Ein Reitergedicht aus Rathenow
Unterschrieben ist es schlicht mit „Gedichtet von Husar Rahn, Rathenow“. Die Überschrift lautet „Erinnerung aus dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870–71“. In 65 Versen erzählt ein einfacher Soldat der Zieten-Husaren, wie sein Regiment am 16. August 1870 in der Schlacht bei Mars-la-Tour zweimal attackierte – und dabei seinen Kommandeur und seinen Eskadronchef verlor.
Der Ortsname unter dem Gedicht ist kein Zufall: Rathenow an der Havel war seit 1851 die Garnison des Husaren-Regiments Nr. 3. Rahn schrieb also als Angehöriger des Regiments für seine Kameraden und seine Stadt.

Der Text
Die Wiedergabe folgt der Vorlage buchstabengetreu, einschließlich Rechtschreibung und Zeichensetzung. Eigentümlichkeiten wie „von einen gar tapferen Held“ oder „Kammeraden fiel“ (= viel) sind nicht verbessert.
Erinnerung aus den Deutsch-Französischen Krieg von 1870-71.
Es zogen die Ziethen-Husaren ins Feld,
Geführt von einen gar tapferen Held!
Oberst von Ziethen ward er genannt,
Der Name ist schon seit Jahren bekannt,
Er führte uns nach Frauenburg nach Saarbrück
Stetzt jagt er die stolzen Franzosen zurück,
Von da ginngs weiter vor nach Metz,
Dort hatten die Franzosen sich fest gesetzt,
Auf den Höhen von Gorze angekommen
Da ward die Blutige Schlacht begonnen.Es war der Sechzente August
Er ist uns allen noch lange bewußt.
Dort in den dichten Kugelregen
Mußt Er beschließen sein Heldenleben:
Er war der Erste der da fiel
Ihm folgten von unserem Kammeraden fiel,
Als wir zurück gingen war es zwei!
Gar mancher fehlte aus unsrer Reih!
Doch unser Zweck er ist erreicht:
Die Französische Infantrie sie weicht
Nun hatten wie Ruhe bis die Nacht
Mit ihren Grauen bedeckt die Schlacht.Um acht Uhr ward wieder auf gesessen
Und nohmals uns mit dem Feindt zu messen
Durch die Reihen der Zwanziger Infantrie
Marschierte unser Regement Kavallerie
An der Spitze leuchtet ein Schimmel hervor
drauf sitzet Herr von Hänlein unser Major,
Hell leuchtet wie sein Schimmel von fern
Ist auch das Aug des edlen Herrn.
Da plötzlich tönt sein Komando-wort
Marsch, Marsch, und alles stürmet fort
Die feindlichen Karres jetzt vor uns stehn,
Doch wenige Sekunden und es ist geschehen
das erste Karre ist schon durchbrochen
Der Feindt mit dem Säbel niedergestochen.
Was die Säbel verschonen, zermalmen die Pferde.
Doch die Rache läßt uns nicht wohn dort
Das Blut unseres Obersten treibt uns fort
An der Spitze nocheiner der Schimmel läuft
Bis wir das Ende des dritten Karres erreicht.
Und die Feinde in die Flucht getrieben sind.
Da sammelt der Major das Regiment geschwindt.Doch ach was das für ein Anblick war
Zweidrittel des Regiments werden vermißt.
Darunter auch der beste Mann
Der Vater unsrer Eskadron
Der edle Rittmeister von Grimm,
Ihn raffte der Todes-Engel dahin
Von Feindes Kugeln durch bohrt er lag.
So fanden wir Ihn am andern Tag.
Bei Mars la Tour da floß sein Blut
Bei Gorze nun sein Leichnam ruht
Dort haben wir den Mann begraben
Um den wir alle Trauer haben.
Gar manche Trähne um ihn floß
Als sich das Grab des Theuren schloß,Und diesen Tag nicht zu vergeßen
Hab ich an jetzo mich vermessen
Das in Reimen dies auf zu schreiben
Damit es stetz in Andencken bleibe,
Es war der Sechzente August
An dem das Blut in Strömen floß.
Noch lange denke ich mit Schmerzen
An zwei so Brave Männerherzen.Gedichtet von Husar Rahn, Rathenow.
Die Strophengliederung ist zur besseren Lesbarkeit nach dem Inhalt gesetzt; die Vorlage schreibt den Text fortlaufend.
Die Zieten-Husaren
Das Brandenburgische Husaren-Regiment (Zietensche Husaren) Nr. 3 berief sich auf die Tradition des berühmten Reitergenerals Hans Joachim von Zieten aus der Zeit Friedrichs des Großen. Wenn Rahn schreibt, der Name sei „schon seit Jahren bekannt“, spielt er genau darauf an. Pikant ist, dass der Kommandeur von 1870 tatsächlich ebenfalls Hans Joachim von Zieten hieß: Er führte das Regiment seit 1867.
Im Krieg 1870 bildete das Regiment zusammen mit dem Schleswig-Holsteinischen Husaren-Regiment Nr. 16 die 15. Kavallerie-Brigade. Sie gehörte zur 6. Kavallerie-Division unter Herzog Wilhelm von Mecklenburg-Schwerin, die dem III. Armeekorps des Generals von Alvensleben zugeteilt war. Diese Zuordnung erklärt, warum die Husaren im Gedicht neben den „Zwanzigern“ reiten: Das Infanterie-Regiment Nr. 20 (3. Brandenburgisches) gehörte ebenfalls zum III. Armeekorps.
Der Weg nach Metz
Die ersten Verse zeichnen den Marsch knapp nach. „Frauenburg“ ist vermutlich Frauenberg an der Blies bei Saargemünd, also an der Grenze. Mit „Saarbrück“ sind die Kämpfe um Saarbrücken und Spichern Anfang August gemeint. Danach ging es „weiter vor nach Metz“, wo sich die französische Rheinarmee unter Marschall Bazaine gesammelt hatte.
Als die Franzosen am 15. August endlich nach Westen auf Verdun abziehen wollten, überschritt das III. Armeekorps die Mosel und stieß über Gorze nach Norden auf die Straße Metz–Verdun vor. Die „Höhen von Gorze“, von denen Rahn spricht, waren genau dieser Anmarschweg.
Der 16. August 1870
Die Schlacht bei Mars-la-Tour – auch Schlacht bei Vionville oder Rezonville genannt – begann am Morgen, als die deutsche Vorhut bei Vionville auf die rastende französische Armee stieß. Das III. Korps griff an, obwohl es der Rheinarmee zahlenmäßig weit unterlegen war. Den ganzen Tag über hielten sich die Preußen zwischen Vionville und Flavigny, unterstützt durch verlustreiche Reiterattacken, darunter den berühmten „Todesritt“ der Brigade Bredow. Gegen Abend trafen Verstärkungen des X. Korps ein, gekämpft wurde bis etwa 22 Uhr.
Taktisch endete die Schlacht unentschieden, beide Seiten verloren je rund 16.000 Mann. Strategisch aber war sie ein preußischer Erfolg: Bazaine brach den Marsch nach Verdun ab, und zwei Tage später, nach Gravelotte–St. Privat, war seine Armee in Metz eingeschlossen.
Was das Gedicht erzählt – und was sich belegen lässt
Rahns Verse gliedern den Tag in zwei Attacken. Beide lassen sich mit der Überlieferung zur Deckung bringen.
Die erste Attacke. Das Gedicht schildert einen Angriff im „dichten Kugelregen“, bei dem der Oberst als Erster fällt. Die Regimentsüberlieferung berichtet, dass die Husaren zunächst Munitionskarren zu den Zwanzigern auf die Höhen schleppten, dann aufsaßen und angriffen; Oberst von Zieten wurde dabei von zwei Kugeln getroffen. Genau genommen „fiel“ er nicht sofort: Er wurde schwer verwundet und starb am 24. August in Gorze. Der Vers „Als wir zurück gingen war es zwei!“ meint wahrscheinlich die Uhrzeit, also etwa 14 Uhr.
Die zweite Attacke. „Um acht Uhr ward wieder auf gesessen“: Diese Angabe passt zur Schlussphase der Schlacht. In der Dämmerung griffen noch einmal Teile der 6. Kavallerie-Division südlich von Rezonville an. Nun führte Major von Haenlein das Regiment; die Überlieferung nennt ebenfalls „gegen 8 Uhr“. Die „Karres“ sind Karrees, also die Vierecke, in denen Infanterie sich gegen Reiterei formierte. Dass die Husaren gleich drei davon durchbrochen hätten, ist die Sicht des Reiters im Getümmel und lässt sich im Einzelnen nicht nachprüfen.
Die Verluste. „Zweidrittel des Regiments werden vermißt“ – dieselbe Zahl findet sich in der Regimentsüberlieferung. Nach einer nächtlichen Attacke waren viele Reiter versprengt und fanden sich erst später wieder ein; „vermisst“ heißt deshalb nicht „gefallen“. Die tatsächlichen Verluste des Regiments waren schwer; wie hoch sie genau waren, müsste die Regimentsgeschichte zeigen.
| Angabe im Gedicht | Befund |
| Oberst von Zieten fällt als Erster | Schwer verwundet am 16. August, gestorben am 24. August 1870 in Gorze |
| Zweite Attacke um 8 Uhr durch die Reihen der 20er | Passt zur Abendphase der Schlacht; IR 20 gehörte zum selben Korps |
| Major von Haenlein führt auf einem Schimmel | Haenlein übernahm am 16. August die Führung des Regiments; der Schimmel ist nur hier belegt |
| Rittmeister von Grimm gefallen | Belegt: gefallen am 16. August 1870 |
| Zwei Drittel des Regiments vermisst | Eindruck unmittelbar nach der Attacke; Versprengte kehrten später zurück – genaue Verlustzahl noch zu prüfen |
Die Menschen im Gedicht
Oberst Hans Joachim von Zieten kommandierte das Regiment seit 1867. Für Rahn ist er der „tapfere Held“, dessen Blut die Husaren am Abend zur Rache antreibt.
Major Friedrich Wilhelm von Haenlein (1830–1893) stammte aus Kassel und hatte 1849 als einfacher Husar im Regiment Nr. 3 begonnen. Seit März 1870 war er etatmäßiger Stabsoffizier bei den Zieten-Husaren. Am 16. August übernahm er die Führung des Regiments und behielt sie für den Rest des Krieges, unter anderem bei Gravelotte und Orléans. Er brachte es später zum Generalleutnant. Rahns Bild vom Major auf dem leuchtenden Schimmel ist eine der lebendigsten Stellen des Gedichts.
Rittmeister von Grimm aus Potsdam ist in der Verlustliste der adeligen Offiziere 1870/71 als gefallen im Gefecht von Vionville am 16. August 1870 verzeichnet. Das Gedicht fügt hinzu, was keine Liste enthält: Er war „der Vater unsrer Eskadron“, wurde am nächsten Morgen von Kugeln durchbohrt gefunden und bei Gorze begraben. Die „zwei so braven Männerherzen“ der Schlussverse sind Zieten und Grimm.
Das Gedicht als Quelle
Rahn war kein begabter Dichter, und das Gedicht will auch keine Kunst sein. Die Paarreime holpern, einzelne Reime fehlen, und die Rechtschreibung folgt eher dem Ohr als der Regel. Gerade das macht den Text wertvoll: Er zeigt, wie ein einfacher Husar die Schlacht erinnerte und deutete.
Auffällig ist, wie eng die Erzählung der Regimentsüberlieferung folgt. Die Reihenfolge der Ereignisse, die Uhrzeit, Haenleins Führung und die „zwei Drittel“ finden sich auch in einer Darstellung, die auf einen Neuruppiner Bilderbogen von Oehmigke & Riemschneider mit dem Titel „Die Zietenhusaren bei Mars la Tour. 16. August 1870“ zurückgeht. Ob Rahn den Bilderbogen kannte, ob umgekehrt die Bilderbogen-Fassung auf Erzählungen von Veteranen wie ihm beruht, oder ob beide aus derselben mündlichen Regimentstradition schöpfen, lässt sich nicht entscheiden.
Wann genau Rahn das Gedicht schrieb, ist offen. Die Überschrift nennt den ganzen Krieg „1870–71“, und die Verse „Noch lange denke ich mit Schmerzen“ blicken zurück. Es entstand also frühestens nach Kriegsende, vermutlich in den Jahren danach in Rathenow.