Kriegstagebücher und Kriegserinnerungen

Texte und Kontexte

Oskar Volkmann – Offizier beim 3. Oberelsässischen Feldartillerie-Regiment Nr. 80 (Teil 2/3)

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Hier folgt nun der zweite Teil des Kriegstagebuches von Oskar Volkmann vom 10. Januar bis 11. November 1917. Anfang 1917 war Volkmann in Mouron an der Aisne stationiert, ab Juni im Raum Spincourt westlich von Verdun. Mitte Oktober 1917 verlegte Volkmann dann wegen der zunehmenden Gefahr in den Ort Mercy-le-Bas. Ende November 1917 wurde Volkmann dann zur Dolmetscherschule nach Berlin abkommandiert. Hier endet dann dieser Abschnitt des Tagebuches.

Die Abschrift des Kriegstagebuches erfolgt buchstabengetreu. Wenn Ortsnamen falsch geschrieben sind, dann wird die korrekte Schreibweise in eckigen Klammern ergänzt.

Kriegstagebuch von Oskar Volkmann von Januar bis November 1917 (Teil 2/3)

Am 10.I.17 treffe ich abends sieben Uhr über Lüttich kommend, in Vouziers ein und werde in der Kolonnenkutsche zu dem Lager, das nördlich der Strasse Mouron-Termes liegt, gefahren. Das Lager ist von einer Kolonne gebaut und auch nur von meiner Kolonne belegt; mir fällt das Blockhaus zu, das sich mein Vorgänger mit grosser Liebe urbehaglich ausgebaut hat.

Am Tage nach meiner Ankunft beginnt Schnee zu fallen. Die weglose Hochebene, über die man von Mouron aus zu unserm versteckt gelegenen Barackenlager gelangt, ist durch das unablässige Wagenfahren und die Huftritt der Pferde während der nassen Monate in einen tiefen Morast aufgeweicht. Nun setzt Frost ein, aber in den dicken Schlamm dringt er nicht ein; die Pferde treten jedesmal durch die Eisschicht durch und schneiden sich die Fesseln. Endlich aber dringt der anhaltende Frost in die Tiefe, und man geht. Stolpert nun über die hartgewordenen Furchen erstarrte Klumpen und Schollen. Bis Anfang Februar hält die Kälte bei klarem Wetter an, die schönste Schneeschuh-Gelegenheit – ohne Schneeschuhe! Zu tun ist für die Kolonne sehr wenig, da der Gefechtsabschnitt der Division sehr ruhig ist, wie alle Fronten in diesem kalten Monat, dem Monat der umfassenden Vorkehrungen für neues Losschlagen.

Unsere guten Pferde instand zu halten, ist gleichwohl nicht leicht wegen der knappen Futterrationen. Die Tiere stehen in den langen Ställen auf dem platten Boden oder im Mist – das wenige Stroh, das empfangen wird, bekommt die Häkselmaschine. Mehrfach muss die Kolonne Mannschaften abgeben und empfängt an ihrer Statt sechsundvierzigjährige Familienväter, oder Halbinvaliden. Die Verpflegung ist reichlich an Fett und Wurstkonserven – nur Kartoffeln fehlen jetzt gänzlich.

2.2.17 Der Tageslauf in diesem Winteridyll, der Villa „Knusperhäuschen“, ist stillfriedlich und regelmäßig, die Pferde werden nachmittags im Freien geputzt, wo die Sonnenstrahlen sich schon bemerklich machen, während nachts das Thermometer auf -14, auf -18 Grad sinkt – eine Kälte, wie sie in hiesiger Gegend deren die bekannten ältesten Leute (soweit noch vorhanden) sich nicht erinnern können. Der Abend bringt noch einen Befehl, so eingreifend, wie ihn die Kolonne in den zweieinhalb Kriegsjahren noch nicht erhielt. Irgend ein Staffelstab mit einer hohen Hausnummer, aus einem Etappendorf, drahtet, dass die Kolonne von heute ab ihm unterstellt sei. Also nicht mehr beim Regiment, dem Achtigsten, mit dem nach Kriegsende in Colmar wieder einzurücken ich im stillen fest gehofft hatte. Eine halbe Stunde später schon erscheint der „Urhahn“ (Wiechert, der Regimentsveterinär) auf der Bildfläche, um, einem unmittelbar vorher gegebenen Regimentsbefehl zufolge die 14 besten Pferde noch aus der Kolonne herauszuziehen. Ich stellte ihm Mittelsorte vor, die ich ohnehin bei der Verkleinerung meiner Kolonne ausgeschieden hätte, aber er kennt ja, nachdem er 1 ½ Jahre mit der Kolonne gelebt hat, jedes Pferd auswendig, und hätte sie am Telefon hersagen können. Es war eine böse Stunde, nicht nur für den treuen Futtermeister, für den Wachtm. Müller, sondern auch für ihn selbst. Wer zeichnet diese Tragik des Soldatenberufs? Jahr um Jahr hat einer die Truppe betreut, zusammengeschweisst – und in der Stunde, wo er an eine andere Stelle gestellt wird, kämpft er schon für die, die ihm bis dahin ganz freund war; reisst er im Weggehen noch rücksichtslos das Beste bei seiner alten Formation aus dem Zusammenhang, um der neuen zu helfen – Sinn für das Geschaffte darf es da nicht geben – nur auf das die vorliegende Aufgabe die Augen gerichtet. Verbrenne, was Du angebetet hast! (So einer war auch Klapp.)

Nun, der neue Befehl über den Übertritt lag mir schon vor – er war ja zweifellos nur deshalb so überraschend gegeben, um die Kolonne gegen völlige Ausplünderung zu schützen – aber das Regiment braucht Pferde, und ich will nicht den Etappenkrieger, dem der Sinn fürs Ganze abgeht, spielen.

So zieht der mutige Markus, der Goldfuchs Marie, unsere schönste Ardennerin, mit zwölf andern vierbeinigen Getreuen zu Tal – mit trauernden Mienen verfolgt von ihren Pflegern.

Am andern Morgen reite ich nach Laisy westl. Vouzires und melde mich beim Rittmeister von Lucius.

Samstag, 3.2.1917. Abends ist wieder Casinoabend in Termes, an dem der Regimentskommandeur äusserst anerkennende Worte zum Abschied an Köhne und mich richtet. Ich glaube, so ist noch kein Offizier des Regiments im Felde verabschiedet. Später ging die Stimmung hoch, und als ich, heimwandernd durch die eisige Winternacht dreiviertel Stunde, über die Hochebene, in mein Blockhaus gekommen war, zeigte die Uhr ½ 6.

Die Ruhe des Abschnittes, in dem wir hier liegen, ermöglicht es, dass die Regimenter zusammengeschweisst und kampfbereit werden. Das Problem der Frühjahrskämpfe im Westen dürfte das sein, die Verteidigung bei der heutigen Technik des Grabenkampfes und den sich immer wandelnden Kampfmitteln, weniger verlustreich zu gestalten wie den Angriff. Nördlich Verdun am 15. December wars bekanntlich umgekehrt und an der Somme auch wiederholt. Es scheinen aber die Lehren daraus gezogen und allgemein verbreitet zu werden, und so hätte jene Schlappe hinterher doch etwas Gutes.

Letzthin wurde die Ansicht vertreten (die ja ohne weiteres überzeugt=, dass nur Überraschung bei künftigen Angriffen Erfolg verspricht. Nicht stundenlanges, oder tagelanges Trommelfeuer ist nötig, wie es Joffre bei der Champagneschlacht Herbst 15 zum ersten Mal, wie wir es Februar 16, auf die Stellungen vor Etain-Fromezy [Fromezey] – leeres Stroh dreschend – niederprasseln liessen, sondern unregelmäßig einsetzende, kurze aber äusserst heftige Feuerwellen, dass der in die Stollen gekrochene Gegner nicht weiss, wo er dran ist.

15.2. Bis zur Mitte des Monats bleibt die scharfe Kälte und das sonnige Wetter, auch der Mondwechsel bringt nicht die sprichwörtliche Änderung. Die Sonne, die sich an allen windstillen Stellen bemerklich macht, schmilzt den Schnee, der festgefroren, seit 5 Wochen liegt. Heute ist „Schnepfenstrich“, eine Unternehmung gegen die frz. Stellungen rechts von unserem Abschnitt. Seit gestern verstärktes Schiessen – seit dieser Nacht Trommelfeuer; das heut abend noch ohne Unterbrechung rollt und kracht. Munition braucht meine Kol. nicht zu fahren. Am 11. hatte ich unsere Batteriestellungen südlich Cernay angesehen; es war, bei köstlichem Wetter, ein Spaziergang.

Am 16.2. tritt langsam Tauwetter ein, zunächst friert es in den Nächten wieder, dann aber weicht der Boden völlig auf und der Weg vom Lager bis zu einer Strasse wird für die ausgehungerten Pferde eine Strapaze. Da auch das Stroh, bei den knappen Haferrationen eine wichtige Zusatznahrung, für einige Tage ausbleibt, wird der Ernährungszustand recht schlecht. Tätigkeit bleibt gering. Die Ernährung ist trotz der fehlenden Kartoffeln nicht schlecht, da reichlich Wurst u. Speck ausgegeben wird.

Zwei Tage später versucht der Franzmann, den Geländeverlust an der Champagneferm zurückzuholen. Seine Technik geht diesmal nicht von einem wilden Universal-Trommelfeuer aus, sondern die Batterien werden freilich bedeckt, der vordere Graben aber erhält nur zehn Minuten Trommelfeuer, sodass die Infanterie in den Lächern sitzt und schon kamen die Stosstruppen an. Sie wurden aber völlig abgeschmiert und zwar mit bösen Verlusten.

28.II. Fahrt nach Rethel, dem völlig zerstörten, einst reichen Städtchen. Über ganz niedrige Mauerreste sieht man zu der gotischen Kirche auf dem Hügel, die in ihrem malerischen Umriss fast allein verschont blieb. Mit sieben Hühnern, die Werneburg mir ablässt, komme ich zurück.

Die Einsamkeit wirkt immer drückender auf Stimmung u. Verdauung – vor 10 Monaten im Syrielager hatte ich zuviel Rummel – hier zu wenig. Immer nur lesen!

Das mir übertragene Amt des Briefspions liegt mir nicht, und doch wird man manchmal wieder Willen festgehalten, einen Brief wirklich zu lesen, einen mit Bleistift hingekritzelten Kartenbrief etwa, in dem einer so klar und so bitter darüber spricht wie ihm die Jugendjahre verrinnen….

Anfang März 1917 muss die Kolonne mehrfach Munition von schweren Batterien, die für das Unternehmen Schnepfenstrich eingesetzt waren, zurückholen. Das Wetter wird wieder winterlich, am 5. und am 7. hat die Landschaft ein weisses Kleid; eine zweite scharfe Kältewelle setzt ein.

Mitte März französisch Angriffe. ein Tagesbefehl des Kommandierenden vom 7. lobt die Truppen, die Standgehalten haben (es sind drei Bataillone der Regimenter 2..-2..) nur ein paar Nester an der Champagneferm sind nicht wieder ausgehoben. Zwei Tage später hat der Franzose aber aller wieder, was wir gewonnen hatten, soviel auch unsere Kriegsberichterstatter darum herum lügen.

Viel thörichtes Gerede macht diese Eunuchenschar auch um unsere Rückwärtsbewegung an der Somme. Die Sache ist doch einfach: wir verkürzen die Linie bedeutend – das kommt dem Gegner im gleichen Maß zu Gut: dagegen beziehen wir Stellungen, an denen schon seit November gebaut wurde, und zwingen ihn, die Basis seiner Frühjahrsoperation aufzugeben und durch das rasierte Zwischengelände, eine grauenvolle Wüste, vorzuschieben. Das verzögert etwaige Angriffe – eine grundsätzliche Schwierigkeit kann es einem so zähen Gegner nicht machen. Der Graf, den ich auf der Dorfstrasse traf (er ist nach sechsmonatlicher Trennung wieder bei der Division gelandet) meinte auch „Selbst schlauere wie ich – sofern es noch einen solchen geben sollte- sind sich über den Zweck nicht klar.“

Wenn man an diese neue Art von Verwüstung denkt, die der Krieg hier fordert, fasst einen das Grauen. Der brave Apotheker in Gouzeaucourt, der mir sein Schlafzimmer zur Verfügung gestellt hatte, in dem sauberen Häuschen, das er sich als Altenteil erbaut hatte – wie war er verbittert als ihm von den Frühbeeten nachts ein Glasfenster weggeholt war. Denn er hatte, wie all die Dörfchen ringsum, zwei Jahre stillfriedlich in deutscher Etappe gelegt – bis es der feindlichen Heeresleitung einfiel grade hier, im gesegnetsten Landstrich Nordfrankreichs, ihren Stoss anzusetzen, der das Zermalmungsprincip an Steller früherer militärischer Principien des gänzlich principienlosen Grabenkriegszustandes stellte. Ein Schlossbesitzer in der Nähe soll 20 Millionen geboten haben, wenn man seinen alten herlichen Park verschone – weg!

Im gleichen Stile ist ja grauenvoller geworden das Ringen im Grossen, das gegenseitige Aushungern der Völker. Tatsachen, die man über das in Deutschland umschleichende Hungergespenst, über wild steigende Preise erzählt, sind entsetzlich. Wann hat das ein grosses Volk getragen, wann ist jäher ein Erdteil aus Überfluss und Weltherrschaft in so unerträglicher Not geschleudert! Alles hungert, alle zerfleischen sich, bis alle am Boden liegen!

– Die Einsamkeit meines Waldlagers zwingt mich, das Leben erträglich, etwas inhaltsvoller zu machen; ich trete mit grösseren Buchhandlungen in Verbindung, lasse mir Kataloge kommen und danach einen Haufen Bücher. Werneburg in Rethel lässt mir einen Stamm Hühner ab, ich habe mir bald ein Dutzend zusammengekauft (trotz der Absperrungen durch dräuende Ortskommandanten) und jeden Morgen macht mir der Kampfruf meines Gockelhahnes, das Verbessern des Stalles und des Auslaufs Freude. Auf der Sonnenseite diese so absonnig und ungeschickt erbauten Lagers lege ich ein Frühbeet an. Der Boden besteht freilich nur als Kalk- und Tonbrocken – aber Pferdemist und Waldboden sind ja billig zu beschaffen. Ebenso billig wie Baumstämme, die ich zum Anlegen eines festen Weges über die morastige Hochebene gebrauche. D.h. morastig ist der Weideboden erst geworden durch das dauernde Fahren schwerer Wagen – ausserhalb der Zone, die wir durchfahren, trocknen die Wiesen schon an, aber die täglich sich eindrückenden Räder quetschen und kneten eine tiefe Lehmschicht zusammen, die kein Wasser versickern lässt.

Ein paar Dutzend starker alter Pappeln sind mit Hülfe eines Russenkommandos gefällt und zersägt – aber da sie sich schwer spalten, gehen wir zu Eichen über, die ebenfalls in schönen gradegewachsenen Exemplaren hier im Tal stehen. Das Anlagen dieses Bohlweges von einigen hundert meter Länge und 3 m. Breite ist hier die Hauptarbeit; Stamm um Stamm wird von starken Pferden geschleppt. Daneben beginne ich zur Verbesserung des Unterkommens meiner Kanoniere, eine neue Baracke.

Der Winter war dies Jahr nicht nur ungewöhnlich streng, sondern hält auch lange an – Ende März wechselt noch scharfe Kälte mit Schneetreiben.

Die Front an unserm Abschnitt ist ganz ruhig, seitdem der Franzmann das wieder hat, was wir ihm abgenommen hatten.

Ja, die Zeiten ändern sich! Einst (aber freilich wars schon in diesem Kriege) ritt man mit ein paar gewandten Burschen einem Bauern auf den Hof, liess sich – während er gute Miene dann machte oder auch nicht – Hühner fangen, in dem Bewusstsein, korrekt gehandelt zu haben, da das Zettelchen, das er bekam, ja den Stempel trug. – Gestern machte ich einen langen Spaziergang durch weltabgelegene Etappendörfer, und wo ich grosses Hühnervolk sah, fragte ich, auf Umwegen die Unterhaltung anbahnend, um eine oder zwei Hennen, die geschätzteste Scheidemünze des Pisang ist  – umsonst. Alle stehen völlig in der Furcht des Herrn von der Etappe, – und der – ist unerbittlich. – Am nördlichen Aisneufer entlang, dreissig bis vierzig kilometer hinter der Linie, sind neue durchlaufende Stellungen an der Höhe angelegt. Zunächst nur angedeutet. Dazwischen schneiden irgendwie im Zickzack eingefallene. Halbüberwucherte Laufgräben den Hang hinauf. Es sind französische Schanzanlagen vom August 14, wo hier ein Gefecht stattfand. Wie Höhlenmenschenkunst neben der heutigen, so muten diese nur knietiefenden Gräben nach zweiunddreissig Kriegsmonaten an. Die Dörfer St. Lambert u. _______ sind von damals her halb verlassen. Es liegen öfter Truppen drin, scheinbar immer nur kurz. Die letzten sind seit zwei Tagen weg; diese leerstehenden, zerfetzten Herrenhäuser machen einen gräulichen Eindruck.

„Haben Sie übrigens gehört, wie es Poel geht?“ „Der ist tot.“ Als Poel, der Hamburger, Verwaltungsassessor, vor Monaten verwundet wurde, hiess es, die Verwundung sei nicht schwer. Ich wollte es nicht glauben, konnte mirs nicht vorstellen und suchte vergebens, dies Dasein als ein vollendetes, abgeschlossenes zu sehen.

Hundert Kriegserinnerungen tauchen auf, eigentlich alles vergnügte Stunden. Wie wir in Celles bei der Wittwe einquartiert waren, die um einen „jeune officier“ gebeten hatte, wie wir auf Befehl des nie zufriedengestellten conte Rittberg Hühner requirierten. Wie oft haben wir nach Jahr und Trag, in seinem Katnerhaus bei Alt Kruiseck oder in Béchamp [Béchamps], vergangener Tage gedacht und Derer, die nicht mehr waren; an Ney und Stadler. Mit ihm ist der letzte der Offiziere, mit denen die zweite Batterie ins Feld zog, hingegangen.

3.4.17 Ein eisiger Wind pfiff über die Hochfläche, dazwischen setzt Flockenwirbel ein und die Menschen danken oder sagen es zueinander (soweit das sich mit der Dienststellung vereinbart) wohl zum hundertsten Male: Dies Jahr will es aber gar nicht Frühling werden!

Als Kriegsmensch lebt man ja viel unmittelbar mit der Natur zu sammen, und ist mehr von ihren Launen abhängig wie der Städter.

4.4. Die Kolonne empfängt heute an Portionen für 4 Offiziere 119 Mann u. Rationen für 147 Pferde:

(für 2 Tage) – die abkommandierten sind abgesetzt

im Ganzen d.i.f. den Kopf

 

1. Tag

2. Tag

 

18,0 kg frisches Fleisch

150 gr

(vorgestern waren es 24,8 kg

davor waren es 43,4 kg

dann kein Dauerfleisch)

 

18,0 kg Dauerfleisch

150 gr

150 gr

 

9,0 kg Wurst

75 gr

 

6,0 kg Schmalzfleisch

50 gr

 

12,0 kg Marmelade

100 gr

56 kg Kohlen

9,0 kg Reis

75 gr

3,5 l Petrol

15,0 kg Nudeln

120 gr

3,5 kg Carbid

6,0 kg Backobst

50 gr

–   

40 kleine Lichte

36,0 kg Kartoffeln

150 gr

150 gr

 

72,0 kg Kohlrüben

600 gr

600 gr

3 l Öl

120 Brote zu 1 ½ Pfund als

   

+ 4 als Zulage

   

9,6 kg Mehl

40 gr

40 gr

 

4,8 kg Salz

20 gr

20 gr

 

1,44 kg Cichorie

6 gr

6 gr

voriges Mal gabs statt dessen: 3,9 kg Kaffee

8,4 kg Zucker

35 gr

35 gr

 

476 St. Cigarren

   

476 St. Cigaretten

   

1256 kg Hafer

   

668 kg Heu

   

628 kg Stroh

   

Der Wert dieser Lebensmittel beträgt heute in Deutschland; bei Annahme von Gros-Preisen:

1 kg Rindfleisch (im Handel, Kleinverkauf 4,80 M) Höchstpr.

1 kg frische Wurst 7- (in Belgien zahlt man schon 11-14 M.)

1 Ctr. Heu (geschätzt) 5 M.

1 Ctr. Stroh (geschätzt) 3,60-3,80 M.

woraus die Kosten, die eine untätige Kolonne – nur in ihrer Verpflegung in einem Monat verursacht, zu erraten sind.

Ein paar hundert Schritt vom Kolonnenlager nach Westen fällt die Hochebene steil ab zum weiten Aisnetal. Geographisch ist die Gegend insofern interessant, als die Höhen auf beiden Ufern, die da, wo der Fluss sich nach Norden wendet, 6-8 km auseinanderliegen, ganz ungleiche Formation zeigen. Auf dieser Seite bewaldet, die Ränder mit Obstkulturen und Äckern bedeckt, drüben unfruchtbarer Kalk mit tief ausgewaschenen Furchen und seltsamen steilen Hängen.

Das Tal selbstfüllen weite Wiesen und die Salweiden dazwischen sind in ihren brennend rot leuchtenden Reihen die ersten Frühlingssignale. Die Aisne glänzt in ihren vielfachen Schlingungen als silbernes Band herauf und die kleinen Teiche, die sie rechts und links gebildet hat und die kürzlich noch vom Eis bedeckt waren, spiegeln den Abendhimmel wieder. In weiter Ferne, gegen Reims zu, sieht man Fesselballons; einen winzig hinter dem andern stehend, zeigen sie den Verlauf der Schlachtfront nach der Seite hin, wo jetzt neue scharfe Kämpfe entbrannt sind. Da – ist es Frühling – leuchtet eines der schwarzen Pünktchen auf, ein Rauchwölkchen steigt auf, und langsam, qualmend sinkt was ein Ballon war, herunter.

So wie Noah in seiner Arche nach der Taube mit dem Ölzweig Rundschau hielt, hält man jeden Nachmittag um halb fünf, wenn die Zeitung gebracht ist, in ihren Spalten Umschau nach einer Nachricht, an die sich Hoffnungen, Ausblicke, Möglichkeiten ranken könnten. –

Aber nur graue Wellen ringsum. Die „Nachrichten der Auslandspresse“ die ich regelmäßig erhalte, zeigen, wieviel offener und schärfer die Kritik in England sich äussern darf – naiv, aus solchen Auslassungen auf grössere Unlust jenseits des Kanals zu schliessen.

Eine harte Maßregel ist die Verringerung der täglichen Brotration von 750 auf 500 gr., und dabei kamen unsere jungen Fahrer schon vorher nicht aus und waren froh über jedes halbe Brot, das ein gefälliger Proviantsmensch einmal zugab. Da lese ich, dass sie daheim von 200 gr auf 170 gr heruntergesetzt ist!

Der Riegel des Fensters neben meinem Bett, mein Seismograf, meldet durch leises Klirren wieder starke Kanonade von Reims her, sonst stört nichts die ungeheure Stille dieser Weltabgelegenheit.

Heute am 26. April gebe ich mich wieder mit Behagen der Tätigkeit des Ofeneinkachelns hin. Das will seine Technik haben und solange man diese kleinen, eisernen Füllöfen mit Holzscheiten richtig durchheizt, kann man nichts anderes anfangen; das richtige Nachlegen, das Vortrocknen der halbfeuchten Scheite nimmt einen ganz in Anspruch. Aber die feinen Düfte der Waldhölzer machen die Beschäftigung zu einem Genuss zumal bei den hier bestehenden geringen Holzpreise. das leise auf der Ofenplatte schmorende Buchenscheit reicht ganz anders wie die Eiche; am süssesten ist der Duft vom Birkenholz, wenn er die Stube durchzieht und Erinnerungen lebendig macht an andere Holzbuden.

Am 30. April 1917 setzt mit einem Schlage der Frühling ein – und der Sommer eigentlich zugleich. Denn es wird schon am zweiten der sonnigen Tage die sich nun ohne Unterbrechung folgen, merklich warm.

4. Mai. Durch den prangenden Wald Ritt nach Vouziers, wo ich mit Liese u. den Jungen am Telefon spreche und die Nachricht bekomme, dass mein dreiwöchentlicher Urlaub genehmigt ist.

Am 7. Mai fahre ich nachmittags über Mohon Kurve nach Namur wo der Schnellzug um 1 Uhr nachts ankommt.

8.V. Skizze; Lederkoffer gekauft, Fahrt Brüssel: Rehorst, Läden, Rathaus, abends Mecheln.

9.V. zurück Brüssel (telef. Düsseldorf, wo ich zu erfahren suche, ob es ein Bub oder Mädel ist. Ich muss lange warten im Brüsseler Haupttelegrafenamt) Essen im Generalgouvernement. Nachm. Tirlemont abends Lüttich. 10.V. Düsseldorf nachm. 5 Uhr.

13.V. Fahrt Hannover

14.V. nachm. Techn. Hochschule Fahrt Berlin

15. Bibliothek, Porcellan Manufaktur, Kempinsky, Hilbrich, Lessingtheater: „Mad. Legros”.

10.40 abends Abf. n. Graudenz: Packen

18.V. 11 Uhr früh zurück Berlin.

19.V. Bibliothek, Taufe bei Ernst, Schauspielhaus: „Ant. u. Kleopatra“.

20. zurück Ddorf.

21. Mai Taufe in der Hohenzollernstr.; abends 10 Uhr über Aachen, Namur nach Vouziers. Durch telef. Meldung beim Staffelstab Savigny erfahre ich, dass meine Kolonne die wie mir schon telegrafisch nach Düsseldorf von meinem Vertreter gemeldet war, abtransportiert ist und zwar in die Gegend von Hirson, dem bayr. Staffelstab 7 unterstellt. Erst Nachm. 5 Uhr geht ein Zug in der Richtung sodass ich Zeit habe in dem dürftigen Vouziers, das seit Verlegung des A.O.K. nicht reizvoller geworden ist, mich nochmals umzusehen. Nur die gediegen gebaute frz. Kürassierkaserne auf der Höhe, jetzt von zahllosen Kolonnen belegt, bietet einiges Interesse.

Abends 1 Uhr treffe ich in Hirson ein, und fahre mit St. Loos in meiner Gig nach Ribeauville [Ribeauvillé], dem dreistunden entfernten Ardennendörfchen, wo meine Kolonne untergebracht ist. Der Staffelstab hier hinter der Front stellt ein Kolonnen-Aufmöbelungsinstitut dar. – Der Kommandeur erteilte, wie mir gemeldet wird, auf Grund einer Besichtigung meinen Pferden ein verdächtig grosses Lob, d.h. die Kolonne ist einsatzfähig und wird bei der nächsten Anforderung weitergeschickt. – wahrscheinlich in den Bereich einer andern Armee. Ribeauville [Ribeauvillé] zeigt sich bei Tageslicht als ein idealer Erholungs und Ferienort für eine Kolonne. In diesem harten, hügeligen Lande, das wie das hohe Venn einen späten Sommern hat, wird kaum Ackerbau getrieben. Die Bewohner leben von Viehzucht, also dürftige Häuser, landschaftliche Schönheit. Jetzt, am ersten Juni prangen die von Buchenhecken eingefassten Weiden in Blumen und hohen Gräsern, die für unsere Pferde ein Paradies sind; die Schieferdächer der Häuser verschwinden völlig unter den dichten Baumkronen. In der wundervoll klaren Luft ist kein Laut als das befriedigte Brüllen des Rindviehs in der Ferne, bei den Bauern giebts noch viel Hühner (zum Höchstpreis von 2,40 M, während man in deutschen Städten jetzt mindestens das Sechsfache bezahlen muss!) Freilich, alles mit der Gewissenhaftigkeit deutscher Ortskommandanturen registriert und – gesperrt! Durch Aubenton reitend mache ich dem Adjudanten des Etappenkommandanten die bedauerliche Meldung, dass bei einer Reitübung vier Hühnern von Ribeauville [Ribeauvillé] die Beine gebrochen seien. Ich bäte, die Leichen zur Verbesserung unserer Kost den Bauern abkaufen zu dürfen. (Die Hühner der Dorfbewohner sind natürlich von einer sorgsamen Etappe genau registriert und es giebt hohe Strafen wenn eins fehlt). Mit süsssaurem Lächeln genehmigt er, dass die betr. Hühner verkauft werden, und abends mache ich mich mit dem Ortobüttel, dem „chef-culture“ auf, die fettesten Hennen aus den Ställen zu suchen.

Spruch: Die Kolonne ist am 7.6. 12 Uhr mittags am Bahnhof Any [Any-Martin-Rieux] verladebereit Abfahrt 2.29, Fahrtnummer so und so. Wo wird’s diesmal hingehen? Bei sengender Sonnenhitze wird die Arbeit des Verladens, die ja oft genug geübt ist, geschafft. 2.15 Uhr setzt der lange Zug sich in Bewegung über Mezières, Sedan und fährt gegen 9 Uhr abends an der Rampe von Spincourt vor – einer Station nördlich Bavoncourt [vermutlich: Vaudoncourt], dem Schauplatz unseres ersten Kriegsabschnittes vor Verdun. Einen Befehl oder eine Mitteilung über unsere neue Verwendung hatte ich während der Fahrt nicht bekommen; auch am Bahnhof lag nichts vor. Ich begann daher zu telefonieren, ans A.O.K.-Kommandantur M. u. T; an das Generalkdo in Norroy le Sec, des 18. Res. Korps, an die 192 I. Division. Überall waren die Offiziere im Casino, wussten die Schreiber nicht Bescheid. Die Kolonne stand schon abgeladen, marschbereit, als ich heraus hatte, dass wir in das Bayernlager, etwa drei Wegstunden nach vorn, kommen sollen. In dunkler Gewitternacht, ab und zu aus einer Baracke einen schlafenden Armierungssoldaten herausholend, finde ich mich durch den Wald bis in das etwas abgelegene Lager, wo uns ein Gefreiter Quartiere anweist. „Das Lager soll sehr stark belegt werden in diesen Tagen.“ So, erwartet man vorn etwas? Der Staffelkommandeur, bei dem ich mich andern Tages melde, deutet an, dass mit einem Angriff der Franzosen von den Cotes her gerechnet würde – in grossem Stil.

Vier Tage bleiben wir in dem Lager, das in den Mannschaftsbaracken etwas primitiv ist, mir ein ausreichendes Bretterhaus bietet, von dessen Veranda wir in diesen Sommertagen einen herrlichen Blick in den Eichenwald geniessen. Da kommt der Befehl, umzuquartieren in der Lager Frankfurt-Nord, in dem keine Räude sein soll und das unmittelbar an der Strasse von Loisson liegt, anderthalb Kilometer rückwärts. Auch hier findet die Kolonne bald, nachdem sie sich in dem weitläufigen Bretterdorf erst eingenistet ha, was sie braucht an Platz, und es spinnen sich die Tage weiter, wo der Dienst aus Grasholen und Geschirrputzen besteht. Für mich wieder gutes Quartier in zwei Bretterhäusern mit luftigen Stuben.

„Obs wohl noch losgehen wird?“ „I glaab´s net[“,] meint der bayrische Luftschifferhauptmann, der denen auf der côte ja etwas von oben in die Karten sehen kann.

Am 18.6.1917 wage ich zu wandeln verlassene Pfade zum Syrielager. Alles wie einst. Einsam liegen die Wege die durch weite mit leuchtend gelbem Unkraut üppig bedeckte Ödfelder führen. In der Ferne zeichnet sich die langgestreckte Höhenlinie der côtes genau so wie in den langen friedlichen Wochen des vorigen Spätsommers, und doch unnahbar unsern Tritten. Sie führen Einem das Sinnlose dieses Kriegszustandes wieder vor Augen. Im Lagerwäldchen sind einige neue und schönere Baracken entstanden, aber im Ganzen haben die jetzigen Bewohner in einem Jahr nicht so viel getan wie wir in einem halben.

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Heute ist sich alles einig in der Verurteilung Falkenhayns und des verhängnisvollen Verdun unternehmens. Wer eines Feldherrn Rechnung prüft, pflegt aber die irrationalen Grössen nicht mit einzusetzen und macht Erfolg und Nichterfolg allein zu Wertmessern. Für die Gegenwart müssen sie es ja auch sein, muss der General gehen, der den Erfolg nicht auf seiner Seite hat; die Geschichte darf, davon unabhängig, den Ansatz des Exempels prüfen.

Tatsache ist jedoch, dass bayrische „Leiber“ und marburger Jäger bis in den Kehlrücken von Souville waren – Wahrscheinlichkeit, dass wenn wir Souville hatten, die Überlegenheit auf der côte  unser war. Vielleicht hätte an jenem Maitage 1916 der Fehler eines frz. Bataillonskommandeurs zu unsern Gunsten entschieden! Oder sind sie doch zäher wie wir? Der böse Fehler bei Verdun begann erst, als wir in jenem Tage zum letzten Mal so blutig zurückgeschlagen und unter dem Druck an der Somme, dies Ringen endgültig aufgaben. Und in der Überlegung „der Franzmann hat auch abgebaut“ da liegen und stehen blieben, wo wir standen – d.h. in Stellungen, die nie Verteidigungslinie sein konnten, weil sie den Zufällen entstammten, wie wir eben vorgedrungen waren. Und weil sie meist nicht einmal verteidigungsmäßig ausgebaut wurden. Deshalb gelang es Nivelle im September, den Douaumont wie ein Butterbrot, den darin befindlichen Reservekompagnien zu entreissen. Und noch schwerer war unsere Schlappe vom 15. Dezember, weil noch nicht einmal da die notwendigen Lehren gezogen waren. Der deutlich sich verbreitende Angriff wurde angeblich von Lochow nicht weiter ernst genommen. Das Zusammentreffen der andern verhängnisvollen Umstände: die 39 I Division frisch eingesetzt u. mit dem Gelände nicht genug vertraut, die alten Knaben [der] bayrischen Reserve-Infanterie Regimenter schon viel zu lange in den nassen Gräben. –

Übrigens: Das schlechte Wetter sollte man aus dem Spiel lassen als Entschuldigungsgrund, denn wenn es uns im Februar gehemmt hatte anzugreifen, – damals im December war es den angreifenden Franzosen wahrlich nicht günstiger! Kennzeichnend dafür, wie schwer unsere Generalität umlernt: in einem Tagesbefehl, der dieser Niederlage folgte wiederholte noch wer die altpreussische Wendung: „Kein Fussbreit Bodens darf nun weiterhin aufgegeben werden!“

26.6.17. Ohne dass wir seither hier einen Schuss Munition gefahren hätten, füllt sich der Tag so ziemlich mit der Beaufsichtigung des inneren Dienstes. Morgens, wenn ich nicht selbst früh reite und die Fähnriche u. Unteroffiziere dabei mit dem Gelände vertraut mache, gehe ich auf die Waldwiese, wo Wachtmeister Müller die jungen Fahrer reiten lässt[,] dann Unterschriften im Geschäftszimmer, Gespanneinteilung, Anordnen von Arbeiten im Lager und in der Werkstatt, ein Gang auf die Heuwiese: Gutsbesitzerdasein!

Der Juli lässt sich regnerisch an, in der Tätigkeit, vielmehr Untätigkeit keine Änderung. Ein paar Gespanne werden gestellt, die zwei Fähnriche beschäftigt und ausgebildet, am Schreibtisch weitergearbeitet.

Am 15. Juli fährt die Kolonne zum 1. Male Munition: 4 Wagen –

Der August bringt mehr Regen wie Sonnenschein und unter den Eichen ists, so schön bei gutem Wetter, so trübselig wenn überm Kopf das Prasseln auf die Wellblechtafeln nicht aufhören will. Die innerpolitische Wandlung, die die Not der Zeit dem „rocher de bronce“ der preussischen Regierung abtrotzt, lässt uns hier drausssen ziemlich kalt. Was heisst es denn, dass später nach einem anderen Verfahren gewählt werden soll, das nur in der Erinnerung noch wirklich ist. Und sicher ist bei diesem Wahlrecht wie bei jenem das Eine, dass der Kandidat, für den wir Oberen Zehntausend vom Geiste zur Urne gehen – durchfallen wird!

Anf. August. Höher noch wie unser neues Vordringen in Galizien, das den Ostteil dieses früher so wenig aufgesuchten Landes, mit Tarnopol und Cernowitz, zur Abwechslung einmal wieder uns in die Hände bringt – diesen Erfolg gegen das Russland Kerenskijs schätze ich militärisch weniger hoch ein wie ein die gelungene Abwehr-schlacht in Flandern.

Die grossen Masseneinsätze im Frühsommer dieses Jahres, von den Franzosen in der Westchampagne und am Winterberg, von den Engländern bei Arras hatten uns ausser Geländeverlust 5-10000 Gefangene und eine der Zahl der überrannten Linien entsprechende Menge von Geschützen gekostet. Nach dem zweiten Tag der Infanteriekämpfe, die sich von der Lys bis herauf an den Yserkanal entspannten, meldet der englische Bericht, dass die Deutschen zwei Hauptpunkte von dem eroberten Streifen wieder genommen haben.

10. Aug. 1917. Seit zwei Monaten werden wir mit dem Gerücht einer Offensive des Franzmannes im Verdunbogen gespeist – heut beginnt das Feuer etwas lebhafter zu werden. Grade vor und hinter unser Lager sausen einige „Kindersärge“ in den Lehm. Der 38er Langrohr, der hinter unserm Lager auf der Sorelfermwiese eingebaut ist, und alle Buden im Frankfurter Lager zittern lässt, wenn er sein Maul auftut, soll durch weisse Rauchmassen eingehüllt werden, wenn beim Abschuss seine grosse braune Rauchwolke hochkräuselt. Aber die Kerls zünden nur ein paar von den Rauchtöppen an, und statt zu verhüllen, zeigt die weisse Dampfmasse deutlich die allgemeine Richtung, wie wir der Waldwiese beim Revolverschiessen gut beobachten. Nach dem zweiten Schuss schon unseres Dicken wimmern von drüben die Antwortschüsse. Ein paar Granaten schlagen dicht in seine Nähe, andere mehr in unser Lager.

11. Aug. ist ziemlich lebhaftes Feuer in verschiedenen Richtungen ums Lager herum. In verschiedenen Flötentönen wimmert es über unsere Köpfe weg, auf Billy zu, rechts und links in den Wald um uns.

Noch immer stehen die Pferde zum grössten Teil in dem Notstall hinter meinem Quartier und die fünf Räudepferde (unter denen vielleicht jemals zwei oder drei richtige Räudepferde gewesen sind) im offenen Schuppen abgesondert.

12. Am hinteren Waldrand, wo Pioniere ein Lager haben, hats eingehauen und den Küchenoffizier verletzt. Der Führer schickt eben seine Bagage nach rückwärts, als wir auf einem Abendspaziergang vorbeikommen. „Wir wollen da unten rum durch eine Waldschneise…“ „Würd ich Ihnen nicht raten; gleich fängt der Vierundzwanziger wieder an und dann antworten die drüben, und grad in die Ecke da.“ Wir drehten also bei, und schon nach zehn Minuten dröhnten aus dieser Gegend die Einschläge. Aber auch in unserem Lagerbezirk kracht es jetzt; ein Einschlag auf der Lagerstrasse veranlasst die Mannschaften, die da herum liegen, eilig in einen abgelegenen leeren Stall sich zu koncentrieren. Um die Mannschaften ruhig zu halten, lassen wir unsern abendlichen Doppelkopf im Freien nicht fahren, doch nach und nach wird die Beschiessung des Kolonnenlagers stärker, sodass ich Befehl gebe, alles einzuräumen. Ich versichere mich noch, dass alle bis auf zwei Posten, die hinter Bäumen hocken, weg sind und in der Nacht auch selbstmit meinem Bettsack hinüberwanderte in das verlassene Offiziershaus fünfhundert Meter rückwärts an der einsamen Waldwiese. Alle fünf Minuten wimmert ein „Paket“ heran und zwischen den Bäumen steigert sich Krachen und klack! Klack! Schlagen noch lange nachher Eisenbrocken gegen die Stämme ringsum.

Es wird nach dem Sanitätsoffizier gerufen, der neben mir am Boden schnarcht. Ein Mann meiner Kolonne soll verwundet sein. Wir finden ihn mühsam und tragen ihn nach Anlegen eines Notverbandes on die Blechbude an der Wiese, wo sein Stöhnen mir für den Rest der Nacht die Möglichkeit des Schlafes nimmt. In der Dämmerung wird festgestellt, dass auch fünf Pferde, – natürlich von den besten – tot in der Reihe liegen. Dann ein paar verwundet.

13.8[.] Ich hatte das Verlassen des Lagers schon beschlossen und ritt, morgens nach den nötigen Befehlen zum Aufpacken, los um Unterkommen zu suchen. Die Dörfer dicht hinter der Front sind zu solchen Zeiten gerammelt voll. Von rückwärts kommen unablässig Einsatz-Truppen, schwere Artillerie und eine Division, die bisher weiter hinten lag – von den beschossenen Waldlagern fluten Kolonnen, Pioniere, Armierungskompagnien zurück.

Ich musste mich entschliessen in einem Waldstreifen zu kampieren. Resigniert sehe ich vor mit die Aussicht, der Kolonne noch einmal aus dem Nichts ein Unterkommen zu schaffen, noch einmal Phasen des Lagerbaues durchzumachen mit ihren Kämpfen, ihrem Dreck. Monate wird es im günstigsten Fall dauern, bis einigermaßen ein Dach für alles geschaffen ist; Monate in Schlamm und Regen. Denn es giesst schon während des Umzuges wie aus Mulden. Am andern Morgen gehe ich zum Frankfurter Lager zurück, da siehts wild aus: die Lagerstrasse mit Baumästen u. Blättern bestreut, ein paar metertiefe Löcher im Lehmboden rechts u. links von unsern Hütten[,] die Stube der Fähnriche durch einen Einschlag völlig zerrissen, mein Bretterhaus ist von Granatsplittern mehrfach zerlöchert; der alte Bauernteller an der Wand liegt in Scherben. Von den toten Pferden liegen nur zerfetzte Reste da, und ein paar Russen sind grinsend beschäftigt, sich „Ross“beaf von den Gerippen herunterzuschneiden. Nachtquartier finde ich bei Rittmeister Kleine in Loison in einem Zimmer wo über mir vier oder fünf Offiziere und ein Köter, der ein Sack voll Flöhen sein muss, grad über mir, wo die Decke fingerbreit Ritzen hat, sein Lager hat.

15.8. Am zweiten Tag unseres Biwacklebens hat die Sonne ein Einsehen, und statt der unablässigen  Regengüsse schickt sie ihre herbstlich brennenden Strahlen, die die Wege schnell trocknen und das Lageleben zu einer Freude machen. Ich beginne mit dem Bau von zwei Mannschaftsbaracken, einem grossen Stall, Geschäftszimmer, und, etwas abseits im Gebüsch geschoben, einem Bretterpalast für mich. Übung im Anlagen solcher kleinen Kommandeursvillen kann ich ja wirklich für mich in Anspruch nehmen; dass sie nicht zu nah und nicht  zu fern den Mannschaftsbaracken, mit hübschen Ausblicken und doch auch versteckt liegen, und für den Winter die Räume sich kompakt zusammenschliessen – denn wenn ich auch stark hoffe, im Winter nicht hier zu kampieren, muss man doch immer schon daran denken. In wenig Tagen hause ich wieder in meinen vier Pfählen, und kann in den allzu zahlreich gewordenen Gepäckstücken kramen.

20.8[.] Es giebt beinahe jede Nacht Munition zu fahren, ausserdem betätigen sich 10 Mann der Kolonne in der B. Stelle der hiesigen Feldartillerie-Abteilung, 10 Mann arbeiten in dem anstrengenden Förderbahnkommando, das die ganze Nacht hindurch Munition in Stellung schafft.

Gut übrigens, dass wir ohne lange zu fackeln, auszogen – jeden Tag wird unser bisheriges Lager weiter beschossen. In dem Waldzipfel zwischen Loison und Senon (man kennt die Topografie dieses kümmerlichen Französisch-Lothringen nun bald wie ein Dorfschulmeister von hier oder ein Stabsofficier des Generalkommandos Verdun) entwickeln sich nun wieder Bilder „in Callots Manier“: Zelte, die an gespannten Tauen oder abgehakten Ästen stehenden Pferde, das Durcheinander der Wagen, von denen die illegitimen (die hiesige Staffel nennt sie „Wirtschaftswagen“) bald ebenso zahlreich sind wie die legitimen vierundzwanzig Munitionswagen.

Mit Leutnant Schrader (Hannover), der nun auch mit seiner Armierungskompagnie hierher ins Grüne gezogen ist, als anhänglicher Nachbar, bespreche ich unter der Zeltbahn, wie hübsch es doch jetzt hier im Sommer, wie übel es doch im Winter sein wird, da springt der lange Geppert durch die Büsche. „Suchen Sie mich?“ „ja, die Kolonne kommt weg, Herr Oberleutnant!“ –

Also wieder anders als man denkt. Nach dem rückwärtigen Dorf Vaudoncourt, ins Quartier einer Etappenkolonne. Da können in warmen Ställen die Pferde sich wieder von den Nächten im Freien erholen, und den Leuten[,] die seit zehn Monaten kaum noch in richtigen Häusern gelegen haben, ist der Wechsel erst recht zu gönnen.

Am 21.8[.] rückt die Kolonne ins Dorf.

Am23. Die Nachricht, dass der Gefreite Buecher der Verwundung, die er im Frankfurter Lager erhielt, erlegen ist. Ich hielt seinen Beinschuss, als ich ihm den Notverband anlegte, nicht für lebensgefährlich; es sei Gasbrand hinzugetreten, teilte mit der Chefarzt mit. Er war schon beerdigt, ich veranstalte noch eine Gedenkfeier an seinem Grabe.

Die Nacht vom 23. u. vom 24[.] hat die Kolonne keine Munition gefahren.

Der Douaumont und das ganze nördliche Stück der côte, das wir hier vor uns haben, raucht wieder von hunderten von Rauch- und Dreckwolken, wie nur je in diesen drei Jahren.

Am 25. abends trete ich den „3“tägigen „Etappen“Urlaub nach Graudenz an.

Nachtfahrt über Metz-Köln nach Hannover, wo ich meine Liese abends um 6 Uhr am Bahnhof abfange. Abends Berlin, am andern Morgen nach Graudenz. Am 28. wird der grosste Teil der Wohnungseinrichtung verpackt, am 29 früh hält der Möbelwagen vor der Tür, der schon mittags vollbeladen und knirschend losfahren kann. Noch ein zweiter Bahnwagen ist nötig, doch können wir abends die Rückreise antreten im Schlafwagen nach Berlin.

Ein Tag an der Spree, in der üblichen Zeitausnutzung! Die Aushungerung der Reichshauptstadt ist sichtlich vorgeschritten. In den Centralmarkthallen ist zwar noch das Massenangebot an Saisongemüsen, vor allem an Kürbissen, aber wenn man dann dem Schloss zugeht, sieht man schon eine sehr grosse Zahl geschlossener Läden. Auch Cigarrenhändler haben keine Ware mehr. Die eleganten Restaurants, wie Hiller, Kannenberg, geschlossen, aber auch billige Betriebe wie das Linden-Restaurant. Am wenigsten berührt von der Zeiten Knappheit scheint das Theaterleben: eine Aufführung der „Toten Augen“ im Charlottenburger Opernhaus war eine Meisterleistung.

Über Hannover, wo am Bahnhof meine Jungen stehn und winken, über Düsseldorf, wo mich die Geschwister begrüssen, geht die unerbittliche Weiterfahrt nach Diedenhofen und Longyon [Longuyon], wo ich um 4 Uhr nachts das Wägelchen erkletterte.

5. Sept. 17. Seit gestern abend rollt der Geschützdonner wieder ununterbrochen, befindet sich der nie (endenden) schweigende Artilleriekampf nördlich Verdun in einem Siedezustand, der durch hunderte von neu eingesetzten Kanonen verstärkt ist. Durch die Dorfstrasse werden 15 cm Landrohrgeschütze von hochräderigen Traktoren geschleppt, und die Soldaten bestaunen das mächtige Rohr. Nachts rasseln 21 cm Mörser vorbei, Richtung nordwärts. Hier in Vaudoncourt ist ein Bataillon des neu ausgestatteten Fussartillerie Regiments 25 einquartiert, die mit 10 cm Langrohren schiessen. Die Wiesen und die ungeheuren Waldflächen der vorderen Zone bedecken sich mit schwarzen Erdlöchern, kleinen und grossen; weiter vorn ist an einigen Stellen der Boden von neuem derartig zerpflügt, dass man die breite Strasse nicht mehr wahrnimmt und wie zerfetzte Besenstiele ragen die einst prachtvollen Eichen der Woewre [Woëvre]-Forsten auf. Und alles, um – in günstigstem Falle – einen schmalen Streifen nördlich Verdun hinzuzugewinnen, der strategisch auch (nichts) keine Bedeutung bekommen kann. Oder nein, nicht deshalb;- sondern um Kräfte des Gegners zu fesseln oder, noch richtiger, um Verpflichtungen gegenüber den Bundesgenossen zu erfüllen, das eine als Kriegsaufgabe noch steriler wie was andere.

Bei den Kämpfen nördlich Verdun hatten die Franzosen sehr greifbare militärische Ziele: im September 16 wie im December wollten sie der noch bedrohten Festung Luft machen – die Zwecke sind heute erreicht; der Stoss würde, auch wenn es gelänge, an dieser Stelle ins Leere gehen. Ihre Berechtigung können die Operationen nur darin beim französischen Generalstab gefunden haben, dass hier das Anpacken, zumal die artilleristische Arbeit, unter günstigen Bedingungen für sie erfolgt.

9. 10. Sept. Angriffe an der Strasse von Samognieux [Samogneux] – Bezonvaux im Chaumewald und gegen den Ornesrücken; mit geringen örtlichen Vorteilen der Franzosen. Auch die Gefangenen-Zahl kann sich mit der bei früheren Aktionen dieses Stils nicht messen.

Die Kolonne fährt 4 Nächte nacheinander Munition, gleichzeitig spielt der Schlussakt der Räudekomödie.

Infolge der mehrfachen Quartierverschiebungen hatte die Person des behandelnden Veterinärs, d.h. desjenigen, der sich um die Pferde so einer für sich gestellten Kolonne wirklich mal kümmert, vier-fünfmal gewechselt und das Brandmal der Säuche, das die Pferde in keine Stallungen hereinlässt, haftete ihnen noch an. Wie es stand, nämlich dass es gut stand, wusste ich ja durch die treuen und sachgemäßen Beobachtungen des Futtermeisters. Die Stabsveterinäre, denen die Kolonne unterstand, begnügten sich von Anfang an mit Weitergeben der eingehenden Meldungen. Angesehen hat die Rösser in den vier Monaten weder der Staffelveterinär obschon er mich zum Kaffee aufsuchte, noch der Divisionsveterinär. Da begab es sich, dass ein neuer Korpsveterinär am Horizont auftauchte, und da – kam der Divisionsveterinär. Er kam dann zwei Tage später wieder mit, als der neue Herr die Pferde durchsah. Und zeigte ihm „seine Pferde“. „Nur Bisswunden, die Schrammen da am Halse, ich kenne das Pferd seit langem.“ Der vorführende Fahrer starrte ihn an. „Na, die Pferde können also wieder in die Ställe, die stehen doch seit acht Wochen leer?“ Natürlich waren sie nach unserm Herausziehen und nach einer sogenannten Desinfektion mit Weisskalk von andern Truppen bezogen. „Jawohl, das heisst (da der Herr Miene machte, zu den Dorfstallungen herüberzugehen) ein Raum ist wegen des Quartiermangels nach gründlicher Desinfektion wieder bezogen – „So? ja aber das ist gänzlich unzulässig. Da werden wir doch eine Meldung schreiben.“ „Ja, gewisse, ganz unzulässig“, pflichtet der Divisionsveterinär bei, „na darf ich wohl schon entsprechend melden?“ Ich atmete beruhigt auf.

13. Das starke Feuer in unserm Abschnitt hat nachgelassen.

Am 14.9.1917 führe ich wieder Munitionstransport, da es ein etwas windiger Auftrag ist, nämlich einen vorgeschobenen Geschütz bei Maucourt 600 Schuss Langgranaten zu bringen. Ich richtete mich so ein, dass ich im Morgendämmern nach vorn kam, nicht nachts wie bisher. Denn es ist die letzten Tage gegen Morgen ruhig, der Morgendunst hindert jede Sicht und das Zurechtfinden ist wesentlich leichter. Es ging auch anfangs gut, ich rückte 3 Uhr nachts ab und wir kamen unbeschossen bei glücklicherweise sehr schlechtem Wetter nach vorn. Da ging plötzlich das wilde Orchester einer allgemeinen Feuerüberfalles unserer Batterien los, meine Hildegard hält erfahrungsgemäß das Maul solange wir so schiessen. An dem Förderbahngleise, das vom Parisauxwald aus vor führt, entlang ging ich vor, um ein paar Loren aufzutreiben. Ich bettelte mir zwei zusammen bei einem in seiner Betonhöhle schlafenden Batterieoffizier. Als die inzwischen herangekommenen sechs Kutschen die vollen Körbe aufgeladen hatten, wurde Japs und ein zweites starkes Pferd vorgespannt und nach mehreren Zerreissungen der sehr primitiven Kuppelungen rollten die überschwer beladenen Loren langsam los. Wir waren glücklich durch alte Stacheldrahtverhaue und neue Granatlöcher ein ziemliches Stück im Walde vorgekommen, da stossen wir auf vier grosse mit Mörsermunition beladene Loren auf dem Gleise. Die wurden in unserm Schweiss mit vorgeschleppt bis zu einer Weiche, da – sprang der vordere Wagen aus den Gleisen und begann prompt in den Schlamm zu sinken. Neue Loren auftreiben! Ich fand sie erst, als ich bis zum vorgeschobenen Geschütz vorausgetrabt war. Dann wurde umgepackt und gegen 10 Uhr hatten wir endlich die Last an Ort und Stelle.

Den Nachmittag und Abends ein rieselnder Regen, dass man die Behaglichkeit französischer Kamine wieder in Gang bringt – zum Abschiednehmen just das rechte Wetter. Und der Abschied kommt wie immer, wenn man ihn nicht erwartet. Divisionsbefehl: Kolonne 212 an 13. Res. Div. abgegeben. Der Schmerz ist nicht gross.

Sonntag 16. Sept. rückt der Wandercirkus ab. Ins Dorf St. Laurent [Saint-Laurent-sur-Othain] fünfzehn Kilometer nördlich. Also nicht in Ruhe, denn hier, im Ornessektor, ist der Kampfzustand noch heisser. Schon am Abend des Tages wo die Kolonne mit müden Pferden eingerückt ist, ehe ich mich noch bei der Division gemeldet hatte, (was ich geflissentlich hinausschob) findet mich ein Bote auf mit dem Befehl, sofort Munition zu fahren. „Und warum die Kolonne nicht schon gestern angekommen.“

Während wir uns in dem selbst für uns abgehärtete Krieger über die Maßen schmierigen Dorf, in höchst dürftigen Quartieren einzurichten suchten, wird auch die zweite Nacht Munition gefahren. Ein Pferd fällt vor Entkräftung um und bleibt auf der Stelle liegen. Die Unsauberkeit sowie die Möglichkeit beiden neuen Vorgesetzten einen Urlaub zu bekommen, veranlasst mich, sogleich Urlaub bei der Division einzureichen, der genehmigt wird und trotz der Schwierigkeiten die am letzten Tag entstehen, am 20. mittags angetreten wird. Über Loingyon [Longuyon] nach Düsseldorf, dann Bachstedt und Hoppenstedt.

Am 6/10 abends 6 Uhr fahre ich in Düsseldorf wieder los, wo mich noch die Nachricht erreicht hat, dass die Kolonne wieder verlegt ist, in den Wald. In den Wald, das heisst bei dem herrschenden kalten Regenwetter in unergründlichen Lehmschlamm, zwischen umgehackte welkende Sträucher und Dreckhaufen. So malte ich mirs aus, während das Auge zum letzten Mal über das blinkende Silbergeschirr auf dem glänzend polierten Eichenholz glitt, daheim bei den zwölf Aposteln…..

Am 7.10 fand ich die Kolonne in einem trostlosen Zustand, seit 10 tagen im nassen Wald stehend, dabei angestrengt Nacht für Nacht Munition fahrend. Jeden tag ungefähr geht ein Pferd, im Schlamm liegend, vor Entkräftung ein. Und die übrigen unersetzlichen Tiere kaum wieder zu erkennen. Die Mannschaften haben als einziges Unterkommen die am Boden gespannten Zeltbahnen, die jeden Tag durchregnen. Dabei hat sich nur einer erst krank gemeldet – und alle schaffen um die Wette. Als ich mich in der dürftigen Bretterbude für den Rest der Nacht hinlegte und durch die Wand, auf gut badisch die halblaure Unterhaltung hörte: „Die ganz Kolonn´ ist doch froh, dass e widde do is.“ Da fühlte ich mich trotz allem behaglich.

10 Oktober Strapatzen und ertragendes Heldentum dieser Tage übertrifft alles, was die Kolonne bisher geleistet und geduldet hat. Der nasskalte Schlamm auf den Waldwegen wird jeden Tag unergründlicher, wenn mal ein Vorgesetzter – der Staffelmajor oder der Gruppenstaffelmajor – herkommt um sich den Zustand der Pferde anzusehen bleibt er auf dem ersten besten Rasenstück oder Baumstumpf stehen, lässt sich die Pferde, soweit sie noch bewegungsfähig sind, heranführen, und watet dann schleunigst zu einem Auto zurück. Dabei fährt die Kolonne jede Nacht Munition mit allen Pferden, die sich noch anspannen lassen. Führer sind wechselnd Vizewachtmeister Müller und Strittmatter. Der Franzose schiesst nicht mehr seit seine Angriffskämpfe nach den geringen örtlichen Erfolgen zum Stehen gekommen sind.

Gestern 12 Gespanne zu 4, mit Kastenwagen einer benachbarten Kolonne 700 Schuss Haubitzenmunition.

Nacht 12.-13. müssen sämmtliche noch zugkräftigen Pferde zweimal fahren; es brechen wieder fünf zusammen. „Da liegt Kriegsanleihe“ meint ein Fahrer halblaut, auf einen der verschlammten Kadaver hinweisend, da ja augenblicklich wieder die Trommel der Anleihe-Werbung unter den Soldaten gerührt wird. Übrigens, zu uns in den Schlamm kommt keiner der Werbeoffiziere heraus!

Die Inferiorität unserer Sozialdemokratie gegenüber der französischen – zeigt sich in diesen Tagen mit besonderer Schärfe und als ein entscheidender Kriegsfaktor gegen uns. Drüben fasst der Parteitag den Entschluss, die Kriegsführung mit allen Mitteln zu unterstützen – in unserm Reichstag das Platzen einer Stinkbombe. Abgeordnete der äussersten Linken treten beschönigend, beinah lobend ein für einen standrechtlich erschossenen Hochverräter –

Die Nadel eine Goya fände reichlich Anregung, meine heruntergekommenen Pferde hängend, schwanend zwischen den hervorstehenden Hüftknochen, festzuhalten. Und die Kadaver erst mit langen Halsen und verdrehten Beinen, wenn sie schlammtriefend wie ertränkte Mäuse, auf die Karre hoch gehoben werden.

Am 15. abends bzw. 16 früh kam der Munitionsauftrag nicht ausgeführt werden – die schon unterwegs zusammengebrochenen Gäule kommen den Steilhang zur Batteriestellung nicht mehr hoch – Meldung.

Nun endlich giebt es Ruhe für die Kolonne; es verbreitet sich das Gerücht – und bestätigt sich am 18. durch Befehl – dass die Kolonne wegkommt. Zwar hört da mit das Sterben noch nicht sofort auf unter den Gäulen – man hatte ihnen zuviel zugemutet von dieser übertriebenen Räudequarantäne an – aber – es ist doch ein Ende da!

Die Kolonne kommt nach Mercy-le-bas, irgend einem der Dörfchen im weiteren Umkreis um den für uns imaginären Mittelpunkt Verdun, um die ich nun seit 21 Monaten mit kurzen Unterbrechungen pendele. Von dem weiter nichts zu verzeichnen ist, als dass es an der malerischen gewundenen Talgrund eines Baches liegt, und nicht ganz so zerstört ist wie die Dörfer weiter hinten seit dem August 1914. Die Bauernhäuser reihen sich, mit den flachen Giebeln zusammenstossend, in einer Strasse; Aborte: Fehlanzeige.

Der Umzug muss wegen der völligen Erschöpfung der Pferde in zwei Teilen erfolgen, nachdem die wertvolleren Bagagewagen und eine Sektion der Munitionswagen den 30 km weiten Weg befördert sind, müssen die überhaupt noch etwas zugkräftigen Pferde 2 Tage Ruhe haben, ehe sie den Rest holen.

Am 23.10.1917 reite ich nach Gorcy, um mich bei der Etappenstaffel zu melden. Bei einem Regen, wie sich dessen die bekannten allerältesten Leute der ganzen Gegend nicht entsinnen können, müssen Agnes u. der Cosak laufen, was sie können.

Am 24.-25. Heimliche Fahrt nach R´desheim [vermutlich Rüdesheim]

26.10[.] Bei Tolmein haben wir über 10.000 Italiener gefangen genommen, am Chemin des Dames nach französischen Angaben, an achttausend der Unsern eingebüsst. Ich wünschte aber, wir hätten die Maccaronis nicht und hätten die Unsern noch. Hätten die Divisionen, die wir den Lakel´n [sic!] von Bundesbrüdern an die Seite stellen mussten, weil sie sonst vor lauter Kriegsunlust unter jeder Bedingung Frieden machen würden, dort mit einsetzen können.

30.10. Zum Korpsintendanten mit ein paar kleinen Wünschen, eine Waage, die für die genaue Zumessung der Marketenderwaren so erwünscht ist, Lederfett, das die Fahrer für das hartgewordene Geschirr dringend gebrauchen. Abends zum ersten Mal geflogen; über die herbstbraunen Wälder, über Flächen, durchzogen von graden hellen Linien der Strassen und über die Talschluchten; da glänzt in der Abendsonne die Maaß mit ihren Windungen, (scheinbar) gar nicht so fern. Von den Maaßhöhen hebt sich nichts ab. Eine Wendung nach Norden, und nach einigen Minuten, auf ein Zeichen von mir, senkt der Führer den Vogel. –

Die zerstörten Dörfer, die hier überall herum sind, und deren farbig schimmernde Bruchsteintrümmer nun, im vierten Kriegsjahr, schon zu überwachsen beginnen, erinnern mich an die Erzählung eines bayrischen Rittmeisters, wie er 1914 um sein Gepäck kam. Er hatte mit seiner Magazin-Fuhrpark-Kolonne beim Einmarsch in einem neuen Quartier bezogen, da schiesst abends ein Soldat auf eine Gans. Aus verschiedenen Fenstern erschallt sogleich er Ruf: „Ohnzinde, Ohnzinde!“ und im Nu stand das Nest in Flammen, und er konnte nicht mal mehr seine Sachen aus seinem Quartier holen.

Das abgetrieben Aussehen der Pferde hat sich nach wenig gebessert, dafür sind die Haferrationen, jetzt 3,5 kg für die Mehrzahl meiner Pferde, zu gering. Noch heute ist einer eingegangen an Entkräftung. Das bischen Gras, das jetzt noch auf den Weiden wächst, das wenige vertrocknete Kummt und Spreu von der Dreschmaschine, das treue Fahrer für ihre Tiere zusammenschleppen, ändert daran nichts.

1.11.1917. Eben bummert es wieder drüben an der Front, den klaren Tag werden die Franzmänner anwenden, um die Vaux-Kreuz-Höhe wiederzuholen zu versuchen, die ihnen die Garde-Ersatz Division vor ein paar Tagen abgenommen hat. Und für so eine Geländewelle nördlich von Verdun, die schon zehnmal hin und her gegangen ist, und aus ein paar Granattrichtern und Baumfetzen besteht, wird mehr Munition herangefahren und mehr Blut unserer besten Jahrgänge verspritzt, wie da unten in Friaul augenblicklich nötig ist, um eine Armee zu klappen. Das ist das deprimierend öde an den Kämpfen hier.

6.11. Habe mich nach dem ital. Kriegsschauplatz gemeldet und dabei meine Sprach- und sonstigen Kenntnisse nicht untern Scheffel gestellt; ein Besuch in Montmédy beim A.O.K., Nachrichtenoffizier, veranlasste das Gesuch an die Dolmetscherschule, gleichzeitig ein paar Zeilen an Hollender contra seinen Schwager Roepell, der seit Langem da unten arbeiten soll. Vom Nachrichtenoffizier werde ich dann noch aufgefordert zur Einreichung von Lebenslauf und ärztl. Zeugnis, der der hiesige Ortsarzt auf „G.V. Feld“ ausstellt. –

Inzwischen wickelt sich eintönig das Grau der Novemberlagen ab. Die Ruhezeit der Kolonne wird durch Apells u. Instandsetzungsarbeiten kaum unterbrochen.

9.11. Zu Ehren von Sankt Hubertus setze ich einen Morgengalopp durch den herbstlichen Wald an, für die paar nicht abgematteten Reitpferde. Loos, die Wachtmeister, Köhler. Durch Schlängelpfade, dann steil hinab in den Grund den Forellenbach durchwatet, wieder bergan, bergab und zum Schluss Attake auf eine Hammelherde. Abends ein festliches Essen mit den Ortskommandanten. – Selbst frische Zeitungen sind in dieser weltabgelegenen Untätigkeit nicht zu erlangen – u. wenn man Nachrichten bekommt – von dem grossartigen Vorwärts in Italien, von dem Hexenkessel in Russland – dann wecken sie Ärger, dass man hier festgebannt sitzt und sitzt…

11.11. In Montmédy frage ich telefonisch bei Gosewisch „ja Sie könnten heute in Italien sein mit Ihrer Kolonne“, wenn ja wenn Herr Oberlt. von W. nicht gesagt hätte, das geht nicht, ich habe Herrn V. eingegeben…. Ich war platt. „Aber Si haben mir doch selbst gesagt, Ihre Kolonne kommt nicht in Frage.“ „Hat sich hinterher geändert…“

Ja, wenn man eine unglückliche Hand hat! Nun werde ich wohl noch eine Weile Bizique spielen und Hühner füttern können. Die Pferde – es sind noch 80 von 143 da, und 23 befinden sich in Lazaretten – die Pferde wieder hochzubringen, ist bei dem knappen Hafer fast ausgeschlossen.

Major Coing ist in Flandern gefallen – und noch ein paar der besten jungen Offiziere.

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Oskar Volkmann – Offizier beim 3. Oberelsässischen Feldartillerie-Regiment Nr. 80 (Teil 2/3)