Kriegstagebücher und Kriegserinnerungen

Texte und Kontexte

Oskar Volkmann – Offizier beim 3. Oberelsässischen Feldartillerie-Regiment Nr. 80 (Teil 1/3)

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In meiner Sammlung liegt ein Band des Kriegstagebuches des Offiziers Oskar Volkmann vor, der Oberleutnant beim 3. Oberelsässischen Feldartillerie-Regiment Nr. 80 war. In diesem Band hat zwei Teile seines Kriegstagebuches niedergeschrieben. Zum einen über die Zeit vom 1. August bis 6. September 1914. Zum anderen die Zeit von Januar 1917 bis November 1917. Volkmann bezeichnet diesen Band als „Kriegstagebuch I“. Nach einem Eintrag auf der ersten Seite des Tagebuches gab es noch weiter Bände, nämlich einen vom 6. September bis 31.Dezember 1914, der mir aber leider nicht vorliegt. Die Jahre 1915 und 1916 waren in einem weiteren gelb gebundenen Heft, welches aber Volkmann abhanden gekommen war, wie er selbst anmerkt.

Aufgeschrieben hat er den ersten Teil im Winter 1914/15 „in der kalten Villa in Halluin“, wie Volkmann auf der ersten Seite schreibt. Beendet hat er seine Aufzeichnungen am 18. November 1918 in Hoppenstedt, ist auf der letzten Seite zu lesen.

Dem vorliegenden Band der Kriegserinnerungen liegen vier Fotos da. Vermutlich ist Oskar Volkmann auf einem dieser Bilder zu sehen.

Auf dem Foto ist wohl Oskar Volkmann zu sehen. Auf der Rückseite ist ein Stempel zu sehen. Dort steht: Oskar Volkmann, Halle a. d. Saale, Kaiserplatz 1. Dort hat Volkmann also einmal gewohnt.

Desweitern liegen dem Band auch zwei doppelseitig beschriebene linierte Blätter bei, auf denen Volkmann seine Kriegsteilnahme kurz darstellt. Leider fehlt mindestens eine Seite, so dass sein Werdegang nicht vollständig nachvollzogen werden kann. Hier nun der Wortlaut:

Kurze Übersicht meiner Kriegsteilnahme 1914 – 1918

Von der Kaserne meines Regiments in Kolmar, wo ich mich meinem Gestellungsbefehl folgend Anfang August 1914 meldete, rückte mein Regiment unmittelbar in die Schlacht. Der Franzose war sogleich mit Kriegsausbruch mit einer kleineren Gruppe über die Vogesen vorgestossen. Das XV., elsässer, und das XIV, badische Korps rückten ihm entgegen und in dem Gefecht bei Seunheim, wo meine Division die Feuertaufe erhielt, wurde das französische Seitendetachement zurückgedrückt. Von da ging das Korps nordwärts, bei Schirmeck wieder über die Vogesen und focht bei Raon l`Etappe. Auch bei diesen Kämpfen war es nichts mit der gehofften Einschliessung; wir drückten den Gegner nur zurück. Sekundierten dann kurz einem bayr. Reservekorps etwas südlicher u. wurden nach einigen Ruhetagen in Schirmeck abtransportiert um über Belgien in eine in der Front entstandene Lücke [Ab hier fehlt anscheinend mindestens eine Seite Text!]

Vom Zuge aus das Gefecht bei Löwen. Auf dem Plateau von Craonne kämpften die beiden Divisionen bis Mitte Oktober. Von da Marsch durch Nordfrankreich nach Flandern. Südöstlich von Ypern bei Zandvoorde stiess die Division am 24. X gegen die Engländer, eroberten Zandvoorde (und hätte Ypern bekommen, wenn – ) rannte sich aber in den folgenden Kampftagen hier ebenso fest wie anderswo und andere – und es begann Stellungskrieg, der das Korps 14 Monate an diesem Fleck festhielt. Silvester 1915 wurden wir zunächst nach rückwärts in Ruhe verlegt um Ende Januar 16 zu dem Generalsturm auf Verdun eingesetzt zu werden. Das Regiment kämpfte in den Wäldern nördlich Etain, ging mit den übrigen im ersten Angriff – und blieb mit den übrigen stecken. Sieben Monate lagen wir anschliessend an dieser Stelle der Woevre, zuerst im Syrielager, nachher kurz in Fléville, und in der Zeit der ersten kalten Nächte (30.10.16) kamen wir weg, an die Somme. Nach kurzer Rast in Avesnes le Sec rückten die Truppen der Division einzeln in den Hexenkessel bei Sailly-Saillisel. In 19 Tagen war die aufgefrischte Division abgekämpft. Wir wurden herausgezogen und sollten in ruhige Stellungen kommen. In die Gegend südlich von Stenay brachte uns die Bahn. Dort lagen wir in einsamen Etappendörfchen ein paar Wochen und wurden dann Mitte Dezember, über die Maaß gezogen und bei Flabas, Louvement eingesetzt. Kaum waren wir in Stellung, da begann die schwere Beschiessung, der Nivelles Angriff auf diese Front vom 13. 21. Dec. An der Nordfront Verduns folgte. Die Division wurde erneut so schwer mitgenommen, dass sie sogleich wieder herausgezogen wurde. Diesmal gings in eine wirklich ruhige Stelle, bei Cirey, am Kanonenberg. Während wir hier lagen, meine Kolonne im Lager nördlich Mouron, wurden die Kolonnen von den Feldartillerie Regimentern losgelöst und wir blieben bis Ende Mai 1917 in dieser Einsamkeit. Zur Sommerfrische nach _______ bei Aubenton verschickt, wurden wir schon nach einer Woche wieder eingeladen und in die nicht unbekannte Ecke nordöstl. Verdun verfrachtet. Dort lag die Kolonne beschauliche Sommermonate in Waldlagern, bis der Franzmann uns herausschoss, und wir in wechselnden Quartieren, (bzw. Nicht-Quartieren) bei regnerischem Herbstwetter und scharfem Munitionieren bald mit den Pferden sehr herunterkamen. Die Verlegung von St. Laurent in einen morastigen Waldzipfel, den wir erst zum Lager ausbauen sollten, gab den unterernährten Pferden den Rest; sie versagten, soweit sie nicht eingingen. Mit Mühe nur konnte ich die Kolonne in das weit rückwärts gelegene Mercy le Bas bringen. Dort erreichte mich Ende Nov., nicht ohne mein Zutun, die Kommandierung zur Doltmetscherschule nach Berlin, und anschliessend habe ich, vom 1.2.18 ab bei der Landesaufnahme in Berlin als Ordonanzoffizier eine interessante und bewegte Zeit durchgemacht – die aber kein Krieg mehr war. —

Kriegstagebuch vom 1. August bis 6. September 1914

Hier nun die buchstabengetreue Abschrift der Kriegserinnerungen. Anmerkungen von mir werden in eckigen Klammern wiedergegeben. An einigen Stellen hat Volkmann Ergänzungen auf leeren Seiten oder am Rand geschrieben. Wenn diese eindeutig in den Text eingeordnet werden konnten, dann wurde das stillschweigend gemacht. An Stellen, an denen ein eindeutiges Einfügen in den Textfluss nicht möglich war, wurde die Ergänzungen in eckigen Klammern eingefügt.

Niedergeschrieben Winter 14/15 in der kalten Villa in Halluin.

1 Aug.1914

Das also ist der Krieg! Wie oft hatten wir uns, auf Spaziergängen, dies ungeheure Werden einer Mobilmachung vorgestellt, also modus irrealis natürlich, aber – sehen möchte man`s schliesslich doch einmal, wie all das in einander greift, wozu man auf allen Gebietendes Lebens immer wieder die Vorbereitungen traf, ein weitverzweigtes Netz, dessen Fäden an alle Punkte des wirtschaftlichen Daseins angeknüpft waren. Würde es halten, wenn ein Ruck es anzöge um dies sämmtliche Beziehungen, alles Schaffen neu einzurichten? Es musste ein Ungeheures sein. Nun lag der lähmende Druck auf uns, den neue Nachrichten alle paar Stunden verschärften! Der Kriegszustand war erklärt, und die Truppen der Garnison Graudenz, die bis zum 30 Juli auf dem Schussplatz waren, kehrten plötzlich nachts zurück. Am anderen Morgen sah ich sie schon in neuem gelben Schuhzeug und Rock, der berühmten, auf der Kammern so sorglich gehüteten und erneuerten Kriegsgarnitur. Vor der Kommandantur stauten sich Neugierige, sonst merkte man auf den Strassen nicht viel von der inneren Erregung, die in diesen Stunden die ganze politische Welt erzittern liess. Meine Arbeiter schafften auf dem Neubau wie sonst, und doch wurden allerlei Gerüchte hin und hergetragen, während ich mit dem Techniker über die wippenden Bretter des Gerüstes ging. Die Gerüchte eilten den gedruckten Bekanntmachungen voraus, aber mittags stand doch ein roter Anschlag am Kommandanturgebäude. Gegen Abend liess ich alle Maurer und Handlanger im Hof des Rohbaues, der seit zwei Wochen so sichtlich emporgewachsen war, zusammentreten und sprach ein paar Worte.

[Anmerkung von der nachfolgenden Seite: Einer unserer Geheimräte im Ministerium [Reg. Baumeister Hahne] hatte das Extrablatt mit der Kriegserklärung durch den Boten in den Kanzleien herumgeschickt, und bliebt noch eine Weile an seinem Schreibtisch sitzen, den Kopf voll wirbelnder Gedanken. Wie verschiebt doch dies Blatt Papier alle Perspektiven, die ein Jeder vor sich sieht, auf die hin er arbeitet. Da klopfts, und durch die Tür schiebt sich tritt, mit seinem unnachahmlichen Bückling, einer der geheimen Kanzleiräte. „Verzeihung, ich wollte Herr Geheimrat nur eben ein sehr dringliches Aktenstück vorlegen: Anfrage der Regierung in Lüneburg, ob der Teppich im Esszimmer der Dienstwohnung des Präsidenten erneuert werden kann“. Ja, diesen Geist, den vielverlachten Geist des Wagner der, froh ist, wenn er Würmer findet; über den wir uns beim Requirieren als Offiziere der Truppe, wenn wir ihn bei Etappen- und Ortskommandanten trafen, oft ärgerten – wir hatten auch ihn so nötig, um diesen Krieg zu führen.]

Unsere Wohnung wollten wir schliessen, und zusammen übermorgen reisen; aber wie abends das Fahren und Abreisen zunahm; wie die erwartete Mobilmachung noch am gleichen Abend bekanntgegeben wurde, da entschlossen wir uns, schon am andern Morgen zu reisen. Mit Frau und Jungen, mit Handgepäck und Dienstmädchen zog ich aus der Wohnung, vergeblich auf den bestellten Wagen wartend. Da pakte  ich die Meinen, trotz Protestes meiner Frau, trotz Zögerns der Federhutgeschmückten Donna, in ein vorbeitrottendes Gemüsekärrchen. Rappelnd sauste der gebrechliche Wagen, dessen Pferdchen ich unerbittlich zum Galopp peitschte, über das Pflaster, den weiten Weg zum Bahnhof, noch grade recht, um den einzigen Zug, der mit guten Anschlüssen nach Westen fuhr, zu erreichen. Quer durchs deutsche Vaterland, durch das beginnende Erbrausen des Sturmes ging die Reise nach Weimar und von da zum Rhein. Die Züge fuhren im Osten pünktlich und waren leer, da sie ja der Mobilisierungsrichtung entgegen liefen. In Berlin am Anhalter Bahnhof wimmelte es von Offizieren, Reservekavalleristen besonders, die ihren süddeutschen Garnisonen zufuhren. Ein alter Studienfreund; „Halloh!“ Er wendet sich zu einer jungen Gestalt durchs Fenster, die unter ihrem Rosenhut die tränen nassen Augen zu bergen sucht. „Vor 14 Tagen hab ich geheiratet“, erzählt er mir, als der Zug aus der Halle herausgerollt ist. Wie viel Bekanntschaften macht man auf jeder Strecke, eigentlich ist Jeder ein Bekannter, mit dem man Nachrichten tauscht. „Haben Sie von dem Kriegsschatz gehört, der in Autos nach Russland durch geschmuggelt wird?“ „Im ganzen Land ist ein Netz von Spionen dabei, alle Eisenbahnen zu zerstören in Kochem [Cochem] ist ein Gastwirt festgenommen, der im Begriff war, mit seinem Sohn den grossen Tunnel zu sprengen.“

Das einförmige Rattern der Axen wird zum lebendigen Pulsschlag, es giebt nur noch ein Wollen. Und es teilens alle da draussen. In Flecken und Dörfern stauen sich Kinder und Frauen an der Bahnschranke und ihr lärmender Jubel schwillt an, so oft eine Soldatenmütze an ein Fenster tritt. Die machtvollste Steigerung aber fand die Teilnahme der Bevölkerung im westlichen Industrierevier. Aus hundert Fenstern einer Fabrik schauten dreihundert Mädchenköpfe, auf Dämmen und Strassenübergängen dicht gekeilte Kinderscharen. Von Hagen bis Elberfeld war die Bahnstrecke eine Triumpfstrasse.

[Anmerkung von der folgenden Seite: Als Bruder Ernst erwähnte, dass das VII Corps gegen Lüttich rücke, schüttelte Prof Rothert, der alte Freund der Eltern, Professor der Geschichte und grosser Stratege, den Kopf. „Lüttich? da irren Sie `Belgien ist doch neutral“.]

Unser Schnellzug überholte schon einige Militärzüge. Halberstädter Kürassiere, traben auf einem Bahnsteig in knarrenden gelben Stiefeln mit Segeltucheimern zum Wandbrunnen, um schnell ihren Pferden Wasser zu holen. „Wohin?“ „Wissen wir nicht, wahrscheinlich nach Aachen“. In Düsseldorf herzliches Wiedersehen mit den Eltern und mit Bruder Ernst, der seine Ausstattung wie zu einer Afrikareise vervollständigte. Beim Abschiedsessen am Elterntisch ertönen krach, krach Kanonenschüsse in der Stadt. Oben am Sommerhimmel zeigten sich zwei drei weisse Wölkchen; platzende Schrapnels, wie wir sie vom Schiessplatz her kannten. „Halte ich für ausgeschlossen“ erklärte Vater „es sind Kumuluswölkchen, wie sie vorkommen“. Wir aber konstatierten stolz, die Luftschlacht bei Düsseldorf, „Beginn des Weltkrieges.“ Irgend eine gedruckte Bestätigung war vorläufig nicht zu bekommen, denn die Zeitungen durften ja nicht mehr Alles bringen.

Abends fuhr ich, meinem Gestellungsbefehl entsprechend, nach Colmar ab. „Am Schluss des dritten Mobilmachungstages tritt der Friedensfahrplan ausser Kraft;“ das wusste man ja von jeder Kontrollversammlung; die Züge den Rhein rauf hatten bereits mehrere Stunden Verspätung, und ich war erst in Mainz, als es Mitternacht wurde, und damit – ganz prompt,- jeder Weiterverkehr stockte. Auf Lokalzügen mit vielfachem Umsteigen schlängelte ich mich dann einen Tag lang bis Strassburg. Hier war die kriegerische Arbeit im vollen Gange. Über den Kleberplatz trabte eine lange lange Reihe schwerer Karrenpferde, von Fussartilleristen geführt, Reserveleute eilten von Geschäft zu Geschäft, um das fehlende Feldgrau zu beschaffen. Im Restaurant des „Roten Hahns“ sassen elegante junge Offiziere – nur bescheiden die Abzeichen der stolzen, sonst so bunten Reiterregimenter an der feldgrauen Montur. Am dritten Mobilmachungstag, den vierten August treffe ich endlich in Colmar. Zwei Soldaten, die in einem Auto am Bahnhof eben vorfuhren, teilten mir auf eine Frage nach einem Wagen mit, dass jeder Soldat jegliches Fuhrwerk benutzen könne nach seinem Belieben; alle seien zum den Dienst der Heeresverwaltung verpflichtet. Sie schienen sich selbst schon ganz an diesen Punkt des modernen Krieges gewöhnt zu haben, denn sie sassen sogleich wieder mit auf, als ich den Chauffeur bat, mich zur Artilleriekaserne zu fahren. Wir rasten durch die Stadt; wo die Häuser aufhörten stand ein Doppelposten der Jäger zu Pferde, die den Wagen mit vorgehaltenen Karabinern zum Stehen brachten. Hundert Schritt weiter lag die neu erbaute Kaserne einer Abteilung des Feldartillerie-Regiments 80, die ich in dieser ernsten Stunde zum ersten Mal sah. Ich meldete mich beim  Kommandeur, begrüsste einige Bekannte, die schnell vorbeigingen und brachte mich ins Bild. „Volkmann, Sie werden die Grosse Bagage führen“ teilte mir Bader mit. „Wie macht man das?“ „Weiss ich auch nicht, aber das wird sich alle finden.“ Schön, kann ich irgendwo helfen?“ „Danke es geht schon.“  Aus der Kammer liess ich mir einen Anzug geben, suchte mir (Quartier) eine Stube in einem Mannschaftshaus. Einige Batterien waren schon weg, als Grenzschutz in die nahen Vogesenpässe aufgestellt. Die zweite Abteilung wurde in ihrem Standort, dem Truppenlager bei Oberhofen, mobil gemacht; sie sollte in zwei Tagen anrücken. Da ich der Letzte war (fand ich) hatte das für mich bestimmte Reitpferd schon einen anderen Liebhaber gefunden. Der Regimentsadjudant liess darauf von jeder Abteilung, ein zum Reiten geeignetes Pferd anfordern, von den ich eins mir aussuchen sollte. Ich konnte ja annehmen, dass die übelsten Schinder gestellt würden. Ich entschied mich für einen Braunen, der an dem Tage erst eingeliefert war. In der ganzen Zeit… habe ich in steigendem Maße erfahren, ein wie zuverlässiges Pferdchen ich an meiner „irischen“ Stute hatte, die im Sattel, beim Hürdensprung wie im leichten Wagen gleich ausdauernd ging. Sie hatte, als sie eigezogen wurde Kummtspuren im Nacken und das mag beigetragen haben, dass man sie bei der Musterung aus dem Kasernenhof nicht erst als Reitpferd prüfte.

5-7/8[.1918]

Die ersten Tagen, bis die zweite Abteilung kam, gingen hin mit Vervollständigung der Ausstattung. Zunächst bekam ich vom Zahlmeister eine hübsche Summe blaue funkelnagelneue Lappen aufgezählt, die ich am anderen Tag gleich wieder in der Reichsbank deponierte. Meine Koffer waren in Berlin nicht auf anderen Bahnhof befördert worden. Die völlige Stockung des Gepäckverkehrs war eine der natürlichungen Folgen dieser Mobilmachung, die in die Som Haupt-Reisezeit fiel und daher ein ungeheures Zurückfluten aller Sommerfrischler noch zu dem ungeheuren Schwellen des Verkehrs durch den Krieg brachte. In Berlin hatten Gebirge von Gepäckstücken in allen Bahnhofshallen bis über die schützenden Glasdächer hinaus gelagert. Nun sah die Bahnhofsverwaltung, wohl in Folge der vielfachen telegrafischen Reclamationen, die Dringlichkeit einer vorzugsweisen Beförderung von Offizierskoffern ein, und ich fand bei einer der nächsten Visitationen am Bahnhof meine beiden Koffer heraus. (Ebenso) Auch gelang es mir noch einen neuen Armeerevolver zu bekommen, da für den Regimentsstab eine bestellte Sendung noch rechtzeitig eintraf. In Geschäften war gänzlicher Mangel an leidlichen Pistolen. –Imn unserem neuen Casino versammelte sich geg zum Essen noch eine lebhafte Gesellschaft und der Betrieb wurde wie in Friedenszeiten aufrecht erhalten; nur der Hauptweinvorrat war freilich nach Neubreisach in Sicherheit gebracht ebenso wie die Restbestände aus unseren Kammern fortgeschafft wurden, da man mit der Möglichkeit eines Einfalles rechnete. Da der Restbestand zu Neige ging, beauftragte der Graf mich, im Auto von dem Bestand noch etwas zu holen. Auto bekam man vom Kommandanten zur Verfügung gestellt.

Beim Abendessen hielt der Graf eine seiner drastischen Ansprachen: Zwei Dinge verlange ich: Behandeln Sie Ihre Untergebenen als Gentleman und: wer jeut [sic!], den lasse ich bei der nächsten Schlacht zu Haus.

Beim Kommandanten, in der Infanteriekaserne, die auf Gängen, Stuben und im Hofe von halb und ganz uniformierten Menschen wimmelte, holte ich mir einen Passierschein und liess mir ein Auto zur Verfügung stellen. Auto bekam man vom Kommandanten zur Verfügung gestellt. Durch die sommerlich prangende Ebene sauste der Wagen der kleinen Festung zu. Es war wirklich kein sehr kriegsmäßiges Geschäft, aber es war lustig, wie die ganze Mobilmachung bisher. Als wir uns der Neubreisach näherten, sah ich hunderte von Arbeitern beschäftigt, das Vorgelände in Kriegszustand zu setzen. Dutzende herrlicher alter Platanen und Pappeln lagen gefällt am Boden. Dünne Stämme, die vor dem Glacis ein Dickicht gebildet hatten, waren 1 meter über dem Boden abgehackt, und die Stumpfe wurden durch Stacheldraht verbunden. Ein Kabel wurde längs der Strasse in die Erde gebettet. Im Städtchen herrschte die gleiche Emsigkeit des Rüstungsgeschäftes. Unser Regiment stellte hier seine Ersatzabteilung auf; Koppeln von Pferden, ein Gedränge von Reservisten um eine Feldküche füllte den Hof der alten Kaserne, wo ich da nach kurzem Aufenthalt meinen Auftrag ausführte, Photografien. verschiedenen Hin- und Herfragen erst den Raum, wo der Weinkisten standen und dann den Kammergefreiten, der den Schlüssel dazu hatte, auftrieb. Als ich heimkam, wurde mir ein böses Gerücht zugeflüstert: „von R. [Anmerkung auf der gegenüberliegenden Seite: Frh. Röder von Diersburg] hat sich oben im Grenzschutz eine Kugel in den Kopf gejagt.“ Der hübsche blonde von R. den ich bei meiner Übung als fröhlichen jüngsten Regimentskameraden kennen gelernt hatte, war mit dem ersten Kriegstage als Zugführer in eine der ausgesuchten Stellungen in den Vogesen gerückt; da sollte er heut ins Gebüsch gegangen sein und die Geschützbedienung habe einen Knall gehört, habe ihn dort gefunden und bei ihm einen Zettel: Die Verantwortung sei ihm zu gross gewesen…… -Das war ja ein hübscher Auftakt für einen stolzen, wills Gott ruhmreichen Feldzug. Gedrückt ging man umher und weiter wurde geflüstert: „Auch England hat uns den Krieg erklärt – aber sagen Sies den Mannschaften nicht so gleich…

Abends sagte der Regimentskommandeur mit Betonung: „Freiherr von R. ist beim Revolverladen verunglückt….“

 

Am 9 August rückte das Regiment aus, wir wussten dass französische Truppen von Belfort her eindrangen und dass unser XV Korps vielleicht von der Kaserne aus in die Schlacht rücken würde – aber abends wurde die Abteilung nochmals in die Kaserne zurück geführt. Wir, die Bagagen, waren unter dess in nord östlicher Richtung eine Stunde weit marschiert; hatten dort Stundenlang gelegen bis nachmittags der Befehl zum Einrücken kam. So lernten wir gleich die Haupt Beschäftigung der Bagagen, zigeunerhaftes Herumliegen, kennen    Bei der grossen Hitze war das Wannenbad im neuen Offizierskasino mir eine besondere Erfrischung

Am 10  gings wieder heraus in nord östliche, Richtung, wieder stundenlanges Warten nachdem wir uns mit den Bagagen der andern Regimenter vereinigt hatten, aber dies mal rückten wir nicht wieder in die Kaserne, sondern es ging nach Süden weiter also wars vorwärtsgegangen da unten!

Gegen Abend näherten wir uns Rufach, das erste Donnern ferner Kanonen wurde vernehmbar und gespannt blickte man nach Süden, wo Mühlhausen liegen musste, aber von einer Schlacht vorläufig nichts zu beobachten. Da, drüben vom Hang auf der Strasse heransausend, ein Auto mit der Flagge der Roten Kreuzes. „Rechts ran!“ Es fährt mit verkürzter Geschwindigkeit an der Kolonne entlang und einen Augenblick sehe ich zwei Gestalten halb liegend schwarzblaue Röcke, wachsbleiche Gesichter weisse Verbände; die ersten Franzosen, verwundet, gefangen.- Wieder stockt die Kolonne. Ein Meldegänger radelt vorbei: „Wie lange wird die Rast dauern?“ „Der Reitmeister kanns nicht sagen.“ Der Befehl zu Weitermarsch konnte jeder Zeit kommen, aber da man nicht immerzu in Bereitschaft bleiben kann, fängt Alles an zu essen. Der Mond ist glänzend aufgegangen, hie und da flackert ein Lagerfeuer auf, die meisten aber essen ein essen eine Fleischkonserve kalt und Brot dazu. Wein ist noch in allen Feldflaschen vorhanden. Dann betten wir uns am Chausseegraben, in der lauen Nacht genügt der Umhang zum Zudecken. In der Frühe [Anmerkung am Rand: 11] ist wieder die Frage: soll man Kaffee kochen? Niemand wagts recht, weils ja jederzeit weiter gehen kann. Aber am Bach im Grund kann man ganz kriegsmäßig Morgenwäsche machen; ich benutze sogar das Rasiermesser, das ich im Schwammbeutel mitführe. Dann aufs Pferd, um sich weiter vorn mal umzuhören. Ich trabe an der Colonne entlang. Der Rittmeister? „Ist im Dorf!“ Da vorn Die In der Strasse von Rufach, mit hübschen alten Portalen, mit Bauernhöfen in denen Munitionswagen hielten, sah ich ein kleines Café, wos frisches Gebäck und Cafe mit köstlich mundender frischen Milch gab. Als ich raus trat, war mein Pferd verschwunden. Ich suchte die Strasse ab, fuhr mit einem Rade an ein paar Kolonnen entlang, wohin der Pferdehalter es irrtümlich gebracht haben konnte, und fand es, nach einer Stunde zurückkehrend, friedlich bei meiner Bagage, (zu) der ein anderer Fahrer es zugeführt hatte.

Endlich kommt der Ruf: „Fertigmachen!“ und kurz vor Mittag rollt die Wagenreihe rasselnd durch Rufach. An einem Kloster werden den Soldaten Teller mit heisser Graupensuppe gereicht und ich bin vergnügt auch einen mit einem grossen Klumpen Suppenfleisch zu erhaschen, den ich im Sattel in der nächsten Seitenstrasse mir einverleibe. In den Dörfern, durch die wir kamen, wurden uns von Frauen und Kindern auf allen Gassen Erfrischungen geboten und gierig schlickte man ich durcheinander kalten Kaffee, Mirabellen, küns[t]liche Limonade. Dabei ärgerte ich mich über ein grosses Lastautomobil, das in der Kolonne vor uns fuhr. Von einer Strassburger Brauerei war es requiriert für das Musikkorps des einen Infanterieregiments und diese Blechspucker hielten an jeder einladenden Kneipe, und während sie einen hoben der Wirt volle Biergläser in die ausgestreckten Hände verteilte, kam die ganze Kolonne dahinter ins Stocken. Dann fuhr, in einer Wolke von Benzoldampf und Gestank, das schwere Auto wieder an, rasselte beschleunigt hinter den vorgerückten Wagen her und wir konnten sehen, wie wir aufkamen. Die Sonne brennt erschlaffend und nach mittags sehen wir links von der Strasse die ersten Spuren des Schlachtfeldes; zerfahrene Äcker, die auseinanderziehenden Wagenspuren deuten auf das erste Auffahren der Artillerie, und gleichzeitig sehen wir über die Höhe weg in der Ferne wo Mühlhausen liegt, Rauchwolken der brennenden Stadt. Vor Uffholz giebts wieder längeren Halt, wir hören dass das Dorf gestern gestürmt ist. Die Neugier treibt mich wieder an die Spitze der endlosen Kolonne. Die anderen Offiziere sitzend rauchend am Wegrand, die Strasse sperrt ein Doppelposten, zwei 126er, und der eine erzählt bereitwillig wie sie durch den Weinberg vormussten da oben und wie er auf den ersten Franzosen zielte. „Aber die Kerls konnten uns nichts machen, schossen alles drüber weg. Nur nachher, wie die 132er von der Seite angriffen, haben sie auf die Unsern geschossen, und die konnten besser Zielen.“ Mich packte ein leichtes Entsetzen. Ich ritt herüber ins Dorf, nach Zeichen der Schlacht aussehend. Da stand ein Karren mit Monturstücken, zwischen unsern braunen Felltornistern Ranzen lagen schwarze Wachstuchtornister, aha, Seitengewehre aus Metall, Geschosskörbe. Auf dem kleinen Dorfkirchhof gruben acht Männer ein grosses Grab; daneben lagen verhüllte lange Gegenstände. Ob das Leichen wagren? Und dann um die Ecke, stosse ich auf einen breiten Karren, auf dem etwa zwanzig tote Soldaten lagen, feldgraue und dunkelblaue Freund und Feind durcheinander, eine verkrampfte gelbe Hand mit schmutzigen Nägeln, ein Fetzen eines erbsengrauen Waffenrockes hing herunter, über und über bedeckt mit verdächtigen nass braunen Flecken. Ich bekam das Schlucken und wandte mich ab. Der Brunnenstock gegenüber strömte das klarste Wasser aus; von dem hatte vielleicht Einer getrunken, der da jetzt lag. Ein junger Dragoner, der auch herangeritten war, sah mich entgeistert an und murmelte: Entsetzlich! So, unvermittelt packte uns der Krieg an, und schlimmere Bilder habe ich seitdem nicht wieder gesehen. Niemand, der das Begräbnis leitete, kein Unteroffizier, der für Ordnung sorgte. Ein (anderer) Soldat schnallte einen im Dreck liegenden französischen Wachstuchtornister aus und entnahm ihm eine blaue Conservenbüchse – erste Kriegsbeute.

(Als ich zurückritt, waren am Chausseerand Feuer angesteckt und die Erbsensuppe brodelte im Kochtopf. „Das ist ja für 50 Mann“ sagte ich wir habens aber zu sieben aufgegessen.) Aus der Wiese quoll neben der Strasse eine Wasserader. „Vergiftet!!“ stand auf einem Papierblatt, das an einen Stock daneben geheftet war. „Auch in Uffholz sollen haben sie die Brunnen vergiftet!“ „Kann man denn Quellen überhaupt vergiften?“ „Gewiss, mit Bacillen zum Beispiel – ich möchte jedenfalls nicht davon trinken!“ Ein Trupp flüchtender Landleute kam die Strasse, im Sonntagsstaat, mit schiefsitzenden Kapotthüten, Kinderwagen schiebend, hochbepackt mit ihrer Habe. Dann ein paar junge Kerls. „Dürfen denn die überhaupt hier durch?“ fragte mich einer der Kameraden, der nach hinten ritt. „S´ sind französische Soldaten, die sich in Uffholz Civil angezogen haben,“ sagte meinte ein Unteroffizier. „Da oben steckt noch alles voll von Franzosen“ er deutet auf den Berg. Von Uffholz her fielen zwei Schüsse. Auf einem Fussweg drüben ging wieder eine Gruppe von Frauen ein halbwüchsiger Bengel und Kinder. „In den Packen, die sie tragen, sind sicher auch Civilkleider für Soldaten, die sich versteckt halten.“ „Feldwebel, nehmen sie die Leute fest“ rief ein Bagageführer. Der schwärmte mit drei Mann über die Wiese und rief die Bauersfrau an. Wortwechsel, Untersuchung, dann schwank kam der ganze Zug, lamentierende Weiber, unerbittlicher Feldwebel, schwankender Kinderwagen durch die sumpfige Wiese herüber. „Herr Leutnant hier das habe ich gefunden bei der Frau versteckt,“ der Soldat zog eine rote Kreuzbinde aus ihrem Korb. Im Nu hatte sich ein dichter Kranz um die wimmernden Frauen und mich gebildet. „Man sollte kurzen Process machen mit dem Pack“ sagte der dicke rote Musikmeister das sind hier alles Ver[r]äter. „Was ist denn Verdächtiges gefunden? fragte ich den Feldwebel scharf bestimmt „Ich weiss nicht, aber… er sah die andern an.

 „Na hören Sie, wir führen doch keinen Krieg mit Frauen und Kindern –“ „Hat denn der Kerl einen Pass?“ Der junge Mensch zog eifrig aus seiner Brusttasche ein fettiges Papier mit unkenntlichem Bildchen.- Mein Beruhigungsversuch wirkte nicht lange; in die Reservisten war eine Aufregung gekommen, die die unsinnigsten Gerüchte nährten. „Gewehre nach vorn!“ hiess es plötzlich. Von jedemr Regimentsbagage traten zwanzig bis dreissig Schützen zusammen; ein Unteroffizier von den Jägern liess seinen Zug seitlich ausschwärmen. Vorn begann es wie wild zu knattern. Aber das Schiessen hörte bald auf, die Leute kamen zurück. Was war denn los vorne? Niemand wusste es recht, und der Rittmeister, zu dem ich ritt, sagte in Seelenruhe „Da vorne soll wohl so ‘n Kerl geseh`n sein.“ – Das kann ja eine hübsche Nacht werden“ dachte ich und suchte mir als es dunkelte am Wiesenrand eine passende und noch nicht verdreckte Stelle zum Schlafen aus; nachdem ich meinen Leuten noch eingeschärft, nicht ohne meinen Befehl zu schiessen. Nach der Bergseite wurden zwei Doppelposten aufgestellt, den Pferden die Gurte gelockert. Sie blieben aber, wie die vorige Nacht, im Geschiss stehen. [Anmerkung am Rand: 11] Um Mitternacht kam wieder das Kommando „Fertigmachen!“ Ich stülpte den Helm auf, liess meinen Wäschesack aufladen und ritt an der Kolonne entlang. Als ich mich überzeugt hatte, dass alle Wagen marschbereit waren, liess ich anfahren. Vor uns war eine Lücke, da die anderen früher losgefahren waren, aber schon nach einem Kilometer holte ich die stockende Kolonne auf. Langsam gings weiter, stockte, ging wieder vorwärts. Auf den Wagen schliefen, zusammengesunken, die Kanoniere, auf den Pferden schaukelten schlafend die Fahrer. mit aller Mühe suchte ich mich des Schlafes zu erwehren, den entsicherten Revolver steckte ich bald wieder weg und suchte auf und abreitend die Kerls wachzuschreien, denn wenn einer W der schlafenden Wagen stehen blieb, ging der Anschluss verloren und später dann fing ein wildes Traben an. Waren es Stunden, die wir so vorrückten? Es begann zu dämmern, als wir nach Sennheim kamen. Um die Ecke biegend erkannte ich den Giebel der Kirche. Die Doppeltür stand weit offen und drin,- Mysterium,- bewegten sich bei Lichterschein lautlos viele Gestalten hin und her. Dann begriff ich: Verwundete pflegte man; sah erwachend die Kirchenbänke auf der Strasse gestapelt und sah sie drin im Halbdunkel in dichten Reihen liegen, die ersten stillen Helden dieses Feldzugs. Am Ausgang von Sennheim gabs wieder einen Halt, der bis Mittag dauerte. Unterdess hatten wir in einer Wirtschaft Erfrischungen bekommen; er gab Bier, Kaffee später auch warmes Essen. Mit der Hitze des Nachmittags kam wieder der trockene zehrende Durst, den ich schon tags zuvor vergebens mit den vielen Limonaden zu stillen versucht hatte, die in allen Dörfern bereitwillig in Kübeln und Gläsern den durchreitenden Soldaten geboten wurden.

Der Tanzsaal der gegenüberliegenden Kneipe war ebenfalls Verbandplatz, drin lagen auf Stroh dreissig Stöhnende zerschossene Soldaten, furchtbarer Geruch von Karbol und Schweiss, in der Mitte operierte der Arzt mit aufgekrempelten Hemdärmeln  In den kleinen unsaubern Hof hatte man, wohl um Platz zu machen, zwei Sterbende auf ihren Bahren aus Ästen gelegt. Dem einen, einem französischen Artilleriekapitän, war der Rock übers Gesicht gedeckt. Seine schwarzes g Käppi mit Silberschnüren, das er sich frisch in Lyon gekauft hatte, lag in einer Ecke. Ich steckte es zu mir. Der andere war ein deutscher Soldat, dessen Brust sich noch schwer hob und senkte. Mit stumpfsinniger Neugier drängten ein paar Reservisten in das Höfchen. Herrgott ist das ein Graus! Drüben vor dem grossen neuen Gebäude, dem Krankenhaus, hielten in der vollen Sonne immer wieder Wagen, Bahren wurden ein und ausgeladen.

Gegen abend kamen Befehlsempfänger von den Regimentern, um die Bagagen zu den Truppen vorzuholen. Ich bekam einen Zettel der Regimentsadjudanten und rückte mit meinen Wagen nach Niedermichelbach. Kein Soldat zu sehen; rechts und links ausgehobene Gräben, eine Artilleriestellung, und in dem ausgestorbenen Dorf ein brennendes Gehöft. Also weiter nach ________michelbach; zwei Berittene auf verschiedenen Wegen vorgeschickt. Links auf dem Acker sah ich Lagerfeuer brennen, eine Abteilung biwakierte vor dem Dorf, der Regimentsstab habe sich drin einquartiert. Das Dorf; in das ich mit dem Stabspackwagen suchend einritt, war gespenstig erhellt von schwelenden Brandstellen: ausgebrannte Gehöfte zeugten davon dass von Einwohnern oder hinterhältig aus ihnen auf durchmarschierende Truppen geschossen sei. Später hörte ich dass auch eine unserer Batterien gezwungen wurde im Dorf abzuprotzen und die Strasse hinunter zu schiessen. Das Auffinden des Regimentsstabs in diesem Durcheinander war nicht einfach; aber schliesslich landete ich am Pfarrhause, wo der Oberst war und natürlich – fest schlief. Schlaf war sicher nötiger wie Essen, Koffer, und was unser Wagen sonst brachte – so liess ich die Herren schlafen – obwohl mir mitgeteilt wurde, dass ich in drei Stunden wieder abrücken müsse, und die Bagage sich vor nach Sennheim bei Tagesgrauen zurückziehen müsse. Im Pfarrhaus wurde mir von der Haushälterin noch ein Imbiss geboten, dann dann wies man mir das Zimmer mit dem sauberen Bett, aus dem ich mich seufzend bald darauf wieder erhob. Die schlaftrunkene Bagage hatte sich auf der Strasse gesammelt; müde gings im Schritt wieder nordwärts. Die schwarzen Umrisse der hochbepackten Wagen mit den schlafenden Fahrern schaukelten mir vor den Augen; ich ging zu Fuss und führte mein Pferd, um mich besser munter zu halten. Da stolpere ich und falle auf einen Pferdekadaver nun hält der Ekel einen wenigstens eine Strecke wach. Vor Sennheim Halt – es ist uns jetzt schon Gewohnheit, dass wir die Stunde nutzend uns an die Wegböschung zum Schlummer legen, wo uns die Morgensonne bald aufweckt. [Anmerkung am Rand: 13.8] Dann kam der Befehl zur Truppe wieder vorzurücken und zwar lag mein Regiment in Michelbach. Die Kochgeschirre und Eimer wurden angeschnallt und wir fuhren im flotten Tempo durch Oberasbach und dann die Höhe herauf, wo ich die Wagen den einzelnen Batterien zuschickte. Ich selbst ging zum Gefechtsstand der II Abteilung und machte Major Meyer Meldung. Die Offiziere sassen in einer ausgegrabenen Erdstellung auf der südlichen Höhe und man musste das letzte Stück geduckt anschleichen. Die Kanonen standen etwas rückwärts. Der Major trug ein kleines Pflaster auf der Stirn – Schrapnellkugel sagte er wegwerfend. „Kann man feindliche Stellungen sehen?“ Nein. „Und wir?“ Bleiben hier in Bereitschaft. Was sollen wir weiterrücken gegen die Kanonen von Belfort.

Später suchte ich am Bach eine saubere und genügend breite Stelle zum Baden. Überall plätscherten Soldaten im Wasser oder kühlten ihre Pferde. Als ich aufwärts eine Stelle gefunden und mich ganz ausgezogen, kam ein Offizier in der Nähe vorbei  Wissen Sie nicht dass Alarm ist? Sie wollen wohl sitzen?“

„Nein doch, sehen Sie die Haubitzbatterien dort zurückfahren?“ Die wurden allerdings aus den tiefausgegrabenen Stellungen herausgezogen. Ich zog mich an und ging zum Bauernhaus, in dem wir lagen. Ja Alarm is, aber wofür, das weiss man nicht recht. Jedenfalls müssen Sie weg.“ Ich bekam Befehl, am Bahnhof Wittelsheim Lebensmittel und Futter einzunehmen. An diesem Bahnhof kam ich mit der Bagage mitternacht an. Eine lange Reihe von Laternen zeigte von weitem schon den Weg durch die Nacht. Auch zu dieser Stunde arbeitete die deutsche Organisation. Aus einem Proviantzuge wurde alles Notwendige von einer langen Kriegsrampe ausgeladen. Ich wollte meinen Unteroffizieren zur Aufmunterung einen Schoppen vorsetzen, aber das Bahnhofsalkoholverbot liess es nicht. zu. Wo sollten wir für den Rest der Nacht bleiben? Ich liess die Wagen auf einen trockenen Acker im Viereck auffahren, Stallleinen spannen und bald war das Biwack fertig. Am anderen Morgen, als wir nach Sennheim rückten, begegnete uns ein grosser Gefangenentransport. Schon aus grosser Entfernung sahen wir überrascht die dunkelroten Fleckchen in langen Reihen, wo man sonst immer nur das fast unsichtbare Feldgrau unserer Reihen Truppen wahrnahm. Dann rief einer freudig: Franzosen Herr Leutnant! Die vordersten zogen ein Feldgeschütz, weiss gestrichen mit einer Richtvorrichtung aus blinkender Bronze.

Von Sennheim zog ich meinen Trupp auf die grosse Strasse nach Rufach wo schon andere Wagenkarawanen lagerten. Links von der Strasse hatte eine Feldfliegerabteilung sich aufgebaut und ich bewunderte wie durchdacht alles für ein flinke Anlage eines Flugplatzes war. Lastautos waren als Reparaturwerkstatt, andere zum Befördern der Hülfsmannschaft eigerichtet; Anhängewagen nahmen die Zelte auf, die stets da unten auf der Wiese aufgeschlagen standen. Ein Flieger, der eben dem sauber gestrichenen Doppeldecker entstiegen war, meldete: „Auf Belfort werden starke Truppen zusammengezogen.“

[Anmerkung am Rand: 14.8] Bis zum Nachmittag lagen wir, wie fahrendes Volk, wieder an der Strasse, kochten Essen und hielten Mittagsruhe: der ständige Aufenthalt in der frischen Sommerluft schuf Hunger und Müdigkeit. Am anderen Morgen rückt die ganze Bagage der Division geschlossen nach Norden; auf der grossen Strasse, die ohne Dörfer zu berühren, Sennheim mit Rufach verbindet. Wohin? Warum? weiss niemand. Die Feldpost, deren Wagen mit in unserem langen Zug fahren, giebt schon die ersten Grüsse von Angehörigen aus; unsere Briefe aber werden vorläufig noch zurückgehalten. Bei Bollweiler soll unser Regiment verladen werden in die Eisenbahn. Die Bagage trifft mit den Batterien zusammen, und nachts um 10 Uhr fahren wir am Bahnhof Bollweiler, in einem hohen Kornfeld, auf um bis zur Abfahrt des Zuges zu parkieren. Die Pferde werden ausgeschirrt, die Fläche einigermaßen eingeteilt, da kommt der Befehl, weiterzurücken. Die Eisenbahn konnte vielleicht die Beförderung aller Truppen nicht leisten; Pferde und Wagen wurden aus dem niedergetretenen reifen Korn wieder herausgebracht und im Trabe gings nun weiter durch die dunstige Sommer Nacht. Am frühen Morgen kamen wir nach Rufach wo die Batterien am Bahnhof wieder zum Biwack aufgefahren waren. Hier hatten wir einen willkommenen Rasttag; die Märsche wurden deshalb auf die Nachtstunden verlegt, um feindlichen Flieger die Beobachtung unserer Truppen nicht zu gestatten. Ich klingelte an einem nahegelegenen Gärtnerhaus, erbat mir ein Zimmer, wo ich aus einem Sofa fürstlich schlief, später badete ich im Bache, in dem sich in der heissen Mittagsstunde auch viele Mannschaften u. unterhalb Pferde tummelten. Nachmittags ging es im Verband der Divisionsbagage weiter nach Colmar, die Batterien waren vorausgerückt. In der Nacht Nach Eintritt der Dunkelheit, da der Marsch fortgesetzt wurde verloren sich bei der Verschlafenheit der müden Fahrer die Verbände; ich entdeckte, dass vor uns die Landstrasse leer, ein grosses Loch war und auch die Regimentsbagage, die hinter uns folgte, war verschwunden. Ein Teil unserer Wagen, der bei einer Wegegabelung aus in eine falsche Strasse eingebogen war, rasselte im Trabe wieder herbei. Da beschloss ich auf eigene Faust mit meinen Bagagen kurze Rast zu machen; wir legten uns an den Strassenrand, aber die Schnaken machten sich so zahllos über uns, dass wir nach einer Stunde wieder aufbrachen. Durch Colmar waren die Spuren der voraufgefahrenen Teile der Bagage zu verfolgen; sie waren im Bogen um das Innere der Stadt gefahren. (Die Batterien waren einige Stunden früher eingerückt und hatten einen begeisterten Empfang durch die Colmarer Bürger als „Sieger von Sennheim“ erfahren.) Auf der Strasse, die von Colmar nordwärts nach Hausen führt glaubte ich ganz fern das Stampfen und Rasseln unserer Kolonne zu hören und galoppierte eine halbe Stunde voraus.

Vor Hausen traf ich kampierende Bagage der Division und liess daher meine Wagen gleichfalls zur Nachtruhe auf einem Stoppelacker auffahren. Am anderen Morgen Meldung beim Rittmeister; meine Bagage rückte soll selbstständig über Ostheim Schlettstadt weiterrücken. Es ist wieder Nacht, als wir uns Benfeld nähern, wo wir ins Quartier kommen sollten. Quartier konnte mans freilich nicht nennen, wenn jedes Haus, an das man klopfte, schon bis auf den Eingangsflur mit Soldatenbelegt war, jede Scheune und Einfahrt gedrängt voll von Pferden stand. Als ich ein paar Wagen dirigiert und den andern zugerufen hatte: „Helft Euch selbst, zupfte mich der langer Meyer am Ärmel und fragte listig: Wollen Herr Leutnant Quartier? Ich hab hier im Ort Verwandte.“ Er führte mich zu einem stattlichen Haus, wo ein Metzger, von gleicher Confession, wohnte, und wo ich sehr gut aufgenommen wurde. Am anderen Morgen ging es über Erstein weiter; die grosse Landstrasse wurde für die in gleicher Richtung marschierenden Truppen frei gehalten. Bei Erstein hörten wir einen Knall; die Schleuse wurde gesprengt, um die Niederung unter Wasser zu setzen. Weiterhin sahen wir an verschiedenen Stellen Erddämme aufwerfen in den Wasserläufen um sie zu stauen: die Festung Strassburg wurde im weiten Umkreis in Verteidigungszustand gesetzt. Von Fegersheim, wo wir uns mit den Batterien vereinigten, rückten wir nach Geispolzheim und über Breusch-Wickersheim nach Fessenheim. Unterwegs sahen wir weitere Vorbereitungen: Ein ganzes Wäldchen auf einer Höhe war umgelegt; die Strasse von Schützen gräben eingefasst.

In Fessenheim bezog der Regimentsstab Quartier in einem grossen Bauernhof – die Annehmlichkeit, dass für den Stab die besten Quartiere belegt werden, habe ich im Lauf der ersten Feldzugsmonate oft empfunden. Ausser uns lagen Jäger und Infanterie in dem wohlhabenden Dorf. Abends ritt ich nach dem benachbarten Hürdenheim, wo der Divisionsstab lag, holte dort die Post ab, die schon in vielen Säcken angekommen war, und den Tagesbefehl für morgen: „Alles da? Fragte der Generalstabsoffizier uns in die Schulklasse eigetretene Offiziere und Radler, scharf musternd, ob kein fremdes Gesicht dazwischen sei und begann dann in klarem Befehlston zu diktieren.“ „Die Division rückt vor über Marlenheim, Wasselnheim…“  Man wusste dass wir in den Vogesen mit feindlichen Kräften zusammenstossen würden. Demgemäß sammelten sich die Bagagen am anderen Tag wieder für sich, und lagen, nachdem die Truppen vormarschiert waren, bis zum Abend an der Landstrasse, die von Fessenheim nach Norden führt. Ein Flieger, dessen Abzeichen nicht zu erkennen waren, wurde aus hunderten von Gewehren beschossen, das war das einzige kriegerische Ereignis. Die Gr. Bagage der ersten Abteilung, die in den Vogesen gefochten gestanden hatte, traf ein, und mit Eintritt der Dunkelheit flammten an der langen Wagenreihe hin, die mit Strohhütten, kleinen Zelten malerisch durchsetzt war, die Kochfeuer auf. Ich ritt nochmals nach Fessenheim und liess mir in dem bisherigen Quartier ein Essen auftischen. Auch wechselten mir die Leutchen bereitwillig ein paar französische Goldstücke die sie hatten gegen mein deutsches Papier – man konnte ja in Feindesland nicht wissen….

Am anderen Tag gehts auch für uns weiter über Wasselnheim Romansweiler (und hinauf durch die herrliche Vogesenstrasse)[.] Hinter Wasselnheim wieder längerer Halt den die Unternehmenden zum Abkochen benutzten. Ich reite ins Städtchen zurück, wo mir in einem Gasthof das letzte Schnitzel gebraten wird. Zwei Häuser sind zu Lazaretten eingerichtet, die Leichtverwundeten, die vor den Häusern sitzen und zum Teil jetzt erst zurückkommen. Eine Kiste Cigarren, die ich nach auftreibe, wird dankbar angenommen und einer hilft dem andern, der mit dem Arm in der Binde dich kein Streichholz anstechen kann. Sie erzählen von den harten Kämpfen, ein Jäger schildert besonders die Erstürmung des hoch gelegenen S. Leon. Inzwischen benachrichtigt mich ein Berittener, dass das Signal zum Fertigmachen für die Bagage gegeben ist, und ich trabe vor. Wir rücken keine halbe Stunde weit, das stockt der Tross wieder. Der Führer der Bagagen hat angefangen, die Wagen auf einem Acker vor Romansweiler auffahren zu lassen.

Aber für alle Regimentsbagagen ist kein Platz dort und da mir auch der Boden zu weich erscheint für unsere schweren Wagen, erreichen wir als es, dass die Bagagen der Artillerie da oben wo sie grade steht, übernachten kann. Ställe werden durch Spannen der langen Leinen hergerichtet, wobei uns ein starker Regen überrascht, dann beginnt das abendliche Lagerleben. Ein Soldat bringt mir zwei kleine Browningpistolen, die er auf dem Acker fand, [die Abendsuppe wird gekocht] Büchsenfleisch wird gekocht und dann der Kaffee, der unsern Soldaten schon das unentbehrlichste Genuss mittel geworden ist – obwohl sie zugeben, im Frieden niemals soviel Kaffee zu trinken. Am nächsten Morgen reite ich früh nach Romansweiler ein und mache in einem Hause wo man mir einen Eimer Wasser und Handtuch stellt, grosse Morgenwäsche. Die Frau erzählt von ihrer Tochter, die in Nancy in Pension war

Über dem Dorf surrte, in grosser Höhe, ein Zeppelin durch die klare Morgenlust. Es war das erst und letzte das ich im Feldzug gesehen habe – später hörte ich, dass es am gleichen Abend zerknickt auf den Tannen des Donon gelegen habe. Von hier ging der Marsch weiter, die herrlichen Vogesen hinau. In grossen Schleifen stieg die Strasse, für die Zugpferde eine gehörige Anstrengung. Es dunkelte schon, als – auf der Passhöhe – wieder einer von den endlosen Halten kam, bei denen Keiner wusste, für wie lange, und die Hauptursache meist des Rittmeisters Ratlosigkeit war. Fern im Grund sah man einige Lichtchen, sie gehörten den vorderen Wagen unserer Kolonne. Spät in der Nacht,- wir hatten Dachsburg grade hinter uns, aber das merkte ich erst am andern Morgen,- gabs wieder Halt und ein Berittener meldete von vorn, dass hier parkiert würde. Die Leute richteten sich also am Strassengraben zum Schlafen; ich ging ins nächste Haus zurück. Die Frau, die mir aufmachte, erklärte, sie habe sechs verwundete Offiziere da, aber sie wies mir die gute Stube an, wo ich auf einem Sopha leidlich schlief. Das Haus schien eine Art von Fremdenvilla, am andern Morgen sah ich welch herrlichen Blick auf die Höhen es hatte. Dann wurde wieder „fertiggemacht“ wir fuhren über Schäferhof, Forsthaus Rehtal und von da südlich in ein Quertal, das deutliche Spuren des Kampfes zeigte. Stämme waren umgelegt und zu Verhauen geordnet, Schützengräben etagenförmig am Hang hinauf gebaut und ich sah hier die Gewandtheit der Franzosen in der Auswahl von Verteidigungsstellungen. Der westliche von ihnen verteidigte Hang war bewaldet, der östliche, den unsere Truppen herabstürmten mussten war nur mit Weide bedeckt, konnte also völlig unter Feuer genommen werden, der Bach, der im Tal von Nord nach Süd floss, bildete durch ein starkes Wasser auch ein ziemliches Hindernis. Wir kamen nach Wallscheid, einem ärmlichen langgezogenen Dorf, wo es wieder Halt gab. Am Ausgang sahen wir alle Spuren des Kampfes; Uniformstücke und Lederriemen trieben im Bach, zerbrochene Gewehre und Kartuschen lagen auf einem grossen Haufen. Die Strasse stieg in grossen Schlingen nach S. Leon hinauf, den steilen Berg, den die achten Jäger in einem glänzenden Sturm Tags zuvor genommen hatten. Ein französischer Hauptmann soll gesagt haben: Wenn die Deutschen S. Leon nehmen, so ist mein Vaterland verloren. Auf halber Höhe gabs wieder Stockung der Kolonne, stundenlang. Im Mittagslicht des prächtigen Herbsttages suchte ich mir eine behagliche Stelle zum Schlafen; man überblickte von da das Tal hinauf und die beiden bewaldeten Höhen, die den erbitterten Kampf gesehen hatten und heute wieder si friedlich dalagen. Auf einer Wiese da unten sah ich noch ein paar tote Franzosen liegen. Unsere Soldaten hatten sie auch schon bemerkt und stapfen durch den Grund hinüber – nicht etwa um sie zu beerdigen, sondern aus platter Neugier und in der Hoffnung etwas Brauchbares im Tornister der Gefallenen zu finden. Da zwei Infanteristen aus einer andern Richtung, die sie auch gesehen hatten, heraneilten, begann ein grotteskes Wettrennen. Gegen abend ging ich zur Kirche, die natürlich in ein Lazareth verwandelt war. Zwei Leute der Bagage hatten sich krankgemeldet und ich stellte sie dem dort arbeitenden Arzt vor. Es war ein famoser schneidiger Herr, der in diesen Zagen Enormes leisten musste. Das Kircheninnere bot den traurigen Anblick eines improvisierten Feldlazareths; zwischen den Säulen lagen auf Stroh und Decken die Verletzten, Deutsche und Franzosen durcheinander, mit blassen Gesichtern, der Eingangsraum war an einer Seite durch segeltuchbahnen abgetrennt als Operationssaal. Ich äusserte mein Staunen, dass hier im Dorf und auf dem Schlachtfeld nicht Truppen zum Aufräumen zurückgelassen seien. Er zuckte die Achseln: man muss doch den letzten Mann mit nach vorn nehmen. Übrigens sind zum Begraben der gefallenen Franzosen Dorfbewohner angestellt, aber sie haben nicht viel geschafft. Sie haben bei den Toten Geld gefunden und nun haben sie sich da oben in einer Kneipe besoffen. Ich bot ihm ein paar Leute zu Hülfe an. „Mit ein paar ist mir nicht gedient, ich müsste wenigstens fünfzig haben. Aber eins erzählen Sie ihren Kameraden: ich habe hier mehrere Verwundete Deutsche, die von hinten mit dem Bajonett in den hintern gestochen. Die Därme sind mit dem scharfkantigen französischen Bajonet völlig zerstochen und Rettung ist kaum möglich“. Wir einigten uns mit ein paar Kraftausdrücken über die Schamlosigkeit dieser Barbarei. Später erwähnte ich dem Grafen davon mit gleicher Empörung. Da meinte er: „Stellen Sie sich doch einmal vor diesen höchsten Elan, mit dem ein Soldat stürmt; da rast er, ist Bestie und Sticht auf alles was sich vor ihm nur regt.“ Bewusste Grausamkeit ist damit noch nicht bewiesen.

Gegen Abend brachen wir wieder auf, hielten, als meine Bagagen auf eben über die Höhe waren, für anderthalb Stunden, rückten weiter um zwei Stunden Kilometer drauf endgültig stehen zu bleiben. Die Nacht war dunstig und schon empfindlich kalt; ich fand eine leidliche Schlafstelle in einem halbleeren Futterwagen, auf ein paar Hafersäcken und von einem duftenden Woilach zugedeckt schlief ich ausreichend. In der Frühe erbat ich in ein paar dürftigen Häusern, an denen wir vorbeikamen Kaffee für mich und die Mannschaften und die Leute brachten das Bischen braune Brühe, das sie grad hatten, in Tassen auf die Strasse und reichten es den Vorbeireitenden in den  Sattel. Die Verbindung mit den anderen Regimentsbagagen war gelockert, aber ich wusste, dass sich das bei den massenhaften Halten schon ausgleichen würde. Es ging in Kehren wieder bergan und dann hinab nach S. Quirin, einem Dorf; das nach den Aufschriften der Häuser schon ganz französisch wirkte. Wir wussten, dass wir uns der Grenze näherten und freuten uns auf den Augenblick. Aber als wir durch den Wald und einen Tannengrund soweit gekommen waren, konnte ich die eigentliche Grenze, die ich meine Bagage mit Hurrah überschreiten lassen wollte, nichts sehen. Die eisernen Grenzpfosten waren umgestossen – in einem Graben sah ich irgendwo ein paar Brocken Gusseisen liegen. Weiter gings zunächst durch einen schönen Buchenwald, in dem herumliegende tote Pferde auf das Einschlagen von Granaten deuteten. Es gab wieder den üblichen Halt, bei dem wir an der Kolonne entlang zur Spitze trabten, um dort die Befehle für die Quartiere der einzelnen Regimenter entgegen zu nehmen; dann aß ich bei den Begleitmannschaften des Regimentstab die inzwischen fertiggemachte Erbsen suppe mit Büchsenfleisch – wir lebten damals fast ausschliesslich von Büchsen, da die eisernen Portionen wiederholt angegriffen und wieder aufgefüllt wurden. Mancher Bagagekutscher verdrückte damals in dessen eine Fleischbüchse so „nebenbei“ zum Frühstück und briet sich dann abends im Quartier erst seine Hauptmahlzeit.

Nachmittags kamen wir durch Cirey, das erste französische Dorf. Die Bewohner hatten wohl schon soviel fremde Soldaten gesehen in diesen Tagen, dass sie unbekümmert an ihrer Hausarbeit blieben. Die Mairie, in Sandstein gebaut, die gediegen gebaute Markthalle, waren die (ersten) charakteristischen Zeichen der französischen Dorfbaues Communal-Verwaltung. Südlich von Cirey sahen wir auf allen Hängen Biwacks; unser Regimentsstab hatte eine kleine Sägerei vor Petitmont als Quartier. Als ich mit dem Wagen heranritt, sah ich schon von weitem an einem selbstgefertigten langen Tisch im Freien unsere Herren sitzen, dampfendes Mittagessen in einigen Blechschüsseln vor sich, ausserdem Rotwein, den jeder aus seinem Blechbecher trank. Alle waren gutgelaunt und unrasiert und freuten sich der von mir angebrachten Post. In dem grossen Arbeitsraum dar Sägerei suchte ich mir eine Ecke, die ich durch Aufschrift: Hotel Volkmann als mein Quartier für die Nacht belegte. Dann ging ich in das Dorf Petitment, über ein paar Granatenlöcher, die die Wiese aufgerissen hatte, springend. Dort waren einige Bauernhäuser noch bewohnt, andere verlassen. In diese hatten sich unsere Truppen einquartiert, durchsuchten Zimmer und Möbel, und ich sah zum ersten Mal den ekelhaften Anblick solcher durchwühlten Stuben.- Am andern Morgen rückte der Regimentsstab nach Süden weiter. Ich suchte, da meine Nachtruhe auf den zusammengeschobenen Hobelspänen sehr dürftig gewesen war, in einem kleinen Privathaus, aus dem ich einen Unteroffizier herauskommen sah, noch etwas zu schlafen. Aus den Scheunen an der Dorfstrasse schleppten unsere Kerls grosse Mengen von Stroh für ihre Pferde, eine lange Munitionskolonne hielt auf der Strasse, und eine unserer Batterien suchte beschleunigt an ihr vorbeizukommen. Ich ging aus Neugier noch in ein anderes der verlassenen Häuser und beobachtete, wie eine ganz eigenartige Grundrissform, die an den altrömischen Hausgrundriss erinnert, ganz allgemein und unverwischt wiederkehrte erhalten war. An einer Strassenecke hatten sich vor einer kleinen geschlossenen Tür Soldaten gesammelt: „Herr Leutnant, die Leute haben noch Wein, und wollen ihn nicht herausgeben, obwohl wir bezahlen wollen.“ Ich wandte mich an die Frauen, die mich mit einem Wortschwall übergossen, aus dem ich nur: „pour ma mère malade“ und „pour les pauvres blesséss verstand. Ich erklärte, wir wollten uns von ihren Beständen überzeugen, stieg mit zwei Musketieren hinab, und fünfzehn Flaschen von ihrem Rotwein und ihrer Citronenlimonade wurden ihr gelassen, den Rest musste sie an unsere wirklich durstigen Soldaten verkaufen. Sie waren mir anscheinend noch dankbar, denn man lud mich zu Kafe und Kirsch ein.

Die Bagage sammelte sich nachmittags um am Südausgang des Dorfes zu parkieren. Wir liessen die Wagen auf verschiedenen Äckern zu beiden Seiten der Strasse auffahren, schnell entwickelten sich wieder die Callotschen Lagerbilder, die Fahrer ritten ihre Pferde zum Tränken wieder ins Dorf zurück und schleppten neue Strohmassen an. Das Wetter, das uns bisher ununterbrochen begünstigt hatte, war auch jetzt trocken und sonnig. Auch ich ritt zurück ins Dorf und erlebte jene Gastlichkeit die ich sooft seitdem im Feindesland erfahren habe und die so himmelweit verschieden ist von dem was unsere Zeitungen über Verhalten der Bevölkerung vorbringen. Vor einem etwas saubereren Hause hielt ich und brachte dem älteren Ehepaar, das erschien, meine Bitte vor. Gewiss, ich könne zu essen bekommen, auch schlafen, sie hätten das Zimmer, in dem gestern ein Major gelegen wieder frisch gemacht. Der Mann öffnet das Scheunentor und zieht mein Pferd ein, ich nehme im Schlafzimmer eine erfrischende Waschung vor, dann wird mir inder Esszimm Küche, dem Haupt-Wohnraum der französischen Hauses, das Essen aufgetischt. Sie entschuldigten sich, dass Fleisch fehlt, und bringen eine Suppe, prachtvollen Salat mit Rührei, dazu die so rar gewordene Butter, hinterher einen dampfenden Kaffee, einen Kirsch. Die junge Frau, die auftischt, ist die Tochter, verheiratet an einen Bäcker in Cirey, der bei der Fahne ist. Sie hat von ihrem Mann seit Ende Juli nichts gehört. Er sei fünf Tage vor Kriegsausbruch zu einer „Übung“ einberufen.-

Für die Nacht ritt ich wieder zu meinen Bagagen heraus, aber am andern Morgen kam ich nochmals zum Frühstück zu den Leuten.

Da unsere sechste Batterie seitlich detachiert war, führte ich ihre Wagen das Tal hinunter nach S. Sauveur zu, wo wir eine Stunde vergeblich auf einen Boten warteten, uns in einer Mühle Wein von der allein zurückgebliebenen alten Frau geben liessen, um dann zurück zu fahren. Die Bagage sammelte sich und stellte sich auf der Strasse nach Raon l`Etappe zu auf – was aber keineswegs bedeutete, das wir schon abrückten.

In den ersten Kriegstagen wunderte ich mich wie schnell die Verrohung des Soldaten geht, gegenüber den kürzlich Gefallenen; jetzt beachtet man es nicht gross, dass an einem Soldatengrab von zwei Jägern zu Pferde das Kreuzlein aus Ästen behängt ist mit den ausgewaschenen Taschentüchern eines Bagagesoldaten.

Endlich rücken wir vorwärts, durch einen Wald, in welchem rechts und links Spuren französischer Biwacks sind und ein paar Pferdekadaver liegen. Die französische Truppe bevorzugt anscheinend den Wald zum Biwak; (sehr geschickt) werden Laubhütten durch Zusammen gebu binden junger Bäumchen und belaubter Äste geschaffen. Das Fehlen von Zeltbahnen erlaubt ihnen nicht auf Stoppelfeldern zu kampieren – der Forstbeamte wird hinter her wenig erfreut sein. Auch die Kochlöcher sind etwas anders gegraben, kleiner wie die von unseren Kerls und dann erkannten wir, dass ein Biwack ein französisches gewesen war, daran, dass die runden Blechkonservenbüchsen blau oder braun gestrichen waren. 

Am Ausgang des Waldes wird Halt gemacht wieder gehalten, die Stunden rinnen und wir schlafen unter freiem Himmel. Vorher giebts wieder eine kleine Aufregung; hervorgerufen durch ein paar Schüsse im Walde. Wir schickten ein paar Patrouillen herein, die ihrerseits natürlich zu schiessen anfingen, wieder beschossen wurden, sodass sich beinahe die Kerls wieder gegenseitig über den Haufen geknallt hätten. Die ersten Schüsse waren gefallenen, da zwei herumstrolchende Infanteristen bei einem verlassenen Hof eine Kuh gefunden hatten, die auch ihrerseits verwildert war, sodass die beiden Helden ihr nur so beikommen zu können glaubten. Am 27. August ging ich auf die nahe Anhöhe, von der man weit ins Land sehen konnte, nach Fort Mannonviller zu, das in diesen Tagen von unseren fabelhaften Geschützen zusammengeschossen war. Später ritt ich nach Parux das jämmerlich zerstört war. Von der Kirche standen ein paar geschwärzte Granaten Mauerreste, die Bauernhöfe waren fast alle ausgebrannt und zerstört, die noch heilen Stuben durchsucht. Auf einem Tisch standen ein paar halb ausgegessene Marmeladetöpfe. Ich eilte übers Feld zurück; die unsere endlose Wagenreihe machte noch keine Miene, aufzubrechen. So legte ich mich hinter einem Busch in die Mittagssonne, schlenderte dann zum Regimentspackwagen, wo die Burschen inzwischen die übliche grosse Essportion gekocht hatten. Auch nachmittags kam kein Befehl; nur Voss, der von vorn geritten kam, um eine Munitionskolonne zu suchen, erzählte kurz, wie es stände. Ein klares Bild gab er nicht – es bestand immer wieder die Hoffnung, dass die beiden das durch die Mittelvogesen vorstossende XV. AK. in Verbindung mit südlich kämpfenden bayrischen Reserve Truppen ein französisches Contingent im Raum Raon l`Etappe St. Die` einkesseln solle – einzelne Zurückkehrende sprachen schon von riesigen Gefangenenzahlen – aber Deimling trieb seine Infanterie vorwärts (die 30 I. D. war vorn, die 39. Reserve) sodass der Franzmann aus dem Kessel herausgedrückt wurde.

[Mittags legten wir uns ich mich in die Sonne und] Gegen Abend ritten Pelzer und ich nach Bremesnil voraus, da sich die Mär verbreitete, dass dort ein Keller mit Bier entdeckt sei. Unterwegs begegneten uns Soldaten mit Fässern auf Handkarren und Wägelchen; wir trabten in das Dorf, das ebenso zerschossen war wie die andern. Wir Gingen durch auf ein Tor zu, vor dem mehrere Soldatenpferde angebunden standen, über noch heissen verkohlten Schutt eine schmale halsbrecherische Treppe hinab in ein Kellergewölbe das infolge der Brandzerstörung einzustürzen drohte. Ein paar Soldaten, die überlaut redeten, tranken aus ihren Blechbechern das helles schäumendes Bier. Den Zugang zum eigentlichen Fasskeller aber bewachte ein bayrischer Unteroffizier, der uns auf besondere Anweisung Fässer ausgab. Wir tranken hastig ein dargebotenes Glas – auf den Spürsinn des bayrischen Landwehrmannes, der diese Fährte gewittert hatte, und ritten zurück. Ein jämmerlich verwilderter, magerer Hund schlich über die Strasse; im Graben, grade da wo die Wagen der Divisionspost die anderthalb Tage hielten, lag ein Pferdekadaver der zu riechen begann. Es half nicht viel, dass man ihn oberflächlich mit Erde bewarf.

  1. Aug

In der Nacht, nachdem ich mich wieder in einem Futterwagen unter die Zeltplane gebettet hatte, wurden wir durch den Befehl zum Aufbruch geweckt und rückten vor bis Pexonne, wo der Halt so lange dauerte, dass ich an die Spitze ritt, um zu hören, dass der Rittmeister vorauf geritten sei ins Schloss, sich Quartier zu suchen. Trieb mich die Neugier auch zu dem Schloss; ich trat in eine weisse Diele, mit Hirschgeweihen geschmückt, in einem Erdgeschosszimmer lagen Ordonanzen und Telegrafisten auf Decken und Matrazen, einer arbeitete noch am Hörer, während ein anderer gähnend erklärte, oben schliefen die Herren der Division und das Haus wäre übervoll. Ich erbat darauf vom Rittmeister die Erlaubnis auch meine Pferde und Leute im Dorf unterzuziehen;

  1. Aug

wir öffneten, nachdem ich zurückgeritten war und den Quartiermeistern schnell die nötigen Anweisungen gegeben, die Scheunentore rechts und links an der Strasse und konnten wenigsten einen Teil der Pferde unter Dach bringen. Für mich suchte ich darauf Quartier in dem Haus,- in dem ich den langen Meyer hatte verschwinden sehen – und fand ein Zimmer mit Bett – es waren freilich schon vor uns Soldaten gewesen und die Räume waren unsauber und ziemlich unordentlich.- Die Leute waren indess gefällig, die Soldaten brieten an ihrem Herd am anderen Morgen ihre Mahlzeit und ich gab meine Wäsche zum Waschen. Als wir sie grade zum Trocknen in der Stube aufgehangen hatten, kam – der Aufbruch. Diesmal ging es rückwärts – besorgte Gemüter zeigten schon etwas verstörte Mienen, obwohl der einzige Grund der war, dass die Grossen Bagagen der Schwesterdivision, die vor uns auf der gleichen Strasse marschiern der Feuerlinie zu nahe gekommen war. Deshalb mussten wir Raum geben und wurden gleich das ganze Stück bis zu unserm früheren Halteplatz zurückgeschickt.

Am 30./8. 1914 kam der Befehl wieder vorzurücken und wir fuhren nun bei Tage nochmals durch Badonviller und kamen nachmittags nach Neufmaison, einem Dorf in einer Talmulde, das von verschiedenen Truppen und einem Lazarett belegt war. Unterwegs hatte ich mir bei Schloss Pexonne zwei Flaschen Sekt gegen Bezahlung und vier Flaschen Burgunder gegen einen Gutschein geben lassen. In Neufmaison hatte der Graf einen prachtvollen Malaga aufgetan, und diese üppigen Weinzustände waren die Einleitung zu den Voräten von Raon d`Etappe, wo unsere Soldaten in den Tagen, wo wir vor dem Städtchen lagen, aus den Kellern leerstehender Häuser ungezählte Flaschen Sekt und Südwein entführten. Trotz der Überfüllung des Dorfes fand ich ein famoses Zimmer in einem Haus, das -wie überall die besten Quartiere, vom Feldlazareth belegt war. Der Oberstabsarzt stellte mich zwar wegen zur Rede – aber erst am anderen Morgen, nachdem ich ausgiebig geschlafen und meine Koffer benützt hatte (und niemand mir das Genossene rauben konnte)

Samstag 31/8 rückten die Batterien aus Neufmaison nach Süden ab, um drei Uhr sammelte ich die Bagagen. Aber als wir zehn Minuten weit in den Wald marschiert waren, trafen wir auf die letzte Kolonne des Regiments, welches in seiner ganzen Länge auf der Waldstrasse hielt. Hielt den Nachmittag hindurch und bis der Mond über den Tannen aufging. Wir sollten eigentlich in ein Ruhequartier nach Celles kommen – aber die taktische Lage machte doch wieder ein Bereitbleiben unseres Regiments nötig. Dass die Kämpfe um Raon l`Etappe beendet waren, wussten wir, aber in welchem Rahmen die ganze Schlacht sich abgespielt hatte, das war (nicht bekannt) uns damals nicht klar. Von Cirey bis Neuf-Maisons hatte die Strasse am Rand der Vogesen entlang geführt, von Neuf-Maison nach Raon l`Etappe schnitt sie wieder in das Waldgebirge hinein. Aus dem (Charakter der unteren Vogesen) Gebirgscharakter ergab sich, dass die eine Schlacht sich mehr in Einzelgefechte in jedem Tal gliedern musste, begleitet von Zusammenstössen in den Bergwäldern, die von uns durch Jägerkompagnien, von den Franzosen durch Jäger und Gebirgsgeschütze ausgefochten wurden. In Celles trafen wir auf Spuren des Kampfes, der sich im Plainetal gleichzeitig mit unserem, Gefecht entwickelte hatte.

1.9

Morgens kam bei Dunkelheit der Befehl zum Abrücken, nachdem ich wieder ein paar Stunden im Wagen geschlafen hatte. Da die Bagage erst den Batterien folgte, hatte ich Zeit, nach Raon l`Etappe hereinzureiten. Das blühende Städtchen war durch Kanonade grauenhaft zerstört, zerfleischt. Die Granaten hatten die ganzen Fassaden dreistöckiger Geschäftshäuser eingeschlagen; aus Steinhaufen ragten verbogene Eisenträger und zerfetzte Reklameschilder, deren Aufschriften zu dem Graus in zynischen Gegensatz standen wie „a la perfection“.

In der grossen Markthalle standen noch einige Säulen aus roten Sandstein, die Kirche hatte ein paar wagengrosse Löcher. Im Laden eines Bäckers liess ich mir Kaffee geben und ritt zurück. Der Weg nach Celles führte ein entzückendes Waldtal, im morgenschein glänzten die Wiesen und eine Ruhequartier hätte man dem Regiment kein hübscheres friedlicheres Dörfchen zuweisen können. Für mich und zwei Kameraden war Quartier gemacht bei einer jungen Wittwe, die sich einen „jeune officier“ ausgebeten haben sollte. Es gab sogar eine Art Badezimmer. Das Essen nahm der Regimentsstab gemeinsam in dem gegenüberliegenden Hotel, wo von unseren Köchen mit den von uns gelieferten Speisen bereitet. In Celles entwickelte sich schnell das friedliche Bild (des Quartierlebens eines Mannöverquartiers); auf der Strasse dampften die Feldküchen und die Soldaten traten dahinter zum Stiefelapell an; jeden Jemand hatte ein Weinlager entdeckt und der Inhaber kroch besorgt zwischen seinen Fässern herum, um alle Bons zu sammeln, die ihm in die Hand gegeben wurden. Auch ein Krämerladen, gestopft voll mit Conserven, Schnäpsen Compotts, wurde so überlaufen, dass er zeitweise schliessen musste. Die Soldaten bezahlten baar, wir Offiziere mit Gutscheinen, die der Verkäufer glatt annahm. Einer unserer Kameraden, der, in der Freude über die länger entbehrten Dinge, einen Einkauf von vierhundert Mark für seine Batterie gemacht und baar bezahlt hatte, überbrachte schrieb später einen Schein und liess sich das Geld wieder geben. Der Graf beauftragte uns, zum Maire zu gehen, um fünfzig Flaschen ausgereiften Bordeaux „für seinen kranken Magen“ beizutreiben. So kam ich zu einer stattlichen Villa am oberen Ende des Dorfes, die neben der Fabrik den Wohlstand des Besitzers bekundete. Die Rote-Kreuz Fahne zeigte, dass der Besitzer sein Haus den Verwundeten zur Verfügung gestellt hatte. Durch den Eingangsflur sah ich auf dem spiegelnden Parkett ein paar schwerverwundete Franzosen liegen; ein deutscher Militärarzt gab einem mit dem Tode Ringenden eine Einspritzung und drei junge Mädchen aus dem Dorfe, mit Schwesternhäubchen, bemühten sich um den Soldaten, während die Dame des Hauses, in vornehmem weissen Haar, mit dem Arzt sprach. An der Wand hingen ein paar grosse alte Kupferstiche mit Schiffen. Im Garten trafen wir den Hausherrn, Maire wohl nur im Nebenamt, dem P. in  stockendem, wohl nicht nur wegen seines Französisch, den Auftrag übermittelte; er möge vielleicht einigen Bürgern Anweisung geben, uns Wein zu liefern. Er meinte: „ Ca ne vant pas la peine“, und liess den Wein aus seinem Keller holen. Auf dem Rasen waren neben einer Palme hastig ein paar Soldatengräber ausgehoben und feldgraue Helme lagen drauf neben schwarzblauen Käppis-

Später beteiligte ich mich an einem Revolverschiessen, spazierte in den Tannenwald hinein, requirierte mit Forster ein paar Hühner und dann badeten wir gemeinsam in dem klaren Bergbach. Im Grunde dieses Baches sahen wir massenhaft Gewehrpatronen; vielfach waren ganze Rahmen weggeworfen – wahrscheinlich waren unserer Infanterie soviele zugestopft worden, das sie sich ihrer beim schnellen Vorgehen entledigte.

Am 1. IX ? brach das Regiment auf und rückte wieder die Strasse herab. Nachtquartier machten wir in La Trouche, der Regiments- und Abteilungsstab ging in eine Villa, die im einer Art Jugendstil modernen Pariser Maccaronistil erbaut war. Im Innern ein wildes Durcheinander; indess konnten wir, da nich die Einrichtung nicht zerstört war, uns einigermaßen einrichten. Von den Batterien kampierten mehrere im Freien. Die Bagagen sammelten sich am andern Morgen am Ausgang des Dorfes, während die Regimenter vorrückten. Gegen Mittag kam der Befehl, dass die Bagage von Artillerie 80 und einem Infanterieregiment auf des Nordufer des Baches rücken sollten und dort selbstständig lagern; die betreffenden Regimenter seien als besonderes Contingent südlich detachiert worden. Ich liess meinen Wagenzug herüberfahren und baute ihn neben einem Bauernhof auf. Im Hof richteten wir uns auf einem runden Tisch ein üppiges kaltes Abendessen, wozu sich ein paar Flaschen Sekt gefunden hatten. Besuch des naheliegenden Schlosses von Baron Türkheim das vom Besitzer verlassen war wie hier herum eigentlich alle Häuser. Der alte Diener führte uns durch die mit Altertümern vollgestopfte Zimmerflucht, das schönste indess war der Garten mit seinem farbenleuchtenden Blumenparterre.

  1. IX

Freitag mittag rücken Saal und ich ab; durch Raon l`Etappe, von da die Vogesen hinauf und bis Sales, wo wir abends gegen neun Uhr einen Zipfel deutschen Bodens betreten. Unterwegs treffen wir Kolonnen, Munitions- und Lazarethtransporte. Unsere Regimenter haben den Auftrag bekommen, ein bei Fouchiful, Coinches fechtendes bayrisches Reservekorps zu unterstützen. Nachts um 1 Uhr kamen wir in Bertrimoutier an. Da von über unsern Truppen nichts zu erfragen war, suchten wir uns Biwackplätze und parkierten. Ich schlief mit Köhne und einem Dutzend Fahrer in einem Heuboden. Später sagte mir einer, er habe, als wir mit unsern Wagen auffuhren, in der Entfernung die Stimme seines Wachtmeisters gehört, die Batterie müsse da grad abgerückt sein. Nun wars zu spät, nochmals Verbindung aufzusuchen. Ich ritt darauf am andern Morgen, auf Grund von sehr unklaren Beschreibungen, die mir ein paar bayrische Artillerieoffiziere gaben, nach Fouchiful vor. Traf unsere beiden Munitionskolonnen und fand so auf einem steilen Berg liegende Dorf, wo der Graf, mit ein paar fremden Offizieren hinter einer Scheune Kriegsrat hielt. Ich meldete mich und nahm am Sattelfrühstück teil. Unsere Batterien hatten enorm geschossen, keine Verluste, anscheinend gute Wirkung. Die bayrische Infanterie war, wie Rittberg sagte, nicht zum Vorwärtsgehen zu bringen. Dann ritt ich zurück. Das Gastspiel unsers Regiments bei der „Division Benzino“ war kurz. Sonntag kam der Regimentsstab zurück, abends auch die Batterien und ich erfuhr, dass wir auf einen andern Kriegsschauplatz abtransportiert werden sollen. Wohin – das wusste natürlich niemand.

IX

In der Kirche wurde die Messe gelesen; zwischen den Landleuten standen bayrische Soldaten und bewegten die Lippen, während die Hand die Mütze mit der grossen weissblauen Kokarde drehte. In den Seitenschiffen lagen Verwundete, da die Kirche aus als Lazareth diente, und während das feierliche Schellchen klingelte, wickelten sie einem Schwerverwundeten den Verband vom Bein. Ich teilte Cigaretten unter die Leichtverwundete, sah und hörte, dass die Verluste recht gross waren. Wie wertvoll für uns ist es doch, dass wir nicht hier in den Vogesen, durch Lothringen oder das Elsass, unsern Hauptstoss angesetzt haben. Die blutigen Verluste bei diesen kleineren Operationen zeigen genug, wie sorglich die Franzosen im Gebirge alles vorbereitet (hatten) und sich selbst auf die Verteidigung dieses unübersichtlichen Geländes gedrillt hatten. Bei unsern Stäben kursierte ein Heft, das einen französischen Artillerieoffizier abgenommen sein sollte. Darin waren von dieser Gegend nicht nur genaue Kartenskizzen, sondern auch Ansichten mit sorglicher Eintragung aller für beide Teile möglichen Artilleriestellungen mit Entsprechungen.

Mein Quartier für die letzten Nächte war ein kleines Schwesternkloster, wo Forster und ich wenigstens je ein Bett fanden; das gemeinsame Essen des Rgtsstabs war im Garten der Doktorsvilla.

Am 6. IX 14 rückte das Regiment in langer Kolonne herauf nach Sales wo wir erbeutete Geschütze verladen sahen, und weiter nach dem entzückend gelegenen Schirmeck.

Weiter im andern Band (Kriegstagebuch II)

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Oskar Volkmann – Offizier beim 3. Oberelsässischen Feldartillerie-Regiment Nr. 80 (Teil 1/3)