»Ihr lieben Schülerinnen!« – Zwei Feldpostbelege eines Wittinger Lehrers (1940)

Zu Ostern 1940 verließ an der Mittelschule Wittingen ein Mädchenjahrgang die Schule. Ihr Lehrer war bei der Abschiedsfeier nicht dabei – er stand seit 1939 als Soldat im Feld. Dass er den Kontakt zu „seinen“ Schülerinnen dennoch hielt, bezeugen zwei erhaltene Feldpostbelege aus dem Frühjahr und Sommer 1940.

Der Verfasser ist Paul Ahrens, von 1936 bis zu seiner Einberufung 1939 Rektor der Mittelschule Wittingen. Er unterzeichnet die Osterkarte mit „P. Ahrens“.

Das erste Stück, eine Postkarte vom 3. April 1940, ist ein Ostergruß an Grete Tietjen und Gertrud Meyer in der Wittinger Junkerstraße. Ahrens dankt den beiden für ihre Grüße von der Abschiedsfeier und bedauert, nicht „vor Eurem Abschied von der Schule noch einmal bei Euch sein zu können“ – ein knapper, herzlicher Gruß aus der Ferne.

Der zweite Beleg, ein Brief vom 25. Juni 1940 – wenige Tage nach dem Waffenstillstand mit Frankreich –, richtet sich an den ganzen Kreis der ehemaligen Schülerinnen. Ahrens war verwundet worden. Er dankt für einen Blumenstrauß, der ihn „in den ersten Tagen meines Lazarettaufenthalts in Hannover so sehr erfreute“, und berichtet, dass es ihm inzwischen wieder gutgehe. Geschrieben ist der Brief aus dem Fischerhof in Uelzen, einem früheren Ausflugs- und Wochenendhotel im Stadtforst, das im Krieg als Erholungsstätte für Verwundete diente (heute Jugendherberge). „In wenigen Tagen aber gehe ich auf meinen Wunsch wieder zur Kp. zurück“, kündigt er an.

Dem Brief ist ein Rundschreiben angefügt: Er sollte von Hand zu Hand weitergereicht werden, jede Empfängerin ihre Anschrift ergänzen und ihn weitergeben. Die beiliegende Liste nennt acht ehemalige Schülerinnen – Grete Tietjen (inzwischen in Erfurt), Chr. Berndt, Lotte Wobick (an einer BDM-Haushaltungsschule in Hinterpommern), Elisabeth Schlisky, Elsbeth Prange, Gerda Dreß, Gerda Schulze und Gertrud Meyer (in Hannover). Die Wohnorte zeigen, wie weit sich der Jahrgang binnen weniger Monate zerstreut hatte: von Wittingen und dem Umland bis nach Erfurt, Schleswig-Holstein und Pommern, meist im Haushaltsdienst oder in der Ausbildung.

Die Feldpostnummer des Absenders, 04398 B, lässt sich auflösen: Sie bezeichnete die 9. Kompanie im III. Bataillon des Infanterie-Regiments 548 und wurde in dieser Form vom 28. April bis zum 14. September 1940 geführt.

Beide Belege sind kleine, aber sprechende Dokumente: Sie zeigen einen Lehrer, der noch aus dem Lazarett heraus den Zusammenhalt einer Klasse pflegt, die kaum entlassen schon in alle Himmelsrichtungen verstreut war.

Feldpostkarte von P. Ahrens an Grete Meyer und Gertrud Tietjen

Frl. Grete Tietjen

Gertrud Meyer

Wittingen (Hann)

Junkerstraße

3.4.1940.

Liebe Grete u. Gertrud!

Euch beiden, die Ihr zum Osterfeste meiner gedachtet, grüße ich aus der Ferne und danke zugleich auch für die Grüße von Eurer Abschiedsfeier. Ich hätte gewünscht, vor Eurem Abschied von der Schule noch einmal bei Euch sein zu können, wünsche Euch nun aber für das fernere Leben alles gute.

Euer P. Ahrens

Feldpostbrief von Hptm. Ahrens an seine ehemaligen Schülerinnen

Abs. Hptm. Ahrens

Feldp. Nr. 04398B

25.6.1940

Ihr lieben Schülerinnen!

Erst heute kann ich Euch für den wundervollen Blumenstrauß danken, der mich in den ersten Tagen meines Lazarettaufenthalts in Hannover so sehr erfreute. Gertrud Meyer hat Ihre Sache wirklich gut gemacht. Ich habe nur bedauert, daß ich ihr am nächsten Tage nicht noch persönlich danken konnte.

Ich habe es denn schriftlich getan, wußte aber, da ich Ihre Anschrift nicht hatte, den Brief nicht loszuwerden.

Jetzt geht es mir schon sehr gut wieder. Der Fischerhof in Uelzen, wo ich jetzt bin und wo mich auch Sigrid Markwort vor einigen Tagen besuchte, ist mit seinem schönen Walde wirklich eine geeignete Erholungsstätte für Verwundete. In wenigen Tagen aber gehe ich auf meinen Wunsch wieder zur Kp. zurück.

Mit nochmaligem Dank grüßt Euch alle

Euer Ahrens.

Bitte um Weitergabe mit blauer Briefkarte vom 11.6.40 an: (wer die Anschrift weiß, schreibt sie hinter die Namen; wer d. Brief gehabt hatt, schreibt das dahinter.).

Grete Tietjen, Erfurt, Dalbergsweg 29 ja

Chr. Berndt, Rade, Post Wittingen, bei Heinicke gesehen

Lotte Wobick, Warnin, Krs. Belgard, BDM Haushaltungsschule ja

Elisabeth Schlisky bei P.G. Schröder, Wewelsfleth, Krs. Steinburg ja

Elsbeth Prange, Wiswedel, Wittingen Land ja

Gerda Dreß, bei Hamborg, Klein Liedern, Krs. Uelzen (Hann.) ja

Gerda Schulze, bei Hof-Schulz, Wittingen, Hindenburgwall 9? ja

Gertrud Meyer, Hannover, Brühlstr. 13III bei Schlüter ja

Dieser Beitrag wurde unter 2. Weltkrieg veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.

Ein Kommentar zu »Ihr lieben Schülerinnen!« – Zwei Feldpostbelege eines Wittinger Lehrers (1940)

  1. Pingback: Feldpost an Grete Schulz, geb. Tietjen und ihren Mann Albert Schulz aus Wittingen (1943-1945) | Kriegstagebücher und Kriegserinnerungen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert