Kriegstagebücher und Kriegserinnerungen

Texte und Kontexte

Kriegserinnerungen eines unbekannten Soldaten im Infanterie Regiment 357 (August bis September 1916)

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Dieser Band von Kriegserinnerungen eines unbekannten Soldaten ist der 4. Band der Erinnerungen.  Der Band umfasst den Zeitraum von August 1916 bis September 1916. Auf der ersten Seite des Bandes hat vermutlich der Verfasser die Nummer des Bandes eingetragen, nämlich 4. Es ist davon auszugehen, dass es noch mehr Bände gab, die allerdings mir nicht vorliegen.

Der unbekannte Mann war Soldat im Infanterie Regiment 357. Vermutlich war er von Beruf Buchbinder. Er hat zeitweise an der Erstellung von Reliefkarten gearbeitet, wo er seine Fachkenntnisse einbringen konnte. Sein Einsatzgebiet war im Raum Verdun sowie im St.-Mihiel-Bogen.

Die Ortsnamen wurden der heute gültigen Schreibweise angepasst. Ansonsten wurde die Schreibweise des Verfassers übernommen.

Bei dem Band handelt es sich um Kriegserinnerungen, da sie wohl im Nachhinein bearbeitet worden sind. Die Eintragungen sind nicht durch genaue Daten voneinander abgegrenzt. Möglicherweise lagen diesen Erinnerungen Kriegstagebücher zu Grunde, die mir aber nicht vorliegen.

Erste Seite der Kriegserinnerungen

Kriegserinnerungen eines unbekannten Soldaten im IR 357 (Aug./Sep. 1916)

Nach Verdun

Also, nachdem wir, wie schon erwähnt zu guterletzt nochmals in Nonsard die preußische Disziplin zu spüren bekommen hatten, um nicht entwöhnt zu werden, marschierten wir zum Bahnhof Vigneulles, von hier ging es per Güterzug nordwärts. Ziel der Reise, wie gewöhnlich, unbekannt. Auf den Stationen, wo wir hielten, wurden die hier Dienststunden Kameraden gefragt, wo die von uns befahrene Strecke hinführte, aber da von dieser mehrere Geleise abzweigten, konnten wir keine auch nur einigermaßen sichere Zielrichtung herausbekommen. Erst als wir frühmorgens vor Billy entladen wurden, wussten wir, dass wir in der Nähe von Verdun waren, was man eigentlich mit uns vor hatte, ahnten wir natürlich immer noch nicht. Nachdem unser Bataillons-Kommandeur von der dortigen Militärbehörde das Marschziel erfahren hatte, marschierten wir los. Zuerst in der frischen Morgenluft, ließ es sich noch gehen, aber je höher die Sonne und zugleich das Thermometer stieg, desto ungemütlicher wurde es für uns.

Das kolossale Gewicht des Gepäcks, welches beinahe mein Eigengewicht ausmachte, drückte doch zu stark und alles Aufmuntern der ohne Gepäck marschierenden Offiziere (nur der Bataillonsstab nicht), nütze nichts, beinahe jede Stunde musste Halt gemacht werden. Kurz vor Mittag machten wir noch eine größere Pause, dann sollte endgültig durchmarschiert werden bis zum Endpunkt. Jedoch noch einmal, vor einer Steigung in einem kühlem Walde, machte unser Bataillon halt. Nachdem wir kurze Zeit rasteten, brachen zwei hinter uns liegende Kompanien die 3. und 4. vor uns auf und verhohnepipelten uns wegen unserer Schlappheit. Gleich darauf zogen wir weiter.
Der durch Bäume beschattete ansteigende Weg fiel uns jetzt verhältnismäßig leicht. Um so mehr erstaunten wir, dass auf halber Höhe sämtliche anderen 3 Kompanien schlapp gemacht und sich hingelegt hatten. Jetzt waren wir die Laufenden.

Kurz nach 4 Uhr kamen wir endlich im sogenannten Gerda-Waldlager an, wo wir vorläufig bleiben sollten. In langen stallartig eingerichteten Baracken wurden wir untergebracht. Längs, in der Mitte, ein breiter Gang. An beiden Seiten von einem zum anderen Ende je 2 übereinander angebrachten Lagerstätten. Diese bestanden aber nicht wie die bisher angetroffenen aus Holzpritschen, sondern aus Maschendraht, welches über stallbaumähnlich angebrachten Rundhölzern gespannt war. Jeder schlief so in einer Art Hängematte. Diese Baracken hatten jedenfalls schon manche Krieger aufgenommen. Davon zeugten schadhafte größere Löcher im Maschendraht. Auch in anderer Hinsicht waren diese Behausungen wenig zum Bewohnen geeignet, da die Dächer und Wände sehr viele undichte Stellen aufwiesen, sodass uns trotz ziemlich milden Sommernächte fror.

Gegen Abend fand noch ein Fußapell statt, welcher sich, der ungefähr 90%  wunde Füße hatten, sehr in die Länge zog. Dem Arzt schien die viele Arbeit nicht zu behagen, denn je mehr Stunden verflossen, je mehr schimpfte und fluchte er. Manche Kameraden hätten gewiss ihr Füße besser pflegen können, aber im großen ganzen hatten doch gerade wir die wenigste Schuld an der Sache.

Im allgemeinen lebten wir im herrlichen Walde ganz gut. Unsere Vorgänger hatten für alles Mögliche gesorgt. Es gab hier besondere Baracken für Kantinen, Schreibstube, Offiziersquartiere u.a.m.

Auch Lauben standen überall unter den alten, hohen Bäumen. Das das Wetter während unseres dortigen Aufenthalt sehr gut war und in den Baracken weder Tische noch Sitzgelegenheiten vorhanden waren, nahmen wir in den Lauben unsere Mahlzeiten ein und erledigten auch hier unsere Schreibereien. Die Verpflegung, welche in den letzten Monaten sehr nachgelassen hatte, ließ hier, Umständen nach, nichts zu wünschen übrig. In der Küche unseres Lagers in einem Wiesengrund zwischen großen Waldungen befand sich eine große, zu der etwas höher gelegenen Ferme, Viehtränke welche durch einen durchfließenden Bach stets mit gutem klaren Wasser versorgt wurde. Hierhin durfte wir täglich zum Baden gehen. Diese Erlaubnis wurde dann auch bei der herrschenden Hitze gründlich ausgenutzt. Der Dienst bestand hier nur in wichtigen Appells sowie Handgranaten werfen und Exerzieren mit Gasschutzmasken. Die Freizeit wurde mit Instandsetzen der Sachen, schreiben, Sport und mehr hingebracht.

Hin und wieder schenkten die Kantinen auch Bier und Schnaps aus, welche Gelegenheit leider viele Kameraden vornahmen sich gehörig zu benebeln.

Gleich am Abend unserer Ankunft gab es das erste Bier. Während die meisten Leute es trotzdem vorzogen, früh ihre Lager aufzusuchen, konnten es mehrere Kameraden, hauptsächlich Hamburger, nicht unterlassen sehr viel Alkohol zu genießen.

Kurz nach 11 Uhr wurden wir in unserer Baracke plötzlich aus tiefem Schlaf geweckt. Einer der Hamburger, Gerstenberger, hatte sich so betrunken, dass er sein auf der Etage neben meinem befindlichen Lager nicht finden konnte. Nach langem Hin- und Hersuchen, Rufen und Fragen, wodurch schließlich der letzte Schläfer gestört wurde, gelang es endlich seinen Begleitern, dieses zu finden. Fünfmal versuchte der Bekneipte hierauf zu kommen und fünfmal fiel er zurück auf das untere Lager.

Auf Kommando als Buchbinder

Bis seinen Kumpanen schließlich die Geduld riss und ihn einfach auf sein Lager warfen, oder vielmehr hatten sie es vor, denn Gerstenberger fiel sofort durch den arg zerrissenen Maschendraht hindurch auf den unter ihm liegenden Kameraden.

Hier blieb er ruhig liegen, selbst die Schläge, welche er von einigen Kameraden zur „Erziehung“ bekamen, störten ihn gar nicht.

Am 26.07 kam ich nachmittags arglos vom Baden ins Lager zurück, als mir von allen Seiten zugerufen wurde, der Feldwebel habe mich gesucht, ich sollte sofort zu ihm kommen. Erst wollte ich es gar nicht glauben, was sollte ich beim Spieß? Verbrochen hatte ich meines Wissens nichts, also musste es schon etwas besonderes sein. Nachdem es mir auch mein Korporal bestätigte, machte ich mich dann auf den Weg. Der Feldwebel empfing mich freundlich. Nun, da sind sie ja, machen sie sich schnell fertig, sie werden abkommandiert für Buchbindearbeiten, in 45 Minuten müssen sie reisefertig sein. Wenn das Packen auch wohl in 15 Minuten zu machen war, so hatte ich doch vielerlei zusammenzusuchen und zu empfangen. Nach 40 Minuten stand ich jedoch in der Schreibstube, bekam meine Papiere und freute, mich auf den Wegen durch den Wald von den alten Kameraden, von denen ich nicht wusste, ob ich sie wiederseh, verabschiedend, ab dem Orte Vaudoncourt zu, wo ich mich bei einer dort befindlichen Vermessungsabteilung melden sollte. Hier meldete ich mich bei dem im Hauptmannsrang stehenden Dirigenten der Abteilung und bezog Quartier im gegenüberliegenden Hause, wo sich auch die Druckerei, Buchbinderei und ein Zeichenzimmer befanden.

Am selben Abend und am nächsten Tage kommen noch mehrere Kameraden aus dem ganzen Regiment an. Ein jüngerer Kollege, ein Buchdrucker, welcher auch als Pappschuster durchgegangen war und drei Zeichner. Außer den Buch- und Steindruckern arbeiteten auch ein Buchbinder und  zwei Zeichnern ständig in der Abteilung. Der Buchbinderei war hauptsächlich Reliefkarten geklebt wurden und den Zeichnern, welche diese austuschten[,] stand ein Topograph (Oberleutnantsrang) bevor. Dieser war ein tüchtiger guter Mensch der uns bei unseren Arbeiten volle Schaffensfreiheit ließ, nur sah er darauf, daß die Ablieferungstermine inne gehalten wurden. Wir mussten zeitweise Umschicht arbeiten, also auch nachts, hierbei hat sich der Buchdrucker manchen Pfusch geleistet, den ich kaum wieder beseitigen konnte. Die Arbeiten an und für sich waren interessant und abwechslungsreich, da wir einmal einen kleinen, ein andermal einen großen Maßstab zu kleben hatten. Nur das Essen lies hier zu wünschen übrig, da auch aus der Heimat wegen der stetig knapper werdenden Lebensmittel auch nicht mehr viel geschickt werden konnte, musste wir oft mit hungrigem Magen zu ,,Bett“.

Bei unserem Umherstreifen nach Feierabend hatten wir Kartoffelfelder entdeckt und kamen auch zu dem Entschluß, gelegentlich einige zu holen, um wenigstens einmal wieder satt zu werden. Dreimal hatten wir, ein Zeichner (Gefreiter u. Spielmann aus der 12. Kompanie) und ich ja einen Sandsack voll geholt, wobei wir, damit es nicht auffiel, beim Auskriegen die Sträucher stehen ließen. Trotzdem mußte die Ortskommandantur dahinter gekommen sein, denn eines Abends sind wir grad wieder beim Mausen, als ein Ulanengefreiter der Ortskommandantur dem Kartoffelfelde näher kommt. In der Hoffnung, daß dieser uns in der Dämmerung bei unserem sehr vorsichtigen Vorgehen nicht gesehen, legen wir uns platt hin. Jedoch auch der Ulan war nicht aus Dummsdorf und fand uns. Er riet uns, da das Stehlen von Kartoffeln sehr schwer bestraft würde und der Kommandant unnachsichtig vorgingem, dieses zu lassen. Er schlug uns auch einen besonderen Weg vor, um dem Kommandanten nicht in die Quere zu laufen. Nach einigen Schritten meinte mein Kumpel du, der will uns anführen und den Kommandanten in die Arme führen, lass uns hier durch den Wald gehen. Gesagt getan.

Im Wald, selbst geduckt, konnten wir die Felder übersehen und auch den vorgeschlagenen Weg zum Orte, auf diesem befand sich wirklich der Ortsgewaltige. Wieder einmal Schwein gehabt, dachten wir. Kurz vor dem Orte versteckten wir die Kartoffeln, der Spielmann machte nun seinen abgenommenen Schwalbennester wieder an, ebenso wurden unseren aus der alten Form gebrachten Mützen wieder aufgesetzt und so bummelten wir langsam dem Quartier zu. Nach Dunkelwerden gingen wir mit noch mehreren Kameraden zum Versteck der Kartoffeln, holten sie hervor und brachten sie nach „Hause“.

Vor „diesem“ stand zufällig der Topograph, an ihm mussten wir vorbei. Jedoch sagte er nichts, sondern sah nur, indem er unsren Gruß erwiderte, lächelnd auf die Kartoffelsäcke.

Am nächsten Abend hatten wir uns mit fünfen zusammengetan. Einer gab einige Eier ein, anderer Speck, der Dritte Butter, der Vierte Schmalz zu, der Gefreite als Fünfter konnte, aus dem an Lebensmittel besonders armen Essen stammend, nichts dazu geben, dafür war er aber der führende Kartoffelmauser gewesen. Im Zeichensaal stand ein großer und guter Herdofen, auf diesen brieten wir dann in einer riesig großen requirierten Pfanne die seltenen Herrlichkeiten. Beim Essen überraschte uns wieder der Topograph. Na, sagte er, wie schmecken die Kartoffeln? Danke Herr Togograph. Dann laßt sie Euch nur schmecken,  ich gönne sie Euch.

Trotz aller Hindernisse wurden weiter Kartoffeln gemaust, denn Hunger tut weh, von den kleinen Rationen konnten wir wirklich nicht satt werden. In dem kleinen Orte Vaudoncourt gab es außer den täglichen Promenaden Konzerten der Kapelle des hier in Bereitschaft liegenden Regiments keine Unterhaltung. Interessant anzusehen waren jedoch die in langen Schlangenlinien den Ort passierenden Bagagen der verschiedenen Truppen. Von nach vorne gewesenen Truppenteilen kamen auch oft, leider recht spärliche Reste zurück, welche nach kurzer Rast weiter marschierten. Von diesen hörten wir, wie es vorne aussah.

Am 31.07 kam auch das im Ort liegende Regiment auf Autos in Stellung, nachdem am Tage vorher Feldgottesdienste stattgefunden hatten. An den Katholische Feldgottesdienst nahmen auch französische Zivilisten teil.

Am 6.8 erhielten wir vom Regimentskameraden Nachricht, daß in diesen Tagen die 357er  bataillonsweise zur Besetzung der Souville Nase vorrücken sollten. Am selben Abend machten wir mit einigen Kameraden einen Spaziergang nach dem 40 Minuten entfernt liegenden Spincout, wo sich ein wichtiger Verladebahnhof befand, auch Lazarette und Verbandsplätze für durchkommende Verwundetentransporte gab es hier. An der Pforte eines solchen Verbands- und Verpflegungsplatzes trafen wir zufällig einige 358er, welche uns berichteten, dass ihr Bataillon von einem der 357er abgelöst wäre und wenn es Verwundete gäbe, diese gewiss auch hier übernachteten, wir sollten man noch etwas warten, um diese Zeit kämen der Verwundetenzug.

Wir gingen jetzt der Richtung zu, wo der Zug herkommen mußte, von der Anhöhe aus verfolgen wir die Schienenstränge, welche in der Ferne in einen Tunnel verschwanden. Da wir nichts versäumten, legten wir uns ins Gras und warteten. Nach ca. 3/4 Stunde erschien dann auch auf der Tunnelöffnung ein langer Güterzug, aus deren offenstehenden Türen eigentümliche weiße Flecke hervorlugten. Im ersten Augenblicke konnten wir uns gar nicht erklären, was das bedeute, erst beim Näherkommen des Transports erkannten wir immer deutlicher, dass es verbundene Köpfe, Arme und Beide waren. Da wir alle meinten, es wäre nur leicht Verwundete, sagte einer der Kameraden, die werden sich schön freuen, daß sie dazwischen raus sind. Um diese zerschossene Kameraden, unter denen sich vielleicht Bekannte befanden, am Bahnhof empfangen zu können, gingen wir langsam dem Bahnhof zu. Hier wurden gleich darauf die zum Teil gar nicht mal leicht Verwundeten ausgeladen, einige konnten kaum gehen, trotzdem waren keine Tragbaren zur Stelle und die Verwundeten waren alle ganz auf ihre leichter beschädigten Kameraden angewiesen, von denen sie gestützt wurden. Andere wieder verzogen vor Schmerz das Gesicht, dieses hinderte aber den führenden Sanitätsgefreiten nicht, die Ärmsten immer wieder zu schnelleren Tempo anzuhalten. Auf halbem Weg brach schließlich ein junger Mensch zusammen, für den dann doch eine Trage geholt warden mußten. Meine Begleiter und ich versuchten mehrere Male mit den Verwundeten Unterhaltungen anzuknüpfen, eventuell zu helfen, wir wurden aber jedes mal barsch von dem Gefreiten zurückgewiesen. Wir begleiteten diesen traurigen Zug bis zum Verbandsplatz und gingen, da unter diesen Kameraden keine unseres Regiments waren, nach Vaudoncourt zurück.

An den drei nächsten Tagen waren einige Kameraden wieder in Spincourt, jedes mal erlebten wir wieder das selbe Trauerspiel. Den ersten Abend trafen sich 3, den zweiten 1 und am dritten 2 Kompaniekameraden, alle zum Glück nur leicht verwundet.

Viele Verwundete sagten aus, dass sie in den letzten Tagen so gut wie gar nichts gegessen und getrunken hätten. Die Essen und Kaffeeholer sind meist gar nicht vorne angekommen, weil das Vorwärtskommen auf dem schlechten Gelände bei dem dauernden Trommelfeuer unmöglich war, manche von den Essen- u. Kaffeeholern seien auch hierbei verwundet worden.

Trotz dieses Umstandes wurden die armen Kerle hier hinten wie eine Horde Vieh behandelt und zu essen gab es auch hauptsächlich Marmeladenstullen und schwarzen Kaffee.

In den folgenden Tagen arbeiteten wir an zwei großen Reliefkarten für den Divisionsstab mit Ablösung auch mussten Überstunden gemacht werden, deshalb konnten wir vorläufig nicht mehr nach Spincourt gehen. In dieser Zeit bombardierten feindliche Flieger in 4 Nächten Spincourt sowie das Gelände zwischen diesem und Vaudoncourt, wenn in Spincourt so ein Ungetüm explodierte hörte sich`s an, als ob es nahe unserer Wohnungen passiert sei. Eine schwere Bombe fiel und krepierte ca. 30 Meter von einem französischen Bauernhause, riss aber „nur“ ein 2 Meter tiefes Loch in den Boden und zertrümmerte die Fensterscheiben, die Bewohner kamen mit dem Schrecken davon.

Bei späteren Besuchen Spincourts trafen wir auch bayerische Truppen zur Verladung ein. Kaum stand die  Bagage, als auch schon Bier ausgeschenkt wurde, nach einer kurzen ½ Std. war alles, auch der Bierwagen, bereits verladen.

Die Bayern konnten nämlich keinen halben Tag ohne Bier zu, selbst während des kürzesten Aufenthaltes war dieses zur Hand. Was mochten die Menschen vorne gedurstet haben, wenn kein Gerstensaft rangeholt werden konnte.

Am 13.08 mussten 7 Kameraden zur Truppe zurück, auch die Zeit meines speziellen Freundes, des Spielmannes, war abgelaufen.

Zurück zur Truppe

So blieb ich allein bei dem ständigen Personal der Abteilung zurück. Arbeit hatten wir jedoch noch genug, deshalb bemühte sich unser Abteilungs-Chef mit allen Kräften bei dem Divisionsstab wenigstens mich noch für einige Wochen behalten zu können.

Alle Vorstellungen nützten jedoch nichts, auch ich wurde nach 6 Tagen zurück befohlen und so zog ich denn am 19.8 ab zur Truppe. Nach vielem Hin- und Herlaufen und Fragen gelangte ich dann am Abend im „Jägerlager“, ebenfalls im Walde gelegen, an, wo die Schreibstuben und Bagagen unseres Bataillons bereits eingetroffen waren. In einem Pferdestall schlief ich für die ersten beiden Nächte zwischen den Pferden, Ratten und Mäusen. Am Tage half ich in der Schreibstube und Küche.

Am 21.8 Nachmittags 5 Uhr Ankunft des Bataillons. Kaum hatten sich die Kameraden vor den Strapazen der Verdunschlacht etwas erholt, als auch schon ein gegenseitiges Erkundigen der Kompanien untereinander einsetzte. Von den kurz vor Instellunggehen noch aufgefüllten Kompanien waren 30 bis 50% gefallen, verwundet oder vermisst, auch der neue Zugführer des 3. Zuges, ein 22 jähriger Leutnant war gefallen. Um 9 Uhr Abends marschierten wir bereits weiter zurück über Billy, Vaudoncourt nach Spincourt zur Verladung, wo nachts um 12 Uhr die Abfahrt erfolgte.

Ruhe in Cesse

Am 22.8 morgens 6 Uhr Ankunft in Cesse. Nach wenigen Stunden wohlverdienten Ausruhens kam schon wieder der Befehl, so schnell als möglich Sachen instandsetzen. Da diese natürlich böse aussahen, hatten wir und die Handwerker schwer zu tun. Am nächsten Morgen fand schon wieder von 8.30 bis 11.30 Uhr exerzieren statt und nachmittags gar schon Besichtigung durch den Divisions- und Brigade-General, wozu die vielen Vorbereitungen und die kleinlichen Appells kommen. Auch in den folgenden Tagen kam man vor übermäßigem und überflüssigem Dienst kaum zur Besinnung. Auch fanden noch 2 große Felddienstübungen statt. Am 24.8 als angenehme Abwechslung baden in der Maas unterhalb der Badeanstalt des Kronprinzen.

Am 26.8 außergewöhnlich viel Dienst. Morgens 2,30 Uhr bereits wecken, dann zuerst Appells. Um 4 Uhr Abmarsch mit Sturmgepäck (circa 40 Pfund incl. Ausrüstung) zum großen Exerzierplatz. Parademarsch vor dem Bataillons-Kommandeur von Ofen.

Nach Rückkehr Handgranaten werfen und zum Schluss von 4-6 Uhr „Spielen“.

Am 27.8 morgens Schützengraben bauen, hierauf mehrere Appells mit Gepäck, nachmittags spielen, nochmal 2 Appells mit Gepäck usw. Nach fast jedesmaligem Wechsel mit vollem und Sturmgepäck blieb es schließlich beim vollem Gepäck. Der Tornister sollte laut Befehl für die am nächsten Tage stattfindende Besichtigung durch den Kronprinzen fertig gerollt und gepackt liegen bleiben, so mussten wir uns in der folgenden Nacht ohne die für unser Lager notwendigen Sachen, Mantel, Zeltbahn etc. behelfen.

Besichtigung durch den Kronprinzen

Am 28.8. 7 Uhr morgens Abmarsch. Nach gut zweistündigem Eilmarsch über hügeliges Gelände hatte  wir auf einer Wiese eine halbe Stunde rast. Hierauf exerzieren.

Um 10 ¾ Uhr antreten im Viereck. Um 11 Uhr Ankunft des Kronprinzen. Als dieser aus dem Auto auf uns zukam, fragten wir uns gegenseitig. Hat der Kronprinz eine Brille auf? Erst beim Näherkommen desselben sahen wir, dass es nur dunkle Ringe unter den Augen waren. Nach einigen ligèren und sehr ligèren Redensarten, womit er einige im ersten Glied stehende Kameraden „beglückte“, hielt er eine kurze Ansprache, verteilte einige Eiserne Kreuze, wünschte baldigen Sieg und Nachhausekommen zur Familie und Verabschiedete sich von uns. Wir machten uns schnell fertig und marschierten zurück. Auf der Straße hielt der Kronprinz noch in seinem Auto und nahm eine „Parade“ ab. Nach weniger Zeit überholte er uns, wobei er Hände voll Zigaretten in Schachteln unter uns warf. Auch ich erwischte eine, die Hoffnung etwas recht gutes erwischt zu haben, betrog uns aber leider. Um 2 Uhr waren wir zurück in Cesse. Nachmittags noch Gewehrreinigungen, Sachen in Ordnung bringen und Verlosung einiger kleiner Hamburger Liebesgaben, Bier, Wein, Schnaps, Zigaretten und vieles mehr, hernach noch Wettlaufen u. s. w.

Alles dieses war selbstverständlich „Dienst“, sonst hätten wir uns lieber aufs Lager gelegt und geruht, denn auch bei dem übermäßigem Dienst hatten wir wirklich kein Fett angesetzt, welches abgetrieben werden musste, aber genau das Gegenteil war der Fall, durch Strapazen, Gefahren, Kohldampf schieben u.s.w. waren die meisten Kameraden soweit, daß sie dringend der Ruhe und Pflege bedurft hätten. Bei der spät herauskommenden Parole wurde uns zum Überfluss noch verkündet: „Morgen Abfahrt zu einer anderen Stellung“. Das Gerücht lief schon seit mehreren Tagen um.

Vorher aber wollte der Kompanieführer noch einen Übungsmarsch in die Umgebung mit uns machen.

Am nächsten Morgen 29.8 morgens 7 Uhr marschierten wir dann von Cesse ab. Beim Antreten konnte man schon auf allen Gesichtern lesen, daß den Leuten dieser Ausmarsch dann doch über die Hutschnur ging. Statt der sonst meist ruhigen oder lächelnden, zu jedem Scherz aufgelegten Mienen sah man nur brummige, mürrische Gesichter. Als dann nach kurzem Marsch dann gar der kurze Befehl kam: „Singen“! war es doch mit dem Gehorsam vorbei. Immer wieder: „Singen“!

Niemand sang. Schließlich meinte der Kompanieführer, wenn wir nicht singen, ließ er stattdessen Ausmarsches auf dem am Wege liegenden Sturzackern exerzieren.

Auch dieses half nicht.

Dann das Kommando: „Linksschwenk Marsch.“ Also hinauf auf einen Sturzacker. Hier ließ der Oberleutnant jedoch erst einmal halten und hielt uns eine kurze Moralpredigt.

In dem Glauben, daß der ausnahmsweise vorne marschierende dritte Zug Schuld am Nichtsingen hatte, ließ der Oberleutnant die Kompanie Kehrt machen, so daß beim nunmehrigen Weitermarsch der 1. Zug (Liebling der Oberleutnants) wieder an der Spitze marschierte, jedoch erst nach längeren gütigen Zureden, Drohen u.s.w. der Offiziere entschlossen sich einige, ein Marschlied anzustimmen, aber nur wenige fielen nach und nach ein. Es fehlte aber von vornherein die Stimmung. Nach 2 ½ Stündigem Marsche kommen wir im Orte Pouilly an. Hier machte der Kompanieführer eine Kantine ausfindig, wo es Bier gab. Zugweise bekommen wir hier dann wieder auf Kosten der Kompaniekasse Bier, pro Mann bis zu 4 Glas. Das der erste Zug als erster rankam und der dritte als letzter, war an jenem Tage wohl selbstverständlicher denn je, so bekamen wir den schäbigen Rest, was wir jedoch von früheren Gelegenheiten gewohnt waren. Herr Oberleutnant Haffner mochte es sehr gut mit uns gemeint haben, indem er uns vor unserer Abreise noch einmal die wirklich romantische Gebirgsgegend zeigte, aber ich hätte es doch seinerseits für richtig gehalten, er hätte vorher unsere Stimmung ausgelauscht. Die Disziplin hätte dadurch nicht gelitten, aber der Kameradschaftlichkeit zwischen Führer und Untergebenen sicher genutzt. Von Pouilly aus marschierten die Züge nach dem Biertrinken einzeln zurück nach Cesse, wir naturgemäß als letzter. Wenn auch nun das Bier, das schöne Wetter und besonders die reizvolle Gegend unseren Trübsinn ein klein wenig eingedämmt hatten, so wollte das Singen doch nicht recht klappen, sodaß der Zug meistens stillschweigend Cesse zuschritt. Zu einer solchen Stille ertönte plötzlich das Kommando unseres jugendlichen Zugführers, des Vizefeldwebels Schultze: „Singen“! Wir sahen uns verständnisvoll an. Ob der sich einbildete, wir befolgen sein Kommando im Kasernenton, wo wir nicht einmal bei den verhältnismäßig gut angesehenen Oberleutnant nicht gesungen hatten.  Das musste er einsehen, wütend tippelte er neben uns her. Als unser „Ruheort“ in Sicht kam, wurde beratschlagt, mit lautem Gesang ins Dorf einzuziehen. Kurz vor dem Eingang in dieses, einigten wir uns schnell auf ein Lied und schon sollte es losgehen, als zum zweiten Mal das gebieterische Kommando erscholl: „Singen“. Im Nu verständigten wir uns –  nun gerade nicht – und ließen es.  Schon waren wir in eine Straße eingebogen, welche fast rings um den Ort lief, als es zur Abwechslung hieß: „Kehrt Marsch!“ Anstatt nun den alten Weg zurück zu gehen, wie der Vizefeldwebel es mit uns vorhatte, bogen Wehrmann, Deutschländer und ich, die wir als einzelne Leute bisher den Schluss gebildet hatten, und nun an der Spitze waren, in die Peripheriestraße ein, da die Marschrichtung des Zuges eher in diese deutete und von einer Schwenkung nicht befohlen worden war. Fast wäre unser Vizefeldwebel vor Wut geplatzt, da er uns trotz seiner vorgesetzten Würde nicht gewachsen war, sich auch nicht noch weiter blamieren wollten, ließ er uns dann doch in den Ort marschieren, konnte jedoch nicht umhin, uns vor dem Wegtreten eine gehörige Standpredigt zu halten, in welcher er mit militärischen Schlagwörtern wie „Schleifen, Schlitten fahren u.s.w.“ nur so um sich warf. Zwischendurch erschollen schon einzelne Rufe: Hummel, Hummel, Sabbel die dot!

Wie aber das Kommando kam: „Wegtretten“, da schwirrte es nur so durcheinander von: Hummel, Hummel, M…, M…, Sabbel die dot! u.m.m. und zähneknirschend ging der Vize-Feldwebel von hinnen, uns sicher zum Teufel wünschend.

Auch wir verzogen uns sofort in die Quartiere, denn es war mittlerweile 1 ¾ Uhr geworden und der Magen verlangte sein Recht. Nach dem Essen hatten wir noch unsern sämtlichen Brocken in Ordnung zu bringen, denn nicht einmal die Stiefel hatten wir wegen des Ausmarsches für den „Umzug“ bereit machen können.

Nachdem wir zu Mittag gegessen, bekam unser neuer Unteroffizier, ein alter, bereits verwundeter Krieger, welcher vor einigen Tagen mit anderem Ersatz zu uns gekommen war, den Bataillonsbefehl mit einem Gefreitem und einem Mann den Transportzug zu übernehmen, wozu auch ich mit sollte. Mit Überstürzung machten wir drei uns fertig, um 4 ¾ Uhr schon waren wir auf dem Weg zum Bahnhof Stenay,

An der alten Front

wo wir nach zweistündigem Marsche ankamen. Nicht lange brauchten wir zu warten, als auch schon unser Zug vorfuhr. Die Wagen waren schnell für die verschiedenen Kompanien, den Stab, Unterstab, Bagage u.s.w. gekennzeichnet, sodaß die nun 7 ½ Uhr eintreffenden Kompanien in die für sie bestimmten Wagen nur einzusteigen brauchten. Zugleich wurde auch die Bagage verladen, als alles verstaut war, stiegen auch wir ein. Kurz nach 8 Uhr fuhr der Zug dann aus dem Bahnhof. Um 5 Uhr des nächsten Morgens, 30.08, bemerkten wir zu unserer Verwunderung, dass der Zug in Vigneulles hielt. Sollten wir etwa in unsern alten Stellung?

Wirklich blies unser Trompeter das Signal zum Aussteigen.

Sofort Antreten und Abmarsch. In der noch forschenden, durch plötzlich einsetzendes trübes Wetter, verstärkten Dunkelheit konnten wir zuerst nicht unterscheiden, wo es hinging, bald bemerkten wir jedoch, daß wir eine andere Richtung als die früher gewohnte, einschlugen.

Um 8 Uhr landeten wir in dem Orte Xammes, 12 km östlich von Vigneuelles gelegen, wo uns nach ½ stündigem Warten im inzwischen eingetretenen Regen, ein großer Pferdestall als Quartier angewiesen wurde. Nachdem Kaffee, den es bald nach der Ankunft gab, schliefen wir einige Stunden, um dann wiederum unser Zeug und unsere Stiefel in Ordnung zu bringen, denn im Orte sollten wir nicht bleiben, sondern noch weiter vorrücken. Abends 9 Uhr marschierten wir dann auch los, quer über freies Gelände an Bouillonville und Euvezin vorbei zu dem im Bois de la Sonnard gelegenen Waldlager.

Um 12 ½ Uhr nachts kommen wir glücklich im strömenden Regen und vollständiger Dunkelheit im Lager an. Wie so oft, gab es auch hier mehrere Verletzte dadurch, daß Kameraden im Dunkeln über Baumwurzeln, Holzresten u.s.w. stürzten, oder mit dem Kopf gegen Bäume, Pfähle u.s.w stießen. Nach langem Hin- und Hersuchen und stolpern fanden wir dann schließlich einen Unterstand. In diesem hauste jedoch noch für eine Nacht das Übergabekommando des von uns abgelösten Regiments 465, weshalb einige Kameraden und ich auch dieses Mal auf Bänken schlafen mussten, am nächsten Tage jedoch rückten die Kameraden ab, nachdem sie uns über alle Sonderheiten des Lagers, der Stellung und des Feindes (Zeiten der Beschießung durch diesen u.s.w.) unterrichtet hatten. Dieses Lager lag nicht so idyllisch wie jene bei Verdun, war aber, da hier die Truppen gewöhnlich länger blieben, besser und sauberer in Ordnung gehalten.

Neben jedem Unterstand befand sich noch ein tiefer Stollen zum Schutz gegen die täglichen Beschießungen des Waldes durch den Franzmann, zum Bewohnen waren sie jedoch nicht eingerichtet. An einer besonders gedeckten Stelle war ein größerer Unterstand für 3 Küchen gebaut und zwar für eine im Walde und zwei in Stellung liegenden Kompanien, eine Kompanie hielt sich, wie üblich, in Ruheort Xammes auf. Hatten wir im Waldlager auch allerhand „neuzeitlichen Komfort“ wie Badeanstalt, elektrisches Licht, Wasserleitung u. a. m., so ließen sich doch manche Sachen, wie das Einexerzieren der jungen Offiziere und Aspiranten etc. besser im „Ruheort“ weiter hinter der Front machen, aus diesem Grunde lag die „Ruhekompanie“ in Xammes. Am selben Tage noch, also am 31.8., abends 6 Uhr rückten wir in Stellung und zwar in einen Abschnitt, welches sich ca. 4 bis 5 km links von Richecourt, unserer früheren Stellung, östlich von St. Baussant vor dem Sonnardwald befand.

St. Baussant war ein kleiner Ort abseits der Chaussee zwischen Maizerais und Lahayville.

Durch Laufgräben erreichten wir in einer knappen ½ Std. den vorderen Graben. Diesen sollten wir vorerst nicht besetzen, sondern nur erst instand setzen, da die Spuren der letzten Regenperiode noch nicht ganz beseitigt waren.

Trotz besten Willens konnten wir leider so gut wie gar nichts schaffen, da der Boden aus jenem zähen Lehm bestand, der sich am Schanzzeug gleichsam fest sog, wie er in Frankreich viel vorkommt. In der Nacht vom 1. zum 2.9. kamen wir wieder zurück ins Sonnardwaldlager, aber dieses Mal in den linken Flügel. In den nächsten Tagen half ich unsere Schreibstubenbaracke instand setzen, ferner holte ich mit unseren Kameraden im Tal hinter dem Sonnardwald gelegenen Verteilungsstelle Lebensmittel und anderer unentbehrliche Sachen.

Am Abend des 5.9. bezogen wir den rechten Grabenflügel des Abschnitts als Posten. Dieser Teil des Grabens war vollkommen ausbetoniert, auch einige Unter- und Postenstände bestanden aus bestem Eisenbeton, letztere hatten jedoch Wellblechdach, da über den Grabenrand hinausragender Beton sofort vom Franzmann zusammengeschossen worden wäre. Die Unterstände waren sehr eng und reichten längst nicht für die nur sehr knappe Besatzung aus, so daß wir uns sehr behelfen mußten. Ein Glück nur, daß de Wettergott uns einigermaßen hold war, nur selten regnete es schwach.

Das Essen holen, welches wir wegen der gedeckten Lage des einen Laufgrabens am Tage besorgen konnten, war hier wegen des gut ½ stündigen Weges zur Küche und des engen Grabens eine kleine Strapaze. Trotz der Deckung gegen feindliche Sicht wurden wir jedoch oft durch starke Feuerüberfälle überrascht, welche zum Glück für uns jedoch verhältnismäßig wenig Verluste brachten. Von unserer Seite wurde viel mit 80 Pfund Minen geworfen, welche beim Krepieren krachten wie eines der schwersten Geschosse. Schon in unserer früheren Stellung vor Richecourt hatten wir diese schauderhaften Dinger – nicht ohne Grauen – gehört. Der Franzmann antwortete gewöhnlich mit Gewehrgranaten oder leichten Feldgeschossen.

Am 10.9. mittags hatten unsere Minenwerfer wieder einige ihrer großen „Konservenbüchsen“ zum Franzmann hinüber geschickt. Wir wußten genau, wir bekommen sie heimgezahlt. Nachmittags stehe ich just in einem bis Schulterhöhe leicht gedeckten und hinten zur Hälfte offenen ca. 60cm im Quadrat umfassenden Postenstand auf Wache, als die Franzosen plötzlich an mehreren Stellen anfingen, uns mit Gewehrgranaten zu beschießen. Ein Schütze hatte es sicher auf meinen Stand abgesehen. Die ersten Granaten fielen weit links von mir, aber deutlich hörte ich jedes Mal das Aufschlagen ständig näher kommend, dann eine ganz nahe rechts, die nächste einige Meter vor mir, die dann folgende kurz hinter dem Graben.

Die nächste trifft auf das dünne Wellblechdach, dachte ich und erwog schon: Hielt das Blech auch den Fall ab, die Explosion sicher nicht. Verdrücken? Am Ende lief ich dem Verderben in die Arme. Wie ein Stück Schlachtvieh stillhalten? Nur Mut, die Sache wird schon schief gehen und sie ging schief, aber für den Franzmann. Die für den heutigen Tag letzte Granate sauste durch die Luft und – ich höre sie heute noch – fiel direkt hinter mir in den Graben.

Nichts Gutes ahnend, hatte ich den Stahlhelm, welcher damals noch nicht Allgemeingut war und nur an gefahrvollen Frontabschnitten und besonderen Postenständen benutzt wurde, über die Ohren gezogen und mich in die Ecke gehockt, als auch schon der tolle langschwänzte Vogel hinter mir krepierte. Im Nu war der enge Postenstand voll Rauch und mir war fast das Hören vergangen.

Was nun? Ich dachte wieder, wirst du getroffen, steht hier ja auch niemand und die Kompagnie ist unnütz um einen Mann ärmer.

Also, zum Zugführer, als welchen wir seit einigen Tagen einen vielleicht 30jährigen Lehrer aus dem Pommerschen Leutnant … hatten.

Dieser kratzte sich hinter den Ohren und meinte: Auf diese Art und Weise totschießen lassen? Blödsinn. Aber: Der Posten darf in der höchsten Gefahr seinen Platz nicht verlassen. Na warten wir ab, vielleicht hat „er“ sich beruhigt. Da das Schießen wirklich aufhörte, besetzte ich auch sofort wieder meinen Posten. Gleich darauf kam auch Leutnant … um den Schaden zu besehen.

Die Gewehrgranate war mitten in den Graben und mitten vor den Stand gefallen, so daß die bis zur Hälfte gehende Rückwand, hinter der ich stand, die Splitter auffing und mich schützte. Bei dieser Gelegenheit konnten wir bemerken, wie hart und fest Cement ist, denn weder auf dem Boden noch an den Seitenwänden des Grabens hatte die Granate Schaden angerichtet, kaum daß winzige Absplitterungen zu sehen waren.

In diesen Tagen wurde viel gemunkelt, die O. H. L. hätte eine große Neueinteilung der verschiedenen Truppenverbände vor, durch diese Umwälzung sollte auch unsere 2. Kompagnie herausgezogen werden und zu einem neuen zusammenstellenden Bataillon kommen. Wir waren sehr gespannt hierauf. 

In der Nacht zum 12.9. wurden wir abgelöst und kamen frühmorgens in Xammes an.

Hier wurde uns bestätigt, daß unsere Vermutungen zutrafen. Am selben Abend mußten wir wegen der Neueinteilung wieder in Stellung, eine Rekordleistung, hatten wir doch erst morgens nach 7 tägigen aufregendem Schützengrabendienst (der französische Graben lag nur 9 Meter von unserem entfernt), den fünfstündigen Marsch über schlechtes hügeliges Gelände, zurückgelegt. Nun sollten wir statt der uns zustehenden Ruhe nochmals den strapaziösen Weg machen. Das war dann doch etwas reichlich, auch hatten wir den ganzen Tag über schwer zu arbeiten, um alles Notwendige für die Stellung zu erledigen.

Hundemüde kamen wir in einen wieder etwas weiter rechts gelegenen, auch cementierten Abschnitt an. Glücklicherweise war das Wetter gut, nachts hatten wir meist leichten Frost. Mit Arbeiten und Postenstehen vergingen auch diese Tage, aber schwer hatten wir jetzt unter den französischen Gewehrgranaten zu leiden.

In der Nacht zum 18.9. wurden wir wiederum abgelöst und kamen nach Xammes. Von nun an galten wir offiziell als 9. Kompanie. Unser Kompanieführer, Oberleutnant Haffner, war zur Zeit abkommandiert und wir sollten Leutnant Gebhard, einen Hamburger Lehrer, bekommen, welcher als tüchtiger Offizier und humaner Mensch im Regiment bekannt war.

Hierzu konnten wir uns nur beglückwünschen, denn ein guter Kompanievater war jedenfalls ein großer Trost in den elendigen Frontsoldatenleben.

Am 19.9 ging es bei herrlichem Herbstwetter nachdem ca. 2 Stunden entfernten Boillonville zum einkaufen.. Da wir auch nicht sehr viel zu tragen hatten, war es für uns ein angenehmer Spaziergang. Um einen Richtweg zu gehen, mussten wir allerdings mehrere Kilometer über kahles, unbebautes, verödetes Acker und Wiesengelände zurücklegen um dann auf einem Hügelrücken zu gelangen, von wo man das gerade zur Zeit unter Hochwasser stehende Boillonville Überschwemmungsgebiet übersehen konnte. An einer Bergkante längs gehend, von Weinplantagen und von unseren Truppen bebaut gewesenen Äckern vorbei, erreichten wir das sich an den Berghang anlehnende Städtchen Boillonville.

Nachdem Entlausen und durchsuchen mehrerer Kantinen nach guten billigen Lebensmitteln, zogen wir den selben Weg wieder zurück nach Xammes, wo es dann noch die üblichen Appells gab. Am nächsten Tage, außer exerzieren ebenfalls Appells. Die ´Truppenteile werden auseinandergerissen. Von nun an: 9./ III. 357 [9. Kompagnie, III. Armeekorps, Infanterieregiment 357].

Am folgenden Tage, 21.9 erschien zu unserer großen Freude wirklich Leutnant Gebhard, um die nunmehrige 9. Kompanie zu übernehmen. In kurzen Worten schilderte und lobte er das bisherige gute Verhalten der in jeder Beziehung als stramm bekannten alten Zweiten, sowie das gute Auskommen zwischen Vorgesetzten und Mannschaften und erfreue sich, dieses, dem aus der Kompanie ausgeschiedenen Herrn Oberleutnant Haffner zu verdankende Ehre übernehmen zu dürfen, er wollte sein mögliches tun, das alte schöne Verhältnis weiter zu pflegen u.s.w.

Aber: „Wat denn köm, har nich komen muß“. Denn weiter führte Leutnant Gebhard aus: Leider kann ich nicht umhin, gleich bei der Übernahme der Kompanie einen Wermutstropfen in diese zu bringen, dadurch das ich zugleich mit dem Befehl zur Übernahme der Kompanie einen solchen bekommen habe, einen Unteroffizier und 22 Mann an die neuzubildende 12. Kompanie abzugeben. Da nun der Kompanieführer der neuen 12. Kompanie von allen anderen in Frage kommenden Kompanien schon Leute bekommen hatte und diese zum Teil nicht ganz einwandfrei waren, (es befanden sich unter diesen Drückeberger und solche die den früheren Vorgesetzten vielleicht wegen ihrer Wahrheitsliebe u.s.w. nicht ganz genehm waren), wurde eine geschlossene Korporalschaft gewünscht.

Nach langem Hin und Her hätte er sich mit dem Feldwebel und den anderen Herrn entschlossen, die 10. Korporalschaft, als letzte, abzugeben. Die Auswahl sei aber nur aus rein technischen Gründen geschehen, da wegen der Zugeinteilung nur 9. Korporalschaften bleiben sollten.

Die Trennung unserer alten Zweiten vom 1. Bataillon war gewiss hart, da wir aber in der Zeit des Zusammengehörens die anderen Kompanien doch sehr selten gesehen hatten, war der „Schmerz“ doch zu überwinden, die Abtrennung unserer 10. Korporalschaft (wegen der meisten Gefreiten die „Strammste“ genannt) von der Kompanie und somit der alte Kampf-Kameraden war jedoch so ungeheuerlich, daß wir uns gar nicht darin finden konnten. Einige Kameraden, welche besonders an der alten Zweiten hingen, versuchten dann auch zu bleiben, was jedoch nur einem, (wegen bestimmter Sachkenntnissen), die der Feldwebel nicht gut entbehren mochte, gelang. Unsere Korporalschaft war wegen Abkommandierungen und Beurlaubungen nicht stark genug, so wurden denn doch 3 oder 4 Unliebsame mit abgeschoben, unser Korporalschaftsführer Unteroffizier Probernon weilte auch just im Urlaub, so hatten für ihn Unteroffizier Wollenburg das Pech mit fortzukommen.

Wir fragten uns, weshalb eigentlich dieses Auseinanderreisen der alten Kameradschaft? Wir wurden nämlich nicht alleine auseinander gerissen. Aus jeder Division wurde eine Brigade, aus dieser wieder ein Regiment, aus diesem ein Bataillon, aus diesem eine Kompanie, hier wieder ein Zug und sogar aus diesen noch Korporalschaften oder einzelne Leute herausgezogen. Sollten die Gerüchte etwa wahr sein, daß die Oberste Heeresleitung sich noch unsicher fühlte und die innere Geschlossenheit der Heeres fürchtete? Es musste wohl so sein. Eine andere Antwort konnten wir nicht finden.

Dann aber war es unseres Erachtens das Verkehrteste, was unsere Führung machen könnte, denn wir legten uns diese Verhandlung so aus: der Obersten Heeresleitung konnte es selbstverständlich nicht verborgen geblieben sein, daß die Erbitterung und Unzufriedenheit im Heere gegen das bestehende militärische System wegen der großen Ungerechtigkeiten, welche oft schikanös wirkten, stetig mehr auswuchs und sich verallgemeinerte, aber auch die kritische Lage und der Hunger mochten hier Schuld mit dran haben.

Täglich liefen Kameraden zu den Feinden über, andere blieben beim Vorgehen zurück, wieder andere übten bei den Schanzarbeiten „passive Resistenz“ u.s.w.

Wenn wohl auch ein großer Teil dieser Leute nicht im besten soldatischen Ruf standen, so mehrten sich doch die Fälle, von tüchtigen, zuverlässige und kampferprobte Unteroffiziere und Mannschaften sich aufs mancherlei Art drückten, nicht aus Feigheit, sondern weil ihnen der Kram über war.

Ja, es tauchten hier und da Gerüchte auf, daß an besonders brenzligen Stellen, ganze Kompagnien, selbst Regimenter das Stürmen und Kämpfen verweigerten, denn zu viel wurde ihnen oft zugemutet. Meiner Überzeugung nach waren diese Leute auf keinen Fall aufgewiegelt durch vaterlandslose Gesellen etc., sondern sie hatten keine Lust mehr, sich durch gänzlich unfähige junge Vorgesetzte zu allem möglichen und unmöglichen Unfug kommandieren zu lassen, weil sie als gediente und geschulte Leute dieses oft nicht verantworten, sich aber auch nicht weigern konnten. jeder ehrliche, wirkliche Soldat musste gewiss zugeben, daß es bei einer großen Organisation, wie sie ganz besonders ein Millionenheer darstellt, nicht ohne Disziplin zugeht. Wie würden sonst die zügelhaften Elemente unter uns zu Kehr gegangen sein.

Aber diesen Kadavergehorsam, Knechtschaftssinn, denn von uns älteren Leuten, meist Familienväter, durch mitunter unfähigen, jungen Offizieren verlangte, konnte den aufrechten Männern schon lange nicht mehr gefallen.

Anstatt nun allzu krasse Gegensätze zwischen Offizier und Mann, Beförderung der Tüchtigsten aktiven Unteroffizieren zu Offizieren und anderen Entgegenkommen der Unzufriedenheit einen Damm vorzusetzen und beruhigend zu wirken, riß die oberste Heeresleitung die Truppenteile auseinander, um etwaige „bolschewistische“ Verschwörungen hierdurch zu zerstören.

Dieses Auseinanderreißen alter Kameraden, welche bisher unzertrennlich Leiden und Strapazen, oft auch das letzte Stückchen Brot geteilt hatten, war unserer Meinung nach das Allerhärteste und Verkehrteste, was unserer militärische Leitung machen konnte. Die Ereignisse zeigten dann ja auch, daß die Erbitterung von diesem Zeitpunkt ab, kolossal stieg und zugleich drastisch bewies, daß die Unzufriedenheit allgemein war, und nicht, wie sich die militärische Führung immer und immer wieder zu entschuldigen versuchte, durch bolschewistische Agitationen entstanden sei.

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Kriegserinnerungen eines unbekannten Soldaten im Infanterie Regiment 357 (August bis September 1916)