Die hier versammelten Feldpostbriefe geben Einblick in die Lebenswelt zweier junger Menschen aus Wittingen während der Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges: Grete Tietjen, geboren am 29. Dezember 1923 in Wittingen, und ihr Bruder Hinrich Tietjen.
Grete wuchs in Wittingen auf, wo die Familie unter der Adresse Am Markt 2 wohnhaft war. Im November 1943 heiratete sie Albert Schulz und zog in die Junkerstraße 28, wo das junge Paar seinen gemeinsamen Haushalt begründete. Ihr Bruder Hinrich, am 15. November 1925 geboren und damit knapp zwei Jahre jünger, wurde im Laufe des Krieges zur Wehrmacht eingezogen. Er durchlief eine Ausbildung zum Flieger und war unter der Feldpostnummer L 52145 E erreichbar, die ab Oktober 1943 dem Stab III des Flieger-Regiments 32 zugeordnet war. Seine Briefe führen von einem Standort in Frankreich über Oschatz in Sachsen bis zur Luftkriegsschule 7 in Tulln bei Wien, wo er sich Anfang 1944 auf den Fahnenjunkerlehrgang vorbereitete. Hinrich Tietjen verstarb am 20. Januar 2022 im Alter von 96 Jahren.
Neben den Briefen Hinrichs sind im Konvolut auch Schreiben von Helmut Schröder aus Wathlingen erhalten. Schröder stand bereits seit Ende der 1930er Jahre in brieflichem Kontakt mit Grete – die frühen Briefe aus den Jahren 1937 und 1938 zeigen eine vertraute, kameradschaftliche Verbindung, die auf eine verwandtschaftliche Beziehung hinweist. Auch Schröder war im Krieg eingesetzt; sein letzter erhaltener Brief datiert vom 3. Januar 1945.
Die Briefe sind weit mehr als persönliche Zeugnisse: Sie spiegeln den Alltag junger Soldaten ebenso wider wie die Sorgen und kleinen Freuden des Lebens fern der Heimat – Päckchen und Kuchen zu Weihnachten, die Enge der Kaserne, die Sehnsucht nach Urlaub und die zaghafte Hoffnung auf ein baldiges Kriegsende. Hinrichs Briefe zeigen einen Achtzehnjährigen, der mit jugendlichem Humor und gelegentlich unverblümter Offenheit über den Soldatenalltag schreibt, dabei aber auch die Erschöpfung und das Heimweh nicht verbirgt. Helmut Schröders letzter Brief vom Januar 1945 klingt gedämpfter; er mahnt Grete, trotz allem „mitten im Leben“ zu stehen – ein stilles Zeugnis der Kriegsmüdigkeit kurz vor dem Ende.
Die Rechtschreibung folgt den Originalen.


Post von Helmut Schröder (Wathlingen) an Grete Tietjen
25.11.1937
Liebe Grete!
Für Deinen Brief vielen Dank! – Diese Woche ist hier in der Hitlerjugend Hochbetrieb. Am Sonntag steigt nämlich ein gewaltiger Elternabend, an dem die Hitlerjugend und das Jungvolk zusammen ihr Können beweisen sollen. Ich habe Dir das Programm des Abends mitgeschickt, weil es Dich doch sicher interessieren wird. In dem lustigen Laienspiel werde ich als wohlbeleibter, bärtiger Vorsitzender eines landwirtschaftlichen Vereins auftreten. Also, halte bitten den Daumen, damit es glückt!
In den letzten beiden Wochen ist hier allerlei passiert. Ein Junge (Hans-Jürgen Seffer) ist angekommen. Ein kräftiger Knabe, der jetzt das Dutzend der Lehrerkinder vervollständigt hat. Ich hatte das große Glück, ihm am Bußtag bei der Taufe Pate zu stehen. (Oh, wie ich mich jetzt würdig fühle!)
Übrigens wie geht es meinem kleinen Kollegen Richard in Kakabeck [Kakerbeck]? Hat er noch kein Heimweh nach Wathlingen?
Am Montag, dem 15. Nov. fand in unserer Schule auch ein Hausmusikabend statt, der sicher so ähnlich wie bei Euch aufgezogen wurde. Das Programm war sehr vielfältig. Ich habe natürlich wegen meiner „allzu großen musikalischen Begabung“ nicht mitgewirkt!
Morgen findet die große Kurzschriftabschlußprüfung statt. Es ist gut, daß diese Nachmittagsstunden von jetzt ab wegfallen. Wir haben nämlich außerdem noch zweimal nachmittags Unterricht (Physik u. Turnen).
Schreib bitte bald einmal wieder! Ich muß jetzt schnell noch einige Kürzel für die Prüfung lernen.
Es grüßt
Dein Helmut
11.01.1938
Liebe Grete!
Für Deine freundlichen Grüße herzlichen Dank! Also Du hast mit alkoholischen Getränken Sylvester gefeiert? Na, wenn das man gut geht! Allerdings wir waren auch sehr lustig. Ich wünsche Dir nun nochmals alles Gute für das Jahr 1938 und hoffe, daß wir uns in diesem Jahr einmal wiedersehen werden!
In den Weihnachtsferien habe ich mich wirklich gut erholt. Es ist zuerst garnicht leicht, sich wieder an französische Vokabeln und ähnliche Scherze zu gewöhnen. – Die Schneelandschaft ist wieder verschwunden. Alles ein Matsch. Das Schlittschuhlaufen ist daher leider auch vorbei.
Am Sonnabend ist bei uns großes Schlachtefest. Schade, daß Du unsere Leberwurst nicht probieren kannst!
Übrigens, am Sonntag war ein Klassenkamerad von mir in Wittingen zu Besuch bei seinem Onkel, Euerm Herrn Direktor Ahrens. Kennst Du ihn vielleicht?
Herzliche Grüße
Dein Helmut.
22.12. [ohne Jahr]
Wathlingen, d. 22.12.
Liebe Grete!
Ich sende Dir herzliche Weihnachtsgrüße und einen feucht-fröhlichen Rutsch ins neue Jahr? – Du bist doch sicher augenblicklich zu Hause. Bis zum 4.1. ist es mir vergönnt, mich von Mutti pflegen zu lassen Prima Sache, was!? Mit frischen Kräften geht´s dann in die B-[?] bordfunkerausbildung. Halt den Daumen für gutes Flugwetter im Januar u. Februar. Alles Gute. Helm. Schröder
Feldpost an Grete Schulz, geb. Tietjen und ihren Ehemann Albert Schulz
23.08.1941 Helmut Schröder an Grete Tietjen
Salzbg., d. 23.8.41.
Liebe Grete!
Aus Salzburg herzliche Grüße! Wir sitzen eben gerade nach Vollendung eines interessanten Stadtrundganges beim Frühschoppen und entwickeln das Programm für den Nachmittag. – Von den Festspielen wirst Du schon gelesen haben! Für Deine Glückwünsche danke ich Dir herzlich! Bist Du augenbl. Haustochter?
Herzliche Grüße!
Helmut Schröder
17.11.1943 Hinrich Tietjen (L 52145 E) an Schwester Grete Schulz, geb. Tietjen und deren Ehemann Albert Schulz
A…, den 17.XI.1943
Liebe Grete, lieber Albert!
Habt recht herzlichen Dank für Euern Brief vom 7.XI. Ich habe mich sehr darüber gefreut.
Sicher habt Ihr herrliche Urlaubstage verlebt. Beinahe vier Wochen – das ließe ich mir schon gefallen. Wie gefällt es Euch denn als junges Ehepaar in den Flitterwochen? Ich stelle es mir herrlich vor! – Doch verzeiht, ich bin ja auf diesem Gebiet noch blutiger Laie und kann mir darüber noch kein Urteil erlauben.
Schlieslich bin ich ja vorgestern erst 18 geworden – also noch nicht mal 1000 Wochen alt!
Ihr könnt Euch wohl denken, daß mein Geburtstag etwas anders verlief, als es sonst der Fall war. Genau wie andern Tagen, pfeift der U.v.D. morgens um 6 Uhr Wecken. Wie sonst auch verläuft der Dienst. Nur Abends, nach Dienstschluß, wird man sich richtig bewußt, daß man Geburtstag hat. Dann werden die Päckchen hervorgeholt und nach alter Väter Sitte ein bischen geschmaust. Wenn solch ein Geburtstag fern der Heimat einen nicht gerade erhebend ist – schön ist er auf jeden Fall! Schon allein deshalb, weil plötzlich bei der Postverteilung Briefe und Päckchen etwas zahlreicher anrollen, und man dann seit langer Zeit zum ersten Mal wieder richtig Kuchen essen kann! –
Nun, für heute Schluß
Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Euer
Hinrich
10.12.1943 Hinrich Tietjen an seine Schwester Grete Schulz, geb. Tietjen
O.U., den 10.XII.1943.
Liebe Grete!
Ein recht frohes und glückliches Weihnachten wünscht Dir Dein Bruder
Hinrich.
Ich hab versucht, hier noch ein paar Geschenke für Dich aufzutreiben – aber wie Du siehst ist der Erfolg nur recht mäßig. Na ja, Du wirst schon verstehen, daß man als armer Landser hier in Frankreich nicht allzuviel besorgen kann! Jedenfalls habe ich mir redliche Mühe gegeben. Du glaubst es mir doch?
Hoffentlich hab ich mit den kleinen Büchlein auch das Richtige getroffen!
Nun, liebe Grete, für heute Schluß!
Nochmals ein recht, recht frohes Weihnachtsfest!
Dein Hinrich
12.12.1943 Hinrich (L 52145 E) an Grete Schulz, geb. Tietjen
O.U. den 12.XII.43.
Liebe Grete!
Vielen herzlichen Dank für Deine beiden Briefe und für das Weihnachtsgeschenk von Dir und Albert. Ich habe mich sehr darüber gefreut!
Entschuldige bitte, daß ich heute erst wieder schreibe. In der letzten Zeit hatte ich immer sehr viel zu tun. Die Briefe stauen sich bei mir schon ordentlich. An sich natürlich eine feine Sache – aber wenn es dann ans Beantworten geht[,] fehlt es meistens an der Zeit. Außerdem war ich ja – wie du wohl weist – schon immer ziemlich schreibfaul. Hoffentlich kommt nun dieser Brief wenigstens bis Weihnachten bei Dir an, so daß Ihr wenigstens ein Lebenszeichen von mir habt! Für die Weihnachtsgeschenke – ich schickte sie gestern an Euch ab – sehe ich ja beinahe schwarz. An sich brauchen ja beinahe Briefe schon 10-14 Tage, wie soll das erst mit den Päckchen werden! –
Mit den Urlaub zu Weihnachten ist es ja leider nichts geworden. Hoffentlich wird hier das Weihnachtsfest im Kreise der Kameraden einigermaßen nett! Immerhin scheint unser Spieß in dieser Beziehung ja allerhand los zu haben. So schön und feierlich wie zu Hause wird es freilich wohl nicht werden. Die schönen Päckchen werden natürlich am Heilig Abend viel dazu beitragen, die Stimmung ein bischen zu haben. Denk Dir ich habe sogar von Tante Elise auch ein Päckchen zu Weihnachten erhalten! Ich war natürlich sehr erstaunt. Verspätet traf auch noch ein Geburtstagspäckchen von Alma v. Frieling mit Topfkuchen ein. Natürlich eine feine Sache. – Von Euch habe ich jetzt wieder ein herrliches Päckchen erhalten und zwar vom 16.XI. Habt alle vielen herzlichen Dank dafür. Bestelle bitte auch Gertrud, daß ich mich über die Schokolade und die Zigaretten riesig gefreut habe.
Bei Mama und Papa werde ich mich noch besonders in einem Brief bedanken! –
Nun, für heute will ich schließen!
Ein recht schönes Weihnachtsfest wünsche ich Dir! Mit den herzlichsten Wünschen für ein paar schöne und unbeschwerte Festtage
bin ich Dein
Hinrich.
Grüße auch bitte alle Bekannten recht herzlich von mir und bestelle Ihnen, daß ich allen ein herzliches Weihnachtsfest wünsche!
DO.
19.12.1943 Hinrich Tietjen (L 52145 E) an Grete Schulz, geb. Tietjen
O.U. den 19.XII.1943
Liebe Grete!
Es ist wohl langsam an der Zeit, daß ich Dir einen Geburtstagsbrief schreibe! Immerhin haben wir heute schon den 19.XII. – bis zum 29. sind es also gerade noch zehn Tage. Hoffentlich kommt der Brief nun auch noch rechtzeitig an! –
Zu Deinem 20. Geburtstag möchte ich Dir nun alles, alles Gute und recht viel Glück wünschen. Bedenk, daß Du nun schon 1000 Wochen als bist!
Immerhin ein bedeutsamer Schritt, wenn man vom Alter der …-zehner in den Bereich der …-zwanziger hinüberwechselt, nicht wahr? Mit zwanzig Jahren wirkt man doch bestimmt gleich etwas würdiger!?-
Ein Geschenk habe ich für Dich leider nicht mehr auftreiben könne. Ich hoffe aber, daß Du Dich über ein Bild von mir auch ein wenig freuen wirst. – –
Bei uns ist bislang immer noch nichts Neues los. Die ganze Woche lang machen wir Arbeitsdienst. Am Sonnabend und Sonntag gibt es dann zur Abwechslung mal etwas Ausgang.
Leider ist unsere Kaserne ziemlich weit außerhalb der Stadt. So müssen wir immer erst eine dreiviertel Stunde laufen, ehe wir in die „City“ kommen. In der Stadt ist dann aber auch wirklich was los. Überall sind Caffes, Restaurants usw. Alle denkbaren Arten von Geschäften gibt es – ja sogar ein Markt gibt es! Für uns Soldaten sind zwei Soldatenheime und ein Caffee requiriert. Außerdem gibt es dann noch eine Frontbuchhandlung. Für eine Stadt von 90000 Einwohnern gewiß tadellos! Nur hat die Sache einen Haken. Meißtens fehlt nämlich der nötige Betriebsstoff: das Geld! Meine Finanzlage ist augenblicklich schon wirklich mal wieder katastrophal! Da heißt es eben warten! „Löhnungstag, Du schönster aller Tage, Du endigst unser aller Plage! Und haben wir das Säckel wieder voller Geld – dann fühl´n wir uns als Herrn der Welt“, so heißt es in einem alten Soldatenlied.
Wahrscheinlich wurden auch früher die Landser von demselben Übel geplagt, die Geldknappheit! Du weißt ja, daß ich an sich eine ziemlich sparsame – ja, manchmal sogar geizige Seele bin. Hier in Frankreich kommt man aber auch als Sparsamer mit seinen Finanzen einfach nicht mehr klar.
Eine höchst begrüßenswerte Einrichtung ist da das Postgeld. Aber leider gibt es das ja nur jeden Monat einmal…..
Aber ich glaub, ich bin jetzt etwas vom Thema abgekommen! Eigentlich wollte ich Dir doch einen Geburtstagsbrief schreiben. Statt dessen jammere ich Dir die Ohren von meinen Finanzschwierigkeiten voll! Womöglich langweilst Du Dich dabei noch?! – Entschuldige bitte also, wenn ich mich etwas vergaß! –
Nochmals möchte ich Dir für Dein neues Lebensjahr alles Gute und beste Gesundheit wünschen!
Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Dein Bruder
Hinrich
03.01.1944 Hinrich an Grete Schulz, geb. Tietjen
Oschatz, 3.I.1944
Liebe Grete!
Habe vielen, vielen Dank für das Päckchen, daß Du mir zu Weihnachten schicktest! Ich habe mich riesig darüber gefreut. – Hoffentlich hast Du nun auch mein kleines Päckchen noch rechtzeitig erhalten! Es war ja herzlich wenig – aber ich konnte bei besten Willen nicht mehr auftreiben.
Natürlich habe ich auch die Päckchen von Mama erhalten! Der Inhalt hat mir freilich so gut geschmeckt, daß ich gleich beim Probieren geblieben bin, als ich die Sachen bekam.
Unter Aufbietung aller Selbstbeherrschung hab ich dann schlieslich den Rest für Weihnachten zurückgelegt! Also, liebe Mama und liebe Grete, ich habe mich über alles, was Ihr mir zu Weihnachten geschickt habt, wirklich ungemein gefreut! Habt alle nochmals recht, recht herzlichen Dank!!! –
Jetzt bin ich also glücklich hier in Oschatz gelandet. Wann, wir, wie, wo, was – habe ich Euch ja schon geschrieben! Hoffentlich habt Ihr den Brief nun auch schon erhalten, denn ich glaube ich habe Euch wieder mal eine ganze Zeit lang auf Post gewartet. Entschuldige bitte, aber ich hatte in den letzten Tagen wirklich nur sehr wenig Zeit. –
Heute hätte ich nun noch ein paar Wünsche:
Könnt Ihr mir vieleicht meine Aktentasche, 5 Bügel, die beiden kleinen Bände von Gehl (Geschichte und Erdkunde), Hansaplast und Panflavintabletten schicken?
Ich wäre Euch sehr dankbar! –
Für heute seid alle aufs herzlichste gegrüßt von Euerm
Hinrich.
12.02.1944 Hinrich Tietjen an seinen Schwager Albert Schulz
Oschatz, den 12. Febr. 44.
Lieber Albert!
Vielen Dank für Deinen Brief. Ich habe mich sehr darüber gefreut! Es ist doch wirklich zu schade, daß es mit dem Anrufen nun nicht mehr geklappt hat. Es war aber auch wirklich Pech. Ausgerechnet am 1. Weihnachtsfeiertag mußte damals unser Transport beginnen!
Na ja, das ist ja nun nicht mehr zu ändern. Das ist immerhin schon bald zwei Monate her – und doch ist es mir, als ob es erst ein paar Tage gewesen wären. – Jetzt sind meine Tage hier in Oschatz auch schon gezählt! Den 22. Febr. wird nun schon die Besichtigung sein – und dann heißt es wieder mal das Bündel schnüren. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden wir nach Wien kommen auf einen „Vorfliegerischen Lehrgang“. Das heißt soviel wie Segelfluglehrgang! Natürlich eine tadellose Sache! Du kannst Dir wohl denken, daß ich mich freue, endlich mal wieder etwas anderes, interessanteres zu machen. Immerhin spiele ich jetzt beinahe ein halbes Jahr lang den „lustigen“ Rekruten. Allmählich stinkt mir das nämlich gewaltig.
Immer spielt man den dummen Jungen, Tag täglich wird man zusammengeschissen, bekommt den Arsch aufgerissen, steht sich auf dem Exerzierplatz die Beine in den Leib und so weiter und so fort! Und alles das nur – um zum Fliegen zu kommen. Es stehen einem beim Kommis doch bestimmt bequemere Laufbahnen offen, als durch eine solche Schleifmühle zu gehen! – Aber wenn einen das Fliegen mal gepackt hat, dann gibt es kein Halten! – Auf nach Wien!!! Hoffentlich klappt alles! –
Nun Thema Urlaub!
Du hoffst also im Mai mal wieder in die Heimat zu kommen. Vielleicht, vielleicht bekomme auch ich dann gerade Urlaub! Das wäre wirklich herrlich. – Hoffen wir also das Beste, lieber Leser!
Für heute sei aufs herzlichste gegrüßt von Deinem Hinrich
01.03.1944 Hinrich Tietjen (Luftkriegsschule 7 in Tulln) an Grete Schulz, geb. Tietjen
Tulln, 1.3.1944.
Liebe Grete!
Soeben sind wir hier in Tulln – einem kleinen Städtchen etwa 30 km nordwestlich Wien – angekommen. Vorläufig sind wir auf die Stuben verteilt worden und haben Freizeit. Natürlich eine feine Sache. Aber so wird es wohl nicht bleiben . denn noch wird über unser Schicksal beraten, ob wir nun hier bleiben und den U.L.K. machen, oder ob wir erst zum Segelfliegen kommen. Was für uns nun günstiger ist, weiß ich, ganz ehrlich gesagt, selber nicht. Einmal müssen wir sowohl den U.L.K. wie auch den Segelfluglehrgang machen. Darum: frisch auf! Frisch gewagt ist halb gewonnen! –
Wenn man so zurückdenkt – die Bahnfahrt war eigentlich ganz schön. In den Personenwagen lässt es sich schon leben . wenn es warm ist und wenn man zu essen hat. Beides war vorhanden . was wollten wir also noch mehr!
Von Sonntag bis heute konnten wir tun und lassen was wir wollten – lesen, schreiben, schlafen, essen – eben alles was ein armes Landserherz begehrt.
Der erste Eindruck hier in Tulln war nur mäßig. Das mag nun ja mit am Wetter liegen, der Schnee taut gerade und es ist eklig naßkalt. – Die Gegend scheint so ähnlich wie bei Oschatz zu sein, nur leicht hügelig. Freilich war in Sachsen weit mehr Wald! So liegt der Fliegerhorst hier auch nicht so schön wie in Oschatz. Dort muß es im Sommer geradezu herrlich sein. Na ja, das sind ja alles nur Äußerlichkeiten. Ich bin ja nur gespannt, wie das hier wird. –
Hab recht, recht herzlichen Dank für das Päckchen von Dir. Ich habe mich sehr darüber gefreut. Die Schokolade konnte ich auf der Fahrt gut gebrauchen. Sie hat einfach herrlich geschmeckt.
Mit der Besichtigung hat ja nun alles geklappt. Bei unserer Verabschiedung sagte der Chef sogar, daß wir als beste Kompanie abgeschnitten hätten. Natürlich eine feine Sache. So waren die letzten Tage in Oschatz auch angefüllt mit Freizeit. Ein ideales Leben… –
Für heute alles Gute!
Mit den herzlichsten Grüßen
Dein Hinrich
P.S. Übrigens hätte ich noch einige Wünsche, die Ihr mir, wenn ich mal schreibe, erfüllen könntet. Also könnte ich sehr gut ein blaues Oberhemd mit Kragen und Schlips und eine Schirmmütze gebrauchen, und ein Paar schwarze Halbschuhe (oder Schnürschuhe).
D.O.
05.03.1944 Hinrich Tietjen an seinen Schwager Albert Schulz
Tulln/Wien, 5.3.44.
Lieber Albert!
Nun bin ich schon beinahe eine Woche hier in Tulln auf der L.K.S.! Als wir am 1.3. hier einrollten, stank mir der Betrieb gleich wieder ganz gewaltig. Wir müssen nämlich hier noch mal wieder infantrische [sic!] Ausbildung machen. Immerhin ist es ja ein U.L.K! So macht der Betrieb schon mehr Spaß – vor allem ist der Dienst doch etwas interessanter. Wir haben nur noch zwei Stunden am Tag Exerzieren, und dafür dann massenweise Unterricht (milit. u. allgemeinbildend). Leider ist es nun so, daß wir alle Gruppenführerthemen und alle Offiziersthemen schriftlich ausarbeiten müssen. Aber da für die Ausarbeitungen besondere Arbeitsstunden angesetzt sind, läßt sich die Sache schon machen. Eben haben wir zum Beispiel auch solch eine Arbeitsstunde. Du siehst, daß sie auch zum Briefschreiben ganz gut ist….- Das schöne an dieser ganzen Sache ist ja nun, daß wir schon nach den vier Wochen U.L.K. auf den Fahnenjunkerlehrgang kommen – vorausgesetzt natürlich, daß alles klar geht! – Mit Urlaub sind wir hier allerdings ziemlich betrogen. Nun in Ausnahmefällen wird einem während der Zeit auf dem U.L.K. und dann später auf dem Fahnenjunkerlehrgang Urlaub gewährt.
Allerdings soll nach dem F-Lehrgang der Jahresurlaub fällig sein. Das wäre allerdings erst in gut einem halben Jahr – also im Oktober. Na, hoffen wir das beste, lieber Leser! – Dafür geht hier – wenigstens auf dem Fahnenjunkerlehrgang – endlich mein Wunsch in Erfüllung zum Fliegen zu kommen. Du kannst Dir wohl vorstellen[,] wie ich mich darauf freue. An sich sei unser U.L.K. vorfliegerischer Lehrgang. Leider ist es nun aber so, daß nur ein Teil zum Segelfliegen gekommen ist. Da ich schon etwas Segelflugausbildung habe[,] brauche ich hier nur noch den U.L.K. zu machen. Dafür haben wir dann aber den Vorteil, daß wir gleich anschließend zum Fahnenjunkerlehrgang kommen, während die andern dann erst den U.L.K. machen müssen. –
Für heute hätte ich ja nun eigentlich mit Ausgang nach Wien – oder wenigstens nach Tulln gerechnet. Denn wer würde wohl nicht versuchen, wenn es so dicht bei Wien liegt, diese herrliche Stadt einmal kennen zu lernen. In Wien soll es außerdem noch allerhand zu kaufen geben – und dann die feschen Wienerinnen….- der Fall wäre also eindeutig klar: Auf nach Wien – wenn Du Ausgang hast! –
Für heute wünsche ich Dir alles Gute.
Dein Hinrich
14.06.1944 Hinrich Tietjen (Lufkriegsschule 7 in Tulln) an Grete Schulz, geb. Tietjen
Deutsch-Wagram, 14.6.1944.
Liebe Grete!
Habe recht vielen Dank für Deine beiden Briefe vom 4.6 und 25.5.
Ich habe mich sehr darüber gefreut.
Die Bilder sind wirklich tadellos geworden, besonders die von Eurer Wohnung!
Ich bin wirklich gespannt, wie nun Euer Heim in natura aussieht.
Wenn ich Urlaub bekomme, werde ich dazu ja wohl mal Gelegenheit genug haben -.
Die 20,- RM hättest Du mir aber nicht schicken brauchen! Wir bekommen hier nämlich Geld genug – und außerdem haben wir hier ja wenig Gelegenheit Geld auszugeben. Hier in Deutsch-Wagram gibt es nämlich nur eine kümmerliche Kantine, in der man außer Bier nichts bekommt! Und im Dorf selber ist es anscheinend nicht viel besser. – Aber dennoch gefällt es mir hier ganz gut, obwohl wir viel und anstrengenden Dienst haben. Das Essen jedenfalls ist tadellos! Und das gleicht natürlich wieder viel aus.
Augenblicklich ist hier bei uns ganz herrliches Wetter – faßt schon zu warm. Bei solchem Wetter kommen natürlich die Tommy´s des Öfteren zu Besuch. Natürlich weniger schön, aber bisher hat der Tommy uns ja noch übersehen. Hoffen wir, daß es auch in Zukunft so bleiben möge! – Wie sieht es eigentlich bei Euch in dieser Beziehung aus? Habt auch Ihr oft Fliegeralarm?
Die alte Frau Gurr schrieb mir kürzlich, daß die Terrorbomber auch Uelzen schon etwas mit ihrem Segen bedacht hätten. Der Bahnhof und die Bahnhofstraße sollen schon zum Teil zerstört sein. Hoffentlich ist es gar zu arg geworden! Ob die alte Penne noch steht? Das Gebäude war ja nicht gerade schön, aber trotzdem wäre es sehr bedauerlich, wenn diese alte „Burg“ auch zerstört worden wäre – allein schon wegen ihrem kult-historischen Wert! –
Für heute sei nun aufs herzlichste gegrüßt von Deinem
Hinrich.
01.07.1944 Hinrich Tietjen (Luftkriegsschule 7 in Tulln) an Grete Schulz, geb. Tietjen
Deutsch-Wagram, 1.7.1944.
Meine liebe Grete!
Für Deinen lieben Brief vom 18.6. habe recht vielen Dank! Ich habe mich sehr darüber gefreut – insbesondere über die Bilder! Ich habe inzwischen nun schon wieder zwei Filme verknipst und werde sie Dir demnächst schicken. Ich habe das Paket schon so weit fertig – außer den Filmen, etwas schmutziger Wäsche befinden sich noch 200 Zigaretten darin. Du kannst sie ja an Albert schicken. Sicher kann er die Zigaretten gut gebrauchen. –
Eigentlich habe ich Dich ja wieder mal reichlich lange auf Post warten lassen. Schon in den ganzen letzten Tagen hatte ich vor, Dir endlich für Deinen lieben Brief zu danken – aber immer kam wieder etwas dazwischen. Man ist eben als Soldat wie ein freier Mann und ebensowenig sein eigener Herr bzw. über seine Zeit. – An sich gefällt mir der Kommis schon ganz gut. Aber dieses ewige von den anderen Abhängig-Sein gefällt mir gar nicht! Und auch deswegen bin ich froh, daß ich nicht für immer Offizier werde – vorausgesetzt, daß ich überhaupt jemals Offizier werde -, denn für immer, auch im Frieden Soldat zu sein, – dafür könnte ich mich wirklich nicht begeistern. Manchmal stinkt einem der Betrieb bis zum Himmel – und eigentlich bin ich doch nun erst ein Jahr dabei! Was sollen da erst diejenigen sagen, die schon vier, fünf und mehr Jahre Soldat sind. Wenn man so überlegt – eigentlich gibt es auch wieder viele schöne Tage, die man als Soldat erlebt. –
Heute freilich, am Wochenende, habe ich mal wieder so richtig Pech gehabt. Ich muß – während die Genossen ausgehen – U.v.D. machen – natürlich weniger schön bei dem schönen Wetter in der Bude rumzusitzen.
Gottseidank geht der Dienst aber nur bis morgen Mittag. Am Nachmittag werde ich dann wieder Ausgehen können.
Hoffentlich ist wenigstens das Wetter einigermaßen, dann hatte ich mir eigentlich vorgenommen zur Abwechslung mal zum Baden zu gehen!
Für heute sei nun aufs herzlichste gegrüßt von Deinem
Hinrich.
03.01.1945 Helmut Schröder (L 38059) an Grete Schulz-Tietjen
O.U., 3.1.1945
Liebe Grete!
Dein liebes Weihnachtspäckchen kam heute wirklich mehr als überraschend und unerwartet für mich an. Du, habe recht herzlichen Dank für das niedliche Tannenzweiglein – vorallendingen Deine grosszügige Nikotinunterstützung. Da schlägt mein Raucherherz wieder höher, d.h. bisher hat es im neuen Jahr noch keinen Mangel zu erleiden gehabt.
Ich hoffe, das Du mit Deiner Kusine das Weihnachtsfest doch mit etwas Frohsinn angesichts der strahlenden Kinderaugen verlebt hast, und dass für Dich diese Tage etwas Licht in Dein Inneres getragen haben. Das wünsche ich Dir von ganzem Herzen und möchte Dir hiermit auch gleichzeitig alles Gute für das neue Jahr wünschen, viel Glück und ein frohes Gesicht.
Bedenke, dass Du ja noch sooo jung bist und musst Du auch oft Deine Gedanken von der Wirklichkeit in eine andere Welt tragen lassen, zu der Du niemanden anders Zutritt gewähren möchtest – so stehe doch mitten im Leben, denn es braucht Dich, Du!
Von mir persönlich wäre, bescheiden wie ich nun mal bin (!), nicht viel zu berichten. Strategische Leistungen haben wir kaum aufzuweisen während der letzten Wochen, bleiben der Mutter Erde immer treu und – erfüllen auch so unsere Pflicht. Trotzdem haben wir an der Schwelle des neuen Jahres natürlich den Wunsch, dass uns 1945 wieder schwungvolle Einsätze und damit innere Befriedigung beschert!
Hoffen und glauben, das einzigste, was uns augenblicklich möglich ist! – In diesem Sinne wünsche ich Dir noch einmal alles Gute. Viele Grüsse von Herzen kommend zu Dir von
Helmut