Mobeuge [Maubeuge] [,] St. Quentin[.] Ankunft nachmittags 1:47 nach Germaine. Am 24. Abmarsch nach Quieveres [Quivières] Quartier[.] Am 31 März Abmarsch nach Happencourt Quartier bis 3 April Abmarsch nach Seraucourt le Grand[,] am 5 April Ostermontag Gottesdienst in der Kirche Seraucourt bis 21. April[.] Am 21 April Quartier Lanchy bis 31. Mai. Am 15. Mai wurde Herr Rittmeister versetzt in 8. Fuß. Art. Mun. Koll.[,] ich blieb in der Kolonne[,] bekam 2 Vorderpferde am Zug[,] am 31 Mai [1915] kam ich in den 9[.] Zug[,] welcher mit der 2[.] Halbkollonne in Ugny [Ugny-le-Gay] lag[,] bekam dort 2 [Schwarzepferde?]. Vom 24[.] September bis 7[.] Oktober im Urlaub[,] am 9[.] Oktober [1915] Quartierwechsel nach Fayet b. St. Quentin.

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Karl Hickethier – Erinnerungen an die Kriegsgefangenschaft in Sibirien (1916-18)

Karl Hickethier aus Staßfurt war Soldat im Jahr 1916 im Reserve Infanterie Regiment Nr. 46. Während der Brussilow-Offensive gelangte er am 24. Juli 1916 in russische Gefangenschaft. Seine schwere Verletzung – einen Brustdurchschuss – überlebte er trotz der nach ihm unzureichenden Wundversorgung zu Beginn der Kriegsgefangenschaft. Auf eigenen Wunsch hin wurde Hickethier nach Sibirien gebracht, weil er sich davon erhoffte, nicht arbeiten zu müssen. Sein Weg führte ihn über Czernowitz, Moskau, Kasan, Saransk, Ulan Ude bis nach Troitzkossawsk, ein Kriegsgefangenenlager in Sibirien in der Nähe der heutigen Grenze zur Mongolei. Ungefähr Anfang November 1916 muss er dort angekommen sein.

Weihnachten 1916 verbrachte er noch dort, wurde aber später – eine genaue Datierung fehlt leider – in der Lager Beresowska am Baikalsee verlegt. Bereits vier Wochen später erfolgte dann die Verlegung weiter Richtung Westsibirien – vermutlich in das Lager Semipalatinsk, welches Hickethier später in seinen Erinnerungen erwähnt. Hier lebte er dann die meiste Zeit bei Bauernfamilien. Allerdings zeigen sich in seinen Erinnerungen auch zahlreiche Vorurteile gegenüber den russischen Bauern. So schreibt er z.B. abwertend, dass die Bauern dreckig wären. Auch hat er das Konzept der russischen Saune, der Banja, nicht verstanden, da er, obwohl die Bauern diese besuchen, sie immer noch als dreckig bezeichnet.

Als sie schließlich die weitere Arbeit bei den Bauern verweigerten, gingen sie zu Fuß ca. 75 km bis ins das Kriegsgefangenenlager Semipalatinsk. Hier berichtet Hickethier dann ausführlich über die Arbeit der Bolschewisten im Kriegsgefangenenlager, die er rundum ablehnt. Zusammen mit zwei weiteren Kriegsgefangenen plante er seine Flucht Richtung Omsk und dann weiter nach St. Petersburg. Zur Finanzierung ihrer Flucht verkauften sie Nägel, die sie aus der Zerstörung ihres Barackenlagers „erwarben“, an russische Eisenhändler. Am 2. Pfingsttag 1918, also am 20. Mai 1918, begannen sie ihre Flucht zunächst zu Fuß, dann mit dem Dampfer den Fluß Irtysch hinauf bis Omsk. Hier wurden sie zunächst durch die tschechoslowakischen Truppen aufgehalten, die in Omsk gegen die Bolschewisten kämpften. Wohl am 30. Mai gelang es den drei Männern, einen Zug in Richtung St. Petersburg zu besteigen, wo sie nach drei Tagen und drei Nächten (wohl am 2. Juni 1918) ankamen. Nachdem sie sich St. Petersburg angesehen hatten, meldeten sie sich dann bei der Austauschkommission für Zivilgefangene und nach zwei Tagen wurden sie tatsächlich ausgetauscht. In Pleskau (heute: Pskow) wurden sie von den deutschen Behörden übernommen. Nach zwei Wochen im Quarantänelager Zegrze Nord bei Warschau wurde Hickethier dann nach Hause zu einem achtwöchigen Urlaub entlassen. Ob Hickethier dann an die Westfront nach Frankreich gekommen ist, lässt sich anhand der Erinnerungen nicht genau sagen. Denn sie enden hier.

Karl Hickethier datiert die Reinschrift seiner Erinnerungen am Ende auf den 1. Oktober 1919. Ob er sich bei der Reinschrift auf Aufzeichnungen aus der Zeit seiner Gefangenschaft gestütz hat, lässt sich nicht sicher belegen. Es kann gut sein, dass Hickethier seine Erinnerungen tatsächlich aus dem Gedächtnis niedergeschrieben hat, was auch erklären könnte, warum so wenige konkrete Daten genannt werden.

Zur Biographie von Karl Hickethier konnten leider bisher keine weiteren Informationen ermittelt werden.

Karl Hickethier war u.a. in den Kriegsgefangenenlagern Troitzkosswask, Beresowka und Semipalatinsk untergebracht. Quelle der Karte: Elsa Brandström: Unter Kriegsgefangenen in Russland und Sibirien 1914/1920. Berlin 19127

Karl Hickethier: Meine Erinnerungen aus der Kriegs-Gefangenschaft 1916 bis 1918 Sibirien

Deckblatt der Erinnerungen
Erste Seite der Erinnerungen von Karl Hickethier
Letzte Seite der Erinnerungen mit der Datierung auf den 1. Oktober 1919 in Staßfurt. Ob sich Karl nun mit K oder C am Anfang schrieb, ist leider auf Grund der beiden vorhandenen Schreibweisen unklar.

Der 24. Juli 1916 der Tag des Beginnes der Brussilow-Offensive, in der 400000 Oestreicher + 40000 Deutsch in die Hände der Russen fielen, besiegelte mein Schicksal. Wir, die 1. Kompagnie R.I.R. 46 hatten bei Tlumacz in der Bukowina eine vorgeschobene Stellung besetzt, in der zuvor 2. Battaillione gestanden hatten, sodaß alle 40-50 m ein Mann zu stehen kam. Fünf Tage verbrachten wir in dieser Stellung, ohne von den Russen ernstlich belästigt zu werden, abgesehen von unsinnigen Schießereien des Nachts, bei den wir jedoch keine Verluste hatten.

Bei Tagesanbruch des 28. Juli setzte zu unserer Ueberraschung eine wahnsinnige Knallerei aus allen Kalibern ein, die sich jedoch in der Hauptsache auf unsere Hauptstellung richtete, was darauf schließen läßt, daß der Russe über unsere Stärke gut unterrichtet war. Gegen 10 Uhr setzte dann auch der Angriff ein + da rechts + links von uns nichts mehr war, war es ein Leichtes für den Russen, uns zu umgehen, was ihm auch glänzend gelang. Da rechts + links bereits der Russe an uns vorüber war, ohne überhaupt von uns Notiz zu nehmen, war es allerdings das Bestreben jedes Einzelnen noch die Hauptstellung zu erreichen, was jedoch von 250 Mann nur 20-25 Mann gelungen ist. Ich für meinen Teil hatte beim Verlassen des Grabens genügend Deckung, da hinter demselben sich eine Schlucht ausbreitete. Ich kam auch ungehindert in diese Schlucht hinein + auch wieder heraus, aber weiter sollte ich kein Glück haben, denn kaum hatte ich die Schlucht verlassen, da bekam ich einen Schuß + was nun um mich herum geschah, weiß ich nicht. Als ich das Bewußtsein wieder erlangte, befand ich mich von aller Welt verlassen auf ein von Granaten zerwülten [sic!] Felde. Nichts war um mich + kein Mensch zu sehen und meine Umgebung ließ darauf schließen, daß vor Stunden hier ein furchtbarer Kampf getobt haben muß, welcher in der Ferne noch tobte, was die von weiter hörbare Schießerei verriet. Und ich, allein auf weiter Flur. Nun fand ich erst Gelegenheit, meine Wunde zu untersuchen. Ein Brustschuß. Ein trauriges Bild entrollte sich in meinem Geiste. Verwundet + gefangen. Sibirien tauchte vor mir auf. Eis + Wölfe, Hunger + Elend, hilflos der Gnade des Feindes überliefert. Eine innere Stimme sagte mir Kopf hoch + nicht verzagen, sich in sein Schicksal fügen. Nun war mein erster Gedanke nach meinem Tornister zurück um wenigstens notdürftig für eine Reise nach Sibirien gerüstet zu sein. Dies war jedoch nicht leicht, da ich durch den großen Blutverlust sehr geschwächt war, aber ich schleppte mich unter Aufbietung aller Kraft vorwärts. Meine Sachen erreichte ich leider nicht, da ich unterwegs auf Russen stieß, welche mir zuwinkten. Nun ging es durch den russischen Graben über Leichen + wimmernde Verwundetet, die Zeugnis ablegten, daß auch unsere Artillerie nicht geschwiegen hatte, nach dem Sanitäter-Unterstand. Ich befand mich allein darin, aber davor war schon ein Mann mit aufgepflanztem Seitengewehr postiert, denn ich war ja gefangen. Der Mann war jedoch sehr anständig, meine Wunden schienen ihn Mitleid einzuflößen. Er bot mir zu Essen an, Butterbrod, ich lehnte jedoch ab. Da ich nur Durst verspürte, infolge des Lungenschußes verlangte ich Wasser. Trinkwasser war nicht vorhanden + so brachte er mir Wasser aus einer Regenpfütze, das mir obwohl es schlammig war, sehr gut schmeckte. Endlich kam ein Sanitäter, der nachdem er sich meine Wunden betrachtet hatte, eine abfällige Handbewegung machte, als ob er sagen wollte: „Der wird doch nicht wieder.[“] Er verband mich nicht, aber wollte mir Tropfen reichen. Ich lehnte jedoch ab, da ich Gift vermutete. Er entfernte sich wieder. Nachdem wieder einige Zeit vergangen war + ich mit meinem Posten allein war, welcher inzwischen Gefallen an meiner Uhr gefunden hatte + mir selbige abnahm, gesellten sich noch einige unverwundete Deutsche zu mir. Bald darauf ging es, umgeben von einer Postenkette weiter zurück. Nach einem Marsche von einer Stunde gelangten wir an den Verbandplatz, auf dem es von russischen Verwundete wimmelte. An den Gebärden der Russen merkte man, daß dieselben nicht gut auf uns zu sprechen war. Das Verbinden ging bei der Menge von Verwundeten langsam, aber es kam auch die Reihe an mich, nachdem ein deutschsprechender Russe (Sanitäter) auf mich aufmerksam wurde. Er verband mich + ließ mich nicht mehr aus dem Auge. Brachte mir Essen + Trinken + half mir später auch auf den Panjewagen. Als nun 40-50 Wagen voll waren ging es weiter zurück. Diese Fahrt war für mich nicht erfreulich, denn durch die Stukerei auf dem schlechten Pflaster, hatte ich gräßliche Schmerzen anzustehen, sodaß ich schrie + stöhnte. Dadurch wurde der Transportführer, ein Kosakenfeldwebel, auf mich aufmerksam. Der Wagenführer mußte halten + mir ein Bund Stroh in den Rücken legen, was die Schmerzen etwas linderte. Nach stundenlangen Fahren kam wir endlich gegen Abend vor einem zerfallenen Hause an, welches ein Hilfs-Lazarett vorstellte. Die zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten + Zelte, waren bereits von Russen überfüllt, sodaß wir im Freien auf Stroh kampieren mußten. Wir bekamen zu Essen + auch abends 2 Mann eine wollene Decke. An Verbinden war nicht zu denken, da immer neue Russen hinzukamen. So verbrachten wir drei Trage + drei Nächte. Am 4.ten Tage endlich, nachdem sich wieder ein deutschsprechender Sanitäter unser erbarmt hatte, wurden wir verbunden + es gelang uns auch auf einem Sanitätswagen weiter zu kommen, hofften wir doch, bald mal in ein richtiges Lazarett zu kommen. Aber wir sollten uns täuschen. nachdem wir wieder bald einen vollen Tag gefahren waren kamen wir abends in ein Diosians-Lazarett an. Wieder ein alter festungsartiger Bau. Diesmal kamen wir jedoch auch in ein Zimmer, auf Stroh + pro Mann eine Decke. Hier merkte man wieder so recht, daß man gefangen war, denn ein Posten stand vor der Tür. Alles Verwundete, die froh waren, daß sie noch am Leben waren + dann ein Posten mit Gewehr dahin. Uns kam die Sache lächerlich vor. Ging ein Mann austreten, ging ein Posten mit, aber wir fanden uns in unser Schicksal, denn wir waren ja Gefangen. Auch hier verbrachten wir einige Tage, ohne daß sich ein Arzt um uns kümmerte. Zu Essen bekamen wir genügend, des Morgens Tee mit Zucker + ein Stück Brot, Mittags Suppe + Fleisch + Kascha (eine Art Hirse mit Fett gekocht). Nachmittags Tee + Brot + abends nochmal Suppe. Plötzlich kamen wir weg. In Sanitäts-Autos verladen ging es weiter nach Horodenka, die erste Eisenbahnstation, welche wir antrafen. Hier wurden wir frisch verbunden + bekamen auch zum Teil neue Wäsche. Mein Hemd, welches von Blut getränkt war, hatte ich in diesem Zustande bereits 14 Tage an. Hier hatten wir Gelegenheit, einen russischen Generalstabsoffizier zu sprechen. Dieser bot und Cigaretten an + war sehr zutraulich zu uns. Wir erkundigten uns nach unseren weiteren Schicksal + waren wir sehr erfreut, als uns dieser sagte, daß es nun nicht so schnell gehen wird, wenn wir uns anständig benehmen. Von hier ging es weiter per Bahn nach Sadagora [Sadhora] (liegt gegenüber von Czernowitz). Hier kamen wir in ein Hilfslazarett (allerdings nicht nach deutscher Auffassung). Wir waren 8 Mann, alles Gefangene in einem kleinen Zimmer + natürlich wieder ein Posten davor. Hier war das Essen schlechter, denn der Russe, der die Gefangenenküche unter sich hatte unterschlug die Hälfte, wie uns ein deutschfreundlicher Russe erzählte. Von hier aus ging es per Wagen nach der fast zur Hälfte mit Deutschen bewohnten Stadt Czernowitz. Der Zug nach hier war sehr lahmend. Wir waren der letzte Wagen des Zuges + wurden als einzige Deutscher (3 Mann) reich beschenkt. Die Leute brachten alles. Brot, Milch, [Bauhaus?], Cigaretten, Geld usw. Hier kamen wir zum ersten Male nach 3 Wochen in ein richtiges Lazarett. Durch die bisherige Hin- und Herzieherei hatte ich mein Zustand natürlich in den 3 Wochen meiner Gefangenschaft nicht gebessert. Ich lag hier im Lazarett ziemlich fest, sodaß man an meinem Aufkommen zweifelte, was das stündliche Erscheinen der Schwester + des Arztes bewiesen. Mein Fieber stieg bis 42,5°. Ich aß + trank nichts und wußte nicht, was mit mir geschah. Hier in Czernowitz bekam ich zum ersten Male während meiner Verwundung + Gefangennahme Anzug + Stiefel aus. Letzteres war kein leichtes Stück Arbeit. Zwei Mann hatten zu tun, um mir den rechten Stiefel auszuziehen, in welchem das Blut aus meiner Rückenwunde gelaufen war, das in der langen Zeit festgetrocknet war. Trotz meines schlechten Zustandes war unser Bleiben in Czernowitz nicht lange. Schon am zweiten Tage ging es weiter per Bahn nach der Grenze Rußlands zu. Die erste russische Stadt, die wir passierten, war Nowoselida [Nowoselyzja], ein großer Eisenbahnknotenpunkt. Hier in N. hatten sich die Verwundeten zu tausenden angesammelt. Hier war ein wildes Durcheinander. Russen + Gefangene alles durcheinander. Unterkunft war nicht für den vierten Teil der Verwundeten vorhanden. Unter einer alten Zeltbahn kampierten wir 2 Mann des nachts, um wenigstens gegen die nassen Niederschläge geschützt zu sein. Kein Mensch kümmerte sich um uns. An ein Verbinden war nicht zu denken. Wer sich nicht ums Essen drängte, bekam nichts. Wegen der nahen rumänischen Grenze kam in uns schon der Gedanke zur Flucht auf, den wir jedoch wieder fallen ließen, da wir uns zu schwach fühlten. Am dritten Tage wurden alle Gefangenen zusammengerufen + einem Arzt vorgestellt. Es wurden diejenigen rausgesucht, die in einem Lazarettzug befördert werden sollten, darunter auch ich. Solange hatte sich kein Mensch um uns gekümmert, jetzt da man uns zusammen hatte, wurden wir in eine Scheune gesperrt + eine Wache davor postiert, dies war der angebliche Lazarettzug. Gegen Abend ging es auch wirklich zur Bahn, aber ein Lazarettzug war nicht zu sehen im Gegenteil ein Güterzug kam an, mit unverwundeten Gefangenen, die letzten beiden Wagen waren noch leer; hier kamen wir hinein, die aussortierten für den Lazarettzug, sage + schreibe 38 Mann in einem Wagen, alles Verwundete, wo keiner den anderen ankommen durfte, um ihm keine Schmerzen zu verursachen. Und fort ging es mit uns. Die Fahrt dauerte 2 Tage, ohne daß man uns ein Stückchen Brot reichte. Der Transportführer unterschlug einfach das ganze Geld. Dies ist in Rußland, wie wir später merkten, nichts neues. Unsere Hungerfahrt endete bei Tarnitza bei Kiew, wo es uns grade so gehen sollte. Des Vormittags kamen wir dort an + freute sich ein jeder auf den Mittag, aber war ein jeder enttäuscht, als und Mittag erklärt wurde, daß wir für diesen Tag kein Mittagbrod bekämen, da die Stärke der Baracken zuvor zum Lebensmittelempfang gemeldet sein müsse, sodaß wir erst für den nächsten Tag zum Mittagessen in Frage kämen. Wer nun Geld hatte, konnte sich zum Glück Brod kaufen, um nicht ganz vor Erschöpfung zusammen zu brechen. Am Abend bekamen wir dann etwas Milch + Weißbrot. Die Nacht schlief alles fest + vergaß die Sorgen der vergangenen letzten Tage. Aber beim Morgengrauen kamen schon wieder die neuen Sorgen. Denn schon früh fing man an, uns aufzurufen, zu einem Transport nach dem Inneren Rußlands. Zum Mittag standen wir vor den Baracke + sahen uns so wieder um das Mittagbrot betrogen. Gegen Abend wurden wir dann verladen und fort ging es dem bekannten Moskau entgegen. Diesmal etwas bequemer. Und 16 Mann in den Wagen auf Strohsäcken belegten Pritschen + auch diesmal besser mit Lebensmittel versehen. Nach 2 Tagen Fahrt kamen wir in Moskau an. Hier wurden wir in die Elektrische Bahn transportiert + ins Lazarett gebracht. Hier bekamen wir gutes + reichliches warmes Essen + hatten zum ersten Male nach 4 Wochen Gelegenheit, in die Heimat zu schreiben. Aber auch hier sollte unser Aufenthalt nicht lange dauern. Schon am andern Tage ging es weiter. Nachdem man mit uns eine stundenlange Reklamefahrt gemacht hatten langten wir endlich auf einem Bahnhofe an. Hier kamen wir zum ersten Male in einen richtiggehenden Lazarettzug und wieder ging es mit uns fort ins innere Rußlands. Diesmal war unser Ziel die Tatarenstadt Kasan. Eine 200000 Einwohner zählende Stadt mit vielen prächtigen Kirchen. Hier kamen wir wieder in ein Lazarett, daß letzte, das ich sah, denn ich wurde schon nach 2 Tagen als geheilt entlassen, trotzdem ich mich kaum allein fortbewegen konnte. Hier lernte ich nun das erste Gefangenenlager kennen. Bestehend aus zwei einfachen Holzbaracken, durch welche der Wind pfiff. Selbiges war and er Wolga gelegen + da es noch Sommer war, ein angenehmer Aufenthalt, täglich Gelegenheit zum Baden. Eine Küche gab es in diesem Lager nicht, sodaß wir täglich einen Marsch von 3 Stunden hatten, welcher jedoch viel Abwechslung bot, da man stets was Neues sah. Hier blieben wir 8 Tage + wieder ging es weiter nach dem Gefangenenlager Saransk. Saransk war ein sehr schlechtes Gewölbe artiges Lager, welches voll war von Ungeziefer. In Saransk ging schon andersrum, merkte man hier schon mehr, daß man Gefangener war. Fast täglich wurde man zum Arbeiten herangezogen. War es auf dem Felde, Kartoffeln + Zwiebeln rausholen usw. oder in den Straßen den Schlamm wegschaufeln. Gepflasterte Straßen gab es in Saransk nicht. Hatte es geregnet, ging man bis zum Knie in den Schlamm. Und diese Straßen einigermaßen gangbar zu machen, war unsere Aufgabe. Viel wurde allerdings nicht gemacht. Hier in Saransk erlebte ich eine heitere Episode, die ich nicht vergessen will zu schildern. Einmal war ich auch mit dazu auserkoren für das Lager Fleisch einzukaufen. Und so begaben wir uns mit einem Tschechen, der die Lagerverwaltung unter sich hatte zum Markt. Während nun der Tscheche mit dem Russen wegen des Fleisches verhandelte und die anderen zuhörten, machte ich mich daran, den nebenliegenden Raum auszukundschaften. Hierbei enddekte [sic!] ich auf dem Tische eine stattliche Speckseite. Sofort reifte in mir der Entschluß, von dieser Speckseite mußt du was haben. Die ganze Speckseite konnte ich nicht ungesehen wegkriegen + so machte ich kurzen Prozeß, Messer raus + zwei Finger breit durch die Speckseite abgeschnitten.

Meine Beute verbarg ich in der Tasche + ich gesellte mich wieder zu meinen Gefährten, ohne daß jemand den Vorfall bemerkt hatte. Später im Lager teilte ich meine Beute mit meinem einzigen Freunde, einem Hallenser Versicherungsbeamten + ließen wir es uns zum Abendbrot vortrefflich munden, zu welchem wir uns noch gemeinsam eine Flache Bier leistete[n], denn über Gelder verfügten wir noch nicht, sodaß wir uns noch zusammen mit einer Flasche begnügten. Da Saransk nur ein Durchgangslager war, in dem Arbeitstransporte von Zeit zu Zeit zusammengestellt wurden, so sollten wir auch hier nicht lange bleiben. Fast täglich gingen Transporte auf Arbeit. Es kam auch die Reihe an uns. Da in Saransk bereits viele Gefangene waren, die ihrem Berufe nach keine körperliche Arbeit verrichten, so wurde uns die Wahl gelassen, entweder auf Arbeit, oder nach Sibirien zu gehen. Wir entschieden uns für Sibirien, obwohl keiner wußte, ob wir hier mit Arbeiten verschont wurden, denn alle verspürten wenig Lust, für den Russen für ein Hundeleben zu Arbeiten. So wurde dann auch der Transport nach Sibirien zusammengestellt. Alles Einjährige, Kaufleute usw. Am 3. Oktober 1916 wurden wir in Marsch gesetzt. Ich trat die Reise, die 4 Wochen dauerte ohne einen Pfennig Geld in der Tasche an, was bei der Unehrlichkeit der Russen keine Kleinigkeit ist. Wusten wir doch nicht, wie es mit unserer Verpflegung stehen würde. Aber vertrauensvoll blickte in die Zukunft. Unsere Fahrt, die täglich Neues bot über Samara, Omsk, Krasnojarsk Irkutsk am Baikalsee vorbei zunächst bis Werchenudinsk [heute: Ulan Ude]. Dies war eine überaus interessante Fahrt, da wir täglich neue Landstriche sahen. Das interessanteste war die Fahrt über den Ural, bald hoch, bald tief schlängelte sich die Bahn durch dies Gebirge. Die zweite Sehenswürdigkeit war der Baikalsee mit seinen ca. 50 Tunnels. Hier fährt die Bahn einen vollen Tag hart an den See vorbei. Wir landeten zunächst in Werchenudinsk [heute: Ulan Ude], von wo die Fahrt per Schiff weiter gehen sollte nach dem Gefangenenlager Troizkossawsk an der chinesischen Grenze. Da wir bereits Ende Oktober schreiben + die Selenka [Selenga] schon starken Eisgang hatte, war es in Frage gestellt, ob die Fahrt noch vor  sich gehen konnte. Es wurde schon in Erwägung gezogen, ob die 250 km lange Strecke nicht zu Fuß zurückgelegt werden könnte, was allerdings keine Freude hervorrief. Schließlich wurde doch noch ein Schiff klar gemacht + wir wurden wie Stückgut verstaut. In normalen Zeiten dauert die Fahrt 24 Stunden. Es sollte für uns aber keine angenehme Fahrt werden, denn sie dauerte 8 Tage + der kurzsichtige Russe hatte uns Verpflegung für 2 Tage mit, sodaß wir eine elende Hungersfahrt machten. Der Lagerkommandant von Troizkossawask, der von unserer Ankunft in Kenntnis gesetzt war + durch unser langes Ausbleiben beunruhigt, war doch etwas weitsichtiger, als unser Transportführer, der sich lieber gut um uns gekümmert hatte, und so kam uns dann auf halber Fahrt ein Kahn mit Brod entgegen, was für uns unsere Rettung bedeutete. Unser Kantinenwirt, der aus unserer Notlage Nutzen ziehen wollte, versuchte schon bevor der Kahn am Schiff angelegt hatte, das Brod dem Russen, welcher es brachte, abzukaufen, um es für teures Geld an uns wieder zu verkaufen, was ihm auch bald gelungen wäre, da der Russe nicht wußte mit wem er es zu tun hatte + glaubte den Transportführer vor sich zu haben. Durch unsere drohende Haltung ließ jedoch der Kantinenwirt von seinem Geschäft ab. Jetzt hatte wenigstens jeder etwas Brod um seinen Hunger zu stillen. Aber die Fahrt war noch nicht zu Ende. Nachdem sich das Schiff mehrmals am Grunde festgefahren hatte + wir mit helfen mussten, es wieder flott zu machen, mußten wir 25 km vor dem Ziel das Schiff verlassen, da es wieder fest saß + wir waren gezwungen den Rest zu Fuß zurück zu legen. Da die meisten durch den Hunger entkräftet waren, war es kein leichter Marsch + so kam es auch, daß viele unterwegs schlapp machten + liegen blieben. Gegen Abend kam dann der Rest, der noch auf Beinen war auf der Endstation Us-Kijachta [Ust‘-Kyakhta] an. Hier konnten wir uns wieder richtig satt essen + auch ausschlafen. Bis zum Lager hatten wir nun noch 25 km. Am andern Morgen, nachdem jeder ausgeschlafen hatte, machten wir bei guter Laune auf den Weg. Es war prachtvolles Wetter + so machte der Marsch einem jeden Spass. Gegen Abend langten wir erst im Lager an, da wir uns gehörig Zeit nahmen, denn als Gefangener hat man ja nichts zu versäumen. Wir bekamen auch am Abend warmes Essen + schliefen dann ruhig bis zum andern Morgen. Am Morgen bekamen wir frische Wäsche, da unsere voll war von kleinen Tierchen + [?] Maden, sodaß wir uns wieder als Mensch fühlten. Hier verbrachten wir den Winter bei guter Laune. Mit Arbeit wurden wir nicht belästigt. Nur alle 4 Wochen kam man mal dran mit Wasserfahren für unsere Küche oder etwas Holz holen, was wir sehr gern taten, da man bei dieser Gelegenheit mal aus dem Lager raus kam + andere Menschen sah, als den mit der Picke auf den Wachttürmen stehenden russischen Wach[?]. Der Winter war ja für uns was Neues, denn eine Kälte von 430 hatte noch keiner kennen gelernt. Für Abwechslung war hier in Troitzkosswask gesorgt. Der Lagerkommandant hatte entgegenkommender Weise gestattet, ein Theater zu errichten + so hatten sich dann eine deutsch + ungarische Theater-Gesellschaft gebildet, die für die nötige Unterhaltung sorgten. Außerdem sorgten 2 Musikkapellen für Zerstreuung + dann hatte man Gelegenheit 12 Sprachen zu lernen. Lange Weile war also nicht. Des Abends täglich wurde die Zeitung vorgelesen, sodaß wir auch stets unterrichtet waren, was in der Welt vorging. An Weihnachten 1916 war alles in froher Stimmung, als man von dem Friedensangebot hörte, aber unsere Hoffnungen sollten bald zu nichte gemacht werden, da das Friedensangebot seitens Deutschlands kein Gehör fand. Wieder war man auf unbestimmte Zeit den Russen preisgegeben. Der Winter verging + der Frühling ging ins Land. Jetzt zog es jeden heraus aus der Baracke. Wir standen am Zaun + beobachteten das Leben + Treiben auf der Straße, das sehr abwechslungsreich war, da Troitzkossawsk an der Karavanenstraße, die durch die Wüste Gobi nach Urga [heute: Ulaanbaatar] führt. Ferner wurde Sport getrieben, Fußball usw. So verging ein Tag nach dem andern, ohne das man wußte, wie lange man noch in der Hand der Russen bleiben sollte. Eines Tages ging die Nachricht durch das Lager, das es geräumt werden solle + alles muß auf Arbeit. Dies behagte uns nicht, hatte sich doch jeder eingelebt + fühlte sich den Verhältnissen nach wohl. Zum Arbeiten, das war eine bittere Nuß. Vorläufig blieb ja alles noch beim alten aber es kam doch der Tag, wo wir unser schönes Troitzkossawsk verlassen mußten. An einem schönen Maienmorgen setzte sich das Zug von 180 deutschen Kriegsgefangenen, darunter 20 Offiziere, in Bewegung. Unser Gepäck  wurde auf Wagen, die uns der Russe netter Weise gestellt hatte gefahren, sodaß wir leichtes Marschieren + entgegen ging es der Dampferstation Us-Kijachta [Ust‘-Kyakhta], die wir bereits bei unser Herfahrt kennen gelernt hatten. Diesmal waren wir anderer Laune, als damals. Bei wunderbar schönem Maienwetter ging die Verschiffung vor sich. Beim Morgengrauen verließen wir den Hafen, diesmal mit reichlicher Nahrung versehen. Es war eine schöne Fahrt. Öfter mußte der Dampfer vor Anker gehen um Holz einzunehmen, was wir dazu benutzten, um an den Dampfer Anlegestellen einzukaufen. Bei dieser Gelegenheit wurde auch von unserm Gesangverein deutsche Lieder vorgetragen, was die Russen in Erstaunen setzte. Ja noch mehr erdreisteten wir uns. Die Offiziere hielten Ansprachen + sogar ein Hoch auf den Kaiser wurde ausgebracht, über was die Russen sprachlos waren, denn sie wagten keinen Ton zu sagen, obwohl sie das Hurra gut verstanden. Bei Ankunft des Dampfers an unserem Ziel war es noch Nacht und konnten wir ruhig bis zum Morgen ausschlafen. Nachdem wir Tee getrunken hatten wurden wir vom Schiff abtransportiert + es ging zu Fuß nach dem ca. 40-50000 Mann fassenden Lager Beresowka, wovon wir nicht sehr erbaut waren, denn je größer das Lager desto schlechter ist es. Hier hatten wir insofern Glück, als wir in eine neue noch nie belegt gewesene Baracke kamen, sodaß wir wenigstens mit Wanzen usw, wovon es in B. genug gab verschont blieben. Hier in Beresowka war der Aufenthalt bei weiten nicht so angenehm als in Troitzkossawsk. Für Unterhaltung war allerdings auch gut gesorgt, Fußballklubs, Leichtathleten, Gesangverein gab es genug aber das Essen war nicht gut + zu knapp. So kam es auch, daß wir froh waren, als wir nach 4 Wochen auf Arbeit geschickt wurden. Hatte ich doch noch nichts kennen gelernt, in Bezug auf Arbeit + so ging ich dann auch zuversichtlich hinaus. Vorher waren wir erst noch mit allen möglichen Sachen ausgerüstet + nun ging es vom Osten Sibiriens nach dem Westen. Zuerst machten wir wieder die schöne Fahrt am Baikalsee vorbei + verließen nach 6 Tagen die Hauptstrecke, um nach der Kirgisen-Steppe zu gelangen. Nachdem wir noch eine Strecke gefahren waren, wurden wir ausgeladen + vorläufig in einer Scheune untergebracht, da sich bisher [keine] um uns beworben hatten. So waren wir vollständig aus uns angewiesen. Kein Mensch bekümmerte sich mehr um uns, wir beköstigten uns selbst und trieben was wir Lust hatten. Selbstverständlich wurde das ganze Dorf ausgestöbert, da wir die Freiheit, die wir zum ersten Male genossen in vollen Zügen warnehmen [sic!] mußten. Manche waren allerdings etwas zu dreist geworden + hatten bei einem kleinen Mädel des Nachts logiert, was bei den dummen Panjes natürlich Wut erregte, da die Mädels lieber mit einem schneidigen Gefangenen, als einem dreckigen Russen gingen. Einige hatten auch schon einen Fluß aufgestöbert + so lagen wir dann an den nächsten Tagen dauernd im Wasser. War es doch hier für uns etwas Neues. Das reinste Familienbad. Groß + klein, jung + alt, alles im Adams-Kostüm tummelte sich im Wasser. Das war ja so nach unserem Geschmack, hatten wir doch in einem derartigen Kostüm lange keine kleinen Mädels gesehen. Aber nur 2 Tage sollten wir das Vergnügen haben. Am 3. Tage kam so ein Seelenverkäufer an +wir wurden verschachert. 30 Deutsche waren wir die auf 3 nebeneinanderengende Dörfer verteilt wurden. 50 km hatten wir noch von der Eisenbahnstation zu fahren bis wir in unser Dorf waren. Bei unserer Ankunft war kein Mensch zu sehen, dachten doch die Russen, der Teufel in Menschengestalt kommt. Nach und nach wurden die Leute doch dreister + so waren wir dann bald umringt von einem Haufen Menschen die alle bei uns die Hörner sagten. Glaubten doch die Russen, die deutschen haben Hörner. Wir wurden in der Schule einquartiert + von hier aus sollten uns die Bauern abholen. Es kamen auch Bauern aber wir wiesen jeden ab, da wir noch Geld hatten + vorläufig noch keine Lust verspürten zum Arbeiten. Die Bauern gerieten schon in Wut + wollten uns zu Leibe gehen, aber sie wagten uns doch nicht zu schlagen, hatten sie doch Bange, wir könnten mit dem Teufel in Verbindung stehen. Endlich entschlossen wir uns doch zu arbeiten + so ließ sich einer nach dem andern anheuern. Ich hatte auch das Glück von einem alten verlausten Panje abgeholt zu werden. Aber der alte hatte kein Glück mit mir. Am ersten Tag fuhren wir Lehm. Als ich das Pferd anspannen sollte, stellte ich mich dann riesig dumm, sodaß sich der alte genötigt sah, seinen Gaul selbst anzuspannen. Dann fuhren wir los. Dies ging ja so halbwegs, ich zeigte aber wenig Lust zum Arbeiten. Am Abend gab es dann Abendbrod, bei dem sich der alte Russe, der übrigens so dreckig war, als ob er sich zu Weihnachten das letzte Mal gewaschen hatte, so anständig benahm, das wir schon vorher der Appetit verging. Dann gingen wir schlafen. Die Bäuerin, ein vielleicht 16jähriges Mädel und ich in einem Zimmer. Ja das kann ja heiter werden, dachte ich. Aber die Nacht verlief äußerst ruhig. Am andern Morgen brachte mich dann der Bauer wieder nach unsern Haupt-Quartier, da einige in das nächste Dorf sollten. Kurz darauf trafen dann auch die Nachbar-Bauern ein. Ein par Frauen kamen und wir gingen mit. Dachten doch die dummen Weiber, weil wir noch jung waren, wir konnten tüchtig arbeiten + ließen uns kommandieren, aber sie hatten sich in uns verkuckt. Mittags, es war an einem Sonnabend, langten wir an unserer neuen Wirkungsstätte an, bestaunt vom ganzen Dorf, in dem wir die ersten Gefangenen waren. Nachdem wir zu erst gegessen hatten + dann gebadet, war unser erstes Tagewerk vollbracht. Das russische Bad ist übrigens was sehenswertes. Man stelle sich eine Art Räucherkammer vor, die von oben bis unten schwarz geräuchert ist, sodaß man schwarz ist, wenn man anstößt. Dann ist ein Kessel eingemauert + ein Herd, auf dem eine Art Scheiterhaufen von Steinen errichtet ist. Diese Steine werden mit erhitzt + dann mit Wasser begoßen, was Wasserdampf erzeugt. Nachdem genügend Wasserdampf erzeugt ist + man an Schweiß trieft, peitschen sich die Russen mit einer Rute, von Birkenreisig, welche in kaltes Wasser getaucht wird. In der eben beschriebenen Art peitschen sich die Russen bis zur Erschöpfung. Wir machten allerdings diesen Zauber nicht mit.

Als der Abend herein gebrochen war, ging es schlafen. Alles in einer Bude. Nebenher bemerkt hatten meine Wirtsleute nur 1 Zimmer zur Verfügung. Die Russenfamilie breitete sich einen alten Pelz aus + mit einem anderen deckte sie sich zu + zwar an der Erde. Ich war dann als Gefangener doch besser ausgestattet. Besaß ich doch einen chenischen [sic!] Waffenmantel, welcher mir als Unterlage diente + eine Steppweste zum zudecken. Wir wurde (bald) nobler Weise eine alte Pritsche, welche in der Ecke stand, angeboten, ich sollte aber bald merken [?]. Denn kaum war ich eingeschlafen, da wurde ich von Wanzen förmlich gestürmt. Ich nahm natürlich schnell meine Sachen + legte mich ebenfalls wie meine noble Wirtin auf den Fußboden. Hier blieb ich dann für den weiteren Teil der Nacht von Wanzen-Angriffen verschont. Der andere Tag war Sonntag + da wir lange schlafen gewöhnt waren, schlief ich erst ordentlich aus. Als ich aufgestanden war frug mich der alte Russe, ob es mich gebissen hatte, obwohl die alte Hexe wuste, dass die Pritsche voll Wanzen war. Am Sonntag wurde nur gegessen + kein Handschlag angefaßt, denn wir hatten den Russen gleich gesagt, des Sonntags machen wir nichts + waren sie damit auch einverstanden. Nachmittags gingen wir im Dorf spazieren + ließen uns von den dummen Russen begaffen, denn sie hatten alle noch keinen Gefangenen gesehen + stellten sich darunter ganz war besonderes vor. So ging die Zeit nun weiter. In den ersten 14 Tagen beschäftigte ich mich mit Holzhacken, bei dem ich mich tot machte. Um 8 Uhr wurde aufgestanden + um 6 Uhr abends Schluß. Nach 14 Tagen ging das Heumachen los. Eine Karona [sic!] von 20-30 Mann, Männer + Frauen zogen mit Sensen + Mähmaschinen hinaus + mähten gemeinsam. Die Männer griffen zur Sense + wurde von uns natürlich ebenfalls eine solche in die Hand gedrückt. Natürlich klappte der Laden nicht. Die Russen, die neben uns standen, hatten Angst, das wir ihnen die Beine weg hauten, denn wir hieben mächtig um uns, aber das Gras blieb zum größten Teil stehen. Als sie dann einsahen, das in dieser Beziehung mit uns nichts zu machen war, wurden wir zu Mähmaschinen weggeschickt, wo wir das Gras vom Messer weg harkten. Das konnten wir ja. In einem Tage war also gemäht + blieb es dann so liegen, bis es trocken war. Dann wurden Haufen gemacht + eingefahren. So ver[ging] nun die Zeit bis zur Getreide Ernte. Es wurde alles gemäht, was uns gut gefiel, denn den ganzen Tag auf der Mähmaschine sitzen, läßt sich schon aushalten. Dann wurde es auf Haufen gemacht, nicht wie bei uns in Garben gebunden + dann zusammen gefahren auf die Diemen. Als dies alles fertig war, ging es ans Dreschen. Dreschmaschinen haben die kleinen Bauern in Rußland nicht, sondern sie dreschen sich alles selbst auf Tennen. Als[o] wurde ein Kreis von 15 m im Durchmesser vom Grase befreit hatten, wurde uns einen vollen Tag im Kreise umgefahren, damit die Tenne hart ward. Wenn nun alles soweit fertig ist, wird das Getreide ungefähr 1 m hoch auf der Tenne ausgebracht + dann werden Pferde daraufgetrieben, die das Korn austreten müssen. Nachdem es nun 3 bis 4 mal von Stroh befreit ist + die Pferde zwischendurch gelaufen sind, wird es gesiebt + das Korn aufgefangen. Nach Beendigung des Dreschens fühlten wir auch unsere Tätigkeit zu Ende, aber die Russen machten keine Anstalten, uns ins Lager zurückzubringen. Nachdem wir uns nun mit unseren Kameraden im Nachbardorf verständigt hatten wurde am 1. Oktober 1917 geschloßen vor das Komitee, dasselbe wie bei uns Arbeiter- + Soldatenrat, gerückt + der Generalstreik proklamiert. Das erregte die Wut der Russen. Es wurde Polizei herangezogen, die mit Revolver + Säbel drohten + alles mögliche erzählten, wir müßten arbeiten oder kamen ins Straflager. Einige drohten sogar mit Erschießen. Aber wir hielten unseren Beschluß aufrecht + erklärten ihnen, lieber tot, als noch einen Handschlag für 13 K. pro Tag machen. Sie versprachen uns dann Zulage, aber wir bestanden darauf, es ist der 1. Oktober + wir wollen ins Lager zurück. So kam es dann, das wir 20 Mann am Abend in Arrest kamen, wo sie uns mit Hunger kriegen wollten. Aber der alte Gefängniswärter ließ sich für 15 K. die Beine weg + kaufte, was wir verlangten, sodaß unser Arrestlokal bald ein fideles Gefängnis wurde. 14 Tage waren nun schon vergangen ohne das sich die Bauern bequemten uns wegzubringen. Nachdem uns nun nochmal mit Strafe gedroht worden war, wir aber dazu lachten, brachten uns die Russen dann auch weg. Wagen zum Gepäckfahren bezahlten wir selbst + so machten wir uns zu Fuß auf den Weg nach dem 75 km entfernt liegenden Lager Semipalatinsk. Ein Begleiter wurde uns mit gegeben + ein Brief an den Lagerkommandanten, daß wir die Arbeit verweigert hätten + zu bestrafen seien. Nach 3 Tagemärschen kamen wir an unsern Bestimmungsort an + hatten ein kollossales Glück, da der Lagerkommandant verreist war + sein Vertreter schickte uns schon wieder hinter der Bretterplanke umgeben von Bajonetten. In Semipalatinsk war es nicht mehr Mode, die Gefangenen zu beachten. Wir kamen im Lager an + meldeten uns bei dem Russen, welcher die Aufsicht hatte + wollten Platz haben. Dier erklärte uns, wir sollten sehen, wo wir unterkommen, Platz hätte er nicht. Die Baracken in der übereinanderliegende Pritschen standen waren nicht mehr bewohnbar + so bauten wir uns dann einen Küchenvorraum von einer Baracke zu unserm Winteraufenthalt aus. Es wurde tapeziert + alles wohnlich eingerichtet + so verbrachten wir dann den Winter hier in aller Ruhe. Die Stimmung war zuversichtlich, da Friedensverhandlungen mit Rußland im Gange waren. Die Beköstigung war tadellos, da täglich zu der Russenkost ein Zuschuß vom Schwedischen Roten Kreuz kam. Arbeit war keine vorhanden + so bestand unsere Beschäftigung in Schlafen, Essen + Spazierengehen. In vielen Städten Rußlands hatte sich unter den Gefangenen der bolschewistische Geist ausgebreitet + so bestanden auch hier im Lager 2 Parteien, nämlich Bolschewisten + Kaisertreue sodaß natürlich stets Zank + Streit war. Über Winter, als nur etwa 200 Mann im Lager waren war alles ruhig gewesen, aber als im Frühjahr gleich ein Transport von 1000 Mann hinzukam, meistens Ungarn, ging die Spaltung unter den Gefangenen los. Die Bolschewisten nahmen zuerst die von den Offizieren verwalteten Unterstützungskassen ab + verteilten das Geld. Damit hörte dann das gute Essen auf. Es wurde ein Kriegsgefangenen-Büro eingerichtet + alle Angelegenheiten der Kriegs-Gefangenen wurden durch dieses erledigt. Dadurch wurden selbstverständlich die Interessen derjenigen Gefangenen, die sich nicht zum Bolschewismus bekannte, geschädigt. Die Bolschewicken versuchten auch die Lagerverwaltung in ihre Hände zu bekommen und uns durch Hunger zu zwingen, auch in ihr Lager überzuschwenken. So wurde gehegt + gehegt + Ruhe gab es nie wieder. Daher wurde in uns der Plan zur Flucht reif um so mehr, da es den Bolschewicken nach + nach gelungen war, sich noch beim Russen Gunst zu verschaffen + uns als Gegenrevolutionäre anzuschwärzen, weil wir nicht mit ihnen mitmachen wollten. Es kam der 1. Mai 18 + wurde der Tag ganz besonders von den Bolschewicken gefeiert, u.a. wurde auch am Lager Eingang eine rote Fahne gehißt, obwohl in unserm Lager nur wenige Bolschwicken wohnten. Um Reibereien zu vermeiden ließen wir die Fahne ruhig wehen. Es vergingen noch einige Tage + die Fahne wehte immer noch. Schon fühlten sich die Herren Verbrecher in ihrer Macht gehoben, da wir ihnen nicht anhaben konnten, daß die Fahne nun immer wehte + das ganze Lager als Bolschewicken-Lager angesehen wurde. Darüber ärgerte sich das ganze Lager, aber keiner mochte die Fahne abnehmen. Am 5. Mai saßen wieder einige Reichsdeutsche vor dem Tore u.a. ein junger Ostpreuße, welcher mit in unserem Zimmer lag + unterhielten sich über die Fahne. Im Laufe des Gesprächs holte nun der Ostpreuße die Fahne herunter + brachte sie in das Zimmer der Bolschewicken-Führer, welche in unserem Lager wohnten + erklärte ihnen, daß der 1. Mai vorbei ist + die Lagermehrheit nicht dafür ist, daß die rote Fahne weiter am Lagereingange verbleibt. Dadurch wurde die Wut der Bolschewicken erregt + eine halbe Stunde später waren 10 Mann mit aufgepflanzten Seitengewehr da + verhafteten den Ostpreußen aus unserem Zimmer heraus: Im Namen der russischen Rats-Republik, weil er sich an einer russischen Regierungs-Fahne vergriffen hat. Nebenbei bemerkt war die Fahne ein rotes Taschentuch, von welchem die Katen abgerissen waren. Der junge wurde eingebuchtet ohne daß der Russe davon etwas wuste. Die ganze Sache war von der Kriegsgefangenen roten Garde in Czene [Szene] gesetzt. Am andern Tage, als der Gefängniswärter den jungen Ostpreußen vernahm + kein Haftbefehl vorlag wurde er wieder entlassen. dadurch wurde der Bolschewickenführer in unserm Lager natürlich noch mehr gereizt + es gelang dann auch einen Haftbefehl gegen den bereits wieder entlassenen zu erwirken + am andern Tage wurde er von russischen Roten Gardisten zum zweiten Male verhaftet. Nach 8 Tagen wurde er aber wieder entlassen, da der Russen-Kommandant erklärt, er will mit dieser Sache nichts zu tun habe[n]. Ruhe gab es keine wieder. Dauernd wurden wir belästigt. Den Unteroffizieren wurden die Tressen abgerissen vor [Wort fehlt]. Wir gingen nun fleißig ans Werk um Geld zur Flucht zusammen zu schachern. Unsere Spezialität war jetzt, alte Nägel zu verkaufen. Aus Unsinn hatte ich mal Nägel gesammelt + einem Eisenhändler auf dem Markte angeboten + ich bekam für das Pfund 1.20 Rubel. Nun ging es aber mit Volldampf ans Werk. Die Baracken wurden eingerissen die Nägel gesammelt + verkauft. So hatten wir nahezu 5 Ctr. Nägel gesammelt + hatten ein schönes Stück Geld verdient. Nun wurde unser Fluchtplan weitergeschmiedet. Nachdem wir unsere Uniform + alles war wir hatten, zu Geld gemacht hatten, machten wir uns in russischer Kleidung auf den Weg. Auf der Eisenbahn, die von Gefangenen Rotgardisten bewacht war kam man nicht durch. Es bestand noch die Möglichkeit per Schiff zu fahren, aber darzu waren Papiere nötig + die hatten wir nicht. Wir entschlossen uns daher, den Weg bis zur nächsten Dampferstation zu Fuß zu machen.. Nach unseren Informationen sollten die Station 30 km entfernt sein. Am 2. Pfingstfeiertage machten wir uns bei stürmenden Regen, was wir uns sehr war, da wir dadurch nicht von Patrouillen, die die Umgebung der Stadt durchstreiften, zu befürchten hatten, auf den Weg. Unser Gepäck was nur aus einem 10 Pfund Brod bestand brachten uns unsere Freunde, die immer Angeln gingen + dadurch nicht auffielen, wenn sie mit einem Paket gesehen wurden, an eine verabredete Stelle vor der Stadt. Programmmäßig trafen wir an der Stelle zusammen + nachdem wir uns von einander verabschiedet hatten gingen wir, ein Bremer, ein Hallenser + ich in die Welt hinaus nicht ahnend, daß wir in kaum 14 Tagen bereits in deutsche Hände sein sollten. Wir gingen zunächst am Fluß entlang bis zum Abend, wo wir ein kleines Kosakendorf passierten, in dem wir erst bei einem Kosaken Abendbrod aßen. Der Kosak zeigte uns den Weg + wir gingen bis zur bezeichneten Stelle. Hier angelangt, war es mittlerweile Dunkel geworden. Jedoch mußten wir erfahren, daß wir nicht an einer Dampfer-Station waren, sondern an einem Wallfahrtsort. Hier hielt zwar der Dampfer, aber nur auf Anruf, um die Pilger mitzunehmen. Da wir die einzigen waren, schien uns die Sache auch zu bedenklich um hier den Dampfer anzurufen. Wir entschlossen uns daher bis zur nächsten Anlegestelle zu laufen + hier den Dampfer zu besteigen. Der gegen 2 Uhr nachmittags eintreffen sollte. Wir legten uns schlafen + gegen 4 Uhr morgens brachen wir auf. Wir schritten mächtig aus, hatten wir doch 25 km vor uns. gegen 8 Uhr langten wir an der Stelle an, welche uns als Anlegestelle beschrieben war. Zu unserm größten Erstaunen mußten wir hier erfahren, daß hier zwar ein Nothafen, aber keine fahrplanmäßige Anlegestelle sei. Die nächste Station war noch 30-35 km entfernt. Jetzt standen uns doch die Haare zu Berge. 25 km hatten wir hinter uns + nun noch 30 km in 4 Stunden schaffen, schien uns doch unmöglich. Das war der erste unvorhergesehene Zwischenfall. Wir fanden jedoch Rat. Auf die Gefahr hin, erkannt zu werden + der Verhaftung entgegen zu gehen gingen wir ins nächste Dorf + frugen in jedem Hause, wer uns zur Dampferstation fahren wollte. Geld hatte uns doch unser Nägelhandel eingebracht + gekostet hatte es uns bisher noch nichts, also konnten wir auch mal per Wagen fahren. Wir fanden auch endlich einen, der fahren wollte, aber die Strecke wurde immer länger. Hier mußten wir hören daß es 45 km waren. Wir wurden auch über den Preis einig. Das km kostete 1.- Rubel. Nachdem wir uns vorher gestärkt hatten, ging die Fahrt los. 45 km im Galopp. Nachmittags langten wir auf der Dampferstation an. Die 45 km hatte der Kutscher in 4 Stunden zurückgelegt. Zum Glück war der Dampfer noch nicht da. Nach unseren Informationen sollte die Dampfstation von unserem Ausgangsort 35 km entfernt sein, es waren aber 85 km daraus geworden, aber wir hatten es geschafft + waren bereits der Heimat näher, obwohl und nur noch 4000 km davon trennten. Auf der Dampferstation sollten wir zum zweiten Male in Druck kommen, denn der Dampfer war bis zum Abend nicht da. Wir sahen uns deshalb nach Nachtquartier um, daß wir auch bald fanden. Wir hatten bereits unser Nachtlager hergerichtet, als wir die Sirene des Dampfers in der Ferne vernahmen. Freudestahlend nahmen wir unser Päckchen + gingen zur Anlegestelle + richtig der Dampfer kam. Wir waren die einzigen Passagiere, die einstiegen, aber fielen nicht auf, da es bereits Nacht geworden war. Nachdem wir aufgestiegen waren warteten wir bis zur Abfahrt + lösten uns dann ein Billet, was wir auch ohne weiteres bekamen. Wir legten uns nun wohlgemut schlafen + schliefen bis die Sonne hoch am Himmel war. Nach 4 Tagen Fahrt, die ohne Zwischenfälle verlief, langten wir an einem schönen Sonntagmorgen in Omsk an. Von hier sollte die Fahrt per Bahn nach Petersburg weitergehen. Vor dem Verlassen des Dampfers sollten wir zum 3. Male in Druck kommen. Es erschien eine Wache von roten Gardisten + kontrollierte. Zum Glück wurde nicht nach Papieren revidiert, denn wir hatten auch keine, sondern nur nach Lebensmitteln + die hatten wir nicht. So waren wir nun in Omsk. Hier wollten wir uns Papiere beschaffen + dann weiterfahren nach Petersburg. Wir sprachen zunächst beim Schweizerischen Konsulat vor, daß uns zu einem deutschen Hilfsbüro schickte, welches die Kaufrolle über die Zivilgefangenen hatte. Hier bekamen wir auch Papiere, welche nur noch vom Russen abgestempelt werden mußten, was am Montag früh vor sich gehen sollte. Am Sonntag Nachmittag kam es nun in Omsk zu einem unliebsamen Zwischenfall, der bald unsere ganze Flucht zum Scheitern gebracht hätte. Es kam nämlich ein Transportzug mit bewaffneten Tschechen an, die als Konterrevolutionäre bekannt waren, welche nach Irkutsk wollten um sich hier gegen die Russischen roten Gardisten zu ziehen. Die Tschechen zogen sich allerdings zurück aber die Russen hatten ihr Ziel noch nicht erreicht + hatten erhebliche Verluste. Sofort wurde der Belagerungszustand über Omsk verhängt + so saßen wir nun fest, denn es kam kein Zug mehr an + ging auch keiner ab, da die Bahnlinie von den Tschechen bedroht war + öfter Züge beschossen wurden. So saßen wir nun bis Donnerstag, ohne daß sich was ereignete. Am Donnerstag sollte ein Zug abgehen in Richtung Petersburg. Es gelang uns auch ein Billet zu bekommen ohne Reisepass + so kamen wir glücklich aus Omsk raus. Auf der Fahrt trafen wir mit einem Deutschen Regierungsbeamten zusammen, der 2 Reisepässe bei sich hatte + uns dieselben gab. Wir waren aber drei Mann + keiner wollte + sollte zurück bleiben, da wir nun bereits soweit gekommen waren. Wir kamen dann auch auf einen glücklichen Einfall. Wir hatten einen Paß in dem ein Alter von 40 Jahren + einen Paß mit einem Alter von 30 Jahren vermerkt war. Dies passte für unsere beiden Reisegefährten. Es fehlte nur noch ein Paß für mich. Wir kamen deshalb dahin überein, den Paß mit 40 Jahren zu fälschen + schrieben hinter den Namen einfach: „Und Sohn“ sodaß jetzt der Paß auf Vater + Sohn lautete. Nun fuhren wir siegesbewußt darauflos. Hatten wir doch jetzt Reisepässe + konnte uns kein Mensch was anhaben. Auch der europaisch-asiatischen Grenze wurden die Reisepässe kontrolliert. Jetzt zeigten wir aber nicht den gefälschten Pässe [sic!] vor, sondern die ohne Stempel aus Omsk + da es Nacht war fiel es auch nicht auf, daß der Stempel fehlte, + so kamen wir dann ungehindert weiter bis Petersburg. Die Fahrt von Omsk bis Petersburg 3000 km 3 Tage + 3 Nächte hatten wir allerdings auf der Plattform gemacht, aber wir waren in Petersburg + bedeutend der deutschen Grenze näher gerückt. In Petersburg, was wir uns erstmal ordentlich ansahen meldeten wir uns bei der Austauschkommission für Zivilgefangene + 2 Tage später wurden wir als Zivilgefangene ausgetauscht. In einem Lazarettzug, welcher vorher mit reiner Bettwäsche versehen war, fuhren wir der deutschen Grenze entgegen, unserer armen Kameraden gedenkend, die heute noch in Sibirien schmachten + über deren Schicksal keiner Auskunft geben kann.

In Pleskau wurden wir von den deutschen Behörden übernommen + nachdem ich 14 Tage im Quarantänelager Zegrze Nord b/ Warschau verbracht hatte, ging es der Heimat entgegen um einen 8 wöchentlichen Urlaub zu verleben, um dann wieder gestärkt, wie sich der deutsche General in Pleskau ausdrückte, an die französische Front zu gehen.

Staßfurt, den 1. Oktober 1919

Carl Hickethier

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E. Ferber: Kriegstagebuch vom 17. Juli bis 13. November 1915 (Flieger Ersatz Abteilung 3 in Gotha)

In meiner Sammlung liegt das Kriegstagebuch von E. Ferber vom 17. Juli bis 13. November 1915 in zwei Versionen vor: Zum einen das Originalkriegstagebuch, das während des Einsatzes geführt wurde, zum anderen auch eine Abschrift, die später angefertigt wurde. An diesen beiden Versionen lassen sich erstaunlicherweise doch einige Unterschiede feststellen. Eindeutig wurde die Abschrift, in der leider die Blätter drei bis fünf fehlen, bearbeitet. Einige Erinnerungen wurden weggelassen. Es wurden aber auch an einigen Stellen Informationen hinzugefügt. Erstaunlich ist auch, dass die Abschrift mit dem Eintrag zum 22. September 1915 endet, obwohl in dem Heft noch Seiten frei gewesen wären. Eine Erklärung hierfür habe ich leider nicht gefunden.

Die biographischen Informationen, die dem Kriegstagebuch zu entnehmen sind, sind leider sehr spärlich. So erfahren wir, dass der Schreiber E. Ferber hieß und Soldat bei der Flieger Ersatz Abteilung 3 (FEA 3) in Gotha war. Vor seiner Einberufung am 17. Juli 1917 war Ferber als Schweißer im Gothawerk beschäftigt. Informationen über seinen Heimatort schreibt Ferber leider nicht. Wir erfahren nur, dass seine Mutter bei seiner Einberufung noch lebte, da sie ihn zusammen mit einer gewissen Lotti zur Bahn gebracht hatte. In welcher Beziehung Ferber zu Lotti stand, ist unbekannt.

Nach seiner Einberufung führte sein Weg mit der FEA 3 zunächst an die Ostfront in das Gebiet um Rawa-Ruska, später dann in der Gebiet um Lublin und Chełm. Ab Ende August war die Einheit dann südlich von Brest-Litowsk stationiert, bis sie Ende September 1915 an die serbische Front nach Požarevac verlegt wurde. E. Ferber erhielt am 10. November 1915 die Nachricht, dass er auf Urlaub fahren könne. Das Kriegstagebuch endet mit dem Eintrag 13. Breslau. Er ist also am 13. November 1915 in Breslau angekommen. Womöglich hat Ferber dann diesen Band des Kriegstagebuches zu Hause gelassen, den die folgenden Seiten im Originalkriegstagebuch sind unbeschrieben.

Ferbers Tätigkeiten bei der FEA 3 lassen sind anhand des Kriegstagebuches leider nur in wenigen Fällen exakt bestimmen. Er war sicherlich kein Pilot. Klar ist, dass er mit der Reparatur von „Apparaten“ beschäftigt war, wobei unklar bleibt, um welche Apparate es sich handelt. Auch besorgte er Zelte und war ab Oktober 1915 in der Schreibstube des Zahlmeisters beschäftigt.

E. Ferber - Umschlaginnenseite des Originalkriegstagebuches

E. Ferber: Kriegstagebuch vom 17. Juli bis 13. November 1915

E. Ferber - erste Seite des Kriegstagebuches

In Gotha am 18.VII. 1915 ins Feld. 2.48 ab Gotha. 10.35 Montag. Die. in Dresden (Stadt Prag) übernachtet. Um 9.09 Morg. weiter nach Breslau 1.47 Abends 12.20 Breslau – Oswiecim Morgens 8h Tarnow abends. Ankunft in Krakau 11.25 Morg. ab 12.25 versch. Aufenthalt Ankunft in Tengitgu dort blieben wir bis zum 22. dann 4.45 morg. bis Rzeszow. Ankunft 7.35 Mor. der Zug läuft mit 10 stündiger Verspätung ein. Verpflegung! Warteten hier bis 2.35 Abfahrt bis  Langut [Lancut] 4.15. 4.50 weiter Ankunft 6.15 Rognotyko [Rogóżno?] 7h Ankunft in Przeworsk. Unsere Weiterfahrtausgeschlossen. Stehn in einem toten Geleise. Ich sammle Holz zum Abkochen und Fahnenbrück geht ins Dorf u. holt 10 Eier, kochen dann ab in tiefe Dunkelheit. Gulasch mit eingeschlagenen Eiern Kaffee u. [?] die übrigen. Dann um 9 ½ besteige ich meine Hängematte in 3te Klasse. Schlafe großartig bis 20 vor 6h. um 6 ½ h am Bahnhof sollen gleich fortfahren[,] steigen auch bald ein, doch nach 1 Std. wieder aus in einen andern Zug II. Kl. liegen nun schon bis 12 ½ hier ohne Anstalten zu treffen abzufahren. Hier gibt es guten Ungarischen [Wein] ½ lt. 50 Pf. Die Stadt ist von den Russen sehr zugerichtet alles zerschossen. Um 10 ¾ h endlich Abfahrt. Um 2 ¼ in Jawaslaw [Jarosław] empfangen Mittag und warten nach schlechter Nacht jetzt schon bis andern Mittag 10 ½. In der Stadt 1 Glas Bier getrunken 30 Pf. Bahnhof war ausgebrannt. Weiter nach [Ort gestrichen] wo abkochten. [Anmerkung am Rand: Menunia [Munina]]. Gingen ins Dorf, sehr dreckig. Die Russen hatten hir ein Lager in dem es wüst aussah. Die Leute hier freundlich hatten jedoch selber nicht zu essen. Wir mussten und Kartoffeln die herlich schmecken. Nach 5stündigen Aufenthalt ging es um 11h weiter. Der Durchfall machte sich sehr empfindlich bemerkbar. Der Durst macht sich sehr empfindlich bemerkbar, da es verboten ist, der Cholera wegen, Wasser zu trinken, außerdem gibt es sehr wenig. 5 Minuten vor diesen gewesenen Ort passierten wir den San. Die Pioniere arbeiteten noch an der Brücke, die nur sehr notdürftig hergestellt ist. Die Gräber mehren sich hier, doch selten ist es ein dt. Grab. – Von hier fuhren wir ca. 6-8 km u. liegen da nun wieder fest. Hier hatten heftige Kämpfe stattgefunden, wie überhaupt jen- und diesseits der San. Das Land ist überhaupt ein großer Schützengraben. Die Bewohner haben verhältnismäßig noch recht viel u. gutes Rindvieh, auch Pferde sind noch da, die über all auf den Weiden grasen. Und wenn man nicht die niedergebrannten Dörfer, Hütten, Bahnhöfe sehen würde, würde man nicht glauben in einem vom Feinde verwüsteten Land zu sein. Es ist erst 2 Mon. so, daß die Russen hier hausten. 12h Abfahrt von Bobadornow hatten hier 10stündigen Aufenthalt, 12 ½ Ankunft in Oleszya [Oleszyce]. In B. fing ich einen Laubfrosch. (Cognacfl.[)] Hier wurden gefangene Russen gesammelt. Viele Studenten dabei. Man konnte meinen, es wäre hier Jahrmarkt. Die Juden verkauften Cig. Chokol. etc. Wir amüsierten uns sehr gut und wundern uns nur, daß wir noch nicht verlaust sind, denn überall saßen die Polaken u. lausten sich. – Wir empfingen hier noch einmal Proviant für 2 Tage Speck, Kaffee, Zucker Cig. + Cigaretten. Um 10 Uhr abds. fuhren wir wieder Station weiter. – 11h Lubaczow [Lubaczów] wo wir jetzt liegen ist total niedergebrannt es scheint ein jüdisches Städtchen gewesen zu sein. Es stehen hier nur noch 2 Kirchen und ein größeres Gebäude. Die Bewohner sind fast alle fort und die noch hier sind, wohnen in den Kellern der niedergebrannten Häuser. Abfahrt 10h. Ankunft 11 ½ in Busznia [Basznia Dolna]. 27 Abfahrt Nachts 3 Uhr, 6h Horinetz [Horyniec]. 8h Werchada [Werchrata].

10h Rawa Russca [Rawa Ruska].

4 ½ Abfahrt per Auto nach dem Flugplatz. Ankunft 9 ½. Wir füllten unsere Zeltplanen mit Haferstroh. Empfingen noch ½ Brod u. 1 Büchse Sülze. Um 10 ½ hinlegen. Die Nacht war sehr schlecht. Wir froren entsetzlich da wir keine Decken mit hatten. Um 5h Wecken, dann 28. Antreten 5 Min. Kaffeeholen bis Abends 6h nichts zu tun, als plötzlich ein furchtbares Gewitter mit Orkan einsetzt, bei dem wir alle genug zu tun hatten um die Zelte vor dem Wegwehen zu bewahren. Das Wetter dauerte eine Stunde. Abends 8h in die Klappe.

Am 29. 5 ½ Wecken. Wunderschönes Wetter. 2 Apparate starten (Einer mit drahtloser Telegraphie am Nachmittag [?] um die Artl. einzuschießen. Dies geschieht mit glänzendem Erfolge 1 rus. Batterie wird vernichtet.) Um 7 Uhr ist Sturmangriff. Die Kanonen dröhnen bis gegen 2 Uhr. Am Morgen hatten wir ½ Stunde Untericht. Am Abend die Nachricht, daß die Russen über die Weichsel zurückgegangen sind.

Um 9 Uhr ins Bett.

Am 30. 5 ½ Wecken. Von 6-7 Exerzieren. Die Russen ziehen sich zurück. Colm [Chełm] brennt. Die Felder rund herum alles verwüstet. Um 7 ½ h kommt einer unsre Apparate mit durchschossenen Flügel zurück.

31. Lublin ist gefallen ebenso Cholm [Chełm].

1. Sonntag Um 9.20 kam die Nachricht, daß unser App. 56 km hinter der Artl.stellung eine Notlandung machen [musste]. Wir holen denselben 4 Wachen 8 Mann. Abends stießen 2 neue Flugzeuge zusammen Rejowice [Rejowiec]. Umzug unsrer Colonne 30 km vor.

2. bringen die App. nach Schamotz [Zamość]. bleiben dort über nacht.

3. 1 Paket von Hause.

4. Rus. Flieger über dem Lager. Derselbe flog nach Rawa ruska und warf dort 12 Bomben ab.

5. 10 Min. vor 6h war r. Flie.

7h Aufbruch unsrer Kolonne um 12 km vorzurücken. Um 12h bekamen die Mitteilung, daß Warschau und Iwangorod gefallen sind. /Minkowize [Minkowice]

6. Morgens sehr schlechtes Wetter. 7.10h Aufbruch. 12h Abmarsch übernachte mit dem Wagen u. fr. hier. Gegen 2h fängt es an zu regnen.

8. 3h wieder Aufbruch gegen 9h treffen wir auf unser Lager 3 km vor Lublin.

9. – – – –

10. – – – –

11. Heute ist ein Sonntag für uns. 6h Löhnungsapell. Mittag gutes Essen. Dann empfangen wir: 1 Schokolade. 2. Bier 3. Decken.

12. Transport nach Samos [Zamość]. Holen hier 3 neue Zelte.

13 gegen Mittag rücken 25 Mann mit denselben nach unserem zukünftigen Aufenthaltsort. Abends Empfang v. Cigar. 3 Cigaret. Am Morgen fahren ich u. 13 Kameraden nach dem Vorkomando um dort das alte Zelt abzuliefern bekamen sodann Befehl nach der O.K.K. zu gehen u. dort eine Ordre für das Zelt u. den Apparat zu holen. Sehe mir gleichzeitig die Stadt an, trinke einige Glas Bier- Um 12h gehe ich zurück, nachdem das Zelt aufgeschlagen war u. gehe im großen Umweg nach 69.

14. Sonnabend. Wir verlegen unser Lager 57 km hinter Lublin bleiben hir bloß ½ Tag u. ziehen 15. Sonntag weiter etwa 12 km bis Reijowice [Rejowiec]. bleiben nur 2 Tg.

16. weiter bis Kolano 1 Tag.

17. weiter nach Wischnize [Wisznice]. Auch hier bleiben wir nur 1 Tag.

18. Zwischenstation. Im Walde Musik von Krankenzug.

19. Wir ziehen heute um 3h mit 20 Mann 15 km weiter. Wir schlagen hir die Zelte auf und nachdem wir noch abgekocht haben, ins Bett, d.h. auf Pferdemist in einer Scheune. Die Nacht besuchen und die ersten Läuse. 5h am andren Morgen den 20ten Wecken. Wir machen uns dann zurecht das Korn u. dann der Ort heißt Wisky [Wiski]. [Anmerkung am Rand: Wicznice]. Den Mist aus eine Scheune auszuräumen, um eine Wohnung für Offz. daraus zu machen. Um 10h kommen die Apparate. Um 12h die übrige Manschaft. Hir fangen wir ein Schwein u. ein Huhn welche wir uns zurechtmachen.

Am 21. ziehen wir wieder weiter u. zwar südlich von Brest. Starker Kanonendonner u. Maschinengewehrfeuer. Wir liegen 4 km hinter der Front.

22. Transport eines Zeltes vom alten Lager. Da kein Mittag mehr kochen wir selbst ab u. kaschen dabei ein Huhn ([Rotiyur?]) [Anmerkung am Rand: Pisczac [Piszczac]]

23. Reparatur der Chaise.

24. Beim Artzt: Vom Exerzieren befreit.

25. Russische Flieger fliegt vorüber. Am Abend brennt Brest an allen Seiten. heftige Explosionen. Noch in der Nacht übergibt es sich.

26. Morgens 10h kommt ein russ. Flieger wirft eine Bombe die aber wirkungslos ist und wird sofort von drei Fliegern verfolgt.

27. Nachmittags 3h fahren 3 Mann und ich mit Oberleutnant v. Olsnitz nach Brest.

27. Suchen dort nach einen Quartier. (Siehe Karte Nr. 66). Furchtbar Quartier in derselbe. Richten uns zu nächst in der 1. Etage wohnlich ein. Legen uns gegen 10h hin, stehen aber nach 1 St. wieder auf, da wir es mit Flöhen nicht aushalten können. Fangen noch wieder an reine zu machen bis gegen 2h. Um 4h weiterarbeiten. Wasser holen, Caffee kochen, dann großes Reinemachen bis 10h. (Unser Zelt steht jenseits des Bug)

28. Warten vergeblich. (Hund)

29. werden nachmittags gegen 3h geholt. Gehen nach dem Zelt. Fahren ab, kehren gleich wieder um, da ein Apparat ankommt. Derselbe macht Bruch und wir schlagen unser Zelt auf der anderen Seite von Brest wieder auf. Abends kehren wir 4 in unsre Wohnung zurück.

30. Morgens 8h werden wir vom Oberleutnant abgeholt und machen eine tolle Fahrt. Suchen einen Flugplatz u. finden denselben gegen 3h in der Nähe der Abt. 63. Nehmen einen verwundeten 149 Unteroff. mit nach Brest. Werden unterwegs noch bis auf die Haut naß. 6h Rückkehr. Gehen nochmals in die Wohnung u. kochen Caffee, An Abends nimmt ein Offizier Flüchtlingen 3 Pferde weg,. Ein Kamerad u. ich holen denselben ein altes Pferd. – Nachts schiebe ich die erste Wache.

31. Morgens erschieße ich ein Pferd, alsdann begraben wird es.

Gegen 5 Uhr beginnen wir das Abendessen zu bereiten. Einige gehen Kartoffeln holen etc. als ein Kamerad am Kochloch in dem Pulvermagazin ein Feuer bemerkt. Sofort ruft es allen zu und wir wissen, um was es sich handelt Laufen was wir können _ _ _ _

3 Kamer. tot. Weißgerber, Rübenecker u. Hauff. Untf. Krabbe u. Flg. Semje schwer verw. Am Abend marschieren wir noch zurück, wenigstens lassen wir den Festungsgürtel hinter uns. Übernachten in einer elenden, dreck. Hütte u. sind totmüde. 4 Uhr Aufbruch u. marschieren bis Fld.flieg.abt. 66 dort treffen wir unsren Hauptmann u. warten hier auf unsre Autos. gegen 10h kommen wir wieder in Kotylow [Chotyłów] an.

E. Ferber - Abschrift des Kriegstagebuches

E. Ferber - erste Seite der Abschrift

Vier Wochen war ich im Gothawerk als Schweißer beschäftigt, als am 17.VII.15 Offizierstellvertreter Osinus mich rufen ließ und die Mitteilung machte, daß ich ins Feld sollte. Ich war nicht wenig überrascht[,] doch freute ich mich sehr, endlich ausrücken zu dürfen. Nachdem ich eingekleidet war, reichte ich Urlaub ein und bekam bis Montag den 19.VII. 6h Morgens solchen. Mutti u. Lotti brachte mich zur Bahn.

10. Von Gotha fuhren wir dann, 14 Mann, nach Leipzig, wo wir nach kurzen Aufenthalt nach Dresden weiterfuhren. Hier trafen wir um 10.45 ein. Wir übernachteten in der „Stadt Prag“ und hatten hier sehr gutes Quartier. Am andren Morgen fuhren wir (Mittwoch 21.VII. nach Breslau weiter 9.03 und trafen dort 1.47 ein. Hier blieben wir bis Nachts 12.20 und fuhren von hier nach Oswiecim 8h. Hier erhalten wir Frühstück. Abfahrt gegen 12h 22.[VII.] Tarnow abends an u. ab. In Krakau 11.25 – die Stadt war von den Truppen sehr zerschossen. Die Bewohner. wie die Stadt furchtbar dreckig. Abfahrt 12.25. Nach verschiedenen langweiligen Aufenthalt trafen wir in Tengitgu ein, wo wir im Wagon bis am andren liegen blieben.

23. 4.45 morgens Abfahrt bis Rzeszow Ankunft 7.35 morgens der Zug läuft mit eine 10stündigen Verspätung hier ein. Wir empfingen hier Mittag. Warteten hier bis 2.35 – Langut [Lancut] 4.15. 4.50 weiter nach Rognotzko [Rogóżno?] 6.15.

Um 7h Abends waren wir in Przeworsk. Hier hat unsere Fahrt scheinbar sein Ende gefunden, denn dreimal sind wir hier umgestiegen und kein Zug fährt weiter, endlich werden wir noch auf ein totes Geleise geschoben. Sofort geht es ans Abkochen. Fahnenbruck geht ins Dorf und ich sammele unterdeß Holz. F. kehrt mit 10 Eiern zurück. Das Essen schmeckte großartig. Gulasch mit ausgeschlagenen Eiern. Um 9 ½ schwinge ich mich in meine Hängematte, die ich mir in Wagen III. Kl. angebracht habe und schlafe herrlich bis zum Morgen 20 Min. v. 6h Freitag den 24. Dann fahren wir wieder mal weiter, nachdem wir an diesen [Seiten 3 bis 5 fehlen!]

Wir treffen um 11 ½ h in Busznia [Basznia Dolna] ein, wo wir wieder mal liegen bleiben. Am 26.-27. Nachts 3 Uhr geht es weiter bis Horinetz [Horyniec]. 6h. Um 8h Werchada [Werchrata]. – 10h Rawa Ruska. Hier ist mein früherer Feldwebel Mucko, auch treffen ich mehrere Kameraden, die bei der 63 gewesen waren. Wir fahren von hier, um 4 ½ h mit Auto, unserem Bestimmungsort, der Abt. 67 zu. Abends 9 ½ treffen wir ein. Der Weg war entsetzlich. Auf der Chaussee unzählige Granatlöcher, bei deren Überfahren wir manchmal ½ mt. hoch geworfen wurden. Die Fuhrparkskolonnen waren unabsehbar. Art. Inft. Train etc. hin u. her. Bei unserer Ankunft wurden wir noch mit ½ Brod und eine Büchse Sülze verpflegt. Unsre Zeltplanen mussten wir als Strohsäcke verwenden. Die [Nacht] war sehr schlecht, wir froren wie die Schneider. Am 28ten hatten wir Ruhe bis Abends 6h, als ein furchtbarer Orkan einsetzte, der die Zelte wegzureißen drohte. Zwei Apparate wurden beschädigt. – Einer unserer App. war dem Wetter mit drahtlose Telegraphie aufgestiegen und schoß die Artl. ein, die ausgezeichneten Erfolg hatte. So traf ein Schuß mitten in ein rus. Geschütz und vernichtete es samt seiner Manschaft. Der Geschützdonner dauert während der Nacht an am 29. früh 7h erreicht er seinen Höhepunkt und die Inftr. stürmt. Das Dröhnen währt bis gegen 2 Uhr. Den Erfolg erfuhren wir Abends. Die dt. Truppen standen über der Weichsel in 40 km lange Front.

Morgens 5 ½ h Wecken. Wunderschönes Wetter 2. App. starten. Sonst nichts besonders. Am Morgen hatten wir ½ Stunden Unterricht. Am 20. 5 ½ Wecken. von 6-7 Exerzieren. Die Russen sind noch immer auf dem Rückzuge. Colm brennt, ebenso die ganzen Felder ringsherum. Um 7 ½ h kommt einer unserer Apparate mit durchschossenem Flügel zurück. Am 31. nichts bemerkenswertes sehr schlechtes Wetter. Gegen 10 Uhr startet ein Apparat. 12 ½ kehrt er zurück.

Lublin ist gefallen (30.VII.).

31. 2000 Russen sollen sich ergeben haben.

1.VIII. Sonntag. 5 Uhr Wecken u. Antreten. Um 9h kam die Nachricht, daß unser Apparat 5km hinter der Front eine Notlandung machen mußte. Sofort wurden 4 Wagen bespannt, (8 Mann, 1 Untffz. Wecker) und wir sollten den Apparat holen. Bis Izbica war der Weg leidlich, aber dann war der Weg furchtbar schlecht. Tiefer Sandboden. Nichtsdestoweniger immer Trab. Um 3h trafen wir an der Landungsstelle ein. 2 St. verladen wir. 5h weiter. Als wir in Izbica ankamen, bekamen wir Nachricht, daß unsre Colonne weitergerückt war. Wir fuhren zunächst nach Crasnostaw [Krasnystaw], dann rechts ab bis über Rejowiec. Hir lagerten wir auf einer Höhe. Die Stadt, die die Russen 2 Tage zuvor verlassen hatten, brannte noch am 2. brachten wir 13 Mann u. drei Autos 2 zusammengerannte Apparate nach Sawotsch [Zamość]. Die Fahrt war entsetzlich. Ich fuhr auf einem Auto mit dem einen Apparat, dem ein Rad gebrochen war, und daher aufgeladen werden mußte. Jeden Augenblick drohte er umzustürtzen. Um 9 ½ Abends langten wir glücklich in S. an blieben hier übernacht.

Um 6h Morgens den 3.VIII.15 war ein Russ. Flieger über dem Lager gewesen u. warf in Rawa Ruska 12 Bomben.

Von Sam. fuhren wir gegen 8h weg u. langten im Lager um 12 ½h an. – Am 3. VIII. nichts. 1 Paket v. Hause. Am 4. war wieder ein Flieger „Ulegug“ da. Ebenso am 5ten morgens 10 Min. vor 6h. Um 6h brachen wir das Lager ab und um 7h war Abmarsch der Colonne. Wir zogen Ndwest. u. liegen jetzt links 10 km von Colm [Chełm]. Vor uns steht ein Dorf in Flammen und dahinter steht die Artl. die heute Nachmit. stark in Tätigkeit ist.

Um 12 h bekamen wir Nachricht, daß Warschau von den Deutschen, Iwangorod [heut: Dęblin] von den Östr. erobert ist. Minkowize [Minkowice]

7te. Einer unserer Apparate steigt auf und nimmt Bomben mit. Sehr schlechtes Wetter, trotzdem brechen wir auf und gegen 12h mittags setzt sich die Kolonne in Marsch. Nachts 2h wieder Abmarsch von unserem Wagenlager, nachdem wir 5 Stunden Ruhe gehabt hatten. Bei Regen u. fr. Himmel [?].

Am 8ten mittags 3h treffen wir auf unserem Flugplatze ein. Derselbe liegt 3 km vor Lublin. Am 9. u. 10. nichts von Bedeutung. Am 11. Es ist ein Sonntag für uns. Zunächst 6h Löhnungsapell. Mittags gutes Essen. Jeder eine Decke. Dann gibt es noch Cigar. Cigaret. Chokolade u. Bier.

Am 12. fahre ich mit 2 Autos 3 Mann nach Samotze [Zamość] und holen von Park 3 neue Zelte.

Am 13. rücken 13 Mann mit den neuen Zelten nach unseren neuen Flugplatz. Um 10h fahre ich mit einigen Mann nach dem Vorkommando, das vor Lublin (links) lag, und liefern dort das alte Zelt ab. Sodann bekam ich Befehl nach dem A.O.K. zugehen und dort eine Order für Zelt zu holen. Dieses dauert ziemlich lange u. ich bleibe bis 2h in der Stadt. Man bekommt hir verschiedenes zu kaufen: Bier, Speck etc.

Am 14. ziehen wir den vorgerückten Kameraden nach, die liegen jetzt 57 km hinter Lublin Kolano wir bleiben jedoch nur 1 Tag dort und am 15. Sonntag geht es etwa 12 km weiter bis Rejowice [Rejowiec] hir bleiben wir 2 Tg.

Am 16. weiter nach Radin. 8 km vor Wischnize [Wisznice]. 1 Tag Aufenthalt. 17te[.]

Am 18. Zwischenstation im Walde, an der Chaussee. Gegen mittag hält hier ein Lazarett-Transport, der ein Klavier mit sich führt u. es gibt ein Conzert.

Am 19. nachmittags 3h gegen wieder 20 Mann mit denen ich bin 15 km vor u. schlagen hier die Zelte auf (4). Wir selber schlafen in einer Scheune auf Pferdemist u. fangen hier die ersten Läuse. Wihsky [Wiski]. Am 20. 5h Wecken. Dann müssen wir die Scheune als Wohnungen herrichten. Um 10h kommen die Apparate, unter deß fangen wir in Schwein und stechen es mit dem Seitengewehr ab. Hier lebt es sich überhaupt besser. Auch ein Huhn kommt mal in den Kochkessel.

Am 21. ziehen wir wieder weiter u. zwar südlich von Brest, wo wir dann 4 Wochen lieben bleiben. Brest wird noch feste beschossen. Wir liegen einige km hinter der Art. Stelg. Am 22. Transport eines Zeltes vom alten Lager nach hier. 3h Rückkehr. Der Ort heißt Cotylow [Chotyłów] und liegt 2 km von Piszazo [Piczczac].

Am 23. Reparatur der Chaise.

Am 24. Beim Arzt vom Exerzieren befr.

Am 25. Am Mittag besucht uns [?]. Am Abends brennt Brest an allen Seiten u. unsre Flieger hatten das Ihrige dazu getan. Bombardierung eines Bahnhofs? rechts von Brest. 80 Bomben. (heftige Explosionen).

Am 26. kommt uns Uegug wieder u. wirft eine wirkungslose Bombe[,] wird von 3 unserer Flieger aber verjagt.

Am 27. fahren Oberleutnant v.d. Oelznitz, ich u. 2 Mann nach Brest. Hier richten wir eine Wohnung für Offiziere ein No. 60. Arztwohnung 2stöckig. (Eichenmöbel, Plüschgarnitur etc. Siehe Karte)[.] Ein Auto mit Zelt u. 11 Mann liegen jenseits des Bug. – 28ten Schlafen der vielen Flöhe wegen unmöglich.

Am 29. werden wir nachmittags gegen 3h von (Oberlt.) Unterf. Knubbel geholt um zurückzufahren, da unsere Abteilung nicht kommt. Wir sind jedoch kaum unterwegs, da kommt ein Apparat und macht am Ende der Stadt Bruch. Wir kehren um und schlagen das Zelt dort auf. Wir drei Mann schlafen wieder in der Wohnung. Morgens am 30ten 8h werden wir von OBerlt. v.d. Oelz. wieder abgeholt u. zwar sollen wir einen neuen Flugplatz suchen. Die Fahrt ist fürchterlich auf dem schlechten Wege. Alles zerschossen und das tote Vieh liegt stinkend an der Straße[.] Nachdem wir lange Zeit herumgefahren waren, uns verschiedene Forts angesehen hatten (o. ?) finden wir einen Platz in der Nähe der 63. Fahren noch einmal die Chaussee rauf bis an einen Wald u. Fluß (?) werden hier von einem furchtbaren Wetter überrascht u. fahren heimwärts. Unterwegs nehmen wir einen verwundeten Untffz. der 149 mit ins Lazarett v. Brest. 6h Rückkehr. Am 31ten Explosionen in Brest. ….

Am 1.IX. Morgens werden wir von einen Lastauto geholt, das uns entgegengeschickt war und treffen in Cotylow [Chotyłów] gegen 10h ein. Bis zum 10ten nichts von Bedeutung.

Am 10ten morgen 10 ½ trifft der erste Zug dort ein.

Am 11ten erhalten wir Befehl zum Fertigmachen, da wir verladen werden sollen. Dies ging bis zum 19ten abends 11h wird gepackt. Alles verpackt. Ein Auto fängt noch an zu brennen, wurde aber gelöscht. Am 20ten 10h morgens geht die Fahrt los über Oppeln, Oderberg, Teschen etc. Die Nacht zum 21ten passierten wir Warschau. Stradom bei Czenstochau [Częstochowa] kamen wir um 12 ½ Mittags an hier wurden wir entlaust, war bis 9h Abends währte. 10h ging unser Zug weiter. Nachts fuhren wir über die Grenze. Nachts passieren wir Oppeln.

Am 22. wunderschönes Wetter[.] Die Landschaft ist herrlich.

[Ende der Tagebucheintragungen in der Abschrift]

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Kriegserinnerungen von Hans Schenk aus Glauchau (Ostern 1943 – 8. August 1945)

Hans Schenk aus Glauchau war sowohl im 1. als auch im 2. Weltkrieg Soldat und hat seine Erinnerungen an beide Kriege niedergeschrieben. Schenk erhielt Ostern 1943 einen Brief, dass er sich als Soldat in Leck (Holstein) stellen sollte. Bis Kriegsende war er dann hinter der Front eingesetzt, u.a. bei der 2. Seeaufklärungsstaffel 126. Hier war er als Fallschirmwart tätig.

Die Rechtschreibung wurde wie im Original übernommen.

Seine Erinnerungen an den 1. Weltkrieg sind hier veröffentlicht.

Kriegserinnerungen von Hans Schenk aus Glauchau (Ostern 1943 - 8. August 1945)

Einen nicht geringen Schrecken bekam ich als 1943 Ostern früh ½ 11 Uhr mich der Postbote mit einer Einladung zum Eintreffen nach Leck (Holstein) einlud.

Wir mußten am 30.4. früh in Chemnitz eintreffen, fuhren über Leipzig nach Hamburg, Flensburg nach Leck, wo wir nachts in Baraken hausen mußten, wir waren da einige Tage in Zivil bis wir unsere Klamotten bekamen ich wurde natürlich sofort in der Werkstatt als Schneider eingesetzt, bekam einen Ausweis, konnte das Lager allein verlassen, weil wir ja nochallgemein keinen Ausgang hatten, nach einiger Zeit hatten wir wieder auszuziehen und kamen nach Flensburg (Weiche) wo wir ausgebildet wurden, hier lagen wir in einem Arbeitsdienstlager (Harisloh) 2 klm von Flensburg, dort wurden wir ausgebildet etwa exerzieren u.s.w. wir hatten ziehmlich strengen Ton. Aber ich hatte auch hier in der Schneiderei zu tun. Wir kamen dann nach einiger Zeit nach Ronshagen b. Kolberg dort lagen wir auf einen Flackartillerieschießplatz und wurden eingeteilt. In unseren eigentlichen Dienststellen lagen wir in Baraken. ich kam mit noch 70 Mann nach Kiel zur Nachschubkomp.

1. Adresse Sold. H. Schenk Flugplatzk. A18.XI Leck b. Flensburg

2. Adresse Hans Schenk Flugplatzkom. Flensburg (Weiche) RAD Lager I Stube 92.

III. Adresse Sold. H. Schenk Flackartillerie Schießplatz Ronshaagen (Henkenhagen Land)

4. Adresse in Kiel beim Nachschub Soldat Hans Schenk Feldp. L. 06506 L.P.A. Hamburg I

5. Adresse Gefreiter Hans Schenk Poststelle Belin über Lütjenburg (Land) Ostholstein

In der Nachschubkom. mußte ich Dienst mitmachen komplett nächtlich viel Wachdienst hier wurden in Sellent Kadmansdorf Knop Selent (Schilksee) dauernd in den Niederlassungen des Luftparkes von Kiel viele Wachen gestellt mit Arbeitsdienst Fässer laden auf Schiffe und in Bahnwagen oder im Luftpark in den Hallen Arbeiten ich melde mich dort dann krank kam dann auf Grund eines Gesuches nach 9 Monaten am 20. Sept. nach der Stabs und Wirtschaftskomp. nach Kiel Wick in die Schneiderei. Dort hatte ich ein schönes Arbeitsfeld (selbstständig[)][,] nur der öftere Fliegeralarm war ein bitteres Erleben im Dezember 43 waren große Angriffe in der brennenden Stadt war ein sehr schlimmer Zustand die innere Stadt hauptsächlich wir hatten bei uns in Kiel Wick wenig verspürt. 1943 im September hatte ich 7 Tage Urlaub zum 1. Mal am 25. Oktober hatte ich 4 Tage Kurzurlaub weil Walter zu Hause war im November hatte ich eine Dienstreise nach Mittweida, im Dezember hatte ich v. 23.12.-28.12. 5 Tage Weihnachtsurlaub im 17.1 hatte ich eine Dienstreise nach Crimitzschau f. Spieß (Lewitz) am 25.1.44 wurde ich Unteroffizier anläßlich einer Feier durch Oberst Schauz. Ich hätte aber dadurch in Kiel keinen festen Sitz und kam im 1 April Dienstreise nach Mitweida. Gerhard zur Konfirmation 14./4 von Kiel nach Kmape i. Pom. versetzt zur Ers. Komp. hier waren wir in Baraken untergebracht aber ich hatte gleich meinen Urlaub genommen u. bin d. 22.4.-8.5.44 nach großen letzten Urlaub gefahren. Ich hatte hier in Komp. als ich zurückkam einen ruhigen Dienst ich habe viel Wache gehabt als Hauptwache Turmwache Muniwache sonst Unterricht im M.G. u.s.w. Lehrer Kranig war Comp. Chef. Original. Hier wurde ich dann im Fallschirmlager eingerichtet und hatte da bei Feldw. Schilbe einen schönen Sommer am Strand mit Schlauchboot erlebt. Ich war auch mal 6 Tage zur Erntehilfe auf den Remontehof bei Kamp. 15.11. bin ich mit noch verschiedenen Kameraden nach Pillau (Neutief) zur 2. Seeaufklärungsstaffel 126 versetzt worden als Fallschirmwart mit (Scherenberg) es wurde hier eine neue Staffel Arado 196 aufgestellt, hier lagen wir in Lochstadt ¾ Std. von Pillau entfernt im Walde in Baraken (Schneiderei u. Schusterei) viele Frauen Franzosen und asugebompte hier wäre es im Sommer sehr schön geween, aber so war die Feuerung knapp, wir haben aber uns Holz versorgt. Weihnachten feierten wir in Lochstätt bei einfacher Feier denn die Russen waren schon in bedenklicher Nähe. Sylvester holten wir in Pillau Wein und wir hatten da eine schöne Feier, aber Zeitgemäß. 20.1.45 kamen wir nach Pillau (Neutief) Kasernen wo ich das Fallschirmlager eingerichtet hatte kamen wir am 31.1. fort nach (Parow) wir fuhren mit den Frachter (Julius) nach dort die fliegende Besatzung kam mit den Flugzeugen nach wir wurden dort noch alle K.v. geschrieben aber der Krieg ging immer ernster zu viele Evaquierte [Evakuierte] aus Litauen Memel u.s.w. kamen hier durch mit allerhand Gebäck Pferde und allerhand Hausgerät sind sie über die Nährung [Nehrung] nach Danzig wir sind da Nachts oft angetreten und mußten mit Panzerfäusten die Gegend absuchen nach Russen, oder sollten rückwandernde Soldaten aufhalten bei einer großen Kälte die vielen Zivilisten die hier mit in der Küche in Pillau verpflegt worden war ganz schlimm. Panzergräben mußten wir auch ausheben (Einmannlöcher) Stacheldraht aber ich habe über diese Maßnahmen gelacht, denn mit so primitiven Mitteln die Russischen Panzer abwehren war ein Schildbürgerarbeit und Ironie.

Am 1. Februar früh ½ 11 Uhr fuhren wir ab auf See nach Swinemünde wir haben 8 Tage gebraucht, bis wir nach dort kamen, Unterwegs waren wir von einen Geleit von 30 Schiffen gefahren bei großer Kälte, die Eisschollen krachten gegen den Schiffsleib, wir hatten noch viele (400) Jungen an Bord 16Jährige Flackhelfer alle lagen in den Schiffsladeräumen, ich hielt mich oft in der Kajütte auf vom Schiffspersonal die Nebelsirene ging dauernd. In Swinemünde kamen wir am 8.2. an und kamen für 2 Tage in eine Barake. Zu Essen gabs noch ganz gut Zigaretten u.s.w.

Am 9.2. fuhren wir mit der Bahn im Güterwagen nach Stralsund wo wir nacht nach Parrow in den Fliegerhorst übersiedelten. Hier bezogen wir die Kaserne ich kam in Block Libau in Steinbau sehr sauber mit Uffz. Rank zusammen wieder in eine Stube hier hatten wir oft Gegenheit Nachrichten (ausländischer Sender) zu hören wir wußten, daß der Krieg in kurzer Zeit aus ist, aber die Offiziere haben noch fest den Quatsch von Göbels eingebaukt [eingepaukt] (Wir müssen siegen. Die Lage ist sehr ernst, aber noch nicht hoffnungslos[)]??

Kino hatten wir auch oft. Hier war ich in der Schneiderei oft beschäftigt wo ich gute Koll. kennen lernte.

Mit Rank habe ich oft Bratkartoffel gebraten die Verpflegung war hier nicht viel wert, ich kam hier mit nocheinen Uffz. zur Horstverteidigungs-Vorbereitung und mußte unter Kontrolle von Oberst ? die ganzen M.G. und Munitionskästen in Ordnung bringen das war eine ruhige Arbeit bar Tage 8 lang. Hier kamen auch oft Flugzeuge an aus Kolberg u.s.w. mit vielen Evaquierten [Evakuierten] (traurige Bilder) bis 9.4. war ich in Parow und mußte mit einen Vorkomando nach Barth (30 klm[)] wohin unsere Staffel formiert wurde zur Fernaufkl. Staffel (410 in Zibel) ich hatte da im Fallschirmlager noch allein zu tun mit 2 litauer Mädels die mir zum legen der Schirme beigegeben wurden. Weil von Parow aus viele von der Staffel zum Einsatz zur Front kamen.

Hier hatten wir noch Exerzieren und Geländedienst am 14. April als in Glauchau schon die Amis waren. Bis 31.4. waren wir noch hier aber die Russen waren uns auf den Fersen sodaß wir schnell weg mußten… Die fliegende Besatzung und ein Teil Techniker kamen mit den Maschinen nach Kopenhagen wir übrigen mußten fahren mit L.K.W. wo alles verladen wurde wir fuhren am 30.4. nachm. ¾ 6 Uhr aus Horst 6 klm hinter uns die Russen, wir fuhren über Wismar nach Lübeck in Barndorf in Schleßwig bis Plön wo wir am 1. Mai abends in einer Kneipe schliefen als wir durch Rundfunk erfahren, das Hitler der Verbrecher tot ist ich habe aufgeatmet, als wir dann hörten das Admiral Dönitz den Krieg weiterführt haben wir sehr enttäuschte Gesichter gemacht, aber lagen gehts nicht mehr so sind wir noch einige Tage gefahrenüber Kiel Schleßwig Flensburg wo wir am 5. Abends 8 Uhr vor der Grenze erfuhren, das am andern Morgen 8 Uhr Waffenruhe eintritt, trozdem ist der Oberlt. Knierim noch über die Grenze nach Dänemark gefahren wo wir früh als wir ins Dorf kamen die dänischen Fahnen sahen u. die Glocken läuteten wir sind da bei einer Mühle eingeladen wurden bei Weißbrot u. Schinken u. Eiern Milch u. Sahne wir im Märchenland. Wir fuhren bis zum Fliegerhorst nach Harisleben wo wir bis zum 9.5. blieben und einige Tage ein gutes Leben hatten.

Am 9.5. fuhren wir mit unsern 3 Wagen die wir noch besaßen über die Grenze an der Grenze wurde uns aber nur ein Geschirr zugelassen wir brauchten aber die Sachen nicht zu tragen Räder u.s.w. wurde alles abgenommen. Wir sind am 15.5. nach dem wir nochmals im freien übernachtet hatten in  Schubg. angekommen wo wir bar Tage in Baraken lagen am 25.5. fuhren wir dann mit L.K.W. mit Engländern nach Meldorf von hier sind wir nach Eggstädt gelaufen 10 klm hier kamen wir in Scheunen und warteten nun bis zur Entlassung am 23.7.45. Ich wurde nach Bayern entlassen nach Neugattendorf hier bin ich 2 Tage geblieben und am 7.8. gelang mir nach 3 Maligen Versuch über die Grenze zu kommen. Am 8.8. nachm. 4 Uhr kam ich in Glauchau von Olsnitz an. Ende.

Erinnerungen auf einem beiliegenden Zettel

Am 20.8.1944 nach Neuhof Remondehof kommandiert zur Erntehilfe. In Baraken auf Stroh[?] geschlafen es waren fast alles Unteroffz. u. Feldwebel dabei von ½ 7 abends ½ 8 Uhr, Bohnen u. Hafergarben aufgestellt. Schutzgräben ausgehoben. 26./8. zurück über Treptowabends ½ 12 wieder zurück mit Kamerad Rank, Chemnitz

Sonntag 28/8. Sand geschippt. Dienstag früh im Fallschirmlager Nachm. weiße Uniformjacken für Hauptm. Borcherding geändert viele sind am andern Tag nach Slawe fort ich bin nach Pillau, Lochstädt zur See Aufklärungsstaffel 126 gekommen (L 55018 Königsberg) 14.10.1944 bis Januar 1945 Aradostaffel.

Abschrift v. Original d. 4.11.67(H. Schenk[)]

Erinnerungen auf der Rückseite eines Fotos

Am 24.5.1945 nachm. 1 Uhr wurden wir von Engländern übernommen. Wir lagen in der Scheune kamen auf die Straße wurden nach 12 klm. Marsch von Hollingstedt auf eine Wiese Norderstedt zu je 30 Mann eingeteilt und kamen in Autos (50 Autos) über Friedrichstadt Lünden Heide Meldorf nach Eggstedt wo wir in Gehöften untergebracht wurden. Hier kamen wir den 24.5. nachm. 6 Uhr an. Hier sollen wir eine Zeit liegen? Am 29.5. wurde das Gerücht verbreitet das am 4./6. die Entlassung beginnen solle. Den 10.7. Heinz Geburtstag schöner Tag, leider noch keine Hoffnung wegzukommen. Amerik. Zone müssen sich melden in Bayern u.s.w.

Marschgruppe 14 Major Holweg

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