Briefe von Richard Grimm an seine Frau Thekla (Hamburg 1940)

Richard Grimm war in der zweiten Hälfte des Jahres 1940 beim SHD (Sicherheits- und Hilfsdienst) in Hamburg tätig. Der SHD war ein Aufgabenbereich des Luftschutzes, der im Deutschen Reich für den Einsatz nach Luftangriffen ab 1939/40 aufgebaut wurde. Das Aufgabenspektrum umfasste neben der Brandbekämpfung auch sanitätsdienstliche und technische Hilfeleistungen sowie Entgiftungseinsätze. Der SHD lag im Verantwortungsbereich der Polizei. Die Angehörigen des SHD waren vom Wehrdienst befreit. Im „Forum der Wehrmacht“ wird in einem Beitrag angemerkt, dass es den Angehörigen des SHD nicht erlaubt war, einer zusätzlichen Beschäftigung nachzugehen. Allerdings arbeitete Richard Grimm auch während seines SHD-Dienstes weiterhin für die Firma H. Landmann & Söhne.

Richard Grimm war verheiratet mit Thekla und sie hatten drei Kinder: Margret, Klaus und Werner. Im Sommer 1940 ist Thekla mit den Kindern zu seiner Mutter umgezogen, wie er in seinem Brief vom 13. Oktober 1940 erwähnt. Ein Briefumschlag mit Stempel vom 16.10.40 ist adressiert an Thekla Grimm, Hamburg Volksdorf, Wiesenhöfen No. 3 bei Reuter. Dies war vermutlich die Adresse seiner Familie. 

Als Absender ist SHD: R. Grimm, Hbg.-Wandsbek, Bleicherstrasse 59, Goetheschule angegeben. Dort war er also beim SHD tätig. Später war er auch in der Feldstraße eingesetzt.

An der Adresse Bleicherstraße 59 in Wandsbek war von 1922 bis Ostern 1940 die Freie Goethe-Schule aktiv. Dies war eine Waldorfschule, die ihren Betrieb Ostern 1940 durch den Druck des NS-Regimes einstellen musste. Alle Lehrkräfte wurden zum Hilfsdienst im Haupternährungsamt einberufen, so dass eine Fortführung des Schulbetriebes unmöglich war.

Das Schulgebäude stand somit zur Verfügung und wurde dann spätestens ab Sommer 1940 vom SHD genutzt.

Neben seinem Dienst beim SHD war Richard Grimm auch noch für die Firma H. Landmann & Söhne tätig. Dies war eine im Jahr 1938 arisierte Firma, die mit Hopfen handelte. Der Firmensitz war in Fürth, eine Außenstelle An der Alster 35 in Hamburg. Inhaber der Firma waren bis zur Arisierung Siegfried und Hans Landmann. Erwerber der Firma war Otto Bieling.

Siegfried Landmann (*1877 in Fürth) floh 1938 nach Schweden und ging dann 1939 nach Brasilien. Sein Bruder Hans Landmann (*1880 in Fürth) floh 1938 in die Niederlande und noch vor der deutschen Besetzung weiter nach Schweden, wo er 1950 verstarb.

Im Hamburger Fremdenblatt (Abend-Ausgabe Nr. 285, S. 4) vom Dienstag, 14. Oktober 1941 wird eine Veränderung im Handelsregister erwähnt: „[…] Die bisherige Firma wird neben der neuen Firma Otto Bieling K.G. mit dem Nachfolgezusatz fortgeführt als H. Landmann & Söhne, Otto Bieling Nachf. K.G.

Richard Grimm erwähnt seine Tätigkeit für die Firma H. Landmann & Söhne an mehreren Stellen und auch ein von ihm verwendeter Briefumschlag verweist auf diese Firma, denn auf der Rückseite ist die Firmenadresse aufgedruckt. Welche Funktion er genau hatte, geht aus den Briefen nicht genau hervor. Fest steht, dass er Überweisungen tätigte und die Firmenpost bearbeitete.

Das weitere Schicksal der Familie ist unbekannt.

Insgesamt sind elf Briefe vom 9. Juli bis 22. Dezember 1940 überliefert. 

Rechtschreibung und Zeichensetzung der Briefe wurden übernommen.

Adresse von Thekla Grimm: Wiesenhöfen No. 3 bei Reuter in Hamburg-Volksdorf
Absender Richard Grimm, Bleicherstraße 59, Goetheschule, in Hamburg-Wandsbek; darunter die durchgestrichene Firmenadresse von H. Landmann & Söhne.
  1. Juli 1940

Hbg-Farmsen, 9.7.40

Liebe Mutti!

Ich kann Dir heute durch Franz Duve ein kleines „Anbei“ übersenden. Das Feinbrot ist schon von Freitag, vielleicht kannst Du es Hofmanns geben, da Ihr ja noch genügend habt. Die Kruke mache bitte sauber.

Der Rotwein ist für Mutter bestimmt, die Sukkade zum Backen; Das Stück Fleisch ist dänisches Bacon-Fleisch (Schweinefl.) frisch von gestern, schmeckt gut zu Euren Bohnen. Backpulver habe ich auch bekommen; Zucker auch.
Das Wetter ist ja heute herrlich; ich werde mich heute mittag bis 20 draussen sonnen; von 2-40 habe ich wieder Wache! Heute abend rufe ich bei Euch an. Ist Werner mit seinem Stuhlgang wieder in Ordnung?

Jetzt gehen wir gleich zum Essen; mein Magen knurrt schon. Meiner Erkältung geht es besser.

Herzliche Grüsse Euch Allen und einen Extrakuss von Deinem getreuen Männe

 

13. Oktober 1940

Hamburg-Farmsen, den 13. Okt. 40.

Meine liebe Thekla!

Es ist jetzt 7 Uhr abends und Du sollst jetzt von Zeit zu Zeit, ausser unseren telefonischen Unterhaltungen, auch briefliche Nachrichten von mir erhalten, damit du weisst, was ich tue und treibe und welche Gedanken mich bewegen. Es soll kein Rechenschaftsbericht sein, mein Deern, denn ich glaube doch, dass Du mir allmählich Vertrauen schenken wirst, sondern diese Zeilen sende ich Dir aus freien Stücken, vielleicht dass sie Dich ein wenig aufheitern und Zerstreuung bringen werden.

Unser Gespräch von heute nachmittag hat mich natürlich sehr betrübt und nachdenklich gestimmt, dass Euch Werner einen dicken Strich durch die Rechnung mit seinem Fremdsein gemacht hat. Aber ich hoffe bestimmt, dass sich dies in ein paar Tagen, vielleicht schon heute nacht geben wird, dass er sich dann an die neue Umgebung gewöhnt hat.

Meine liebe, gute Thekla, Du musst nicht alles so furchtbar schwer nehmen, denn vor allen Dingen musst Du Dich unseren Kindern gesund erhalten, denn was sollen die armen Würmer anfangen, wenn Du auf der Nase liegst; Omi ist doch nicht mehr kräftig genug, sich um die Erziehung von 3 Kindern zu kümmern. Also Kopf hoch; es wird schon alles wieder besser werden, und, wie Du neulich selbst sagtest, man weiss nie, wozu es gut ist, was einem das Schicksal auferlegt.

Ich habe es doch nur gut gemeint mit dem Umzug zu Mutter, weil Du erstens nicht so allein abends sein sollst und zweitens natürlich auch wegen der sicher noch zu erwartenden Luftangriffe bei Nacht; gestern abend war übrigens von 220 bis nachts gegen 3 Uhr Luftgefahr, Alarm wurde aber nicht gegeben.

Dass  ich diese Zeilen mit der Hand schreibe, geschieht aus zweierlei Gründen, einmal weil ein mit der Hand geschriebener Briefe persönlicher wirkt; es soll Dir einen Teil meines Ichs übermitteln, auf dass er Deine „Einsamkeit“ (trotz unserer Dich sicher in Atem haltenden beiden Buben) ein wenig aufhelle; andererseits will ich auf einem Sonntag abend nicht mit der Maschine zu klappern anfangen, und drittens kann ich den Brief, wenn ich ihn hier in meiner Ecke mit der Hand schreibe, vor unberufenen Augen der Kameraden schützen.

Meine liebe Mutti; ich muss jetzt (1925 Uhr) auf einen Augenblick unterbrechen, Hein Borger bringt soeben den heissen (aufgewärmten) Abendkaffee; ich will dabei auch essen; Ihr werdet wohl schon in Eurer neuen, doch auch ganz gemütlichen Behausung Euer „Abenddiner“ intus haben.

Dass Franz, der getreue Paladine, wieder da ist, sagte ich Dir bereits am Telefon, was für Dich eine grosse Beruhigung ist, wenn es auch mir einen kleinen Stich gibt, in Hinblick auf das noch mangelnde Vertrauen. Aber den will ich gern einstecken, mein Muttchen, wenn es Dich beruhigt, und ich selbst muss auch sagen, dass mir Franz Duve der angenehmste und zuverlässigste Kamerad ist, nicht nur weil ich ihn vom September 1939 her kenne, sondern weil er auch ein vernünftiges Wort reden kann. Er lässt Dich auch jedes Mal grüssen, wenn ich auf Urlaub gehe.

Gestern abend bin ich hier mit meinem ganzen Gepäck gut, wenn auch ziemlich verschwitzt, gelandet, und daher rührt auch mein eintägiger Schnupfen her, der heute abend schon wieder im Abklingen ist. Letzte Nacht habe ich zeitweise stark gehustet, aber es scheint doch, als wenn die Drops, die Du mir besorgtest, etwas geholfen haben. Um 5 Uhr heute früh wurde ich dann geweckt (von Bernhard Franck, der von 3-50 Aussenwache bei den Fahrzeugen hatte), um meinen Telefondienst anzutreten. Die 2 Stunden vergehen  verhältnismässig schnell: 2 illustrierte Zeitschriften, die Abendzeitung verdaut, und zum Schluss Kasse gemacht.

Während meiner Urlaubszeit hat mich Jankowski am Telefon vertreten. Ob ich nun hier dauernd von den Aussen-Nachtwachen entbunden bin, was ja sehr angenehm wäre bei der vorschreitenden Jahreszeit, weis such noch nicht. Jedenfalls habe ich morgen vormittag von 9-110 wieder Telefondienst. Blankenburg hat inzwischen einmal nachts und einmal am Tage Unterkunftswache gehabt.

Heute morgen nach dem Kaffee – von 7 bis 7 ¾ Uhr hatte ich mich nochmal wieder hingelegt – habe ich erstmal die noch unerledigte Post abgelegt und die Aufträge eingetragen. Post war gestern abend schon für mich da, aber nur Hamburger Post, nicht von Fürth. Ab 1130 habe ich die Morgen-Zeitung gelesen, und um 12.25 sind wir zum Essen abmarschiert; es gab heute Rotkohl, Rindfleisch & Kartoffeln, vorweg eine salzige Brühe und hinterher einen schönen Pudding.

Sonst ist das Essen während der letzten 8 Tage ziemlich mies gewesen. Am Sonnabend haben sie sich alle über das Zubrot (ausgekochtes Rindfleisch) beschwert. Auch die sogenannte „Gekochte“ war heute sehr fettarm. Nach dem Essen habe ich „der Ruhe gepflegt“, fast zu lange, da ich mit entsetzlichen Kopfschmerzen um ½ 40 aufwachte. Draussen suchte ich für kurze Zeit Kühlung und Linderung, aber das ungemütliche Wetter zwang mich bald zum Umkehren an die „festliche Kaffeetafel“ in unserem Ess- und Schlaf-„Salon“; ein ziemlicher Gegensatz zur vorigen Woche, wo wir trotz der Arbeit doch stets eine gemütliche, „Vesper“ hielten. Aber ich will nicht klagen und Dir das Herz schwer machen, denn für Dich ist die Trennung doch härter, mein Medl, das sehe ich ein; denn die rauhen Männernaturen lassen es nicht zu, für längere Zeit trüben Gedanken nachzuhängen.

 Bis zum Dunkelwerden habe ich gelesen in der „Menschlichen Tragikomödie“ von Scher, (die 2 Bände, die ich von Scheln zum letzten Geburtstag erhielt) und dann diesen Brief zu schreiben begonnen. Die Uhr geht jetzt auf 210. Ich mache einstweilen Schluss und sage Dir herzlich Gute Nacht, mein liebes Weibi; hoffentlich habt Ihr eine ruhige Nacht in Bezug auf Werner und die Sirenen, damit Ihr morgen mit frischem Mut Euer Tagewerk beginnen könnt.

Glaube mir, der Übergang ist immer das Schlimmste, und morgen wird es bestimmt schon besser gehen.
Grüsse bitte Margret und Klaus und auch Werner recht herzlich von ihrem Pappi, auch Mutter natürlich, und Klaus soll mir nächstes Mal erzählen, was er im Kino gesehen hat. Und Du selbst, mein Medl, sei innig umarmt von Deinem stets Dein gedenkenden Richard

 

Dein kleiner Liebesbrief hat mich trotz der Kürze sehr erfreut und ist auch ein Anlass zum heutigen Schreiben mit gewesen. Franz liest augenblicklich „Krösus Vagabund“ und sieht und hört nicht von der Mozart´schen schönen, wenn auch etwas schweren Musik und der angeregten Unterhaltung; wir sind alle hier, bis auf Blankenburg; ich werde mich noch für eine halbe Stunde zu Franz setzen und auch lesen. Soeben kommt der Hauptwachtmeister herein und meldet die Anwesenheit des Majors hier in Farmsen, vielleicht dass er auch noch zu uns kommt.

 

 15. Oktober 1940

Hamburg-Farmsen, den 15. Oktober 1940 330 morgens

 

Meine liebe Thekla!

Ich hoffe, dass mein erster Brief gestern nachmittag noch rechtzeitig in Deine Hände gelangt ist. Du, oder derjenige, die die gerade den Brief angenommen hat, wirst Dich wohl über die Art der Zustellung gewundert haben. Da aber der junge Mann de als Maurer schon seit Anfang an bei uns beim Bau des Luftschutzkellers tätig ist, ganz in der Nähe von Mutter, Im alten Dorfe wohnt, erklärte er sich gern bereit, die Besorgung des Briefes für mich zu übernehmen. Auf diese Art gelangtest Du einen Tag früher in den  Besitz meiner Zeilen, die, wenn sie auch nichts Wichtiges enthalten, Dich vielleicht doch erfreut haben.

Während ich diese Zeilen schreibe, schlaft Ihr Alle hoffentlich ungestört dem neuen Tag entgegen. Ich sitze hier im Rektorzimmer wieder meine Telefonwache von 3-5 Uhr ab. Ja, mein Kind, diese Nacht haben wir noch nicht viel Ruhe gehabt. Ihr werdet wohl auch um 2150 Uhr durch das Sirenengeheul aufgeweckt worden sein, ich lag gerade ¼ Stunde im Kahn, genau so erging es allen Andern auch; Bode wollte gerade das Licht ausdrehen und die Vorhänge aufziehen, um zu lüften, als der Alarm uns wieder aus den Betten holte. Die Schiesserei war ja nicht schlimm, wenn sie sich auch fast 1 ½ Stunden hinzog, und die Entwarnung um 2350 Uhr liess uns natürlich Alle wieder schleunigst in die Koje kriechen. Doch der Traum war kurz, um 135 Uhr ertönten aufs neue die Sirenen; wieder raus aus den Betten, hinein in die Hosen, um uns um 2 Uhr abermals aufs Ohr zu legen. Hoffentlich lassen sie uns jetzt in Ruhe, denn um 220 wurde erneut Luftgefahr durchgegeben, die bisher (355) noch nicht aufgehoben wurde.

Und wie habt Ihr den gestrigen Tag verlebt? Na, das erfahre ich ja heute mittag, wenn ich wie versprochen bei Dir anwecke. Hoffentlich ist dann auch solch schönes Herbstwetter wie gestern; solche Tage müsst Ihr ausnutzen. Schade nur, dass vergangene Woche nicht mal so ein Tag dazwischen war. Na, aber darum war die Ferienwoche doch schön, nicht mein Medl; trotzdem wir beide nicht die Hände in den. Schoss legten, haben wir doch viel von einander gehabt.

Vom gestrigen Tag ist eigentlich nicht viel zu berichten. Eine Tasse mit blau-goldenem Rand habe ich gestern mittag in Farmsen erstanden für 45 Pfennig! Während der Mittagsruhe bis 3 Uhr habe ich mich lang gemacht und einen leichten Unterhaltungsroman in Heftform angefangen zu lesen, den ich gestern abend dann auch schon durch hatte. Von 3 bis ½ 5 Uhr hatten wir Unterricht über Grusspflichten der Polizei und des SHD. Zum Kaffee wurden 3 Scheiben Honig-Brot (kein Honig-Kuchen) verdrückt, und anschliessend draussen in der Sonne an einer geschützten Stelle am Haus habe ich den Aufsatz aus der Menschlichen Tragikomödie über Kaiser Maximilian von Mexico beendet (ganz solo im Kasten, ohne Belästigung!)

Übrigens bereiten sich bei uns auch irgendwelche Veränderungen vor, die auch für uns von Bedeutung sein können. Ich sage: können, weil Positives noch nicht raus ist. Mit der vorrückenden Jahreszeit muss nämlich für unsere Fahrzeuge, die bisher Tag und Nacht bei Wind und Wetter draussen standen, eine Unterkunft besorgt werden uns das ist ein Problem, das wegen Raummangels nicht so leicht zu lösen ist.  Der Führer der Kraftfahrstaffel war gestern bei uns, um die Sache in die Hand zu nehmen. Die Turnhalle als Autogarage kommt nicht in Frage wegen des linoleum-belegten Fussbodens. Auf dem gegenüber liegenden Hof von Krogmann kann auch kein dementsprechender Raum (für 3 Wagen und 2 Krafträder) freigemacht werden. Nun ist die Motorsportschule der SS in Berne (von Farmsen aus gleich links am Eingang der dunklen Waldstrecke) gestern nachmittag zu dem Zweck besichtigt worden.

Weiteres steht noch nicht fest, besonders in Bezug darauf, was alle, falls uns diese Räume, die angeblich jetzt leer stehen sollen, zur Verfügung gestellt werden, nach dorthin verlegt wird; ob nur die Kraftfahrer, oder das ganze Sofortkommando; man sagt sogar („man“) dass dann auch die Feuerwehr dorthin übersiedeln soll, da auch deren Wagen und Geräte bisher den Unbilden der Witterung stets ausgesetzt waren. Wie gesagt, ich will Dir noch keine Hoffnung machen, dass wir von der Rettungsstelle getrennt werden; aber irgend etwas muss geschehen. Die Entscheidung fällt natürlich nicht von heute auf morgen, man muss für alles, was von oben kommt, Geduld haben.

So mein Medl, das wäre für heute morgen (es ist jetzt 440 so ziemlich alles, was ich Dir zu erzählen hatte. Diesen Brief werde ich wohl heute durch die Post befördern lassen, nachdem ich mit Dir telefoniert habe. Ich will jetzt noch eine Viertelstunde lesen und mich dann noch für 2-3 Stunden hinhauen. –

Einstweilen herzlichen Gruss und Kuss von Deinem Männe!

 

Abends, um 190 Uhr

So, mein Deern, nun wollen wir schnell noch ein paar Zeilen schreiben. Das war heute ein aufregender Tag, und wer weiss, was noch folgt. Ja, das war eine Überraschung heute vormittag, als es durchsickerte, dass wir versetzt werden sollten; es hiess zuerst, wir kämen nach der Feldstrasse, eine halbe Stunde später verkündete der Wachtmeister, dass wir heute abend um 21 Uhr versetzt würden. Das gab natürlich grosses Hallo. Vorher hatte ich schon, wie ich dir bereits am Telefon mitteilte, mit Blankenburg auf dessen Wunsch verabredet, dass ich morgen früh von 7-120 Uhr für ihn Urlaub nehme und er dafür meinen Urlaub am Montag morgen antritt. Na, das kommt so nun vielleicht noch ganz anders und wird sich erst herausstellen, wenn wir in der Bleicherstrasse sind. Ob das Problem mit der Motorsportschule Berne noch starten wird, entzieht sich noch unserer Kenntnis. Jedenfalls kommt eine Gruppe aus der Bleicherstrasse hierher und wir dafür dorthin. –

Eben habe ich Abendbrot gegessen; es ist 20 Uhr. Alle sind in Bewegung und packen ihre letzten Sachen zusammen. Die Hauptsache haben wir schon heute nachmittag gepackt. Jeder hat mindestens 2 grosse Bündel; ich habe allein 4 „Päckchen“; alle Sachen werden in den Wagen gepackt; wer ein Rad hat, fährt per Rad; die übrigen werden per Auto dorthin expediert. Wir warten nun alle der Dinge, die da kommen sollen; alle Schränke sind leer, alle Betten der schwarzen Decken beraubt, alle Fächer kahl.

Also, liebe Mutti, erstmal Schluss für heute; man kann hier nicht mehr in Ruhe schreiben. Wir sehen uns ja hoffentlich morgen wieder. Bis dahin viele herzliche Grüsse und Küsse von Deinem Dich stets liebenden Richard

 

16. Oktober 1940

Hamburg-Wandsbek, den 16. Oktober 40 1830 Uhr

Meine liebe Thekla!

Bevor der Briefkasten ausgenommen wird (1915), will ich Dir noch schnell ein paar Zeilen für morgen zukommen lassen. Über die gestrigen Ereignisse bist Du ja durch meine heutige Anwesenheit bei Dir (wenn sie auch leider nur kurz war) im Bilde. Ich lege, wenn sie auch überholt sind, meine gestrigen Zeilen noch bei, da ich vermute, dass sie Dich trotzdem noch interessieren.

Gestern abend sind wir um 2125 (Edel, Jani und ich) von Farmsen abgedampft per Rad, während die übrigen per Auto mit unseren Sachen vorweggefahren waren. Der kleine Trunk bei Mitzingen an dem Adolf Hitler Damm wurde, kaum, dass wir Platz genommen hatten, durch das Sirenengeheul unterbrochen, und als wir kurz vor unserem Ziel in der Bleicherstrasse waren, platzten hinter uns bereits die Flakgeschosse; auch ein Leuchtschirm erleuchtete über Ostwandsbek die ganze Gegend. In der Nacht dann nochmals von 2330 bis nach 1 Uhr Fliegeralarm. Der Schlaf in der ungewohnten Umgebung, mit 14 Mann in einem kleinen Raum, war natürlich auch nicht erquickend. Um 430 war ich einmal hoch, und um 625 bin ich endgültig aufgestanden, um gleich nach der Ankunft Blankenburgs dann Kurs auf Volksdorf zu nehmen.

Heute mittag bin ich kurz vor 1230 Uhr bei Wilhelms angelangt. Es gab an tischtuchbedeckten Tischen (welch ein Gegensatz zu dem düsteren muffigen Saal bei Klinkrad) Fliederbeersuppe mit 2 Griesklössen, Goulausch mit kräftiger Sosse & Kartoffeln und Gurkensalat; letzteres für jeden in einer kleinen Glasschale. Anschliessend bin ich kurz bei Clara vorgewesen; Theo war gerade hoch im Baum und schnitt Aeste heraus; er wollte nicht erst herunterkommen. Die Neuigkeit von Elmshorn ist Euch wohl unbekannt. Die beabsichtigte Fahrt ist wieder nur eine Woche, auf den 27.1040, verschoben worden, weil Amsel am kommenden einer Führerinnen-Tagung oder ähnlich beiwohnen muss. Da ist insofern schade, als dass ich am übernächsten Sonntag kein Urlaub habe, wie alle übrigens nicht. Die Sache ist so geregelt, dass an einem Sonntag die Feldstrasse, am nächsten die Bleicherstrasse „Dienst“ oder sich in Bereitschaft halten muss; am nächsten, kommenden Sonntag, hat die Bleicherstrasse, also wir alle frei von morgens 6 Uhr bis abends 20 Uhr. – Ausserdem komme ich wahrscheinlich am kommenden Freitag um ca. 140 zu Dir bis abends 90. Fein, nicht wahr? Falls ich Dich morgen telefonisch nicht erreichen sollte, komme ich also übermorgen, Freitag, um 140 nach den Wiesenhöfen.

Ja, Mammi, es wird Zeit, dass der Brief fortkommt. Heute nachmittag habe ich erstmal probeweise hier in der Unterkunft Post erledigt, nach Fürth und an die Banken geschickt. Einen Tag muss ich auch mal kurz ins Kontor, um verschiedenes nachzusehen; vielleicht kommst Du dann mal mit, dass wir zusammen uns die Nachmittags-Vorstellung von Jud Süss ansehen!!!

Inzwischen sei Du herzlichst gegrüsst und geküsst von Deinem Dir stets treuen Richard

 

Heute abend wird, falls kein Skat zustande kommt, „Volk ohne Raum“ angefangen!

 

17. Oktober 1940

Hamburg-Wandsbek, den 17. Okt. 40

Meine liebe Thekla!

Ich will heute noch mal die schriftliche Epistel fortsetzen, um meine Berichte fortlaufend zu ergänzen. Allerdings müssen wir in 10 Minuten unseren „Dienst“, Verbände üben, antreten, von 15-160, und anschliessend bis 170 Wiederbelebungsversuche unter Zugführer Piening. Eigentlich wollte ich heute nachmittag bis 150 schlafen, um den versäumten Schlaf der letzten Nacht nachzuholen; dann bis 115 Uhr haben wir wieder im Luftschutzkeller gesessen. Gestern abend hatte ich gerade das 1. Kapitel vom „Volk ohne Raum“ beendet, als ich von zwei Seiten gewünscht wurde; die beiden Heins (Edel und Berger) wollten mit mir Skat spielen und ein Neuer, Schick, suchte jemand zum Schach spielen. Ich habe mich natürlich für das Letztere entschieden und bis 2130 2 Partien (1:1) durchgefochten. Dann habe ich noch beim Skat zugesehen und wollte mich gerade in meine Gemächer zurückziehen, als Jankowski vom Urlaub mit der Nachricht zurückkam, dass der Hamburger Sender eben bereits wieder abgestellt, also demnach Fliegeralarm zu erwarten sei. Infolgedessen legt man sich garnicht erst hin; nur Bernhard Franck hatte sich schon um 9 Uhr hingelegt. Und richtig, eben nach 100 ging der Tanz los, alles in den Keller, wo sich bald Skat- und Schachecken bildeten. Mit meinem Lesen im „Volk ohne Raum“ wurde des nicht viel, da ich bald zu den zahlreichen Kiebitzen beim Schach gehörte. Gegen Zwölf schoss ich die Dir bekannten, unsympathischen Böcke; meine Augendeckel klappten immer wieder zu; bis auch dieser tote Punkt überwunden war. Gegen 1 Uhr sind einige von uns, darunter Bode, Janki, Bankenburg und meine Wenigkeit, nach oben in unseren Tagesraum gegangen und haben „zu Nacht“ gegessen, denn von der vielen Schiesserei wird man wieder hungrig.um ¼ nach 1 erfolgte die Entwarnung; 5 Minuten später habe ich, glaube ich schon geschlafen, fest bis ¼ nach 60; da war es aus, ein Kribbelhusten reizte mich wieder; am Tage huste ich fast garnicht. Um 7 ½0wurde aufgestanden; Borger, der natürlich schon vorher hoch war, hatte schon die grosse 10 Ltr Milchkanne mit heissem Kaffee, der nebenan in der „Herberge der Heimat“ gekocht wird, geholt, und das Spachteln konnte beginnen.

Es schlägt gerade halbsechs von der nahen Johanniskirche am Marktplatz. Inzwischen haben wir unseren „Dienst“ hinter uns; auch bin ich eben zum Telefonieren gewesen, am Marktplatz, leider vergebens, da ich unter No. 209727 keinen Anschluss bekam. Vielleicht hast Du heute vormittag vergeblich auf meinen Anruf gewartet; ich konnte es aber leider nicht ändern. Heute morgen hatten wir Stubendienst, darunter fallen folgende Räume: unser Schlafraum, unser Tagesraum, der Corridor, eine Treppe, das Arztzimmer, das Geschäftszimmer und der Luftschutzraum. Unser Dienst begann heute morgen infolge des Alarms erst um 100; anschliessend bis 110 Handball auf dem Sportplatz am Gasweg. Um 110 konnte ich auch nicht weg, da jeden Augenblick der Major zur Inspektion kommen sollte; er erschien aber erst um 1230, als wir schon zum Essen waren. Vorher um 1230 hatte ich von der Zelle an der Marktkirche aus noch versucht, Dich zu erreichen, aber nein.

Unser Essen war wieder sehr schön: Frische Suppe mit Nudeln und Karotten, sehr fett, dann Sauerkraut, Kartoffeln und ein schönes Ende Bockwurst. Den Nachtisch habe ich mir dann bei Clara geholt in Form von Apfelmus. Theo war auch da; sie waren gerade mit dem Essen fertig. Wir haben uns nochmal über den Elmshorn-Besuch unterhalten. Ich schrieb Dir gestern schon, dass der Besuch um einen Sonntag verschoben wurde. Auf meine Veranlassung hin soll der Besuch nun erst am Sonntag in 14 Tagen erfolgen, damit Du, mein Deern, an dem Sonntag dann nicht allein bist. Aenderungen vorbehalten, haben wir alle 14 Tage Sonntag Urlaub von 6-200.

Ausserdem würde es Clara am 27. ds. auch nicht passen, da sie dann wahrscheinlich ihren „Konzertabend“ hat.

Ich werde jetzt gleich noch mal versuchen, bei Dir anzurufen, hauptsächlich um Dir mitzuteilen, dass [Ergänzung: ich] morgen (leider) noch nicht komme, sondern erst am Sonnabend die gleicht Zeit von 14-220 infolge der Neueinteilung sind verschiedene Änderungen eingetreten.

Aber mit kommenden Sonntag bleibt es von 6-200.

Soeben habe ich noch zweimal bei Dir anzuwecken versucht, um 180 und um 1820. Damit Du rechtzeitig von meinem Nichterscheinen morgen unterrichtet bist, habe ich bei Butte angerufen; Frau Butte wollte Dir die Bestellung ausrichten. Ich komme aber wie gesagt am Sonnabend. Morgen werde ich um 11-11 ¼0 bei Dir anrufen, dann um 1220, wenn wir zum Essen gehen, und wenn das nichts nützt, um 1715 und 180 noch mal.

Eben habe ich Abendbrot gegessen, 6 Scheiben mit Edamer Käse und Wurst; das Kaffeetrinken nachmittags haben wir uns schon abgewöhnt, da der heisse Kaffee erst um 180 geholt werden kann. Durch das frühe Abendessen bekommt man Nachts dann wieder Hunger.

Ja, mein Medl, die Uhr hat eben 70 geschlagen; ich muss den Brief jetzt beenden, da um 1915 der Kasten geleert wird; dann erhältst Du diesen Brief hoffentlich morgen vormittags.

Wart Ihr gestern mit Kind und Kegel im Keller? Denn geballert wurde ja ganz nett. Hoffentlich braucht Ihr diese Nacht nicht hoch. Aber gute Nacht, meine liebe Frau, liebe Kinder und Omi, seid alle vielmals gegrüsst, und Du, liebe Mutti, herzlichst umarmt von Deinem lieben Männe

 

22. Oktober 1940

Hamburg-Wandsbek den 22. Oktober 1940

Meine liebe Thekla!

Noch keine 6 Stunden bin ich von Dir weg, und schon sitze ich wieder am Pult, um Dir weitere „Erlebnis-Berichte“ zu übermitteln.

Als erste Neuigkeit diene Dir, dass ich für 8 Stunden wieder abkommandiert bin zur Rettungsstelle oder richtiger zum Sofortkommando I in der Kurzen Reihe, wo ich vergangene Woche bereits einmal war. Ich nehme diesen Posten ja lieber als vielleicht als Ersatzmann nach Farmsen oder Rahlstedt verlegt zu werden. Dies sind hier alles ruhige vernünftige Leute; wo Schach und Skat gespielt wird und Radio zu hören ist. Ausserdem liegt der Raum nach Süden, wo jetzt die Sonne mein graues Haupt bescheint.

Ja, mein Medl, heute morgen war es ja eine ziemliche Hetze, auch für Dich wohl? Bist Du gut nach den Wiesenhöfen gekommen mit Sack und Pack? Margret wird wohl Dir einen Teil per Rad angenommen haben. Für heute nachmittag wünsche ich Euch noch viel Spass mit Frau Hofmann.

Punkt ¾ 90 war ich heute morgen in der Bleicherstrasse, dort gab e natürlich grossen Hallo seitens der Kameraden, von wegen kann von der Frau nicht wegfinden usw. usw. Na, auch das muss ertragen werden; Dienstbeginn war infolge des Alarms erst 9 ¾0; antreten auf dem Gasplatz zum Exercieren, Formschule bis 110

Bei Wilhelms gabs heute „fleischlos“; Heringe in sauer mit Bratkartoffeln, die aber nicht reichten, sodass andere Kartoffeln (ohne Sauce) aushelfen mussten; vorweg eine Kraftbrühe mit Wurzeln und Sternchen-Nudeln und hinterher Kronsbeeren-Kompott mit Pudding. – Zu Clara konnte ich nicht mehr gehen, da ich nach dem Essen gleich hierher musste, um einen Urlauber zu vertreten.

Um beim Urlaub zu bleiben, also der Tagesurlaub ist ab sofort um 2 Stunden abends gekürzt, also bis 200, anstatt bis 220, und zwar infolge der frühzeitigen Angriffe von gestern und Freitag; das ist natürlich bitter für die, die einen weiten Weg von 1 Stunde und mehr. Das Sofortkommando hier steht sich insofern besser, als dass es alle 5 Tage 24 Stunden Urlaub hat; allerdings haben sie Sonntags keinen Urlaub, wie wir alle 14 Tage. – Man munkelt bereits davon, dass der Nachturlaub für alle vollkommen gesperrt werden sol. Na, abwarten, wir haben unseren erstmal gehabt und 9 Tage sind eine lange Zeit, wo noch viel Wasser vom Berge läuft.

Meinen letzten Brief sandte ich Dir, glaube ich, am Donnerstag abend, Dir mitteilend, dass ich statt Freitag erst am Sonnabend zu Dir komme. Am Freitag vormittag hatten wir Sport: Handball auf dem Gasplatz. Mittags war ich bei Clara und habe dort meinen Rucksack abgegeben, den ich am Sonnabend mittag wieder gefüllt mit Äpfel und Birnen wieder abholte. Nachmittags sollten Verbände geübt werden, was genau wie bei uns meistens so vor sich geht, dass der Kasten mit den Übungsbinden auf den Tisch gesetzt wird und im übrigen jeder tut, was er will. Am Sonnabend morgen war, wie ich Dir bereits mitteilte, grosses Revierreinigen mit 3 zerrissenen Feulen [sic!] für das ganze Haus. Es wird monatlich 1 Feudel geliefert! Otto Bode und ich haben wieder unten im Parterre das Zimmer des Arztes und dasjenige des Zugführers Piening vorgenommen, während die anderen, soweit sie nicht zum Kartoffelschälen abkommandiert waren, die oberen Räume zu säubern hatten.

Über unser Treffen in der Stadt am Sonnabend brauche ich mich ja nicht weiter auslassen; es war doch schön, mal wieder bei guter Musik im Alstereck zu sitzen und zu plaudern, als ob noch Friedenszeiten wären. Na, auch das wird vielleicht wiederkommen!

Dass [Ergänzung: ich] von Sonnabend auf Sonntag Wache hatte, sagte ich Dir schon von 10-120 und von 4-60. Die ersten 2 Stunden vergingen sehr schnell, da die Kraftfahrer, in deren Raume das zu bedienende Telefon steht, dort noch 66 spielten. Du siehst, auch dieses Alte-Tanten-Spiel ist selbst bei Männern hier nicht aus der Mode; ich habe dabei das ganze Sonnabend-Freudenblatt durchstudiert; gleichzeitig hatte ich vorher einen 30 Pfg.-Roman angefangen, den ich morgens von 4-50 beendete. Um ½ 50 habe ich einen Kameraden geweckt, der um 6 ¼0 per Bahn nach Rahlstedt fahren wollte; die übrigen wurden von mir um ½ 10 geweckt. Punkt 605 sind Franz Duve und ich dann abgedampft Richtung Volksdorf. Auch dieser Tag, mein Medl, war schön trotz der vielen Allbereien und Quälereien mit den Kindern, wie überhaupt es immer schön sein soll, wenn ich bei Dir bin, nicht wahr?

Unterwegs am Sonntag abend traf ich in Berne Höppner, den ich von der Feldstrasse vom September her kenne. Bis Sonntag mittag hatte er Urlaub, fuhr aber schon jetzt wieder zurück, da er allein in der Wohnung wohl nicht sein mochte. Im Frühjahr ist ihm seine Frau gestorben, sein Junge ist in der Lehre und wohnt bei seiner Schwester. So ist die Wohnung kalt, wenn er nach Hause kommt; wenn er nicht sein Land dabei hätte, das er zu bestellen hat, würde er seinen ganzen Hausstand auflösen. Kannst Du es ihm da verdenken, dass er sich unter diesen Umständen in seiner Gruppe wohler fühlt als zu Hause?

Wenn abends oder nachts Alarm ist, versammeln wir uns oben auf dem Flur, um die anwesende Stärke festzustellen und gehen dann geschlossen in den Keller zu gehen, wo sich gleich Skat-, Schach- und Leseecken bilden. Am Schachtisch wirst Du mich stets finden, um als Zuschauer den Gang der einzelnen Züge zu verfolgen. Man kann dabei, auch wenn der betreffende Spieler kein grosses Schach-Licht ist, immer etwas lernen.

Unter den Kraftfahrern befinden sich verschiedene, die ich wohl so leicht nicht schlagen könnte. Von dem einen Halbjapaner Nischi Scheel, der ein Photogeschäft in der Mönckebergstrasse hat, bin ich schon zu einer Partie aufgefordert worden; es hat sich aber noch keine Gelegenheit geboten. Beim letzten Alarm am Sonntag abend von 21-22.450 spielte er selbst 3 Partien mit einem Kameraden und nachher beim 2. Alarm von ½ 4-620 waren wir alle zu müde, um unseren Geist noch anzuspannen.

Die meiste Zeit habe ich auf einem Tisch an der Wand geschlafen, mich lang gelegt, Gasmaske als Kopfkissen; man lernt allmählich in jeder Lage und zu jeder Tageszeit zu schlafen. Bis ½ 90 am Montag morgen haben wir geschlafen; der Dienst fiel ganz aus, was mir insofern gut passte, als dass ich die ganzen Fürther-Buchungen für September eintragen konnte; und mittags nach dem Essen war ich schon wieder auf dem Wege zu Dir!

Ja, meine Mammi, wenn nichts dazwischen kommt, wie Urlaubssperre oder so, bin ich also übermorgen schon wieder da!

Wird es nicht ein bischen zu viel? Ich glaube nicht; wir können es beide vertragen, unseren Urlaub zu geniessen.

Also erst mal Schluss für heute, mein Deern; morgen nachmitttag rufe ich Dich wie versprochen an zwischen 50 und 60; vielleicht gleich kurz nach 50 und dann um 530 und 60.

Inzwischen sei Du und die Kinder herzlichst gegrüsst und geküsst von Deinem Dir stets treubleibenden Richard

 

Auch an Mutter natürlich einen herzlichen Gruss!

 

 29. November 1940

Hamburg-Farmsen, den 29.11.40

Meine liebe Thekla!

Ich stehe hier am offenen Fenster in meinem Zimmer, um ein wenig Sonne zu atmen, denn das Wetter ist ja seit heute morgen klar, sonnig und rein. Ich freue mich für Euch, dass Euch an Eurem Freitags-Reinmachetag Petrus so hold ist. Hoffentlich bleibt es ein paar Tage so.

Entschuldigt bitte die schlechte Schrift, aber erstens schreibt es sich an der Fensterbank im Stehen nicht besser, und zweitens ist meine Feder durch die vielen Schreibereien der letzten Tage fürs Geschäft so spitz und kratzig, dass es wirklich nicht besser geht.

Heute ist wohl Frau Köhncke wieder bei Euch; zum Rasenausstechen für das Rundbeet beim Schlafzimmer bin ich ja leider nicht mehr gekommen. Na, hoffentlich kann ich am Montag vormittag noch ein bischen im Garten arbeiten, denn am kommenden Sonntag wird wohl nicht viel daraus werden; oder hat sich der Besuch von seiten Hildegard und Kurt zerschlagen? Evt. Wolltest Du ja noch mal anrufen. – Und Willi + Ida kommen am Sonnabend in einer Woche?

Kommen Sie schon zum Essen oder später?

A propos, Essen. War es so abgemacht, dass ich am Sonntag mittag bei Euch essen soll? Ich glaube ja. Ich komme dann also um 130. Sonst ist das Essen hier immer derselbe Frass, ohne viel Geschmack, damit muss man sich abfinden; dafür wird Brot und Zubrot auch immer so ziemlich alle. Etwas Butter habe ich schon für Euch gespart und bringe sie am Sonntag mit; ebenso die 60g Kaffee, die wir vorgestern erhielten.

An Kurt Heesch habe ich heute geschrieben und lege Kopie für Dich hier bei an Frl. Fürböter schrieb ich vorgestern einen kurzen Brief und an die Wäscherei wolltest Du ja schreiben, da ich hier keine Karte zur Hand hatte und auch keine bekommen kann, da die Post von 12-150 geschlossen hat und wir ja nur mittags beim Essen mal. Schnell etwas besorgen können.

Heute nachmittag oder abend werde ich wohl wieder Telefonwache haben, sowie heute von 3-50. Gestern habe ich meine Ordereintragungen beendet und die Ultimo-Arbeiten angefangen, wie Geldabschreibungen. Auch das Geld für Frau Fehling geht morgen ab, ausgeschrieben ist die Anweisung schon. Du siehst, Dein Mann hat stets etwas um die Ohren, und wenn nicht, steckt er die Nase ins Buch und liest. In was für eins, wird noch nicht verraten; das soll Mutti zu Weihnachten haben; also 1 Teil bekommst Du bestimmt. Ja, in einer Beziehung mag man garnicht an die Festtage denken. Man tappt in dieser Hinsicht vollkommen im Dunkeln. Höchstwahrscheinlich werdet Ihr doch wohl auch hier sein, wenn es weiterhin so ruhig bleibt. Hoffentlich kann ich am 24.12. zu Euch kommen. Dass Du Dir weiter nichts wünscht zum Fest als dass wir alle zusammen sind, weiss ich ja. Welche Wünsche Du aber sonst noch hast, musst Du mir mal sagen, mein Medl; das heisst, ich glaube ja kaum, dass ich zu Weihnachten von H.L. + S. etwas bekomme; dann müssen wir natürlich unser Geld für Eure Winterreise zusammenhalten und dürfen nichts verklendern [sic!].

Was soll Margret denn von uns bekommen? Mutter wollte noch immer ein Teil zulegen zum Dynamo und die Hälfte von dem Buch für Werner Hofmann. Darüber müssen wir wohl auch einen Streich machen. Für Klaus haben wir ja schon genügend und Werner? Der erhält irgend ein kleines Spielzeug, nicht wahr? Und Mutter? Gegenseitig wollen wir uns ja nichts schenken, aber das will ich Dir überlassen, wo Du an Mutter ja immer eine grosse Hilfe gehabt hast und auch noch hast.

Ja, nun liebes Medl; es ist jetzt 150 Uhr; ich weiss nicht, ob wir heute nachmittag noch „Dienst“ haben; das bestimmt neuerdings der Wachtmeister, der den Dienstplan macht. Heute gegen Abend rufe ich Dich noch an; Hast Du letzte Nacht gut geschlafen? Auf jeden Fall wünsche ich Dir eine störungsfreie Nacht. Darf ich übrigens schone in Kreuz im Kalender machen? Danach zu fragen, habe ich gestern ganz vergessen.

Schicke bitte Margret doch mal zu Hanitz oder in ein Papiergeschäft evtl. auch zu Boysen und lasse bitte 50 von diesen Bogen (weisses Maschinenschreibpapier) besorgen, sowie 1 Dutzend Federn, aber nur Bremer Börsenfedern EF, sonst keine andern.

Es grüsst und küsst Dich vielmals Dein getreuer Richard

 

8. Dezember 1940

Hamburg-Farmsen, den 8.12.40.

Meine liebe Mutti!

Du bist jetzt knapp 2 stunden wieder fort und hoffentlich wohlbehalten mit Klaus zu Hause angelangt. Ich dachte garnicht, dass Du auf meine „Berichte“ solch grossen Wert legst; denn Deine Bemerkung im Bahnhof Farmsen, dass Du nie wüsstest, was ich hier treibe verriet mir das. Ein klein wenig bist Du wohl dich noch unruhig, womit ich meine ganze freie Zeit hier ausfülle. Aber wenn ich so zurückdenke an die bisherigen Tage hier in Farmsen, so muss ich sagen, dass ich nie über Langeweile zu klagen gehabt habe. Wie Du weisst, betreibe ich jetzt wieder meine Sprachstudien, um die freie Zeit möglichst nutzbringend anzuwenden, und zwar vorerst spanisch; englisch kommt auch noch an die Reihe. Wenn sich das „Lernen“ mal nicht passt, sei es durch Radio oder lautes Skat- oder 66-Dreschen, nehme ich meinen Roman, der zu Weihnachten Dein Lesestoff darstellen soll, und lese. Zweimal abends habe ich mir Patiencen gelegt und gestern abend haben wir uns zum Beispiel so vom Kriege 1914-18 unterhalten, wo Kamerad Picol und auch Thiede ihre Erlebnisse zum besten gaben.

Ja, Dein Pappi kann später garnichts erzählen; denn die SHD Tätigkeit wird ja nicht für voll genommen und bisher haben wir ja auch nichts erlebt. Aber Du musst nun nicht denken, dass ich darauf aus bin, etwas „zu erleben“; dazu ist man doch nicht mehr jung genug und hat Frau und Kinder, für die man lebt und strebt und u derenthalben man sich nicht unnötig in Gefahr begeben darf und will. Sonst sässe ich bestimmt nicht hier zwischen Leuten, die 10-20 Jahre älter sind und alle einen Krieg bereits hinter sich haben. Ich will nicht sagen dass sie unkameradschaftlich sind, aber ihre Einstellung zum ganzen Leben ist, bedingt durch den Altersunterschied, eine ganz andere als meine, und sie lassen doch, wenn auch vielleicht unbewusst, durchblicken, dass wir Jüngeren doch noch garnicht mitreden könnten.

Ja, meine Deern, ich will erstmal eine Pause einlegen, um Abendbrot zu essen. Ich sitze hier in meiner Schlafkammer „Solo im Kasten“. Nebenan im verqualmten Zimmer sitzen die übrigen und spielen Karten. Besuch von Ehefrauen etc. scheint nicht gekommen zu sein. Nur 2 Kameraden von einer andren Gruppe, die ich aber nicht kenne, kamen gleich nachdem Ihr fort wart, und sitzen noch drüben beim Skat.

Ich bin gleich heute nachmittag zu Steibel gegangen; wir haben gemeinsam das Zimmer (Telefon-Z.) verdunckelt, ich habe meine Maschine geholt und dann für ihn die 3 Seiten ausgefüllt; anschliessend haben wir uns noch über „Tod und Teufel“ unterhalten, über Gehalt, Dienst, Zivilberuf usw; wenn ich nicht Schluss gemacht hätte, sässe ich noch dort und holte mir Eisbeine, denn fusskalt ist es dort sehr.

Morgen berichte ich Dir weiter über meine SHD Tätigkeit; den Brief selbst werde ich Dir wohl am Mittwoch mittag, wenn mein Urlaub zu Ende ist, persönlich übergeben, denn es hat ja keinen Zweck, ihn morgen auf die Post bringen; dann bin ich ja früher bei Dir, als der Brief.

Aber, mein Medl, ich wünsche Dir eine angenehme und Dich für Deinen Waschtag, stärkende Nachtruhe, sowie viel Spass und Unterhaltung morgen nachmittag bei Hofmanns.

Inzwischen sei innigst gegrüsst und umarmt von Deinem Richard

 

Den 9.12.40, nachmittags 160

Liebe Medl, ich habe ich vergebens bei Euch angerufen, bis mir einfiel, dass Ihr heute ja nicht dort seid, sondern in Kaffee und Kuchen bei Hofmanns schwelgt. Ich sitze hier wieder mit Eisbeinen auf Telefonwache von 15-170.

Gestern abend habe ich noch bis 9 ½0 gelesen, dann konnte ich es von Schmerzen in der Magengegend nicht mehr aushalten; heute morgen war der Druck gottseidank weg; das kommt sicher von dem halbgaren Fleisch, das wir die letzten Tage erhielten.

 

Heute mittag war das Fleisch zum ersten Male besser, es gab Goulasch, süss-sauren Kohl, als Vorspeise eine Fruchtgrütze aus Kartoffelmehl mit einer gelblichen Sauce. Leider weiss die Klinkrad´sch ja ganz genau, dass sie keine Konkurrenz zu fürchten hat; daher wird auch der heutige Besuch des Hauptmanns bei uns, der sich gleich nach dem Essen erkundigte, nicht viel daran ändern, auch wenn er in der Küche bei Kl. War und dort ziemlichen Krach geschlagen hat.

Sonst hat sich bis jetzt nichts ereignet. Heute morgen sind wir alle schon um 630 aufgestanden, da um 650 bereits sämtliche Decken zur Desinfektion von Piening selbst abgeholt wurden. Bis 90 habe ich nach dem Morgenkaffee noch Eintragungen gemacht; der Dienstplan, den ich inzwischen auch noch abschreiben musste, da nur ein Exemplar davon gesandt worden war, sah von 9-1130 „Formale Ausbildung“, unter Leitung des Hauptwachtmeisters vor. Steibel liess uns auch draussen bis kurz vor 100 herum marschieren; dann wurde eine Frühstücks- oder Cigarettenpause eingelegt; anschliessend haben wir dann, um uns im Nebel erforderliche Bewegung zu verschaffen, Faustball bis 110 gespielt. Ich habe mich dann gleich wieder in die Arbeit gestürzt und alles abgelegt und eingetragen. Nun kann neue Post kommen und Arbeit bringen.

Heute nacht von 1-30 habe ich wieder Wache und werde vielleicht noch einige Zeilen hinzufügen. Einstweilen also Innigst Dein Richard

Schluss.

 

10.12.40 Nachts 130

Mehr als 2 Stunden Schlaf habe ich bisher nicht gehabt; aber der Rest wird nachgeholt nach 30 hoffentlich, vorausgesetzt, dass ich dann gleich einschlafen kann, was bei mir immer ein ziemlich wunder Punkt ist.

Jeden nachmittag habe ich bis 1730 im Telefonzimmer gesessen, da Schwart mich nicht pünktlich ablösen konnte. Inzwischen waren nämlich unsere Schlafdecken zurückgekommen, deren Anzahl genau kontrolliert wurde. Sie stanken noch entsetzlich; wir haben sie noch ½ Stunde in die frische Luft gehängt. Bis gegen 190 habe ich mich dann noch mit spanischen Übersetzungen beschäftigt, bis Bader hereinkam und mich fragte, ob ich an einem warmen „Abendessen“ bestehend aus aufgewärmten Kohl und Kartoffeln, teilnehmen wollte, da sie beide, Bader und Reese, es nicht allein  schaffen könnten. Pappi liess sich nicht lange nötigen und haute rein! Hinterher nach einem kleinen Klöntje mit den beiden, an dem sich auch Schwart beteiligte (die „männliche“ Rettungsstelle nimmt ihre Mahlzeiten stets im Telefonzimmer ein) war es dann auch soweit, mit meinen anderen Kameraden auf unserer Stube die Abendmahlzeit in Form von 5 Scheiben Vollkornbrot fortzusetzen. Danach. Habe ich ja dann mit Dir telefoniert, mein Deern; hoffentlich hast Du Werner bald wieder zur Ruhe bringen können. Nach dem Gespräch wurde ich gleich im Telefonzimmer festgehalten, da Reese gern Schach spielen wollte und Bader, den er dazu aufforderte keine Lust hatte. Drei Partien haben wir gemacht, alle zu meinen Gunsten; angeblich spielt es noch nicht lange: Kurz vor 80 kamen nacheinander die beiden diensttuenden Ärzte angetrudelt: Dr. Bach und Dr. Sappl, beides noch jüngere; den ersteren kenne ich von der Feldstrasse her. Beide waren interessierte Zuschauer, bis sich auch Schwart einfand als dritter Mann zum Skat. Zwischendurch musste Reese einen Korb Flaschenbier besorgen, von dem mir 2 Flaschen zugedeckt waren; aber eine habe ich nur getrunken und mich gegen 1030 verdrückt, da ich ja um 10 wieder hoch musste. Dr. Bach wollte mit mir noch eine Partie machen, aber Reese hatte die Nase voll vom Spiel und seine, Dr. Bachs , Skatplatz nicht einnehmen.

So, mein Medl, das ist der Abriss des gestrigen Abends; ich hoffe Dich zufrieden gestellt zu haben und will jetzt noch ein bischen lesen; zum Spanisch bin ich doch nicht genug ausgeschlafen; das werde ich morgen vormittag von 9-110 auf meiner Telefonwache vornehmen. Inzwischen sei Du, mein Spatzi, herzlichst gegrüsst von Deinen Männe,

der sich schon auf den morgigen Tag freut.

 

12. Dezember 1940

Hamburg-Farmsen, den 12.12.40.

Meine liebe gute Thekla!

Unserem heutigen Telefongespräch habe ich leider entnommen, dass Du wieder einen schweren Tag und eine unruhige Nacht mit Werner hinter Dir hast. Hoffentlich bessert es sich bald mit Werners Erkältung; sonst musst du doch am Dr. Ledermann zu Rate ziehen. Na, hoffentlich sehen wir klarer, wenn Du diese Zeilen zu Bericht bekommst, und das wird wahrscheinlich übermorgen mittag sein, wenn ich wieder fort gehe. In 2 Tagen kann sich ja schon vieles ändern.

Gestern mittag bin ich noch rechtzeitig zum Essen erschienen; es gab Bratwurst, Sauerkohl und Kartoffeln, also mal ein annehmbares Essen; dafür war der heutige „Frass“ wieder um so schlechter: Labskaus mit kleinen, meist unverdaulichen Fleischresten, und Sauerkohl; beides zusammen gemanscht in den üblichen Hunde-und Katzenschüsseln. So nennen wir neuerdings die Emailleschüsseln, worin das Essen auf den Tisch kommt. Der Ausdruck stammt von unseren neuen Ersatzmann Theodor Hansen, ein feiner Kerl, ist Steward auf S/S „New York“ 7 Jahre gewesen, kennt auch Deinen Onkel „Jonny Hansen“ (wie er ihn nennt) und ist ein leiblicher Vetter von ihm! Da staunst Du, wie? Die Welt ist doch klein. Wie die Verwandtschaft nun zusammenhängt, weiss ich noch nicht.

Gestern nachmittag hatte ich Telefonwache von 15-170 ich rief Dich während der Zeit (ca 160) ja auch an. Abends habe ich dann eingegangene Post erledigt und abgelegt. Auch die Anweisung für Frau Fehling ist abgegangen. Ich finde es übrigens allerhand, dass sie heute nochmals angerufen hat. – Nach dem Abendbrot haben wir noch politisiert mit Tetje Hansen, der politisch ein heller Kopf ist; man merkt, dass er viel in der Welt herumgekommen ist und seine Nase überall hineingesteckt hat.

Während der Nachtwache von 3-50 habe ich mal ausnahmsweise kein Spanisch betrieben, sondern einen angefangenen Heftroman zu Ende gelesen.

Heute morgen bin ich von der „formalen Ausbildung“ wieder befreit worden, weil ich zur Kraftfahrbereitschaft wegen der s.zt. zerbrochenen Scheibe am Lastwagen musste, wo abermals darüber ein Protokoll aufgenommenwurde1! Bei Clara  war ich auch vor; sie wird Dich in den nächsten Tagen anrufen.

Für Mutter hat sie eine Vergrösserung von Meta machen lassen; na, sie wird Dir schon Näheres erzählen, vielleicht nimmt sie ja noch den Rahmen dazu; denn irgend etwas sollte noch hinzukommen. – Margrets Uhr habe ich auch geholt; Preis M 1.20.

Grosse Sorge macht mir mein Dir zugedachtes Weihnachtsangebinde; es ist schon so, wie Du sagtest. Man kann laufen von Pontius zu Pilatus, und bekommst überall die gleiche negative Antwort.

Ja, mein Deern, die Hauptsache ist, dass wir uns immer gut verstehen und nach Möglichkeit keine Misstimmung aufkommen lassen; und dass vor allen Dingen die Kinder gesund und mobil sind. Und wenn ich dann auch noch zum 24. Kommen könnte, wäre wohl alles in Lot; aber leider schwebt man in dieser Beziehung noch immer im Ungewissen. „Es heisst“, dass nächsten Woche die Bramfelder hier abgelöst und in ihr altes Quartier nach Bramfeld zurückkommen werden. Wie aber die ganzen Sofort-Kommandos eingeteilt werden, ist noch nicht bekannt. Also abwarten!

Die Uhr geht auf 70 (190). Hoffentlich ist bald der Kaffee fertig; denn mein Magen knurrt schon; trotz der 2 Scheiben Marmeladenbrot heute nachmittag. – Mein Druck auf den Magen hat sich gebessert; ich spüre immer noch die Stelle, besonders nach dem Essen.

Inzwischen sei herzlichst gegrüsst und geküsst von Deinem Richard

 

Heute vormittag, den 13.12. sollten wir Unterricht haben, der aber um 100 abgeblasen wurde. Die heutige Post war sehr umfangreich; ich habe sie eben 1200 erledigt und kann nun auf Urlaub gehen. Hoffentlich ist alles klar bei Euch Dein Männe

 

15. Dezember 1940

Hamburg-Farmsen, den 15. Dez. 40

Meine liebe Thekla!

Ich sitze hier heute nachmittag im Telefonzimmer bei Eisbeinen und will Dir schnell noch ein paar Zeilen senden, die ich in einer Stunde Mutter mitgeben werde.

 

Heute mittag nach dem Essen ist der Befehl herausgekommen, unsere Ablösung betreffend. Wir kommen also am 19. ds nach Rahlstedt, Barsbüttelerstr. 19, und zwar zusammen mit den Gruppen 100, 101 und 102. Jede Gruppe hat 2  Tage Sofortkommando und 4 Tage Bereitschaftsdienst; innerhalb dieser 4 Tage hat man 1 mal 24 Stunden Urlaub von 13-130, und einmal von 13-190 dienstfrei; sodass wir alle 6. Tag Nachturlaub haben und dazwischen einmal nachmittags frei. Das bedeutet also eine Verschlechterung gegenüber unseres jetzigen Dienstes. Gruppe Braun kommt am 19. wieder an ihren alten Platz in Bramfeld.

Nach dem neuen vorliegenden Plan werde ich am 20. (Freitag) nachmittags von 13-190 frei haben, dann Nachturlaub am 23.12. ab 130 bis 24.12. 130, also äusserst ungünstig. Nun ist der „Extra“-Weihnachtsurlaub ja noch nicht heraus; da muss ich abwarten bis Donnerstag, wo ich noch mal mit Dede sprechen werde. – Weiter habe ich am 2. Feiertag von 13-190 frei, am 1. Feiertag aber garnicht. – Nachurlaub dann wieder am Sonntag den 29 ab 130 bis Montag 130 und Neujahr dienstfrei von 13-190.

Das wäre das Kapitel Urlaub und Versetzung! Hier nach Farmsen kommt der Sanitätszug 12/X, der aber mit 3 Gruppen gleiche Diensteinteilung hat wie wir, aber mit dem Urlaub wie bisher jeden 4. Tag ist es auch aus! Man weiss ja nun nicht, was für Wachtmeister in Rahlstedt sind, die muss man erst mal kennen lernen. Hier die beiden Steibel und Schwart kennt man zur Genüge, und Schwart hätte mir auch für den 24. von sich aus Sonderurlaub gegeben, und dies auch bei Steibel für mich evt. durchgesetzt. Nun muss ich meine ganze Hoffnung auf Dede setzen, dass der für mich eine Extrawurst herausholt. Bei meinem gestrigen Besuch bei ihm habe ich ihm einen Brieföffner mit Lupe von Landmann versetzt, worüber er sich sehr freute und der ihm gut zu Pass käme, wie er sagt! Abwaschen und Daumen kneifen. Die Entfernung per Rad nach Rahlstedt ist ungefähr die gleiche wie nach Farmsen; nur die Bahnverbindung ist ja katastrophal! Das war hier ja besser.  

Gestern mittag nach dem Essen fand ich noch Post in Farmsen vor, die ich erst mal beantworten musste; dann rasieren, für Scheibel etwas dienstliches schreiben, und aufs Rad nach dem Pol. Revier 101, nach dort Befehle und Meldungen überbracht; von dort aus bin ich dann schnell noch zum Abschnitt zu Dede gefahren. Als ich zurückkam, war es bald Abendbrotzeit.

Veränderungen hat es inzwischen hier auch gegeben. Oldenburg ist als Turm-Wächter nach Bramfeld versetzt, wo er auf dem Kirchturm die Feuer-Wache hat. Als Ersatz dafür haben wir einen frisch-eingezogenen Jüngling von 38 Jahren bekommen, de stets ein weinerliches Gesicht macht, Buchhalter bei der GEG war und nebenbei Opernsänger werden will. Er nimmt Unterricht, 5x die Woche zu M 80.- im Monat! Er ist seelisch vollkommen herunter, wie er sagt.

Heute morgen habe ich Post geschrieben und abgelegt und 2 Partien Mühle mit dem Neuling gespielt. Heute mittag gab es Schweinebraten, Rotkohl und Nachtisch. Zum ersten Mal hat das Essen gut geschmeckt.

Entschuldige die eilige Schrift mit einer fremden dicken Feder, aber ich muss Schluss machen, um Mutter am Bahnhof nicht zu verpassen.

Heute Nacht habe ich wieder Wache von 1-30 wahrscheinlich; aber ich wünsche Euch Allen eine gute Nacht, geruhig und kräftigend.

Morgen wecke ich so zwischendurch mal wieder an. Inzwischen sei Du und die Kinder herzlichst gegrüsst und geküsst von Deinem stets an Dich denkenden Richard

 

Der Zettel wegen der Notiz wegen Frau Busse´s Rechnung über Elektrizität fand sich in meiner Mappe.

 

22. Dezember 1940

Hamburg-Wandsbek, den 22.12.40.

Meine liebe gute Thekla!

Nun bin ich seit 7 Stunden hier in der Feldstrasse in unserem „wunderschönen“ Quartier. Ich muss sagen, dass ich einen solch trostlosen Sonntag bisher nicht erlebt habe.

Als ich 5 Minuten nach 120 bei Witten ankam, hiess es, dass das Essen eine ¼ Stunde später stattfinden würde. In der Feldstrasse angekommen, wurde mir auf dem Telefonzimmer der Bescheid, dass ich sofort in die Goethe-Schule kommen sollte „für Blankenburg“! Und dabei ist Blankenburg garnicht in der Goethe-Schule, sondern hier in der Feldstrasse in Gruppe B (ich bin in A)

Na, allmählich wird man ja dickfällig; erst mal Essen gehen zu Witten, das andere findet sich dann. Nach dem Essen bin ich dann, wie ich Dir bereits am Telefon sagte, auf eigene Faust zum Abschnitt gegangen, da auch Jenfeldt mir keine weitere Auskunft erteilen konnte.

Auf dem Abschnitt habe ich ausführlich mit Hptwachtmstr Dede und mit Siede gesprochen mit dem Ergebnis, dass ich doch hier bleibe, was ich aus dem Grunde gern wollte, um den Weihnachtsabend mit Euch zu verbringen, was mir anderswo nicht möglich gewesen wäre. Sonst wäre es mir einerlei gewesen, denn die Goetheschule kenne ich ja und das Sofortkommando in der Kurzen Reihe kenne ich ja auch. Der Eindruck meiner Unterkunft hier ist für einen Neuling ziemlich trostlos; es mag ja sein, dass man sich daran gewöhnt, die Scheiben im Treppenhaus blau bemalt, die Aborte halb draussen auf dem Hof! Ausserdem waren heute nachmittag wenig Leute hier; von unseren 10 Mann ist einer abkommandiert zu einem anderen Abschnitt, einer war auf Tannenbaumsuche, zwei gingen 50 ins Kino (Trenck der Pandur!), vier Mann hielten Mittagsschlaf; zwei waren im Telefonzimmer, sodass ich mich mit dem Fahrer allein heute nachmittag im Tagesraum befand. Est habe ich Leitungskabel aus Pappe für Klaus Eisenbahn geklebt und nachher gelesen.

Ein kleines Weihnachtspäckchen habe ich auch noch bekommen enthaltend eine Zeitschrift, ein kleines Büchlein mit Erzählungen und 10 Cigaretten, überreicht im Auftrage des Abschnitts X!

Meine Gedanken sind stets bei Dir, mein Deern, hoffentlich schaffst Du alles. Ob ich morgen kommen kann, bezweifle ich sehr, falls wir Dienst haben sollten; ansonsten werde ich natürlich zur Stelle sein. Falls ich morgen nicht kommen kann, werde ich auf jeden Fall versuchen, am 24. schon eher als 1-1 ½0 zu erscheinen. Ich werde ja morgen noch mit Dir telefonieren, mein Spatzi!

Es ist jetzt ½ 80; Abendbrot habe ich bereit um ¼ vor 60 als der heisse Kaffee kam, der von Witten geholt werden muss. Ausgerechnet habe ich nur Feinbrot bekommen, wo ich erst nur Schwarzbrot abends esse. Den Sonntags-Nachmittagskaffee habe ich mir mal wieder an den Hut gesteckt; den Kuchen werde ich morgen früh verdrücken.

Morgen nacht werde ich wohl Wache auf dem Abschnitt im Eichtalpark haben; es befindet sich aber eine geheizte Unterkunft dort für die jeweils 3 Wachhabenden, die sich alle 2 Stunden ablösen, sodass jeder einmal 2 und einmal 1 ½ Stunden herankommt, Beginn abends um 90; Schluss um 70 morgens.   

Ich will für heute auch erstmal Schluss machen, mein Spatschi! Schlaf recht wohl und ungestört und sei einstweilen innigst gegrüsst und umarmt von Deinem stets nur Dich liebenden Richard

Diese beiden Bestellscheine des Haupternährungsamtes Hamburg (HEA Hamburg) für jeweils 187,5 g Schweineschlachtfett lagen den Briefen bei. Eingelöst wurden sie nicht.
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Kriegstagebuch eines unbekanntes Verfassers beim RAD 5/312 (April bis Dezember 1941)

Der unbekannte Tagebuchschreiber ist am 2. April 1941 in Bremen-Lesum in den Reichsarbeitsdienst eingetreten. Nach einer kurzen Grundausbildung fand die Vereidigung am 20. April 1941 statt. Anschließend kam er dann zur Abteilung 5/312 in Polen in die Nähe der damaligen russischen Grenze bei Brest. Bei seinem ersten Einsatz musste er beim Bau eines Knüppeldamms helfen. Am 21. Juni 1941 – dem Tag vor Beginn des Überfalls auf die Sowjetunion – hat er dann Munition empfangen. Dies zeigt, dass der RAD auch militärisch hinter den Truppen der Wehrmacht tätig war! Unser unbekannter Schreiber war also ab dem ersten Tag am Überfall auf die Sowjetunion beteiligt. In den folgenden Monaten bis November 1941 war er mit seiner Einheit, wohl einer Radfahrtruppe, bis in die heutige Ukraine unterwegs. Während dieser Zeit war er an Bauarbeiten, wie z.B. dem Bau von Knüppeldämmen oder der Entschlammung von Straße beteiligt. Auch berichtet er, wie er auf Menschen geschossen hat.

Wohl am 4. November 1941 erreichte ihn der Rückmarschbefehl. Am 16. November begann die Rückfahrt per Bahn ab Orel mit einem elftägigem Aufenthalt in einer Kaserne bei Gomel. Am 1. Dezember wurde die Einheit dann in Gomel per Bahn auf die Rückreise geschickt. Unser unbekannter Schreiber kam am  12. Dezember 1941 in Bremen an. Damit endet auch das Tagebuch.

Das Kriegstagebuch selbst liegt nicht handschriftlich, sondern in einer maschinengetippten Version im Umfang von sechs DIN A4-Seiten vor. Wer wann diese Abschrift angefertigt hat, ist nicht vermerkt. Der Name des Verfassers wird nicht erwähnt.

Reichsarbeitsdienst.

Eingetreten am 2. April 1941 in Bremen-Lesum.

Vereidigung am 20. April.

Nach Ansprache des Generalarbeitsführers Blank Einsatz unserer Abt. ab 17 [Uhr] truppweise verteilt auf Abteilungen vom Gau 31 in Polen. Abfahrt nach Polen am 11. [Juni] über Berlin Warschau und Siedlce nach Biala Podlaska. Dort Ausladung und Marsch nach Plebanska 5 km von B.P. [Biala Podlaska] entfernt. Hier in die Abteilung 5/312 und gleich am nächsten Tag zum Einsatz an einem Knüppeldamm. Länge 1,1 km. Zwischendurch Empfang und Ausbildung mit der Waffe.

Am 21.6. höchste Aufregung. Munitionsempfang.

22.6. Morgens 5 Uhr wüstes Geknalle. Alles wacht auf. Gasmaskenempfang. Gegen 10 Uhr Abrücken. Die ersten russischen Flieger erscheinen, alles liegt flach. Unzählige Abschüsse. Russischer Fliegerleutnant erschiesst sich, als wir ihn gefangen nehmen wollen. Das erste Grab. Man schläft gut. (Friedhof)

23.6. Wecken 3 Uhr. Per Rad durch unzählige Kraftfahrkolonnen über die Eisenbahnbrücke bei Brest. Der erste Verwundete. Steckschuss im Bein. Schützenlinie hinter dem Bahndamm. Willi Loithmann fällt bei den Fahrrädern. Zurück nach Cerny, dort hundemüde ins Zelt.

24.6. 8 Uhr Aufbruch. Richtung Zalinska, Einsatz an der Strasse. Der erste Sonnenstich: Döll. Guter Schlaf.

25.6. 60 km sollen gefahren werden. In elender Sandwüste nur Schieben möglich. Der erste russische zerstörte Tank. Die Schinderei hat abends 9 Uhr ein Ende. 60 Mann sind ausgefallen.

26.6. Wir beobachten Luftkampf zwischen Messerschmitts und russischen Fliegern, die sich deutsche Hoheitszeichen angemalt haben. Alle sechs werden abgeschossen. Ein Fallschirm öffnet sich nicht.

27.6. Morgens um 6 Uhr Einsatz: Bau einer neuen 15t Brücke. Ich schleppe Bretter und Baumstämnme. Von Ferne das Donnern der Front.

28.6. Ruhe: Gewehrreinigen, Wäsche usw. in Sielec. Doppelposten wegen Heckenschützen.

29.6. 2,30 Uhr Wecken. Marsch nach Kosow. Man merkt schon mehr vom russischen Rückzug: Patronen, Mg’s, Kartuschen, Autos, dicke Geschütze aber auch deutsche Tote bedecken das Gelände, Quartier auf einem Friedhof. Sehr schöne Kirche. Stadt fast ganz zerschossen.

30.6. 2 Stunden: Alarm: Habe kein Auge zugetan‚ da ich Wache hatte. Abmarsch in die Nacht hinein, nach fluchwörterreichem Durcheinander im Dunkel[.] Pionierbatallion braucht uns. Ich falle morgens aus: Gabelbruch. Dolle Erlebnisse mit Heinz Kiehle. Wir erschiessen den ersten Russen beim Fluchtversuch. Kommen Mittags hundemüde auf einem alten, zerschossenen polnischen Schloss an. Bauen Zelte, legen uns lang. Alarm: Wir reissen die Zelte wieder ab, sollen Pionierbattallion rausschlagen.

31.7. Marschieren die ganze Nacht hindurch. Beschuss von hinten und von vorn. Unsere Mg´s schiessen wieder. Liegen 2 Stunden auf demselben Fleck. Leuchtkugeln und Geschützfeuer in der Nähe. Erreichen Slonim. Panzer hielten uns für Russen. Machen Quartier und pennen. Radieschen finden wir. Kolonnen fahren auf der Strasse, Wir schlafen in Alarmbereitschaft. Aber es geschieht nichts.

2.7. Wir reiten die laue Tour. Am Abend Abfahrt nach Albertin[,] sind aber nur 6 km. Müssen den Pionieren beim Bau einer Brücke helfen, Zur Abwechslung einmal Nachtarbeit.

3.7. Gegen Morgen ist die Brücke fertig. Wir rollen ab. Nachmittags, nach dem Erholungsschlaf, wird gebadet.

4.7. Grosse Hetzerei heute Morgen. 20 km durch Regen, Wald und Sand. Todmüde.

5.7. Früher Aufbruch von Tzeagkowichet. Gute Strasse. Schneller Vormarsch[,] da viele Russen überlaufen. Viel Durst. Zielort Hruskowo 60 km.

6.7. Jawohl um2Uhr nix wie raus. Ab. Zwischendurch Arbeitseinsatz. Man kann sich aber auch hinter ein Getreidefeld legen und schlafen. Um 8 Uhr Arbeit beendet, es geht noch 60 km weiter. Zuletzt noch Schieben: Sand.

Dazu 3 Scheiben Brot. In Swierzen Zeltebau.

7.7. 6 Uhr Wecken, Fahrradreinigen usw. keine Post. Wir sind an der Grenze Polen – Russland. Die grosse Pleite: Einsatz nach Mittag. Wir schleppen Bohlen aus einem Sägewerk. Abends sieben Säcke Post. Man lebt gut.

7.8. 2 Uhr Wecken. Ziel Simineowice. Affenfahrt über sehr schlechte Strasse. Poln.-Russ. Grenze überschritten. Falle bald mit Egon Meyer aus. Durst. 10 Mann vom ersten Zug erreichen das Ziel. Acht Säcke Post werden verteilt. Arbeit fällt aus.

9.7. Wir leben von Paketen. Mittags geht es unerwartet weiter bis Saack. Dies verdammte Pflaster, man kann kaum noch auf dem Rade sitzen. Unterwegs sehen wir ein ulkiges Bild. Ein russischer Soldat fährt auf einem ebenso schmutzigen und drolligen Traktor ein deutsches Geschütz. Wir übernachten auf einer sumpfigen Wiese, auf der sich die Mücken von ganz Russland ein Freudenfest geben, so scheint es uns. Kein Mensch schläft. Man haut bis 2 Uhr um sich.

10.7. Dann geht es weiter. Wir erreichen Dojnewa. Grosses Reinigen. Unterwegs Luftangriff: Volle Deckung.

11.7. Morgens Zeugdienst, mittags natürlich wieder Alarm , wie die Irren ab. Gegen 12 Uhr nachts am Ziel nach endloser Schieberei. Zelten.

12.7. 3 Uhr los. Wir sehen deutlich die Spuren des Kampfes. Auf der erfolgreichen Suche nach Wasser fahre ich platt. Erreichen dann aber endlich Polotino bei Beresino. Ungeheure Ausfälle.

13.7. Endlich mal wieder vernünftig Waschen. Einsatz an der grossen Beresinabrücke. Etwas eher als gewöhnlich Arbeitsschluss: Löhnung, Baden.

14.7. Grosser Einsatz.

15.7. Einsatz mit Fahrradputzen.

16.7. Früher Aufbruch. 90 km in Aussicht. Wegen Russendurchbruch anderes Ziel: Zababy. Fahre natürlich platt. Dann Lenkerbruch. Prost. Komme nachts ans Ziel.

17.7. Schlafen endlich mal bis 9 Uhr. Fahren dann 50 km nach Süden Ziel Dubrowo. Unterwegs Arbeitseinsatz. Am Ziel gibt sich ein Haufen Russen gefangen. Arbeitseinsatz.

18.7. 7 Uhr Wecken ab. Arbeitseinsatz unterwegs . 1. Zug baut Brücke. Müssen den anderen Zügen natürlich helfen[,] die Trottel werden nicht fertig. Abends 10 Uhr am Ziel. Zwischendurch noch ’n paar Häuser zerlegt. Erledigt.

19.7. Wecken 7 Uhr, ab nach Stary Bischoff. Zuerst viel Geschiebe. Kommen durch St. B. [Stary Bischoff] vollkommen zerstört. Treffe Bremer Flak. Ein russischer Flieger wagt es in 50 m Höhe über unsere Köpfe hinzukriechen. Unser Gewehrfeuer geht daneben, er verzieht sich mit beneidenswertem Selbstbewusstsein. Wir müssen noch 15 km weiter, bis an den Dnjipr. Auf allen Vieren in die Zelte.

20.7. Arbeitseinsatz : Brückenanfahrt und Knüppeldamm. Egon Meyer geht ins Lazarett. Nachmittags etwas Ruhe. Zeugdienst.

21.7. 7 Uhr Wecken. Wir sehen nachts Artilleriefeuer und Brände. Fahren 8 km zurück nach Mokroje an der Bahnlinie. Man fängt allmählich an, sich selbst zu verpflegen.

22.7. 7 Uhr Wecken. Russen lassen sich mal wieder sehen. Wir hören[,] dass wir von drei Seiten umschlossen sind. Abends gibt es Schokolade für die Arbeit an der Beresina. Grossreinemachen.

23.7. Anständiger legen. Wir spenden 16 Rmk. für die Einnahme von Moskau.

24.7. Es giesst aus den Wolken[,] wir nehmen in unseren Zelten ein Sitzbad. Apell, Apell, und nochmals Apell.

25.7. Wir beeilen uns mit dem Bau von Zeltgräben , sonst müssen wir schwimmen. Es gibt einen Sack Post.

26.7. Heute mal zur Abwechslung Ordnungsdienst: „Ehrenbezeigung durch erheben der rechten Hand im Gleichschritt – Marsch!“ Gewehrreinigen.

27.7. Wieder Ordnungsdienst, diesmal mit Knalleinlage, von oben natürlich. Wir müssen Feldwache Tag und Nacht aufstellen, es wird brenzlicher. Nebenbei mal „Singen“.

28.7. Ordnungsdienst. Abends Post, wird bei Kerzenschein gelesen.

29.7. Baustellendienst an einer weit entfernten Strasse, habe Wache und bleibe deshalb im Lager. Koche mir Kartoffeln von Wassersuppe allein kann man nicht leben. Unser Tross erreicht uns zum ersten Mal seit Polen. Abends auch Kartoffeln. Kein Brot.

30.7. Wieder Baustelle. Haus abgebrochen für Knüppeldamm. Wieder Kartoffeln.

31.7. Wieder Knüppeldamm. Abends wenig Post. Stahlhelmempfang.

1.8. Wir bleiben im Lager: Apelle. Dafür kommt abends der Knall: Abfahrt im Dunklen 25 km. Ziel Maninka. Kommen morgens erschöpft an[.] Liege die halbe Nacht noch im feuchten Gras. Es knallt wie toll um uns.

2.8. 11 Uhr Wecken. Denselben Tag gibt es noch russisches Bier. Es knallt ganz laut zum zweiten Mal in dieser Woche: Wir marschieren denselben Weg wieder zurück[,] den, wir in der Nacht gekommen sind, Regengüsse begleiten unseren aufgeweichten Weg. Zielort noch 15 km weiter: Dabuscha. Hinein in die Klappe.

3.8. 50 km weiter nach Gishuja. Heut zur Abwechslung mal: Kampf dem Morast. Seit Stary Bischoff scheinen sich Läuse in unserer Abteilung zu befinden. Wer Hunger hat[,] muss was essen; also ruck zuck und weg war das Brot.

4.8. 25 km bis Glin gefahren. Gute Fahrt. Leute dort sehr freundlich, es gibt Eier und Milch. Aepfel nicht zu vergessen. Auch Schokolade wird verteilt. Gute Verpflegung. Fahrräder müssen natürlich schon wieder gestriegelt werden.

5.8. Morgens grosse Wäsche, nachmittags leichte Arbeit.

6.8. Einsatz an einer Brücke, Nachmittags Rück[k]ehr. Abends plötzli[ch] „Fertigmachen mit Stahlhelm“. Wir fahren 15 km bis an den Schosch: Nachteinsatz. Unser Erscheinen löst wildes Gewehr- und Geschützfeuer auf der Gegenseite aus. Wir ziehen uns hinter Häuser zurück. Ich esse erst mal Abendbrot. Wir ziehen uns siegreich zurück. Und kommen nach für uns siegreich verlaufenem Fliegerangriff um 24 Uhr im Quartier an.

7.8. Morgens wieder Brückeneinsatz. Mittags Abfahrt zum Schosch. Legen uns hinter eine Schnapsfabrik in Deckung. Neben uns bekommt ein Panjehaus Volltreffer. Geht in Flammen auf. Genaues Artilleriefeuer zwingt uns beim ersten Versuch zum Rückmarsch. Nach 2 Stunden gelingt es uns an die Brücke heranzukommen und die Abfahrt zu vollenden. Es regnet stark, noch mehrmals müssen wir hinein in den Dreck, Schlafen in einem verlassenen Panjehaus.

8.8. 5 Uhr Wecken Abfahrt nach Glin zurück. Bis Mittag geschlafen. Grossreinemachen.

9.8. Ruhiger Tag. Nur Apelle.

10.8. Neue Baustelle. Sumpfloch wird mit Knüppeldamm ausgebessert. Eine Tafel Schokolade bekommt jeder am Abend.

11.8. Arbeit nach unserer Meinung überhaupt nicht wichtig. Kein deutscher Soldat ist hier vorbeigekommen. Murkserei. Trotzdem lange Arbeitszeit.

12.8. Am Schosch schon um 3 Uhr Kreide gekratzt. Mittags zu aller Entsetzen andere Baustelle. Brücke. Abends im Dunklen nach Haus geschoben.

13.8. 8 Uhr raus es geht weiter nach Tscherikoff. Elend langer Weg zur Baustelle. Bauen Abfahrt von einem Riesendamm. Vorsicht Blindgänger und Minen.

14.8. Um 3 Uhr raus, weil die Brücke fertig muss. Mittags geschafft, Nachmittags Wäsche. Aus.

15.8. 3,30 Abfahrt über Tscherikoff nach Sjabenij. Fahrt durch nur Wald. Roter Kommissar erschossen.

16.8. 6 Uhr Wecken. Es kracht wieder einmal hörbar im Gebälk einiger Führer: Wir fahren die Strecke bis Tscherikoff zurück. Fahre platt[.] Noch weiter nach Propojsk. Kriege die Abteilung aber wieder. Wir sehen viel zurückgelassenes Kriegsgerät. Wir zelten in einem Obstgarten[.]

17.8. Fahren ganz früh ab auf einer Schotterstrasse in Richtung Tschetschersk. falle bald aus. Versuche mit Wehrmachtswagen nachzukommen. Gelingt nicht. Uebernachte bei einer anderen Abteilung. Sämtliche Führer ausgefallen.

18.8 .Breche extra früh auf, dass ich die Abteilung erreiche. Als ich ankomme (Theater mit Klavier) will die Abteilung gerade wieder losfahren. Ich flicke wie ein Irrsinniger und rase hinterher. Schinderei. Zum Glück nur 10 km. Nach 1 km platt. Ich schiebe den Rest. Halleluja. Es wird schon Dunkel, als ich da bin. Umwege!

19.8. Frühe Abfahrt nach dem 30 km entfernten Bopowka. Neblig. Ueberraschend schnelle Fahrt zum grössten Teil auf Backsteinstrasse. Vor Gomel. Quartier in Zelten. Abends brennt Gomel. Bei der Löhnung Fliegerdeckung.

20.8. Fahren in Richtung Gomel zur Baustelle. Strassendurchlass auffüllen, mit Sand. In 100 m Strasse 8 abgeschossene Panzer. Gestern wurde hier noch gekämpft. Vorsicht Minen. Bei der Arbeit explodiert eine. 1,30 Uhr Mittag im Lager.

21.8. Nachts Alarmbereitschaft. Wecken 6 Uhr. Erst nach Mittag Abrücken nach Scherstin 20 km weiter. Abends Post.

22.8. Nachts Alarm. Packen im Stockdunkel. Nachtmarsch. Wir müssen schnell über eine Brücke. Warten aber 4 Stunden morgens auf den Uebergang. Auf der Rast bieten uns die Ukrainer Mais, Gurken und Wurzeln an. Wird dankbar angenommen, da unsere Küche stecken geblieben ist. Zwischendurch Arbeitseinsatz.

23.8. Morgens 10 km Weiterfahrt. Zurück bis zum letzten Mittagsort. Regen. Verpflegung: Aepfel, Gurken, Kartoffeln. Post.

24.8. Gegen Mittag Weiterfahrt 12 km. Dort Zeltbau. Verpflegung: Kartoffeln. Wache!

25.8. Wir holen mal Sonntag nach, Selbstverpflegung. Reinigen. Armbinden werden wieder verteilt.

26.8. Wir fahren weiter nach Antonowka. Passieren eine Eisenbahnlinie[.] Zelten.

27.8. Allgemeines Kochverbot. Grosse Wäsche. Gewehrreinigen. Milch wird organisiert, Birnen.

28.8. Abfahrt mit unbekanntem Ziel auf Rollbahn in Richtung Kiew. Minen. Wir warten unterwegs auf weitere Befehle, Lager auf einem Friedhof. Selbstverpflegung: Kartoffeln, Birnen.

29.8. Baustelle. Man stützt sich auf die Schaufel. Einige spielen Gärtner, Nachmittags Rück[k]ehr ins Lager. Man spricht[,] wir sollen nach Smolensk. Zu einem Panzerkorps. Kartoffeln.

30.8. Morgens Bratkartoffeln. 1. und 2. Zug morgens zur „Arbeit“. Abend wieder Kartoffeln.

31.8. Heute Morgen gehts los: Nördlich nach Smolensk. Rollbahn mit Schotter. Erreichen abends nach endloser Fahrt Gomel. Dort Quartier in einem Obstgarten. Auf der Rückfahrt zieht eine ganze Infanteriedivision an uns vorbei (Berliner). Zerstörungen an der Strasse.

1.9. Aenderung des Marschbefehls, es geht nach Osten. Sand!

2.9. Abfahrt nach Korop. Quartier bei einer Kirche. Platzregen.

3.9. Noch 30 km weiter nach Starodub. Arbeitsführer: Am 1. November seid ihr zu Hause. Wir trocknen unser klitschenasses Zeug in den Panjehäusern.

4.9. Späteres Wecken. Bekommen unsere Geräte wieder. Vorkommando unter Ivo fährt los. Gewehrreinigen.

5.8. Nach kurzer Fahrt Brückenbau. Viel Aepfel, Später Strassenentschlammung. Nasse Füsse. Gutes Quartier.

6.9. Wieder Einsatz auf der Strasse, Nachmittags Abfahrt nach Tscheikin. Quartier in einer Scheune.

7.9. Reinigungstag. Scheune zieht des nachts fürchterlich.

8.9 Arbeitseinsatz. Fällt für mich aus. da ich Wache habe. Ich werde mal wieder satt.

9.9. Auf der Baustelle haut mir so ein Esel einen Baumstamm auf die Schulter. Ich mache mir deshalb einen ruhigen Tag. Wir sehen den Abschuss von 5 russischen Flugzeugen, die vorher Flugblätter abgeworfen hatten. Täger fährt vorbei.

10.9. Ich mache heute blau. Gehe nicht mit zur Baustelle. Theater mit dem Heilgehilfen. „Anstrengender Küchendienst“ im Lager.

11.9. Nochmals ganze Ruhe für mich. Platzregen, Scheune hält nicht dicht.

12.9. Morgens Brief geschrieben im Panjehaus. Nachmittags Grossreinemachen. Apell in Unterhose. Nachmittags „Entlassungssingen“.

13.9. Wieder Apelle.

14.9. Neue Baustelle. Lange Fahrt. Knüppeldamm. Raserei nach Hause.

15.9. Nochmals Baustelle, und nachmittags Fertigmachen zur Weiterfahrt.

16.9. Abfahrt nach Adejewka. Gute Fahrt. Unterwegs Fliegeralarm. Unbequemes Quartier im ersten Stock eines Kollektivhofes. Treffen viele andere RAD-Abteilungen.

17.9. Weiterfahrt durch Regen nach unbekannten Ziel. In Obolonje Zieländerung von Süd nach Nordwest. Ziel : Sosnitza. Furchtbare Schinderei gegen den Wind. Ufm. [Unterfeldmeister] Ivo wirft mehrmals vor Wut seine Karre in den Dreck. Ueberholen aber wie Verrückte eine andere Abteilung[.] Unterkunft in einem Gerichtsgebäude.

18.9. Arbeitseinsatz bei Ufm.[Unterfeldmeister] Ivo. Muss Holz organisieren. Prima Reibekuchen.

19.9. Rückfahrt über Obolonje, dann über die Dessna, Ziel Baturin. Hier Bombenangriff ganz in unserer Nähe. Tote unter der ZiviIbevölkeru[ng.]

In den nächsten 14 Tagen Arbeitseinsatz für einen Knüppeldamm. Ich schlage Holz. Es wird schon recht kalt. Gute Verpflegung. Front sehr weit entfernt.

Weiterfahrt zu einem unbekannten Ort. Hier nehmen wir das erste Privatquartier. Lubjanka

Morgens frühe Weiterfahrt nach Gluchow. Wegen schlechtem Wetter Ziel nicht erreicht. Uebernachten in einer Fabrik. Morgens die ersten Schneefälle. Weiterfahrt bis Gluchow, über eine Behelfsbrücke. Liegen neben dem Stabsquartier von Guderian. Hier Arbeitseinsatz, Brückenbau.

1.10. Mittags Weiterfahrt bis in die Nacht ungeheure Strecke. Uebernachtung in einer Schule mit Panzern. Habe Wache.

2.10. Habe frei wegen Wache. Bekomme Eier. Fahren aber mittags schon weiter bis 5 km vor Sewsk beim Flugplatz. Uebernachten hier im Kollektiv. Auf der Fahrt versuchen uns zwei Bomber anzugreifen. Im Tiefflug wird der eine getroffen und stürzt 200 m von uns ab.

3.10. Rückfahrt zu einem Dorf (25 km zurück). Hier Arbeitseinsatz an einem Knüppeldamm. Liegen hier 3 Tage. Am 5. Okt. der unerwartete Kosakenüberfall bei der Arbeit. Es geht aber noch mal gut aus. Die Knarre raucht. Während der Nacht Alarmbereitschaft. Tolles Schiessen mit Mg.

6.10. Abmarsch mit Arbeitseinsatz zum Kollektivhof zurück. Wieder sehen wir einige Abschüsse.

7.10. Abmarsch über Sewsk. Kommen ganz schlecht vorwärts. Regen, Schnee, Hagel. Erreichen eine Ortschaft mit ungeheuer luftscheuer Bevölkerung. Hier 4 Tage „Schlammschippen“. Dauernde Luftangriffe.

11.10. Ausrücken zur Arbeit bei 5 Grad Kälte nur mit Geräten. Wir marschieren 20 km weiter nach vorn. Ungeheurer Schneesturm. Erreichen Wolubujewo. Haben hier 5 Tage schwere Arbeit bei starker Kälte. Vormarsch stockt gewaltig. Selbstverpflegung. Dauernd Fliegerangriffe. Vom Tross 2 Verwundete, 2 tote Pferde. Tross bring unsere Sachen nach. Die Hälfte fehlt.

19.10. Versuch eines Vormarsches misslingt kläglich . Wir schaffen mit unseren Wagen 800 m. Uebernachten im nächsten Ort.

20.10. Auch der nächste Tag bringt einen Misserfolg. Wir schaffen die gleiche Strecke und übernachten im selben Dorf.

21.10. Endlich entschliessen sich die Führer ohne Wagen zu arbeiten. Wir hauen auf eigene Faust ab. Spät am Abend erreichen wir einen Ort vor Kromy und bleiben hier. Die meisten haben Zugmaschinen und Panjewagen benutzt. Hier liegen wir 4 Tage, haben nur mässig Dienst und besorgen uns die besten Sachen zu essen: Honig, Butter, Eier, Milch. Ein Schuss = Zwei Gänse.

25.10. Abmarsch nach Orel. Obgleich die Strasse einigermassen fahrba[r] ist, fährt man am besten mit einem leeren Wehrmachtswagen. Ausserdem geht das auch wesentlich schneller. In Orel Einsatz mit Stalinwagen. Strassenausbesserungsarbeiten. Entlausung: Gott sei Dank. Viel Post.

28.10. Aufbruch nach Woin ein Ort 7 km vor Mzensk. Fahre mal wieder platt. Bleibe mit Bormann zurück. Uebernachte mit Panzern in einem verlassenen und zerschossenen Panjehaus. Morgens Weiterfahrt bis Mzensk. Immer noch nicht bei der Abteilung. Nehmen dort Privatquartier[.] Ergattern fabelhafte Konfitüre! Fahren am nächsten Morgen wieder zurüc[k] und finden endlich unsere Abteilung. Bei Mzensk notgelandete He 111 [Heinkel 111].

Hier Arbeit an Knüppeldämmen. Anmarschweg immer mehrer Kilometer. Der Rückmarschbefehl erreicht uns am 4. Okt. [evtl. Fehler des Verfassers: 4. Nov.?]. Wir fahren eiligst mit Kraftfahrzeugen der Pioniere nach Orel zurück. Beziehen dort Quartier und warten 2 Wochen auf das Verladen. Nebenbei Zeugdienst und wenig Einsatz. Wir Baden mal wieder. Einige Fahrräder brennen bei einem Benzinbrand auf.

16.11. Nächtliche Verladung auf dem Bahnhof in Orel in russische Waggons (65 Mann in einen russischen „Salonwagen“). In Dobrudscha vier Tage Aufenthalt wegen Maschinenschaden. Keine Verpflegung. 5 km vor Gomel nächtliches Ausladen ohne Rampe! Anschliessend Nachtmarsch mit Affen und Rad zu einer russischen Kaserne 30 km. Hier bleiben wir vom 21. Novemb. bis zum 31. liegen. Ordnungsdienst usw. Friedensbetrieb.

1.12. Letzte Radfahrt nach Gomel, dort Entlausung. In einem entlausten Quartier geschlafen. Auf letzter Fahrt Pedale gebrochen. Lenker wackelt. Morgens Verladung in deutsche Eisenbahnwaggons. Mittags Abfahrt in Richtung Minsk, Ich treffe Täger. Wir liegen mit. 35 Mann in einem deutschen Waggon.

Fahrtstrecke: Minsk, Baranowitschi‚ Brest, Lukow, Warschau.

Hier haben einen halben Tag Aufenthalt, ich esse für 30 Mark Abendbrot[.]

Abends Weiterfahrt; am 5.Dez. Ostrowo, Lissa, Glogau, Kottbus, Torgau, Halle, Erfurt, Fulda, Hanau, Worms, Kaiserslautern. Hier wird der Zug geteilt. Dann Weiterfahrt nach Rehweiler. Ankunft am 7. Sonntags. Herzlicher Empfang. Allmähliche Auskleidung. Der General hält Abschiedsrede. Am 12. Dez. morgens 6,13 verlasse ich den Ort Rehweiler, fahre bis Kaiserslautern.

Von dort im D-Zug Paris – Berlin bis Frankfurt. Hier 2 1/[2] Stunden Mittag. Dann D-Zug bis Hannover und Umsteigen bis Bremen.

Ankunft 11,15 Uhr in Bremen Hbf.

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Feldpostbrief von Rudolf an seinen Vater (25. Februar 1944)

In dem einzigen mir vorliegenden Feldpostbrief von Rudolf an seinen Vater äußerst der Verfasser eindeutig Kritik am Krieg – Er bezeichnet das alles als „Mist“.

Über den Verfasser und den Empfänger wissen wir nichts außer dem, was im Brief zu lesen ist. Weder Einheit noch Feldpostnummer sind überliefert.

Feldpostbrief von Rudolf an seinen Vater vom 25. Februar 1944

Russland, 25.2.43.

Lieber Vater!

Habe deinen lieben Brief vom 13.2. erhalten, und sage dir meinen besten Dank. Und von den schönen Bilde zu sprechen, es geht alles vorüber es geht alles vorbei. Kommentar überflüssig, da brauchen wir uns wohl nicht darüber zu unterhalten. Und Hansi hat auch sein Zeugnis erhalten, und Singen gut bekommen. Das ist ja sein bestes Fach. Na es ist ja auch egal. Und jetzt musst du schon Papier aus den Block nehmen. Na das ist ja auch egal. Deshalb geht aber der Krieg doch weiter. Aber wir wollen das beste hoffen, lieber Vater. Hoffentlich hat der Mist bald ein Eden. Damit man wieder nach Hause kommen kann. Und Fischer ist auf Urlaub, und ist noch in Frankreich. Ja manch einer hat gewaltiges Glück. Aber wir können ja nichts daran ändern. Man muß eben aus halten, und zusehen das alles gut an einem vorüber ziehen tut. Und das ist ja auch die Hauptsache. Und dann lieber Vater grüße man folgende Arbeitskameraden recht schön von mir, Hebelschorse, Richard Uelger, Albin Fritsche Karl Kromberg. An Richard Uelger habe ich auch heute eine Karte geschrieben. Liebe Eltern nun seid herzlich gegrüßt von Euern lieben Sohn Rudolf

Schreib bald mal wieder!

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Feldpostbriefe des Gefreiten Lages an seinen Sohn Hans Joachim Lages in Braunschweig (April-Juni 1944)

Über den Soldaten Gefreiter Lages ist bisher nichts Genaues bekannt. Die Feldpostnummer 01758 gehörte bis zum 30.12.1943 zum Regimentsstab des Grenadier-Regiments 252. Das Regiment wurde am 2. November 1943 aufgelöst, der Regimentsstab und das II. Bataillon kamen zur Divisionsgruppe 321 und zum Grenadier-Regiment 255. Zu welcher Einheit die Feldpostnummer 01758 dann 1944 gehörte, ließ sich bisher nicht herausfinden.

Vier Feldpostbriefe des Gefreiten Lages an seinen Sohn Hans Joachim Lages sind überliefert. Familie Lages wohnte in der Ottweilerstraße 125 in Braunschweig. 

Feldpostbriefe des Gefreiten Lages an seinen Sohn Hans Joachim Lages

Den 29/4.44.

Mein lieber Hanni!

Was machst du noch, alles gesund und munter! Wie Mutti mir geschrieben hat, unterstützt du ja Mutti mit allen Kräften bei der Arbeit im Garten. Das hat mich sehr gefreut, das ich so etwas Gutes von meinem Jungen lesen konnte. Mache man so weiter mein lieber Junge, Mutti kann doch nicht mehr so. Wie sie gern möchte, aber das Spielen das klappt noch immer. Immer noch das Alte, den ganzen Tag rumhocken und nur nach Mutti kommen und rufen, Mutti ich habe Hunger. Und dann werden die Karos weggeputzt. Das ist man gut, das es schmeckt so lange was da ist.

Alos mache es gut, mein lieber Junge. Und grüße unser Gold (unsere liebe Mutti)

Es grüßt dein lieber Papa

Vorderseite der Feldpostkarte vom 5. Mai 1944 mit Feldpostnummer des Absenders und der Adresse in Braunschweig
Rückseite mit Text

Den 5/5.44.

Mein lieber Junge!

Wie geht es dir, und unserer lieben Mutti. Seid ihr noch alle gesund und munter. Und kommen die Flieger nicht mehr so oft, das ihr immer in den Bunker müßt. Und hilfst du Mutti auch immer schön bei der Arbeit. Und was machen unsere Muckchen. Sind dieselben noch alle gesund. Also mach es gut mein Junge. Und grüße Mutti recht schon von mir. Es grüßt dein lieber Papa

Den 28/5.44.

Lieber Hanni!

Wie geht es dir noch, alles gesund und munter[.] Was ich von mir auch berichten kann! Bist du auch artig, und ärgerst Mutti nicht. Das mache ja nicht, sonst raucht es wenn ich nach Hause komme. Und was machen die Kaninchen versorgst du dieselben auch ordentlich. Das was daran kommen tut. Damit wir was zu essen haben. Also mein Junge mache es gut, und grüße deine liebe Mutti, von mir herzlich und sei selbst vielmals von mir gegrüßt

Dein lieber Papa

7/6.44.

Lieber Hanni!

Habe deine liebe Karte vom 27/5. Erhalten, mit deinen schönen Pfingstgrüßen und spreche dir meinen besten Dank aus. Ich sehe immer wieder, das du an deinen Papa denken tusst. Und das ist das schönste für mich! Wenn man hier in den weiten Rußlands einen Gruß von seinen Lieben, erhalten tut. Bestelle man schöne Grüße an Mutti und ich hatte mich auch sehr über ihre Pfingstgrüße gefreut, wenn auch etwas spät gekommen sind.

Lieber Hanni, ich hatte dir noch ein kleines Päckchen geschickt, wo ein paar Bonbons drin waren. Und ein Paket Tobak was du Opa geben solltest zu seinem Geburtstag, hast du dasselbe erhalten oder nicht.

Schreib mir doch bitte, mal etwas näheres darüber.

Es grüßt dich, dein lieber Papa

Viele Grüße an Mutti

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Zeichnungen von Lucie Chapel (1914-1916)

Vor einiger Zeit habe ich auf einem Internetportal das Zeichenheft von Lucie Chapel erworben. Es trägt den Titel „Souvenir de la Grande Guerre 1914-191“. Auf dem Titelblatt hat sich die Zeichnerin mit ihrer Signatur „LC“ verewigt. 

Leider ist über die Zeichnerin nichts weiter bekannt. Sie stammt aus Frankreich, was eindeutig aus den Zeichnungen hervorgeht, und hatte einen Bruder, der Anfang 1916 anscheinend als Soldat im Krieg gekämpft hat, wie wir aus der letzten Zeichnung erfahren. In der Widmung auf eben diesem Blatt hat sich Lucie Chapel auch mit ihrem Namen verewigt. Diese letzte Zeichnung ist datiert auf den 10. Januar 1916.

Insgesamt umfasst das Zeichenheft ein Titelblatt sowie 22 Zeichnungen. Die restlichen Seiten sind leer.

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Kriegstagebuch Musketier Dinkeldein vom 2.-27. Juni 1915 (Landwehr-Infanterie-Regiment 29)

Musketier Dinkeldein ist nach den Informationen auf der ersten Seite seines Kriegstagebuches am 2. Juni 1915 zum zweiten Mal ins Feld gezogen, und zwar mit dem Landwehr-Infanterie-Regiment 29 an die Ostfront im heutigen Litauen. Über seine erste Zeit an der Front sind in dem Kriegstagebuch leider keinerlei Informationen enthalten.

Über seine Familie erfahren wir nur, dass seine Mutter ihm Pakete u.a. mit Zigarren schickte. Er erwähnt auch den Namen Luise, wobei unklar bleibt, in welcher Beziehung er zu ihr stand.

Bevor er zum LIR 29 gehörte, war er wohl dem Ersatz-Bataillon 160, 3. Kompanie in Bonn zugeteilt. Dies lässt sich aus seinem Namenseintrag mit Truppenteil am Ende des Kriegstagebuches schließen.

Sein zweiter Einsatz begann am 2. Juni 1915 mit einer mehrtägigen Fahrt von Bonn nach Wilkowischken (heute: Vilkaviškis, Litauen), wo er 6. Juni 1915 ankam. Hier übernachtete er in der örtlichen Synagoge auf dem Boden.

Vermutlich in dieser Synagoge übernachtete Musketier Dinkeldein am 6. Juni 1915. Sie wurde nach dem Einmarsch der Wehrmacht 1941 zerstört.
Karte der Front gegen Russalnd vom 13. Juli bis Ende 1915 [Ausschnitt] (Aus: Der Weltkrieg. 8. Band). Südwestlich von Kowno war Musketier Dinkeldein in Mariampol eingesetzt.

Am 7. Juni 1915 marschierte seine Einheit dann an die Front nach Mariampol (heute: Marijampolė, Litauen), wo sie an der Front eingesetzt wurde. Bis zum letzten Eintrag des Kriegstagebuches am 27. Juni 1915 hat Musketier Dinkeldein dort seinen Dienst versehen. Von einem Orts- oder Stellungswechsel berichtet er nicht.

Auf der letzten Seite des Kriegstagebuches hat Musketier Dinkeldein einen Bericht über das Leben im Schützengraben begonnen, der am Ende der Seite mitten im Satz abbricht. Die weiteren Seiten des Kriegstagebuches sind verloren gegangen oder wurden aus uns unbekannten Gründen entfernt. Von diesen nicht mehr vorhandenen Seiten zeugen noch die perforierten Rest.

Tagebuch

Erste Seite des Kriegstagebuches. Links sind der Namenseintrag Musketier Dinkeldein Landw. Inf. Reg. 29 Bonn a/Rhein sowie weitere Notizen zu erkennen.

Am 2. Juni 1915 zog ich zum zweitenmal ins Feld, nachdem ich 8 Wochen in Bonn war beim Ersatzbataillon. Diesesmal gehts nach Rußland u. zwar zum Landwehrreg. No. 29.

Am 2.VI. vorm. 11 Uhr fuhren wir in Bonn ab. Köln Elberf. Barmen Magdeb. Berl. Posen. Am 4.VI. 1915 vorm. 9.20 Grenze bei Skalmierzyce. Die erste russische Station war Kalisch. Nachm. 3 Uhr haben wir Lodz passiert, sehr viel Industrie hier viel beschädigt ist hier nicht, außer einigen Fabriken[,] welche schwer mitgenommen sind. Weiterfahrt nach Koljuschki [heute: Krolestwo, Polen] 1 Std. Aufenthalt (Verpflegung[)]. Von hier aus gings wieder zurück nach Lodz u. dann nördlich Gnesen Thorn, sehr befestigt. Am 5.VI.15 nachm. 2.35 überfuhren wir die Weichsel bei Thorn. Nachts ½ 12 Uhr kamen wir nach Allenstein, wo wir verpflegt wurden. Weiterfahrt nach Königsberg, wo wir 6.VI. 1915 vorm. 9.15 ankamen u. gespeist wurden. Abends ½ 7 Uhr kamen wir am Ziele an in der russischen Stadt Wilkowischken [heute: Vilkaviškis, Litauen]. Hier schliefen wir auf dem Boden in der Synagoge. Das Lager war allerdings sehr hart, aber ich habe trotzdem gut geschlafen. Von den berühmten Läusen habe ich noch nichts verspürt. Die Leute sind sehr arm hier. Sie bieten den Soldaten alles mögliche an, lauter deutsche Ware, wie sie sich ausdrücken.

7.VI. morgens Empfang von Lebensmitteln. Nachm. 12 Uhr Abmarsch nach Mariampol [heute: Marijampolė, Litauen][,] wo wir abends 8 Uhr ankamen. In einem früheren Hotel haben wir geschlafen[,] aber sehr dabei gefroren.

8. morgens 3 Uhr Weitermarsch an die Front 3 km hinter d. Front Einteilung zum Bataillon u. dann zur 5. Komp. Nachm. 2 Uhr Ankunft bei der Reservestellung.

Bemerkenswert sind die vielen Entlausungsanstalten, welche in jedem Dorfe u. jeder Stadt zu sehen sind u. besonders die schlechten Straßen[,] man muß beim Gehen beständig auf den Boden sehen, sonst könnte man ganz zufälligerweise den Hals brechen.

Nach der Ankunft kochten wir uns Erbsen u. Konservenfleisch (schmeckt gut). Beginn des Baues unseres Unterstandes. Wir arbeiten fest drauf los bis 10 Uhr abends[,] wurden aber nicht ganz fertig. Diese Nacht schliefen wir in einer zerfallenen Scheune, haben aber sehr gefroren. Die Artillerie schoß die ganze Nacht [,] aber trotzdem habe ich geschlafen wie ein toter. Waschgelegenheit haben wir in einem kleinen schmutzigen Teich. Nur das Trinkwasser ist schlecht, unabgekocht ist es nicht genießbar.

9.VI. Ein schöner Sommermorgen ist angebrochen[,] feierliche Stille, nur von einzelnen Schüssen unterbrochen. Wir kochen uns Kaffee u frühstücken auf dem Rasen wie die Zigeuner. Es beginnt die Weiterarbeit am Unterstand, der um die Mittagszeit fertig wird. Um 12 Uhr Mittagessen[,] das wir von der Feldküche bekommen u. sehr gut ist. Überhaupt ist die Verpflegung tadellos, besser als in der Kaserne.

10.VI. Abends 8 Uhr Abmarsch in die vorgeschobene Stellung zum Schanzen. Ich meldete mich freiwillig auf Horchposten[,] während die andern schanzten. Auf dem Horchposten war es sehr gefährlich. Andauernd pfiffen mir die Kugeln um die Ohren. Aber Gott ließ es nicht zu, daß ich getroffen wurde. Gegen Morgen glückliche Rückkehr. Den übrigen Teil des Tages frei. Ich nahm ein Bad in dem nahen Teich (sehr angenehm). Abends 7 Uhr Abmarsch zum Schanzen in sehr gefährliche Stellung. Wir bekamen Feuer von feindl. Feldwache, kamen aber alle zurück in unsern Unterstand[,] welcher mit 20 Mann belegt ist.

11.VI. Morgens 9-11 Uhr Arbeiten am Laufgraben bis abends frei.

Nachts von 7-12 Uhr Schanzen, wobei wir wieder schwer befeuert wurden.

12.VI. Morgens 7-11 Uhr schanzen bis abends frei. Mittag wurden wir schwer beschossen von feindl. Artillerie, als wir es uns gerade auf dem Rasen gemütlich machten. Die Geschosse schlugen aber alle 150-200 [Meter?] hinter uns ein, trotzdem mußten wir uns in den Unterstand flüchten. Aber unsere Artillerie hat es ihnen auch heimbezahlt. Um ½ 8 Uhr wieder Abmarsch zum Schanzen[,] während unsre Artillerie  in allernächster Nähe ihre Salven abgeben. Die Nerven wurden schwer dabei mitgenommen, trotzdem man sich in Sicherheit weiß[,] wenn unsre Artillerie schießt, aber ein solcher Knall läßt einen unwillkürlich zusammen fahren.

13.VI. Ein windiger Sonntagmorgen ist angebrochen[.] Von 8-11 Uhr gings wieder zum Schanzen in Reservestellung. Ich meldete mich freiwillig auf Lauscherposten. Diese Nacht vergesse ich in meinem ganzen Leben nicht. Um 10 Uhr abends zogen wir auf. Es regnete u. ein kalter Wind wehte. Als wir an das Lauscherloch kamen[,] war dasselbe zugeschüttet. Nun krochen wir im heftigsten Kugelregen auf dem freien Gelände herum u. suchten uns eine Deckung. Endlich fanden wir eine solche in einem Graben, wo wir uns hineinsetzten. Wir waren unser 4 Mann. Anfangs waren wir ziemlich sicher[,] denn die Kugeln pfiffen über unsre Köpfe weg. Aber nach einer halben Stunde gings los. Rechts u. links schlugen die Kugeln ein von 3 Seiten bekamen wir Feuer. Die russischen Maschinengewehre knallerten, unsre Truppen warfen Bomben, welche die Erde erzittern machten. Die Scheinwerfer suchten das Gelände ab[,] Leuchtkugeln auf dazwischen der Knall der Kanonen, Bomben u. Gewehre. Es war ein schauerlich interessantes Schauspiel. Wir lagen zusammengekauert frierend in unserm Loch, denn es bot uns nur einigermaßen Deckung. Um halb 12 Uhr sollten wir abgelöst werden. Aber die Ablösung konnte nicht weiter vor wegen dem Feuer. Ein Gefreiter[,] welcher uns Bescheid bringen wollte, wurde an der Schulter ganz leicht verwundet. Dadurch konnte er nicht zu uns gelangen. Wir blieben im unserm Loch bis der Tag graute. Dann gingen wir zurück. Ich hatte so steife Glieder[,] daß ich zweimal hinfiel[,] doch kamen wir glücklich im Graben an, wo sich die andern uns wunderten, daß wir so gut davonkamen. Ich kann meinem Gott nicht genug danken für die glückliche Rettung. Es war eine schreckliche Nacht u. werde sie auch nie vergessen. So arg wurde noch nie geschossen seit meines Hierseins. Aber ich lebe noch u. danke meinem Gott dafür u. bitte Ihn, auch meine Mutter u. alle meine lieben Angehörigen zu beschützen.

14.VI. Wir schlafen von morgens 3 bis gegen 10 Uhr u. haben frei bis abends. Um ½ 8 Uhr Antreten zum Schanzen an gefährlicher Stelle. Um 11 Uhr rücken wir ab u. kamen glücklich zurück.

15.VI. Beim Antreten um 8 Uhr wurde ich bestimmt zum Balkentragen für einen Offiziersunterstand. Wir waren gerade an der Arbeit, als ein Bote kam und meldete, wir müßten uns sofort fertig machen zum Abrücken. Sofort gingen wir zum Unterstand u. nach schleunigstem Zusammenpacken unsrer Sachen rückten die versch. Komp. ab. Zur Sicherheit vor d. feindl. Artillerie wird gruppenweise marschiert. Weitermarsch halbrechts querfeldein. Nach einer Weile Halt vor einer kleinen Anhöhe. Die Gewehre werden zusammengesetzt, Gepäck abgelegt. Dann kam die liebe Feldküche u. brachte uns Erbsen mit Speck. Bald nach beendeter Mahlzeit rückten wir heimwärts. Die Russen schießen mit Schrappnels, jedoch ohne irgendwelchen Schaden anzurichten. Gegen 3 Uhr kamen wir zurück in d. Unterstand. Der Zweck des Marsches soll gewesen sein, die zu erwartende Reserve eines Nachbarregiments zu ersetzen falls es nötig sein sollte. Offenbar war es unnötig gewesen. Abends 7 Uhr Antreten zum Abrücken in den Schützengraben, wo wir die Reserve bilden[,] falls die Russen einen Angriff machen sollten. Nach gemütlichem Schlaf im Unterstand rückten wir beim Morgengrauen wieder heim.

16.VI. Nach dem Aufstehen kochen wir uns Kakao. Abends ½ 8 Uhr Abrücken in den Reservegraben. Wir bekommen lebhaftes Flankenfeuer. Beim Tagwerden Rückkehr.

17.VI. Wir schlafen bis gegen 11 Uhr, Apell mit der eisernen Portion. Nach dem Mittagessen Befehl zum Packen[,] um in den Schützengraben zu rücken. Nach beschwerlichem Gang durch den langen Laufgraben erreichen wir das unsere angewiesenen Grabenstücke. Ich erhalte mit meinem Kameraden Karl Kriechbaum aus Rohrbach b/K. einen Unterstand, in dem man einigermaßen wohnen kann, er hat mehr das Aussehen einer Höhle. Abends von 11-1 Lauscherposten. Die Nacht vergeht mit der üblichen Schießerei.

18.VI.15 Morgens ½ 3 Uhr Kaffeekochen mit Frühstück. Dann Schlaf bis 10 Uhr[,] von 12-2 Uhr Posten. Kriechbaum fängt an einen Brunnen zu bohren. Die Nacht verging wie gewöhnlich.

19.VI. Nach dem Kaffeetrinken[,] de wir uns natürlich immer selbst kochen[,] Schlaf bis 11 Uhr. Nachm. habe ich Holz für unsern Brunnen auszuschalen u. zum Feuermachen in einem Gehöft[,] von 6-8 Uhr Postenstehen. Die Nacht ist dunkel, kalt u. regnerisch[,] geschehen wird wenig.

20.VI. 15 Nach dem Frühstück Schlaf bis ½ 8 Uhr. Posten von 8-10. Ich bin an der Reihe zum Essenholen. Es ist jedesmal eine beschwerlicher ¾ stündiger Gang[,] bis man an die Stelle kommt, wo die Feldküche anfährt. Bei dem Rückweg hänge ich die 4 Eßgeschirre auf den Rücken u. verschnüre meinen ganzen Rock, worüber sich die Kameraden höchst amüsierten. Nach dem Essen ausruhen. Ich denke mit Sehnsucht an die liebe Heimat u. an die lb. Angehörigen. Dabei schlafe ich ein. Gewaschen habe ich mich heute auch wieder mal seit 3 Tagen[,] denn unser Brunnen, der jetzt fertig ist, liefert mir soviel Wasser als man zum Kochen braucht. Beim Essenholen bot sich mir Gelegenheit zum Waschen. Denn bei der Feldküche ist ein schöner See. Vergl. das Leben im Schützengraben.

21.VI.15 Von gestern abend bis heute morgen durfte ich schlafen bis ½ 3 Uhr[,] denn ich habe Tagesposten 1 Nummer, dieselbe steht von ½ 3-6 Uhr u. darf deshalb schlafen. Es ist ein herrlicher Sommermorgen[,] die Vögel zwitschern so schön wir in der Heimat[,] ab u. zu fällt ein Schuß. Soeben fliegt ein feindl. Flieger über mir weg u. wird von unsrer Artillerie beschossen. In der darauf folgenden Nacht durfte ich wieder schlafen, weil ich freiwillig auf Lauscherposten ging von 9-11[,] Uhr da konnte ich dann schlafen bis zum nächsten Morgen 6 Uhr.

22.VI.15 Von 6-8 Uhr Posten. Während dieser Zeit koch ich mir Kaffee u. frühstücke. Darauf rauche ich eine Zigarre, die ich am Tage vorher von meiner lieben Muttererhielt u. die mir umso besser schmeckt, da sie doch von der lieben Heimat ist. Dann legte ich mich aufs Stroh u. schlief selig bis nachm. 2 Uhr. Ich flicke meine zer[r]issenen Kleider u. dann heißt es umziehen in die Stellung weiter links. Hier machte ich mich mit vollem Eifer daran unsern neuen Unterstand einigermaßen herzurichten, der sehr verwahrlost aussieht. In meiner Nähe explodiert eine Handgranate[,] durch die ein Kamerad getötet wurde.

23. Um 2 Uhr morgens Wasserholen auf gefährlichem Weg in einem nahen Gehöft, wo ich auch gleich Stroh für unsern Unterstand mitnahm. Dann Frühstück. Darauf erledige ich einige Korrespondenzen u. lege mich schlafen. Die Russen sind heute ziemlich brav, sie schießen nicht viel. Nachm. koche ich mir mit meinem Kameraden Kriechbaum einen guten Kakao, den ich von meiner Luise erhielt. Wir beide Kriechbaum u. ich[,] teilen überhaupt alles miteinander. Abends 9-½ 12 Uhr Lauscherposten. Die Russen sind besonders gut aufgelegt. Man hört sie in der Ferne singen u. ihre Musikkapelle spielen wirklich schöne Märsche.

24. Nicht besonders.

25. Die Russen schanzen u. werden von uns heftig beschossen. Im übrigen war alles ruhig. Abends Lauscherposten.

26. Ich habe die Nacht durch von ½ 12 Uhr ab gut geschlafen. Aber um 3 Uhr mußte ich schon wieder auf Posten. Nachm. 12 Uhr Essenholen. Den Nachm. vertreiben wir uns durch Kartenspielen.

27.VI. Der Tag verlief ohne besonderen Zwischenfall.


Das Leben im Schützengraben hat viel Schönes[,] aber auch manches Unschöne an sich. Seit 17.VI.15. bin ich nun im Graben. Jede Gruppe befindet sich in der Nähe ihres Führers. Die Unterstände sind für diese Jahreszeit ganz gut bewohnbar. Wir liegen zu zweien in einem solchen. Es gibt aber auch welche[,] in denen 3-6 Leute wohnen können. Unsre Tätigkeit ist die: Die [Rest fehlt]

Am Ende des Tagebuches finden sich mehrere Namenseinträge von Musketier Dinkeldein. In einem dieser Einträge wird als Regiment Ersatz Bataillon No. 160 Bonn a/Rh. angegeben. Auf der rechten Seite ist zu erkennen, dass zahlreiche Seite aus uns unbekannten Gründen entfernt wurden. Das Kriegstagebuch bricht mitten im Satz ab.
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Erinnerungen von Max Hecker an seinen Sohn Karl Hecker

Karl Hecker wurde am 8. Mai 1898 in Weimar geboren. Seine Eltern waren der Malermeister Max Hecker und Carolin Amalie geb. Greiner. Max Hecker meldete sich, wie dem Bericht seines Vaters mit dem Titel „Ein junger Held!“ zu entnehmen ist, als 17jähriger freiwillig zum Militärdienst. Er zog dann als Soldat beim 5. Thüringischen Infanterieregiment (Großherzog von Sachsen) Nr. 94 in den Krieg ein. Er starb am 13. Dezember 1917 an den Folgen zahlreicher Verwundungen, die er durch drei Granatsplitter erlitten hatte, im Lazarett in Iseghem (Belgien).

Ein junger Held!

Väter und Söhne Seite an Seite gemeinsam im feldgrauen Rock des Vaterlandes kämpfend sind keine Seltenheit in dem größten Kriege seit Menschengedenken. –

Darf ich Euch heute von einem jungen Helden erzählen, den sein Vater fand im Gewühle des Weltkrieges[,] um ihn auf ewig zu verlieren?

Als der Vater im October 1914 zum Landsturm einberufen nach Frankreich abreiste, ahnte ihm noch nicht, daß sein Sohn einem Herzenswunsche folgend, in einer Mil. Vorbereitungsanstalt Aufnahme gefunden hatte. Es war damals 16 ½ Jahr alt. Das Militairische steckte ja schon seit der frühesten Jugend in ihm und mit froher Begeisterung hatte er sich nach er Schulentlassung dem Jungdeutschlandbunde angeschlossen. Was Wunder, wenn in dem tapferen Jungen die schwache Flamme zum lodernden Feuer verzehrender Vaterlandsliebe wurde[,] als die ersten Siege auf den Schlachtfeldern geschlagen und in der Heimat verkündet wurden. Der Vater selbst hat jener Zeit, wo sein Sohn sich mit Plänen trug[,] die ihn seinem bisherigem Wirkungskreise entreißen sollten, nicht gerade mit Wohlwollen begegnet, doch glaubte auch er bis die Ausbildungszeit vorüber sei, ist der Friede ins Land zurückgekehrt.

Es sollte anders kommen.

Im März 1915 schrieb der Jüngling, daß die Auflösung der Mil. Vorbereitungsanstalt bevorstehe und da er nun bald 17 Jahre alt würde, bedürfe es der Erlaubnis des Vaters[,] um ins Feldheer eintreten zu können. Die abratenden Briefe des Vaters hatten nur den Erfolg, den Jungen in seinem Vorsatz immer mehr zu bestärken, er bat und flehte, bis der erstere schweren Herzen Ja und Amen sagte.

Der Jüngling kam nun ins Rekrutendepot eines Regiments[,] welches aus früheren Kriegen den Beinamen „Das Eiserne“ überkommen hatte. Hier erhielt er seine militärische Ausbildung nach allen Regeln der Kunst.

Als eine Gunst des Schicksals hat es der Vater betrachtet, als er, im August vom westlichen Kriegsschauplatz nach einem Ersatztruppenteil versetzt, seinen Sohn vor dem Ausmarsch nach Rußland noch einmal in der Heimat für wenige stunden sehen durfte. Mitte August zog der Sohn gegen Rußland ins Feld, doch schon gegen Ende September folgte auch der Vater nach, um bei einem anderen Regiment an der gleichen Front Kriegsdienste zu tun. Vier lange, schwere Monate langer Erwartung gingen ins Land, ehe durch Vermittelung der Feldpost die Verbindung zwischen Vater und Sohn wieder hergestellt war und die rückliegende Zeit ihren Schleier hob, um die Erlebnisse beider kundzugeben. Der Sohn hatte mit seinem Regiment den Sturm auf Grodno am 5. September 1915 mitgemacht und kam einige tage später als Leichtverwundeter in ein Feldlazarett in Bialystok. Als das Regiment im October nach dem westlichen Kriegsschauplatz übersiedelte, war er so weit hergestellt, daß er mitkonnte.

Der Vater hatte indessen mit dem Regiment[,] bei dem er sich befand[,] schwere Tage und Stunden an der Düna erlebt und befand sich jetzt Riga gegenüber in Stellung. Der Sohn schrieb aus den Stellungen bei Reims – Noyon – , bilder- und kartenreiche Briefe, welche einen guten Einblick in das Leben und Treiben dortselbst gestatteten. Den Winter 1915/16 verblieben sie in dieser Gegend, doch Ende März kam das Regiment in die Nähe von Verdun, wo sich der furchtbare Kampf zu einem Ringen ohne Gleichen auswächst. Alle die weltbekannten Namen: Höhe 304, Bärentatze, Toter Mann, Vaux und wie sie heißen mögen sind Ruhmesblätter für die Regimenter[,] welche dort kämpften. Und an allen diesen Kämpfen nachm der Sohn teil.

Im September kam das Regiment an die Somme. Doch zuvor sah der Sohn nach fast 12monatiger Abwesenheit die Heimat wieder und schickt dem inzwischen wegen Überalterung von der Front zurückberufenen Vater Nachricht nach der nahen Garnison.

Zwei kurze Tage nur ist es Beiden vergönnt, einander sich ins Auge zu sehen, den Vater ruft der Dienst, doch die Mutter ist überglücklich, daß sie ihren braven Jungen wenigstens 14 Tage wieder hat nach so langer schwerer Zeit. Doch auch für den Sohn heißt es wieder scheiden und während er zu seinem Regiment vor Verdun reist, ist auch der Vater wieder unterwegs nach dem Besetzten Gebiet Belgiens, zu einem an der holl. Grenze liegenden Batl. Der Sohn nimmt mit dem eisernen Regiment im Gebiet der Somme an den sich mehr und mehr steigernden Angriffs- und Abwehrmaßregeln teil. Der Chef des eis. Regiments, ein deutscher Bundesfürst, überreicht den aus der Schlacht kommenden Kämpfern die Verdienstmedaille mit Schwertern und der Vater ist stolz auf seinen Sohn, daß er sie nicht blos erhalten, sondern auch verdient hat.

Im Dezember 1916, als das Regiment von der Front zurückgezogen und Ruhequartiere für einige Wochen bezogen hatte, überraschte der Sohn den Vater freudig durch seinen Besuch an der holl. Grenze. Sie benutzten die Urlaubszeit zur Besichtigung der Hauptstadt Belgiens, Brüssel, welche das Sehenswerten genug bietet. Schnell genug verging die kurze Zeit des Zusammenseins, dann reist jeder wieder zurück zu seinem Truppenteil. Der lange und diesmal auch an der Westfront sich durch grimmige Kälte sehr fühlbar machende Winter ging verhältnismäßig ruhig und ohne größere Kampfhandlungen an den Fronten hin.

Dann kam das Frühjahr 1917 und der grandiose Rückzug von Cambray [Cambrai] trat in die Erscheinung. Der Sohn war im Januar zum Gefreiten befördert worden und bei der Sturmabteilung der Division hat er bei den Sicherungstruppen jenes Schauspiel ohne Gleichen mitgemacht. Äußerst interessant und spannend sind die Feldzugsbriefe über diesen Abschnitt des Krieges an den Vater, der inzwischen mit seinem Truppenteil in den Mittelpunkt Belgiens, die Provinz Brabant übergesiedelt ist zur Sicherung der strategisch wichtigen Bahnlinien. Hocherfreut teilt der Sohn mit, daß er bei der Rückzugssicherung, nachdem die Engländer unerwartet den Reservezug überfallen und gefangen hätten, mit seinen paar Leuten entschlossen das Masch. Gewehr unter dunklen schwierigsten Verhältnissen zurückgebracht und dafür das Eis. Kreuz II. Klasse erhalten habe. Dann sahen sich Vater und Sohn nochmals für wenige Tage in der Umgebung von Brüssel in einem mitten im herrlichen Buchenwalde belegenen Quartier. Darauf reist der Sohn das letzte Mal [in] die Heimat, die Geliebte Mutter und Geschwister zu sehen in Urlaub. In dieser Zeit fielen die Würfel im Schlachtenglück nicht günstig und als er wieder zum Regiment zurückkehrte, fand er dasselbe in der Neuformierung begriffen in die Nähe Antwerpens zurückgezogen, um dann später an der Scarpe wieder in Aktion zu treten.

Noch einmal, Anfang October ist es ihnen vergönnt einige Tage beisammen zu sein, dann nahmen sie Abschied von einander ohne dem Gedanken auch nur Raum zu geben, daß es ein Abschied für die Ewigkeit sein sollte.

Das Regiment kam wieder zwischen Ypern und dem Houtholster Walde in Stellung und hier ereilte ihn sein Schicksal. Hier will ich wörtlich den Bericht aus dem Briefe eines Kameraden wiedergeben:

„Da kam der 1. Dez.[,] der Tag[,] an dem wir uns das letzte Mal sehen sollten. Es war in Flandern und in Roulers lagen wir in Ruhe. Von hier aus rückte die Komp. noch Abends in Stellung. Karl war in Ordonnanz beim Komp.Führer. Ohne Verluste kam die Komp. vorn an, wo sie in vorderster Linie südlich Westroosebeeke [Westrozebeke] eingesetzt wurde. Am Morgen des 2. Dez. 300 setzte schlagartiges Trommelfeuer ein und gleich hinter den Feuerwellen kam der Engländer auf breiter Front und in starken Kolonnen.

In diese hinein feuerten unsre Masch.Gewehre mit mörderischer Wirkung. Den Engländern blieben jedoch Kräfte genug, um unsere Vorfeldlinien zurückzudrängen. Auch in Richtung K.T.K.[,] wo sich Karl befand, gingen die Engländern stark vor. Nachts davon bildete sich ein Engländernest. Der Angriff kam durch das Feuer unserer Gewehre zum Stehen, und am selben Tage noch wurde der Engländer restlos aus unsern Linien herausgeworfen. Im Laufe des Nachmittags kam dann die Meldung[,] daß Karl in der Nähe des K.T.K. von drei Granatsplittern schwer verwundet liege. Wir hatten bis dorthin Munition zu fahren, es wurde noch ein Uffz. Und drei Mann mitgenommen, welche Karl zurückbringen sollten. Sie kamen aber wieder zurück und berichteten, ihn nicht gefunden zu haben, da wird er wohl von der Sanitätskomp. aufgefunden und geborgen worden sein.

– – – – – – – –

Am 16. Dez. erhielt der Vater den Brief einer Krankenschwester, worin ihm dieselbe Namens seines Sohnes mitteilte, daß er mit Arm- und Körperverletzungen sowie leichtem Lungenschuß am 5. Dez. 1017 in das Feldlazarett 112 eingeliefert sei, sich den Umständen nach leidlich wohl befinde und um den Besuch des Vaters bittet.

Mit einem dankerfüllten Blick zum Himmel, daß nun endlich sein geliebter Sohn dem Schlachtgetümmel entrissen, giebt sich der Vater der Hoffnung hin, um die Weihnachtszeit seinen tapferen Jungen aufzusuchen.

Das das Schicksal hat es anders bestimmt, als er den Brief der Schwester erhielt[,] hatte sein Sohn, sein guter Kamerad schon seit drei Tagen die Augen für immer geschlossen und ein treues Herz aufgehört zu schlagen.

Da erschien auch ihm das Licht der Sonne verdunkelt und schwere Wolkenschatten zogen über seinen Weg.

Als dann durch den Kriegslärm der Welt die heilige Weihnachtszeit schritt, da stand er tiefbetrübt an einem Grabe im fernen Flandern, das die sterbliche Hülle seines geliebten Sohnes und Kameraden barg.

„So finden wir uns wieder mein treuer braver Sohn; du hast dein Herzblut für deine deutschen Brüder dahingegeben, wie so mancher Tapfere. Nun ruhe in Frieden in Gottes Erde, sie ist ja überall des Herrn!“ – –

Die tränenschweren Augen des Vaters gleiten über die nächste Umgebung, aus der im glitzernden Schnee ein Wald von Kreuzen herausgewachsen scheint.

Mehr denn 3000 gefallene Helden schlummern hier der Ewigkeit entgegen auf diesem erst vor wenigen Monaten angelegten Ehrenfriedhofe. Treue Menschen, welche ihr Herzblut hergaben für die Bestie Krieg. Und während der Vater sinnend der Tapferen gedenkt, die hier ihre letzte Ruhestätte fanden, bereitet nun etwas weiter oben das Begräbnis von 5 Minenwerfern vor. Die Komp. hat ihre gefallenen Kameraden aus der Stellung mitgebracht[,] um sie der Erde zu übergeben.

Wie feierlich geht solch ein mil. Begräbnis vor sich und doch wie tief bohrt sich der Schmerz[,] als die Musikkapelle das Trostlied: befiehl du deine Wege. – intoniert, der ganze Jammer über den unersetzlichen Verlust bricht mit elementarer Gewalt hervor. Es ist ja so unendlich schwer, etwas Liebes auf Erden hergeben zu müssen, doppelt schwer fühlt man das Weh um die liebe Weihnachtszeit.

Die Komp. hat ihre 5 Kameraden dem kühlen Schloß der Erde übergeben, der evangelische und der katholische Feldpropst haben in ihren zu Herzen gehenden Ansprachen hervorgehoben, daß die gefallenen Kameraden ihr Leben ließen für die Brüder. Sie haben ein Opfer gebracht für uns und sind ein Opfer geworden für die Blutschuld der ganzen Welt.

Und dann trafen die Klänge des ergreifenden Soldatenliedes das Ohr des Mannes: „Ich hatt´ eine Kameraden, einen bessern findst du nit“ –

Ja er hatte seine besten Kameraden verloren und nie mehr werden sie sich ins Auge schauen können.

Oben in den Lüften ziehen drei deutsche Flugzeuge ihre Bahn und die Ruhe und Sicherheit, mit der sie den Luftraum durchsegeln, giebt auch dem Vater wieder Mut, sich in der Gegenwart zu recht zu finden.

Ein Kamerad war ihm behilflich, die letzte Liebesgabe an seinen Sohn, ein Kreuz, auf dem Grabe aufzustellen. Auf dasselbe hat er den Text mit wehmütiger Andacht geschrieben

„Hier ruht in Gottes Erde der

Gefreite Karl Hecker

  1. Masch. Gew. Komp.
  2. Thür. Inf. Regiment (Großherzog von Sachsen) Nr. 94

geb. 8. Mai 1898

zu Weimar

erlag seinen Wunden

am 13. Dez. 1917

zu Iseghem [Izegem] i Flandern.

und darunter:

Mein Sohn!

Du fielst in der Schlacht.

In der Jugend Reinheit und Pracht.

In Flandern brach dein treues Herz

Und ließ uns zurück in Leid u. Schmerz.

Zu früh´ starbst du.

Doch bleibt dein Gedächtnis

Für uns auf ewig ein heilig Vermächtnis!

– – – – – – – Und der junge Held[,] von dem ich Euch hier erzählt habe, das war mein Sohn. – – –

Max Hecker

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Feldpostbriefe von Siegfried Weniger aus Beeskow an seine Mutter (2. Nassauisches Infanterie Regiment 88)

Über die Biographie Siegfried Wenigers ist bisher leider wenig bekannt. Von ihm sind nur drei vollständige Feldpostbriefe, ein Brieffragment sowie ein Fotoalbum überliefert. Aus seinen Feldpostbriefen erfahren wir, dass er, vermutlich als Kriegsfreiwilliger, wohl im April 1915 beim 2. Nassauischen Infanterie Regiment 88 seine Offiziersausbildung begonnen hat.

In dem Feldpostbrief vom 18. September 1915 berichtet er von seinem Einsatz in den Vogesen bei Barbas. Aus dieser Zeit ist auch eine von ihm handgezeichnete Karte erhalten, die die Stellungen der 9. Kompagnie des IR 88 bei Barbas zeigt.

In dem Feldpostbrief vom 20. September 1915 berichtet er von dem Abzug seiner Kompagnie von Brabas, über Blamont und Réchicourt-le-Château bis nach Dann bei Pfalzburg. Das IR 88 lag dort bis 25. September 1915 in Ruhe. Anschließend wurde es bis Ende April 1916 an der Champagne-Front eingesetzt.

Anfang Oktober 1915 scheint Weniger verletzt worden zu sein, wie aus seinem Feldpostbrief vom 9. Oktober 1915 hervorgeht. Leider schreibt er dort nichts über die Gründe und die Art der Verletzung. Die erwähnte Depesche (vermutlich ein Telegramm) und der erwähnte Brief sind nicht überliefert. Aus seiner Zeit im Lazarett sind zahlreiche Fotos erhalten geblieben.

Aus den Erinnerungsblättern des 2. Nassauischen Infanterie Regiments 88 geht hervor, dass Leutnant Siegfried Weniger am 4. September 1916 an der Somme gefallen ist.

Den Deutschen Verlustlisten vom 11. Oktober 1916 ist zu entnehmen, dass Leutnant Siegfried Weniger (8. Kompagnie IR 88) aus Beeskow schwer verwundet wurde. In den Verlustlisten vom 26. Oktober 1916 heißt es,  Leutant Siegfried Weniger, der „bisher schwer verwundet“ war, sei verstorben.

Es ist also zu vermuten, dass Siegfried Weniger am 4. September 1916 an der Somme schwer verwundet wurde, ins Lazarett kam und dann Ende Oktober 1916 seinen Verletzungen erlegen ist.

Feldpostbriefe von Siegfried Weniger an seine Mutter

Mainz, den 17. IV. 1915.

Meine liebe, gute Mutter!

Entschuldige bitte, daß ich nicht früher geschrieben habe, aber ich hatte zu wenig Zeit. Am Freitag hatten wir Unterricht bei Lt. Kedor und immer Dienst bis abends 1 Uhr. Also ich bin glücklich angekommen, hatte in Halle 2 ½ Stde Aufenthalt und habe Karli in der Schule besucht.

Er hatte sich sehr gefreut und war dann, als ichwieder abfuhr von Halle auf dem Bahnhof. In Frankfurt mußte ich noch einmal umsteigen und war um 832 Uhr in Mainz. Inzwischen waren noch 3 Junker gekommen und alle mußten auf unserer Bude schlafen. Man hat keine ruhige Zeit, um mal etwas zu schreiben usw. Die erste Komp. hatte am Donnerstag grade eine schöne Nachtübung von 32 km. Wir hatten dann Freitag mittag bei Lt. Kedor Unterricht und nicht mehr bei Lt. Bertram. Der gab uns nämlich immer schöne Arbeiten auf. Dann bekam ich am Freitag Dein schönes Schmalzpaket. Ich danke Dir, liebe Mama, vielmals dafür. Heute am Sonnabend hatten wir Schießen und am Nachmittag in Niederwallof [Niederwalluf] (alle Offiziere und Junker) eine taktische Besprechung. Wir fuhren 2te Klasse (es kostete 90 Pf.) bis Niederwallof [Niederwalluf] und der Major hielt einen Vortrag an einer Pionierbrücke. Dann gingen wir in die „Krone“, wo eine Bowle angesetzt war und um 8 Uhr fuhren wir wieder zurück. Ich habe auch einen schönen Brief bekommen von Erich und habe ihm von Niederw. [Niederwalluf] eine Karte geschickt und will ihm morgen einen Brief schreiben. Sonntag mittag will ich meinen Lebenslauf schreiben. Liebe Mama entschuldige bitte, wenn ich nicht mehr schreibe, es ist jetzt schon 12 Uhr nachts und ich bin furchtbar müde von dem Ausflug. Also liebe Mama und liebe Mädels, seid vielmals gegrüßt und geküßt von Eurem treuen Siegfried.

Grüße bitte Mutti und alle Bekannte. Nicht wahr ich schreibe bald wieder. Melanie schicke ich nächstens für ihre Sammlung 2 russische Geschosse mit.

[Seite mit Beginn des Briefes fehlt]

Wann wir das Examen machen werden, ist noch nicht bestimmt. Na ich bin ja gespannt[,] was werden soll. Wir haben bei Lt. Kedor Unterricht. Der gibt uns schweinemäßig auf zu Lernen. Wir haben Montag, Mittwoch und Freitags Unterricht. Immer ungefähr 3-5 Stunden aus dem Exerzierreglement zu lernen. Wir kommen vom Dienst ganz kaput und sollen dann zum nächsten Tag noch ochsen, nun das ist ein bischen zu viel verlangt. Außerdem kann man hier auf der Stube (wir sind jetzt hier 11 Junker) nicht lernen, es ist zuviel Radau. Heute waren wir in Kientopp. Es war der Kientop tadellos eingerichtet, aber schön gespielt[,] nun das kann ich nicht behaupten. Im Zigeunerbaron war es am Sonntag zu schön. Wir haben doch auf dem Grammophon das Stück „Ja, das Schreiben und der Lesen“, das singe ich hier jetzt immer zum Steinerweichen, bis die andern kommen und mich wegen Ruhestörung aus der Bude schmeißen und verhauen wollen.

Ich weiß nicht, ich habe heute solche große Lust zum Schreiben an Euch, Heimweh ist es nicht, denn ich fühle mich hier unter meinen Kameraden wie zu Haus, und mir ist sauwohl zu Mute. Ich schicke Dir hier ein Bild mit. Es ist leider nichts geworden. Aber ich bin zu erkennen. Ein Junker ist nicht mir drauf. Ich stehe links vorn. Ja ich will jetzt Schluß machen. Schicke mir bitte das nächste Mal etwas mehr Geld, ja, bitte, liebe Mama. Sei mir vielmals gegrüßt und geküßt von Deinem treuen Siegfried.

An Melanie werde ich morgen eine Karte schreiben, es ist jetzt schon 12 Uhr nachts.

Gute Nacht

Seid nun nochmals herzlichst gegrüßt und geküßt, und grüßt bitte die liebe Mutti und Onkel Bruno

Barbas, den 18. Sept. 1915.

Meine lieben Mama und lieben Mädels!

Sind seit gestern abend wieder in Barbas. Ach, habe ich der nacht gut geschlafen in meinem Bett. Leider habe ich gestern keine Post von Dir, liebe Mama, erhalten, dafür aber 2 Kartellzeitungen. Gestern vormittag traf ich Fähnrich Metzner, er ist gestern Offizierstellvertreter geworden; er war nur 14 Tage Fähnrich. Hoffentlich werde ich bald Fähnrich und dann so weiter. Seine Kompagnie löste uns ab.

Vorgestern abend haben wir zu abend gegessen saure Milch, das hat aber geschmeckt. Lt. Neundorf schaffte seinen Teller nicht und ich mußte ihn essen. Au backe, da habe ich aber sofort zugegriffen. Es gibt hier viel besseres Essen als im Kasino in Mainz.

2x schon hatten wir Kartoffelpuffer. Haben auch vorzüglich geschmeckt. Für uns kocht ein eingezogener Wiesbadener Koch und er versteht seine Sache. 3 Tage hintereinander hatte ich nichts zu tun. Als ich die Patrouille ging, sagte ich zum Feldwebel, so, nun mache ich aber hier nichts mehr, und ich brauchte nichts zu machen.

Gestern abend gab es beim Oberleutnant Beafsteak [Beefsteak], hat auch gut geschmeckt. Dann kam der Bataillonsadjutant und der Doktor und dann wurde Wein und Sekt getrunken.  Um 12 Uhr konnte ich kaum noch die Augen aufhalten. Lt. Spieckermann war auch eingeschlafen und ehe ich mich versah[,] schlief ich und bekam eine Schachtel Streichhölzer an den Kopf. Ich wollte fort, durfte aber erst nach einer halben Stunde gehen, trotzdem ich zum Vergnügen der andern noch öfter einnickte.

In der Mühle habe ich ein französisches Buch gefunden. Précis historique de la Revolution francaise [Précis historique de la Révolution françoise]. Eine ganz alte Schwarte und stammt aus dem Jahre 1821. Ich glaube, es hat etwas Wert dieses Buch. Ihr könnt ja machen damit[,] was ihr wollt. Ich schicke es Euch, wenn wir hinter der Front sind.

Riesig gefreut habe ich mich, als Erich schrieb, er wäre vom Krankenhaus zum Eisernen Kreuz vorgeschlagen, dazu noch die anhaltische Verdienstmedaille, da wird er stolz sein. Kann er auch, verdient hat er es.

Heute habe ich wieder nichts zu tun. Er ist jetzt halb acht. Eben bin ich aufgestanden.

Ich will nun schließen. Grüße bitte alle Bekannte, Mutti, Onkel Bruno und Frau Beckmann.

Mir geht es gut, dasselbe von Euch auch hoffend, grüße und küßt Euch herzlichst

Euer treuer

Siegfried.

Das sollte aber nicht kommen. Ich muß nämlich bei Licht schreiben.

Von Siegfried Weniger handgezeichnete Karte zur Stellung der 9. Kompagnie IR 88 bei Barbas

Dann und Vierwinden

Den 20. Sept. 1915.

Meine liebe Mama, liebe Mädels!

Befinde mich seit heute morgen 4 Uhr hier in Quartier. Ich schlafe mit einem Untffz. Herrmann, einem Theologen, in einem breiten Bett und habe bis heute mittag 12 Uhr ausgezeichnet geschlafen.

Gestern mittag um ½ 5 Uhr wurde ich von der Wache abgelöst, für 8 Uhr war der Abmarsch bestimmt. Plötzlich bekamen wir in Barbas ein mordsmäßiges Art. Feuer, aber wir konnten in die Keller flitzen; es dauerte nicht lange, aber ab und zu kamen noch einige Salven. Um ½ 7 Uhr aßen wir bei Oberl. zum letzten Male in Barbas zu Abend. Um 8 Uhr marschierten wir ab. Durch Blamont zogen wir singend, trotzdem es jeden Abend beschossen wird, und uns die Franzosen hören konnten. Richtig auch, wir waren kaum eine viertel Stunde aus dem Ort, wunderschöne Stadt, von Hügeln umgeben, als die Franzosen wutentbrannt anfingen, schwere Granaten nach Blamont hineinzufunken. Dann kam eine wunderbare Nachtwanderung, der Mond war aufgegangen, die Sterne funkelten auch klar vom Himmel herab. Es marschierte sich so leicht, man merkte nicht den schweren Tornister, schwer war er. Und die Leute sangen so schön. Ab und zu hörte man die Art. Schießen, aber uns konnte sie nichts anhaben. Vor Rixingen [Réchicourt-le-Château] mußten wir in einem schönen Laubwald Halt machen, kein Lüftchen regte sich und es sangen die Leute wirklich schön. Es war doch ein schöner Sonntag, den ich verlebt habe. Um 1215 fuhren wir von Rixingen [Réchicourt-le-Château] bis Lützelburg [Lutzelbourg] und von dort ging es immer bergauf über Pfalzburg nach Dann ins Quartier, wo ich mich sehr wohl fühle. Schicke mir doch bitte Geld, ich bin vollständig abgebrannt. Die Adresse bleibt dieselbe.

Ich muß nun Schluß machen, eben bin ich zum Essen gerufen.

Nun, liebe Mama, jetzt sind wir hier vollkommen außer Gefahr.

Nun seid innigst gegrüßt und geküßt von

Eurem treuen

Siegfried

Speyer, den 9. Okt. 1915

Meine liebe Mama!

Du hast hoffentlich meinen Brief und meine Depesche erhalten. Ich werde jeden Tag verbunden und kann wohl bald wieder aus dem Lazarett entlassen werden. Sonst fühle ich mich ganz wohl bis auf ein bischen Magenschmerzen und Durchfall. Schicke mir doch bitte meinen Extrarock und Hose hierher. Mein Zeug wird gereinigt. Du hättest uns mal sehen sollen, wie wir aussahen, weiß wie Müllerburschen.

Gepflegt werde ich hier ausgezeichnet, würde aber natürlich gern lieber in Dessau sein. Vielleicht geht es zu machen. Wie geht es denn Mutti, hoffentlich gut.

Ich schreibe heute an meinen Feldwebel[,] daß er mir die Postsachen, Koffer und die letzte Löhnung noch schickt.

Nun liebe Mama, auf baldiges und gesundes Wiedersehen

grüßt und küßt Dich innigst

Dein treuer Siegfried.

Grüße bitte Erich, Mutti, die Mädels und alle Bekannte.

NB Ich fühle mich immer noch etwas schwach, wie du wohl auch an der Schrift merken wirst.

Siegfried Weniger 1. Reihe hockend 1. von links
Siegfried Weniger 1. von links
Fotos eines befreundeten Soldaten: "Z. Erinnerung Dein tr. Walther 1. Nov. 15."

Unbeschriftete Aufnahmen aus Siegfried Wenigers Album

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Kriegstagebuch von Kurt Wagenknecht (20. Juli 1915 bis 11. Oktober 1918)

Kurt Wagenknecht stammte vermutlich aus der schlesischen Stadt Hirschberg. Näheres zu seinem Alter und seiner Familie erfahren wir im Kriegstagebuch leider nicht. Im Juli 1915 arbeitete Kurt Wagenknecht in Berlin bei der bekannten Eisengroßhandlung Jacob Ravené. Am 20. Juli 1915 erhielt er seinen Gestellungsbefehl und erhielt beim Füsilier-Regiment 37. Rekruten-Depot II. Ers. Batl. eine militärische Grundausbildung. Bereits am 1. Oktober 1915 rückte er dann beim Infanterie Regiment 47 ins Feld ein. Bereits wenige Tage später erfolgte die Versetzung zum Grenadier Regiment 7. Am 25. Oktober 1915 ging er dann zum ersten Mal in die Stellung im Abschnitt Loclont im St Mihiel-Bogen. Im September 1916 wurde seine Einheit dann zur Höhe 267 bei Azannes nördlich von Verdun verlegt. Ende Oktober wurde die Einheit dann an die Aisne verlegt. Ende 1916/Anfang 1917 besuchte Wagenknecht die Minenwerferschule der 7. Armee in Sisonne. Anschließend ging er dann wieder in das Einsatzgebiet seiner Einheit an der Aisne bei Soissons zurück.

Ab dem 19. Januar 1917 befand sich Wagenknecht in Hirschberg, seiner mutmaßlichen Heimat. Per Telegramm wurde er am 26. Januar 1917 vorzeitig an die Front zurückbeordert. Bis Ende September 1917 war er dann nördlich von Soissons eingesetzt. Am 23. September 1917 kam er aus uns unbekannten Gründen ins Lazarett und wurde mindestens zwei Mal operiert. Auf dem Vereinslazarett Ehringhausen wurde Wagenknecht am 29. November 1917 entlassen und kam dann zum Grenadier Regiment 7., später dann zur Nachrichten Ersatz Abteilung, wo er eine Ausbildung als Funker absolvierte. Ab Mitte 1918 war dann wieder an der Front an der Vesle und Aisne eingesetzt. Am 11. Oktober 1918, dem Datum der letzten Tagebucheintragung, befand sich Kurt Wagenknecht in Thin le Moutier.

 

Erste Seite des Kriegstagebuches von Kurt Wagenknecht

Kriegstagebuch von Kurt Wagenknecht (20. Juli 1915 bis 11. Oktober 1918)

Tagebuch aus dem Weltkrieg 1914/1918.

Am 20. Juli 1915 war ich bei der Firma Jacob Ravene [Ravené] Eisengroßhdlg. Berlin C. tätig. Als ich an diesem Tage abends 8 Uhr von der Klavierstunde kam, überreichte mir bereits schon auf der Straße meine Wirtin Frau Rüdiger den Gestellungsbefehl. Ich mußte mich bereits schon am nächsten Morgen um 7 Uhr in Schöneberg auf dem Bezirkskommando, General-Popestraße melden. Dort wurde ich zum Füsilier-Regiment 35 nach Brandenburg verladen und kam denselben Tag noch in die Kaserne von ebengenanntem Regiment. Ich bekam sogleich Militärsachen und war natürlich die schöne Zeit als Civilist vorbei. Dort wurde ich nun 14 Tage ausgebildet und war nur die letzten Tage gestattet, die Kaserne auf ein paar Stunden zu verlassen, sonst waren wir wie in Gefangenschaft. Inzwischen kam die Parole heraus, daß der größte Teil der Mannschaften zu schlesischen Regimentern versetzt werden sollte, weil von den schlesischen Regimentern die Polen nach Brandenburg kommen sollten. Am 4. August 1915 morgens wurden wir auf dem Bahnhof Brandenburg a. d. Havel nach Goldberg/Schlesien verladen und kamen am 5. August 1915 mittags dort an. Ich kam dort zum Füsilier-Regiment 37. Rekruten-Depot II. Ers. Batl. Wir exerzierten dort auf dem Wolfberg & Taubenberg. In Quartier lag ich im Gasthof bei Mäusel auf dem Boden, (blauer Stern?). Es war ungefähr am 18. od. 19. September 1915[,] wo ich wegen einer Militärgerichtsverhandlung nach Ostrow fahren mußte. Am 27. September 1915 morgens wurden wir feldgrau eingekleidet und rückten am 1. Oktober 1915 in´s Feld. Wir wurden an diesem Tage morgens 8 Uhr vom Bahnhof Goldberg nach Mancieulles/Frankreich verladen und kam dort zum Infanterie Regiment 47 (L. 47). Die Bahnfahrt dauerte 50 Stunden. Am 8. Oktober 1915 wurde ich zum Grenadier-Regiment 7 (Liegnitz) nach Briey versetzt & sind nach dort 7 km marschiert. Dort hatte ich auch Gelegenheit in St. Privat die Schlachtfelder von 1870/71 sowie das Kriegsmuseum zu besichtigen. Am 20. November 1915 wurden wir vom Bahnhof Briey nach Vigneulles [Vigneulles-lès-Hattonchâtel] verladen und von dort aus über St. Maurice [Saint-Maurice-sous-les-Côtes ] nach Woel [Woël] marschiert. Die Fahrt ging über Conflans, Mars-la-Tour. Dort kam ich zur I. Komp. Gren. Reg. 7. 5. Korporalschaft. Das Quartier hatten wir in der Kirche in Woel [Woël]. Am 25. November 1915 ging es zum erstenmal in Stellung. Wir marschierten morgens 4.30 Uhr über St. Maurice nach der Côtes-Lorraines und war unsere Stellung im Abschnitt Loclont. Das Wetter war sehr regnerisch und die Unterstände miserabel. Die Ablösung erfolgte alle 5 Tage. Als Wachtposten stand ich am Unteroffiziersposten 2. (U.P.2.) Grabenposten U.P.1 & Horchposten. Postenablösung alle 2 Std. Waschgelegenheit hatten wir während der 5 Tage in Stellung nicht, sondern konnten uns erst immer nach dieser Zeit einer gründlichen Reinigung unterziehen. Am 23. Dezember 1915 als wir wieder in Ruhe waren, fand abends die Weihnachtsfeier statt. Zu diesem Fest wurde in einer Scheune nahe der Kirche ein Feld mit Zeltbahnen abgegrenzt. Die Seiten waren mit Tannengrün geschmückt und in der Mitte auf Tischen brannten 2 Christbäume. Ein Chor hatte Weihnachtslieder gesungen und jeder Soldat bekam eine kleine Gabe. Nachdem die Feier dort beendet war, wurde dieselbe in der Kirche fortgesetzt. Am 24. Dezember 195 war der Vormittag dienstfrei und nachmittags Gottesdienst. Die Kirche war Quartier, war an diesem Tage ebenfalls sehr schön geschmückt.

Am 25. Dezember 1915 morgens 4.30 Uhr wieder in Stellung. Am 31. Dezember 1915 Sylvesterfeier wieder in Ruhe.

Am 4. Januar 1916 in Reserve-Stellung. Arbeitsdienst von 8-11 Uhr, während dieser Zeit wurde geschanzt. Von 1.15-2 Uhr Gewehrreinigen. Von 2-5 Uhr schanzen. Unterstände waren für je 1 Gruppe eingerichtet. Nachts ein Patrouillenposten, 1 ½ Std. Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch erwähne, daß, als wir am 30.12.15 aus Stellung nach Woël kamen, sofort nach dem Essen flüchten mußten, da das Dorf beschossen wurde. In Woël mußte ich auch zeitweise an der Straßenkreuzung Posten stehen, um die vorüberfahrenden Autos zu kontrollieren. Vom 14.-29. Januar 1916 in Reserve-Stellung. Davon am 17., 18. & 19. Januar nach Remy eine Wasserleitung bauen. Arbeitszeit von 7.30 Uhr – 2.00 Uhr. Am 23. Januar 1916 mußte ich in den Pionierpark & Munitionslager[,] es war ein klarer sonniger Tag. Die Grande-Tranchée wurde infolge befahrens mit Feldküchen von französischen Fliegern beschossen. Am 27. Januar 1916 Geburtstagsfeier S.M. K. W.II. Nachmittags frei in Stellung. Am 31. Januar 1916 wurde wir alle zur Entlausung nach Thillot geschickt. Am Nachmittag fand die eigentliche Geburtstagsfeier unter Aufführung von Theaterstücken statt. Am 8. Februar 1916 kamen wir mittags von Stellung zurück und mußte [ich] abends sofort in die Ortskrankenstube von Woël eingeliefert werden, da ich sehr hohes Fieber hatte. Am 14. Februar 1916 wurde ich wieder entlassen. Am 28. Februar 1916 waren wir in Reserve Stellung. Um 12.10 Uhr mittags mußten wir uns marschbereit halten und kamen dann in die Stellung des Inf. Reg. 154 bei Les Esparges [Les Éparges]. Gleichzeitig mußte ich das Essen mit herbeischaffen und fand, als wir in den Annäherungswegen zur Stellung waren[,] eine heftige Beschießung mit Artillerie statt. Für einige Tage später war ein größerer Angriff vorgesehen, alle Anordnungen waren dafür bereits getroffen. Die Sturmleitern waren ebenfalls schon an die Gräben gestellt. Ein anderer Zufall wollte es, daß der Angriff nicht ausgeführt werden konnte. Die Stellung auf der Côtes-Lorraines sowie bei Les Esparges [Les Éparges] sah sehr wüst aus. Kein Baum kein Strauch war mehr zu sehen. Die feindliche Artillerie hatte alles weggefegt. Am 3. März 1916 wieder abgelöst. Am 10.3.16 in Stellung I. Linie (Loclont)[.] Am 17. März 1916 wieder in Ruhe[.] In Saint Maurice fand auf dem Kriegerfriedhof die Beisetzung des Offz. Asp. Gefr. Gensel, welcher auf dem Patrouillengange 16.3. tötlich getroffen wurde[,] statt. Da wir bei dieser Feier von englischen Fliegern bedroht wurden, mußten wir uns alle auf dem Kirchhof hinlegen. Ein Unglück ist nicht passiert. Am 3. April 1916 mußte ich nach Thillot. Unterwegs konnte ich beobachten, wie feindliche Flieger deutsche Flieger bekämpften. Nach längerem heftigen Kampfe mußte ein deutscher [F…?] infolge eines Defektes landen. (Quartier Mühlenstr. 37). Am 19. April 1916 abends 8.30 Uhr bezogen wir die Stellung der Bayern, welche auf dem Loclont links von uns lagen bei Vaux les Palameix [Vaux-lès-Palameix]. Es war eine sehr gefährliche Stellung, da die Franzosen wußten, daß in diesem Abschnitt die Bayern lagen & daher die Stellung immer heftig unter Feuer nahmen. Am 9. Mai 1916 fand eine dauernde heftige Artilleriebeschießung unserer Stellung statt. Der Graben des 2. Zuges war fast vollständig zu. Nach vieler Arbeit konnten wir die verschütteten Unterstände wieder frei bekommen. Am 11. Mai 1916 waren wir in Reserve-Stellung, genannt Weberstützpunkt. Ich war dort auf Relais-Posten. R.P. 285. Wir hatten dort die Aufgabe, die Verbindung mit der vordersten Linie aufrecht zu erhalten. Teilweise wurden wir auch von der Artillerie und schweren Minenwerfern beschossen. Am 15. Mai 1916 abends 6 Uhr versuchten die Franzosen bei uns anzugreifen[,] ich war noch auf Relais-Posten 2[,] mußte mich aber auf Befehl v. R.P. 2 zurückziehen und die Stellung vom Schleichgraben Ecke des Weberstützpunktes mit besetzen. Die Franzosen waren teilweise in die erste Linie eingedrungen und mehrere von uns gefangen genommen. Durch das heftige Artilleriefeuer war die Stellung vollständig zerschossen. Handgranaten & Gewehrmunition war viel zur Stelle. Nach erfolgtem Angriff mußte ich den R.P. 2 wieder beziehen.

Kriegsbericht!

Die französischen Angriffe bei Combres!

Als ein Zeichen für die Unerträglichkeit unseres stärker und stärker werdenden Druckes auf die im Raum von Verdun kämpfenden französischen Truppen kann es angesehen werden, daß die Franzosen, wie der heutige Heeresbericht meldet, nun den Versuch machten, sich östlich der Maas südwestlich von Combres auf den Höhen der Côtes-Lorraines Luft zu schaffen. Hier steigen unsere alten, festen Stellungen südwestlich von Les Espargnes [Les Éparges] auf die Höhe[,] überschreiten die große Straße, die von Hattonchâtel südwestlicher Richtung bis zum Schnittpunkt der Straße von St. Remy nach Lacroix-sur-Meuse und biegen dort knapp östlich des Dorfes Vaux-les Palameix durch das Bois des Chevaliers in Richtung auf Seuzey nach Nordosten ab. In ihrem weiteren Verlaufe wenden sie sich wieder nach südwest und umgreifen als Spitze die Städte St. Mihiel und Chauvoncourt. Gegen den so entstehenden flachen Buckel bei Vaux-les-Palameix, dessen Gräben durch umsichtiges hügeliges Waldgelände gehen und der die Möglichkeit flankierenden Einwirkungen von beiden Seiten bietet, richteten die Franzosen am 15. Mai einen größeren Angriff. Es schien ihnen anfangs auch einige Erfolge zu verheißen, und es gelang einzelnen Teilen[,] Teilen ihrer Sturmtruppen[,] bis an unsere Gräben heranzukommen, stellenweise sogar in die Gräben selbst einzudringen. Unsere sofort einsetzende Gegenwirkung war diese eingedrungenen Franzosen sogleich und restlos wieder aus unseren Stellungen hinaus und trieb die Angreifer in ihre Ausgangsstellungen zurück. Auch dieser Angriff östlich der Maas hat den Franzosen also nur blutige Verluste und keinerlei Erfolg gebracht.

Am 17. Mai 1916 wurden wir in die Bayern-Kaserne (Friedenstal) abgelöst. Am 22. Mai 1916 drohte der Franzose wieder bei uns anzugreifen, alle Stellungen am Schleichgraben mußten besetzt werden. Der Angriff erfolgte jedoch nicht. Am 23. Mai 1916 wurden wir wieder auf 4 Tage nach Woël abgelöst. Am 26. Mai 1916 mußte ich mich wegen Anpassen eines Bruchbandes in das Lazarett (Kriegsschule) nach Metz begeben, am 27.5.16 wieder zurück, 14 Tage Schonung. Am 26. Mai 1916 wurde Leutnant Koch beerdigt. Am 16. Juni 1916 als wir in Ruhe waren, wurde Woël von morgens ½ 10 Uhr bis abends 7 Uhr beschossen. Am 6. August 1916 bat mich Feldwbl.-Leutnant Reich und noch einen Kameraden mit auf Patrouille zu gehen. Wir machten uns also abends gegen 10 Uhr alle drei auf & verließen die 1. Stellung, um bei den Franzosen zu spionieren. Wie lagen auf der einen Anhöhe. Die Franzosen vis-à-vis auf der anderen. Zwischen beiden Stellungen war ein schönes Thal gelegen, welches auch noch mit Bäumen & Sträuchern bewachsen war. Nachdem wir das Thal durchquert hatten, schlichen wir uns an den auf halber Anhöhe vorgeschobenen Posten der Franzosen heran. Nachdem wir die Drahtverhaue zerschnitten hatten, schlichen wir uns direkt bis an den Posten heran. Da wir jedoch bemerkt worden waren, hatte sich der französische Posten zurückgezogen. Französische Zeitungen (Gazette des Ardennes)[,] welche bei uns gedruckt wurden, legten wir in den Sappenkopf hinein und zogen gegen 1 Uhr nachts uns wieder zurück. Einige Leuchtkugeln wurden in der französischen Stellung abgeschossen, & einige Gewehrschüsse fielen. Zu Unglück ist niemand gekommen. Am 18. August 1916 wurde dieselbe Patrouille mit noch weiteren 2 Mann fortgesetzt. Ich war mit 1 Pistole, Fernglas, Drahtscheere & 4 Eierhandgranaten ausgerückt. Gegen 5 Uhr morgens verließen wir die Stellung und hielten uns weiter links von dem französischen Postenloch[,] welches angeblich nur des nachts besetzt war. Einige Meter weiter links hatten die Franzosen eine vorgetriebene Stellung[,] der sogenannten Blinddarm; und war an dieser Stelle die beiden Fronten nicht weit auseinander. Wir suchten uns dort sichere Verstecks aus & konnten so mittels Fernglas die Franzosen direkt in ihren Stellungen im Rücken beobachten. Wir machten dort noch wichtige Aufzeichnungen & waren auch zeitweise noch weiter an die Unteroffiziersposten vorgerückt. Wir nahmen dort noch verschiedenes Beweismaterial mit & kehrten gegen 2 Uhr mittags wohlbehalten in unsere Stellung zurück.

Skizze zur Patrouille vom 18. August 1918

21.8.1916 Morgens 6.15 Uhr Fortsetzung der Patrouille, 1 Leutnant & 10 Mann, Feldwbl.-Leut. Rust wurde dabei leicht verwundet abends nach Hannonville-au-Passage in´s Lazarett.

26.8.1916 Nach Droitaumont.

11.9.1916 Ging ich von der Côtes zurück nach Woël. Die Kompagnie löste gegen 9 Uhr abends ab.

12.9.1916 Waren wir marschbereit & marschierten abends 7.45 nach St. Benoit [Saint-Benoît-en-Woëvre], wo wir auf dem Bahnhof verladen wurden nach Margut. In der Nähe befand sich Stenay. Gr. H. [Großes Hauptquartier] des Kronpr.

16.9.1916 Marschierten wir von Margut nach ( – ) und wurden nach Landres verladen. Abmarsch 6 Uhr morgens Ankunft 1 Uhr mittags.

Von Landres marschierten wir nach Preutin und wurden dort einquartiert.

17.9.16 Morgens 10 Uhr fand die Parade vor Sr. Exellenz General v. Lochow statt.

19.9.16 Morgens 7 Uhr Umquartierung nach Higny.

30.9.16 Morgens 4 Uhr Abmarsch nach Preutin von dort nach Spincourt gelaufen, dann mit der Bahn nach Deutsch-Eck gefahren. Von dort nach Höhe 267 bei Azannes. Staffettenläufer beim Feld.-Artl. Reg. 41. Brühle-Schlucht [Brûle-Schlucht], Chapitre-Wald, Bezannvaux [Bezonvaux].

5.10.16 Station aufgelöst, zurück nach Höhe 267, dort beim Telegraphen-Batl. Leitungen gelegt: Herbebois-Süd.

8.10.16 Auf 6 Tage abgelöst nach Rouvrois [Rouvrois-sur-Othain].

19.10.16 Regnerisches Wetter bei Telegr. Trupp. Draht suchen, vollständig durchnässt.

24.10.16 Angriff der Franzosen bei Verdun. Kasemattenschlucht, Douaumont, Vaux, Abends 9 Uhr von Wache auf den Apellplatz.

30.10.16 Marsch nach Arrancy [Arrancy-sur-Crusne] von Rouvrois [Rouvrois-sur-Othain], dort verladen[.] Fahrt über Sedan, Margut, Laon nach Landrecourt [Landricourt]. Von dort nach Leuilly [Leuilly-sous-Coucy ] marschiert.

1.11.1916 Mittags 5 Uhr Abmarsch nach der Stellung, Ankunft ½ 12 Uhr nachts. Feldwache 3. Pendelposten. Stellung links von Soissons Fontenoy La Roche Höhle, Chatillon Ferme, La Roche-Mühle U.P. Ch. Ferme Feld-Wache 2- Ostly, Pappelwäldchen, Mittelwäldchen, Aisnewäldchen, Aisne-Fluß, Strasse Soissons-Compiègne, Tatius-Tal (Wald)[.]

8.11.1916 Abends Feldwache 2. Quartiere im Keller. Posten 1. Mittagessen 11 Uhr abends, Kaffee 3 Uhr morgens.

12.11.1916 Morgens 6 Uhr zurück von Feld-Wache 2 nach der La Roche-Höhle[,] dort vorläufig geblieben.

17.11.1916 Mittags kam ich an die Fernsprechstelle beim Batl. und wurde dort ausgebildet.

20.11.1916 Mittags um 2 Uhr abgelöst nach ferme de Mareuil, dort Station besetzt.

27.11.1916 Mittags gegen 4 Uhr in Stellung, Station beim Batl. besetzt.

12.12.1916 Abends mit dem Parkwagen gegen 8 Uhr nach Trosly-Loire dort übernachtet, denn am Morgen um ½ 8 Uhr nach Coucy le Chateau[,] von dort mit der Bahn über Laon nach Amifontaine[,] von dort nach Pouvrais [Prouvais] zur Minenwerfer Komp. 432, 222 I.D.

13.12.1916 Mittags 12 Uhr nach Amifontaine[,] von dort mit der Kleinbahn in Stellung. „Minenburg“ (kaltes Wetter)

Gegen ½ 12 Uhr waren wir in Laon und haben uns am Tage die Stadt angesehen. Elektrische-Straßenbahn. Abends 10.10 Uhr sind wir weiter nach Amifontaine gefahren[,] wo wir nach Prouvais gelaufen und kamen gegen ½ 1 Uhr nachts dort an.

20.12.1916 Mittags 2 Uhr marschierten wir nach Prouvais und kamen dort gegen 5 Uhr an.

21.12.1916 Morgens 7 Uhr nach St. Erme[,] von dort mit der Kleinbahn nach Sisonne zur Minenwerfer-Schule der 7. Armee.

24.12.1916 Weihnachten in der Minenwerfer-Schule in Sissone. Keine Postsachen da. Sehr traurige Weihnachten.

31.12.1916 Sylvester Postsachen am 30. eingetroffen. Keine besondere Feier. Am Abend im Soldatenheim der Minenwerfer-Schule.

13.1.1917 Mittags 2 Uhr Abmarsch von der Minenwerfer-Schule Sisonne. Mit der Bahn über St. Erme-Laon-Cuisy le Chateau [Coucy le Château] -Trosly Loire. In Trosly-Loire bei der Bagage übernachtet.

14.1.1917 Mittags 2 Uhr Abmarsch nach er Stellung über Vezaponin [Vézaponin], La Roche-Höhle.

19.1.1917 Abends 6 Uhr auf Urlaub. Morgens 7 Uhr von Laon. Gegen 6 Uhr Abfahrt von Coussy le Chateau [Coucy le Château], Ankunft in Hirschberg 21.1.1917 abends 12 Uhr.

26.1.1917 Telegrafische Ordre sofort zurück.

27.1.1917 Sonnabend früh 10 Uhr von Hirschberg abgefahren, 3 Uhr nachmittags in Berlin-Friedrichstr. Dort 9 Uhr abends wieder abgefahren über Elberfeld M.-Gladbach, Lüttich, Namur, St. Quentin nach Coucy le Chateau [Coucy le Château].

28.1.1917 Nachts 12 Uhr angekommen[,] von dort nach Trosly-Loire gelaufen[,] dort übernachtet & am 29.1.1917 abends in Stellung in die la Roche-Höhle.

30.1.1917 mittags zum 2. Batl. in´s Wangenheim Lager zum Minenwerfertrupp. Dort wurden Werferstände gebaut. Sehr kalt. Gute Unterstände.

12.2.1917 Von Soissons abgelöst nach der Mareuil-Ferme.

13.2.1917 abends gegen 10 Uhr Abmarsch von Mareuil-Ferme nach Pont-sa-Mard [Pont-Saint-Mard]. Dort auf Autos geladen bis kurz vor Laon.

14.2.1917 Von dort bis hinter Laon gelaufen und auf der Verladerampe nach Vigneulles-Wald verladen.

15.2.1917 Von Vigneulles-Wald bis St. Maurice nachts in´s Waldlager gelaufen (Neu-Posen) Barackenlager.

16.2.1917 in Stellung als Minenwerfer Combres-Höhe Linke Waldecke.

19.2.1917 abgelöst in die Combres-Tunnel. C.4. Stollen sehr gut. Ruhequartier Scheinwerferbaracke St. Maurice.

5.4.1917 Auf Stand Lina Sprengungen auf Combres, 6 Trichter wurden gesprengt. 7.45 abends einsetzen der eigenen Artillerie & Scheinwerfer, ½ 9 Uhr bis ¼ 10 Uhr einsetzen der franz. Artl. & M.W. Ich als Telefonist auf Stand Lieschen. Um 10 Uhr noch einmal Sperrfeuer der franz. Artl.

20.4.1917 Auf Beobachtung im Steinbruch. Essen holen im Combres-Tunnel C.4.

24.4.1917 Von Combres abgelöst.

25.4.1917 morgens 7 Uhr noch einmal in Stellung abends 6 Uhr wieder retour.

26.4.1917 mittags 4 Uhr nach Vigneulles-Wald gelaufen, nachts gegen 1 Uhr abgefahren mit der Sanitätskompagnie über Sedan nach Novion-Porcien, dort umgestiegen.

28.4.1917 morgens 11 Uhr in Montcornet angekommen, mittags gelaufen nach Lislet, wo auch die Komp. hinkam, dort auf einem Gut auf dem Heuboden übernachtet.

29.4.1917 morgens 10 Uhr weiter ca. 10 km nach Bucy [Bucy-lès-Pierrepont]. Von Bucy am 30.4.1917 ca. 18-20 km nach Mauregny [Mauregny-en-Haye][,] von dort am 2.5.1917 morgens gegen 9 Uhr Abmarsch nach Sissonne auf den Truppenübungsplatz. Abends in Zelten übernachtet.

6.5.1917 morgens 4 Uhr geweckt[,] 6 Uhr Abmarsch in´s Waldlager (Ritterlager)[.]

8.5.1917 abends Komp. in die 2. Linie. Als Vorkommando den Weg erkunden. Minenwerfer als Trägertruppen. Abends 7 Uhr war der Abmarsch. Franz. Sperrfeuer. Morgens 6 Uhr retour.

10.5.1917 in ein anderes Waldlager. Komp. Winterberg, Artl. Schutzstellung.

24.5.1917 abends gegen 7 Uhr Abmarsch von St. Tomas [Saint-Thomas] nach Montaigu in Ruhe.

28.5.1917 Als Vorkommando in Schutzstellung. Ruhequartier der Trägertrupps in St. Tomas [Saint-Thomas].

30.5.1917 abends in´s Waldlager bei St. Erme wegen beschießen des Dorfes.

5.6.1917 abends in Waldlager St. Erme nach dem Waldlager bei Montaigu abgelöst.

6.6.1917 mittags verladen von Montaigu bis Montcornet von dort nach Chaourse marschiert.

7.6.1917 Von Chaourse Abmarsch gegen 5.30 Uhr nach Harcigny.

14.6.1917 Abmarsch von Harcigny morgens nach la ville aux Bois [La Ville-aux-Bois-lès-Dizy] teilweise marschiert & gefahren.

15.6.1917 7 Uhr morgens Abmarsch von la ville aux Bois [La Ville-aux-Bois-lès-Dizy] nach la Selve in´s Waldlager.

17.6.1917 Vom Waldlager la Selve nach dem Waldlager bei la Malmaison. Baracken. Joffre-court-Ferme.

22.6.1917 Vom Waldlager Abmarsch gegen 9 Uhr in Stellung bei Berry-au-Bac (Damary-Ferme)[.]

Vom 23. Zum 24.6.1917 Patrouillen-Unternehmungen (Abteilungswald). Ich auf Minenwerferstand 1.

20.7.1917 Abends gegen ½ 11 Uhr in Stellung des Inf. Regts. 19.

23.7.1917 Morgens gegen 7 Uhr wieder retour. Stellung beim Regts.-Gefechtsstand Amifontaine, Res. Stellung.

Amifontaine, Prouvais, Jouvincourt [Juvincourt-et-Damary], La Malmaison, Joffrecourtferme. M.W. Stände 1-4. Küche in der Damary-Ferme.

Vom 7. zum 8. Sept. 1917 nachts ½ 1 Uhr aus Stellung abgelöst über Amifontaine, St. Erme, Marchais, Liesse b/Laon [Liesse-Notre-Dame] nach Gizy.

Am 8.9.1917 morgens ½ 9 Uhr in Gizy angekommen, Quartier auf dem Heuboden[.]

23.9.1917 mittags ½ 2 Uhr in´s Res. Feld-Lazarett 47 nach Liesse[.]

24.9.1917 mittags 12 Uhr operiert.

1.10.1917 wieder operiert.

2.10.1917 morgens mit dem Auto nach Missy [Missy-lès-Pierrepont?][,] dort um 10 Uhr in den Lazarettzug verladen[,] über Herbesthal, Aachen, Köln nach Ehringhausen.

4.10.1917 morgens 9 Uhr in E. angekommen. Vereinslazarett bis 29.11.1917.

Vom 1.11.1917 bis 28.4.1918 beim Grenadier-Regiment 7 Liegnitz.

29.4.1918 Versetzung zur Nachrichten Ersatz Abtlg. 5. Liegnitz. Ausbildung als Funker.

8.6.1918 morgens 8.15 Uhr Abmarsch aus der Funker-Kaserne nach dem Bahnhof. 9.18 Uhr Abfahrt nach Sagan. Gegen 11 Uhr dort. 1.18 Uhr weiter nach Halle über Cottbus, Finsterwalde, Torgau, Eilenburg – Halle. 9 Uhr abends dort übernachtet und Sonntag früh gegen ¾ 9 Uhr nach Cassel über Eisleben, Sangerhausen, Kyffhäuserwald mit Denkmal, Nordhausen. Sonntag nachmittag Fahrt durch den Thrüingerwald, herrliches Wetter. Eichenberg (Thüringen) Hann.-Münden, Limburg (Lahn) 6 Uhr früh (Marburg) vorher Nieder-Lahnstein Bad Ems, Burg Lahnstein, Stolzenfels am Rhein. Rheinbrücke Rhein bei Coblenz gegen 10 Uhr früh in Coblenz[.] Burgen & Schlösser Rhein-Mosel, herrliche Gegend. Tunnel-Durchfahrt 15 Min. Länge 4,9 Klm. Der größte Tunnel Deutschlands. Gegen 4 Uhr in Trier. Luxemburg gegen 10 Uhr abends.

11.6.1918 7 Uhr morgens Sedan & Charleville, Liart, 11 Uhr morgens[,] nachmittags wieder zurück nach Charleville ½ 7 Uhr abends an Ort & Stelle. Armee-Nachrichten-Park 1. Funker-Mannschafts-Depot, Quartiere in Charleville la rue-Avennue-Gustav-Gailly [Avenue Gustave Gailly] 39.

22.6.1918 nachmittags 2 ½ Uhr v. Charleville nach Liart, Hirson, Valenciennes. Ankunft 11 Uhr abends. Sonntag nachmittag gegen 4 Uhr weiter nach Douai gegen ½ 7 Uhr dort & übernachtet. In Douai verpflegt in der Caserne „Duriette“[,] geschlafen in der Rupprecht-Kaserne, Montag gegen 6 ½ Uhr abends wieder retour nach Valenciennes. ½ 9 Uhr Ankunft. Verpflegt in der Kaserne Viencent. Sonntag das Aufziehen der Wache Parole Musik am Rathaus.

Dienstag 25.6.18 ½ 10 Uhr vorm. von Valenciennes nach Charleville ½ 6 Uhr Ankunft.

Mittwoch 26.6.1918 2 ½ Uhr nachmittags nach Rethel 6 Uhr Ankunft. Dort übernachtet.

Donnerstag 27.6.1918 morgens ½ 9 Uhr mit der Kleinbahn nach Asfeld. ½ 10 Uhr Ankunft, von dort nach Vieux-les-Asfeld gelaufen[,] in Asfeld verpflegt. ½ 3 Uhr nach Hermonville mit der Feldbahn. Aisne-Tal, Neufchatel, Pignicourt, Berticourt, Hermonville nach Pevy [Pévy][,] von dort zu Fuß nach Montigny [Montigny-sur-Vesle]. Gegen 10 Uhr abends in Montigny angekommen. Quartier in einem ehemaligen französischen Barackenlager. Grufunka 537.

29.6.1918 Ehrenurkunde durch Leutnant Berner überreicht.

1.7.18 kamen 3 französische Flieger gegen ½ 7 Uhr abends (Löhnungsappell) & stürzten sich auf einen deutschen Fesselballon, welcher hell in Flammen aufging. Der Beobachter rettete sich mittelst eines Fallschirms, soll aber abgestürzt sein, da sich der Fallschirm überschlagen hat.

Dienstag 30.7.1918 Um 7 Uhr morgens Abmarsch v. Montigny nach Avaux über Boucy, Berry-au-Bac, Condé, Guignicourt, Menneville, Neufchâtel, Evergnicourt [Évergnicourt], Avaux. Nach ca. 20 km Marsch mit einem Auto gefahren, gegen 2 Uhr Ankunft, Bagage gegen 4 Uhr. Quartiere ganz gut. Quartiere Rue de Malmaison 9. Centrale. In Montigny mehrfach Sprengungen feindl. Munitionslager durch Flieger. Feindl. Geschwader in Stärke von 30-40 Flugzeugen. Mehrere Abende öfters Fliegerangriffe. Flugplatz ca. 30 Tote, Bahnanlagen[,] Munitionslager etc.

29.8.1918 abends ½ 8 Uhr mit dem Lastauto von Avaux nach Alincourt über Asfeld, Poilcourt, Rouvy [Roizy], Neuflize, Alincourt. ½ 11 Uhr dort Abteilung in Baracken um 1 Uhr schlafen gegangen.

30.8.1918 Leitungen gebaut.

1.9.1918 abends 7 Uhr v. Alincourt nach Neuflize, gegen 9 Uhr Abfahrt nach Givet[,] dort Ankunft gegen 8 Uhr morgens Montag, dort verpflegt. 10 Uhr Abfahrt über Namur Lüttich nach Herbesthal, verpflegt gegen 5 Uhr in Aachen um 7 Uhr Köln-Ehrenfeld in Köln um ½ 12 Uhr. Dom Hohenzollern-Brücke Köln-Deutz nach Haspe Ankunft Dienstag 3 Uhr verpflegt, gegen 4 Uhr Abfahrt. Lippstadt Dienstag gegen 9 Uhr Paderborn. Wurst, Brot, Kaffee.

Neuenbeken, Altenbeken, Driburg, Carlshofen, Northeim verpflegt Dienstag ½ 5 Uhr nachm. in Nordhausen. Sangerhausen, Eisleben ½ 8 Uhr abends Mittwoch früh ½ 7 Uhr in Cottbus. An Hirschberg 3.51 Uhr.

20.9.1918 abends 6 Uhr nach Leipzig über Görlitz gegen 1 Uhr in Leipzig. Dann weiter über Sangerhausen, Paderborn, Siegburg, Stacken, Lüttich, Namur, Siveh, Neuflize. Montag 9 Uhr vorm. b. d. Abteilung.

27.9.1918 morgens 7 Uhr von Alincourt nach Neuflize über Roberchamp Ferme nach Laon, dort übernachtet abends Kino.

28.9.1918 mittags 1 Uhr nach Crepy [Crépy] gefahren, von dort nach Couvron, für Grufunka 531 einen Apparat umgetauscht.

29.9.1918 morgens 2 Uhr nach Crepy [Crépy]. 3 Uhr nach Laon.

30.9.1918 morgens 3 Uhr bei der Abteilung angekommen.

5.10.1918 Von Alincourt 8 Uhr vorm. nach Rethel 11 Uhr dort. Baracken auf dem Berge, Baracken gut.

11.10.1918 mittags ½ 1 Uhr von Rethel Abmarsch nach Thin le Moutier abends 8 ½ Uhr angekommen. Bürgerquartier, Strasse überfüllt von Flüchtlingen.

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Kriegstagebuch von Gotthilf Ammen aus Bleckede (10. August 1917 bis 1. Januar 1919)

Gotthilf Ammen war Zigarrenfabrikant und Besitzer einer Buchhandlung in Bleckede. Er war Landsturmmann im Infanterie Regiment Nr. 184, 10. Kompanie. Wann genau sein Einsatz im 1. Weltkrieg begann, geht aus dem Kriegstagebuch leider nicht hervor. In den Verlustlisten vom 4. Oktober 1916 ist er als leicht verwundet bezeichnet.

Das vorliegende Kriegstagebuch beginnt am 10. August 1917 und Ende mit der Rückkehr nach Bleckede am 1. Januar 1919. Ab August 1917 war Ammen zunächst an der Westfront in Belgien im Einsatz, bevor die Einheit am 21. August 1917 nach Frankreich nordöstlich von St. Quentin verlegt wurde. Bis Oktober 1918 war Ammen dann an verschiedenen Orten in Frankreich im Einsatz, bis er dann am 20. Oktober 1918 wegen Rheumatismus ins Lazarett kam. Am 7. Dezember 1918 wurde er nach Bleckede verlegt. Das Reservelazarett Schützenhaus konnte er am 1. Januar 1919 nach Hause verlassen konnte.

Kriegstagebuch von Gotthilf Ammen aus Bleckede (10. August 1917 bis 1. Januar 1919)

Erste Seite des Kriegstagebuches von Gotthilf Ammen

Landsturmmann Gotthilf Ammen 10/184 aus Bleckede b. Lüneburg

Am 10. August 1917 erhielt ich dies Buch mit Briefmappe von Hause nachgeschickt.

In Baslieux b. Pierrepont Longwy sind wir als Sturmtrupp ausgebildet und am 2. Aug. ausgerückt. Vom 3 zum 4 gings von Menin mit Autos bis zur Stellung, von dort zu Fuß zum Kalve-Lager. Bald jeden Morgen vorrücken vor uns liegt die 50. + 79. Div. der wir als Sturmtruppe zugeteilt sind.

Meine Uhr bei dem Alarm verloren. Menin – Ypern.

15/16 Aug. Stellung

  1. Aug. zurück. Langemark
  2. Aug. Abfahrt nach Fresnois [Fresnoy-le-Grand?] beg.

___ Aug. Eisernes Kreuz

1/2 Sept. Stellung Bereitschaft.

5/6 Sept. 1. Graben

10/11 Bereitschaft

Bin als Läufer abkommandiert. Boni [Bony] b. Le Chatelet [Le Catelet]. Überdeckter 7 km langer Kanal der 140-160 Stufen tief liegt. [Kanal von Saint-Quentin]

Riga u. Dünamünde fallen 3/5 Sept.

  1. Sept. Beaurevoir in Ruhe

21-22 Sept. Kantinen Einkauf in Brüssel. Varité Kerman. 1500 Personen Raum Zillerthal

22/23 I Linie Stellung. In Brüssel kann man alles kaufen, aber heftiger, Schokolade 2 Tafeln 8-10 Fr. Pralline 100 gr. 2,50 Fr.-5,- Fr, Speck 10-12 Fr. Würste 12-15 Fr. Schinken 20 M. Kartoffel Pfund 1.40 M. erzählte mir eine Wirtsfrau, wenn sie außerhalb kaufen + holen, dann wird der Verkäufer nach Deutschland geschickt und muß 2 Wochen brummen der Käufer bzw. 1 M. fürs Pfund Strafe. Einzelne sehr schöne Bauten gesehen und Menschen. Es herrscht großes Leben, nachts wird man viel von Weiber angehalten.

In Bereitschaft 2x abkom. auf Wasserpatrouille bei der Pumpstation.

Vorne bis 12 Stunden Posten stehen ohne Ablösung die ganze Nacht.

—————

Eingezahlt           190 Mark

7 Okt.                   55 Mark.

  1. Okt. 5 Mark

410 K. Sparkasse Bleckede

—————

12/9                      5500 A 1

3/10                      5500 8000

7000 A 2              11900 8000

A 3 3950 A

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  1. Okt. Kontributionsgelder 7.40 M.
  2. Okt in Ruhe Beaurevoir
  3. Okt. Vorbesichtigung

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Wona-Karten-Verlag

Königswartha (s.)

Marsa Wona Karte 30 Pf.

———-

  1. Okt. Kirchgang

nachmittags Kirchenconcert sehr gut

22 Besichtigung

  1. Dienstag: Stellung m. Dockhorn Läufer
  2. Speckaal. hochfein!

Italien   10000 Gefangene Ital.

  1. Italien 30000 Gefangene
  2. Italien 80000 Gefangene
    670 Geschütze

1. Nov. 180000 Gefangene 1500 Geschütze

230000 Gefangene         2500 Geschütze

9. Nov. Ablösung in Ruhe

Ina Paket N. 10

  1. Nov. Patrouille

Unternehmen, ich bin zufällig auf Ortswache

I Linie Sappe 5

Regenwetter, die Gräben sind nicht wieder zu erkennen. Geschwür.

II Linie

Läufer. Gehe zum Arzt. Nach 2 Tagen Zellgewebsentzündung (vom Schanzen) am r. Mittelfinger. Auf Veranlassung des Komp. Führers komme ich ins Revier, der Stabsarzt schneidet den Finger nochmals, das Ausstopfen m. Gaze schmerzt sehr und das Reinigen mit der Pinzette.

Die Division wird am 30 Nov. 1. Dez. zum Angriff eingesetzt, wir haben fast keine Verluste und machen 1000 Gefangene.

3. Dezember 17

Nachmittags bei der Brigade bringt der Feldw. Wegener die Nachricht „Russland hat mit Deutschland Waffenstillstand beschlossen.“ Ein Hurra und allgemeine Freude. Ich bringe gleich die Nachricht weiter, die verschieden aufgenommen wird.

Otto ist nach dem Westen gekommen.

8. November [Irrtum: muss heißen Dezember] aus dem Revier entlassen. Einige Tage bei der Komp. in Ruhe.

10/11. Stellung

  1. Dezember als Waschfrau kommd. [kommandiert]

16.Dez. Krüger bei der Brieftaubenstation abgelöst.

Paket 12 Ina W.

  1. Die Friedensverhandlg. m. Russland bis zum 14. Jan. erweitert.
  2. 11 Br. Ina

Am 30/ Nov. Neptun Teklenburg

  1. Dez. 17

4.43 Egestorf     44,60

253 Dtsch. Kali  25,45

1,71 Adler Zement          17,20

aufgegeben.

  1. Dezember 1917

Abfahrt mit 5 Brieftaubenträgern um 8 Uhr von Marez [Maretz]-Beaurevoir.

½ 1 in Stellung 9. Komp.

  1. Ablösung gegen 4 Uhr 9+10 Komp.
  2. Rückmarsch 3.40

Vendhuille [Vendhuile] 4.15

Beaurevoir                         5.40 S Std.

ab                                                          6.-

an           Marez                                  8.- 2 Std.

Unterwegs W. Orth 1 Komp. 440 getroffen.

Trotz des Marsches schlecht geschlafen.

  1. Dezember

Um 4 Uhr aufgestanden, die Tauben geholt + losgefahren. Vor Beaurevoir ausgestiegen, weil es zu kalt war. Die linke Hand erfroren. Es ist sehr kalt.

Nachmittags

Einsam + verlassen hockte ich in einem Karnickelloch, der Artilleriebeobachter ist nicht da. Ich habe das Glück + finde nur unsere 1. Linie im Steinbruch 1 Minenholz. Zum dritten Male in meinem Leben muß ich Heiligabend allein begehen, dank des Rums von Johannes Böttcher und des schwer gemachten Feuers wärme ich mich durch. Das Einsamsein ist zu häßlich, noch dazu an so einem Tage als verheirateter empfinde ich es deshalb schwer. Als Junggeselle in Dresden ging ich um 7 abends zu Bett und heute wird es noch früher. Die Kälte wird sich über Nacht wohl noch sehr bemerkbar machen. Schade, daß ich nicht bei den Ordonanzen liegen kann, oder daß noch 1 od. 2 Mann in meinem Loche liegen, es ist geselliger + wärmer. Die Butter + Mettwurst von Blohms schmecken zur Feier des Tages sehr gut. Nun merkt man erst, was gute Freundschaft bedeutet. Der Engländer wird uns wohl noch die Feiertage verderben, es ist so ruhig. Die armen Kameraden sind zu bedauern, die haben es noch schlechter als ich, die müssen 2 Stund. bei der Kälte (6-8/°) Posten stehen und haben auch keine bessere Unterkunft. Es gab Linsen, ein seltenes aber gutes Gericht, ich bekam den Rest, die Ordonanz. garnichts, dafür den Marmeladeneimer zum reinemachen. Hoffentlich ist morgen nachmittag trübes Wetter, damit ich früher fortgehen kann. Orth besuchen nach der Schreibstube vorgefunden. Von Th. habe ich seit Tagen keine Nachricht, sie wird wohl sehr viel zu tun haben. Die Mäuse + Läuse sind meine einzigste aber unangenehmsten Gesellschaft. Nach dem Mittagessen (5 Uhr) habe ich noch einige recht nette Stunden bei den Ordonanzen verlebt. Die Nacht fast garnicht geschlafen, wegen Läuse.

1. Weihnachtstag 1917

Der Komp. läßt mich trotz des vielen Schnees nicht früher fort. Ich lege mich zum Schlafen hin und wache erst um ½ 4 auf gegen 4 Uhr gehe ich zurück und komme als letzter um 9 Uhr an. Orth war zum Empfang, ich begegnete ihn unterwegs. In der Bude haben sie einen Tannenbaum gemacht. Die Kameraden müssen zu Fuß nach Stellung, es schneit.

Die anderen Weihnachtstage gingen ergebnislos, wie alle anderen.

Von der Komp. erhielt ich 5 Mark und 1 Päckchen Stadt Braunschweig.

Orth habe ich besucht und alte Erinnerungen ausgetauscht. Wir brauchen nicht mehr in Stellung, weil das Rgt. in Ruhe liegt. Sylvester + Neujahr haben wir nicht gefeiert, keine Einigkeit + Kameradschaft.

Weihnachtspakete sind von allen Seiten gekommen. Die Kameraden sind nicht alle freundlich.

1918

Die Friedensaussichten mit Russland sind gut. Der Zwischenfall wegen Verlegung des Verhandlungsortes nach Stockholm wird wohl nicht viel auf sich haben.

4 Januar

7h gehe ich zur Komp. zurück.

5./ Ich gehe nach Maretz und will Dig. kaufen, leider hat der Kantinenuntoff. alle von der guten Sorte verkauft, ich muß unverrichteter Sache nach Beaurevoir zurück.

Paket, Zeltboten!

6 Morgens zur Komp. in Stellung Wendhuille [Vendhuile], der Komp. Führer schickt mich zur Taubenstation zurück, ich muß Krüger ablösen.

7. Einzug in d. Brieftaubenstation 63/II 2046 d. F.P. [der Feldpost?]

10. Januar 1918

Abends ½ 8 in Stellung. In Beaurevoir übernachtet.

10.-12/1 In Stellung b. d. 10. Komp.

15. Januar. Ich wollte nach Villers Outraux [Villers-Outréaux] zur Komp. mußte des vielen Regens wegen umkehren. Ich gehe nach der Buchhandlung um ein Zeitung zu holen, muß wegen Regens ins Soldatenheim einkehren und bleibe etwas länger bis ich zurückkehrte, da fangen Siegmund + Bitsch an zu reden. ich dürfte nicht die Stube allein lassen, einer müßte zu Hause bleiben, weil sonst leicht etwas gestohlen werden könnte. Eine recht sonderbare Rede!

16. In Stellung. 17. zurück.

Bei Orth eine gemütliche Sunde verlebt. Rgt. abgelöst. Dem Kameraden Gabow sind die Schnürschuhe gestohlen! Die Feindschaft gegen mich wird immer größer. Ich glaube, sie werden mich hinausekeln, denn sie wollen mir den Diebstahl in die Schuhe schieben. Es giebt doch recht viele schlechte Kameraden. Den ersten Verstoß habe ich wohl dadurch erregt, daß ich mich versch. wollte, wie ich aus Stellung kam, und daß ich etwas auf Reinlichkeit halte. Das Rest muß Recht bleiben und ich habe eine reines Gewissen.

Ina Nr. 13 Pfeffernüsse.

20. Jan

1. Weinrot Moirée Rock 25,-

1 m schwarzseiden Stück 16,-

1 schwarz Wollkostüm 110,-

Anbezahlt 20, M

Pajer die Mark

——

Albert Schwerdtner 670,- M

Berlin N.39 Höhrerstr. 12

——

14/1 v. hier        250,-

Bleckede             3800,-

Hannov. B.          4150,-

M 8200

25. Jan. 1918

Meine an die Komp. zur Aufbewahrung gegebene Butter konnte ich nicht bekommen, weil zu wenig empfangen wurde, ich erhielt dafür Schweinefleisch.

27. bezahlt 38 Mark

Ein Taschentuch 80 Pf.

Rheumatismus sehr schmerzhaft.

Gestern eines schönen Schweinchens beraubt, Dieb gefangen, habe ihn mit beiden Händen gegriffen, hat gestanden, sofort ins Loch geschickt. Hängt jetzt, Wiederbelebungsversuche erfolglos.

Division: Kaisers Geburtstag.

K. Kögel Bühlertal 440

Albert Schumacher Eichstetten 5/440

/184 Gabow Kehren 1/440

/184 Richard Bitz /184

/440 Bunzelweier

/184 Plummeyer Sigismund /440

Theen /184 Altmüller /184

Lilienthal /440

3. Februar 18.

Zum letzten Male in Stellung, wir haben ausgelost und ich mußte die neuen Posten vorbringen. Flachmeier hat die Verpflegung verbummelt. Entlaust.

4. Febr. Für 2 Tage Verpflg. erhalten. Abends Pellkartoffel m. Fleisch hochfein. Nachher ein sehr gemütlicher Gesangs + Abschiedabend, wie noch nie so schön.

5. Febr. Mittags 2.24 Abfahrt nach Le Chateau. Ich muß bis Landrecies fahren und dann nach Pleux au Bois [Preux-au-Bois] gehen.

Anne Kämpf 6.20 + 16.20 M

6. Febr. Preux au Bois

Nachmittags schanzen.

8. Febr. 18.

Zur Nachrichtenkomp. abkommandiert.

11/2. Grosse Übungs-Besichtg.

6.15-5.30 nachmittags.

13 II. Ina N. 16 W. + B.

Regiments-Übung

Viel Regen

23. Febr. 18.

Abmarsch von Preux au Bois über Le Cateau nach Reumont. Nachmittags gebadet und dann mit den Dreckstiefel ins Theater. Abends auf dem Strohsack einen auf Th. Gesundheit getrunken.

24/II. mit dem Auto nach Villers Outreau [Villers-Outréaux]

26.II. Mit der Bahn nach Maretz zum Taubenschlag. Schlechtes kaltes Quartier auf dem Boden. Ordonanz.

27. Tauben von Le Cateau geholt.

3. März. Russland hat die Friedensbedingungen unterschrieben. Endlich der erste Schritt gemacht. Cig. kam man in den Kantinen fast nicht mehr bekommen. Meyer, Breetge.

5+6. März 1918.

Es werden sehr viele Truppen hauptsächlich der Artillerie nach Maretz gebracht und nach vorne durchgeführt. Allem Anschein kommt der Aufmarsch.

Paket + Brief-Sperre.

9 März. Abends 7 Uhr Abfahrt zur Stellung. Villers Outreaux. Soldatenheim. Umweg gemacht. Stellung sehr lebhaft, hauptsächlich beim Fortgehen.

11/III. Von Abendcheul [Aubencheul] m.d. Auto zurückgefahren. Der Verkehr wird immer stärker, hauptsächlich Artillerie. Langrohr

16. März einen Tag in Stellung. Das Batl. wird abgelöst.

19. März. Abmarsch nach Hurtebise Ferm 569. Wir sind viel umgelaufen. Die Nacht im taubenwagen geschlafen. Der Tornister ist sehr voll und schwer. Im Sandsack die eiserne Portionen für 4 Tage.

21. März 1918.

4.30 Anfang des Trommelfeuers. Abends m. 4 Mann /184 in Stellung.

22.III. Freitag. Nachmittags 1. + 3. Batl. nimmt Epehy [Épehy] Heudicourt.

23.III. Sorel. Equancourt Manancourt. 4.40 die Tauben aufgelassen. In Honnecourt im Stollen übernachtet. Bohnenconserven Schinken

  1. Nachmittags um 3 Uhr zurück.
  2. Montag. Maretz – Busigny.

Meyertöns Paket

M. der Bahn von Walinkurt [Walincourt] bis Clary, dann zu Fuß bis Maretz und zurück zu Fuß über Elincourt [Élincourt] Deheries [Dehéries] 2 ¼ Std.

Dienstag 26.III

Empfang für 4 Tage. Sauerkraut + Dörrgemüse.

Sonnabend 30/III. 18

In Chatelett [Le Catelet] wird nochmals für 3 Tage empfangen.

Ostern 31.III.19

Wir sollen wandern.

Ostermontag 1. April 18.

Dörge kocht Bohnen, schmecken gut und sind um ½ 10 dick u. gar. Nach dem Essen gehen wir nach Malincourt und fahren nachmittags um 4 nach Caudri [Caudry], wo wir die anderen Kameraden der Div. treffen.

An den Hochzeitstag gedacht.

Dienstag 24. Okt. 2021 Ich habe meine Nudeln gekocht m ¾ Fleischbüchse, hochfein. Der Zug fährt statt um ½ 12 Uhr um ½ 6 nach Cambrai. Lebensmittel empfangen! Kürassierkaserne auf dem Boden geschlafen.

Mittwoch ¾ 18.

Cambrai besehen, es ist manches entzweigeschossen seit Juni 16. In der Nacht Bomben geworfen. Noch niemals bin ich so schnell aus einem Quartier gekommen wie hier. Es hieß nämlich: Wir sollten gesammelt und mit einem Transportführer fortgeschafft werden, da haben wir uns schnell dünn gemacht und sind nach dem Mittagessen nach Fontaine gegangen. Büttner fuhr m. d. Auto und kam von uns ab mit einem Bahnauto gefahren. In den Ruinen ein Lager gesucht. Wasser gefunden, übernachtet.

Donnerstag 4/4. Mittags Nudeln gekocht.

5/4 Nachmittags über Bapaume nach Transloy [Le Transloy].

6. April Doras Geburtstag. Im Barackenlager übernachtet. Für 1 Tag Lebensmittel empf. Fliegerküche: Kaffee. Andere Küche kocht unsere Nudeln mit.

Post ist nicht los zu werden. Bietz + Krüger gehen am 5. alleine fort, Stunk. Wir kochen alleine (Dröge) und gehen nach dem Essen los. In Transloy [Le Transloy] treffen wir die beiden Ausrücker wieder, sie haben für Quartier gesorgt. B. soll nicht wieder kochen, weil er betrogen hat und voll Mucken ist. In der Nähe von Ginchy schlagen wir unser Nachtlager auf. Bitz macht wieder Stunk wegen Schlafen. Aus Granatlöchern wird Wasser zum Kochen genommen, es schmeckt sehr schlecht.

So etwas Trostloses und Verrücktes habe ich noch niemals gesehen, als in dieser Somme-Gegend. Ein Granatloch neben dem anderen, zwischendurch Gräber, kein Baum, kein Haus, manchmal nicht mal mehr Ruinen, Alles entzwei.

Sehr fruchtbare Gegend, wann kann hier einmal wieder geerntet werden? Wieviele Millionen Frank kostet es, um diese Wüsten einigermaßen wieder in gleichmäßigen Boden bringen zu können. Wann wird hier wohl einmal wieder ein Haus stehen? Der Franzose erleidet den größten Schaden im Kriege, wenn er es doch endlich einsehen wollte, daß England ihn am meisten schädigt.

Sonntag, den 7/ April 18.

Wo liegt eigentlich das Rgt.? Nach dem Mittagessen (Grabenkost) gehen wir sachte los und kommen über Longueval nach Bazentin, wo am Wege die 4/440 liegen. Nach kurzer Pause erreichen wir in ¼ Stunde, den Feldw. Oppermann.

Er ist ganz erstaunt, daß wir Taubenträger dasind und weiß nicht, was er mit uns anfangen soll. Nach kurzer Besprechung m. d. Lt. Schroth, Nachricht. Offz. bauen wir ein Zelt in der Nähe des Feldw. auf, von 9 Uhr abends – mittags Regen.

1 Brief von Nienburg ist da, ebenfalls einer aus Celle (Oster-Hochzeitsfeier) weiter nichts.

Löhnung bekommen wir sofort für 2x ebenfalls Verpflegung, bei anderen Komp. erh. sie nur für 1x Löhnung. Man freut sich jedesmal, wenn man zur Komp. kommt, die freundl. Worte + Blicke verraten einem, daß man gerne gesehen ist. An Th. Karte + Brief geschr.

Montag 8/4.

Neue Wohnung bezogen. Holz gemacht und gut geschlafen. Von Ina Paket 17 Sp.

Dienstag – Das Regt. geht in Stellg.

Mittwoch, den 10.

Morgens um 6 Uhr wecken, in 10 Minuten feldmarschmäßig sein. ½ March. Ein großes 3teiliges Zelt bauen. Mein Messer verloren, welches ich 25 Jahre bei mir trug. Mit dem neuen Ersatz der Nachricht. Abtlg. u. dem Feldw. 23 Mann. Die Küchen und Bagagen kommen auch in die Schlucht von Monteban [Montauban-de-Picardie]. Meine Stiefel werden sehr schlecht, nasse Füße. so viel Läuse habe ich auch nicht gehabt, wie von der Hurtebise Fe. bis jetzt. Bei Lille sollen wir in 20 km. Breite durchgebrochen sein und 3 Divis. gefangen genommen haben. Es sieht sehr nach Regen aus.

20/21. Ablösung. Wir gehen zur II. Staffel.

1. Mai, kalt. Einige Tage Sonnenschein. Dann wieder feucht kalt. Der Arzt schreibt mich nach 3tägiger Behandlung gesund, aber ich habe noch ebensolche Schmerzen im Oberarm (Rheuma). Wir sollen in Ruhe kommen. Arbeitsdienst + Fundsachen des Nachts bewachen. Die Taubenschläge sind in allernächster Nähe.

Entlaust: 246 Stück im Hemd. 4-500 St. m. Eiern in der Tuchhose, nachdem ich diese und das Hemd ausgekocht habe, etwas Ruhe.

5/5. Abends Skat gespeilt.

11/5. Paket zur Bahn gebracht.

13/5. Wir werden abgelöst. Abends um 8 Uhr langten wir in Suzanne an.

1 Paket Cig.

15/5. Ina Paket Ba Sp Nr. 18

17/5. Gebadet.

22. Mai Abmarsch nach [Cerlu?] (Lager 23nord.)

23 Nach Carnois und zurück, der Zug ist schon früher gefahren und später fährt keiner. ¾ 10 – ¾ 12, dann weiter nach Templeuve la Fosse

24. [Rancois?]

Über Vendhuille [Vendhuile] bis Aubencheul; von dort mit dem Zug nach Clari [Clary] dann zu Fuß weiter nach Honnechi [Honnechy] abends um 7 Uhr. [Anmerkung am Rand: 25.]

Wir sollen nur 2 Tage bleiben und dann mit der Bahn weiter befördert werden. Die Strecke des öden Sommegebiets haben wir nochmals kennen gelernt, es war jedoch sehr zerschossen. Wir mußten große Märsche machen, damit wir ein größeres Lager zum Übernachten fanden. Es war ein großes glück, daß wir mit dem Zuge fahren konnten, sonst hätten wir verschiedene abbauen müssen, zu denen ich auch gehört hätte.

Auch Sonntagmorgen habe ich wieder im Grase gelegen und von vergangenen schönen Tagen geträumt. Es war schönes Wetter, auf den Weiden graste das Vieh und ich hörte nichts vom Kriege, schöne stille Stunden.

Beim Zeugverpassen bekam ich nur 1. Halsbinde + Schuhe, dafür rief mich der Schreiber in d. Stube, da mußte ich m. Heimatsbahnstation angeben wegen Urlaub. In dieser Nacht habe ich wenig geschlafen, aber viel über den Urlaub nachgedacht. Immer + immer zu waren meine Gedanken zu Hause.

29/5. Abfahrt. Nachmittags zu Fuß über Troisvilles, Briastre nach Solesmes. Dann mit der Bahn über Mons. Namur in dem herrlichen Maastal bis Sedan nach _______ zu Fuß nach St. Julien

31. Mai 1918. Strafexercieren ohne Grund. Allgemeine Abneigung gegen Feldw. Voigt.

1/2 Juni. In __________ + ___________ Thiaucourt. Dieselbe Nacht II +III Bat. in Stellung. Tauben sind nicht angefordert, wir schlagen im Wald eine Lichtung durch zum Blinken.

Wir bleiben in Thiaucourt und arbeiten im Walde.

17 Juni

6 Taubenträger müssen nach Cheville zum Schlag. Ich bleibe zurück, da ich auf Urlaub fahren soll.

23. Verschiedene Kameraden sind an der Spanischen Krankheit erkrankt.

Röhrrup aus Bleckede getroffen, das seit Juni bei der 8 Komp. ist, er machteinen M.G.-Kursus.

27. Juli 18.

Nachmittags um 2 Uhr gehe ich in Stellung als „Störer“ beim I Batl. weil Leute fehlen, das III Batl. geht in Ruhe. Um 6 Uhr sind wir in Herzogstein-Karlsruhe. Wer weiß, was gut für ist.

1. Juli 18.

Beschießung von Thiaucourt. Ein Glück, daß ich als Telefonier in Stellung war! K. Dietrich leicht verwundet, Kopf und Hand. Buttner tot, ebenfalls Lindemeyer.

2/7. 3.15 Uhr nachmittags Fernspruch: „Ldst. A. sofort in Marsch setzen wegen Urlaub.“ Leider kann ich den Zug bis 5 Uhr nicht mehr erreichen und büße einen urlaubstag ein.

3/7. Die Komp. ziehen alle ins Ruoff-Lager. [Chantin?] entlaust. Mittagessen: Antreten nrichten. 5 Uhr nachmittags Abfahrt nach Wappingen über Metz.

Ina N. 19

3-18 Juli 1918

Am 3. fuhr ich erst aus Thiaucourt, weil ich den Zug am 2. nicht mehr erreichen konnte. Leider ist mir mein Urlaubsbeginn trotz m. Bitte nicht umgeändert und so büßte ich 1 Tag ein. Am 5. morgens kam ich in Wunstorf an und fuhr von dort nach Nienburg. Leo erkannte mich nicht wieder. Die Heitmänner freuten sich sehr. Frieda bratete zur Feier des Tages Pfannkuchen, der ganz ausgezeichnet schmeckte. Nachmittags Spaziergang nach Langendamm. Abfahrt 12 Uhr nachts. Ankunft in Bleckede morgens gegen 9 Uhr. Annelise griff zuerst nach dem Körbchen. Vater, Dora, Johanne, Emma + S. Beutner waren dort.

Über die ungesunden + teuren Verhältnisse mußte ich mich sehr wundern. Junge Burschen verdienen 10-12, ältere -18 Mark täglich. Der Lebensunterhalt wird durch die Arbeit wie angewachsenen Preise in die Höhe getrieben. Eier 50 Pf. Bickbeeren bis 1.20 das Pfund. Ab + zu bringen + tauschen Landleute Fettigkeiten + Eier gegen Tabak ein, der kaum mehr aufzutreiben ist. Cig. kosten 40 Pf. die billigsten. Cigtten 10.12.15 + 20 Pf. das Stück. Neune Kartoffel 30 Pf. das Pfund. Eier 25 Pf.

Die Bahn wird vollspurig gebaut. Gartenland ist nicht zu kaufen.

Annelise bereitet mir sehr viel Freude, sie ist recht vergnügt und groß + kräftig geworden. Th. hat gut gewirtschaftet in allen Teilen und macht mir das Leben sehr gemütlich. ich vergesse ganz, daß es Krieg ist. Recht unangenehm ist es, daß man alten Kunden keine Cig. verkauft kann, im Laden werden nur 5 Stück verkauft, Kautabak gibts nur gegen Fettigkeiten, sonst könnte Th. auch nicht auskommen, leider muß sie zu solch schlechten Mitteln greifen. Die Ernte scheint gut auszufallen. Die Zeit vergeht sehr schnell. In Kartoffeln habe ich mich ordentlich satt gegessen und war in den letzten Tagen ausgefuttert. Th. sorgt außerdem für die gute Zubereitung. Recht schöne Stunden habe ich in Bl. verlebt.

16, Reise ins Lazarett.

19. Morgens um 5 Uhr fuhr ich wieder ab und wurde in Celle von Vater + Otto Böttcher von der Bahn geholt. Nach mächtiger Rennerei fuhr ich abends ab, ohne Heimann K. zu sprechen, und fuhr 8.13 von Hannover ab. Am 21. kamen wir mit dem Urlauberzug in Wappingen an + erfuhren, daß unsere Div. in Ruhe wäre. Nach mehrtägigen Fahrten kamen wir über Charleville, Valenciennes, Douai, Cambrai, Bapaume in (Tremicourt)-Grevillers [Grévillers] an 24/7.

26. 1 Tag in Grevillers [Grévillers].

1 Tag nach vorne + zurück. Miraumont

27. Wieder nach vorne. Essentragen.

30. Wilhelm Paket m. B.

31. Elise Paket m. B.

5/8. Frieda Paket m. B.

8/8. Sehr schlimmer Tag (Grevillers [Grévillers])

11/8. An Calmann 50,- / Sonntag

An andere denken für sie sorgen, ihnen Liebes erweisen, das macht das Leben schön und bringt uns das Glück in Herz und Haus.

10./ Durch Dröge ein Paket (Vater)

12/13. Elise Zeug f. Schuhe.

21. Aug. 1918

Großer Angriff des Feindes ¾ 6-11 Trommelfeuer. Dann Sperrfeuer. Wir sollten nach Feldw. Oppermann, können aber nicht vorkommen.

21/8.18

Abends um 6 b. mächtiger Hitze nach Grevillers [Grévillers]. Alles ausgeflogen. Wir müssen in einen Unterstand flüchten. Nach 9 Uhr weitermarschiert. Ankunft ¾ 1 in Bancourt (3 B.). In einer leeren Baracke übernachtet.

22. Aug. Wir sollen nach dem Taubenschlag 147. Große Hitze. Es hat wieder allerlei Verluste gegeben, auch bei uns wird immer übertrieben, wir müssen die Wahrheit abwarten.

Paket Zwieback an Vater.

Abends gegen 10 Bapaume Süd Taubenschlag 147.

23.8. Mittag gekocht. Hafergrütze m. Rindfleisch. Es wird tüchtig geschossen. Leider kamen die Schüsse näher. Die Brigade zieht sich aus Grevillers [Grévillers] zurück. Abends kommt die Meldung, die Div. wird abgelöst. Der Taubenwagen Nr. 147 wird fortgeschafft, wir kommen zu Schlag 70W. Lebensmittelempfang von d. sächs. Fernsprechzug 183.

24. Aug. Um ½ 1 Uhr Abmarsch m. d. Schlag 70 nach Haplincourt. Unter den Anhängerbrettern geschlafen. Nach dem Mittagessen werden wir zur Truppe entlassen. Wir gehen nach Velu [Vélu] und fahren m. d. Feldbahn nach Itre [Ytres]. Von dort m. d. Kleinbahn nach Heudecourt [Heudicourt]. ½ 10. Im Keller übernachtet.

25/8. Ruhetag

26. August

Abfahrt von Heudecourt [Heudicourt] ½ 10 Ankunft in Cambrai gegen 5 Uhr nachm. Geräucherte Heringe aus dem Eisenbahnwagen geholt. In der Auskunftstelle bekommen wir die Nachricht, daß wir uns nach Gent begeben sollen. Schöne Aussicht einige Tage in Brüssel bleiben zu können. Leider kommen vier Mann von uns u. gehen zum Reg. zurück. Wir bleiben in der Marwitz Kaserne über Nacht und werden nur von einem Flieger einmal gestört.

27/8. Groschopp + ich melden uns zur Abt. zurück, die anderen Taubenträger sind schon gestern angelangt. Aus dem schönen Abstecher wird nun nichts mehr, durch die Dünnmache? der 4 Mann. Wir bleiben in Cambrai.

Abends ½ 11 kommt Befehl: „Alles fertig packen, dann weiter schlafen.“

Um 3 Uhr: Wecken. Tornister werden mit Auto befördert. Wir marschieren bis dicht vor Douai und bleiben in Goulzin [Gœulzin]. Krüger, Telefoner Paket an Brockmann (Buch + Durchfallgegenmittel).

29. Aug. Morgens Abmarsch, dann 2 Stunden Bahnfahrt, darauf wieder Marsch (ohne Essen) nach Loos b. Lille.

31. Entlausung.

1. September 1918 Sonntag

Nachmittags nach Lille 200.000 jetzt 120.000 Einwohner. Cakao 32 Mark das Pfund. 1 Ei 1.80-1.90 Fr. Tabak 100 gr 4-5 Fr. Kartoffel 1.75 M das Pfund.

Soldatenheim tüchtig Bier getrunken. Vorträge im Saal sehr schön.

2/9. Nachmittags ins Theater. Nachher mit Groschopp ausgerückt. Wie wir zur letzten Elektrischen kommen ist mächtiger Andrang, wir heute Abend noch marschbereit

184 alarmiert.

3/9. Wir bleiben noch den ganzen Tag. Viele haben ihre Einlaßkarten zum Theater verschenken müssen.

4. Sept. Abmarsch von Loos. ¾ 6 wir Taubenträger müssen leider über Salomé Marais hinaus mit zum B.T.K. darauf werden wir zurückgeschickt und müssen ohne Angabe unsere Komp. + Küche suchen. Nach langem Fragen und wenden kommen wir in Annoeullin [Annœullin] um 5.15 Uhr an.

Es giebt keine Kaffe ü keine Verpflegung. Groschopp hat im Motorboot sein Brod liegen lasen. Dröge gebt ihm + nachher Krüger etwas. Die Essenholer der N.A. schlafen die Nacht bei uns und bekommen am anderen Morgen um 7 Kaffe zu, Brod hat Tiedemann schon geholt. Die Civiler müssen ausziehen. Die Füße schmerzen. Kartoffel gekocht und ordentlich gegessen.

Nienburg 1 Paket.

5. Sept. 1918

Morgens Großreinemachen beim Feldw.

Kartoffel gekocht.

2 Pakete an Vater 1 Leinen 1 Leder.

Mittagschläfchen gestört. Fertigmachen zum Taubenschlag 234. Lebensmittelempfang. 1 gr. Fleischbüchse bekommen. Wir können noch mit dem Zuge fahren, sofort packen. Im Laufschritt zum Bahnhof, gefragt, auf eine leere Maschine gestiegen, Abfahrt. Das ging alles so schnell, daß wir 3 Dröge, Theu + ich erst in Gondecourt zur Besinnung kamen. Wir müssen m. 6 Mann 3 Posten besetzen. Häuslich einrichten.

6/9. Ruhetag.

Elise Graupen

7/9. Morgens um 4.15 Uhr abmarschiert

– Annesmes                      30 Min.

55 Min                 – Annoeullin                      25 Min.

2 Stund.               – Hantey [Hantay]           60 Min.

2 ¼ Stund.          – Hantey [Hantay] Ort   20 Min.

3 ½ Stund.          – K.T.K.                                25 Min.

3 ¾ -4 Stund.     Komp. nach [Westening?]

2. Komp. Ltn. Wilke

Untoff. Elze Gefr. Kürbitz

Komp. macht 5 Gefangene 1 M.G.

Telefoner:          Fritz

Eberhardt

3 Uhr nachm. 2 Tauben

5/9.       10 Uhr vorm. 2 Tauben

5.05 nachm. 2 Tauben

Es giebt keinen Kaffe, nur für jeden 1 Trinkbecher, ich bekomme von der 3. Komp. ½ Becher voll.

8/9. Abends 5.05 die letzten Tauben m. Meldung fliegen lassen. (Bei der l. Nachbarkomp. war der Engl. im Graben, wurde wieder hinausgeworfen 5 Gefangene 1 M.G.)

Bei den 418 engl. Patrouille 10-12 Mann abgewehrt. Mit der Feldbahn zurück von Hantey [Hantay] aus über Bauvin.

10           gr. Paket an Hermann Brod.

Paket an Elise L.

Kartoffelfeld leer gemacht.

In diesen Tagen habe ich mich mal ordentlich in Kartoffeln satt gegessen.

10/9. Groschopp Urlaub.

12. Sept. 18.

12 Uhr mittags Abmarsch nach Genech. Wir sind jetzt ganz den Sächs. Fernspr. zugeteilt. Im großen Stall übernachtet.

—–

„Als der Flieger kam, mussten wir in den Keller und machten dort großen Lärm. Dann kam der Hr. Oberlehrer und wollte uns stillen, es gelang ihm aber nicht.“ (Jugend).

—–

13.9. Wir tun den ganzen Tag weiter nichts als essen, rauchen + spielen Karten.

15. Sept. Im Schloßpark viele Brombeeren gegessen. Rummler getroffen. Die Division wird aufgelöst.

16. Sept. Wir sollen zum Rgt. zurück. Nachmittags mit Rummler Serg. Orth in Bachi [Bachy] besucht, abends bis 1 Uhr Kantine.

17. Sept.

Nachmittags gehen wir Taubenträger zum Rgt. zurück, nachdem wir uns von den 418. + 440 verabschiedet haben, letztere kommen zur 111 Div. (Z 3) Bourghelles. Rgt´s Appell. Das Rgt. soll in Rethel neu zusammen gestellt werden.

18.9. Paket von Ina 20 (1)

19. Wäsche eingesteckt.

20. Sept. Mittags Abmarsch nach Somain.

22. Attigny morgens 12.5

Attigny 22. Sept.

9.30 Löhnung

Die Nachricht. Abt. wird auch aufgelöst. Die 10. Komp. soll geteilt werden. Die Verpflegung war sehr mäßig. Die 11. Komp. hat Kaffee u. Zucker eingesteckt, dafür ½ Fleischbüchse mit verdorbenen Zwieback ausgegeben.

23. Sept.

Ich komme zur 11 Komp. + mit dieser zur III/393. Morgens 7.30 Abmarsch.

Ich komme zur 1/165 Abmarsch 10.30 [Stempel mit Aufschrift: Postadresse des Absenders: Inf. Regt. Nr. 165, Nachr.-E[?]g I Bataillon]

Abmarsch 12 Uhr. 2x mal kommen Nachrichten, wir sollen schnell kommen- Wegen Regen sind wir 1 Uhr erst beim Feldwebel. Abmarsch zum Bahnhof 4 Uhr. Rückmarsch 7 Uhr. Them + ich müssen mit dem Wagen zu Fuß. Abmarsch 9 Uhr abends. Ankunft 4.30

24/9 Unterm Wagen 1 Std. geschlagen. Abends 9 Uhr zum Grenadier Lg. Zum Glück schlafen wir in Baracke.

25. Sept. Großer Angriff!

Mit der Bagage + dem Rest Telefoner + Blinker zum Dreiberge-Lager. In die Nacht gucken. Falscher Alarm.

26. Der Kampf ist im Gang. Feldwebel Oppermann fällt.

27/ Sept. Morgens packen. Mittags Abmarsch nach Machault Waldlager 7. Im Revier übernachtet.

28. An die Luft gesetzt. Schlechtes regnerisches Wetter. Ich schlafe jetzt auf dem Kutschersitz eines Packwagens und ziemlich warm.

29./9. 1 Paket Wolljacke Vater

1 Paket Strümpfe Vater

30. Die Post ist nachgekommen. Ein ewiges Wandern von einem Lager zum anderen, auspacken, einpacken, wenn fertig gepackt ist, dann wollen sie Gerätschaften haben. Weichsel-Königin Louisen-Weichsel Lager. 2/3.[Oktober] in Baracke wunderschön warm geschlafen.

4 Oktober Morgens um 4 Packen um ½ 6 Uhr Abmarsch. Ich bleibe bei der Gefechtsbagage. Kinfinsten Lager. 8 Uhr morgens. mittags 2 Uhr ins Ruhelager, sehr schöne Baracken. 8 Uhr abends, fertigmache.

5. Okt. Morgens 6 Uhr gehts erst los ins Schweriner-Lager. Die Komp. kommen zurück in Ruhe. Zum Stabs-Lager Tornister für Feldw. Gast. Mittags ½ 12 Uhr fertigmachen. 2 Uhr Abmarsch der Komp. nach vorne, wir bleiben hier. 3.30 Uhr fertigmachen, fort. Wittelsbach-Lager. G. Stegemann in der Baracke geschlafen. Wir bleiben liegen.

6. Okt. Morgens ½ 6 Uhr wecken + sofort abrücken. Kurz vor Anells [Annelles] im Tannenwalde übernachtet.

7. Okt. Morgens um 1 Uhr wecken + abrücken nach 3 stündigem Marsch m. Pause kommen wir ½ Stunde von unserem Lager hinter Anelles [Annelles] in ein Birkenlager. Allerlei Gerüchte über Friedens+ Waffenstillstand laufen herum. Der Kaiser soll ihn angeboten haben und zu Wilsons Bedingungen verhandeln wollen. Wir werden wohl klein geben müssen + hätten mehr erreicht, wenn wir es früher getan hätten. Die Alldeutschen haben viel Schuld.

10. Okt. Nachmittags 4 Uhr Abmarsch .

11. Okt. 2.30 Ankunft in Marscheromenil [Machéroménil]. Erbärmlichen Durchfall, Hunge[r]kur, Herr Stegemann sagt allen nur mir nicht Bescheid, wo geschlafen wird. Ich schlafe mal wieder unter dem Wagen. Nachmittags nach 5 Uhr weiter nach Vauxelles [Vauzelles] Die Nacht geschlafen.

12./10. Revierdienst ist nicht. Unser einer Kutscher Zeller kommt zur Komp.

13. Okt. 18. Sonntag. Wir sollen wieder vor. Viele Kameraden kommen von der Bagage zur Komp. zurück. Hoffentlich bleiben wir beiden Taubenträger b. Wagen.

Nachmittags 1 Uhr

Der Waffenstillstand soll beschlossen sein. Das Batl. rückt nicht nach vorne. In den Komp. herrscht große Freude, daß es endlich zum Schluß kommt.

14 Okt. Die Freude war mal wieder umsonst, die Kanonen donnern heute morgen wieder.

16. Der Durchfall nimmt ab und Rheumatismus zu. Wir haben eine warme Bude bezogen. In den Schienbeinen habe ich Rheuma, daß ich nachts nicht schlafen kann.

16. Okt. 1 P. von Dora Bluse

1 Paket von Elise Bluse

20. Okt. Sonntag

Mein Rheumatismus wird schlimmer. Ich kann kaum sitzen, liegen oder stehen.

Mittags ¾ 2 . ich gehe als Telefoner zum Rgt´s Vermittlung. 2.15 Uhr kommt Them und holt mich wieder fort. Ich soll ins Lazarett. 3.30 Abfahrt mit dem Wagen nach der Sammelstelle Launois. 5.30 Ankunft gr. Baracke. Bis gegen 4 Uhr große Schmerzen, an schlafen ist nicht zu denken.

21. Okt.

Sammelstelle Charleville. gut geschlafen, trotz Flieger gutes Essen. Die Schmerzen werden größer. Von Charleville -Mochon [Mohom?] fuhren wir mit der Bahn Givet, Dinant, Gremelle, Grußon, St. Hubert, Bastogne, Gerolstein. Sämmtliche Sachen mußten abgegeben werden. Was hatte ich mich zu den 3 Hemden + Schnürschuhe gefreut, leider mußte ich alles abgeben, selbst die Decken, trotzdem die Nächte kalt sind. Man ist viel zu ehrlich.

Mit anderem Personal gehts über Hillesheim, Ahrtal, Coblenz, Lahntal, Marburg, Cassel, Hann. Müden, Nordhausen, Eichenberg, an Halle vorbei, Torgau, Falkenberg. Wir werden nicht in Halle ausgeladen, sondern in Cottbus-Breslau. Leider sind meine Schmerzen zeitweise fürchterlich, ich kann dann nicht sitzen oder stehen. Beim Essenempfang muß ich durch das lange Stehen viel Schmerzen ertragen, die Verpflegung war zuerst schlecht + wenig, in Deutschland fuhr anderes Begleitungspersonal mit + da gab es reichlich + gut, Brod + Würste + Kaffee.

Sonnabend 26. Okt. 18.

Nun sind wir beinahe eine Woche unterwegs und ich bin in keine Behandlung gewesen + die Schmerzen lassen nicht nach. Es fahren viele im Zuge, die nicht mehr krank sind oder schon gesund geworden sind. Wenn ich man in Cottbus mit ausgeladen werde u. entlaust. Abends gegen 11 kommen wir in Muskau o/S. an, konnten uns dann mit einer Wäsche in Bett. Es gab noch Nudeln. Wir wurden mit 25-35 Mann gefahren, weil wir nicht laufen konnten.

Sonntag gabs gutes Essen. Es sollen verschiedene schon mit 14. täg. Urlaub abgeschoben werden. Meine Schmerzen werden größer und ich bekomme nichts zum Einreiben oder Einnehmen, weil sie nichts haben.

28. Okt. Wir kommen nach Baracke 3. Der Umzug verursacht große Schmerzen.

30/10. Heutenachmittags waren gebadet, nachher fest große Schmerzen. 1 Stunde am Tage außer Bett.

Sonntag, den 3. Nov. 18.

Jetzt bin ich eine Woche hier ohne ärztliche Behandlung. Die Schmerzen lassen wohl etwas nach, sind aber immer noch groß und halten mich im Bette fest. Manchmal kann ich 1-2 Stunden aufsein. Gestern habe ich ein Paket für E. Brockmann fertig gemacht, konnte es aber bis heute nachmittag nicht loswerden. Leider habe ich bis heute noch keine Nachricht von Hause, es dauert für Deutschland sehr lagen und ich sehne mich doch jetzt danach, da ich seit 14 Tagen keine Nachricht habe. Es ist draußen kalt, ich bin aber seit dem Umzug noch nicht wieder draußen gewesen.

5. Nov. Endlich etwas verordnetes, elektr. Lichtfußbad + Einreibung heute gleich gebadet. Die Schmerzen sind noch groß, hauptsächlich nachts. Draußen bin ich heute etwas im schönen Sonnenschein spazieren gegangen.

6. Nov. Die erste Post erhalten von unserem Wilhelm, es schreibt, daß Therese krank ist, deshalb bekomme ich auch von dort keine Nachricht.

7. Nov. 18. Heutemorgen Verlegung nach Lüneburg beantragt, der Arzt unterstützt es. Läuse im Hemd gefunden. Endlich abends 1 Paket von Hause. Leider ohne ein Wort geschriebenes.

8. Nov. 18 Kritischer Tag I Ordnung. Die Nacht noch weniger geschlafen und tüchtige Schmerzen. Wenn doch die Schmerzen etwas nachlassen wollten. Die meiste Zeit wieder im Bette gelegen. Der Bahnverkehr nach Berlin ist gesperrt. Entweder es sind Truppenverschiebungen oder es dreht sich wieder um den Kaiser.

9. Nov. Der Kaiser hat leider abgedankt. und der ___________ 38.5

Sehr große Schmerzen.

11./11. Rest gemütlicher Abend. Sehr viel gelacht. Die Kokarden müssen entfernt werden. Blödsinn!

Sonntag, den 17. Nov. Zum ersten Male nachmittags spazieren gegangen. Geschwitzt. Nachher große Schmerzen.

Donnerstag. Die Schmerzen lassen nach.

Sonntag, den 24. Nov. 18. Ich bin mehrere Male ohne Schmerzen spazieren gegangen. 12.50 Uhr Die Baracke neben uns brennt ab, auch die folgende, wir mußten räumen, aber glücklicherweise hielt der Wind von uns ab. Tüchtig geholfen.

3. Dez. 1918. Urlaub beantragt, nicht genehmigt, Entlassen.

4.XII

Leider sind die Papiere nicht fertig, muß 24 Stunden warten.

5. Dez. Erholungsurlaub bis zur Entlassung, ich brauche nicht nach Blankenburg. Über Berlin darf kein Soldat entlassen werden, ich muß deshalb Kottbus, Falkenberg, Halle, Magdeburg fahren, ein großer Umweg.

Dr. Harich

Dr. Brosinger

Schwester Agnes + Klara

Offstellv. Rumuler, Potreck, Recke, Sgt. Schnabel.

Abfahrt 7 Uhr abends.

Kottbus                an 9.10 Uhr

ab 10.40 Uhr

Freitag 6. Dez.

Falkenberg         2.10 Uhr

ab, Güterzug     3.50 Uhr

Halle                     9.30 Uhr

ab 10.10 Uhr

an Magdeburg  12.15 Uhr

ab 4.05 Uhr        1,10 M.

Braunschweig   7.15 Uhr (618) ab 810 9.56

ab Sonnabend  6.16

In Braunschweig herrschen böse Zustände. Bei Grashoffs nett.

Indeform.

7. Dezember 1918

Ankunft in Bleckede. Anneliese hat mich gleich wieder erkannt und ebenso freudig begrüßt wie Therese.

30/XII. Nachmittags: Aufnahme im Res. Lazarett Schützenhaus.

1. Januar 1919

Leider mußte ich Sylvester im Lazarett verleben. Morgens ging ich nach Hause, wo sie alle krank waren.

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