Kriegstagebücher und Kriegserinnerungen

Texte und Kontexte

Januar 12, 2021
von Jens Winter
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Oskar Volkmann – Offizier beim 3. Oberelsässischen Feldartillerie-Regiment Nr. 80 (Teil 2/3)

Hier folgt nun der zweite Teil des Kriegstagebuches von Oskar Volkmann vom 10. Januar bis 11. November 1917. Anfang 1917 war Volkmann in Mouron an der Aisne stationiert, ab Juni im Raum Spincourt westlich von Verdun. Mitte Oktober 1917 verlegte Volkmann dann wegen der zunehmenden Gefahr in den Ort Mercy-le-Bas. Ende November 1917 wurde Volkmann dann zur Dolmetscherschule nach Berlin abkommandiert. Hier endet dann dieser Abschnitt des Tagebuches.

Die Abschrift des Kriegstagebuches erfolgt buchstabengetreu. Wenn Ortsnamen falsch geschrieben sind, dann wird die korrekte Schreibweise in eckigen Klammern ergänzt.

Kriegstagebuch von Oskar Volkmann von Januar bis November 1917 (Teil 2/3)

Am 10.I.17 treffe ich abends sieben Uhr über Lüttich kommend, in Vouziers ein und werde in der Kolonnenkutsche zu dem Lager, das nördlich der Strasse Mouron-Termes liegt, gefahren. Das Lager ist von einer Kolonne gebaut und auch nur von meiner Kolonne belegt; mir fällt das Blockhaus zu, das sich mein Vorgänger mit grosser Liebe urbehaglich ausgebaut hat.

Am Tage nach meiner Ankunft beginnt Schnee zu fallen. Die weglose Hochebene, über die man von Mouron aus zu unserm versteckt gelegenen Barackenlager gelangt, ist durch das unablässige Wagenfahren und die Huftritt der Pferde während der nassen Monate in einen tiefen Morast aufgeweicht. Nun setzt Frost ein, aber in den dicken Schlamm dringt er nicht ein; die Pferde treten jedesmal durch die Eisschicht durch und schneiden sich die Fesseln. Endlich aber dringt der anhaltende Frost in die Tiefe, und man geht. Stolpert nun über die hartgewordenen Furchen erstarrte Klumpen und Schollen. Bis Anfang Februar hält die Kälte bei klarem Wetter an, die schönste Schneeschuh-Gelegenheit – ohne Schneeschuhe! Zu tun ist für die Kolonne sehr wenig, da der Gefechtsabschnitt der Division sehr ruhig ist, wie alle Fronten in diesem kalten Monat, dem Monat der umfassenden Vorkehrungen für neues Losschlagen.

Unsere guten Pferde instand zu halten, ist gleichwohl nicht leicht wegen der knappen Futterrationen. Die Tiere stehen in den langen Ställen auf dem platten Boden oder im Mist – das wenige Stroh, das empfangen wird, bekommt die Häkselmaschine. Mehrfach muss die Kolonne Mannschaften abgeben und empfängt an ihrer Statt sechsundvierzigjährige Familienväter, oder Halbinvaliden. Die Verpflegung ist reichlich an Fett und Wurstkonserven – nur Kartoffeln fehlen jetzt gänzlich.

2.2.17 Der Tageslauf in diesem Winteridyll, der Villa „Knusperhäuschen“, ist stillfriedlich und regelmäßig, die Pferde werden nachmittags im Freien geputzt, wo die Sonnenstrahlen sich schon bemerklich machen, während nachts das Thermometer auf -14, auf -18 Grad sinkt – eine Kälte, wie sie in hiesiger Gegend deren die bekannten ältesten Leute (soweit noch vorhanden) sich nicht erinnern können. Der Abend bringt noch einen Befehl, so eingreifend, wie ihn die Kolonne in den zweieinhalb Kriegsjahren noch nicht erhielt. Irgend ein Staffelstab mit einer hohen Hausnummer, aus einem Etappendorf, drahtet, dass die Kolonne von heute ab ihm unterstellt sei. Also nicht mehr beim Regiment, dem Achtigsten, mit dem nach Kriegsende in Colmar wieder einzurücken ich im stillen fest gehofft hatte. Eine halbe Stunde später schon erscheint der „Urhahn“ (Wiechert, der Regimentsveterinär) auf der Bildfläche, um, einem unmittelbar vorher gegebenen Regimentsbefehl zufolge die 14 besten Pferde noch aus der Kolonne herauszuziehen. Ich stellte ihm Mittelsorte vor, die ich ohnehin bei der Verkleinerung meiner Kolonne ausgeschieden hätte, aber er kennt ja, nachdem er 1 ½ Jahre mit der Kolonne gelebt hat, jedes Pferd auswendig, und hätte sie am Telefon hersagen können. Es war eine böse Stunde, nicht nur für den treuen Futtermeister, für den Wachtm. Müller, sondern auch für ihn selbst. Wer zeichnet diese Tragik des Soldatenberufs? Jahr um Jahr hat einer die Truppe betreut, zusammengeschweisst – und in der Stunde, wo er an eine andere Stelle gestellt wird, kämpft er schon für die, die ihm bis dahin ganz freund war; reisst er im Weggehen noch rücksichtslos das Beste bei seiner alten Formation aus dem Zusammenhang, um der neuen zu helfen – Sinn für das Geschaffte darf es da nicht geben – nur auf das die vorliegende Aufgabe die Augen gerichtet. Verbrenne, was Du angebetet hast! (So einer war auch Klapp.)

Nun, der neue Befehl über den Übertritt lag mir schon vor – er war ja zweifellos nur deshalb so überraschend gegeben, um die Kolonne gegen völlige Ausplünderung zu schützen – aber das Regiment braucht Pferde, und ich will nicht den Etappenkrieger, dem der Sinn fürs Ganze abgeht, spielen.

So zieht der mutige Markus, der Goldfuchs Marie, unsere schönste Ardennerin, mit zwölf andern vierbeinigen Getreuen zu Tal – mit trauernden Mienen verfolgt von ihren Pflegern.

Am andern Morgen reite ich nach Laisy westl. Vouzires und melde mich beim Rittmeister von Lucius.

Samstag, 3.2.1917. Abends ist wieder Casinoabend in Termes, an dem der Regimentskommandeur äusserst anerkennende Worte zum Abschied an Köhne und mich richtet. Ich glaube, so ist noch kein Offizier des Regiments im Felde verabschiedet. Später ging die Stimmung hoch, und als ich, heimwandernd durch die eisige Winternacht dreiviertel Stunde, über die Hochebene, in mein Blockhaus gekommen war, zeigte die Uhr ½ 6.

Die Ruhe des Abschnittes, in dem wir hier liegen, ermöglicht es, dass die Regimenter zusammengeschweisst und kampfbereit werden. Das Problem der Frühjahrskämpfe im Westen dürfte das sein, die Verteidigung bei der heutigen Technik des Grabenkampfes und den sich immer wandelnden Kampfmitteln, weniger verlustreich zu gestalten wie den Angriff. Nördlich Verdun am 15. December wars bekanntlich umgekehrt und an der Somme auch wiederholt. Es scheinen aber die Lehren daraus gezogen und allgemein verbreitet zu werden, und so hätte jene Schlappe hinterher doch etwas Gutes.

Letzthin wurde die Ansicht vertreten (die ja ohne weiteres überzeugt=, dass nur Überraschung bei künftigen Angriffen Erfolg verspricht. Nicht stundenlanges, oder tagelanges Trommelfeuer ist nötig, wie es Joffre bei der Champagneschlacht Herbst 15 zum ersten Mal, wie wir es Februar 16, auf die Stellungen vor Etain-Fromezy [Fromezey] – leeres Stroh dreschend – niederprasseln liessen, sondern unregelmäßig einsetzende, kurze aber äusserst heftige Feuerwellen, dass der in die Stollen gekrochene Gegner nicht weiss, wo er dran ist.

15.2. Bis zur Mitte des Monats bleibt die scharfe Kälte und das sonnige Wetter, auch der Mondwechsel bringt nicht die sprichwörtliche Änderung. Die Sonne, die sich an allen windstillen Stellen bemerklich macht, schmilzt den Schnee, der festgefroren, seit 5 Wochen liegt. Heute ist „Schnepfenstrich“, eine Unternehmung gegen die frz. Stellungen rechts von unserem Abschnitt. Seit gestern verstärktes Schiessen – seit dieser Nacht Trommelfeuer; das heut abend noch ohne Unterbrechung rollt und kracht. Munition braucht meine Kol. nicht zu fahren. Am 11. hatte ich unsere Batteriestellungen südlich Cernay angesehen; es war, bei köstlichem Wetter, ein Spaziergang.

Am 16.2. tritt langsam Tauwetter ein, zunächst friert es in den Nächten wieder, dann aber weicht der Boden völlig auf und der Weg vom Lager bis zu einer Strasse wird für die ausgehungerten Pferde eine Strapaze. Da auch das Stroh, bei den knappen Haferrationen eine wichtige Zusatznahrung, für einige Tage ausbleibt, wird der Ernährungszustand recht schlecht. Tätigkeit bleibt gering. Die Ernährung ist trotz der fehlenden Kartoffeln nicht schlecht, da reichlich Wurst u. Speck ausgegeben wird.

Zwei Tage später versucht der Franzmann, den Geländeverlust an der Champagneferm zurückzuholen. Seine Technik geht diesmal nicht von einem wilden Universal-Trommelfeuer aus, sondern die Batterien werden freilich bedeckt, der vordere Graben aber erhält nur zehn Minuten Trommelfeuer, sodass die Infanterie in den Lächern sitzt und schon kamen die Stosstruppen an. Sie wurden aber völlig abgeschmiert und zwar mit bösen Verlusten.

28.II. Fahrt nach Rethel, dem völlig zerstörten, einst reichen Städtchen. Über ganz niedrige Mauerreste sieht man zu der gotischen Kirche auf dem Hügel, die in ihrem malerischen Umriss fast allein verschont blieb. Mit sieben Hühnern, die Werneburg mir ablässt, komme ich zurück.

Die Einsamkeit wirkt immer drückender auf Stimmung u. Verdauung – vor 10 Monaten im Syrielager hatte ich zuviel Rummel – hier zu wenig. Immer nur lesen!

Das mir übertragene Amt des Briefspions liegt mir nicht, und doch wird man manchmal wieder Willen festgehalten, einen Brief wirklich zu lesen, einen mit Bleistift hingekritzelten Kartenbrief etwa, in dem einer so klar und so bitter darüber spricht wie ihm die Jugendjahre verrinnen….

Anfang März 1917 muss die Kolonne mehrfach Munition von schweren Batterien, die für das Unternehmen Schnepfenstrich eingesetzt waren, zurückholen. Das Wetter wird wieder winterlich, am 5. und am 7. hat die Landschaft ein weisses Kleid; eine zweite scharfe Kältewelle setzt ein.

Mitte März französisch Angriffe. ein Tagesbefehl des Kommandierenden vom 7. lobt die Truppen, die Standgehalten haben (es sind drei Bataillone der Regimenter 2..-2..) nur ein paar Nester an der Champagneferm sind nicht wieder ausgehoben. Zwei Tage später hat der Franzose aber aller wieder, was wir gewonnen hatten, soviel auch unsere Kriegsberichterstatter darum herum lügen.

Viel thörichtes Gerede macht diese Eunuchenschar auch um unsere Rückwärtsbewegung an der Somme. Die Sache ist doch einfach: wir verkürzen die Linie bedeutend – das kommt dem Gegner im gleichen Maß zu Gut: dagegen beziehen wir Stellungen, an denen schon seit November gebaut wurde, und zwingen ihn, die Basis seiner Frühjahrsoperation aufzugeben und durch das rasierte Zwischengelände, eine grauenvolle Wüste, vorzuschieben. Das verzögert etwaige Angriffe – eine grundsätzliche Schwierigkeit kann es einem so zähen Gegner nicht machen. Der Graf, den ich auf der Dorfstrasse traf (er ist nach sechsmonatlicher Trennung wieder bei der Division gelandet) meinte auch „Selbst schlauere wie ich – sofern es noch einen solchen geben sollte- sind sich über den Zweck nicht klar.“

Wenn man an diese neue Art von Verwüstung denkt, die der Krieg hier fordert, fasst einen das Grauen. Der brave Apotheker in Gouzeaucourt, der mir sein Schlafzimmer zur Verfügung gestellt hatte, in dem sauberen Häuschen, das er sich als Altenteil erbaut hatte – wie war er verbittert als ihm von den Frühbeeten nachts ein Glasfenster weggeholt war. Denn er hatte, wie all die Dörfchen ringsum, zwei Jahre stillfriedlich in deutscher Etappe gelegt – bis es der feindlichen Heeresleitung einfiel grade hier, im gesegnetsten Landstrich Nordfrankreichs, ihren Stoss anzusetzen, der das Zermalmungsprincip an Steller früherer militärischer Principien des gänzlich principienlosen Grabenkriegszustandes stellte. Ein Schlossbesitzer in der Nähe soll 20 Millionen geboten haben, wenn man seinen alten herlichen Park verschone – weg!

Im gleichen Stile ist ja grauenvoller geworden das Ringen im Grossen, das gegenseitige Aushungern der Völker. Tatsachen, die man über das in Deutschland umschleichende Hungergespenst, über wild steigende Preise erzählt, sind entsetzlich. Wann hat das ein grosses Volk getragen, wann ist jäher ein Erdteil aus Überfluss und Weltherrschaft in so unerträglicher Not geschleudert! Alles hungert, alle zerfleischen sich, bis alle am Boden liegen!

– Die Einsamkeit meines Waldlagers zwingt mich, das Leben erträglich, etwas inhaltsvoller zu machen; ich trete mit grösseren Buchhandlungen in Verbindung, lasse mir Kataloge kommen und danach einen Haufen Bücher. Werneburg in Rethel lässt mir einen Stamm Hühner ab, ich habe mir bald ein Dutzend zusammengekauft (trotz der Absperrungen durch dräuende Ortskommandanten) und jeden Morgen macht mir der Kampfruf meines Gockelhahnes, das Verbessern des Stalles und des Auslaufs Freude. Auf der Sonnenseite diese so absonnig und ungeschickt erbauten Lagers lege ich ein Frühbeet an. Der Boden besteht freilich nur als Kalk- und Tonbrocken – aber Pferdemist und Waldboden sind ja billig zu beschaffen. Ebenso billig wie Baumstämme, die ich zum Anlegen eines festen Weges über die morastige Hochebene gebrauche. D.h. morastig ist der Weideboden erst geworden durch das dauernde Fahren schwerer Wagen – ausserhalb der Zone, die wir durchfahren, trocknen die Wiesen schon an, aber die täglich sich eindrückenden Räder quetschen und kneten eine tiefe Lehmschicht zusammen, die kein Wasser versickern lässt.

Ein paar Dutzend starker alter Pappeln sind mit Hülfe eines Russenkommandos gefällt und zersägt – aber da sie sich schwer spalten, gehen wir zu Eichen über, die ebenfalls in schönen gradegewachsenen Exemplaren hier im Tal stehen. Das Anlagen dieses Bohlweges von einigen hundert meter Länge und 3 m. Breite ist hier die Hauptarbeit; Stamm um Stamm wird von starken Pferden geschleppt. Daneben beginne ich zur Verbesserung des Unterkommens meiner Kanoniere, eine neue Baracke.

Der Winter war dies Jahr nicht nur ungewöhnlich streng, sondern hält auch lange an – Ende März wechselt noch scharfe Kälte mit Schneetreiben.

Die Front an unserm Abschnitt ist ganz ruhig, seitdem der Franzmann das wieder hat, was wir ihm abgenommen hatten.

Ja, die Zeiten ändern sich! Einst (aber freilich wars schon in diesem Kriege) ritt man mit ein paar gewandten Burschen einem Bauern auf den Hof, liess sich – während er gute Miene dann machte oder auch nicht – Hühner fangen, in dem Bewusstsein, korrekt gehandelt zu haben, da das Zettelchen, das er bekam, ja den Stempel trug. – Gestern machte ich einen langen Spaziergang durch weltabgelegene Etappendörfer, und wo ich grosses Hühnervolk sah, fragte ich, auf Umwegen die Unterhaltung anbahnend, um eine oder zwei Hennen, die geschätzteste Scheidemünze des Pisang ist  – umsonst. Alle stehen völlig in der Furcht des Herrn von der Etappe, – und der – ist unerbittlich. – Am nördlichen Aisneufer entlang, dreissig bis vierzig kilometer hinter der Linie, sind neue durchlaufende Stellungen an der Höhe angelegt. Zunächst nur angedeutet. Dazwischen schneiden irgendwie im Zickzack eingefallene. Halbüberwucherte Laufgräben den Hang hinauf. Es sind französische Schanzanlagen vom August 14, wo hier ein Gefecht stattfand. Wie Höhlenmenschenkunst neben der heutigen, so muten diese nur knietiefenden Gräben nach zweiunddreissig Kriegsmonaten an. Die Dörfer St. Lambert u. _______ sind von damals her halb verlassen. Es liegen öfter Truppen drin, scheinbar immer nur kurz. Die letzten sind seit zwei Tagen weg; diese leerstehenden, zerfetzten Herrenhäuser machen einen gräulichen Eindruck.

„Haben Sie übrigens gehört, wie es Poel geht?“ „Der ist tot.“ Als Poel, der Hamburger, Verwaltungsassessor, vor Monaten verwundet wurde, hiess es, die Verwundung sei nicht schwer. Ich wollte es nicht glauben, konnte mirs nicht vorstellen und suchte vergebens, dies Dasein als ein vollendetes, abgeschlossenes zu sehen.

Hundert Kriegserinnerungen tauchen auf, eigentlich alles vergnügte Stunden. Wie wir in Celles bei der Wittwe einquartiert waren, die um einen „jeune officier“ gebeten hatte, wie wir auf Befehl des nie zufriedengestellten conte Rittberg Hühner requirierten. Wie oft haben wir nach Jahr und Trag, in seinem Katnerhaus bei Alt Kruiseck oder in Béchamp [Béchamps], vergangener Tage gedacht und Derer, die nicht mehr waren; an Ney und Stadler. Mit ihm ist der letzte der Offiziere, mit denen die zweite Batterie ins Feld zog, hingegangen.

3.4.17 Ein eisiger Wind pfiff über die Hochfläche, dazwischen setzt Flockenwirbel ein und die Menschen danken oder sagen es zueinander (soweit das sich mit der Dienststellung vereinbart) wohl zum hundertsten Male: Dies Jahr will es aber gar nicht Frühling werden!

Als Kriegsmensch lebt man ja viel unmittelbar mit der Natur zu sammen, und ist mehr von ihren Launen abhängig wie der Städter.

4.4. Die Kolonne empfängt heute an Portionen für 4 Offiziere 119 Mann u. Rationen für 147 Pferde:

(für 2 Tage) – die abkommandierten sind abgesetzt

im Ganzen d.i.f. den Kopf

 

1. Tag

2. Tag

 

18,0 kg frisches Fleisch

150 gr

(vorgestern waren es 24,8 kg

davor waren es 43,4 kg

dann kein Dauerfleisch)

 

18,0 kg Dauerfleisch

150 gr

150 gr

 

9,0 kg Wurst

75 gr

 

6,0 kg Schmalzfleisch

50 gr

 

12,0 kg Marmelade

100 gr

56 kg Kohlen

9,0 kg Reis

75 gr

3,5 l Petrol

15,0 kg Nudeln

120 gr

3,5 kg Carbid

6,0 kg Backobst

50 gr

–   

40 kleine Lichte

36,0 kg Kartoffeln

150 gr

150 gr

 

72,0 kg Kohlrüben

600 gr

600 gr

3 l Öl

120 Brote zu 1 ½ Pfund als

   

+ 4 als Zulage

   

9,6 kg Mehl

40 gr

40 gr

 

4,8 kg Salz

20 gr

20 gr

 

1,44 kg Cichorie

6 gr

6 gr

voriges Mal gabs statt dessen: 3,9 kg Kaffee

8,4 kg Zucker

35 gr

35 gr

 

476 St. Cigarren

   

476 St. Cigaretten

   

1256 kg Hafer

   

668 kg Heu

   

628 kg Stroh

   

Der Wert dieser Lebensmittel beträgt heute in Deutschland; bei Annahme von Gros-Preisen:

1 kg Rindfleisch (im Handel, Kleinverkauf 4,80 M) Höchstpr.

1 kg frische Wurst 7- (in Belgien zahlt man schon 11-14 M.)

1 Ctr. Heu (geschätzt) 5 M.

1 Ctr. Stroh (geschätzt) 3,60-3,80 M.

woraus die Kosten, die eine untätige Kolonne – nur in ihrer Verpflegung in einem Monat verursacht, zu erraten sind.

Ein paar hundert Schritt vom Kolonnenlager nach Westen fällt die Hochebene steil ab zum weiten Aisnetal. Geographisch ist die Gegend insofern interessant, als die Höhen auf beiden Ufern, die da, wo der Fluss sich nach Norden wendet, 6-8 km auseinanderliegen, ganz ungleiche Formation zeigen. Auf dieser Seite bewaldet, die Ränder mit Obstkulturen und Äckern bedeckt, drüben unfruchtbarer Kalk mit tief ausgewaschenen Furchen und seltsamen steilen Hängen.

Das Tal selbstfüllen weite Wiesen und die Salweiden dazwischen sind in ihren brennend rot leuchtenden Reihen die ersten Frühlingssignale. Die Aisne glänzt in ihren vielfachen Schlingungen als silbernes Band herauf und die kleinen Teiche, die sie rechts und links gebildet hat und die kürzlich noch vom Eis bedeckt waren, spiegeln den Abendhimmel wieder. In weiter Ferne, gegen Reims zu, sieht man Fesselballons; einen winzig hinter dem andern stehend, zeigen sie den Verlauf der Schlachtfront nach der Seite hin, wo jetzt neue scharfe Kämpfe entbrannt sind. Da – ist es Frühling – leuchtet eines der schwarzen Pünktchen auf, ein Rauchwölkchen steigt auf, und langsam, qualmend sinkt was ein Ballon war, herunter.

So wie Noah in seiner Arche nach der Taube mit dem Ölzweig Rundschau hielt, hält man jeden Nachmittag um halb fünf, wenn die Zeitung gebracht ist, in ihren Spalten Umschau nach einer Nachricht, an die sich Hoffnungen, Ausblicke, Möglichkeiten ranken könnten. –

Aber nur graue Wellen ringsum. Die „Nachrichten der Auslandspresse“ die ich regelmäßig erhalte, zeigen, wieviel offener und schärfer die Kritik in England sich äussern darf – naiv, aus solchen Auslassungen auf grössere Unlust jenseits des Kanals zu schliessen.

Eine harte Maßregel ist die Verringerung der täglichen Brotration von 750 auf 500 gr., und dabei kamen unsere jungen Fahrer schon vorher nicht aus und waren froh über jedes halbe Brot, das ein gefälliger Proviantsmensch einmal zugab. Da lese ich, dass sie daheim von 200 gr auf 170 gr heruntergesetzt ist!

Der Riegel des Fensters neben meinem Bett, mein Seismograf, meldet durch leises Klirren wieder starke Kanonade von Reims her, sonst stört nichts die ungeheure Stille dieser Weltabgelegenheit.

Heute am 26. April gebe ich mich wieder mit Behagen der Tätigkeit des Ofeneinkachelns hin. Das will seine Technik haben und solange man diese kleinen, eisernen Füllöfen mit Holzscheiten richtig durchheizt, kann man nichts anderes anfangen; das richtige Nachlegen, das Vortrocknen der halbfeuchten Scheite nimmt einen ganz in Anspruch. Aber die feinen Düfte der Waldhölzer machen die Beschäftigung zu einem Genuss zumal bei den hier bestehenden geringen Holzpreise. das leise auf der Ofenplatte schmorende Buchenscheit reicht ganz anders wie die Eiche; am süssesten ist der Duft vom Birkenholz, wenn er die Stube durchzieht und Erinnerungen lebendig macht an andere Holzbuden.

Am 30. April 1917 setzt mit einem Schlage der Frühling ein – und der Sommer eigentlich zugleich. Denn es wird schon am zweiten der sonnigen Tage die sich nun ohne Unterbrechung folgen, merklich warm.

4. Mai. Durch den prangenden Wald Ritt nach Vouziers, wo ich mit Liese u. den Jungen am Telefon spreche und die Nachricht bekomme, dass mein dreiwöchentlicher Urlaub genehmigt ist.

Am 7. Mai fahre ich nachmittags über Mohon Kurve nach Namur wo der Schnellzug um 1 Uhr nachts ankommt.

8.V. Skizze; Lederkoffer gekauft, Fahrt Brüssel: Rehorst, Läden, Rathaus, abends Mecheln.

9.V. zurück Brüssel (telef. Düsseldorf, wo ich zu erfahren suche, ob es ein Bub oder Mädel ist. Ich muss lange warten im Brüsseler Haupttelegrafenamt) Essen im Generalgouvernement. Nachm. Tirlemont abends Lüttich. 10.V. Düsseldorf nachm. 5 Uhr.

13.V. Fahrt Hannover

14.V. nachm. Techn. Hochschule Fahrt Berlin

15. Bibliothek, Porcellan Manufaktur, Kempinsky, Hilbrich, Lessingtheater: „Mad. Legros”.

10.40 abends Abf. n. Graudenz: Packen

18.V. 11 Uhr früh zurück Berlin.

19.V. Bibliothek, Taufe bei Ernst, Schauspielhaus: „Ant. u. Kleopatra“.

20. zurück Ddorf.

21. Mai Taufe in der Hohenzollernstr.; abends 10 Uhr über Aachen, Namur nach Vouziers. Durch telef. Meldung beim Staffelstab Savigny erfahre ich, dass meine Kolonne die wie mir schon telegrafisch nach Düsseldorf von meinem Vertreter gemeldet war, abtransportiert ist und zwar in die Gegend von Hirson, dem bayr. Staffelstab 7 unterstellt. Erst Nachm. 5 Uhr geht ein Zug in der Richtung sodass ich Zeit habe in dem dürftigen Vouziers, das seit Verlegung des A.O.K. nicht reizvoller geworden ist, mich nochmals umzusehen. Nur die gediegen gebaute frz. Kürassierkaserne auf der Höhe, jetzt von zahllosen Kolonnen belegt, bietet einiges Interesse.

Abends 1 Uhr treffe ich in Hirson ein, und fahre mit St. Loos in meiner Gig nach Ribeauville [Ribeauvillé], dem dreistunden entfernten Ardennendörfchen, wo meine Kolonne untergebracht ist. Der Staffelstab hier hinter der Front stellt ein Kolonnen-Aufmöbelungsinstitut dar. – Der Kommandeur erteilte, wie mir gemeldet wird, auf Grund einer Besichtigung meinen Pferden ein verdächtig grosses Lob, d.h. die Kolonne ist einsatzfähig und wird bei der nächsten Anforderung weitergeschickt. – wahrscheinlich in den Bereich einer andern Armee. Ribeauville [Ribeauvillé] zeigt sich bei Tageslicht als ein idealer Erholungs und Ferienort für eine Kolonne. In diesem harten, hügeligen Lande, das wie das hohe Venn einen späten Sommern hat, wird kaum Ackerbau getrieben. Die Bewohner leben von Viehzucht, also dürftige Häuser, landschaftliche Schönheit. Jetzt, am ersten Juni prangen die von Buchenhecken eingefassten Weiden in Blumen und hohen Gräsern, die für unsere Pferde ein Paradies sind; die Schieferdächer der Häuser verschwinden völlig unter den dichten Baumkronen. In der wundervoll klaren Luft ist kein Laut als das befriedigte Brüllen des Rindviehs in der Ferne, bei den Bauern giebts noch viel Hühner (zum Höchstpreis von 2,40 M, während man in deutschen Städten jetzt mindestens das Sechsfache bezahlen muss!) Freilich, alles mit der Gewissenhaftigkeit deutscher Ortskommandanturen registriert und – gesperrt! Durch Aubenton reitend mache ich dem Adjudanten des Etappenkommandanten die bedauerliche Meldung, dass bei einer Reitübung vier Hühnern von Ribeauville [Ribeauvillé] die Beine gebrochen seien. Ich bäte, die Leichen zur Verbesserung unserer Kost den Bauern abkaufen zu dürfen. (Die Hühner der Dorfbewohner sind natürlich von einer sorgsamen Etappe genau registriert und es giebt hohe Strafen wenn eins fehlt). Mit süsssaurem Lächeln genehmigt er, dass die betr. Hühner verkauft werden, und abends mache ich mich mit dem Ortobüttel, dem „chef-culture“ auf, die fettesten Hennen aus den Ställen zu suchen.

Spruch: Die Kolonne ist am 7.6. 12 Uhr mittags am Bahnhof Any [Any-Martin-Rieux] verladebereit Abfahrt 2.29, Fahrtnummer so und so. Wo wird’s diesmal hingehen? Bei sengender Sonnenhitze wird die Arbeit des Verladens, die ja oft genug geübt ist, geschafft. 2.15 Uhr setzt der lange Zug sich in Bewegung über Mezières, Sedan und fährt gegen 9 Uhr abends an der Rampe von Spincourt vor – einer Station nördlich Bavoncourt [vermutlich: Vaudoncourt], dem Schauplatz unseres ersten Kriegsabschnittes vor Verdun. Einen Befehl oder eine Mitteilung über unsere neue Verwendung hatte ich während der Fahrt nicht bekommen; auch am Bahnhof lag nichts vor. Ich begann daher zu telefonieren, ans A.O.K.-Kommandantur M. u. T; an das Generalkdo in Norroy le Sec, des 18. Res. Korps, an die 192 I. Division. Überall waren die Offiziere im Casino, wussten die Schreiber nicht Bescheid. Die Kolonne stand schon abgeladen, marschbereit, als ich heraus hatte, dass wir in das Bayernlager, etwa drei Wegstunden nach vorn, kommen sollen. In dunkler Gewitternacht, ab und zu aus einer Baracke einen schlafenden Armierungssoldaten herausholend, finde ich mich durch den Wald bis in das etwas abgelegene Lager, wo uns ein Gefreiter Quartiere anweist. „Das Lager soll sehr stark belegt werden in diesen Tagen.“ So, erwartet man vorn etwas? Der Staffelkommandeur, bei dem ich mich andern Tages melde, deutet an, dass mit einem Angriff der Franzosen von den Cotes her gerechnet würde – in grossem Stil.

Vier Tage bleiben wir in dem Lager, das in den Mannschaftsbaracken etwas primitiv ist, mir ein ausreichendes Bretterhaus bietet, von dessen Veranda wir in diesen Sommertagen einen herrlichen Blick in den Eichenwald geniessen. Da kommt der Befehl, umzuquartieren in der Lager Frankfurt-Nord, in dem keine Räude sein soll und das unmittelbar an der Strasse von Loisson liegt, anderthalb Kilometer rückwärts. Auch hier findet die Kolonne bald, nachdem sie sich in dem weitläufigen Bretterdorf erst eingenistet ha, was sie braucht an Platz, und es spinnen sich die Tage weiter, wo der Dienst aus Grasholen und Geschirrputzen besteht. Für mich wieder gutes Quartier in zwei Bretterhäusern mit luftigen Stuben.

„Obs wohl noch losgehen wird?“ „I glaab´s net[“,] meint der bayrische Luftschifferhauptmann, der denen auf der côte ja etwas von oben in die Karten sehen kann.

Am 18.6.1917 wage ich zu wandeln verlassene Pfade zum Syrielager. Alles wie einst. Einsam liegen die Wege die durch weite mit leuchtend gelbem Unkraut üppig bedeckte Ödfelder führen. In der Ferne zeichnet sich die langgestreckte Höhenlinie der côtes genau so wie in den langen friedlichen Wochen des vorigen Spätsommers, und doch unnahbar unsern Tritten. Sie führen Einem das Sinnlose dieses Kriegszustandes wieder vor Augen. Im Lagerwäldchen sind einige neue und schönere Baracken entstanden, aber im Ganzen haben die jetzigen Bewohner in einem Jahr nicht so viel getan wie wir in einem halben.

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Heute ist sich alles einig in der Verurteilung Falkenhayns und des verhängnisvollen Verdun unternehmens. Wer eines Feldherrn Rechnung prüft, pflegt aber die irrationalen Grössen nicht mit einzusetzen und macht Erfolg und Nichterfolg allein zu Wertmessern. Für die Gegenwart müssen sie es ja auch sein, muss der General gehen, der den Erfolg nicht auf seiner Seite hat; die Geschichte darf, davon unabhängig, den Ansatz des Exempels prüfen.

Tatsache ist jedoch, dass bayrische „Leiber“ und marburger Jäger bis in den Kehlrücken von Souville waren – Wahrscheinlichkeit, dass wenn wir Souville hatten, die Überlegenheit auf der côte  unser war. Vielleicht hätte an jenem Maitage 1916 der Fehler eines frz. Bataillonskommandeurs zu unsern Gunsten entschieden! Oder sind sie doch zäher wie wir? Der böse Fehler bei Verdun begann erst, als wir in jenem Tage zum letzten Mal so blutig zurückgeschlagen und unter dem Druck an der Somme, dies Ringen endgültig aufgaben. Und in der Überlegung „der Franzmann hat auch abgebaut“ da liegen und stehen blieben, wo wir standen – d.h. in Stellungen, die nie Verteidigungslinie sein konnten, weil sie den Zufällen entstammten, wie wir eben vorgedrungen waren. Und weil sie meist nicht einmal verteidigungsmäßig ausgebaut wurden. Deshalb gelang es Nivelle im September, den Douaumont wie ein Butterbrot, den darin befindlichen Reservekompagnien zu entreissen. Und noch schwerer war unsere Schlappe vom 15. Dezember, weil noch nicht einmal da die notwendigen Lehren gezogen waren. Der deutlich sich verbreitende Angriff wurde angeblich von Lochow nicht weiter ernst genommen. Das Zusammentreffen der andern verhängnisvollen Umstände: die 39 I Division frisch eingesetzt u. mit dem Gelände nicht genug vertraut, die alten Knaben [der] bayrischen Reserve-Infanterie Regimenter schon viel zu lange in den nassen Gräben. –

Übrigens: Das schlechte Wetter sollte man aus dem Spiel lassen als Entschuldigungsgrund, denn wenn es uns im Februar gehemmt hatte anzugreifen, – damals im December war es den angreifenden Franzosen wahrlich nicht günstiger! Kennzeichnend dafür, wie schwer unsere Generalität umlernt: in einem Tagesbefehl, der dieser Niederlage folgte wiederholte noch wer die altpreussische Wendung: „Kein Fussbreit Bodens darf nun weiterhin aufgegeben werden!“

26.6.17. Ohne dass wir seither hier einen Schuss Munition gefahren hätten, füllt sich der Tag so ziemlich mit der Beaufsichtigung des inneren Dienstes. Morgens, wenn ich nicht selbst früh reite und die Fähnriche u. Unteroffiziere dabei mit dem Gelände vertraut mache, gehe ich auf die Waldwiese, wo Wachtmeister Müller die jungen Fahrer reiten lässt[,] dann Unterschriften im Geschäftszimmer, Gespanneinteilung, Anordnen von Arbeiten im Lager und in der Werkstatt, ein Gang auf die Heuwiese: Gutsbesitzerdasein!

Der Juli lässt sich regnerisch an, in der Tätigkeit, vielmehr Untätigkeit keine Änderung. Ein paar Gespanne werden gestellt, die zwei Fähnriche beschäftigt und ausgebildet, am Schreibtisch weitergearbeitet.

Am 15. Juli fährt die Kolonne zum 1. Male Munition: 4 Wagen –

Der August bringt mehr Regen wie Sonnenschein und unter den Eichen ists, so schön bei gutem Wetter, so trübselig wenn überm Kopf das Prasseln auf die Wellblechtafeln nicht aufhören will. Die innerpolitische Wandlung, die die Not der Zeit dem „rocher de bronce“ der preussischen Regierung abtrotzt, lässt uns hier drausssen ziemlich kalt. Was heisst es denn, dass später nach einem anderen Verfahren gewählt werden soll, das nur in der Erinnerung noch wirklich ist. Und sicher ist bei diesem Wahlrecht wie bei jenem das Eine, dass der Kandidat, für den wir Oberen Zehntausend vom Geiste zur Urne gehen – durchfallen wird!

Anf. August. Höher noch wie unser neues Vordringen in Galizien, das den Ostteil dieses früher so wenig aufgesuchten Landes, mit Tarnopol und Cernowitz, zur Abwechslung einmal wieder uns in die Hände bringt – diesen Erfolg gegen das Russland Kerenskijs schätze ich militärisch weniger hoch ein wie ein die gelungene Abwehr-schlacht in Flandern.

Die grossen Masseneinsätze im Frühsommer dieses Jahres, von den Franzosen in der Westchampagne und am Winterberg, von den Engländern bei Arras hatten uns ausser Geländeverlust 5-10000 Gefangene und eine der Zahl der überrannten Linien entsprechende Menge von Geschützen gekostet. Nach dem zweiten Tag der Infanteriekämpfe, die sich von der Lys bis herauf an den Yserkanal entspannten, meldet der englische Bericht, dass die Deutschen zwei Hauptpunkte von dem eroberten Streifen wieder genommen haben.

10. Aug. 1917. Seit zwei Monaten werden wir mit dem Gerücht einer Offensive des Franzmannes im Verdunbogen gespeist – heut beginnt das Feuer etwas lebhafter zu werden. Grade vor und hinter unser Lager sausen einige „Kindersärge“ in den Lehm. Der 38er Langrohr, der hinter unserm Lager auf der Sorelfermwiese eingebaut ist, und alle Buden im Frankfurter Lager zittern lässt, wenn er sein Maul auftut, soll durch weisse Rauchmassen eingehüllt werden, wenn beim Abschuss seine grosse braune Rauchwolke hochkräuselt. Aber die Kerls zünden nur ein paar von den Rauchtöppen an, und statt zu verhüllen, zeigt die weisse Dampfmasse deutlich die allgemeine Richtung, wie wir der Waldwiese beim Revolverschiessen gut beobachten. Nach dem zweiten Schuss schon unseres Dicken wimmern von drüben die Antwortschüsse. Ein paar Granaten schlagen dicht in seine Nähe, andere mehr in unser Lager.

11. Aug. ist ziemlich lebhaftes Feuer in verschiedenen Richtungen ums Lager herum. In verschiedenen Flötentönen wimmert es über unsere Köpfe weg, auf Billy zu, rechts und links in den Wald um uns.

Noch immer stehen die Pferde zum grössten Teil in dem Notstall hinter meinem Quartier und die fünf Räudepferde (unter denen vielleicht jemals zwei oder drei richtige Räudepferde gewesen sind) im offenen Schuppen abgesondert.

12. Am hinteren Waldrand, wo Pioniere ein Lager haben, hats eingehauen und den Küchenoffizier verletzt. Der Führer schickt eben seine Bagage nach rückwärts, als wir auf einem Abendspaziergang vorbeikommen. „Wir wollen da unten rum durch eine Waldschneise…“ „Würd ich Ihnen nicht raten; gleich fängt der Vierundzwanziger wieder an und dann antworten die drüben, und grad in die Ecke da.“ Wir drehten also bei, und schon nach zehn Minuten dröhnten aus dieser Gegend die Einschläge. Aber auch in unserem Lagerbezirk kracht es jetzt; ein Einschlag auf der Lagerstrasse veranlasst die Mannschaften, die da herum liegen, eilig in einen abgelegenen leeren Stall sich zu koncentrieren. Um die Mannschaften ruhig zu halten, lassen wir unsern abendlichen Doppelkopf im Freien nicht fahren, doch nach und nach wird die Beschiessung des Kolonnenlagers stärker, sodass ich Befehl gebe, alles einzuräumen. Ich versichere mich noch, dass alle bis auf zwei Posten, die hinter Bäumen hocken, weg sind und in der Nacht auch selbstmit meinem Bettsack hinüberwanderte in das verlassene Offiziershaus fünfhundert Meter rückwärts an der einsamen Waldwiese. Alle fünf Minuten wimmert ein „Paket“ heran und zwischen den Bäumen steigert sich Krachen und klack! Klack! Schlagen noch lange nachher Eisenbrocken gegen die Stämme ringsum.

Es wird nach dem Sanitätsoffizier gerufen, der neben mir am Boden schnarcht. Ein Mann meiner Kolonne soll verwundet sein. Wir finden ihn mühsam und tragen ihn nach Anlegen eines Notverbandes on die Blechbude an der Wiese, wo sein Stöhnen mir für den Rest der Nacht die Möglichkeit des Schlafes nimmt. In der Dämmerung wird festgestellt, dass auch fünf Pferde, – natürlich von den besten – tot in der Reihe liegen. Dann ein paar verwundet.

13.8[.] Ich hatte das Verlassen des Lagers schon beschlossen und ritt, morgens nach den nötigen Befehlen zum Aufpacken, los um Unterkommen zu suchen. Die Dörfer dicht hinter der Front sind zu solchen Zeiten gerammelt voll. Von rückwärts kommen unablässig Einsatz-Truppen, schwere Artillerie und eine Division, die bisher weiter hinten lag – von den beschossenen Waldlagern fluten Kolonnen, Pioniere, Armierungskompagnien zurück.

Ich musste mich entschliessen in einem Waldstreifen zu kampieren. Resigniert sehe ich vor mit die Aussicht, der Kolonne noch einmal aus dem Nichts ein Unterkommen zu schaffen, noch einmal Phasen des Lagerbaues durchzumachen mit ihren Kämpfen, ihrem Dreck. Monate wird es im günstigsten Fall dauern, bis einigermaßen ein Dach für alles geschaffen ist; Monate in Schlamm und Regen. Denn es giesst schon während des Umzuges wie aus Mulden. Am andern Morgen gehe ich zum Frankfurter Lager zurück, da siehts wild aus: die Lagerstrasse mit Baumästen u. Blättern bestreut, ein paar metertiefe Löcher im Lehmboden rechts u. links von unsern Hütten[,] die Stube der Fähnriche durch einen Einschlag völlig zerrissen, mein Bretterhaus ist von Granatsplittern mehrfach zerlöchert; der alte Bauernteller an der Wand liegt in Scherben. Von den toten Pferden liegen nur zerfetzte Reste da, und ein paar Russen sind grinsend beschäftigt, sich „Ross“beaf von den Gerippen herunterzuschneiden. Nachtquartier finde ich bei Rittmeister Kleine in Loison in einem Zimmer wo über mir vier oder fünf Offiziere und ein Köter, der ein Sack voll Flöhen sein muss, grad über mir, wo die Decke fingerbreit Ritzen hat, sein Lager hat.

15.8. Am zweiten Tag unseres Biwacklebens hat die Sonne ein Einsehen, und statt der unablässigen  Regengüsse schickt sie ihre herbstlich brennenden Strahlen, die die Wege schnell trocknen und das Lageleben zu einer Freude machen. Ich beginne mit dem Bau von zwei Mannschaftsbaracken, einem grossen Stall, Geschäftszimmer, und, etwas abseits im Gebüsch geschoben, einem Bretterpalast für mich. Übung im Anlagen solcher kleinen Kommandeursvillen kann ich ja wirklich für mich in Anspruch nehmen; dass sie nicht zu nah und nicht  zu fern den Mannschaftsbaracken, mit hübschen Ausblicken und doch auch versteckt liegen, und für den Winter die Räume sich kompakt zusammenschliessen – denn wenn ich auch stark hoffe, im Winter nicht hier zu kampieren, muss man doch immer schon daran denken. In wenig Tagen hause ich wieder in meinen vier Pfählen, und kann in den allzu zahlreich gewordenen Gepäckstücken kramen.

20.8[.] Es giebt beinahe jede Nacht Munition zu fahren, ausserdem betätigen sich 10 Mann der Kolonne in der B. Stelle der hiesigen Feldartillerie-Abteilung, 10 Mann arbeiten in dem anstrengenden Förderbahnkommando, das die ganze Nacht hindurch Munition in Stellung schafft.

Gut übrigens, dass wir ohne lange zu fackeln, auszogen – jeden Tag wird unser bisheriges Lager weiter beschossen. In dem Waldzipfel zwischen Loison und Senon (man kennt die Topografie dieses kümmerlichen Französisch-Lothringen nun bald wie ein Dorfschulmeister von hier oder ein Stabsofficier des Generalkommandos Verdun) entwickeln sich nun wieder Bilder „in Callots Manier“: Zelte, die an gespannten Tauen oder abgehakten Ästen stehenden Pferde, das Durcheinander der Wagen, von denen die illegitimen (die hiesige Staffel nennt sie „Wirtschaftswagen“) bald ebenso zahlreich sind wie die legitimen vierundzwanzig Munitionswagen.

Mit Leutnant Schrader (Hannover), der nun auch mit seiner Armierungskompagnie hierher ins Grüne gezogen ist, als anhänglicher Nachbar, bespreche ich unter der Zeltbahn, wie hübsch es doch jetzt hier im Sommer, wie übel es doch im Winter sein wird, da springt der lange Geppert durch die Büsche. „Suchen Sie mich?“ „ja, die Kolonne kommt weg, Herr Oberleutnant!“ –

Also wieder anders als man denkt. Nach dem rückwärtigen Dorf Vaudoncourt, ins Quartier einer Etappenkolonne. Da können in warmen Ställen die Pferde sich wieder von den Nächten im Freien erholen, und den Leuten[,] die seit zehn Monaten kaum noch in richtigen Häusern gelegen haben, ist der Wechsel erst recht zu gönnen.

Am 21.8[.] rückt die Kolonne ins Dorf.

Am23. Die Nachricht, dass der Gefreite Buecher der Verwundung, die er im Frankfurter Lager erhielt, erlegen ist. Ich hielt seinen Beinschuss, als ich ihm den Notverband anlegte, nicht für lebensgefährlich; es sei Gasbrand hinzugetreten, teilte mit der Chefarzt mit. Er war schon beerdigt, ich veranstalte noch eine Gedenkfeier an seinem Grabe.

Die Nacht vom 23. u. vom 24[.] hat die Kolonne keine Munition gefahren.

Der Douaumont und das ganze nördliche Stück der côte, das wir hier vor uns haben, raucht wieder von hunderten von Rauch- und Dreckwolken, wie nur je in diesen drei Jahren.

Am 25. abends trete ich den „3“tägigen „Etappen“Urlaub nach Graudenz an.

Nachtfahrt über Metz-Köln nach Hannover, wo ich meine Liese abends um 6 Uhr am Bahnhof abfange. Abends Berlin, am andern Morgen nach Graudenz. Am 28. wird der grosste Teil der Wohnungseinrichtung verpackt, am 29 früh hält der Möbelwagen vor der Tür, der schon mittags vollbeladen und knirschend losfahren kann. Noch ein zweiter Bahnwagen ist nötig, doch können wir abends die Rückreise antreten im Schlafwagen nach Berlin.

Ein Tag an der Spree, in der üblichen Zeitausnutzung! Die Aushungerung der Reichshauptstadt ist sichtlich vorgeschritten. In den Centralmarkthallen ist zwar noch das Massenangebot an Saisongemüsen, vor allem an Kürbissen, aber wenn man dann dem Schloss zugeht, sieht man schon eine sehr grosse Zahl geschlossener Läden. Auch Cigarrenhändler haben keine Ware mehr. Die eleganten Restaurants, wie Hiller, Kannenberg, geschlossen, aber auch billige Betriebe wie das Linden-Restaurant. Am wenigsten berührt von der Zeiten Knappheit scheint das Theaterleben: eine Aufführung der „Toten Augen“ im Charlottenburger Opernhaus war eine Meisterleistung.

Über Hannover, wo am Bahnhof meine Jungen stehn und winken, über Düsseldorf, wo mich die Geschwister begrüssen, geht die unerbittliche Weiterfahrt nach Diedenhofen und Longyon [Longuyon], wo ich um 4 Uhr nachts das Wägelchen erkletterte.

5. Sept. 17. Seit gestern abend rollt der Geschützdonner wieder ununterbrochen, befindet sich der nie (endenden) schweigende Artilleriekampf nördlich Verdun in einem Siedezustand, der durch hunderte von neu eingesetzten Kanonen verstärkt ist. Durch die Dorfstrasse werden 15 cm Landrohrgeschütze von hochräderigen Traktoren geschleppt, und die Soldaten bestaunen das mächtige Rohr. Nachts rasseln 21 cm Mörser vorbei, Richtung nordwärts. Hier in Vaudoncourt ist ein Bataillon des neu ausgestatteten Fussartillerie Regiments 25 einquartiert, die mit 10 cm Langrohren schiessen. Die Wiesen und die ungeheuren Waldflächen der vorderen Zone bedecken sich mit schwarzen Erdlöchern, kleinen und grossen; weiter vorn ist an einigen Stellen der Boden von neuem derartig zerpflügt, dass man die breite Strasse nicht mehr wahrnimmt und wie zerfetzte Besenstiele ragen die einst prachtvollen Eichen der Woewre [Woëvre]-Forsten auf. Und alles, um – in günstigstem Falle – einen schmalen Streifen nördlich Verdun hinzuzugewinnen, der strategisch auch (nichts) keine Bedeutung bekommen kann. Oder nein, nicht deshalb;- sondern um Kräfte des Gegners zu fesseln oder, noch richtiger, um Verpflichtungen gegenüber den Bundesgenossen zu erfüllen, das eine als Kriegsaufgabe noch steriler wie was andere.

Bei den Kämpfen nördlich Verdun hatten die Franzosen sehr greifbare militärische Ziele: im September 16 wie im December wollten sie der noch bedrohten Festung Luft machen – die Zwecke sind heute erreicht; der Stoss würde, auch wenn es gelänge, an dieser Stelle ins Leere gehen. Ihre Berechtigung können die Operationen nur darin beim französischen Generalstab gefunden haben, dass hier das Anpacken, zumal die artilleristische Arbeit, unter günstigen Bedingungen für sie erfolgt.

9. 10. Sept. Angriffe an der Strasse von Samognieux [Samogneux] – Bezonvaux im Chaumewald und gegen den Ornesrücken; mit geringen örtlichen Vorteilen der Franzosen. Auch die Gefangenen-Zahl kann sich mit der bei früheren Aktionen dieses Stils nicht messen.

Die Kolonne fährt 4 Nächte nacheinander Munition, gleichzeitig spielt der Schlussakt der Räudekomödie.

Infolge der mehrfachen Quartierverschiebungen hatte die Person des behandelnden Veterinärs, d.h. desjenigen, der sich um die Pferde so einer für sich gestellten Kolonne wirklich mal kümmert, vier-fünfmal gewechselt und das Brandmal der Säuche, das die Pferde in keine Stallungen hereinlässt, haftete ihnen noch an. Wie es stand, nämlich dass es gut stand, wusste ich ja durch die treuen und sachgemäßen Beobachtungen des Futtermeisters. Die Stabsveterinäre, denen die Kolonne unterstand, begnügten sich von Anfang an mit Weitergeben der eingehenden Meldungen. Angesehen hat die Rösser in den vier Monaten weder der Staffelveterinär obschon er mich zum Kaffee aufsuchte, noch der Divisionsveterinär. Da begab es sich, dass ein neuer Korpsveterinär am Horizont auftauchte, und da – kam der Divisionsveterinär. Er kam dann zwei Tage später wieder mit, als der neue Herr die Pferde durchsah. Und zeigte ihm „seine Pferde“. „Nur Bisswunden, die Schrammen da am Halse, ich kenne das Pferd seit langem.“ Der vorführende Fahrer starrte ihn an. „Na, die Pferde können also wieder in die Ställe, die stehen doch seit acht Wochen leer?“ Natürlich waren sie nach unserm Herausziehen und nach einer sogenannten Desinfektion mit Weisskalk von andern Truppen bezogen. „Jawohl, das heisst (da der Herr Miene machte, zu den Dorfstallungen herüberzugehen) ein Raum ist wegen des Quartiermangels nach gründlicher Desinfektion wieder bezogen – „So? ja aber das ist gänzlich unzulässig. Da werden wir doch eine Meldung schreiben.“ „Ja, gewisse, ganz unzulässig“, pflichtet der Divisionsveterinär bei, „na darf ich wohl schon entsprechend melden?“ Ich atmete beruhigt auf.

13. Das starke Feuer in unserm Abschnitt hat nachgelassen.

Am 14.9.1917 führe ich wieder Munitionstransport, da es ein etwas windiger Auftrag ist, nämlich einen vorgeschobenen Geschütz bei Maucourt 600 Schuss Langgranaten zu bringen. Ich richtete mich so ein, dass ich im Morgendämmern nach vorn kam, nicht nachts wie bisher. Denn es ist die letzten Tage gegen Morgen ruhig, der Morgendunst hindert jede Sicht und das Zurechtfinden ist wesentlich leichter. Es ging auch anfangs gut, ich rückte 3 Uhr nachts ab und wir kamen unbeschossen bei glücklicherweise sehr schlechtem Wetter nach vorn. Da ging plötzlich das wilde Orchester einer allgemeinen Feuerüberfalles unserer Batterien los, meine Hildegard hält erfahrungsgemäß das Maul solange wir so schiessen. An dem Förderbahngleise, das vom Parisauxwald aus vor führt, entlang ging ich vor, um ein paar Loren aufzutreiben. Ich bettelte mir zwei zusammen bei einem in seiner Betonhöhle schlafenden Batterieoffizier. Als die inzwischen herangekommenen sechs Kutschen die vollen Körbe aufgeladen hatten, wurde Japs und ein zweites starkes Pferd vorgespannt und nach mehreren Zerreissungen der sehr primitiven Kuppelungen rollten die überschwer beladenen Loren langsam los. Wir waren glücklich durch alte Stacheldrahtverhaue und neue Granatlöcher ein ziemliches Stück im Walde vorgekommen, da stossen wir auf vier grosse mit Mörsermunition beladene Loren auf dem Gleise. Die wurden in unserm Schweiss mit vorgeschleppt bis zu einer Weiche, da – sprang der vordere Wagen aus den Gleisen und begann prompt in den Schlamm zu sinken. Neue Loren auftreiben! Ich fand sie erst, als ich bis zum vorgeschobenen Geschütz vorausgetrabt war. Dann wurde umgepackt und gegen 10 Uhr hatten wir endlich die Last an Ort und Stelle.

Den Nachmittag und Abends ein rieselnder Regen, dass man die Behaglichkeit französischer Kamine wieder in Gang bringt – zum Abschiednehmen just das rechte Wetter. Und der Abschied kommt wie immer, wenn man ihn nicht erwartet. Divisionsbefehl: Kolonne 212 an 13. Res. Div. abgegeben. Der Schmerz ist nicht gross.

Sonntag 16. Sept. rückt der Wandercirkus ab. Ins Dorf St. Laurent [Saint-Laurent-sur-Othain] fünfzehn Kilometer nördlich. Also nicht in Ruhe, denn hier, im Ornessektor, ist der Kampfzustand noch heisser. Schon am Abend des Tages wo die Kolonne mit müden Pferden eingerückt ist, ehe ich mich noch bei der Division gemeldet hatte, (was ich geflissentlich hinausschob) findet mich ein Bote auf mit dem Befehl, sofort Munition zu fahren. „Und warum die Kolonne nicht schon gestern angekommen.“

Während wir uns in dem selbst für uns abgehärtete Krieger über die Maßen schmierigen Dorf, in höchst dürftigen Quartieren einzurichten suchten, wird auch die zweite Nacht Munition gefahren. Ein Pferd fällt vor Entkräftung um und bleibt auf der Stelle liegen. Die Unsauberkeit sowie die Möglichkeit beiden neuen Vorgesetzten einen Urlaub zu bekommen, veranlasst mich, sogleich Urlaub bei der Division einzureichen, der genehmigt wird und trotz der Schwierigkeiten die am letzten Tag entstehen, am 20. mittags angetreten wird. Über Loingyon [Longuyon] nach Düsseldorf, dann Bachstedt und Hoppenstedt.

Am 6/10 abends 6 Uhr fahre ich in Düsseldorf wieder los, wo mich noch die Nachricht erreicht hat, dass die Kolonne wieder verlegt ist, in den Wald. In den Wald, das heisst bei dem herrschenden kalten Regenwetter in unergründlichen Lehmschlamm, zwischen umgehackte welkende Sträucher und Dreckhaufen. So malte ich mirs aus, während das Auge zum letzten Mal über das blinkende Silbergeschirr auf dem glänzend polierten Eichenholz glitt, daheim bei den zwölf Aposteln…..

Am 7.10 fand ich die Kolonne in einem trostlosen Zustand, seit 10 tagen im nassen Wald stehend, dabei angestrengt Nacht für Nacht Munition fahrend. Jeden tag ungefähr geht ein Pferd, im Schlamm liegend, vor Entkräftung ein. Und die übrigen unersetzlichen Tiere kaum wieder zu erkennen. Die Mannschaften haben als einziges Unterkommen die am Boden gespannten Zeltbahnen, die jeden Tag durchregnen. Dabei hat sich nur einer erst krank gemeldet – und alle schaffen um die Wette. Als ich mich in der dürftigen Bretterbude für den Rest der Nacht hinlegte und durch die Wand, auf gut badisch die halblaure Unterhaltung hörte: „Die ganz Kolonn´ ist doch froh, dass e widde do is.“ Da fühlte ich mich trotz allem behaglich.

10 Oktober Strapatzen und ertragendes Heldentum dieser Tage übertrifft alles, was die Kolonne bisher geleistet und geduldet hat. Der nasskalte Schlamm auf den Waldwegen wird jeden Tag unergründlicher, wenn mal ein Vorgesetzter – der Staffelmajor oder der Gruppenstaffelmajor – herkommt um sich den Zustand der Pferde anzusehen bleibt er auf dem ersten besten Rasenstück oder Baumstumpf stehen, lässt sich die Pferde, soweit sie noch bewegungsfähig sind, heranführen, und watet dann schleunigst zu einem Auto zurück. Dabei fährt die Kolonne jede Nacht Munition mit allen Pferden, die sich noch anspannen lassen. Führer sind wechselnd Vizewachtmeister Müller und Strittmatter. Der Franzose schiesst nicht mehr seit seine Angriffskämpfe nach den geringen örtlichen Erfolgen zum Stehen gekommen sind.

Gestern 12 Gespanne zu 4, mit Kastenwagen einer benachbarten Kolonne 700 Schuss Haubitzenmunition.

Nacht 12.-13. müssen sämmtliche noch zugkräftigen Pferde zweimal fahren; es brechen wieder fünf zusammen. „Da liegt Kriegsanleihe“ meint ein Fahrer halblaut, auf einen der verschlammten Kadaver hinweisend, da ja augenblicklich wieder die Trommel der Anleihe-Werbung unter den Soldaten gerührt wird. Übrigens, zu uns in den Schlamm kommt keiner der Werbeoffiziere heraus!

Die Inferiorität unserer Sozialdemokratie gegenüber der französischen – zeigt sich in diesen Tagen mit besonderer Schärfe und als ein entscheidender Kriegsfaktor gegen uns. Drüben fasst der Parteitag den Entschluss, die Kriegsführung mit allen Mitteln zu unterstützen – in unserm Reichstag das Platzen einer Stinkbombe. Abgeordnete der äussersten Linken treten beschönigend, beinah lobend ein für einen standrechtlich erschossenen Hochverräter –

Die Nadel eine Goya fände reichlich Anregung, meine heruntergekommenen Pferde hängend, schwanend zwischen den hervorstehenden Hüftknochen, festzuhalten. Und die Kadaver erst mit langen Halsen und verdrehten Beinen, wenn sie schlammtriefend wie ertränkte Mäuse, auf die Karre hoch gehoben werden.

Am 15. abends bzw. 16 früh kam der Munitionsauftrag nicht ausgeführt werden – die schon unterwegs zusammengebrochenen Gäule kommen den Steilhang zur Batteriestellung nicht mehr hoch – Meldung.

Nun endlich giebt es Ruhe für die Kolonne; es verbreitet sich das Gerücht – und bestätigt sich am 18. durch Befehl – dass die Kolonne wegkommt. Zwar hört da mit das Sterben noch nicht sofort auf unter den Gäulen – man hatte ihnen zuviel zugemutet von dieser übertriebenen Räudequarantäne an – aber – es ist doch ein Ende da!

Die Kolonne kommt nach Mercy-le-bas, irgend einem der Dörfchen im weiteren Umkreis um den für uns imaginären Mittelpunkt Verdun, um die ich nun seit 21 Monaten mit kurzen Unterbrechungen pendele. Von dem weiter nichts zu verzeichnen ist, als dass es an der malerischen gewundenen Talgrund eines Baches liegt, und nicht ganz so zerstört ist wie die Dörfer weiter hinten seit dem August 1914. Die Bauernhäuser reihen sich, mit den flachen Giebeln zusammenstossend, in einer Strasse; Aborte: Fehlanzeige.

Der Umzug muss wegen der völligen Erschöpfung der Pferde in zwei Teilen erfolgen, nachdem die wertvolleren Bagagewagen und eine Sektion der Munitionswagen den 30 km weiten Weg befördert sind, müssen die überhaupt noch etwas zugkräftigen Pferde 2 Tage Ruhe haben, ehe sie den Rest holen.

Am 23.10.1917 reite ich nach Gorcy, um mich bei der Etappenstaffel zu melden. Bei einem Regen, wie sich dessen die bekannten allerältesten Leute der ganzen Gegend nicht entsinnen können, müssen Agnes u. der Cosak laufen, was sie können.

Am 24.-25. Heimliche Fahrt nach R´desheim [vermutlich Rüdesheim]

26.10[.] Bei Tolmein haben wir über 10.000 Italiener gefangen genommen, am Chemin des Dames nach französischen Angaben, an achttausend der Unsern eingebüsst. Ich wünschte aber, wir hätten die Maccaronis nicht und hätten die Unsern noch. Hätten die Divisionen, die wir den Lakel´n [sic!] von Bundesbrüdern an die Seite stellen mussten, weil sie sonst vor lauter Kriegsunlust unter jeder Bedingung Frieden machen würden, dort mit einsetzen können.

30.10. Zum Korpsintendanten mit ein paar kleinen Wünschen, eine Waage, die für die genaue Zumessung der Marketenderwaren so erwünscht ist, Lederfett, das die Fahrer für das hartgewordene Geschirr dringend gebrauchen. Abends zum ersten Mal geflogen; über die herbstbraunen Wälder, über Flächen, durchzogen von graden hellen Linien der Strassen und über die Talschluchten; da glänzt in der Abendsonne die Maaß mit ihren Windungen, (scheinbar) gar nicht so fern. Von den Maaßhöhen hebt sich nichts ab. Eine Wendung nach Norden, und nach einigen Minuten, auf ein Zeichen von mir, senkt der Führer den Vogel. –

Die zerstörten Dörfer, die hier überall herum sind, und deren farbig schimmernde Bruchsteintrümmer nun, im vierten Kriegsjahr, schon zu überwachsen beginnen, erinnern mich an die Erzählung eines bayrischen Rittmeisters, wie er 1914 um sein Gepäck kam. Er hatte mit seiner Magazin-Fuhrpark-Kolonne beim Einmarsch in einem neuen Quartier bezogen, da schiesst abends ein Soldat auf eine Gans. Aus verschiedenen Fenstern erschallt sogleich er Ruf: „Ohnzinde, Ohnzinde!“ und im Nu stand das Nest in Flammen, und er konnte nicht mal mehr seine Sachen aus seinem Quartier holen.

Das abgetrieben Aussehen der Pferde hat sich nach wenig gebessert, dafür sind die Haferrationen, jetzt 3,5 kg für die Mehrzahl meiner Pferde, zu gering. Noch heute ist einer eingegangen an Entkräftung. Das bischen Gras, das jetzt noch auf den Weiden wächst, das wenige vertrocknete Kummt und Spreu von der Dreschmaschine, das treue Fahrer für ihre Tiere zusammenschleppen, ändert daran nichts.

1.11.1917. Eben bummert es wieder drüben an der Front, den klaren Tag werden die Franzmänner anwenden, um die Vaux-Kreuz-Höhe wiederzuholen zu versuchen, die ihnen die Garde-Ersatz Division vor ein paar Tagen abgenommen hat. Und für so eine Geländewelle nördlich von Verdun, die schon zehnmal hin und her gegangen ist, und aus ein paar Granattrichtern und Baumfetzen besteht, wird mehr Munition herangefahren und mehr Blut unserer besten Jahrgänge verspritzt, wie da unten in Friaul augenblicklich nötig ist, um eine Armee zu klappen. Das ist das deprimierend öde an den Kämpfen hier.

6.11. Habe mich nach dem ital. Kriegsschauplatz gemeldet und dabei meine Sprach- und sonstigen Kenntnisse nicht untern Scheffel gestellt; ein Besuch in Montmédy beim A.O.K., Nachrichtenoffizier, veranlasste das Gesuch an die Dolmetscherschule, gleichzeitig ein paar Zeilen an Hollender contra seinen Schwager Roepell, der seit Langem da unten arbeiten soll. Vom Nachrichtenoffizier werde ich dann noch aufgefordert zur Einreichung von Lebenslauf und ärztl. Zeugnis, der der hiesige Ortsarzt auf „G.V. Feld“ ausstellt. –

Inzwischen wickelt sich eintönig das Grau der Novemberlagen ab. Die Ruhezeit der Kolonne wird durch Apells u. Instandsetzungsarbeiten kaum unterbrochen.

9.11. Zu Ehren von Sankt Hubertus setze ich einen Morgengalopp durch den herbstlichen Wald an, für die paar nicht abgematteten Reitpferde. Loos, die Wachtmeister, Köhler. Durch Schlängelpfade, dann steil hinab in den Grund den Forellenbach durchwatet, wieder bergan, bergab und zum Schluss Attake auf eine Hammelherde. Abends ein festliches Essen mit den Ortskommandanten. – Selbst frische Zeitungen sind in dieser weltabgelegenen Untätigkeit nicht zu erlangen – u. wenn man Nachrichten bekommt – von dem grossartigen Vorwärts in Italien, von dem Hexenkessel in Russland – dann wecken sie Ärger, dass man hier festgebannt sitzt und sitzt…

11.11. In Montmédy frage ich telefonisch bei Gosewisch „ja Sie könnten heute in Italien sein mit Ihrer Kolonne“, wenn ja wenn Herr Oberlt. von W. nicht gesagt hätte, das geht nicht, ich habe Herrn V. eingegeben…. Ich war platt. „Aber Si haben mir doch selbst gesagt, Ihre Kolonne kommt nicht in Frage.“ „Hat sich hinterher geändert…“

Ja, wenn man eine unglückliche Hand hat! Nun werde ich wohl noch eine Weile Bizique spielen und Hühner füttern können. Die Pferde – es sind noch 80 von 143 da, und 23 befinden sich in Lazaretten – die Pferde wieder hochzubringen, ist bei dem knappen Hafer fast ausgeschlossen.

Major Coing ist in Flandern gefallen – und noch ein paar der besten jungen Offiziere.

Januar 10, 2021
von Jens Winter
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Kriegstagebuch von Georg Wilhelm Schmedes aus dem Jahr 1866

Georg Wilhelm Schmedes wurde am 23. Mai 1831 in Homberg (Kurhessen) geboren. Sein Vater war Hauptmann Christian Friedrich Schmedes (7 Jan 1794 – 12 May 1858), seine Mutter Louise Friederike Wilhelmine Schmedes, geb. Lichtenberger (1800 –  18??).  Zusammen hatten sie sieben Kinder:

  • Heinrich Julius (1828-1891)
  • Carl Theodore (1829-1892)
  • Georg Wilhelm (1831-1898)
  • Caroline (1833-1915)
  • Heinrich Caspar Otto (1835-1915)
  • Friederike Marie Eleonore (1837-1900)
  • Friedrich Eberhard (1840-)

Georg Wilhelm war der dritte Sohn.  Bis zum 10. Lebensjahr wurde er im elterlichen Hause in Fulda erzogen. Sein Vater war dort als Stiftssyndicus Mitglied des Stadtrates und auch im Schulvorstand der Stadt Fulda.  Von 1841 bis 1846 besuchte Georg Wilhelm das Gymnasium in Fulda. Von 1846 bis 1849 war er dann im Kadetten-Korps in Kassel. Am 8. Juni 1948 wurde er Portepeefähnrich in der Kurhessischen Artillerie. Seine weitere militärische Laufbahn beschreibt er selbst in seinem Lebenslauf.

Am 4. Oktober 1865 heiratete Georg Wilhelm Schmedes (34) seine Frau Stephanie Rudolphine Emilie Schmedes, geb. Beninga-Kettler (26).  Sie wurde am 9. Sep 1839 in Emden geboren, die jüngste Tochter des Oberamtsdirektors Stephan Rudolph Emilius Beninga-Kettler (1802-1875) und der Charlotte Louise Reimers (1803-1866).

Georg Wilhelm und Stephanie hatten vier Kinder, von denen bisher nur wenige Informationen bekannt sind.

  1. Die Tochter Anna Friedrike Auguste Schmedes wurde am 2. September 1868 in Thorn geboren und verstarb am 2. Januar 1878 in Königsberg.
  2. Der Sohn Heinrich Julius Eberhard Schmedes wurde am 1. Dez. 1869 in Thorn geboren. Er heiratete am 22 Juni 1900 die Frieda Ottilie Pauline Wagner in Diedenhofen, Elsass-Lothringen und verstarb am 18. Juli 1955 in Kassel. Er war Generalleutnant a.D..
  3. Der Sohn Karl Eberhard Adalbert Schmedes wurde am 10. Juli 1872 in Posen geboren und verstarb am 21. Nov. 1945 in Berlin-Dahlem. Er war Reichsbahnpräsident i.R..
  4. Die Tochter Louise Julie Caroline Schmedes wurde am 28. September 1879 in Königsberg geboren und am 9. Dez 1879 vom Militärpfarrer in Cöln getauft. Sie starb am 6. Nov 1880 in Cöln an Krämpfen.

Georg Wilhelm Schmedes verstarb am 28. Mai 1898 in Hannover an Darmkrebs. Zuletzt wohnte er mit seiner Frau in der Hartwigstr. 1. Er wurde 67 Jahre 5 Tage alt und wurde am 31. Mai 1898 auf dem Stadtfriedhof in Hannover beerdigt.

Militärischer Werdegang von Georg Wilhelm Schmedes

Frühere Verhältnisse

1831 den 23ten Mai geboren

Erziehung im elterlichen Hause bis zum 10ten Lebensjahre, von 1841 bis 1846 ins Gymnasium in Fulda, von 1846 den 1ten Juni bis 1849 den 8ten Juni im Kadetten-Korps zu Cassel.

1849 den 8ten Juni Portepeefähnrich in der Kurhessischen Artillerie. Vereidigt am selben Tage.

1849 den 12ten October zum Second-Lieutenant befördert[.] Patent vom 13ten October 1849.

1856 den 30ten September zum Premier-Lieutenant befördert[.] Patent vom 5. October 1856.

1866 den 30ten October zum Hauptmann in der 5ten Artillerie-Brigade ernannt. Patent vom 30ten Octobr. 1866. H.

Vereidigt bei der Uebernahme in den Preußischen Dienst im Monat October 1866.

Kommendes

1854 den 27ten April bis 1856 den 30ten September in der Kurhessischen Pionier-Kompagnie.

1856 bis 1859 nacheinander:

Führer der Kurhessischen Train-Abtheilung Vertreter des Vorstandes der Kurhessischen Artillerie. Werkstätten- und Feuerwerks-Lieutenant.

1861 den 17ten März bis October 1866 Regiments-Adjutant der Kurhessischen Artillerie.

1868 2 Kursus zum Besuch der Artillerieschießschule.

Feldzüge, Belagerungen[,] Schlachten und Gefechte

1866 Feldzug in Südwest-Deutschland. Doppelt zu nehmen.

1870/71 Feldzug gegen Frankreich.

70 u. 71 doppelt zu nehmen

1. Belagerungen

Cernierung von Paris vom 19ten September 1870 bis 29[.] Januar 1871.

2. Schlachten

Schlacht bei Wörth am 6ten August 1870

Schlacht bei Sedan am 1ten September

Schlacht unter dem Mont Valerion am 19. Januar 1871

3. Treffen

4. Gefechte

Gefecht bei Weißenburg am 4ten August 1870

Gefecht bei Sonne und Beaumont am 30ten August 1870

Gefecht bei Ricôtre am 19ten September 1870

Gefecht bei Malmaison am 21. October 1870

In preußischen Diensten

1866 30 Oct. Hauptmann in der 5. Art. Brigade Patent H.

1867 22 Aug. zum Kompagnie resp. Batteriechef 5. Art. Brigade.

1872 26. Oct. In das Niederschlesische Fuß. Art. Regiment Nr. 5 versetzt.

1874 9. Juni zum Major im Ostpreuß. Fuß. Artillerie Regiment Nr. 1 Patent C. Durch Verfügung der General-Inspection der Art. Vom 14/6 74 zum Kommandeur des 2. Bataillons ernannt.

1879 den 16. September unter Stellung à la suite des Regiments zum 1. Art. Offizier von Elch in Coeln ernannt.

1881 den 10. März mit der Führung des Ostpreuß. Fuß. Artillerie Regiments Nr. 1 beauftragt.

1881 den 22. März zum Regiments-Kommandeur ernannt.

1881 den 16. Sept. zum Oberlieutenant Patent C. e.

1882 den 11. Juli mit Pension aus seiner bisherigen Uniform zur Disposition gestellt.

Revidirt u. richtig befunden den 15/4 86 Schmedes

Kriegstagebuch von Georg Wilhelm Schmedes von 1866

Das Kriegstagebuch wird vom Folgenden buchstabengetreu wiedergegeben. Unleserliche Worte werden mit eckigen Klammern markiert, ebenso wie Ergänzungen.

Das Besondere an dem Tagebuch ist die genaue Beschreibung der militärischen Bewegungen während des Mainfeldzuges 1866. Schmedes war damals Offizier in der Kurhessischen Artillerie. Persönliche Bemerkungen oder Gefühle sind dagegen nicht niedergeschrieben. Schmedes ging es rein um die Darstellung des militärischen Geschehens.

Erste Seite des Kriegstagebuches von Georg Wilhelm Schmedes über den Mainfeldzug 1866

Tagebuch [1866]

16. Juni

Früh 2 Uhr wurde das Regiment das auch daß zum Ordreempfang befohlen war und das Gerücht sich verbreitet, daß die Garnison ausmarschieren solle, alarmiert. Die Ordreempfänger kehrten früh 6 Uhr zurück, ohne daß etwas bestimmtes war. Um 11 Uhr theilte der Herr General von Cochenhausen mit, Preußen habe an Hessen den Krieg erklärt, des Regiment solle sich zum Abmarsch parat halten, dasselbe solle in 2 Kolonnen, die eine zum Leipziger Thor, die andere zum Frankfurter Thor hinaus, ausgeführt werden, es sollten 2 Munitionswagen mit Munition für glatte Geschütze und 1 solches mit Munition für gezogene Geschütze mitgeführt werden. Die Train-Abtheilung war bereits mit Fuhren für die Pionier Komp. beschäftigt, es wurden also die Reservepferde der Batterie verwendet, um die Munition von dem Pulvermagazin zu holen. Hierauf wurde vom Kh. Kriegs-Ministerium angeordnet so viel Munition zu empfangen als zur Hebung sämmtlicher Protzen erforderlich sei, da erstes Kommando schon abmarschiert war, so gelangte der Befehl nunmehr 2 Wagen gezogene Munition und 3 Wagen glatte Munition zu empfangen nicht mehr in die Hände des mit ersterem Kommando beauftragten Oberfeuerwerker Türk. Kaum war letzterer Befehl übergeben, so kam ein weiterer Kriegsm. Beschluß der die Mitnahme von 5 Munitionswagen per Batterie und mehr, Befehl, da die Batterien marschiert bleiben sollten, so konnten zur Ausführung dieses Befehls nur sehr beschränkte Mittel an Pferden und Mannschaften verwandt werden, die Batterien schickten ihnen Mittelpferde zu diesem Munitionsempfang aus, um nöthigenfalls nach mit einer Bespannung zu 4en abmarschieren zu können. Der 12 Pfd. Batterie wurde aufgegeben einen Kasten-Wagen und einen Gepäckwagen zu empfangen und zu bespannen; die Train-Abtheilung erhielt die Auflage 4 [Feurgins?] zu empfangen und zu bespannen und die Kriegskasse zu transportieren. Gegen 1 Uhr kam die Genehmigung Kurh. Kriegs-Min. Transportmittel von den Hausgemeinden requirieren zu dürfen.

Hiernach kam der Kriegsm. Befehl die gezogenen 4 Pfd. Geschütze nebst Munitionswagen, sowie die 4 gez. 6 Pfd. Res. Geschütze, deren Rohre auf dem Waffensaal des Zeughauses hinterlegt waren mitzuführen, die Mitnahme wurde angeordnet, die Requisition wegen der Pferde erlassen. Hiernach gegen ½ 3 Uhr kam noch ein weiterer Kriegsm. Befehl der die Mitnahme von sämmtlichen zu einer Mobilmachung erforderlichen Ausrüstungs-Montirungs-Stücke und Waffen p.p. anordnete, dieser Befehl wurde den Abtheilungen mitgetheilt, konnte aber nicht ausgeführt werden, da um 3 Uhr der Befehl anlangte, das Regiment solle sich alsbald vorbereiten und binnen einer Stunde mit der Eisenbahn nach Bebra befördert zu werden, hierauf wurden von den Batterien alle Kommandos eingezogen und mit dem Transport der Batterien sowie der bis dahin empfangenen Geschütze und Wagen nach dem Bahnhof begonnen. Nach 4 Uhr begann die Verladung der Pferde p.p. in die Eisenbahnwagen, bei welcher Gelegenheit Major Bauer von einem Pferd vor den Kopf geschlagen und nach seiner Wohnung zurückgefahren wurde. Um 9 Uhr ging der 1te Zug unter Kommando des Oberleut. v. Dumen nach Hersfeld ab, woselbst er um 12 Uhr einlief, das Ausladen dauerte dort mit provisorischen Einrichtungen sofort vorgenommen und war binnen 2 Stunden beendigt[.]

Den 17. Juni

Um 7 Uhr früh traf der 2te Zug mit dem Rest des Regiments in Hersfeld ein. Von hier aus wurde an den Feuerwerker Helm der Befehl ertheilt, sämmtliche stehen gebliebenen Wachen einzuziehen und mit sämmtlichen noch in Cassel befindlichen Leuten des Regiments alsbald über Hersfeld zu folgen. Die Verhältnisse im Regiment wurden durch Regiments-Ordre geordnet. – Der seitherige Kommandierende des Armee-Korps Generallieutenant Prinz Friedrich Wilhelm von Hessen wurde durch Allerhöchste Ordre von dieser Stelle entbunden und dieselbe dem bisherigen Kommandanten von Cassel Generalmajor von Schenk übertragen.

Um ½ 1 Uhr Ausrücken des Regimentsstabs der 12 Pfd. und 6 Pfd. Batterie nach Hünfeld, Regimentsbefehl und 6 Pfd. Batterie nach Hünfeld, 12 Pfd. Batterie nach Rückers.

Um ½ 2 Uhr Ausrücken der Reitenden und 1. gez. Batterie unter Kommando des Oberlt. Von Numeck nach Eiterfeld; 1. gez. Bat. Quartier Eiterfeld, Reit. Sect. Quartier Leimbach.

Den 18. Juni

Die Regimenter erhielten die Auflage auf Grund der Allerhöchsten Ordre Nr. 62, welche die Mobilmachung der Armee-Division ausgesprochen, vorerst noch keine Baurleutten einzuziehen. –

Rendezvous: Vormittags 9 Uhr bei Rückers. Der Anmarsch der Preußen von Großenlüder her, war annoncirt, es wurde deshalb früh 6 Uhr Pr. Lt. Linker und Collen, so wie einige berittene Unteroffiziere zur Prognoscierung nach Großenlüder und weitere entsendet, die Truppen nehmen Stellung vor Rückers, gegen 12 Uhr wurde erst der Weitermarsch nach Fulda angetreten. Quartier Fulda: Regimentsstab, 1. gez. Batterie 6 Pd. Batterie. Quartier: Johannisberg: Reit. Batt Quartier Kohlhaus: 12 Pfd. Batterie. Munitions- und Artillerie-Kolonne Quartier Fulda[.] Auf Vorposten am Leipzigerhof wurde 1 Zug Artillerie aufgestellt.

Den 19. Juni

Ruhetag in Fulda. Die Artillerie-Kolonne marschierte nach Hanau weiter.

Den 20. Juni

Rendezvous Vormittag 9 ½ Uhr am Löscheröder Wirthhaus südlich Bronzell. Die Kavallerie marschierte mit der Reit. Batterie über Bierstein nach Hanau. Quartiere: Regimentsstab, 12 Pfd. Und 1. gez. Batterie nach Schlüchtern, 6 Pfd. Batterie nach Niederzell.

Den 21. Juni

Rendezvous: Vormittag 8 Uhr jenseits Steinau auf der Straße. Quartiere: Regimentsstab, 12 Pfd. Und 1. gez. Batterie Gelnhausen, 6 Pfd. Batterie Meerholz.

Den 22. Juni.

Rendezvous: Vormittags 8 Uhr auf der Frankfurter Straße zwischen Rothenbergen und Langenselbold. Quartiere: Regimentsstab und 1. gez. Batterie nach Hanau, Reit. Batterie nach Bruchköbel, 6 Pfd. Batterie nach Langendiebach, 12 Pfd. Batterie nach Mittelbuchen. – Mit am Einrücken der Truppen in und um Hanau ging des Kommando über dieselben von Generalmajor von Schenk an den Generalmajor von Loßberg über. –

Den 23. Juni.

Die zur Pionier-Kompagnie commentirt gewesenen Infanterie-Mannschaften kehren zum Dienst in ihre Bataillone zurück. Eine Ordre de Bataille wurde ausgegeben.

Den 24. Juni.

Es findet folgende Dislocation statt

Reit. Batterie Hochstadt

12 Pfd. Batterie Windecken

1 gez. Batterie blieb in Hanau

6 Pfd. Batterie Bruchkobel

Es wurden Bestimmungen über den ärztlichen Dienst in den [?ments], Einrichtung von Krankenstube, Füllung der Feldapotheken, Herbeischaffung von Verbandszeug p.p. gegeben.

Den 25. Juni.

Hptmann Zwirnemann u. Pr. Lieutenant Collet wurden zur Dienstleistung zum Kommando der Armee-Division commentirt, das Kommando der 6 Pfd. Batterie übernahm Pr. Lieut. Hicker, das der Train Abtheilung und des Munitionsparks Pr. Lieutenant Hormann. Eingang von Meldung von der Gefangennahme des Second Lieutenant v. Kitzoll. Der Pionier-Kompagnie, Weiterbeförderung derselben an das Kommando der Armee-Division. – Nachmittags vorher über das Nichteintreffen des Feuerwerkes Burghardt der 1. gez. Bt. Und Helm der Reit. Batterie beim Regiment. Es wurde ein Tagesbefehl ausgegeben der die Kurh. Truppen unter die Befehle des Kommandeurs des 8 Bundesarmeecorps Prinz Alexander von Hessen stellt.

Den 26. Juni.

Proclamation Sr. Königl. Hoheit des Kurfürsten an das kurhessische Volk wurde mitgetheilt. Die Verlegung der 12 Pfd. Batterie von Windecken nach Langenselbold auf den 27.c. beschlossen. Eingabe vom Lieut. Mangold über Dienstunbrauchbarkeit seines Chargenpferdes, desgln. v. Pr. Lieut. Schmedes über vorläufige Dienstunbrauchbarkeit s. Chargenpferdes, der Feuerwerker Burghardt meldete sich bei seiner Batterie zum Dienst.

Den 27. Juni.

Das Chargenpferd des Second. Lieut. Mangold wurde erschaffen. Antrag beim Commando der Armee-Division für Herr General v. Cochenhausen Pr. Lieut. Schmedes u. Sec. Lt. Mangold je 1 Pferd beschaffen zu lassen. An das Kommando des 8. Armee-Korps soll täglich ein Rapport eingegeben werden, das Kommando der Armee-Division befiehlt die Eingabe des Rapports täglich um 1 Uhr.

Den 28. Juni.

Dem Regiment wurde mitgetheilt, daß dasselbe zu 3 Batterien und zwar zu 2 gez. 6 Pfd. Batterien à 4 Geschützen und zu einer gez. 4 Pfd. Batterie zu 6 Geschützen formiert werden würde. 2 mobile Escadrons des 2ten Husaren-Regiments unter Kommando des Majors Heusinger v. Waldegg sollen sich marschbereit machen, um am 1. Juli abmarschieren zu können, der übrige Theil des Regiments fällt unter das Kommando des 1. Husaren-Regiments.

Den 29. Juni.

Vorm. 7 Uhr große Parade vor dem Kommandieren des 8 Bundes-Armee-Korps Prinz Alexander von Hessen. – Meldung vom Kommando der Pionier Komp. daß das Chargenpferd des Pr. Lieut. Bode kollerig geworden. – Es wurde durch Ordre mitgetheilt, daß die Kurhessischen Truppen nach Mainz verlegt werden sollten, um sich daselbst mobil zu machen. – Es sollen sämmtliche sich im freiwillig um Dienst meldenden Leute im Dienst behalten werden. – Ein Feldobermunitionsrat wurde commandiret.

Den 30. Juni.

Die 1. gez. Batterie wurde per Eisenbahn über Frankfurt u. Höchst nach Mainz befördert. Hr. Oberstlt. v. Ohumers schließt sich an. Die monatlichen Quartal-Eingaben sollen bis auf Weiteres unterbleiben. Ein Armeebefehl des Bundes Feldherr Pr. Karl v. Baiern wurde bekannt gemacht.

Den 1. Juli.

Mittags 1 Uhr 25. Wurden nach Mainz befördert die Artillerie-Kolonne mit den Handw. Kompagnien und der Train-Abtheilung. – Die um Langenselbold stehenden Truppen, darunter ein in Selbold stehende 12 Pfd. Batterie, wurden unter das Kommando des Obersten v. Baumbach vom 1. (Leib) Husaren Regiment gestellt. Das Obercommando über die in u. um Hanau stehenden Kurh. Truppen übernahm General v. Schenk.

Den 2. Juli.

Die ernannten Remonteankaufs Commissionen sollten das Remontegeschäft den 4. Juli beginnen, vom Artillerie-Regiment war dazu bestimmt: Lieut. von Hoppe und Regimentsthierarzt Fischer.

Um 10 Uhr wurden nach Mainz befördert die Pionier-Kompagnie mit Brückentrain, um 6 Uhr abends die in Bruchköbel centrierende 6 Pfd. Batterie. Jede Abtheilung hat 2 Eisenbahngutscheine von Hanau nach Frankfurt und von Frankfurt nach Mainz duplo auszustellen. Die Fuhrwerke mußten jedesmal 3 Stunden vor Abgang des Zuges auf dem Bahnhof parat stehen. Die Reiterei Batterie wurde nach Hanau verlegt. – Dir Premier Lieutenant Schmedes erhielt das Pferd Nr. 1509 der R. Batterie als Chargenpferd. –

General v. Schenk wurde mit der Kriegsverwaltung beauftragt, General von Cochenhausen übernahm das Commando der in und um Hanau stehenden Truppen. Es mußten Bestimmungen über die Verpflegung der Truppen in Mainz gegeben. Die 12 Pfd. Batterie wurde nach Rückingen verlegt.

Den 3. Juli.

Die Reit. Batterie marschirte mit 3 Esc. Des 1 (Leib) Husaren-Regiments Nachmittags 5 Uhr von Hanau ab nach Höchst und den folgenden Tag weiter nach Mainz. – Die 12 Pfd. Batterie wurde nach Kesselsbach verlegt. Ein Commando des Reit. Batterie in der Stärke von 4 Unteroffizieren, 26 Mann wurde unter Commando des Pr. Lieut. Lentz nach Kesselbach zur Inempfangnahme der angekauften Remontepferde verlegt.

Den 4. Juli.

Vorm. 11 Uhr wurde mit der Bahn über Aschaffenburg, Darmstadt nach Mainz befördert die 12 Pfd. Batterie und der Brigadestab[.] Ankunft in Mainz nach 6 Uhr.

Den 5. Juli.

2 Ausfallbatterien, die 1. gez. und 6 Pfd Batterie à 6 Geschützen wurden formiert, die 12 Pfd. Batterie gab die Pferde ab.

Bestimmung wurde ertheilt, daß von nun an die Gerichte nach den Gesetzen für Kriegszeiten erkennen sollte. Statt der Helme sollten von nun an für Infanterie und Artillerie die Mützen getragen werden.

Die gesammte abkömmliche Mannschaft wurde zu Armierungs-Arbeiten verwendet (145 Mann).

Den 6. Juli.

130 Mann wurden von der K. K. Artillerie Direction zu Armirungarbeiten verwandt, die Ausfallbatterien konnten deshalb nicht firmirt werden. Die Mannschaft wurde sämmtlich in Kasernen untergebracht und Menagen eingerichtet.

Den 7. Juli.

Zu Armirungsarbeiten wurden weitere 120 Mann commandirt, die Ausfallbatterien wurden deshalb noch nicht errichtet. Der 1te Transport Pferde (79) kamen von Hanau an, darunter 26 für Artillerie, 12 für Pioniere, Lieutenant von Gironcouch und Mangold erhielten die Aufsicht darüber, letztere namentlich über die der Artillerie. Von Carlsruhe kamen 2300 Geschosse für gezogene 4 Pfd. Geschütze, Hptmann Horquet hatte den Empfang, Hptmann Zwirnemann die Ausgabe und Verpackung in die 4 Pfd. Batterie zu leiten. – Es wurde berichtet, daß an das Artillerie Regiment derartige Anforderungen gestellt wurden, daß es denselben unmöglich in diesem Umfange nachkommen könne, daß außerdem noch nichts habe geschehen können um sich einigermaßen auszurüsten, daß als Regiment, zum größten Theil die hier her bestimmten Geschütze, noch gar nicht kenne, auch außerdem fast nur junge Mannschaften, die noch nie geschossen habe[n] besitze, sich unter diesen Verhältnissen noch nicht im mindesten habe für das Feld vorbereiteten können, als Festungsartillerie sei die Mannschaft ebenwohl nicht im geringsten ausgebildet.

Den 8. Juli (Sonntag).

Ein Unteroffizier der R. B. mit 20 Infanteristen wurde zum Empfang von Remontepferden nach Hanau entsendet.

Den 9. Juli.

Es wurden wieder 130 Mann zu Armierungsarbeiten commandirt. 2-6 spännige Gespanne der Reit. Batterie wurden zum Empfang von Minié-Munition nach Wiesbaden entsendet. Die 6 Pfd. Batterie sollte 4 Pfd. Munition in die 4 Pfd. Protzen und Wagen verpaken (mußte ausgesetzt werden) die 1. gez. 6 Pfd. Batterie hinterstellte ihre nicht fertig elaborirte Munition im Fort Weißenau. Die Helme wurden, da auf Befehl des Divisions-Commandos im Dienst die Dienstmützen getragen werden sollten, den Batterien p.p. abgenommen und hinterstellt. Die Commandos für Armierungsarbeiten sollen die ganze Woche fortgegeben werden, es werden commandirrt: Pr. Lt. Müller zur Armierung des Forts Hechtheim, Sec. Lieut. Breithaupt zur Armirung des Forts Zahlbach, Sec. Lieut. Scheffer zur Armirung _______________ ferner Lieut. Winter u. Callmann zu Pulvertransporten, Lieut. v. Kietzell zum von Zündnadelmunition, Pr. Lt. Fironecouch zur Train Abthlg., Lt. Mangold zur Beaufsichtigung der Remontepferde, Lt. v. Hoppe ins Hauptquartier nach Frankfurt. – Oberfeuerwerker Fricerici ging zum Revidiren von 4 Pfd. Geschoßkanonen nach Offenbach ab. 

Den 10. Juli.

Lt. Witzell wurde zur Dienstleistung zu den nach Frankfurt entsendeten Pionier. Komp. commandirt und ging heute früh dahin ab. Hauptmann von Kampfer traf von Offenbach kommend hier beim Regiment wieder ein. Es wurde die Eingabe eines Formations-Etats kaschirt auf die Organisirung von 1 Stabsoffizier mit Adjutant.

2 Batterie à 4 gez. 6 Pfd. Geschütze nebst Batterie zu 6 gez. 4 Pfd. Kanonen nebst der 1ten Munitions-Kolonne (pro Geschütz 260 Schuß) befohlen.

Den 11. Juli.

Armirungsarbeiten wie gestern. Allarm. Disposition wurde ausgegeben. 8 Mann der Train-Abtheilung wurden zur Kriegsverwaltung nach Fessenheim commandirt. Ein Laboratorium unter Leitung des Hauptmann von Stamfred zur Anfertigung von Zündnadelmunition wurde organisirt.

Den 12. Juli.

Armirungsarbeiten wie gestern, die permanente Besetzung der Forts Hechtheim, Zahlbach und Stahlberg mit in Summa 6 Unteroffizieren 62 Mann wurde von der Artillerie Division befohlen. Diesem Befehle konnte nicht nachgekommen werden, da der Befehl vom Gouvernement zur Aufstellung von 2 Ausfallbatterien fast die gesammte Mannschaft der Fußartillerie in Anspruch nimmt. Schreiben deshalb an die Festungs-Division.

Den 12. Juli.

Auf Abends ½ 11 Uhr wurde der Ausmarsch der 1. gez. Batterie mit 4 Geschützen und 1 Munitionswagen nach Nieder-Olm befohlen, wurden gegen 9 Uhr Abends wieder abbestellt.

Den 13. Juli.

Armirungsarbeiten wie gestern. Eine Proclamation des General von Loßburg – Erwiderung auf ein Aufforderung des Königl. Preuß. Generals v. Werder wurde ausgegeben. Nachmittags: Verhör über Mannschaft der Train-Abtheilung, die einen Diebstahl mit Einbruch gegen den Candinenwirth in der Hessenheimer Inf-Kaserne beschuldigt. – Es wurde vom Commandirenden des 8ten Bundes-Armee-Corps mitgetheilt, daß dasselbe der Genfer Convention beigetreten sei.

Den 14. Juli.

Armirungs-Arbeiten wie gestern. Die Besetzung der Forts Hechtsheim und Zahlbach wurde zurückgezogen[.] Lieut. Müller u. Breithaupt treten zum Dienst in ihre Batterie zurück. Lieut. Scheffer mit 2 Unteroffizieren 16 Mann zur ständigen Besetzung in Fort Stahlbach.

Den 15. Juli.

Regiments-Ordre, wonach der Formations-Etat den Batterien übergeben wird, um danach ihre Ausrüstungs-Etats aufzustellen[,] die 1. gez. Batterie bleibt 1 gez. 6 Pfd. Batterie, die 2 Pfd. Batterie wird 2. gez. 6 Pfd. Batterie, die 6 Pfd. Batterie wird 1. gez. 4 Pfd. Batterie. Das Commando der Handwerker-Kompagnie soll den Ausrüstungs-Etat für die Munitions-Kolonne aufstellen, Hptmann Zwirnemann ein Artillerie Laboratorium einrichten und Hptmann Herquet behält die Verwaltung des Munitionsparks. Zu Ausfallbatterien blieben die 1. gez. Und 6 Pfd. Batterie bestimmt, dieselben formirten indeß zu 4 Geschützen, wobei die Reiterei Batterie noch etwaigen Requisitionen entsprechen soll.

Den 16. Juli

Zu Armirungsarbeiten 2 Unteroffiziere 16 Mann und einige Artilleriehandwerker. Oberfeuerwerker Friderici, der gestern Abend von Offenbach zurückgekehrt war, meldete sich heute Morgen beim Regiment zurück, derselbe hat Offenbach verlassen müßen[,] weil die Preußen auf Offenbach vorrückten. Es wurden eine Allarm-Disposition ausgegeben für die kurhessischen Truppen, wonach die bestimmten Geschütze auf dem Schloßplatz sich aufstellen sollen.

Abends um ½ 8 Uhr kam der Befehl nun der Artillerie-Direction, daß die Citadelle mit einem Offizier Lt. Rötz 2 Unteroffizieren 20 Mann, das Gau-Thor mit einem Offizier Lt. Oder 2 Unteroffizieren 8 Mann und die Rhein Caponiere am Fisch-Thor mit einem Offizier Lt. Kietz 2 Unteroffizieren und 8 Mann ständig besetzt werden sollen[.] Die Remonten (136) wurden unter Commando des Lt. Hertz und Breithaupt nach Mombach, Tonsenheim und Weißenau verlegt.

Den 17. Juli

Zu Armirungsarbeiten. Abends 8 Uhr. Lieut. Winter, 4 Unteroffiziere und 34 Mann.  Major Bauer wurde zur Dienstleistung zum Generalmajor v. Buttlar nach Cassell commandirt. Die Reiterei Batterie erhielt den Befehl als Ausfallbatterie nach Cassell zu rücken, wurde wieder abbestellt. Der gesammte Train wurde nach Mainz gezogen und biwakirte auf dem Schloßplatz. –

Um ½ 10 Uhr erhielt die 1te. gez. Batterie den Befehl, die Eisenbahnbrücke zu besetzen, die Batterie biwakirte auf der schönen Aussicht. –

Den 18. Juli.

Armirungs Arbeiten 6 Unteroffiziere 48 Mann, Sec. Lieut. Volmar. Die Remontepferde unter Lieutenant Hentz u. Breithaupt wurden wieder nach Weißenau und Zahlbrach verlegt. Sec. Lieutenant Collmann und 4 Artillerie Unteroffiziere wurden dem Generalmajor v. Buttlar zur Verfügung gestellt. Pr. Lieutenant Rentz meldete sich krank. Lieut. Breithaupt übernahm für denselben das Commando. Die 6 Pfd. Batterie marschierte um ½ 9 Uhr nach den Rheinbrücken und biwakirte daselbst.

Den 19. Juli.

Armirungs-Arbeiten 6 Unteroffiziere 45 Mann. Major Bauer wurde zur Inspection über sämmtliche Werke der rechten Rheinuferns bestimmt. Es fielen einzelne Schüße gegen den Riebuion und sich nähernde preußische Abtheilungen. Die Remonte resp. der Artillerie überwiesene 36 Remonten wurden von der Kavallerie übernommen.

Den 20. Juli.

Armirungs-Arbeiten 1 Offizier 4 Unteroffiziere und 34 Mann. 177000 von dem Jägerbataillon in Forts Karl aufgefundenen Zündnadelpatronen wurden in die Kaserne zwischen Lamina und Felicitas geschafft. – Der Belagerungs-Zustand der Festung und des Festungs-Rayons wurden ausgesprochen. – Gegen Mittag rückten preußische Abtheilungen und Artillerie gegen Castel vor einzelne Schüße wurden abgegeben und erwidert.

Den 21. Juli.

Armirungs-Arbeiten wie gestern. 4 Gespanne der 6 Pfd. Batterie wurden zu Geschütztransporten nach Castel commandirt.

Den 22. Juli. Sonntag

186 Mann des Artillerie-Regiments gingen in der St. Johannis-Kirche zur Kommunion. – Zur ständigen Besetzung der Rheinkehl Caponiere unter Lieut. von Kitzell wurden noch weitre 4 Unteroffiziere 15 Mann commandirt. Gegen Mittag wurden von den Werken aus Castel einzelne Schüsse abgegeben. –

Den 23. Juli

Armirungs-Arbeiten Lieut. Winter 4 Unteroffiziere 34 Mann. Errichtung einer Arbeiter Kompagnie Lieut. Volmar ist dazu commandirt. Sec. Lt. Mangold wurde zum Artillerie-Division nach Castel commandirt. Pr. Lt. Hormann zur Dienstleistung in die 12 Pfd. Batterie. – Vormittags 3 Uhr die Festung allarmirt. –

Den 24. Juli.

Armirungs-Arbeiten wie gestern –

Den 25. Juli.

Fahr- und Exerzierübungen der Batterien. –

Den 26. Juli.

Wie gestern. – Es wurde mitgetheilt, daß die herz. meiningschen Truppen aus der Festung zurückgezogen werden. Das Festungs-Commando ging von dem herz. meiningschen Oberst von Bach an den Generalmajor von Loßberg über.

Den 27. Juli.

Fahr- und Exerzierübungen wie gestern.

Den 28. Juli.

Wie gestern. – Nachmittags 3 Uhr marschierten die Meiningschen Truppen über Castel ab, das Obergewehr hatten dieselben ablegen müssen. In Veranlaßung dieses Abmarsches wurde von Mittags 12 Uhr an eine 24stündige Waffenruhe mit dem vor Mainz liegenden preußischen Truppen abgeschlossen.

Den 29. Juli.

Den 30. Juli.

Exerzier-Fahr- und Reitübungen wie in der vorigen Weise. –

Den 31. Juli.

Wie gestern. –

Den 1. August.

Wie gestern.

Den 2. August

Wie gestern. Abends 5 Uhr lief die Waffenruhe auf dem rechten Rheinufer ab. Um 9 Uhr wurde der Garnison mitgetheilt, daß die Waffenruhe für beide Ufer bis auf Weiteres verlängert worden sei.

Den 3. August

Wie gestern. – Ein Artillerie Divisionsbefehl zeigt die Abberufung der großherzg. Badischen Truppen an und verfügte die Ueberlieferung der von badischer Artillerie besetzten Werke an bairische u. kurh. Artillerie.

Den 4. August.

Uebungen wie gestern. Abmarsch der großh. Badischen Artillerie.

Den 5. August Sonntag.

Den Commandierenden wurde vom General v. Hofberg mitgetheilt, daß vom Heer uns freigestellt sei in die betreffenden Heeerestheile abzumarschieren wenn die betr. Heeres-Gener. die Zurückberufung befehlen würden, da letzteres für uns nicht zu erwarten sei, so beabsichtige General v. Hofberg vorerst in Mainz zu verbleiben und das Weitere den eingeleiteten diplomatischen Verhandlungen zu überlassen. –

Den 6. August

Uebungen wie am 4. An Sec. Lt. Mangold wurde ein Chargenpferd abgegeben.

Den 7. August.

Wie gestern – Vorm. 3 Uhr Abmarsch der königl. würtembergschen Truppen. – Der Abmarsch der großh. Hessischen Truppen wurde angezeigt.

Den 8. August.

Uebungen wie gestern.

Den 9. August

Uebungsplane der Batterien wurde vom Commando genehmigt und finden danach die Uebungen statt. Mittheilung der Artillerie-Division, daß sämmtliche fortificitrische p.p. Arbeiten zur Armirung der Festung auf hohen Befehl eingestellt worden seien. –

Den 10. August.

Es wurde den Truppen mitgetheilt, daß Prz. Alexander v. Hessen das Commando des 8. Armee Corps niedergelegt habe, in Folge dessen werden die schwarz-roth-goldenen Armbinden abgelegt.

Den 11. August.

Uebungen nach den Uebungsplänen.

Den 12. August Sonntag.

Den 13. August

Vorm. 11 Uhr Abgabe eines Chargenpferds an den Pr. Lieut. Bode der Pionier Komp.

Den 14. August

Uebungen nach den Uebungsplänen[.]

Den 15. August

Festtag. – Uebungen abbestellt. – Mittheilung der Artillerie-Direction auf die Anfrage des Regiments, daß die zu Objects-Commandanten bestimmten Artillerieoffiziere von diesem Commando nicht entbunden werden können. –

Den 16. August

Wie den 14ten.

Den 17. August.

Vorm 11 Uhr die in Zahlbach stehenden Remontepferde wurden gegen schlechtere Pferde in den Batterien umgetauscht und die Batterien complettirt, der Wechsel p.p. findet den 20. August statt.

Den 19. August Sonntag.

Geburtsfest des Kaisers v. Oestreich – Kirchliche Feuer in der St. Peters Kirche.

Den 20. August.

Wegen des Geburtstagsfestes Sr. K. Hoheit des Kurfürsten wurden die Uebungen abbestellt. – Abends 6 Uhr Extra-Speisung der Mannschaften.

Den 21. August.

Uebungen nach den Uebungsplänen. –

Den 22. August.

– abends Mittheilung daß die Helme weiter getragen werden dürften

Den 23. August.

Die Der Belagerungszustand wurde aufgehoben. Der Abmarsch der Königl. Bairischen Truppen wurde angezeigt. – Uebungen wie gestern. –

Den 24. August.

Inspection der einzelnen Batterien in Exerzieren. Vormittags von ½ 9 Uhr und in der [Kehle?] des Forts Elisabeth. – Der Abmarsch der Königl. Bair. Truppen wurde angezeigt.

Den 25. August.

Der königl. bair.  Gouverneur v. Rechberg zeigt an, daß er den 26ten das Festungsgouvernement an den königl. preußischen General Waldemar Prinz von Holstein abgeben werde. Uebungen nach dem Uebungsplan.

Den 26. August Sonntag.

Vormittags 9 Uhr Ansprache des Herrn General von Cochenhausen an die Offiziere der Artillerie-Brigade. Auseinandersetzung des Verhältnißes zu den königl. preuß. Truppen. – Um 10 Uhr auf dem Schloßplatz Ansprache an die Mannschaften, Ermahnung zu guter Waffenbrüderschaft und zur Verweisung von Ernsten. Um 9 Uhr wurde befohlen, daß der Artillerie-Park alsbald in die Kehle des Forts Elisabeth verlegt werden sollte. Um 12 Uhr rückten 7 Bataillone Preußen in die Festung ein, an der Spitze der neue Gouverneur, General v. Loßberg und die übrigen Generale waren entgegengeritten. Nachmittags 2 Uhr marschierten die Garde du Corps u. um 4 Uhr das Leibgarde- Regiment von hier ab.

Den 27ten August

Vormittags ½ 4 Uhr Abmarsch des Regiments, die Batterien zu 4 Geschützen und jede Abtheilung mit einem Bagagewagen, alle übrigen Fuhrwerke und das sonstige Material wurden mit dem Lieutenant Volmar, 2 Oberfeuerwerker und 12 Mann in Mainz zurückgelaßen, Quartier: Regimentsstab und 2 Batterien in Idstein, 1 Batterie (1. gez. Bat.) und die Handwerker Kompagnie in Wörstadt Ankunft um 1 Uhr Mittags.

Den 28. August

Abmarsch um ½ 5 Uhr, Quartier: Regimentsstab und 2 Batterien in Usingen, 1 Batterie (6 Pfd. Bat.) in Weinborn, Ankunft um ½ 1 Uhr Mittags.

Den 29. August

Regimentsstab: Butzbach

Den 30. August und 31. August

Regimentsstab: Gießen.

Den 1. Sept. Regimentsstab: Kappel

Den 2 Sept.

Regimentsstab: Jesberg

Den 3. Sept.

Regimentsstab: Wabern

Den 4. Sept.

Vorm. 11 ½ Uhr rückten in die 3 Fuß Batterien, die Handw. Kompagnie, Train-Abtheilung und das Remonte-Depot in Cassel ein. – Regimentsstab: Cassel. 12 Pfd. U. 1. gez. Batterie: Bettenhausen, 6 Pfd. Batterie: Heiligenrode. Handw. Kompagnie: Sandershausen. Train-Abtheilung und Remonte-Depot Nieder- und Ober Kaufungen. Das unter dem Commando des Pr. Lieut. Heim vom 2. Husaren Regiment gestandene Remonte-Depot wurde unter das Commando der Train-Abtheilung gestellt und in Nieder- und Oberkaufungen untergebracht. –

Den 5. Sept.

Die Abtheilungen beurlaubten bis auf die Stärke von 24 resp. 25 Fahrern und per Batterie 10 Bedienungskanoniere, sämmtliche Offiziere, Aerzte, Beamte[,] Unteroffiziere, Tambourine und Trompeter blieben im Dienst. –

Um 11 Uhr rückte die Reit. Batterie in Cassel ein und bezog das [?ment] Wolfsanger. –

Januar 9, 2021
von Jens Winter
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Kriegserinnerungen von Paul Nagel (1916-1919)

Paul Nagel aus Hohenstein-Ernstthal hat seine Kriegserinnerungen im September 1924 in das vorliegende Heft geschrieben. Als Grundlage diente ihm sein Kriegserinnerungsbuch, wie er auf der letzten Seite des Heftes schreibt.

Die Kriegserinnerungen decken den gesamten Zeitraum seines Militärdienstes vom 11. September 1916, als er zum II. Ersatz-Bataillon des Infanterie-Regiments 179 in Wurzen eingezogen wurde, und enden mit seiner Entlassung aus dem Militär am 1. April 1919.

Das Infanterie-Regiment 179 unterstand dem XIX. Armeekorps.

Paul Nagel war ab dem 4. November 1916 am Wytschaetebogen bei Ypern in Belgien mit seiner Einheit an der Front eingesetzt. Er erlebte die Schlacht bei Messines (Schlacht am Wytschaetebogen) vom 21. Mai bis 14. Juni 1917) mit.

Die Briten eröffneten den Angriff gegen den Wytachaetebogen am 21. Mai 1917. Die deutschen Stellungen wurden bis 7. Juni 1917 ununterbrochen beschossen. Durch die Sprengung einer Gruppe von Minen bei Messines (Mesen) brach die deutscher Verteidigung diese Frontabschnitts zusammen. Innerhalb von drei Stunden wurde der Frontbogen eingenommen. Die deutschen Gegenangriffe in den folgenden Tagen waren erfolglos. Der Frontbogen viel bis 14. Juni 1917 vollständig in britische Hände. Die Schlacht bei Messines gilt als erfolgreichste Offensive der Alliierten im 1. Weltkrieg.

Paul Nagel berichtet über seine Erlebnisse ab dem 7. Juni 1917: [Am 7. Juni] ging es also wieder mit voller Ausrüstung fort, erst 1. Stunde Marschiert, dann mit der Bahn über Lille bis Menin [Menen], hier ausgestiegen ging es durch die Stadt nach Schelluve [Geluwe], hier gab es erst auf freier Wiese Mittagessen, kamen dann in Schellove [Geluwe] in die Kirche ins Quartier, von hier aus ging es Abends mit Sturmgebäk [Sturmgepäck] bis Temprielen [Ten-Brielen], hier haben wir einige Stunden auf freier Wiese in Zeltbahnen eingewikelt [eingewickelt] geschlafen, am morgen [Morgen] ging es weiter bis Huthem [Houthem] hier sind wir bis zur nächsten Nacht in ein alten Bauerngut geblieben, selbiges lag noch an einem Kanal, welcher durch die Englige [englische] Artillerie immer beschossen wurde hier hatten wir auf 1 Toten und etliche leichtverwunde. Als dann Abends die Feldküche uns versorgt hatte, sind wir dann weiter vor nach Huthem [Houthem], kamen hier an eine Hecke  zu Liegen bis zum Mittag, dann sind wir etwas weiter rechts, hier standen viele Baraken [Baracken] welche aber zusammen geschossen waren, denn die Engländer hatten vor bar Tagen hier Angegriffen und den Ort Huthem [Houthem] mit den Baraken zusammen geschossen, deshalb wurden auch wir hier wieder eingesetzt. Neben diese zerschoßenen Baraken haben wir in Granattrichter gelegen,  am nächsten Tag hat es mich mit 4 Kameraden durch eine Granate verschüttet, wobei 1 Kammart [Kamerad] unsern Motor fort geschleudert wurde und besinnungsloß liegen blieb, bei uns anderen war es noch gut abgelaufen, die Engländern schossen nun noch mit schweren Geschütze hierher, am dritten Tag wurden wir entlich [endlich] wieder abgelöst sind da Nachm. zurük [zurück], wobei uns die Feindliche Arie Artellerie [Artillerie] auf der Straße Huthem – Tembrielen [Houthem – Ten-Brielen] zum Laufschritt brachten, denn die rükwerts [rückwärts] gefunden Straßen wurden stark beschossen, als wir durch dieses Feuer durch muste, schlug eine schwere Granate neben mir ein aber zum Glük [Glück] war ein es Blindgänger, es hob uns mit dem druk [Druck] hoch und sahen bald nichts mehr, aber drotzdem [trotzdem] sind wir dann weiter gesaust, war für wieder mal, weil es ein Blindgänger war dem Tode entgangen. Sind dann zurük bis Amerika [America], ein kleiner Ort woh sich jetzt unser Komp. befand, haben hier in einem Garten grose [große] Zelte gebaut woh wir unsere Unterkunft vorübergehend hatten, hier hatten wir wieder mal 4 Tage Ruhe, dann ging es weider [weiter] vor, diese mal nach Hollebecke , woh wir 1 Tag in Betonunterständen am Eisenbahndamm lagen.

Bis zum 3. September 1917 war Nagel dann im gleichen Raum an der belgisch-französischen Grenze eingesetzt. Vom 3. bis 15. September 1917 war er dann zum Heimaturlaub in Hohenstein-Ernstthal. Bereits am Tag nach seiner Rückkehr zu seiner Einheit wurde er wieder an der Front eingesetzt. Dort wurde er durch einen Granatsplitter leicht am rechten Schienbein verletzt und kam ins Lazarett. Erst am 27. April 1918 kam er, nach Zwischenstationen in Zwickau und zu Hause in Hohenstein-Ernstthal, dann wieder als Soldat an die Front, nun allerdings beim Ersatz-Bataillon Infanterie-Regiment Nr. 134. Dieses Regiment war von Februar bis Juni 1918 an den Stellungskämpfen zwischen Maas und Mosel bei Remenauville, Regniéville und Fey-en-Haye.

Nagel blieb allerdings nur wenige Tage dort im Einsatz. Am 29. Mai 1918 meldete er sich krank. Nach seinen Aussagen hatte ihn eine Art Grippe erwischt. Bis 24. August war er dann im Lazarett sowie für 20 Tage zu Hause, weil seine Schwiegermutter erkrankt und daran auch verstorben war. Bis zum 26. Oktober 1918 war er dann wieder an der Front bei Ypern eingesetzt. In der Nacht vom 26. auf den 27. Oktober erwischte ihn dann wieder eine Grippe und er meldete sich krank. Das Kriegsende erlebte er dann im Kriegslazarett 5. Die Nachricht vom Waffenstillstand fegte auch seine Krankheit weg und er begab sich gesundet mit weiteren Soldaten zum Brüsseler Bahnhof, um ihn die Heimat zurückzufahren. Er war dann wieder bei beim Ersatz-Bataillon Infanterie-Regiment 134 in Plauen. Dort wurde ihm auch 1919 noch das Eiserne Kreuz verliehen. Am 1. April 1919 wurde er aus dem Militärdienst entlassen.

Über den weiteren Lebensweg Paul Nagels ist nichts weiter bekannt.

Anmerkung zur Edition

Das Tagebuch wird in einer buchstabengetreuen Abschrift wiedergegeben. Da Nagel große Schwächen in Rechtschreibung und Zeichensetzung hatte, werden in eckigen Klammern die korrekt geschriebenen Wörter angegeben. Ebenso wurden die französischen und belgischen Ortsnamen, die ausfindig gemacht werden konnten, in der heute bei Google Maps benutzten Schreibweise in eckigen Klammern angegeben. Die wenigen Worte, die nicht entziffert werden konnten, sind mit [?] deutlich gekennzeichnet.

Deckblatt der Kriegserinnerungen von Paul Nagel
Erste Seite der Kriegserinnerungen von Paul Nagel aus Hohenstein-Ernstthal

Mein Militär- und Kriegslebenslauf von Paul Nagel

Ich wurde am 11. September 1916 zur II. Ers. Btl. Rgt. 179 nach Wurzen eingezogen. Sieben Woche sind wir da Ausgebildet worden, wir waren auch in dieser Zeit zweimal auf den großen Truppenübungsplatz in Zeithein [Zeithain], als ich das zweite dort war, wurden 50 Mann herausgezogen, welche sofort ins Feld mußten [mussten] woh [wo] ich da natürlich mit dabei war, wir 50 Mann kamen am nächsten Tag sofort zurük [zurück] nach Wurzen, wurden da neu eingekleidet und konnten noch 2 Tage auf Urlaub fahren, als ich von Urlaub zurük kam, ging es noch nicht fort, erst nach einigen Tagen ging es entlich [endlich] ab, sind von Wurzen bis Leipzig gefahren, haben dort den ganzen Tag auf den Befehl gelauert da aber selbigen Tag kein Befehl kam, sin [sind] wir am Abend  wieder zurük nach Wurzen, und erst eine Woche später ging es dann wirklich fort, das war am 1. November, sind da wieder mit Musik auf dem Bahnhof und wieder nach Leißnig, von hier aus ging Nachmittag 4 Uhr der Transport ab, woh selbst mich meine Frau, da sie mich in Leißnig besucht hat, noch auf dem Bahnhof Bekleidet [begleitet] hat. Nun wusten wir nicht mehr, ob wir nicht einmal zurück fahren und unseren Heimart [Heimat] und Angehörigen wieder zusehen bekommen würden, da gingen um so manche Gedanken durch den Kopf, aber wir wusten doch, das wir erst in ein Feld Batr. Depot [Feldbatterie Depot] kamen und nicht gleich an die Kampflinie, unsere Fahrt ging über Leipzig, Halle, Essen, Dortmund, Aachen, dann durch Belgien über Lüttig, Namur in der Richtung nach Lille in Nordfrankreich zu, unterwegs sind wir auh [auch] etliche mal verpflegt worden. Wir kam dann am 4. November nach Mitternacht wobei es auch noch Rechnete [regnete] in Watignis [Wattignies], was kurz hinter Lille liegt, entlich an. Dann hieß es, alles raus, zur weiteren Einteilung, mußten wir noch eine Stunde bei Regenwetter stehen bleiben, bis es entlich in unser Quatier [Quartier] ging, welche aussahn [aussahen] als ein Pferdestall und aus Holz bestanden woh es immer genau so rechnete [regnete] als in freien hin wir eine Woche, dann kamen wir in das daneben liegende Schloß  welches dann frei würde, weil selbige Komp. die bis jetzt drin lag an die Front kam.

Um diesen Schloß  befand sich ein großer Park, worin wir dann Vor und Nachmittags tüchtig Exerzieren musten, hier lagen wir bis 1. Dezember, dann wurde unser Feld Batr. Depot versetzt nach Buschbake [Bousbecque] woh wir dann in einer Fabrik zu liegen kamen, welche wir erst wieder für unseren Bedarf Einrichten musten, dann ging das Exeszieren  [Exerzieren] hier wieder weiter.

Zum Weihnachtsfest hatten wir dann auch eine kleine Feier mit etlichen Faß Bier, woh wir auch kleine Geschenke erhielten, auch hatten hier ein Feldwebel eine Schrammelkapelle zusammen gestellt, wobei ich als einziger  Konzertspieler mit gewirkt hab. Es war wieder mal ein, nach langer Zeit, schöner Abend, selbiges hat sich an Silvester wiederholt.

Am 7. Januar wurde unsere 1. Komp. in die drei anderen Komp. eingereiht, kam dann zur 4. Komp. bis zum 15. Januar dann kamen wir alle mit an die Front. Nun hatten wir natürlich unseren Kopf voll, dann, es ging nun aus einen ernsteren Ton. Am 15.1. Vorm. 8 Uhr sind wir mit unseren Gebäck [Gepäck] von Buschbake [Bousbecque] abmarschiert nach Comines kamen da 11 Uhr an und wurden dann in das Aktive Regt. 133 verteilt, ich kam mit noch 8 Mann zur 11. Komp. selbige lag in Belg. Comines in einer Angebauten Holzbaracke, hier musten wir uns nun mit den neuen Kameraden zusammen finden. 5 Tage lagen wir da noch in Ruhe, weil die Komp. sich gegenseitig in vorterer [vorderer]  Stellung ablösten, am 21.1 ging dann unsere Komp. in vorterster [vorderster] Stellung, (der Bewegungskrieg hatte da aufgehört, wir und unsere Feinde hatten sich feste Stellung gebaut.) unser Regt. lag in Wihtschantebogen [Wijtschatebogen] lings [links] von Ipern [Ypern]. Um Mitternacht ging es mit Militärsgebäck [Militärsgepäck] auf dem Rücken fort, woh wir nur das Notwendichste [Notwendigste] mitnahmen, hatten eine halbe Stunde zu Fuß, dann ging es mit einer Kleinbahn etwa 1 Stunde bis Bahnhof Freudental, unterwegs sahen wir überal an der Front die weisen [weißen] Leuchtkugel aufsteigen und konnten auch den Donner der Atillerie [Artillerie], trots [trotz] das gerungels der Bahn, ganz deutlich höhren von Freudental sind wir noch 1 Stundte Marschiert, dann waren wir in den Ort Wihschante [Wijtschate], woh natürlich kein Haus mehr vorhanden war, hier ging es dann in einen Laufgraben, woh mann [man] im freien niemand sehen konnte, es waren 2 Meter tiefe ausgeschaufelte Gräben, an den Seiten ausgebaut daß [das] nicht einfallen konnte, in der Hauptsache das der Feind uns nicht sehen konnte 20 Minuten vergingen eh wir in den Vortersten [vordersten] Hauptgraben kamen, hier angekommen lösten wir gleich die für uns bestimmte Gruppe ab, wobei ich gleich mit zuerst auf Posten bei Nacht stehen mußte.  Das waren nun die ersten Stunden die ich vor dem Feind stand, allerdings ein sehr komisch gefühl, man durfte aber bei Nacht sich nicht gar so hoch machen, sonst hätte man von feindlichen Maschinengewehr, die hier direkt gegenüber standen ein bar [paar] Kugel ab gegricht, [abgekriegt] wobei auch ein mancher Kammerat [Kamerad] Kopfschuß davon getragen hatt, mußten Feinde voran hier Engländer, welche auch gute Soldaten sind, des Nachts sind wir alle 2 Stunden auf Posten gezogen, am Tag blos [bloß] einmal 2 Stunden, die zwischenzeit wurde geschlafen, oder unsere Stellung, wann sie von Feind durch Artillerie eingeschossen war wieder in Ortnung [Ordnung] gebracht, unser Essen haben wir auch noch hohlen [holen] müssen, unsere Küchen befanden sich eine halbe Stunde zurück im Walde in großen Holzunterständen, welche gegen den Feind so angebracht waren das sie nicht zu sehen waren, das Essenholen war nichts leichtes, es war ein sehr kalter Winter, das Wasser im Laufgraben wurde zu Eis und noch stockfinstere Nacht dazu, wovon da immer 2 Stunden unterwegs, brachten manchmal blos [bloß] die hälfte Essen u. Kaffe [Kaffee] mit zurück. 5 Tage waren wir hier, sonst war diese Stellung ruhig außer etlichen Minen u. Flachbahngeschosse das heißt leichte Artillerie. Wir wurden nun von einer anderen Komp. abgelöst, und kamen in die zweite Stellung (Kampflinie) etwa 200 Meter zurück von der vordersten Stellung, hier gab es leichte  Holzunterstände wärend [während] wir in der ersten Stellung Betong [Beton] Unterstände hatten, da waren wir einigermasen [einigermaßen] sicher. In der 2. Stellung brauchten wir nicht Posten zu stehen, musten aber des Nachts die zurück gefunden Laufgräben bauen und in Ortung halten, geschlafen haben wir am Tag, auch gab es des Nachts Drahtrollen u. Baumaterial von hinten nach der 1. Stellung zu transportieren, der Stacheldraht wurde des Nachts vor der ersten Stellung gezogen, das der Feind bei einem Angriff verhinterd [verhindert] war, nicht so läuft vorwärts zu kommen, selbigen Drahtziehen muste natürlich ohne Geräusch abgeben das unser gegenüber liegender Feind nichts davon merken durfte, sonst hätte es Maschinengewehrfeuer gegeben, auch gab es Minen von einem Zentner vor zu schaffen. In dieser 2. Stellung lagen wir 10 Tage, dann ging es wieder 5 Tage in die vorderster Linie, woh das Posten stehen wieder loß [los] ging. Nach diesen 5 Tagen kamen wir wieder zurük in unser Ruhequartier nach Comines auf 10 Tage, wurden des Nachts abgelöst, sind bis Huthem [Houthem]  Marschiert, der Ort liegt zwischen Wihschante [Wijtschate] und Comines, sehr viel Baracken sind hier gebaut, wir blieben in Huthem [Houthem] (nicht in Comines) in diesen Baracken, weil wir des Nachts neue Stellungen Auswerfen musten, hätten sonst zu weit Marschieren müssen, vormittags hatten wir Bettruhe, nachmittags Exerzieren u. Stellungsübung. Nach diesen 10 Tagen ging es wieder 5 Tage in die vorterste [vorderste] erste Stellung, dann 10 Tage in zweite Stellung, dann wieder 5 Tage in die erste Stellung. Unsere Stellung war sonst ruhig, blos des Nachts Maschinengewehrfeuer. Als diese 20 Tage vorbei waren, kamen wir wieder 5 Tage nach Huthem [Houthem] woh wir wieder des Nachts Stellung bauen gingen, die nächste 5 Tage kamen wir entlich zurük Comines in unser Ruhequartier, woh wir wieder Exerzieren musten.

Von hier aus ging es dann wieder in Stellung, so es wie vorher abwechsell  [abwechselnd] immer weiter bis mitte [Mitte] März 1917, woh [wo] eines Tages von uns aus eine grösere [größere] Patriolle [Patrouille] mit Atillerie [Artillerie] unternommen wurde, sie wurde von den zusammen gestellten Sturmzug und entlichen [etlichen] Leuten von unser Komp. ausgeführt, Nachmittag von 4-6 Uhr wurde von unser Atillerie [Artillerie] u. Minenwerfer auf den vortersten [vordersten] Feindlichen Graben geschossen, Um 6 Uhr verlegte dann unsere Arie (Artillerie) ihr Feuer weiter zurük in die Feindliche Stellung um damit den Weg noch weiter zurük abzusperren, nachdem machte dann unser Patriolle [Patrouille] von etwa 100 Mann in die Feindliche Stellung, auch liesen [ließen] es sich die Feindliche Arie nicht nehmen auf unsere Stellung zu Schießen, nach etwa ½ Stunde kam unser Trupp wieder zurük mit 40 Gefangenen Engländer, 2 Maschinengewehre und verschiedenes mehr, die Gefangenen wurden dann abtransportiert, und es ging alles wieder weiter wie erst. Selbiges muß ich noch einfügen, das ich wärend [während] der Arie Feuer von 4-8 Uhr auf Posten stand und sämtliches beobachten konnte, allerdings als die Englige [englische] Artillerie einsetzte war es bald nicht mehr schön als die Granaten über und neben uns platzten, unser Graben war etwas zusammen geschossen, ich bin zum Glück mit heiler Haut davon gekommen. dann war es ruhig bis ende März, dann schossen die Engländer jeden Tag 1 Stunde mit ihrer Artillerie auf unsere vortersten [vordersten] Gräben,  wir dachten sie würden, eine grose [große] Partriolle [Patrouille] auf unsere Stellung werfen, lies sich aber niemand sehen, wahrscheinlich war es immer schein, an diesen Tagen lagen wir in zweiter Stellung, da hatten wir viel Arbeit bekommen, denn es war viel angeschossen worden was nicht mehr gangbar war.

Am nächsten Tag kamen wir dann in die erste Stellung, vom dritten volgenden [folgenden] Tag sahen wir dann durch unsere gute Beobachtung wie am Nachm. sich in unsern gegenüber liegenden Feindlichen Graben die Engländer mit Aufgepflanzden [aufgepflanztem] Seitengewehr sich ansammeln, welches wir durch ein Scheerenfernrohr ganz deutlich sehen konnten, wir haben natürlich diese Ansammlung sofort unsere Komp. Führer gemeldet, durch ihn wurde dann unsere Artellerie [Artillerie] durch Telefon benachrichtet [benachrichtigt], in 10 Minuten setzte dann unsere Artillerie ein und legte das Feuer auf den Engligen  [englischen] Graben woh sich die Engländer angesammelt hatten, mit unser guten Beobachtung hatten wir jedenfalls den Engländern ihr Vorhaben verdorben, wir hatten dann nichts vom Feinde wieder gesehen. Am selben Abend haben sie wieder auf unsere Stellung stark geschossen, es hat sich aber kein Engländer sehen lassen, etwas später haben sie dann nachts von uns bei I. R. 199 getrommelt, mit Arie, woh [wo] die Engländer daselbst auch eine Partriolle [Patrouille] gemacht haben, sollen aber wenig erfolg gehabt haben unser bar [paar] Tote und Verwunde auf unser seite, selbiges war gerate [gerade] am grünen Donnerstag [Gründonnerstag], ein Stük [Stück] der vordersten Stellung bleib dann unbesetzt weil es eingeschossen war u. in Wasser stand, sind dann in die neue II Stellung gekommen von hier aus haben wir zwei [Sappen?] nach vorn gedrieben [getrieben] woh sich der zerschossene Graben befand, bis zum 23. April waren wir in dieser Stellung woh sich weiter nichts extraes [extra] Ereignete. Nun sollte wir einmal 4 Wochen in Ruhe nach der Etape [Etappe] hinten kommen.

In der Nacht zum 23. Ap. wurden wir von Preusigen [preußischen] Militär abgelöst sind dann bis Comines 2 ½  Stunden Marschiert, hier angekommen hatten wir viel Arbeit dann Nachm. 6 Uhr ging es mit voller Ausrüstung fort unsere drekige [dreckige] Schützengrabenausrüstung musten da bis dahin in voller Ortung u. rein sein. 6 Uhr sind wir in Comines abmarschiert bis nach Wervik etwa 1 Stunde, woh dann Baden u. Entlausen uns 2 Stunden aufhielt, dann ging es weiter über Buschabake [Bousbeque] u. Rung [Roncq] nach Mußgrun [Mouscron] woh wir dann Nachts 1 Uhr ankamen, hatten da 5 Stunden Marsch mit vollen Gepäk [Gepäck] hinter uns, konnten auch kaum weiter, hier kamen wir zu Einwohner ins Quartier, ich war mit 4 Mann bei zwei älteren Frauen gekommen brauchten uns nicht weiter zu beklagen, die Einwohner waren uns nicht übel gesinnt, uns Sachsen woran sie gut gesinnt, aber von Preusen [Preußen] wollten sie nichts wissen. Hier ging nun das alte Exerzieren wieder loß [los], als wir 10 Tage in Ruhe lagen, hieß es auf einmal, das Gebäck fertig machen es geht wieder in Stellung, da war uns unsere 4 Wochen nichts geworden, wir sind dann am 3. Mai in die Kleinbahn verladen worden und bis Comines gefahren, wir hatten blos Sturmgebäck bei uns, die Turnißter [Tornister] sind nach gefahren worden,  von Comines sind wir Marschiert über Huthem [Houthem] Kurtuwilde [Kortewilde] nach Hollebecke [Hollebeke], hier kamen wir als reserve [Reserve] in eine sogenannte Sonnenstellung, hier gab es grose [große] Unterstände teils aus Holz u. Betong [Beton], es war ein kleines Wäldchen, es war bald die vriste [frische] Sommerfrische, nicht ein einziger Schuß [Schuss] kam hier for [vor], jedenfalls wurde hier etwas vermutet, verläuft ein Angriff, weil wir aus unserer Ruhe geholt und unsere ganze division hier dazwischen eingeschoben wurde, dann vor einigen Tagen hatten die Engländer die vor uns liegende dammstellung zusammen geschossen, was erst eine Straße war, an den Seiten mit unterständen, woh mann [man] aber leiter [leider] nichts mehr von einer Straße sah, auch die vorderste Stellung war zerschossen, hier lagen wir bis 1. Juni ohne das sich etwas groses [großes] ereignet hat, kamen dann wieder zurük in unsere Ruhe, sind dann bis Wervik Marschiert von hier aus mit der Bahn über Lille nach Labriso [La Brisée?] gefahren, hier kamen wir in eine Villa zu liegen, der Besitzer war aber nicht anwesend, an Exerzieren fehlte es selbstverständlich hier auch nicht,  hatten uns soweit wieder eingerichtet als es eines Tages hieß, wir sollten uns wieder fertig machen, unsere Ruhezeit war aber noch nicht um, wurden nun schon wieder an die Front geschaft [geschafft], in der Nacht darauf, es war 7. Juni, ging es also wieder mit voller Ausrüstung fort, erst 1. Stunde Marschiert, dann mit der Bahn über Lille bis Menin [Menen], hier ausgestiegen ging es durch die Stadt nach Schelluve [Geluwe], hier gab es erst auf freier Wiese Mittagessen, kamen dann in Schellove [Geluwe] in die Kirche ins Quartier, von hier aus ging es Abends mit Sturmgebäk [Sturmgepäck] bis Temprielen [Ten-Brielen], hier haben wir einige Stunden auf freier Wiese in Zeltbahnen eingewikelt [eingewickelt] geschlafen, am morgen [Morgen] ging es weiter bis Huthem [Houthem] hier sind wir bis zur nächsten Nacht in ein alten Bauerngut geblieben, selbiges lag noch an einem Kanal, welcher durch die Englige [englische] Artillerie immer beschossen wurde hier hatten wir auf 1 Toten und etliche leichtverwunde. Als dann Abends die Feldküche uns versorgt hatte, sind wir dann weiter vor nach Huthem [Houthem], kamen hier an eine Hecke  zu Liegen bis zum Mittag, dann sind wir etwas weiter rechts, hier standen viele Baraken [Baracken] welche aber zusammen geschossen waren, denn die Engländer hatten vor bar Tagen hier Angegriffen und den Ort Huthem [Houthem] mit den Baraken zusammen geschossen, deshalb wurden auch wir hier wieder eingesetzt. Neben diese zerschoßenen Baraken haben wir in Granattrichter gelegen,  am nächsten Tag hat es mich mit 4 Kameraden durch eine Granate verschüttet, wobei 1 Kammart [Kamerad] unsern Motor fort geschleudert wurde und besinnungsloß liegen blieb, bei uns anderen war es noch gut abgelaufen, die Engländern schossen nun noch mit schweren Geschütze hierher, am dritten Tag wurden wir entlich [endlich] wieder abgelöst sind da Nachm. zurük [zurück], wobei uns die Feindliche Arie Artellerie [Artillerie] auf der Straße Huthem – Tembrielen [Houthem – Ten-Brielen] zum Laufschritt brachten, denn die rükwerts [rückwärts] gefunden Straßen wurden stark beschossen, als wir durch dieses Feuer durch muste, schlug eine schwere Granate neben mir ein aber zum Glük [Glück] war ein es Blindgänger, es hob uns mit dem druk [Druck] hoch und sahen bald nichts mehr, aber drotzdem [trotzdem] sind wir dann weiter gesaust, war für wieder mal, weil es ein Blindgänger war dem Tode entgangen. Sind dann zurük bis Amerika [America], ein kleiner Ort woh sich jetzt unser Komp. befand, haben hier in einem Garten grose [große] Zelte gebaut woh wir unsere Unterkunft vorübergehend hatten, hier hatten wir wieder mal 4 Tage Ruhe, dann ging es weider [weiter] vor, diese mal nach Hollebecke , woh wir 1 Tag in Betonunterständen am Eisenbahndamm lagen.

Am nächsten Tag morgens musten wir dann ganz vor in einem Straßengraben, Schützengraben und Unterstände gab es hier nicht mehr, denn die Engländer waren hier vorgedrungen und sasen [saßen] in unser Stellung. An diesem Straßenrand lagen wir 2 Tage wobei die Englischen Flieger über uns weg fuhren und uns genau sehen konnten woh wir lagen, bevor wir dann abgelößt wurden, bekamen wir nocheinmal Trommelfeuer, hatten dabei uns unsere Verwundete in meiner nähe war auch eine Granate eingesaust. gethan [getan] hat es mir sonst nicht, wuste blos dann nicht gleich woh ich mich eigentlich befand. Wurde dann gegen Morgen abgelößt, kamm [kam] weiter zurük in alte Betonunterstände, woh erst unsere Artillirie [Artillerie] gestanden hat, wir durften uns auch für nichs [nichts] groß in freien sehen lassen, weil die Feindl. Arie viel hier her schoß [schoss], nach 2 Tagen kamen wir wieder 1 Tag vom Bahndamm und am nächsten Tag ging es wieder vor, etwas weiter nach rechts, kamen hier in Granatlöcher zu liegen, ich und noch 5 Kammeraden hatten einen alten Holzunterstand gefunden, woh wird am Tag wenigsten gegen Feindlichen Flieger gedeckt waren, denn mann konnte sich kaum noch retten, sie flogen so tief, das sie alles mit blosen [bloßen] Auge sehen konnte, hier war jetzt nichts weiter loß, nach 2 Tagen kamen wir wieder zurück nach Kurtuwilde [Kortewilde], hier kann jeder Zug in einer mit Gras bewachsenen und starken Baumstämme gebauten grosen [großen] Unterstand, hier haben wir weiter nichts gemacht als gegessen, geschlafen u. geraucht denn wir bekamen für jeden Tag 10 Zigarren und 15 Zigaretten da konnten wir feste dampfen. Am 4 Tag wurden wir von Bayrichen [bayerischen] Kameraden abgelößt, sind gegen Morgen zurük [zurück] nach Amerika [America], bekamen unsere Verpfegung [Verpflegung], musten dann sofort unser Gebäk [Gepäck] fertig machen du fort ging es wieder, 3 Lastauto voran schon bereits auf der Strase [Straße] woh wir eingestiegen sind, unsere Richtung ging nach Ort Laube [Ort nicht auffindbar!], hier wurden wir in die Eisenbahn geladen und sind gefahren über Lille bis Asju [Ascq?], hatte hier vom Bahnhof noch 2 Stunden Marsch mit vollem Gebäk  [Gepäck] und bei groser  [großer] Hitze.

Es war nun bereits das dritte mal [Mal] das wir nun entlich in unsere grose [große] Ruhe kamen, in diesem Ort waren blos noch die hälfte Einwohner da, woh wir hier in die verlassenen Häuser kamen. Hier waren wir nun wieder mal wieder in Ruhe, das heißt lebenssicher und vom Kriegswirren etwas entfernt etwa  6 Stunden, aber hier ging leiter [leider] das Exezieren [Exerzieren] nun wieder loß [los], was uns eigentlich anekellde [anekelte] denn im Feindesland kurz hinter der Front noch Exezieren [exerzieren]. Hier in Asju [Ascq?] befand sich auch ein groser  [großer] Flugplatz von uns. Nach 10 Tagen ging es hier wieder fort und zwar am 7. Juli nach Los [Loos] bei Lille, hier hatten wir wieder 3 Stunden Marsch. In Los [Loos] kamm [kam] unser 4 Kompanien III. Btl. in eine grose [große] Fabrik zu liegen, das Exezieren [Exerzieren] ging selbstverständlich hier wieder weiter, der Exezierplatz [Exerzierplatz] lag in nächsten Ort Lomme, hatten da hin  [dahin] u. zurük [zurück] eine Stunde Marsch. Habe mir auch von hier aus etliche mal Urlaub geben lassen nach Lille und mir diese grose Stadt angesehen, hier war grose Etappenbedrieb. In Los [Loos] lagen wir bis 23. Juli, dann ging es ohne Gebäk [Gepäck] wieder fort nach Wavrin, es waren 2 Stunden von hier, kamen da in einen grose Holzbude, 4 Wände und Dach, hier musten wir erst wieder Ausbauen und unsere Einrichtung selbst herstellen, hatten aber auch noch dienst mit zu tuhn [tun], lagen für 8 Tage dann ging es vom 31. Juli mit Gebäk [Gepäck] fort. Wärend diesen 8 Tagen war ich auch mal 1 Tag in Ostende es ist eine sehr schöne, herrliche Stadt, hier haben wir auch am Strande ein Seebad gemacht und dann innen heisen [heißen] Sand gelegt, in den größten Strandhotel am Strand hab ich mir dort immer des Hotels mal angesehen, so etwas hatte leiter [leider] noch nicht zu sehen bekommen, so herrlich die ganze Aufmachung der Betrieb war allerdings jetzt zur Kriegszeit etwas lahm gelegt, ein schöner Anblik [Anblick] auch vom Strand aus aufs Meer zu schauen, es wird mir eine Erinnerung bleiben. Also hier ging es am 31. Juli mit Gebäck nach Provin, es waren 2 Stunden Marsch, hier kommen wir in verlassene Häuser woh der dienst wieder weiter ging bis zum 8. August. Nun war unsere grose Ruhe zu Ende, es waren nun ganzen 6 Wochen gewesen. Am 8. August waren wir in der Eisenbahn Verladen, die Fahrt ging über Lille bis Menin von hier musten wir mit Gebäk [Gepäck] bis zum nächsten Ort Wervik Marschieren, kamen hier in eine Fabrik welche schon für Millitär eingerichtet war, In Wervik waren jetzt keine Einwohner mehr, es war auch viel zusammen geschossen, nach 2 Tagen ging es Abend wieder in Stellung vor, woh es natürlich wieder bei uns haufen hing 2 ½ Stunden Marsch bis Mesines [Mesen], musten hier in verdekte [verdeckte] Granatlöcher liegen, Schützengraben u. Stellung gab es auch hier nicht mehr, denn die Engländer hatten im Mai, Juni bei einen Angriff zurük gedrängd [gedrängt], hier war es jetzt ruhig, es sag noch alles grün auf den Wiesen, 4 Tage lagen wir in vorterster [vorderster] Linie, dann 4 Tage etwas weiter zurük, aber auch in Granattrichter, nach diesen 4 Tagen kamen wir ins Ruhequartier welches sich jetzt in Baß Flandern [Basse Flandre] befand, hatte hier Holzbaraken [Holzbaracken], musten selbige aber erst nach unsern Bedarf herrichten, so ging die Ablösung alle 4 Tage weiter.

Am 3. September war ich dann an der Reihe mit Heimatsurlaub, hatte allerdings schon lange mit Sehnsucht darauf gelauert, es war auch ziemlich ein ganzes Jahr das ich von der Heimat fort war, meine Komp. ging gerate am 3. wieder vor in Stellung und ich konnte das erste mal wieder nach der Heimat Fahren. 5 Uhr Nachm. bin ich in Menin [Menen] Abgefahren und kam am nächsten Tag Nachts in der Heimatstadt Hohenstein=Er. [Hohenstein-Ernstthal] glücklich an, es kam mir allerdings hier erst komisch vor, so eine Ruhe war mann doch garnicht mehr gewöhnt, hatte 14 Tage Urlaub, habe mich in dieser Zeit zu Hause gut Ammesiert [amüsiert] mann konnte wenigsten einmal in Ruhe und in einen Federbett Schlafen, diese Zeit verging leiter [leider] auch schnell und ich muste wieder ins Feld an die Front, bin da gerate Sonnabendabend  wieder von zu Hause weg gefahren, war da Sonntag Nacht wieder in Menin [Menen] (in Belgien) hier hörte mann schon das Gedonner wieder, hab dann mein Truppenteil suchen müssen, wärend [während] dieser Zeit war mein Regt. woh anderes hin gekommen und zwar nach dem Ort Cuku [Coucou], gegen Morgen hatte ich meine Komp. entlich [endlich] gefunden, am nächsten Abend muste ich auch gleich wieder mit in Stellung vor, weil wir etliche Verwundete bei unser Komp. hatten, bin da mit unser Feldküche ziemlich weit vor gefahren um im Galop [Galopp] die Straßen entlang und durch Granattrichter, denn als ich auf Urlaub war sah es hier ganz anders aus, Straßen konnte man garnicht mehr gehen, denn die waren alle Artilleriefeuer, die Engländer hatte überall angegriffen, um uns zurük zu drängen, unsere erste Linie sah erst noch so frisch und grün aus, diese lag auch jetzt unter Feuer, die Engl. schossen viel mit Gasgranaten, wie ich dann den ersten Abend nach meinem Urlaub wieder mit an erste, vorterste [vorderster] Reihe kam, muste unser Zug gleich ganz vorn Ablösen, am Tag über ging es einigermasen [einigermaßen] hier bei uns, auser [außer] Engl. Flieger, die gern unsere fortersten [vordersten] Sitz auskundschaften wollten, als es Abend wurde setzte auf einmal die Engliche [englische] Artillerie fast in ganz Flandern ein, was dann zum richtigen Trommelfeuer wurde, das war da alles ein buntes Bild durch die verschiedenen Leuchtkugeln mann konnte kaum alles übersehen, durch das Aufblitzen der Feindlichen Geschütze konnte mann sehen wie kollosal [kolossal] viel Artillerie die Engländer hier in Flandern stehen hatte, ob sie dann überall Angegriffen haben, davon habe ich nichts erfahren, bei uns hier war nichts loß [los], die Nacht verliev [verlief] dann ruhig, am Morgen machten sie wieder ein kleiner Feuerüberfall von ½ Stunde auf unsere Trüsten [tristen] gebäude woh wir lagen, wobei leiter [leider] eine Granate in unser Granatloch sauste woh [wo] ich und ein Kamerad Reichel aus meiner Heimatstadt lag, Reichel wurde durch einen Splitter im Laib [Leib] schwer Verwundet, wurde dann zurük transportiert, er ist aber noch wie ich in erfahrung gebracht habe, am selben Tag noch gestorben, er war auch erst kurz von Urlaub zurük [zurück].

Ich wurde leicht verwundet, erhielt einen kleinen Granatsplitter in das rechte Schienbein, hatte es vor aufregung garnicht gleich bemerkt, vom Tag blieb ich noch vorn, als es dann dunkel ward, bin ich mit einem Sanitäter von unser Komp. zum Hauptverbandsplatz, bekam hier einen Verband rann, und bin mit eine Feldküche, welche bis hier her fuhren, dann nach Werwik [Wervik] gefahren, muste dann noch ein Stück allein Laufen bis zu einem Wagenhalteplatz, blieb hier bis zum Morgen, kam dann in ein Sanitätsauto, welches mich mit nach bar [paar] Kameraden nach Menin [Menen] zur Sammelstelle brachte, es war am 19. September woh ich verwundet wurde, gerate [gerade] einen Tag nach meinen Urlaub wieder in Stellung gewesen, und ich war nun glücklich das ich wieder hier vortkam [fortkam], meine verwundung war nich [nicht] all zu schwer.

In Menin [Menen] blieben wir, es waren für viel verwundete bis Abend liegen, woh wir wieder das Gedonner von einem Trommelfeuer höhrten, ich dachte wenn ich nur erst hier noch weiter fort wäre, denn die Engl. Flieger warfen auch hier auch stetz [stets] auch Bomben ab, woh sie einschlugen, war ihnen gleich, wir wurden dann des Abends in ein Schiff getragen, woh lauter Betten aus Holzbrettern eingebaut waren, am Morgen ging es dann auf den Fluss (Ließ) [Leie] nach Kurträ (Curtric) [Kortrijk]. Mittag kamen wir an, ich kam dann ins Feldlazarett 159 woh ich bis Abends liegen blieb, die leicht verwundeten kamen dann wieder hier vort [fort], ich natürlich auch, und zwar am selben Abend noch in einem Lazarettzug welcher auserhalb [außerhalb] des Bahnhofs im freien stand, denn am selben Abend kamen wieder Feindliche Flieger und warfen in der nähe vom Bahnhof Bomben. Unser Zug ging aber erst am Morgen ab, wie wir durch das Lazarettzugspersonal erfahren hatten, fuhr dieser Zug nach Westphalen [Westfalen] bis Hagen u. Schwerte.

Ich war da froh das es wieder nach Deutschland nun ging, unsere Fahrt ging über Löwen, Lüttig [Lüttich], Köln, Hagen und Schwerte, es war gerate Sonntag als wir hier ankamen, eine Woche vorhehr [vorher] am Sonntag war ich diese Strecke vom Urlaub zurük gefahren, hätte da nicht gedacht das ich in 7 Tagen als verwundeter diese Strecken nie Fahren würde, unsere Fahrt mit dem Lazarettzug hatt 30 Stunden gedauert. In Schwerte würden wir in Möbelswagen noch dem Vereinslazarett ins Evang. Krankenhaus gefahren, ich war nun wirklich froh das ich in Flandern weg war, denn es hatte die Offensive  eingesetzt.

Nach 3 Wochen bin ich hier dann mit ins die Eisenschmelshütte [Eisenschmelzhütte] auf Arbeit gegangen, denn ich war wieder im geschik  mit meiner verwundung, bos [bloß] dieser kleiner Splitter war noch im Schienbein sitzengeblieben, selbigen ist auch drin geblieben, da er mir keine Bescherte [Beschwerde] machte. Ich wurde dann nach 7 Wochen vom 30. Oktober vom Lazarett in Schwerte an d. Ruhr entlassen nach meinen Ers. Truppenteil 133 nach Zwickau in meiner Heimat. Meine Bahnfahrt ging dann über Kassel, Bebra, Eisenach, Leipzig, Chemnitz bis Zwickau, unterwegs in Hohenstein hab ich erst meine Fahrt unterbrogen [unterbrochen] und bin 1 Tag zu Hause geblieben, am 1. November kam ich dann nach Nachm. 5 Uhr in  Zwickau an, kam hier zum I. Ers. Batl. 133, 5. Genesen Komp.

Am 3. November bekam ich dann meine 14 Tage Heimatsurlaub, denn ein jeder der vom Lazarett kam erhielt seine 14 Tage Urlaub. Ich war nun froh das ich wieder zu Hause war, nach meinen Urlaub ging es wenigsten nicht gleich wieder an die Front.

Am 18. November bin ich wieder nach Zwickau in 5. Genesen Komp. gefahren,  am 19. hab ich mich Revierkrank gemeldet und kam ins Res. Lazarett I Zwickau. Am 27. November wurde ich Arbeitsfahig [arbeitsfähig] geschrieben, woh ich dann in Zwickau bei Horch u. Combanion [Companion], Autowerk als Hobler gearbeitet hab, noch 14 Tagen kam ich an zwei Fräsmaschinen, woh es auch Nachtschicht gab, unser Essen erhielten wir im Lazarett weiter.

Diese Arbeit ging bis zum 30. Dezember, weil ich dann hier entlassen wurde, zum Weihnachtsfest gab es keinen Urlaub, ich bin aber drotzsdem [trotzdem] einen Tag zu Hause gewesen, was niemand wissen durfte.

Am 5. Januar wurde ich dann hier entlassen zur 5. Gen. Komp. dienst gab es hier keinen blos [bloß] innere Arbeiten. Am 17. erhielt ich dann 4 Tage Marschurlaub, weil jetzt der Bahnurlaub gespert [gesperrt] war, am 21. wurde ich dann zur dritten Komp. versetzt, hier ging auch das Exezieren [Exerzieren] wieder loß, so ging es bis zum Osterfest, woh ich 9 Tage Feiertagsurlaub erhielt. Am 5. April kam ich vom Urlaub zurük und am 6. wurde ich plötzlich zum Transport ins Feld bestimmt und neu eingekleidet, da ich aber nur Ersatzmann war blieb ich noch zurük bis zum 27. Januar [Irrtum Paul Nagels: Es muss der 27. April 1918 gewesen sein.], woh ich als einziger von der Komp. fort muste als Ersatz für einen von der Front der das Alter überschritten hatte, ich bin da natürlich erst einen Tag zu Hause gefahren auf eigene Hand, muste erst nach Leipzig, hier wurde ein Transport für 50 Mann überal [überall] her zusammen gestellt, wir bleiben noch 2 Tage  in der 106. Kaserne liegen, am 30. ging es dann Mittags  2 Uhr fort. Unsere Fahrt ging in Richtung Halle, Sangerhausen Cassel, Marburg, Limburg, Bad Ems, über den Rhein den Moseltal entlang über Trier, Diedenhofen dann über die Grenze nach Marslatour [Mars-la-Tour] bis Jouly [Jaulny], hier kamen wir entlich [endlich] nach 3 Tagefahrt von unser Endstation an. Ich war bestimmt zur 12. Komp. 134. noch 1 Stunde Marsch kam ich dann bei der 12. Komp. an, dieses Quartier bestand aus Holzbaraken [Holzbaracken] und befand sich an einem Berg mit Laubwald welcher zwischen Jouly [Jaulny] und Tiaucourt [Thiaucourt] lag. Hier fing es nun wieder hausen, denn es war das Aktion Batl. 134 was auch überal [überall] mit dabei war, selbiges war erst kurz von der Russigen [russischen] Front wieder zurük nach Westen gekommen, nach einigen Tagen bin ich mit der Komp. in Stellung, nach langer Zeit wieder das erste mal.

Kamen erst 10 Tage in Reserve Stellung, welche sich wieder in einen Laubwald befand und wir uns in Holzunterständen aufhalten musten [mussten], die ersten Tage war es ruhig, eines Tages machten sie einen Artillirieüberfall [Artillerieüberfall], wo sie und bald mit unsern Holzbuff ausgehoben hatten, sind aber zum Glück noch alle gut davon gekommen als diese 10 Tage vorbei waren ging es woh in vorterste [vorderste] Linie, in Res. Stellung hatten wir jeden Tag Transport nach der ersten Linie, die erste Linie befand sich auf freiem Felde, hier hatte jeder Komp. noch eine Feldwache vorgeschoben, woh ich auch 3 Tage mit vor kam, sonst fiel auf unsere Stellung selten ein Schuß, am 26. unternahm unsere Artillirie [Artillerie] rechts u. lings [links] von uns ein gröseres [größeres] Feuer, auf etlichen Stellen wurde von uns vorgedrungen, am nächsten Tag hörten wir dann, dass unsere bei Reims auf 40 Kilometer durchgebrochen waren, etwa 10 Kilometer vorwärts, dann war es wieder ruhig.

Am 29. Mai hab ich mich krank gemeldet hatte eine Art Grippe erwischt, der Arzt schrieb mich ins Lazarett, war da in einer Art auch froh denn ich kam da von weg, ich bin am selben Tag noch zur Sanitätskomp. 48, von hier aus zum Komp. Standtquartier um meine anderen Sachen noch zu holen, dann wieder zur Sanitätskomp. selbige lag eine Stunde hinter der Front in einem kleinen Ort, lag da für einen Tag u. eine Nacht in einer Holzbaracke mit noch etlichen kranken Kameraden, dann ging es Mittags mit der Feldbahn nach Wawille [Waville], hier war Sammelstelle, lag hier wieder bis nächsten Tag in Baracken, dann kam ich mit in ein Lazarettzug welcher nun abfuhr, zunächst über Chambley, Maslatour [Mars-la-Tour], Juromy [Jarny], hier blieb unser Zug 2 Tage liegen, bis es entlich [endlich] am 2. Juni Mittags wieder abging nach Diedenhofen ins Kriegslaz. was eigentlich eine neu erbaute Kaserne war. Hier lag ich vom 3. Juni bis 15. Juli, das war eine schöne Zeit, u. auch Lebenssicher, dann wurde ich versetzt ins Hilfslaz. II weil ich auf einem Ohr das Gehör etwas verloren hatte durch einen Granateinschlag was schon längere Zeit her war, dieses Laz. befand sich im Hotel König auch in Diedenhofen.

Auf ein Gesuch das meine Schwiegermutter schwer krank lag bekam ich dann 20 Tage Urlaub von hier, was mich natürlich sehr freute, wie ich dann zu Hause war starb auch meine Schwiegermutter nach bar [paar] Tagen, habe gerate noch einmal mit ihr sprechen können, als nun alles in Ortnung [Ordnung] Gebrach [gebracht] war und meine 20 Tage auch mit zu Ende waren bin ich am 14. August wieder zurück nach Diedenhofen ins Hilfslaz. II.

Hier blieb ich noch bis 24. August, wurde dann zu meiner Feldtruppe wieder entlassen, hier hätte es so weiter gehen können,  wenn wir keinen Stadturlaub hatten haben wir feste Skat gespielt. Ich kam erst nach Papelsheim woh wir neu Eingekleidet wurden, dieser Ort liegt bei Metz, sind dann bis Metz Marschiert, von hier aus mit der Bahn nach Couflans [Conflans-en-Jarnisy], Jarollewille [Charleville-Mézières?], Werllengjeunes [Valenciennes?], Douai bis Aleuz [Arleux], mein Regt. 134. war jetzt weiter nach Norden versetzt worden, nach 2 Tage lagen suchen kam ich entlich [endlich] bei meiner Komp. an, selbige lag in Ecourt [Écourt-Saint-Quentin], brauchte hier nicht erst mit in Stellung zu gehen, wurde einstweile hinter zur Bagage geschikt [geschickt] welche in Feschain [Féchain] lag, blieb hier zwei Tage und muste dann wieder zur Komp. welche in dieser Zeit nach Lestree [Lestrée] versetzt worden war, bei meiner Komp. waren lauter neue Leute dazu gekommen, die meisten waren in der Zeit woh [wo] ich nicht da war in Gefangenschaft geraten, denn der Feind hatte überal [überall] angegriffen und unsere Linie mit zurück geschlagen. In Lastour [Lastours] lag unsere Komp. zu unserer Sicherheit, kamen für 1 Tag vor den Kanal zu liegen und zwar in Erdlöcher.

Am 1. September sind wir vom Preusen [Preußen] abgelöst wurden, am 2. sind wir Mittags Abmarschiert zwei Stunden Marsch hatten wir bis zur Verladestelle, 6 Uhr Abends wurden wir Verladen, unsere Fahrt ging über Cambrai, Lille bis Tourcing [Tourcoing], wurden des Nachts 3 Uhr ausgeladen, hatten 2 ½ Stunden Marsch und kamen nach Linselles in eine Fabrik zu liegen, am nächsten Tag wurden wir Alarmiert, es ging mit Sturmgebäk [Sturmgepäck] fort, hatten bald drei Stunden zu Marschieren, und wurden als Reserve bei Gemur eingesetzt, kamen nach 3 Tagen wieder zurück nach Linselles, denselben Tag ging es auch gleich wieder fort, und kamen Rechts nach Kemelberg [Kemmelberg] bei Zollebeke [Zillebeke] in Stellung selbiges war am 8. Sept. lagen hier 7 Tage in früher Eng. Minierstollen welche sich in einer Talschlucht befand. Auf den Strasen [Straßen] lagen hier überal tote Pferde welche sehr rochen, es sah abscheulich aus. Wir wurden am 15. durch unser II. Btl. abgelößt [abgelöst], unser Btl. kam hinter bei Werwik [Wervik] in Ruhe, lagen 1 Tag in Baraken [Baracken], mussten dann abends wieder war bei Kurtowilde [Kortewilde] als Divisionsreserve, kamen hier in Holzbaraken [Holzbaracken] woh jeden Tag Feindliche Flieger Bomben abwurfen, hatten da auch bar [paar] Tote durch Fliegerbomben, waren froh als wir nach 6 Tagen hier fort kamen, wir mussten jetzt unser I. Btl. was in vorterste [vorderste] Linie lag ablösen, woh es auch Qualmde [qualmte], diese Linie lag zwischen Hollebeke u. den Kemelberg [Kemmelberg], kamen da in Schützennester zu liegen, auser [außer] Feindl. Fliegern war es allgemein ruhig, 6 Tage lagen wir hier vorn bis zum 27. unser Essen hohlen war hier schwierig, musten des Nachts 1 ½  Stunde zurük, sind da über freies gelände, haben da manches Granatloch gemessen, musten aber auch auf unser Essen obacht geben, es gab hier gelände woh ein Granattrichter an ander war, wir kamen dann Abends zurük etwa ½ Stunde an die Dammstellung in Bereitschaft, am kommenden morgen woh wir in aller ruhe unser Essen verzehrt hatten und uns bisgen [bisschen] Schlafen legen wollten, setzte auf einmal die Engliche [englische] Artilirie [Artillerie] ein mit starken Trommelfeuer und griffen rechts von uns an wobei wir unter starken Feuer hier lagen, hier sahen wir die Engländer in Trupps vorgehen, sie zogen sich dann nach lings [links] und kamen bis 100 Meter vor uns heran, wir machten einen Gegenstoß, konnten aber, weil wir zu schwach an Leuten waren nicht ausrichten, hatten da auch bar [paar] Tote u. Verw. auch waren etliche Gefangenschaft geraten als dann gesammelt wurde waren wir blos noch 18 Mann in Komp. das schlechte war noch das es gerate Regnete, woh wir bis auf die Haut durch waren, wärend des Tages hatten sich die Engländer mit vorgearbeitet, wir wurden nun des kommenden Abend sie wieder kommen würden, wir hatten Befehl die dammstellung zu halten, aber lings [links] u. Rechts von uns war keine Verbindung mehr da, wir waren auf uns allein angewiesen, wir hatten auch schon alle auf unsere Gefangenschaft gerechnet, denn was wollten wir bar [paar] Mann ausrichten, aber wir hatten wieder mal Glück, die Engländer kamen am Abend nicht und Nachts 12 Uhr haben wir uns dann auch zurük gezogen bis in die Artilirieschutzstellung [Artillerieschutzstellung], woran hier bis Morgens 8 Uhr in einem Betonunterstand, dann war es aber höchste Zeit das wir uns noch weiter zurük zogen denn vor uns auf den Höfen lag der Engländer schon, wir mussten uns da mehr griechent [kriechend] zurük arbeiten, die Engländer konnten uns von der höhe sehen und schossen mit Maschienengewehren nach unser gelände, wir konnten bald nicht mehr weiter, rechts u. lings  [links] war der Feind schon weiter vor, wären da bald in einen Kessel rein geraten ob hier alle zurük gekommen sind, weiß ich nicht denn ein jeder war auf sich selbst bedacht, bei diesen zurük gehen hatten wir die Feindl. Flieger stetz [stets] über uns, um uns zu verfolgen, wir waren dann eine Gruppe vom Komp. Führer abgekommen, durch die  Fluchtartigen Rükmarsch. Wir, unsere Gruppe, kann dann als wir nun ein groß stük zurük waren auf die Strase [Straße] Warnton-Comien [Warneton-Comines], kurz vor Comien [Comines] konnten wir auf der Straße von Maschiengewehrfeuer auch nicht mehr weiter, der lag der Engländer schon bei Huthem [Houthem] auf den Höhen woh sie uns wieder einsehen konnten, wir haben uns dann recht [rechts] von Comien [Comines] u. Werwik [Wervik] gehalten in der Richtung woh unser Komp. Standtquartir [Standquartier] lag, zwischen Werwik [Wervik] und Menin [Menen], hier angekommen haben wir erst mal richtig gefudert [gefuttert], denn wir hatten anderthalben Tag nichts gegessen, wir konnten auch kaum noch weiter, unsere durch nässten Kleider musten allein wieder troken [trocken] werden, unser Quartier kam am selben Tag weiter zurük und zwar rechts von Menin [Menen] nach Wevlegem [Wevelgem], kamen hier des Nachts bei Regenwetter an, fanden nicht gleich Quartier, haben uns da 4 Mann selbst welches gesucht, wir hatten es tüchtig satt, den ganzen Tag auf den Beinen und durch bis auf die Haut naß. Am nächsten Tag sind wir zur Komp. u. Nachm. ging es nach Menin woh es wieder rechnete [regnete], in Menin [Menen] wurde uns unser Btl., was eigentlich aus 4 Kompanien besteht, eine Komp. gemacht, so wenig Leute waren wir also blos noch. Wir kamen hier einstweile in Häuser woh die Einwohner fort waren u. fast alles zurük gelassen hatten, mussten und natürlich erst zutritt verschaffen, hier sah mann viele schöne Sachen aber leiter [leider] konnte mann sie nicht mitnehmen mann wuste ja nicht wohin damit. Als es dann dunkel wurde kamen wir weiter vor auserhalb von Menin [Menen] in Holzbaraken als Bereitschaft. Unsere Komp. war der zusammmenstellung  war da blos noch 20 Mann stark, der Engländer war jetzt schon bis Werwik [Wervik] vorgedrungen, 2 Tage ging es, am dritten Tag griffen die Engländer wieder an, wir haben uns dann zurük gezogen bis in die ausgehobene Stellung bei Coucu [Coucou], am Nachmittag kamen wir dann in ein Gehöf zu liegen, 5 Uhr kam Befehl zum Gegenstoß, weil am morgen die Engländer wieder vorgedrungen waren, wir kamen aber zu spät, die I.R. 126 Preusen [Preußen] hatten uns die Arbeit erspart, nächsten morgen musten wir dann wieder vor, es war stokfinster [stockfinster] noch, wir hatten uns dar bar [paar] Mann verirrt und die Komp. verloren, wir bar [paar] Mann haben dann einen Unterstand neben einen Gehöf gefunden woh wir uns dann aufgehalten haben, nach 2 Tagen haben wir dann durch unsere Feldküche unsere Komp. wiedergefunden, sie lag in einen alten Gehöf, nächsten Vorm. hab ich mich krank gemeldet, brauchte ein neues Bruchband, bin dann allein zurück über Menin [Menen] Wevlegem [Wevelgem], Bißigen [Bissigem] über Kurtrik [Kortrijk] nach Walle, hier befand sich jetzt unser Komp. Standtquartier, kam dar erst Abends 7 Uhr hier nach langen Suchen entlich [endlich] an, lagen da in einer Scheune auf dem oberen Boden, am nächsten Tag hab ich dann in einen anderen Ort die Sanitätskomp. 48 gesucht und mir dort ein neues Band geholt, 3 Tage blieb ich dann hinten bei unseren Standtquartier, muste dann wieder vor nach Menin [Menen] woh  meine Komp. jetzt lag und zwar in einem Kloster in Kellerräumen, dieses Kloster war sonst noch gut erhalten, wärend der größte Teil dieser schönen Stadt nicht kaput geschossen war oder Fenster u. Dächer kaput, ich hatte auch noch keine Einrichtung von einen Kloster gesehen, diese vielen Zimmer mit den schönen Möbeln, auch standen 3 Pianos, eine Orgel und ein Harmonium mit drin, woh wir drauf rumm gespielt haben, dachte unser soetwas sollte man mitnehmen können, Wir kamen dann nach 2 Tagen ½ Tag hinter Bißighen [Bissigem], weil die Engländer wieder angegriffen hatten musten wir weiter zurük nach Wewleghemes [Wevelgem], hatten da auch bar [paar] gefangene gemacht, am Abend sammelte dann der Engländer starke Truppen von hinten an was wir von einen Hausdach aus beobacht [beobachtet] hatten, legten dann am nächsten Nachm. starkes Ariefeuer [Artilleriefeuer] auf unsere umgebung, das wir uns nicht halten konnten, haben uns da bei dunkelwerden weiter zurück gezogen. Weil wir nach rechts u. lings [links] keine Verbindung mehr hatten, sind hier über den Fluss (Ließ) [Leie] mit kähnen gefahren weil sämmtliche Brüken [Brücken] aus absicht von unser Seite gesprengt worden sind um den Engländern ihr Vorwärtskommen etwas aufzuhalten. In der Nacht haben wir dann in einem Gut hinter der Ließ [Leie] geschlafen, am frühen morgen griffen sie wieder an, wir sind dann aber eiligst hier fort, denn wir bekamen Ariefeuer hierher, haben dann den ganzen Tag unser Komp. Quartier gesucht, am Abend hatten wir es glüklich gefunden und zwar in Otteghem [Otegem], haben hier nun unsere Verpfegung [Verpflegung] erhalten und musten noch 2 Stunden schon wieder mit vor, woh wir bis auf die Haut nass waren, weil es den ganzen gerechnet hatte und auch kaput waren, 9 Uhr ging es da bei Regenwetter wieder fort, unterwegs bin ich mit einen Unteroffizier erst mal voraus getreten, wir zwei haben dann in einen Haus auf Pflaster geschlafen, wir haben die anderen ruhig weiter Marschieren lassen, am nächsten Tag Mittags sind wir weiter in das nächste dorf zu einen Bauer haben uns da Kartoffel kochen lassen und haben gefuttert, dann sind wir weiter bis Swerleghem [Zwevegem], wir trafen hier mit einen Fremden Kamerat [Kamerad] vom 15. Rgt. zusammen, dieser hatte Fett u. Kakao bei sich, sind da zu dritt in ein Haus haben uns einen Kübel Kartoffel gekocht und Bratkartoffel gemacht, hier waren auch unsere Einwohner geflohen, dann haben wir uns Kakao gekocht, da haben es uns mal richtig gutschmecken lassen, haben dann des Nachts ein Zimmer auf Strohsäcken geschlafen, am nächsten Tag sind wir nach Kurtrik [Kortrijk] um unsere Komp. zu suchen, kamen da bei einen Lebensmittel[?] vorbei welches in einer Fabrik lag, selbiges war aber schon geräumt worden, hier lag auf dem Fußboden viel Gemüse durcheinander auch in einen Keller woh Marmeladenfässer standen, da klebte man mit den Stiefel an Boden an, alles war durcheinander, viel Kisten Kakaopulverpäkchen, die hälfte davon waren zertreten. Wir sind bar [paar] Häuser weiter, fanden da eine M.G. Gruppe von 104 Rgt. haben uns da einstweile hier mit niedergelassen, im Keller haben wir uns auf einen Holzfeuer etwas warmes Essen gemacht und uns dann hier schlafen gelegt, als wir zwei Mann am frühenmorgen erwachten suchten wir die Gruppe von 104er Rgt. welche aber nicht mehr zusehen war, mann sah auf der Strase überhaupt niemand mehr von uns, wir haben dann unser bisgen [bisschen] Gebäk [Gepäck] genommen und sind schleunigst fort denn wir wussten doch nicht ob die Engländer schon hier wärend des Nachts eingerükt waren, wir sind dann erst ein stück durch die Stadt Kurtrik [Kortrijk], mann sah überhaupt niemand, was uns beiden natürlich komisch vorkam. Wir beide waren ein großes stück schon über Kurtrik [Kortrijk] voraus als wir entlich wieder Kameraden von uns sahen, wärend des Nachts sind unsere vortersten [vordersten] Leute zurük gezochen [gezogen] wurden, wovon wir natürlich nichts erfahren hatten. Ich und mein Kamerat [Kamerad] wir wussten aber nun überhaupt nicht von unseren Regt. woh jetzt wieder lag, haben da den ganzen Tag gesucht bis wir es gegenabend fanden und zwar in Dürlik [Deerlijk] in einen grosen Gut, in der folgenden Nacht mussten wir wieder mit der Komp. vor etwas rechts bei Harlebeke [Harelbeke], als nun der Morgen graute musten wir dann ganz vorn als verstärkung einschwärmen, aber mann sah leiter [leider] hier überhaupt niemand mehr von unseren Leuten, dieser Abschnitt, war garnicht besetzt, als wir auf einmal vorn waren setzte die Engl. Artillerie ein und belegte gerate [gerade] unsern Abschnitt mit Trommelfeuer, wir wusten vor den Augenblik garnicht was eigentlich machen, entweder zurük durch dieses Feuer oder in Gefangenschaft gehen, wir haben uns aber doch entschlossen lieber zurük als in Gefangenschaft, wir sind da in Gottesnamen loßgesaust es ging hier auch noch Bergan über Acker und dabei schossen und die Engländer von hinten mit Maschienengewehr hinterher, da krachte und Pfiff es, mann konnte vor lauter Pulverdampf garnichts mehr sehen, sind aber immer weiter, allerdings sind hier auch etliche liegengeblieben, weil sie verwundet waren oder nicht mehr weiter konnten, mussten da noch zum Unglük über einen breiten Wassergraben woh wir halb in Wasser standen, aber es ging immer weiter, sind da zurük bis Anseghem [Anzegem], unterwegs hörten wir das der Engländer bis dichte vorgedrungen war. Wir haben uns dann ihre 8 Kameraden hier Quartier gesucht, nun haben wir ersteinmal unsere Kleidung getroknet, und dann haben wir uns ruhig in unsern decken eingewikelt und geschlafen bis zum nächsten Tag Mittags, dieser Schlaf hatte uns wieder mal gut getan. Haben uns dann Bratkartoffel gemacht und gefuttert, Nachmittag sind wir dann in ein Gehöf woh sich unser Regiment sammelte. Am nächsten Morgen früh 4 Uhr musten wir schon wieder vor in Bereitschaft und zwar in einen Gehöf. Vorm. 10 Uhr griffen die Engländer wieder an, hatten aber diesmal nicht viel erreicht, mittags mustenwir dann weiter vor, waren hier die vorterster [vorderster] Linie geworden weil sich unsere andern zurük gezogen hatten, am Nachm. konnten wir starken Verkehr bei den Engländern Beobachten, am späten Nachm. kam ein Sturmbataillion von uns, unsere leichte Arie fing an zu schiesen woh die Engl. lagen,  unsern Sturmabt. machte weiter vor zu den Engl. als es dann dunkel war kamen sie zurük mit 50 Gefangenen, des Nachts sind wir dann wieder 2 Kilom. zurük gezogen wurden kamen wieder in ein Gehöf, vor uns lagen aber noch Feldwachen, diesen Tag blieb es ruhig, am Nachm. hatten sich die Engl. zuweit vor gearbeitet, konnten da durch das Feuer unsere Feldwache nicht mehr zurük, wir haben da über 30 Gefangene gemacht, am nächsten Tag muste ich mit vor auf Feldwache woh wir in Menierstollen [Minierstollen] lagen am 3ten Tag wurden wir abgelößt, als wir etwa 1 Stunde zurük waren setzte auf einmal die Eng. Artillierie [Artillerie] mit Trommelfeuer ein, wir lagen in einen Gut, haben da schleunigst unser Grämpen genommen und sind fort, musten da durchs Sperrfeuer durch, ich war dar blötslich [plötzlich] allein, jeder war woh anders hingesaust, ich kam dann an entlichen Häusern vorbei woh die Einwohner durch das Feuer vor schrek fort waren, bin da in ein Haus hab mir da meine Büchse voll Weißfett gemacht und fand dann noch eine Schüsel [Schüssel] Eier, habe da nach Apetit [Appetit] eine anzahl ausgetrunken, ich fand sonst weiter nichts hier und bin dann fort, weiter hinten traft ich zur 11. Komp. und wurde da einer Maschienengew.-Gruppe zugeteilt, auf unseren Abschnitt woh wir vorn lagen waren die Engländer nicht weit vor gekommen, aber lings [links] von uns waren sie schon bald in Ansekhem [Anzegem]. Bei dieser Masch. gew. Gruppe muste ich dann etwas zurük bei den Feldküchen Essen hohlen, als ich zurük muste ging das Trommelfeuer wieder loß, haben aber nicht angegriffen. In der kommenden Nacht wurden wir dann entlich wieder einmal abgelößt, wir hatten doch viele Tage kein richtigen Schlaf gehabt, waren da mal glüklich sind da bei Nacht abmarschiert bis nach Audonorde [Oudenaarde] etwa 3 Stunden, kamen hier in ein groses Haus in ein groses Zimmer woh Heu lag, haben uns hier Schlafen gelegt bis nächsten Mittag, 3 Uhr Nachm. sind wir wieder weiter marschiert bis Abends 7 Uhr, wir waren da kaput zum Umfallen hätten aber auch nicht weiter gekonnt, dieser Ort hier hieß Audenhofen St. Groy, wir kamen da in Häuser zu liegen haben uns kommende Nacht einmal richtig ausgeschlafen das war von 26 zum 27 Oktober.

Unsere Komp. war sehr schwach geworden höchsten 20 bis 25 Mann waren noch da. Am 2ten Tag schmekte mir kein Essen mehr es ekelte mich alles an, habe mich da Krank gemeldet, hatte da 39 grat [Grad] Fieber eine art wie Grippe, wurde da ins Lazarett geschrieben ich habe da mein Gebäk [Gepäck], das heißt Sturmgebäk [Sturmgepäck] denn mein Turnister [Tornister] war nicht mehr da, hatte da eine neue Weste und edlich [etliche] Paar Socken und etlich gleinigkeiten [Kleinigkeiten] was da natürlich weg war.

Ich muste da dieses Lazarett suchen, habe da etliche Orte abgefragt fand es aber nicht, auf andere Lazarette nahmen niemand auf weil es immer weiter rükwärts ging, als ich keine Unterkunft fand und zum suchen hatte ich auch bei einen Fieber keine Lust mehr, da bin ich mit einen Wagen den ich unterwegs traf zur nächsten Stadt gefahren, bin hier auf dem Bahnhof und einfach nach Brüssel gefahren, auf den Brüssler Bahnhof hab ich mich beim roten Kreuz gemeldet und kam dann in einen Auto ins Kriegslazarett 5, dieses war am 29. Okt.

Den ganzen Rükzug von Kemelberg [Kemmelberg] bis nach Anseghem [Anzegem] hatten ich nun mit gemacht woh ich daran gedenken werde.

Dieses Lazarett lag in einen Schloß  woh wir im Park, in einen großen Halle lagen, nach einigen Tagen Bettruhe hatte sich mein Fieber langsam wieder gebessert, hier lauerten wir nun jeden Tag auf den Waffenstillstand der eintreten sollte bis entlich am 11. November Mittags der Waffenstillstand gemeldet wurde. Die Stimmung unter uns war da wie umgewandelt denn weil nun entlich noch reichlich  4 Jahren wieder mit den Mordinstrumenten Ruhe war, ich war somit wieder gesund nun hieß es aber so schnell wie möglich in die Heimat denn innerhalb 10 Tagen sollten unsere Truppen das Feindliche Gebiet bis zur Grenze geräumt haben, haben uns nicht länger halten lassen, am zweiten Tag haben wir uns unsere Soldbücher geben lassen und sind da etliche 40 Mann mit Feuden [Freuden] auf den Brüssler Bahnhof, hier konnte mann aber Militär sehen, alles wollte nach der Heimat die Personenzüge welche abfuhren waren so voll besetzt das Hunderte noch auf den Wagendächern Platz gesucht hatten um mit fortzukommen. Abends 6 Uhr bin ich dann mit Kameraden vom Lazarett in einen Zug eingestiegen, aber unser Zug fuhr erst Nachts 3 Uhr ab woh uns die Zeit bald Ewigkeit wurde, als wir abfuhren wurden nun Heimatslieder angestimmt was sehr feierlich und ergreifend war. Unsere Fahrt ging aber langsamm vor sich durch das grose durcheinander, nächsten Abend 7 Uhr waren wir in Löwen, hier hatten wir 18 Stunden Aufenthalt anderen Tag Mittag ging es wieder ab, nächsten Morgen 6 Uhr waren wir in Lüttig [Lüttich] nach 2 Stunden ging es weiter kamen abends 9 Uhr in Aachen an 11 Uhr wieder ab und Morgens 7 Uhr waren wir in Köln am Rhein, hier sind wir umgestiegen in einen DZug  welcher bis Magdeburg fuhr, diese Fahrt dauerte 12 Stunden woh wir 8 Uhr in Magdeburg ankamen, 11 Uhr sind wir dann mit Schnellzug wieder bis Leipzig. Kamen nach drei Stunden Nachts 12 Uhr in Leipzig an.

Meine Fahrt von Brüssel bis Leipzig hatte da 4 Tage gedauert hier bin ich auf den Bahnhof beim roten Kreuz  über nachtet, am nächsten Tag Nachm. 2 Uhr bin ich dann wieder nach Cemnitz [Chemnitz] hier hatte ich gleich Anschluss nach Hohenstein-Er. Es war 7 Uhr Abend als ich nun entlich nach langer Bahnfahrt in meiner Heimatstadt eintraf, dann schnell ging es nach Hause, zu Hause das unverhoffte Wiedersehn war eine große Überraschung u. eine  grose Freude. Ich war nun froh das ich nach 5 tägicher [tägiger] Bahnfahrt entlich wieder in einen Bett Schlafen konnte. Glüklich war ich mit meiner Familie das nun entlich Waffenstillstand war und ich Gottseidank gesund und unverletzt vom Felde nach schweren gefahrvollen Tagen zurük gekehrt war. 6 Tage habe ich dann zu Hause verweilt.

Am 23.11  bin ich von zu Hause aus nach Plauen zu meinen Ers. Btl. 134 gefahren kam hier zur 6. Genesen Komp. welche in der 11. Bürgerschule lag, Dienst gab es jetzt keinen mehr es wurde mir hier die Zeit bald zu langweilig habe mich da viel in der Stadt umgesehen, am 1. Dezember erhielt ich dann 14 Tage Erholungsurlaub weil ich zuletzt im Lazarett war. Diese 14 Tagen vergingen auch und ich muste am 16.12 wieder zurük woh ich dann mit zur Wache eingeteilt wurde, hatte immer 1. Tag um den ander Wache zustehen welche mir bezahlt bekomme so ging es bis zum zweiten Weihnachtsfeiertag, hatte da Urlaub eingereicht u. auch 4 Tage erhalten, bin am 2ten Feiertag zu Hause gefahren, zurük bin ich aber er wieder 2. Januar unsere Komp. brauchte jetzt keine Wache mehr zu stehen denn wärend dieser Zeit war eine Sicherheitskompanie zusammen gestellt worden welche die Wachen nun über hatten,  wir hatte da wieder schöne Zeit u. langeweile, sind viel spazieren gegangen, am 21. Januar wurde dann unser Batl. aufgelöst, ich hab mich da wieder krank gemeldet  und kam ins Reserve Laz. Plauen, hier war ich vom  21.1. bis 1. März woh ich wieder eine sorgenlose schöne Zeit hatte, den ganzen Tag gespielt, gegessen u. geraucht. Wärend dieser Zeit im Lazarett wurde mir von meiner  gewesenen Feldkomp. das Eiseren Kreuz II. Kl.  nach Hause über sand mit einen Schreiben für die Kämpfe in Flandern wovon ich nun aber leiter [leider] nichts davon hatte. Vom Lazarett bin ich zur 9. Komp. 134 gekommen und am selbigen Tag noch 14 Tage wieder auf Erholungsurlaub gefahren, nach 14 Tagen bin ich dann am 15 März wieder zurück nach Plauen und konnte am anderen Tag schon meine Entlassungspapiere in Empfang nehmen woh ich da gleichzeitig 14 Tage Arbeitsurlaub mit erhielt. Jetzt hatte nun das Militärleben ein Ende und eine anderes schweres Leben leiter [leider] nach diesen, für uns verlorenen Krieg, nahm nun seinen Anfang. Es war am 1. April woh ich vom Militär entlassen wurde.

Diese Kriegsjahre wurden mir und noch vielen zurük gekehrten Kameraden und auch unsern angehörigen welche wärend dieser Zeit zu Hause viele Sorgen ums Tägliche Brot und um ihre Angehörigen im Felde durch gemacht haben eine lange Erinnerung bleiben.

Aus dem Felderinnerungsbuch nieder geschrieben im September 1924.

Paul Nagel, Centralstr. 13

Hohenstein-Er. (Sa.)

Januar 8, 2021
von Jens Winter
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Kriegserinnerungen eines unbekannten Soldaten im Infanterie Regiment 357 (August bis September 1916)

Dieser Band von Kriegserinnerungen eines unbekannten Soldaten ist der 4. Band der Erinnerungen.  Der Band umfasst den Zeitraum von August 1916 bis September 1916. Auf der ersten Seite des Bandes hat vermutlich der Verfasser die Nummer des Bandes eingetragen, nämlich 4. Es ist davon auszugehen, dass es noch mehr Bände gab, die allerdings mir nicht vorliegen.

Der unbekannte Mann war Soldat im Infanterie Regiment 357. Vermutlich war er von Beruf Buchbinder. Er hat zeitweise an der Erstellung von Reliefkarten gearbeitet, wo er seine Fachkenntnisse einbringen konnte. Sein Einsatzgebiet war im Raum Verdun sowie im St.-Mihiel-Bogen.

Die Ortsnamen wurden der heute gültigen Schreibweise angepasst. Ansonsten wurde die Schreibweise des Verfassers übernommen.

Bei dem Band handelt es sich um Kriegserinnerungen, da sie wohl im Nachhinein bearbeitet worden sind. Die Eintragungen sind nicht durch genaue Daten voneinander abgegrenzt. Möglicherweise lagen diesen Erinnerungen Kriegstagebücher zu Grunde, die mir aber nicht vorliegen.

Erste Seite der Kriegserinnerungen

Kriegserinnerungen eines unbekannten Soldaten im IR 357 (Aug./Sep. 1916)

Nach Verdun

Also, nachdem wir, wie schon erwähnt zu guterletzt nochmals in Nonsard die preußische Disziplin zu spüren bekommen hatten, um nicht entwöhnt zu werden, marschierten wir zum Bahnhof Vigneulles, von hier ging es per Güterzug nordwärts. Ziel der Reise, wie gewöhnlich, unbekannt. Auf den Stationen, wo wir hielten, wurden die hier Dienststunden Kameraden gefragt, wo die von uns befahrene Strecke hinführte, aber da von dieser mehrere Geleise abzweigten, konnten wir keine auch nur einigermaßen sichere Zielrichtung herausbekommen. Erst als wir frühmorgens vor Billy entladen wurden, wussten wir, dass wir in der Nähe von Verdun waren, was man eigentlich mit uns vor hatte, ahnten wir natürlich immer noch nicht. Nachdem unser Bataillons-Kommandeur von der dortigen Militärbehörde das Marschziel erfahren hatte, marschierten wir los. Zuerst in der frischen Morgenluft, ließ es sich noch gehen, aber je höher die Sonne und zugleich das Thermometer stieg, desto ungemütlicher wurde es für uns.

Das kolossale Gewicht des Gepäcks, welches beinahe mein Eigengewicht ausmachte, drückte doch zu stark und alles Aufmuntern der ohne Gepäck marschierenden Offiziere (nur der Bataillonsstab nicht), nütze nichts, beinahe jede Stunde musste Halt gemacht werden. Kurz vor Mittag machten wir noch eine größere Pause, dann sollte endgültig durchmarschiert werden bis zum Endpunkt. Jedoch noch einmal, vor einer Steigung in einem kühlem Walde, machte unser Bataillon halt. Nachdem wir kurze Zeit rasteten, brachen zwei hinter uns liegende Kompanien die 3. und 4. vor uns auf und verhohnepipelten uns wegen unserer Schlappheit. Gleich darauf zogen wir weiter.
Der durch Bäume beschattete ansteigende Weg fiel uns jetzt verhältnismäßig leicht. Um so mehr erstaunten wir, dass auf halber Höhe sämtliche anderen 3 Kompanien schlapp gemacht und sich hingelegt hatten. Jetzt waren wir die Laufenden.

Kurz nach 4 Uhr kamen wir endlich im sogenannten Gerda-Waldlager an, wo wir vorläufig bleiben sollten. In langen stallartig eingerichteten Baracken wurden wir untergebracht. Längs, in der Mitte, ein breiter Gang. An beiden Seiten von einem zum anderen Ende je 2 übereinander angebrachten Lagerstätten. Diese bestanden aber nicht wie die bisher angetroffenen aus Holzpritschen, sondern aus Maschendraht, welches über stallbaumähnlich angebrachten Rundhölzern gespannt war. Jeder schlief so in einer Art Hängematte. Diese Baracken hatten jedenfalls schon manche Krieger aufgenommen. Davon zeugten schadhafte größere Löcher im Maschendraht. Auch in anderer Hinsicht waren diese Behausungen wenig zum Bewohnen geeignet, da die Dächer und Wände sehr viele undichte Stellen aufwiesen, sodass uns trotz ziemlich milden Sommernächte fror.

Gegen Abend fand noch ein Fußapell statt, welcher sich, der ungefähr 90%  wunde Füße hatten, sehr in die Länge zog. Dem Arzt schien die viele Arbeit nicht zu behagen, denn je mehr Stunden verflossen, je mehr schimpfte und fluchte er. Manche Kameraden hätten gewiss ihr Füße besser pflegen können, aber im großen ganzen hatten doch gerade wir die wenigste Schuld an der Sache.

Im allgemeinen lebten wir im herrlichen Walde ganz gut. Unsere Vorgänger hatten für alles Mögliche gesorgt. Es gab hier besondere Baracken für Kantinen, Schreibstube, Offiziersquartiere u.a.m.

Auch Lauben standen überall unter den alten, hohen Bäumen. Das das Wetter während unseres dortigen Aufenthalt sehr gut war und in den Baracken weder Tische noch Sitzgelegenheiten vorhanden waren, nahmen wir in den Lauben unsere Mahlzeiten ein und erledigten auch hier unsere Schreibereien. Die Verpflegung, welche in den letzten Monaten sehr nachgelassen hatte, ließ hier, Umständen nach, nichts zu wünschen übrig. In der Küche unseres Lagers in einem Wiesengrund zwischen großen Waldungen befand sich eine große, zu der etwas höher gelegenen Ferme, Viehtränke welche durch einen durchfließenden Bach stets mit gutem klaren Wasser versorgt wurde. Hierhin durfte wir täglich zum Baden gehen. Diese Erlaubnis wurde dann auch bei der herrschenden Hitze gründlich ausgenutzt. Der Dienst bestand hier nur in wichtigen Appells sowie Handgranaten werfen und Exerzieren mit Gasschutzmasken. Die Freizeit wurde mit Instandsetzen der Sachen, schreiben, Sport und mehr hingebracht.

Hin und wieder schenkten die Kantinen auch Bier und Schnaps aus, welche Gelegenheit leider viele Kameraden vornahmen sich gehörig zu benebeln.

Gleich am Abend unserer Ankunft gab es das erste Bier. Während die meisten Leute es trotzdem vorzogen, früh ihre Lager aufzusuchen, konnten es mehrere Kameraden, hauptsächlich Hamburger, nicht unterlassen sehr viel Alkohol zu genießen.

Kurz nach 11 Uhr wurden wir in unserer Baracke plötzlich aus tiefem Schlaf geweckt. Einer der Hamburger, Gerstenberger, hatte sich so betrunken, dass er sein auf der Etage neben meinem befindlichen Lager nicht finden konnte. Nach langem Hin- und Hersuchen, Rufen und Fragen, wodurch schließlich der letzte Schläfer gestört wurde, gelang es endlich seinen Begleitern, dieses zu finden. Fünfmal versuchte der Bekneipte hierauf zu kommen und fünfmal fiel er zurück auf das untere Lager.

Auf Kommando als Buchbinder

Bis seinen Kumpanen schließlich die Geduld riss und ihn einfach auf sein Lager warfen, oder vielmehr hatten sie es vor, denn Gerstenberger fiel sofort durch den arg zerrissenen Maschendraht hindurch auf den unter ihm liegenden Kameraden.

Hier blieb er ruhig liegen, selbst die Schläge, welche er von einigen Kameraden zur „Erziehung“ bekamen, störten ihn gar nicht.

Am 26.07 kam ich nachmittags arglos vom Baden ins Lager zurück, als mir von allen Seiten zugerufen wurde, der Feldwebel habe mich gesucht, ich sollte sofort zu ihm kommen. Erst wollte ich es gar nicht glauben, was sollte ich beim Spieß? Verbrochen hatte ich meines Wissens nichts, also musste es schon etwas besonderes sein. Nachdem es mir auch mein Korporal bestätigte, machte ich mich dann auf den Weg. Der Feldwebel empfing mich freundlich. Nun, da sind sie ja, machen sie sich schnell fertig, sie werden abkommandiert für Buchbindearbeiten, in 45 Minuten müssen sie reisefertig sein. Wenn das Packen auch wohl in 15 Minuten zu machen war, so hatte ich doch vielerlei zusammenzusuchen und zu empfangen. Nach 40 Minuten stand ich jedoch in der Schreibstube, bekam meine Papiere und freute, mich auf den Wegen durch den Wald von den alten Kameraden, von denen ich nicht wusste, ob ich sie wiederseh, verabschiedend, ab dem Orte Vaudoncourt zu, wo ich mich bei einer dort befindlichen Vermessungsabteilung melden sollte. Hier meldete ich mich bei dem im Hauptmannsrang stehenden Dirigenten der Abteilung und bezog Quartier im gegenüberliegenden Hause, wo sich auch die Druckerei, Buchbinderei und ein Zeichenzimmer befanden.

Am selben Abend und am nächsten Tage kommen noch mehrere Kameraden aus dem ganzen Regiment an. Ein jüngerer Kollege, ein Buchdrucker, welcher auch als Pappschuster durchgegangen war und drei Zeichner. Außer den Buch- und Steindruckern arbeiteten auch ein Buchbinder und  zwei Zeichnern ständig in der Abteilung. Der Buchbinderei war hauptsächlich Reliefkarten geklebt wurden und den Zeichnern, welche diese austuschten[,] stand ein Topograph (Oberleutnantsrang) bevor. Dieser war ein tüchtiger guter Mensch der uns bei unseren Arbeiten volle Schaffensfreiheit ließ, nur sah er darauf, daß die Ablieferungstermine inne gehalten wurden. Wir mussten zeitweise Umschicht arbeiten, also auch nachts, hierbei hat sich der Buchdrucker manchen Pfusch geleistet, den ich kaum wieder beseitigen konnte. Die Arbeiten an und für sich waren interessant und abwechslungsreich, da wir einmal einen kleinen, ein andermal einen großen Maßstab zu kleben hatten. Nur das Essen lies hier zu wünschen übrig, da auch aus der Heimat wegen der stetig knapper werdenden Lebensmittel auch nicht mehr viel geschickt werden konnte, musste wir oft mit hungrigem Magen zu ,,Bett“.

Bei unserem Umherstreifen nach Feierabend hatten wir Kartoffelfelder entdeckt und kamen auch zu dem Entschluß, gelegentlich einige zu holen, um wenigstens einmal wieder satt zu werden. Dreimal hatten wir, ein Zeichner (Gefreiter u. Spielmann aus der 12. Kompanie) und ich ja einen Sandsack voll geholt, wobei wir, damit es nicht auffiel, beim Auskriegen die Sträucher stehen ließen. Trotzdem mußte die Ortskommandantur dahinter gekommen sein, denn eines Abends sind wir grad wieder beim Mausen, als ein Ulanengefreiter der Ortskommandantur dem Kartoffelfelde näher kommt. In der Hoffnung, daß dieser uns in der Dämmerung bei unserem sehr vorsichtigen Vorgehen nicht gesehen, legen wir uns platt hin. Jedoch auch der Ulan war nicht aus Dummsdorf und fand uns. Er riet uns, da das Stehlen von Kartoffeln sehr schwer bestraft würde und der Kommandant unnachsichtig vorgingem, dieses zu lassen. Er schlug uns auch einen besonderen Weg vor, um dem Kommandanten nicht in die Quere zu laufen. Nach einigen Schritten meinte mein Kumpel du, der will uns anführen und den Kommandanten in die Arme führen, lass uns hier durch den Wald gehen. Gesagt getan.

Im Wald, selbst geduckt, konnten wir die Felder übersehen und auch den vorgeschlagenen Weg zum Orte, auf diesem befand sich wirklich der Ortsgewaltige. Wieder einmal Schwein gehabt, dachten wir. Kurz vor dem Orte versteckten wir die Kartoffeln, der Spielmann machte nun seinen abgenommenen Schwalbennester wieder an, ebenso wurden unseren aus der alten Form gebrachten Mützen wieder aufgesetzt und so bummelten wir langsam dem Quartier zu. Nach Dunkelwerden gingen wir mit noch mehreren Kameraden zum Versteck der Kartoffeln, holten sie hervor und brachten sie nach „Hause“.

Vor „diesem“ stand zufällig der Topograph, an ihm mussten wir vorbei. Jedoch sagte er nichts, sondern sah nur, indem er unsren Gruß erwiderte, lächelnd auf die Kartoffelsäcke.

Am nächsten Abend hatten wir uns mit fünfen zusammengetan. Einer gab einige Eier ein, anderer Speck, der Dritte Butter, der Vierte Schmalz zu, der Gefreite als Fünfter konnte, aus dem an Lebensmittel besonders armen Essen stammend, nichts dazu geben, dafür war er aber der führende Kartoffelmauser gewesen. Im Zeichensaal stand ein großer und guter Herdofen, auf diesen brieten wir dann in einer riesig großen requirierten Pfanne die seltenen Herrlichkeiten. Beim Essen überraschte uns wieder der Topograph. Na, sagte er, wie schmecken die Kartoffeln? Danke Herr Togograph. Dann laßt sie Euch nur schmecken,  ich gönne sie Euch.

Trotz aller Hindernisse wurden weiter Kartoffeln gemaust, denn Hunger tut weh, von den kleinen Rationen konnten wir wirklich nicht satt werden. In dem kleinen Orte Vaudoncourt gab es außer den täglichen Promenaden Konzerten der Kapelle des hier in Bereitschaft liegenden Regiments keine Unterhaltung. Interessant anzusehen waren jedoch die in langen Schlangenlinien den Ort passierenden Bagagen der verschiedenen Truppen. Von nach vorne gewesenen Truppenteilen kamen auch oft, leider recht spärliche Reste zurück, welche nach kurzer Rast weiter marschierten. Von diesen hörten wir, wie es vorne aussah.

Am 31.07 kam auch das im Ort liegende Regiment auf Autos in Stellung, nachdem am Tage vorher Feldgottesdienste stattgefunden hatten. An den Katholische Feldgottesdienst nahmen auch französische Zivilisten teil.

Am 6.8 erhielten wir vom Regimentskameraden Nachricht, daß in diesen Tagen die 357er  bataillonsweise zur Besetzung der Souville Nase vorrücken sollten. Am selben Abend machten wir mit einigen Kameraden einen Spaziergang nach dem 40 Minuten entfernt liegenden Spincout, wo sich ein wichtiger Verladebahnhof befand, auch Lazarette und Verbandsplätze für durchkommende Verwundetentransporte gab es hier. An der Pforte eines solchen Verbands- und Verpflegungsplatzes trafen wir zufällig einige 358er, welche uns berichteten, dass ihr Bataillon von einem der 357er abgelöst wäre und wenn es Verwundete gäbe, diese gewiss auch hier übernachteten, wir sollten man noch etwas warten, um diese Zeit kämen der Verwundetenzug.

Wir gingen jetzt der Richtung zu, wo der Zug herkommen mußte, von der Anhöhe aus verfolgen wir die Schienenstränge, welche in der Ferne in einen Tunnel verschwanden. Da wir nichts versäumten, legten wir uns ins Gras und warteten. Nach ca. 3/4 Stunde erschien dann auch auf der Tunnelöffnung ein langer Güterzug, aus deren offenstehenden Türen eigentümliche weiße Flecke hervorlugten. Im ersten Augenblicke konnten wir uns gar nicht erklären, was das bedeute, erst beim Näherkommen des Transports erkannten wir immer deutlicher, dass es verbundene Köpfe, Arme und Beide waren. Da wir alle meinten, es wäre nur leicht Verwundete, sagte einer der Kameraden, die werden sich schön freuen, daß sie dazwischen raus sind. Um diese zerschossene Kameraden, unter denen sich vielleicht Bekannte befanden, am Bahnhof empfangen zu können, gingen wir langsam dem Bahnhof zu. Hier wurden gleich darauf die zum Teil gar nicht mal leicht Verwundeten ausgeladen, einige konnten kaum gehen, trotzdem waren keine Tragbaren zur Stelle und die Verwundeten waren alle ganz auf ihre leichter beschädigten Kameraden angewiesen, von denen sie gestützt wurden. Andere wieder verzogen vor Schmerz das Gesicht, dieses hinderte aber den führenden Sanitätsgefreiten nicht, die Ärmsten immer wieder zu schnelleren Tempo anzuhalten. Auf halbem Weg brach schließlich ein junger Mensch zusammen, für den dann doch eine Trage geholt warden mußten. Meine Begleiter und ich versuchten mehrere Male mit den Verwundeten Unterhaltungen anzuknüpfen, eventuell zu helfen, wir wurden aber jedes mal barsch von dem Gefreiten zurückgewiesen. Wir begleiteten diesen traurigen Zug bis zum Verbandsplatz und gingen, da unter diesen Kameraden keine unseres Regiments waren, nach Vaudoncourt zurück.

An den drei nächsten Tagen waren einige Kameraden wieder in Spincourt, jedes mal erlebten wir wieder das selbe Trauerspiel. Den ersten Abend trafen sich 3, den zweiten 1 und am dritten 2 Kompaniekameraden, alle zum Glück nur leicht verwundet.

Viele Verwundete sagten aus, dass sie in den letzten Tagen so gut wie gar nichts gegessen und getrunken hätten. Die Essen und Kaffeeholer sind meist gar nicht vorne angekommen, weil das Vorwärtskommen auf dem schlechten Gelände bei dem dauernden Trommelfeuer unmöglich war, manche von den Essen- u. Kaffeeholern seien auch hierbei verwundet worden.

Trotz dieses Umstandes wurden die armen Kerle hier hinten wie eine Horde Vieh behandelt und zu essen gab es auch hauptsächlich Marmeladenstullen und schwarzen Kaffee.

In den folgenden Tagen arbeiteten wir an zwei großen Reliefkarten für den Divisionsstab mit Ablösung auch mussten Überstunden gemacht werden, deshalb konnten wir vorläufig nicht mehr nach Spincourt gehen. In dieser Zeit bombardierten feindliche Flieger in 4 Nächten Spincourt sowie das Gelände zwischen diesem und Vaudoncourt, wenn in Spincourt so ein Ungetüm explodierte hörte sich`s an, als ob es nahe unserer Wohnungen passiert sei. Eine schwere Bombe fiel und krepierte ca. 30 Meter von einem französischen Bauernhause, riss aber „nur“ ein 2 Meter tiefes Loch in den Boden und zertrümmerte die Fensterscheiben, die Bewohner kamen mit dem Schrecken davon.

Bei späteren Besuchen Spincourts trafen wir auch bayerische Truppen zur Verladung ein. Kaum stand die  Bagage, als auch schon Bier ausgeschenkt wurde, nach einer kurzen ½ Std. war alles, auch der Bierwagen, bereits verladen.

Die Bayern konnten nämlich keinen halben Tag ohne Bier zu, selbst während des kürzesten Aufenthaltes war dieses zur Hand. Was mochten die Menschen vorne gedurstet haben, wenn kein Gerstensaft rangeholt werden konnte.

Am 13.08 mussten 7 Kameraden zur Truppe zurück, auch die Zeit meines speziellen Freundes, des Spielmannes, war abgelaufen.

Zurück zur Truppe

So blieb ich allein bei dem ständigen Personal der Abteilung zurück. Arbeit hatten wir jedoch noch genug, deshalb bemühte sich unser Abteilungs-Chef mit allen Kräften bei dem Divisionsstab wenigstens mich noch für einige Wochen behalten zu können.

Alle Vorstellungen nützten jedoch nichts, auch ich wurde nach 6 Tagen zurück befohlen und so zog ich denn am 19.8 ab zur Truppe. Nach vielem Hin- und Herlaufen und Fragen gelangte ich dann am Abend im „Jägerlager“, ebenfalls im Walde gelegen, an, wo die Schreibstuben und Bagagen unseres Bataillons bereits eingetroffen waren. In einem Pferdestall schlief ich für die ersten beiden Nächte zwischen den Pferden, Ratten und Mäusen. Am Tage half ich in der Schreibstube und Küche.

Am 21.8 Nachmittags 5 Uhr Ankunft des Bataillons. Kaum hatten sich die Kameraden vor den Strapazen der Verdunschlacht etwas erholt, als auch schon ein gegenseitiges Erkundigen der Kompanien untereinander einsetzte. Von den kurz vor Instellunggehen noch aufgefüllten Kompanien waren 30 bis 50% gefallen, verwundet oder vermisst, auch der neue Zugführer des 3. Zuges, ein 22 jähriger Leutnant war gefallen. Um 9 Uhr Abends marschierten wir bereits weiter zurück über Billy, Vaudoncourt nach Spincourt zur Verladung, wo nachts um 12 Uhr die Abfahrt erfolgte.

Ruhe in Cesse

Am 22.8 morgens 6 Uhr Ankunft in Cesse. Nach wenigen Stunden wohlverdienten Ausruhens kam schon wieder der Befehl, so schnell als möglich Sachen instandsetzen. Da diese natürlich böse aussahen, hatten wir und die Handwerker schwer zu tun. Am nächsten Morgen fand schon wieder von 8.30 bis 11.30 Uhr exerzieren statt und nachmittags gar schon Besichtigung durch den Divisions- und Brigade-General, wozu die vielen Vorbereitungen und die kleinlichen Appells kommen. Auch in den folgenden Tagen kam man vor übermäßigem und überflüssigem Dienst kaum zur Besinnung. Auch fanden noch 2 große Felddienstübungen statt. Am 24.8 als angenehme Abwechslung baden in der Maas unterhalb der Badeanstalt des Kronprinzen.

Am 26.8 außergewöhnlich viel Dienst. Morgens 2,30 Uhr bereits wecken, dann zuerst Appells. Um 4 Uhr Abmarsch mit Sturmgepäck (circa 40 Pfund incl. Ausrüstung) zum großen Exerzierplatz. Parademarsch vor dem Bataillons-Kommandeur von Ofen.

Nach Rückkehr Handgranaten werfen und zum Schluss von 4-6 Uhr „Spielen“.

Am 27.8 morgens Schützengraben bauen, hierauf mehrere Appells mit Gepäck, nachmittags spielen, nochmal 2 Appells mit Gepäck usw. Nach fast jedesmaligem Wechsel mit vollem und Sturmgepäck blieb es schließlich beim vollem Gepäck. Der Tornister sollte laut Befehl für die am nächsten Tage stattfindende Besichtigung durch den Kronprinzen fertig gerollt und gepackt liegen bleiben, so mussten wir uns in der folgenden Nacht ohne die für unser Lager notwendigen Sachen, Mantel, Zeltbahn etc. behelfen.

Besichtigung durch den Kronprinzen

Am 28.8. 7 Uhr morgens Abmarsch. Nach gut zweistündigem Eilmarsch über hügeliges Gelände hatte  wir auf einer Wiese eine halbe Stunde rast. Hierauf exerzieren.

Um 10 ¾ Uhr antreten im Viereck. Um 11 Uhr Ankunft des Kronprinzen. Als dieser aus dem Auto auf uns zukam, fragten wir uns gegenseitig. Hat der Kronprinz eine Brille auf? Erst beim Näherkommen desselben sahen wir, dass es nur dunkle Ringe unter den Augen waren. Nach einigen ligèren und sehr ligèren Redensarten, womit er einige im ersten Glied stehende Kameraden „beglückte“, hielt er eine kurze Ansprache, verteilte einige Eiserne Kreuze, wünschte baldigen Sieg und Nachhausekommen zur Familie und Verabschiedete sich von uns. Wir machten uns schnell fertig und marschierten zurück. Auf der Straße hielt der Kronprinz noch in seinem Auto und nahm eine „Parade“ ab. Nach weniger Zeit überholte er uns, wobei er Hände voll Zigaretten in Schachteln unter uns warf. Auch ich erwischte eine, die Hoffnung etwas recht gutes erwischt zu haben, betrog uns aber leider. Um 2 Uhr waren wir zurück in Cesse. Nachmittags noch Gewehrreinigungen, Sachen in Ordnung bringen und Verlosung einiger kleiner Hamburger Liebesgaben, Bier, Wein, Schnaps, Zigaretten und vieles mehr, hernach noch Wettlaufen u. s. w.

Alles dieses war selbstverständlich „Dienst“, sonst hätten wir uns lieber aufs Lager gelegt und geruht, denn auch bei dem übermäßigem Dienst hatten wir wirklich kein Fett angesetzt, welches abgetrieben werden musste, aber genau das Gegenteil war der Fall, durch Strapazen, Gefahren, Kohldampf schieben u.s.w. waren die meisten Kameraden soweit, daß sie dringend der Ruhe und Pflege bedurft hätten. Bei der spät herauskommenden Parole wurde uns zum Überfluss noch verkündet: „Morgen Abfahrt zu einer anderen Stellung“. Das Gerücht lief schon seit mehreren Tagen um.

Vorher aber wollte der Kompanieführer noch einen Übungsmarsch in die Umgebung mit uns machen.

Am nächsten Morgen 29.8 morgens 7 Uhr marschierten wir dann von Cesse ab. Beim Antreten konnte man schon auf allen Gesichtern lesen, daß den Leuten dieser Ausmarsch dann doch über die Hutschnur ging. Statt der sonst meist ruhigen oder lächelnden, zu jedem Scherz aufgelegten Mienen sah man nur brummige, mürrische Gesichter. Als dann nach kurzem Marsch dann gar der kurze Befehl kam: „Singen“! war es doch mit dem Gehorsam vorbei. Immer wieder: „Singen“!

Niemand sang. Schließlich meinte der Kompanieführer, wenn wir nicht singen, ließ er stattdessen Ausmarsches auf dem am Wege liegenden Sturzackern exerzieren.

Auch dieses half nicht.

Dann das Kommando: „Linksschwenk Marsch.“ Also hinauf auf einen Sturzacker. Hier ließ der Oberleutnant jedoch erst einmal halten und hielt uns eine kurze Moralpredigt.

In dem Glauben, daß der ausnahmsweise vorne marschierende dritte Zug Schuld am Nichtsingen hatte, ließ der Oberleutnant die Kompanie Kehrt machen, so daß beim nunmehrigen Weitermarsch der 1. Zug (Liebling der Oberleutnants) wieder an der Spitze marschierte, jedoch erst nach längeren gütigen Zureden, Drohen u.s.w. der Offiziere entschlossen sich einige, ein Marschlied anzustimmen, aber nur wenige fielen nach und nach ein. Es fehlte aber von vornherein die Stimmung. Nach 2 ½ Stündigem Marsche kommen wir im Orte Pouilly an. Hier machte der Kompanieführer eine Kantine ausfindig, wo es Bier gab. Zugweise bekommen wir hier dann wieder auf Kosten der Kompaniekasse Bier, pro Mann bis zu 4 Glas. Das der erste Zug als erster rankam und der dritte als letzter, war an jenem Tage wohl selbstverständlicher denn je, so bekamen wir den schäbigen Rest, was wir jedoch von früheren Gelegenheiten gewohnt waren. Herr Oberleutnant Haffner mochte es sehr gut mit uns gemeint haben, indem er uns vor unserer Abreise noch einmal die wirklich romantische Gebirgsgegend zeigte, aber ich hätte es doch seinerseits für richtig gehalten, er hätte vorher unsere Stimmung ausgelauscht. Die Disziplin hätte dadurch nicht gelitten, aber der Kameradschaftlichkeit zwischen Führer und Untergebenen sicher genutzt. Von Pouilly aus marschierten die Züge nach dem Biertrinken einzeln zurück nach Cesse, wir naturgemäß als letzter. Wenn auch nun das Bier, das schöne Wetter und besonders die reizvolle Gegend unseren Trübsinn ein klein wenig eingedämmt hatten, so wollte das Singen doch nicht recht klappen, sodaß der Zug meistens stillschweigend Cesse zuschritt. Zu einer solchen Stille ertönte plötzlich das Kommando unseres jugendlichen Zugführers, des Vizefeldwebels Schultze: „Singen“! Wir sahen uns verständnisvoll an. Ob der sich einbildete, wir befolgen sein Kommando im Kasernenton, wo wir nicht einmal bei den verhältnismäßig gut angesehenen Oberleutnant nicht gesungen hatten.  Das musste er einsehen, wütend tippelte er neben uns her. Als unser „Ruheort“ in Sicht kam, wurde beratschlagt, mit lautem Gesang ins Dorf einzuziehen. Kurz vor dem Eingang in dieses, einigten wir uns schnell auf ein Lied und schon sollte es losgehen, als zum zweiten Mal das gebieterische Kommando erscholl: „Singen“. Im Nu verständigten wir uns –  nun gerade nicht – und ließen es.  Schon waren wir in eine Straße eingebogen, welche fast rings um den Ort lief, als es zur Abwechslung hieß: „Kehrt Marsch!“ Anstatt nun den alten Weg zurück zu gehen, wie der Vizefeldwebel es mit uns vorhatte, bogen Wehrmann, Deutschländer und ich, die wir als einzelne Leute bisher den Schluss gebildet hatten, und nun an der Spitze waren, in die Peripheriestraße ein, da die Marschrichtung des Zuges eher in diese deutete und von einer Schwenkung nicht befohlen worden war. Fast wäre unser Vizefeldwebel vor Wut geplatzt, da er uns trotz seiner vorgesetzten Würde nicht gewachsen war, sich auch nicht noch weiter blamieren wollten, ließ er uns dann doch in den Ort marschieren, konnte jedoch nicht umhin, uns vor dem Wegtreten eine gehörige Standpredigt zu halten, in welcher er mit militärischen Schlagwörtern wie „Schleifen, Schlitten fahren u.s.w.“ nur so um sich warf. Zwischendurch erschollen schon einzelne Rufe: Hummel, Hummel, Sabbel die dot!

Wie aber das Kommando kam: „Wegtretten“, da schwirrte es nur so durcheinander von: Hummel, Hummel, M…, M…, Sabbel die dot! u.m.m. und zähneknirschend ging der Vize-Feldwebel von hinnen, uns sicher zum Teufel wünschend.

Auch wir verzogen uns sofort in die Quartiere, denn es war mittlerweile 1 ¾ Uhr geworden und der Magen verlangte sein Recht. Nach dem Essen hatten wir noch unsern sämtlichen Brocken in Ordnung zu bringen, denn nicht einmal die Stiefel hatten wir wegen des Ausmarsches für den „Umzug“ bereit machen können.

Nachdem wir zu Mittag gegessen, bekam unser neuer Unteroffizier, ein alter, bereits verwundeter Krieger, welcher vor einigen Tagen mit anderem Ersatz zu uns gekommen war, den Bataillonsbefehl mit einem Gefreitem und einem Mann den Transportzug zu übernehmen, wozu auch ich mit sollte. Mit Überstürzung machten wir drei uns fertig, um 4 ¾ Uhr schon waren wir auf dem Weg zum Bahnhof Stenay,

An der alten Front

wo wir nach zweistündigem Marsche ankamen. Nicht lange brauchten wir zu warten, als auch schon unser Zug vorfuhr. Die Wagen waren schnell für die verschiedenen Kompanien, den Stab, Unterstab, Bagage u.s.w. gekennzeichnet, sodaß die nun 7 ½ Uhr eintreffenden Kompanien in die für sie bestimmten Wagen nur einzusteigen brauchten. Zugleich wurde auch die Bagage verladen, als alles verstaut war, stiegen auch wir ein. Kurz nach 8 Uhr fuhr der Zug dann aus dem Bahnhof. Um 5 Uhr des nächsten Morgens, 30.08, bemerkten wir zu unserer Verwunderung, dass der Zug in Vigneulles hielt. Sollten wir etwa in unsern alten Stellung?

Wirklich blies unser Trompeter das Signal zum Aussteigen.

Sofort Antreten und Abmarsch. In der noch forschenden, durch plötzlich einsetzendes trübes Wetter, verstärkten Dunkelheit konnten wir zuerst nicht unterscheiden, wo es hinging, bald bemerkten wir jedoch, daß wir eine andere Richtung als die früher gewohnte, einschlugen.

Um 8 Uhr landeten wir in dem Orte Xammes, 12 km östlich von Vigneuelles gelegen, wo uns nach ½ stündigem Warten im inzwischen eingetretenen Regen, ein großer Pferdestall als Quartier angewiesen wurde. Nachdem Kaffee, den es bald nach der Ankunft gab, schliefen wir einige Stunden, um dann wiederum unser Zeug und unsere Stiefel in Ordnung zu bringen, denn im Orte sollten wir nicht bleiben, sondern noch weiter vorrücken. Abends 9 Uhr marschierten wir dann auch los, quer über freies Gelände an Bouillonville und Euvezin vorbei zu dem im Bois de la Sonnard gelegenen Waldlager.

Um 12 ½ Uhr nachts kommen wir glücklich im strömenden Regen und vollständiger Dunkelheit im Lager an. Wie so oft, gab es auch hier mehrere Verletzte dadurch, daß Kameraden im Dunkeln über Baumwurzeln, Holzresten u.s.w. stürzten, oder mit dem Kopf gegen Bäume, Pfähle u.s.w stießen. Nach langem Hin- und Hersuchen und stolpern fanden wir dann schließlich einen Unterstand. In diesem hauste jedoch noch für eine Nacht das Übergabekommando des von uns abgelösten Regiments 465, weshalb einige Kameraden und ich auch dieses Mal auf Bänken schlafen mussten, am nächsten Tage jedoch rückten die Kameraden ab, nachdem sie uns über alle Sonderheiten des Lagers, der Stellung und des Feindes (Zeiten der Beschießung durch diesen u.s.w.) unterrichtet hatten. Dieses Lager lag nicht so idyllisch wie jene bei Verdun, war aber, da hier die Truppen gewöhnlich länger blieben, besser und sauberer in Ordnung gehalten.

Neben jedem Unterstand befand sich noch ein tiefer Stollen zum Schutz gegen die täglichen Beschießungen des Waldes durch den Franzmann, zum Bewohnen waren sie jedoch nicht eingerichtet. An einer besonders gedeckten Stelle war ein größerer Unterstand für 3 Küchen gebaut und zwar für eine im Walde und zwei in Stellung liegenden Kompanien, eine Kompanie hielt sich, wie üblich, in Ruheort Xammes auf. Hatten wir im Waldlager auch allerhand „neuzeitlichen Komfort“ wie Badeanstalt, elektrisches Licht, Wasserleitung u. a. m., so ließen sich doch manche Sachen, wie das Einexerzieren der jungen Offiziere und Aspiranten etc. besser im „Ruheort“ weiter hinter der Front machen, aus diesem Grunde lag die „Ruhekompanie“ in Xammes. Am selben Tage noch, also am 31.8., abends 6 Uhr rückten wir in Stellung und zwar in einen Abschnitt, welches sich ca. 4 bis 5 km links von Richecourt, unserer früheren Stellung, östlich von St. Baussant vor dem Sonnardwald befand.

St. Baussant war ein kleiner Ort abseits der Chaussee zwischen Maizerais und Lahayville.

Durch Laufgräben erreichten wir in einer knappen ½ Std. den vorderen Graben. Diesen sollten wir vorerst nicht besetzen, sondern nur erst instand setzen, da die Spuren der letzten Regenperiode noch nicht ganz beseitigt waren.

Trotz besten Willens konnten wir leider so gut wie gar nichts schaffen, da der Boden aus jenem zähen Lehm bestand, der sich am Schanzzeug gleichsam fest sog, wie er in Frankreich viel vorkommt. In der Nacht vom 1. zum 2.9. kamen wir wieder zurück ins Sonnardwaldlager, aber dieses Mal in den linken Flügel. In den nächsten Tagen half ich unsere Schreibstubenbaracke instand setzen, ferner holte ich mit unseren Kameraden im Tal hinter dem Sonnardwald gelegenen Verteilungsstelle Lebensmittel und anderer unentbehrliche Sachen.

Am Abend des 5.9. bezogen wir den rechten Grabenflügel des Abschnitts als Posten. Dieser Teil des Grabens war vollkommen ausbetoniert, auch einige Unter- und Postenstände bestanden aus bestem Eisenbeton, letztere hatten jedoch Wellblechdach, da über den Grabenrand hinausragender Beton sofort vom Franzmann zusammengeschossen worden wäre. Die Unterstände waren sehr eng und reichten längst nicht für die nur sehr knappe Besatzung aus, so daß wir uns sehr behelfen mußten. Ein Glück nur, daß de Wettergott uns einigermaßen hold war, nur selten regnete es schwach.

Das Essen holen, welches wir wegen der gedeckten Lage des einen Laufgrabens am Tage besorgen konnten, war hier wegen des gut ½ stündigen Weges zur Küche und des engen Grabens eine kleine Strapaze. Trotz der Deckung gegen feindliche Sicht wurden wir jedoch oft durch starke Feuerüberfälle überrascht, welche zum Glück für uns jedoch verhältnismäßig wenig Verluste brachten. Von unserer Seite wurde viel mit 80 Pfund Minen geworfen, welche beim Krepieren krachten wie eines der schwersten Geschosse. Schon in unserer früheren Stellung vor Richecourt hatten wir diese schauderhaften Dinger – nicht ohne Grauen – gehört. Der Franzmann antwortete gewöhnlich mit Gewehrgranaten oder leichten Feldgeschossen.

Am 10.9. mittags hatten unsere Minenwerfer wieder einige ihrer großen „Konservenbüchsen“ zum Franzmann hinüber geschickt. Wir wußten genau, wir bekommen sie heimgezahlt. Nachmittags stehe ich just in einem bis Schulterhöhe leicht gedeckten und hinten zur Hälfte offenen ca. 60cm im Quadrat umfassenden Postenstand auf Wache, als die Franzosen plötzlich an mehreren Stellen anfingen, uns mit Gewehrgranaten zu beschießen. Ein Schütze hatte es sicher auf meinen Stand abgesehen. Die ersten Granaten fielen weit links von mir, aber deutlich hörte ich jedes Mal das Aufschlagen ständig näher kommend, dann eine ganz nahe rechts, die nächste einige Meter vor mir, die dann folgende kurz hinter dem Graben.

Die nächste trifft auf das dünne Wellblechdach, dachte ich und erwog schon: Hielt das Blech auch den Fall ab, die Explosion sicher nicht. Verdrücken? Am Ende lief ich dem Verderben in die Arme. Wie ein Stück Schlachtvieh stillhalten? Nur Mut, die Sache wird schon schief gehen und sie ging schief, aber für den Franzmann. Die für den heutigen Tag letzte Granate sauste durch die Luft und – ich höre sie heute noch – fiel direkt hinter mir in den Graben.

Nichts Gutes ahnend, hatte ich den Stahlhelm, welcher damals noch nicht Allgemeingut war und nur an gefahrvollen Frontabschnitten und besonderen Postenständen benutzt wurde, über die Ohren gezogen und mich in die Ecke gehockt, als auch schon der tolle langschwänzte Vogel hinter mir krepierte. Im Nu war der enge Postenstand voll Rauch und mir war fast das Hören vergangen.

Was nun? Ich dachte wieder, wirst du getroffen, steht hier ja auch niemand und die Kompagnie ist unnütz um einen Mann ärmer.

Also, zum Zugführer, als welchen wir seit einigen Tagen einen vielleicht 30jährigen Lehrer aus dem Pommerschen Leutnant … hatten.

Dieser kratzte sich hinter den Ohren und meinte: Auf diese Art und Weise totschießen lassen? Blödsinn. Aber: Der Posten darf in der höchsten Gefahr seinen Platz nicht verlassen. Na warten wir ab, vielleicht hat „er“ sich beruhigt. Da das Schießen wirklich aufhörte, besetzte ich auch sofort wieder meinen Posten. Gleich darauf kam auch Leutnant … um den Schaden zu besehen.

Die Gewehrgranate war mitten in den Graben und mitten vor den Stand gefallen, so daß die bis zur Hälfte gehende Rückwand, hinter der ich stand, die Splitter auffing und mich schützte. Bei dieser Gelegenheit konnten wir bemerken, wie hart und fest Cement ist, denn weder auf dem Boden noch an den Seitenwänden des Grabens hatte die Granate Schaden angerichtet, kaum daß winzige Absplitterungen zu sehen waren.

In diesen Tagen wurde viel gemunkelt, die O. H. L. hätte eine große Neueinteilung der verschiedenen Truppenverbände vor, durch diese Umwälzung sollte auch unsere 2. Kompagnie herausgezogen werden und zu einem neuen zusammenstellenden Bataillon kommen. Wir waren sehr gespannt hierauf. 

In der Nacht zum 12.9. wurden wir abgelöst und kamen frühmorgens in Xammes an.

Hier wurde uns bestätigt, daß unsere Vermutungen zutrafen. Am selben Abend mußten wir wegen der Neueinteilung wieder in Stellung, eine Rekordleistung, hatten wir doch erst morgens nach 7 tägigen aufregendem Schützengrabendienst (der französische Graben lag nur 9 Meter von unserem entfernt), den fünfstündigen Marsch über schlechtes hügeliges Gelände, zurückgelegt. Nun sollten wir statt der uns zustehenden Ruhe nochmals den strapaziösen Weg machen. Das war dann doch etwas reichlich, auch hatten wir den ganzen Tag über schwer zu arbeiten, um alles Notwendige für die Stellung zu erledigen.

Hundemüde kamen wir in einen wieder etwas weiter rechts gelegenen, auch cementierten Abschnitt an. Glücklicherweise war das Wetter gut, nachts hatten wir meist leichten Frost. Mit Arbeiten und Postenstehen vergingen auch diese Tage, aber schwer hatten wir jetzt unter den französischen Gewehrgranaten zu leiden.

In der Nacht zum 18.9. wurden wir wiederum abgelöst und kamen nach Xammes. Von nun an galten wir offiziell als 9. Kompanie. Unser Kompanieführer, Oberleutnant Haffner, war zur Zeit abkommandiert und wir sollten Leutnant Gebhard, einen Hamburger Lehrer, bekommen, welcher als tüchtiger Offizier und humaner Mensch im Regiment bekannt war.

Hierzu konnten wir uns nur beglückwünschen, denn ein guter Kompanievater war jedenfalls ein großer Trost in den elendigen Frontsoldatenleben.

Am 19.9 ging es bei herrlichem Herbstwetter nachdem ca. 2 Stunden entfernten Boillonville zum einkaufen.. Da wir auch nicht sehr viel zu tragen hatten, war es für uns ein angenehmer Spaziergang. Um einen Richtweg zu gehen, mussten wir allerdings mehrere Kilometer über kahles, unbebautes, verödetes Acker und Wiesengelände zurücklegen um dann auf einem Hügelrücken zu gelangen, von wo man das gerade zur Zeit unter Hochwasser stehende Boillonville Überschwemmungsgebiet übersehen konnte. An einer Bergkante längs gehend, von Weinplantagen und von unseren Truppen bebaut gewesenen Äckern vorbei, erreichten wir das sich an den Berghang anlehnende Städtchen Boillonville.

Nachdem Entlausen und durchsuchen mehrerer Kantinen nach guten billigen Lebensmitteln, zogen wir den selben Weg wieder zurück nach Xammes, wo es dann noch die üblichen Appells gab. Am nächsten Tage, außer exerzieren ebenfalls Appells. Die ´Truppenteile werden auseinandergerissen. Von nun an: 9./ III. 357 [9. Kompagnie, III. Armeekorps, Infanterieregiment 357].

Am folgenden Tage, 21.9 erschien zu unserer großen Freude wirklich Leutnant Gebhard, um die nunmehrige 9. Kompanie zu übernehmen. In kurzen Worten schilderte und lobte er das bisherige gute Verhalten der in jeder Beziehung als stramm bekannten alten Zweiten, sowie das gute Auskommen zwischen Vorgesetzten und Mannschaften und erfreue sich, dieses, dem aus der Kompanie ausgeschiedenen Herrn Oberleutnant Haffner zu verdankende Ehre übernehmen zu dürfen, er wollte sein mögliches tun, das alte schöne Verhältnis weiter zu pflegen u.s.w.

Aber: „Wat denn köm, har nich komen muß“. Denn weiter führte Leutnant Gebhard aus: Leider kann ich nicht umhin, gleich bei der Übernahme der Kompanie einen Wermutstropfen in diese zu bringen, dadurch das ich zugleich mit dem Befehl zur Übernahme der Kompanie einen solchen bekommen habe, einen Unteroffizier und 22 Mann an die neuzubildende 12. Kompanie abzugeben. Da nun der Kompanieführer der neuen 12. Kompanie von allen anderen in Frage kommenden Kompanien schon Leute bekommen hatte und diese zum Teil nicht ganz einwandfrei waren, (es befanden sich unter diesen Drückeberger und solche die den früheren Vorgesetzten vielleicht wegen ihrer Wahrheitsliebe u.s.w. nicht ganz genehm waren), wurde eine geschlossene Korporalschaft gewünscht.

Nach langem Hin und Her hätte er sich mit dem Feldwebel und den anderen Herrn entschlossen, die 10. Korporalschaft, als letzte, abzugeben. Die Auswahl sei aber nur aus rein technischen Gründen geschehen, da wegen der Zugeinteilung nur 9. Korporalschaften bleiben sollten.

Die Trennung unserer alten Zweiten vom 1. Bataillon war gewiss hart, da wir aber in der Zeit des Zusammengehörens die anderen Kompanien doch sehr selten gesehen hatten, war der „Schmerz“ doch zu überwinden, die Abtrennung unserer 10. Korporalschaft (wegen der meisten Gefreiten die „Strammste“ genannt) von der Kompanie und somit der alte Kampf-Kameraden war jedoch so ungeheuerlich, daß wir uns gar nicht darin finden konnten. Einige Kameraden, welche besonders an der alten Zweiten hingen, versuchten dann auch zu bleiben, was jedoch nur einem, (wegen bestimmter Sachkenntnissen), die der Feldwebel nicht gut entbehren mochte, gelang. Unsere Korporalschaft war wegen Abkommandierungen und Beurlaubungen nicht stark genug, so wurden denn doch 3 oder 4 Unliebsame mit abgeschoben, unser Korporalschaftsführer Unteroffizier Probernon weilte auch just im Urlaub, so hatten für ihn Unteroffizier Wollenburg das Pech mit fortzukommen.

Wir fragten uns, weshalb eigentlich dieses Auseinanderreisen der alten Kameradschaft? Wir wurden nämlich nicht alleine auseinander gerissen. Aus jeder Division wurde eine Brigade, aus dieser wieder ein Regiment, aus diesem ein Bataillon, aus diesem eine Kompanie, hier wieder ein Zug und sogar aus diesen noch Korporalschaften oder einzelne Leute herausgezogen. Sollten die Gerüchte etwa wahr sein, daß die Oberste Heeresleitung sich noch unsicher fühlte und die innere Geschlossenheit der Heeres fürchtete? Es musste wohl so sein. Eine andere Antwort konnten wir nicht finden.

Dann aber war es unseres Erachtens das Verkehrteste, was unsere Führung machen könnte, denn wir legten uns diese Verhandlung so aus: der Obersten Heeresleitung konnte es selbstverständlich nicht verborgen geblieben sein, daß die Erbitterung und Unzufriedenheit im Heere gegen das bestehende militärische System wegen der großen Ungerechtigkeiten, welche oft schikanös wirkten, stetig mehr auswuchs und sich verallgemeinerte, aber auch die kritische Lage und der Hunger mochten hier Schuld mit dran haben.

Täglich liefen Kameraden zu den Feinden über, andere blieben beim Vorgehen zurück, wieder andere übten bei den Schanzarbeiten „passive Resistenz“ u.s.w.

Wenn wohl auch ein großer Teil dieser Leute nicht im besten soldatischen Ruf standen, so mehrten sich doch die Fälle, von tüchtigen, zuverlässige und kampferprobte Unteroffiziere und Mannschaften sich aufs mancherlei Art drückten, nicht aus Feigheit, sondern weil ihnen der Kram über war.

Ja, es tauchten hier und da Gerüchte auf, daß an besonders brenzligen Stellen, ganze Kompagnien, selbst Regimenter das Stürmen und Kämpfen verweigerten, denn zu viel wurde ihnen oft zugemutet. Meiner Überzeugung nach waren diese Leute auf keinen Fall aufgewiegelt durch vaterlandslose Gesellen etc., sondern sie hatten keine Lust mehr, sich durch gänzlich unfähige junge Vorgesetzte zu allem möglichen und unmöglichen Unfug kommandieren zu lassen, weil sie als gediente und geschulte Leute dieses oft nicht verantworten, sich aber auch nicht weigern konnten. jeder ehrliche, wirkliche Soldat musste gewiss zugeben, daß es bei einer großen Organisation, wie sie ganz besonders ein Millionenheer darstellt, nicht ohne Disziplin zugeht. Wie würden sonst die zügelhaften Elemente unter uns zu Kehr gegangen sein.

Aber diesen Kadavergehorsam, Knechtschaftssinn, denn von uns älteren Leuten, meist Familienväter, durch mitunter unfähigen, jungen Offizieren verlangte, konnte den aufrechten Männern schon lange nicht mehr gefallen.

Anstatt nun allzu krasse Gegensätze zwischen Offizier und Mann, Beförderung der Tüchtigsten aktiven Unteroffizieren zu Offizieren und anderen Entgegenkommen der Unzufriedenheit einen Damm vorzusetzen und beruhigend zu wirken, riß die oberste Heeresleitung die Truppenteile auseinander, um etwaige „bolschewistische“ Verschwörungen hierdurch zu zerstören.

Dieses Auseinanderreißen alter Kameraden, welche bisher unzertrennlich Leiden und Strapazen, oft auch das letzte Stückchen Brot geteilt hatten, war unserer Meinung nach das Allerhärteste und Verkehrteste, was unserer militärische Leitung machen konnte. Die Ereignisse zeigten dann ja auch, daß die Erbitterung von diesem Zeitpunkt ab, kolossal stieg und zugleich drastisch bewies, daß die Unzufriedenheit allgemein war, und nicht, wie sich die militärische Führung immer und immer wieder zu entschuldigen versuchte, durch bolschewistische Agitationen entstanden sei.

Januar 7, 2021
von Jens Winter
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Heinrich Bluel – Kriegstagebuch 1870/71

Heinrich Bluel wurde am 10. März 1846 an einem bisher unbekannten Ort geboren. Sein Vater war Johannes Bluel. Er wohnte bei Langenhagen bei Duderstadt. Heinrich Bluel war von Beruf Malermeister. Das Tagebuch beginnt Bluel am 14. Oktober 1868. Auf den ersten Blättern sind Eintragungen zu verschiendenen Themen zu lesen, so zum Beispiel Aufträge, die er abgearbeitet hat. Auch finden sich dort Gedichte. Aus diesen Seiten geht hervor, dass Bluel als Malermeister gearbeitet hat.

Ab der Mobilmachung zum Deutsch-Französischen Krieg war Bluel bei der II. Kompanie des Hannoverschen Jäger-Bataillons Nr. 10 in Goslar.

Vom 16. August bis 2. November 1870 war Bluel im Raum Metz eingesetzt. Vom 6. November bis 30. Dezember 1870 war er im Lazarett. Anschließend erfolgte ein Einsatz bei Orléans. Am 12. Februar 1871 versstarb sein Vater.

Am 2. Juli 1871 kehrte Bluel dann per Bahn nach Goslar zurück.

Im Braunschweiger Adressbuch des Jahres 1886 ist Heinrich Bluel verzeichnet. Demnach wohnte er in der Langestraße in Braunschweig. Im Jahr 1915 war seine Adresse Weberstr. 9 (Arbeit) bzw. Neuerweg 15 (Wohnung).

Heinrich Bluel verstarb am 6. Mai 1931 im 86. Lebensjahr. Er wurde in Braunschweig auf dem St. Nikolai-Friedhof beerdigt.

Die Tagebucheinträge sind mehr oder weniger stichpunktartig abgefasst und deshalb bisweilen nur schwer zu verstehen. Einige Worte konnte auch leider nicht entziffert werden. Das Besondere an dem Kriegstagebuch sind die Bleistiftzeichnungen, die Bluel während des Krieges angefertigt hat. Die wichtigsten und schönsten Zeichnungen sind weiter unten zu sehen. Der Kontext mit dem Kriegstagebuch wurde beibehalten.

Außerdem liegen dem Tagebuch auch einige Originaldokumente bei. Beispielhaft wird hier ein Rechnungsbogen als Nachweis für seine Unterbringung am 11. März 1871 am Ende eingefügt.

Erste Seite des Kriegstagebuches von Heinrich Bluel

Das Kriegstagebuch wird hier in einer blatt- und zeilengenauen Abschrift wiedergegeben. Eckige Klammern markieren Ergänzungen bzw. unleserliche Worte.

Heinrich Bluel - Kriegstagebuch 1870/71

Mobilmachung am 16ten Juli 1870

 

25ten August auf Posten m. Gewehr

Maizieres b. Metz Losung: Soldaten

Freund, Soltgeschrei! Heinrich!

 

11ten Sept auf Doppelposten

22ten Sept auf Doppelposten

Blatt 19

Tagebuch v. Feldzüge 1870

per Bahn Goslar d. 30 Juli

Ab 6 Uhr über Brausch Hannv.

Minden Herfurt Bilefeld

Gütersloh [??]

mit  [?] Reda um 9 Uhr

31ten Juli Morgens in Hamm

Dortmund-Essen. Oberhausen

Diesburg a./R. Düsseldorf

a./R. in ½ 3 Uhr Nachmittag Mühlheim a./R.

a./R. Cöln a./R. Bonn a./R.

Rolandseck a./R.

Remagen Andernach

Neuwitt a./R. Bingen a./R.

Abends halb 9 Uhr mit der Bahn u. dann

Zu Fuß maschiert den 31 Juli

 

½ 12 Uhr Abend bis Rosenheim

am 11ten August einquatirt

in Rosenheim Abends ½ 7 Uhr abm.

n. Volksheim 1ten Agust

2ten August Morg. 7 Uhr abm.

Zur… Neu Brandenberg

3ten August Morgens

5 Uhr Abends zum Butter

Dinst u. … fällt aus

_______________________________

Heute den 3ten August Morgens

acht Uhr wurde All=Larm

geblasen zum Abmarsch wir

mussten deshalb gare Fleisch

vom Feuer nehmen und

Feldkessel einpacken

nach Kreuznach [?]

Eisenbahn nach Saarbrücken

Neuenkirchen

Blatt 20

v. Kreuznach nach Neukirchen

Bahn 3 mal Dounell [Tunnel]

Um 6 Uhr Sobern

Den 3ten August

Abends Stadt Düren ½ 7 Uhr

sehr freundlich bewirthet

Oberstein Oldenburg Provinz

5 Minuten 2 Dounell

gefahren 3ten  Dounell

4ten 2Ml. 1 ½ Ml. 5ten 2 Ml.

In Neuenkirchen Nachts 1 Uhr

angekommen bei starkem Regen

draußen biwacirt 4 August 1 Zug

einquartirt 5 August Morgens 5 Uhr

ausmarschirt nach Drottelbach

[??] 7 Stunden maschirt gut

1 Tag einquartirt 6 August

nach Ortweiler maschirt angekommen

Division zusammen gekomen in [?]

 

Ortweiler [Ottweiler]

Abens 11 Uhr biwakirt, und

Wachtfeuer angezündet 1tes Biwak.

7ten Morgens 3 Uhr abmaschirt

Nach St. Imbler [St. Ingbert] angek. 

um ½ 1 Uhr biwacirt

und abgekocht Sonntag den 7ten

abmaschirt nach Habkirchen

Grenze zwischen Baiern und S.

Am 8 August Nachmittag

1 Uhr die französische Grenze

überschritten bei Frauenberg

Sargemünd a./S. Biwack.

9 August 10 Abm. n. Hammbach

½ Stunde von Hammbach 9ten Ag.

Biwacirt wo wir uns Hütten

Bauten aus Holz was wir von

den Chosseebäumen abhauten,

und den Weitzen vom Felde

holten als Unterbett bei starkem

Regen im freien Felde gekocht.

Blatt 21

und gebraten. Ochsen geschl. Hasen ges.

in Hammbach einquatirt

eine prachtvolle kath. Kirche

von Hammbach abm. Morgens

6 Uhr 4Stunden maschirt in vollem

Regen da in freiem Felde biwacirt

wo wir vor Dreck kaum aus der

Stelle kommen konnten an der

Schaffen  über 50 dicke Pappeln abgeh.

und Hütten gebaut Kartf. ausgegrab.

u. gekocht überall den Hanf

vom Acker ausgeruft was als

Unterbett diente durchgeregnet

bis auf die Haut. Biwacirt

bei St. Jean=Rorbach [Saint-Jean-Rohrbach] abm.

den 11ten Morg. 6 Uhr Quatir

Am 12 Bartring [Bertrange] abm: 6 Uhr Mg.          

Nach Metz Renaut Delme 13.

biwakirt. (Weinkeller besucht)

Morgens 8 Uhr abm. d. 14ten Ag.

Sontag

 

nach Mong Chu=Burg

Quartier von hier sehen wir

Lebhaftes Kanonenfeuer in

der Richtung nach Metz.

hohe Burg: Ruinen) a/Mosel

Pont à Mousson, Burg

Position der Geschütze 15ten Aug.

abmaschirt 3 Uhr nach Pont.

                        Stadt
à Mousson Quartir gut.

Abm. Morg. 4 Uhr bis Neufaity

3 Uhr am 16ten wo wir in

Kräftigen Granatfeuer standen
eine große Schlacht. Das Gefecht

dauerte von 4 Uhr Mrg. bis Abends

8 Uhr furchtbares Granatfeuer

bei Trong Villa Schlacht

Trong=Ville [Tronville]. 16. Aug.

Blatt 22

Schlacht bei Trong Ville [Tronville]

Am 14ten Ruhetag biwakirt

Auf dem Schlachtfelde. abm. Morg.

6 Uhr den 18ten nach 3 Stunden

Wurden wir wieder mit kräftigen

Granaten begrüßt

Schlacht bei St. Làmong Cha.

St. Priwa [St. Privat]

Das Gefecht fing an um

Halb 12 Uhr und dauerte bis

Abends 10 Uhr wir kamen

Um 3 Uhr in heftiges Granatfeuer

Das Dorf St. Priwa [St. Privat] war von                                          

Den Franzosen stark besetzt u. verschanzt

Wurde aber von den Deutschen in Brand

Geschossen und mit Sturm genommen

19ten Ruhetag 20ten auch nach dem

Schlachtfelde 21ten Abmarsch nach

Metz 2 Stunden von Metz am) Sontag

Dorf Maiziers besetzt. Schanzen aufgeworfen

 

    In Maiziers
22ten August Ruhe Verschanzungen

vorgenommen 2 Stunden vor Metz.

um den Franzosen den Rückzug zu ver-

hindern nach Paris. 23ten Aug. Ruhe

24ten… 25ten Exerziert in Detail zu

Maiziers bei Metz 28 u 29. schlechtes

Wetter. am 26ten wurde ein

Französ. Spion erschossen. 31 Aug

abm. I u. II Comp. n. Thionvill

Thionvill die Bahn aufgerissen

Quatir in Ma Rickemong

________________________________

Am 31ten August rückte die IIte u III.

Comp. aus Maiziers Morg. um

2 Uhr aus Thionvill die Bahn

wurde aufgerissen bei Hittage

2 ­­­­­­Sept. Wein Brod u. Speck bekommen

zurük marschirt nach Rickmang

Abends um 10 Uhr Quatir.

am 1ten September (gut …

  1.  

Blatt 23

Quartir in Richmong furchtbares

Kanonenfeuer sumen von

hier in Richtung nach Metz [?]

Nachmitag 3 Uhr abmarschirt

nach Maizieres bei Metz am

1ten September Schlacht bei Metz

den 5ten Sept. Abend 8 Uhr wurde

All=Armirt wir mussten sofort in Position

die schöne Fleischtruppe u. Kartf. in Dreck

gießen u. hatten kaum Zeit sich fertig

zu machen es fielen einige Schüsse der

Feind nun auf Position hielt sich

aber weiter nicht gegen ½ 11 Uhr

legten wir uns schlafen den 6ten

Morgens 4 Uhr aufgest: (am 5ten krichten

wir: a. Mann, 14 Stück Ciggaren geliefert

in Tubost) am 1 Sept. regte  der Franzose einen Ausfal

zu machen die Preußen hielten ihn erst nicht kamen bis

Metz u. zogen sich erst zurück, die Franzosen wurden von

3 Seiten umzingelt u. mit Bayonetten zurückgeschoben,

Die Franzosen mußten im Laufschritt zurück.

2000 Gefangene wurden gemacht viel Verlust.

 

No10

Der Kaiser Napoleon wurde gefangen

genommen bei Sedan die Armee des Marshals

Mac=Mahon, Capitulirt- 100,000 Gefangene

100 Geschütze.) am 6ten war ein furchtbares

Gewitter mit starkem Sturm u. Regen.

Nachmittag, am 7ten Morgens gut Wetter

Nachmittag starkes Gewitter mit sehr starkem Sturm

und Regen, am 8ten Morgens sehr schlecht Wetter

kalt u. Regen am 9ten sehr schlecht

Wetter. Heute Abend 6 Uhr setzte ich Reis aufs

Feuer um zu kochen um halb sieben wurde all=arm-

mirht, ich mußte meinen Reis in Dreck gießen

u. sofort fertig machen, um Schlag 7 Uhr wurde

das Bombardumang auf Metz eröfnet alle

40 Fünder rings um Metz kamen in Tätigkeit

Der Regen kam vom Himmel gleich strömen wir

Waren durchnässt bis auf die Haut. um 10 Uhr

wurde das Feuer ruhig die furchtbare

Witterung machte es ein Ende. Es wurde ein

großes Feuer angemacht wo wir unser Zeug

trockneten u. uns schlafen legten, am 10ten

Morgens 5 Uhr Gefechts bereit. sehr schlecht Wetter

Am 11ten sehr gut Wetter. heute Morgen

wurde bei einer Recogofirungs=

Patroulien 1  Mann von uns schwer

Verwundet 2 Schuß bek./

Blatt 25 (rechts)

Fortsetzung v. No. 10

12 u 13ten gut Wetter. 14ten Regen.

15ten gut Wetter 16ten gut Wetter

auf Recognoszirungs Patroulie die II C.

abmarsch. Abends  halb acht Uhr. 11 Uhr zurück

am 18ten Abmarsch über Tallunge [Talange] nach

Moyeuvre Abends 11 Uhr

ins Quartir zur Besatzung Am

19ten Sept. machten wir eine

Partroulie 1 Abg. 10 Jäger nach

Rangdö, wir passirten einen dichten

Wald wo alle Wege verbarikadirt

Waren in Rangdö angek. kehrten

wir ein, und tranken einige

Flaschen Wein u. Bier kehrten

von da zurück auf einen Forstweg

durch einen Wald u. passirten die

Weinberge und ließen uns

den Wein gut schmecken.

22ten Sept auf …, [??]

hörte man von Metz 23ten [?]

wir nach Russelange ins Quatir.

Blatt 27

Fortsetzung von

23ten Sept. Rosselange abends im

Quartir Bett Abendb. Salat. Fürchtbares

Kanonenfeuer in Metz. Gut Quartir

die Tauben schmeckten hier sehr süß.

 Den 25ten Sept. 1 Sonntagsfeier

im Feldzug Morgens zur Kirche

Mittag 11 Uhr mußten wir ein

Sontags Partie, Partroulie nach

Rimolange u Farbeck im den

Einwohnern zu sagen: um sich von der 2 Comp

Im Walde sehn läßt oder auf ander Wegen

wird er von den Jägern erschossen bei Farbeck [Fameck]

kletterten wir einen hohen Berg hinauf

            Belle Vie

von wo man das ganze Moselthal

von Thiongvill bis Metz u mindestens

100 Dörfer sehen konnte jetz passirten

wir einen dichten Wald und kamen

indem wir große Weinberge passirten

um 5 Uhr Abends zurück, Sontags=Vergnügen

 

26ten 12 Uhr abmarsch nach

einen Recognoszirungs-Patroulie

durch die Wälder am 21ten

Abmarsch auf 5 Uhr Nachmitag

auch heute auf Posten vor

Gewehr in Rosselange

Vitire, abends 7 Uhr angekommen

Dann auf Doppelposten 28ten

In All=Larm [Alarm] Quartir in der

Scheune Nachmittag 5 Uhr abm.

Nach Richemong All=Larm

 Quartir den 29ten Sept Morgens

8 Uhr abm. nach Haiange [Hayange].

[Regeuiations?] Commando gutes Frühstük

Wofür ich 1 Frank zahlte hunderte von Menschen

Die mit der Mannschaft beschäftigt waren

u. uns die süßen Trauben bodten

die wir uns gut schmecken ließen.

Denn der Marsch war nicht sehr

warm.

Blatt 28

gut Wetter

Abends Quartir in Russelange

Am 30ten machte ich mir ein

Vergnügen um die Trauben mit

zu schneiden im Weinberge und ließ

mir die Trauben gut schmecken

indem ich mir die besten aussuchte

am 1ten Oktober Morgens 5 Uhr

fürchterliches Gewehrfeuer und Kanonen

bei Metz. Am 1ten Okt. eine

Patrulie nach Essange [Erzange?] die angeb.

Wurde gut gefespert. Bord, Wein, [?]

Speck, saur Gurken gegessen. zurück

Über Rangoxise [Ranguevaux] 10 Uhr in Rousselonge      

2ten Okt. Morgens furchtbares

Gewehrfeuer bei Metz das 1te

Arm=Corps wurde vom 10ten

abgelößt am 3ten Okt. Patroulie

Durch die Wälder nach Hayange

Abm. 2 Uhr Nachm. Abends 9 Uhr zurück

am 4ten war ich Kniekrank

___________________________________

Bis zum 7ten gut Wetter

 

Kniegeschwür am 6ten wurden

im Dienst. sehr gutes Herbst Wetter

heute auf Doppelposten heute

Nachmittag Uhr abmarsch

Den 7ten Morgens 8 Uhr nach

Cemeair ins Biwak den 1 ten

u 2ten Zug auf Vorposten nach

Belle=wü, abm. hatten wir nachm.

Abzukochen, aber das

Essen verlassen, weil der

Feind bei Belle wü unsere

Vorposten angriff und zu

einem großen Gefecht wurde

wir unsere Posicion während

die beiden Züge unserer Comp. mit

der Landwehr zurückgewesen

wurde, die Franzosen …

aber nachdem von unseren

heftigen Gewehrfeuer.

Blatt 29

In Sedan 1300 Mann Verlust

Mit Mühe zurückgeworfen unsere

Comp. hatte Verlust 1 Offizier d. 30.

1 Obg.[Obergefreiter] 35 Mann Todt u. Verwundet

Abends 8 Uhr wurden wir noch mit

heftigen Granatfeuer beschossen

9 Uhr wir[d] der Kampf beendet

Wir blieben in der Posicion

Den Morg. den 8 ten auf Vor=

posten bei Belle wü 400 Schritt

vor den feindlichen Posten sehr

schlechtes Wetter. Nachts auf

Posten u. Patroule am 9ten

Okt. am Vorposten abgelößt dann

ins Biwak bei schlechtem Wetter

In Biwacken, ähnlich dem [Schweine-

stall] wo wir darin ruheten am

10ten kamen wir nach Maiziers [Maizières ]

Wird unser Lager von Platt

Will aus mit Granaten beschossen

 

wurden den 11ten in Maiziers                                                          

12 ziemlich kalt 13ten schlecht W.

14ten auf Vorposten. Bellewü [Bellevue]

15 -″- Vorposten Santiny

Abend in Maizieres 16ten Regen                                         

17ten heute ist kein Kanonenschuß

gefallen sehr was seltens, 18ten

gut Wetter heute scheint die

Kanonade zu beginnen

20 schlecht W. 21 ruhig, heute auf Wache

Haupt W. in Maizieres 22ten Morgens

9 Uhr abmarschirt nach Antylli [Antilly] den

24ten Sontag Morgen 10 Uhr zur Kirche

Kirchaufsicht v. Dragoner Nachmittag 1 Uhr

auf Wache. 25ten Regen 26ten

Antilly. 27ten auf Wache Ant.

26ten Abend wurde am Horizont ein

Nordlicht bemerkt. 24. Regen

Blatt 30

Am 28ten Okt. 1870

Capitulirte die Stadt und

Festung Metz und 150,000 Gefangene

Nachmittag 1 Uhr verlißen die

Franzosen Metz auf  nach Deutschland

transpotiert] 29 u. 30, 31 Regen

am 1ten November kamen unsere

Gefangenes aus Metz zurück am

2ten Morgens 7 Uhr marschirten

Wir (inclusif) des 10 Armee Corps nach

Metz [Pont a. Musson] Abends

In Corni [Corny], auf einem Heuboden       

Am dritten Morg. 7 Uhr abm.

üb. Pont a. Musson  auf Loisy [Loisy a. Mosel]

ins Quartir Morgens den 4ten Nov.

Loisy nach Tremblecourt am 5ten

Novemb. Ruhetag den 6ten Morgens

8 Uhr auf Toul frühen Mittag

kam ich ins Lazareth am 28ten

Nov. 10 Einahme v. Orleangs [Orléans ] 10,000 Gefangene 45 Gesch.     

 

aus Toul
Den 30ten Mittag 1 Uhr

abmaschirt per Bahn.

nach Orleangs zur Armee.

Über Chalon, Witry, Aperoll
Epernie Quartir vor Kälte

habe ich nicht schlafen können.

31ten Morgens per Bah.

weiter nach Nogent Lartand [Nogent-l’Artaud]

a./ Marne, die Neujahrsnacht

im Eisenbahn Wagen 1870

geschlafen aber sehr kalt.

Heute den 1ten Januar 1871

Weiter nach Esbliy Quartir

im Eisenbahnwagen 2ten Jan.

Morg. nach Langny . schlechtes

Quartir den 3ten  Morgens

Thürau u. Süßboden aufgebrandt.

Neuesjahr

Blatt 31

Abends in Brie Kannte=Robert [Brie-Comte-Robert]

schlechtes Quartir gutes Heu

aber nichts drin 4ten auf

Corbeil [Corbeilles], Quartir in einer           

Kirche Altar wurde als

Esstisch benutzt d. 5ten Ruhetag

abend ins Quartir, gute Betten

d. 6ten Abens auf Arpogon [Arpajon]

ins Quartir d. 7ten Ja. Morg. 8 Uhr

Abm. n. Etampes [Étampes] Quartir [?]                                                      

d. 8ten abm. n. Angerville Quartir

den 9ten abm. n. Thury [Toury] Quartir d. 10ten

abm. Chevilly Quart. 11ten Januar

nach Orleangs [Orleans]. Quartir ziemlich                                      

gut. 12ten Ruhetag in Orleangs.

13ten abm. n. Blois Quartir 16ten

Morg. 8 Uhr abm. n. Vengdom [Vendôme] 32=     

Kilometer) in 2 Tagen.

 

17ten 18ten 19ten nach
            bei einem Schuster, Cordangö
Vangdöm. Quartir aber nichts

zu leben, 20 u. 21 Januar Ruhetage

heute besseres Quartir, rothe Rüben zu Mittag

bei einem Maler, Pendre. 22ten Sontag

23ten Allarm=Quartir, nich _ _ _

27ten auf Wache: zu Vendome. 29ten

Allarm-Quatier. Es wird ein Über-

fall befürchtet. nicht. 30ten

Wache. 31ten Januar Mittags

12 Uhr die Capitulacion von

Paris. Alles runter entwaffnet, bis auf

Die Nacional=Garde. von

30ten bis 19ten Februar

Waffenstillstand. 21ten Februar

Licht=Mess [Lichtmesse]: sehr schönes Wetter

letzten Tag in Vengdome. schönster

Tag. – 3ten Morg. 8 Uhr abm.

n. Le Mans. 1 Uhr ins Quartir

zu Montoire. -Morg. Weiter n.

Ponce ins Quartir sehr gut

Blatt 32

in einem frzschen Schloß

große Papoer Fabrik de Pappiè

den 5ten Feb. Sontag. Ruhetag in

Ponce (gut Plesier) auf dem Wasser

gegondelt. Sehr gutes Bett. 6ten abm.

n. Marçon Quartir sehr

gut. Cohu du Wong. tré bien                        

Mageè 7ter Morg. abm.

nach Chathu=du Loirs [Château du Loir] Quartir

in Chattue [Château] du Loir den 8ten

Morg. 8 Uhr zurück über)

nach) einen halben Schweinekopf

gekauft.(nach Tauleè et Pire [Neuillé-Pont-Pierre]

Abends ins Quartir. Hühnersüpchen

Den 9ten Feb. heute Nachmittag

4 Uhr glücklich in Tours angekommen

Ins Quartir. Belt=Etape parterre

gut möbilirtes Zimmer gut Essen

und Trinken den 11ten Feb. war

ich im französischen Theater.

Am 11ten erhalten 7 Thaler.

 

Hotel de France 12ten Kirchgang

14ten auf Wache. Tours a./Loirs

Am 12ten erhielt ich die Nachricht

das mein Vater gestorben war

am 18ten Januar 1871.

Tours, den 12/2. 71 in Frankreich.

Am 18ten Feb. große Parade

in Tours. Waffenstillstand

verlängert bis zum 26ten

Mitternacht. 23. Feb. Morgens

8 Uhr abm. aus Tours 20. Kilom.

9Uhr Quartir Péanè [Pernay] schön  

Wetter. mit 15 Mann. 24ten

gut Wetter. Nachmittag abm.

5 Kilometer weiter mit 10 Mann

ins Quartir eigenen Haus 25 ten

Ruhetag. Ambiyou [Ambillou] schlechtes Quartier

26ten Februar heute letzter Tag d. Waffen-

ruhr. Morgens schönes Wetter. Im Mittag

windig. Sontag.-

Le pain griese

Blatt 33

26ten Feb der Waffenstillstand

ist zum 3ten mal verlängert

aus zum 12ten März [um=

quartirt 28ten März.

schlechtes Quartir 2ten März

einquartirt abm. Morg. 9 Uhr

nach Clèrè [Clère] Quartir eigen Haus

du Goia. Gut Quartir den

5ten Morg. 6 Uhr ab. 28ten              

n. Thurs [Tours?] am 3ten März

der  Friede.

Quartir in Tours 6ten abmarsch. Morg. 7 Uhr nach

Amboise 24 Kilom. 4ten

Morg. 7 Uhr abm. nach Les Montirs [Les Montils]

28 Kilom. 8/3ten Morg. 7 Uhr abm.

Blois n. Suevres [Suèvre] 28 Kilom.

schlecht Quartir auf platten

Boden geschlafen.

 

Der 9 März n. Meun [Meung] 28 Kilom.

Quartir ziemlich den 10ten

mein 25 jähriger Geburtstag.

Ruhetag hier Meun [Meung]

Heute Morgen 9 Uhr zur Kirche

Kirchmusik heute schlecht Wetter

11ten März n. Orleangs [Orleans]

bei einem Schlachter 18 K.

Rue des petitst souliers [Rue de petit souliers]

No 22. Champio [Rue de Champion] Lebihan

Ce bien logement.

Den 12/3ten Morg. 7 Uhr abm.

von Orleans nach Chateu neuf

..:, Loiars 24K. 13ten Ruhetag                                                         

den 14/3ten Morg. 7 Uhr abm. n. Lorris

24K. 2 Uhr ins Quartir 15ten März

Abm. Mrg. 7 Uhr nach Montarge

Prachtvolle Kirche (26 Kilometer

Montargé

Blatt 34

16ten 7 Uhr abm. n. Chatourenare [Château Renard]

            18 Kilometer

Heute viel Schnee. Durchgeregnet

bis auf die Haut 17ten heute

Ruhetag gut Wetter ! 18ten Morgens

7 Uhr abm. n. Forté*                                                            

32 Kilom. Morg. 7 Uhr abm.

n. den 19 Feb. 24 Kilometer

Quartir in Joigny

a./d. Ynne [Joigny a.d. Yonne] 20ten 7 Uhr abm. n.

St. Florentin ziemlich schlecht Quartir                                            

28 Kilom. 21ten Ruhetag Appel, [?]

22tenKönigs Geburgtstag St. Florentin

abend 21/3 großer Zapfenstreich durch

die Stadt 22ten große Parade 5 Kilom.

m. 16 K. Quartir in la=Chapelle

Fonnare 14 K. Quartir 24 May 8 Uhr

abm. Angentenay an 16 K. Quartir

mit 9 Mann. 25ten Ruhetag für

26ten Morgens abmarsch nach
Laigpes Quartir 20 K. 27ten

in Chattellon [Chatillon s. S.]

2ten März 1871 - Unteroffizier Döcks Selbstmörder

Blatt 35

27ten nach Chattillon [Chatillon] 16 K.

3 gutes Quartir Läuse genug

28ten Morg. 7 Uhr abm. …

nach Gevrolles Quartir bon

logement 24K. 29ten

März n. Chaumont Nachmittag

3 Uhr in Chaumont 37 K.

Quartir 6 Mann am 30ten auf

Wache. den 2ten April heute

Palmsontag, ou churdouh bon

rekurirt 4ten April bei starkem

Regen Exacirt durchgeregnet

… Donnerstag Morgen Exercirt

Charfreitag [Karfreitag] keinen Dienst z. Kirche

Sonnabend Abendmahl, Osterfest

2ten Ostertag auf Wache.

13ten April geschlafen 25ten April

… 26ten auf Wache d. Maizi.

3ten Mai gearbeitet Magezin de la [?]

schönes Mai Wetter d. 10ten Mai auf

Wache Bahnhof. Schaumont [Chaumont]

[?] n. d. Natur H. Bluel 19/1 71.
Rosselange südlich gesehen n. d. Natur
Ohne Beschriftung!

Blatt 38 oben links

den 13ten abends großer Zapfenstreich

Chaumont Paris capitulirt zum

zweiten mal. Der Frieden ist abgeschlossen.

festen Frieden heute Friedensfest.

den 14ten Sontag 1871. 19ten

Bagache Wache.

Eine Zwillingszwetsche gefunden zu Maiziers b. Metz den 17ten September 1870 Frankreich

Blatt 41

Sollte dieses Buch

Jemand finden, so bitte

ich den ehrlichen

Finder, es doch nach

meinem Vater zu schicken

Herrn Johannes Bluel

in Langenhagen

bei Duderstadt

Post Hannover

H. Bluel.

Mourang bei Metz. Lagadu Mildrie im August 1870 bei Metz n. d. Natur H. Bluel
Se mecur, bei Metz n. d. Natur
St. Prive = la Mong Cha n. d. Natur Schachtfeld am 18ten Aug. 1870
n. d. Natur Burg bei Pont a Mouson. Quartier der II.=III. C. d. 10. Jäger Bataillon Am 14ten August 1870
Capelle [?]

Januar 6, 2021
von Jens Winter
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Oskar Volkmann – Offizier beim 3. Oberelsässischen Feldartillerie-Regiment Nr. 80 (Teil 1/3)

In meiner Sammlung liegt ein Band des Kriegstagebuches des Offiziers Oskar Volkmann vor, der Oberleutnant beim 3. Oberelsässischen Feldartillerie-Regiment Nr. 80 war. In diesem Band hat zwei Teile seines Kriegstagebuches niedergeschrieben. Zum einen über die Zeit vom 1. August bis 6. September 1914. Zum anderen die Zeit von Januar 1917 bis November 1917. Volkmann bezeichnet diesen Band als „Kriegstagebuch I“. Nach einem Eintrag auf der ersten Seite des Tagebuches gab es noch weiter Bände, nämlich einen vom 6. September bis 31.Dezember 1914, der mir aber leider nicht vorliegt. Die Jahre 1915 und 1916 waren in einem weiteren gelb gebundenen Heft, welches aber Volkmann abhanden gekommen war, wie er selbst anmerkt.

Aufgeschrieben hat er den ersten Teil im Winter 1914/15 „in der kalten Villa in Halluin“, wie Volkmann auf der ersten Seite schreibt. Beendet hat er seine Aufzeichnungen am 18. November 1918 in Hoppenstedt, ist auf der letzten Seite zu lesen.

Dem vorliegenden Band der Kriegserinnerungen liegen vier Fotos da. Vermutlich ist Oskar Volkmann auf einem dieser Bilder zu sehen.

Auf dem Foto ist wohl Oskar Volkmann zu sehen. Auf der Rückseite ist ein Stempel zu sehen. Dort steht: Oskar Volkmann, Halle a. d. Saale, Kaiserplatz 1. Dort hat Volkmann also einmal gewohnt.

Desweitern liegen dem Band auch zwei doppelseitig beschriebene linierte Blätter bei, auf denen Volkmann seine Kriegsteilnahme kurz darstellt. Leider fehlt mindestens eine Seite, so dass sein Werdegang nicht vollständig nachvollzogen werden kann. Hier nun der Wortlaut:

Kurze Übersicht meiner Kriegsteilnahme 1914 – 1918

Von der Kaserne meines Regiments in Kolmar, wo ich mich meinem Gestellungsbefehl folgend Anfang August 1914 meldete, rückte mein Regiment unmittelbar in die Schlacht. Der Franzose war sogleich mit Kriegsausbruch mit einer kleineren Gruppe über die Vogesen vorgestossen. Das XV., elsässer, und das XIV, badische Korps rückten ihm entgegen und in dem Gefecht bei Seunheim, wo meine Division die Feuertaufe erhielt, wurde das französische Seitendetachement zurückgedrückt. Von da ging das Korps nordwärts, bei Schirmeck wieder über die Vogesen und focht bei Raon l`Etappe. Auch bei diesen Kämpfen war es nichts mit der gehofften Einschliessung; wir drückten den Gegner nur zurück. Sekundierten dann kurz einem bayr. Reservekorps etwas südlicher u. wurden nach einigen Ruhetagen in Schirmeck abtransportiert um über Belgien in eine in der Front entstandene Lücke [Ab hier fehlt anscheinend mindestens eine Seite Text!]

Vom Zuge aus das Gefecht bei Löwen. Auf dem Plateau von Craonne kämpften die beiden Divisionen bis Mitte Oktober. Von da Marsch durch Nordfrankreich nach Flandern. Südöstlich von Ypern bei Zandvoorde stiess die Division am 24. X gegen die Engländer, eroberten Zandvoorde (und hätte Ypern bekommen, wenn – ) rannte sich aber in den folgenden Kampftagen hier ebenso fest wie anderswo und andere – und es begann Stellungskrieg, der das Korps 14 Monate an diesem Fleck festhielt. Silvester 1915 wurden wir zunächst nach rückwärts in Ruhe verlegt um Ende Januar 16 zu dem Generalsturm auf Verdun eingesetzt zu werden. Das Regiment kämpfte in den Wäldern nördlich Etain, ging mit den übrigen im ersten Angriff – und blieb mit den übrigen stecken. Sieben Monate lagen wir anschliessend an dieser Stelle der Woevre, zuerst im Syrielager, nachher kurz in Fléville, und in der Zeit der ersten kalten Nächte (30.10.16) kamen wir weg, an die Somme. Nach kurzer Rast in Avesnes le Sec rückten die Truppen der Division einzeln in den Hexenkessel bei Sailly-Saillisel. In 19 Tagen war die aufgefrischte Division abgekämpft. Wir wurden herausgezogen und sollten in ruhige Stellungen kommen. In die Gegend südlich von Stenay brachte uns die Bahn. Dort lagen wir in einsamen Etappendörfchen ein paar Wochen und wurden dann Mitte Dezember, über die Maaß gezogen und bei Flabas, Louvement eingesetzt. Kaum waren wir in Stellung, da begann die schwere Beschiessung, der Nivelles Angriff auf diese Front vom 13. 21. Dec. An der Nordfront Verduns folgte. Die Division wurde erneut so schwer mitgenommen, dass sie sogleich wieder herausgezogen wurde. Diesmal gings in eine wirklich ruhige Stelle, bei Cirey, am Kanonenberg. Während wir hier lagen, meine Kolonne im Lager nördlich Mouron, wurden die Kolonnen von den Feldartillerie Regimentern losgelöst und wir blieben bis Ende Mai 1917 in dieser Einsamkeit. Zur Sommerfrische nach _______ bei Aubenton verschickt, wurden wir schon nach einer Woche wieder eingeladen und in die nicht unbekannte Ecke nordöstl. Verdun verfrachtet. Dort lag die Kolonne beschauliche Sommermonate in Waldlagern, bis der Franzmann uns herausschoss, und wir in wechselnden Quartieren, (bzw. Nicht-Quartieren) bei regnerischem Herbstwetter und scharfem Munitionieren bald mit den Pferden sehr herunterkamen. Die Verlegung von St. Laurent in einen morastigen Waldzipfel, den wir erst zum Lager ausbauen sollten, gab den unterernährten Pferden den Rest; sie versagten, soweit sie nicht eingingen. Mit Mühe nur konnte ich die Kolonne in das weit rückwärts gelegene Mercy le Bas bringen. Dort erreichte mich Ende Nov., nicht ohne mein Zutun, die Kommandierung zur Doltmetscherschule nach Berlin, und anschliessend habe ich, vom 1.2.18 ab bei der Landesaufnahme in Berlin als Ordonanzoffizier eine interessante und bewegte Zeit durchgemacht – die aber kein Krieg mehr war. —

Kriegstagebuch vom 1. August bis 6. September 1914

Hier nun die buchstabengetreue Abschrift der Kriegserinnerungen. Anmerkungen von mir werden in eckigen Klammern wiedergegeben. An einigen Stellen hat Volkmann Ergänzungen auf leeren Seiten oder am Rand geschrieben. Wenn diese eindeutig in den Text eingeordnet werden konnten, dann wurde das stillschweigend gemacht. An Stellen, an denen ein eindeutiges Einfügen in den Textfluss nicht möglich war, wurde die Ergänzungen in eckigen Klammern eingefügt.

Niedergeschrieben Winter 14/15 in der kalten Villa in Halluin.

1 Aug.1914

Das also ist der Krieg! Wie oft hatten wir uns, auf Spaziergängen, dies ungeheure Werden einer Mobilmachung vorgestellt, also modus irrealis natürlich, aber – sehen möchte man`s schliesslich doch einmal, wie all das in einander greift, wozu man auf allen Gebietendes Lebens immer wieder die Vorbereitungen traf, ein weitverzweigtes Netz, dessen Fäden an alle Punkte des wirtschaftlichen Daseins angeknüpft waren. Würde es halten, wenn ein Ruck es anzöge um dies sämmtliche Beziehungen, alles Schaffen neu einzurichten? Es musste ein Ungeheures sein. Nun lag der lähmende Druck auf uns, den neue Nachrichten alle paar Stunden verschärften! Der Kriegszustand war erklärt, und die Truppen der Garnison Graudenz, die bis zum 30 Juli auf dem Schussplatz waren, kehrten plötzlich nachts zurück. Am anderen Morgen sah ich sie schon in neuem gelben Schuhzeug und Rock, der berühmten, auf der Kammern so sorglich gehüteten und erneuerten Kriegsgarnitur. Vor der Kommandantur stauten sich Neugierige, sonst merkte man auf den Strassen nicht viel von der inneren Erregung, die in diesen Stunden die ganze politische Welt erzittern liess. Meine Arbeiter schafften auf dem Neubau wie sonst, und doch wurden allerlei Gerüchte hin und hergetragen, während ich mit dem Techniker über die wippenden Bretter des Gerüstes ging. Die Gerüchte eilten den gedruckten Bekanntmachungen voraus, aber mittags stand doch ein roter Anschlag am Kommandanturgebäude. Gegen Abend liess ich alle Maurer und Handlanger im Hof des Rohbaues, der seit zwei Wochen so sichtlich emporgewachsen war, zusammentreten und sprach ein paar Worte.

[Anmerkung von der nachfolgenden Seite: Einer unserer Geheimräte im Ministerium [Reg. Baumeister Hahne] hatte das Extrablatt mit der Kriegserklärung durch den Boten in den Kanzleien herumgeschickt, und bliebt noch eine Weile an seinem Schreibtisch sitzen, den Kopf voll wirbelnder Gedanken. Wie verschiebt doch dies Blatt Papier alle Perspektiven, die ein Jeder vor sich sieht, auf die hin er arbeitet. Da klopfts, und durch die Tür schiebt sich tritt, mit seinem unnachahmlichen Bückling, einer der geheimen Kanzleiräte. „Verzeihung, ich wollte Herr Geheimrat nur eben ein sehr dringliches Aktenstück vorlegen: Anfrage der Regierung in Lüneburg, ob der Teppich im Esszimmer der Dienstwohnung des Präsidenten erneuert werden kann“. Ja, diesen Geist, den vielverlachten Geist des Wagner der, froh ist, wenn er Würmer findet; über den wir uns beim Requirieren als Offiziere der Truppe, wenn wir ihn bei Etappen- und Ortskommandanten trafen, oft ärgerten – wir hatten auch ihn so nötig, um diesen Krieg zu führen.]

Unsere Wohnung wollten wir schliessen, und zusammen übermorgen reisen; aber wie abends das Fahren und Abreisen zunahm; wie die erwartete Mobilmachung noch am gleichen Abend bekanntgegeben wurde, da entschlossen wir uns, schon am andern Morgen zu reisen. Mit Frau und Jungen, mit Handgepäck und Dienstmädchen zog ich aus der Wohnung, vergeblich auf den bestellten Wagen wartend. Da pakte  ich die Meinen, trotz Protestes meiner Frau, trotz Zögerns der Federhutgeschmückten Donna, in ein vorbeitrottendes Gemüsekärrchen. Rappelnd sauste der gebrechliche Wagen, dessen Pferdchen ich unerbittlich zum Galopp peitschte, über das Pflaster, den weiten Weg zum Bahnhof, noch grade recht, um den einzigen Zug, der mit guten Anschlüssen nach Westen fuhr, zu erreichen. Quer durchs deutsche Vaterland, durch das beginnende Erbrausen des Sturmes ging die Reise nach Weimar und von da zum Rhein. Die Züge fuhren im Osten pünktlich und waren leer, da sie ja der Mobilisierungsrichtung entgegen liefen. In Berlin am Anhalter Bahnhof wimmelte es von Offizieren, Reservekavalleristen besonders, die ihren süddeutschen Garnisonen zufuhren. Ein alter Studienfreund; „Halloh!“ Er wendet sich zu einer jungen Gestalt durchs Fenster, die unter ihrem Rosenhut die tränen nassen Augen zu bergen sucht. „Vor 14 Tagen hab ich geheiratet“, erzählt er mir, als der Zug aus der Halle herausgerollt ist. Wie viel Bekanntschaften macht man auf jeder Strecke, eigentlich ist Jeder ein Bekannter, mit dem man Nachrichten tauscht. „Haben Sie von dem Kriegsschatz gehört, der in Autos nach Russland durch geschmuggelt wird?“ „Im ganzen Land ist ein Netz von Spionen dabei, alle Eisenbahnen zu zerstören in Kochem [Cochem] ist ein Gastwirt festgenommen, der im Begriff war, mit seinem Sohn den grossen Tunnel zu sprengen.“

Das einförmige Rattern der Axen wird zum lebendigen Pulsschlag, es giebt nur noch ein Wollen. Und es teilens alle da draussen. In Flecken und Dörfern stauen sich Kinder und Frauen an der Bahnschranke und ihr lärmender Jubel schwillt an, so oft eine Soldatenmütze an ein Fenster tritt. Die machtvollste Steigerung aber fand die Teilnahme der Bevölkerung im westlichen Industrierevier. Aus hundert Fenstern einer Fabrik schauten dreihundert Mädchenköpfe, auf Dämmen und Strassenübergängen dicht gekeilte Kinderscharen. Von Hagen bis Elberfeld war die Bahnstrecke eine Triumpfstrasse.

[Anmerkung von der folgenden Seite: Als Bruder Ernst erwähnte, dass das VII Corps gegen Lüttich rücke, schüttelte Prof Rothert, der alte Freund der Eltern, Professor der Geschichte und grosser Stratege, den Kopf. „Lüttich? da irren Sie `Belgien ist doch neutral“.]

Unser Schnellzug überholte schon einige Militärzüge. Halberstädter Kürassiere, traben auf einem Bahnsteig in knarrenden gelben Stiefeln mit Segeltucheimern zum Wandbrunnen, um schnell ihren Pferden Wasser zu holen. „Wohin?“ „Wissen wir nicht, wahrscheinlich nach Aachen“. In Düsseldorf herzliches Wiedersehen mit den Eltern und mit Bruder Ernst, der seine Ausstattung wie zu einer Afrikareise vervollständigte. Beim Abschiedsessen am Elterntisch ertönen krach, krach Kanonenschüsse in der Stadt. Oben am Sommerhimmel zeigten sich zwei drei weisse Wölkchen; platzende Schrapnels, wie wir sie vom Schiessplatz her kannten. „Halte ich für ausgeschlossen“ erklärte Vater „es sind Kumuluswölkchen, wie sie vorkommen“. Wir aber konstatierten stolz, die Luftschlacht bei Düsseldorf, „Beginn des Weltkrieges.“ Irgend eine gedruckte Bestätigung war vorläufig nicht zu bekommen, denn die Zeitungen durften ja nicht mehr Alles bringen.

Abends fuhr ich, meinem Gestellungsbefehl entsprechend, nach Colmar ab. „Am Schluss des dritten Mobilmachungstages tritt der Friedensfahrplan ausser Kraft;“ das wusste man ja von jeder Kontrollversammlung; die Züge den Rhein rauf hatten bereits mehrere Stunden Verspätung, und ich war erst in Mainz, als es Mitternacht wurde, und damit – ganz prompt,- jeder Weiterverkehr stockte. Auf Lokalzügen mit vielfachem Umsteigen schlängelte ich mich dann einen Tag lang bis Strassburg. Hier war die kriegerische Arbeit im vollen Gange. Über den Kleberplatz trabte eine lange lange Reihe schwerer Karrenpferde, von Fussartilleristen geführt, Reserveleute eilten von Geschäft zu Geschäft, um das fehlende Feldgrau zu beschaffen. Im Restaurant des „Roten Hahns“ sassen elegante junge Offiziere – nur bescheiden die Abzeichen der stolzen, sonst so bunten Reiterregimenter an der feldgrauen Montur. Am dritten Mobilmachungstag, den vierten August treffe ich endlich in Colmar. Zwei Soldaten, die in einem Auto am Bahnhof eben vorfuhren, teilten mir auf eine Frage nach einem Wagen mit, dass jeder Soldat jegliches Fuhrwerk benutzen könne nach seinem Belieben; alle seien zum den Dienst der Heeresverwaltung verpflichtet. Sie schienen sich selbst schon ganz an diesen Punkt des modernen Krieges gewöhnt zu haben, denn sie sassen sogleich wieder mit auf, als ich den Chauffeur bat, mich zur Artilleriekaserne zu fahren. Wir rasten durch die Stadt; wo die Häuser aufhörten stand ein Doppelposten der Jäger zu Pferde, die den Wagen mit vorgehaltenen Karabinern zum Stehen brachten. Hundert Schritt weiter lag die neu erbaute Kaserne einer Abteilung des Feldartillerie-Regiments 80, die ich in dieser ernsten Stunde zum ersten Mal sah. Ich meldete mich beim  Kommandeur, begrüsste einige Bekannte, die schnell vorbeigingen und brachte mich ins Bild. „Volkmann, Sie werden die Grosse Bagage führen“ teilte mir Bader mit. „Wie macht man das?“ „Weiss ich auch nicht, aber das wird sich alle finden.“ Schön, kann ich irgendwo helfen?“ „Danke es geht schon.“  Aus der Kammer liess ich mir einen Anzug geben, suchte mir (Quartier) eine Stube in einem Mannschaftshaus. Einige Batterien waren schon weg, als Grenzschutz in die nahen Vogesenpässe aufgestellt. Die zweite Abteilung wurde in ihrem Standort, dem Truppenlager bei Oberhofen, mobil gemacht; sie sollte in zwei Tagen anrücken. Da ich der Letzte war (fand ich) hatte das für mich bestimmte Reitpferd schon einen anderen Liebhaber gefunden. Der Regimentsadjudant liess darauf von jeder Abteilung, ein zum Reiten geeignetes Pferd anfordern, von den ich eins mir aussuchen sollte. Ich konnte ja annehmen, dass die übelsten Schinder gestellt würden. Ich entschied mich für einen Braunen, der an dem Tage erst eingeliefert war. In der ganzen Zeit… habe ich in steigendem Maße erfahren, ein wie zuverlässiges Pferdchen ich an meiner „irischen“ Stute hatte, die im Sattel, beim Hürdensprung wie im leichten Wagen gleich ausdauernd ging. Sie hatte, als sie eigezogen wurde Kummtspuren im Nacken und das mag beigetragen haben, dass man sie bei der Musterung aus dem Kasernenhof nicht erst als Reitpferd prüfte.

5-7/8[.1918]

Die ersten Tagen, bis die zweite Abteilung kam, gingen hin mit Vervollständigung der Ausstattung. Zunächst bekam ich vom Zahlmeister eine hübsche Summe blaue funkelnagelneue Lappen aufgezählt, die ich am anderen Tag gleich wieder in der Reichsbank deponierte. Meine Koffer waren in Berlin nicht auf anderen Bahnhof befördert worden. Die völlige Stockung des Gepäckverkehrs war eine der natürlichungen Folgen dieser Mobilmachung, die in die Som Haupt-Reisezeit fiel und daher ein ungeheures Zurückfluten aller Sommerfrischler noch zu dem ungeheuren Schwellen des Verkehrs durch den Krieg brachte. In Berlin hatten Gebirge von Gepäckstücken in allen Bahnhofshallen bis über die schützenden Glasdächer hinaus gelagert. Nun sah die Bahnhofsverwaltung, wohl in Folge der vielfachen telegrafischen Reclamationen, die Dringlichkeit einer vorzugsweisen Beförderung von Offizierskoffern ein, und ich fand bei einer der nächsten Visitationen am Bahnhof meine beiden Koffer heraus. (Ebenso) Auch gelang es mir noch einen neuen Armeerevolver zu bekommen, da für den Regimentsstab eine bestellte Sendung noch rechtzeitig eintraf. In Geschäften war gänzlicher Mangel an leidlichen Pistolen. –Imn unserem neuen Casino versammelte sich geg zum Essen noch eine lebhafte Gesellschaft und der Betrieb wurde wie in Friedenszeiten aufrecht erhalten; nur der Hauptweinvorrat war freilich nach Neubreisach in Sicherheit gebracht ebenso wie die Restbestände aus unseren Kammern fortgeschafft wurden, da man mit der Möglichkeit eines Einfalles rechnete. Da der Restbestand zu Neige ging, beauftragte der Graf mich, im Auto von dem Bestand noch etwas zu holen. Auto bekam man vom Kommandanten zur Verfügung gestellt.

Beim Abendessen hielt der Graf eine seiner drastischen Ansprachen: Zwei Dinge verlange ich: Behandeln Sie Ihre Untergebenen als Gentleman und: wer jeut [sic!], den lasse ich bei der nächsten Schlacht zu Haus.

Beim Kommandanten, in der Infanteriekaserne, die auf Gängen, Stuben und im Hofe von halb und ganz uniformierten Menschen wimmelte, holte ich mir einen Passierschein und liess mir ein Auto zur Verfügung stellen. Auto bekam man vom Kommandanten zur Verfügung gestellt. Durch die sommerlich prangende Ebene sauste der Wagen der kleinen Festung zu. Es war wirklich kein sehr kriegsmäßiges Geschäft, aber es war lustig, wie die ganze Mobilmachung bisher. Als wir uns der Neubreisach näherten, sah ich hunderte von Arbeitern beschäftigt, das Vorgelände in Kriegszustand zu setzen. Dutzende herrlicher alter Platanen und Pappeln lagen gefällt am Boden. Dünne Stämme, die vor dem Glacis ein Dickicht gebildet hatten, waren 1 meter über dem Boden abgehackt, und die Stumpfe wurden durch Stacheldraht verbunden. Ein Kabel wurde längs der Strasse in die Erde gebettet. Im Städtchen herrschte die gleiche Emsigkeit des Rüstungsgeschäftes. Unser Regiment stellte hier seine Ersatzabteilung auf; Koppeln von Pferden, ein Gedränge von Reservisten um eine Feldküche füllte den Hof der alten Kaserne, wo ich da nach kurzem Aufenthalt meinen Auftrag ausführte, Photografien. verschiedenen Hin- und Herfragen erst den Raum, wo der Weinkisten standen und dann den Kammergefreiten, der den Schlüssel dazu hatte, auftrieb. Als ich heimkam, wurde mir ein böses Gerücht zugeflüstert: „von R. [Anmerkung auf der gegenüberliegenden Seite: Frh. Röder von Diersburg] hat sich oben im Grenzschutz eine Kugel in den Kopf gejagt.“ Der hübsche blonde von R. den ich bei meiner Übung als fröhlichen jüngsten Regimentskameraden kennen gelernt hatte, war mit dem ersten Kriegstage als Zugführer in eine der ausgesuchten Stellungen in den Vogesen gerückt; da sollte er heut ins Gebüsch gegangen sein und die Geschützbedienung habe einen Knall gehört, habe ihn dort gefunden und bei ihm einen Zettel: Die Verantwortung sei ihm zu gross gewesen…… -Das war ja ein hübscher Auftakt für einen stolzen, wills Gott ruhmreichen Feldzug. Gedrückt ging man umher und weiter wurde geflüstert: „Auch England hat uns den Krieg erklärt – aber sagen Sies den Mannschaften nicht so gleich…

Abends sagte der Regimentskommandeur mit Betonung: „Freiherr von R. ist beim Revolverladen verunglückt….“

 

Am 9 August rückte das Regiment aus, wir wussten dass französische Truppen von Belfort her eindrangen und dass unser XV Korps vielleicht von der Kaserne aus in die Schlacht rücken würde – aber abends wurde die Abteilung nochmals in die Kaserne zurück geführt. Wir, die Bagagen, waren unter dess in nord östlicher Richtung eine Stunde weit marschiert; hatten dort Stundenlang gelegen bis nachmittags der Befehl zum Einrücken kam. So lernten wir gleich die Haupt Beschäftigung der Bagagen, zigeunerhaftes Herumliegen, kennen    Bei der grossen Hitze war das Wannenbad im neuen Offizierskasino mir eine besondere Erfrischung

Am 10  gings wieder heraus in nord östliche, Richtung, wieder stundenlanges Warten nachdem wir uns mit den Bagagen der andern Regimenter vereinigt hatten, aber dies mal rückten wir nicht wieder in die Kaserne, sondern es ging nach Süden weiter also wars vorwärtsgegangen da unten!

Gegen Abend näherten wir uns Rufach, das erste Donnern ferner Kanonen wurde vernehmbar und gespannt blickte man nach Süden, wo Mühlhausen liegen musste, aber von einer Schlacht vorläufig nichts zu beobachten. Da, drüben vom Hang auf der Strasse heransausend, ein Auto mit der Flagge der Roten Kreuzes. „Rechts ran!“ Es fährt mit verkürzter Geschwindigkeit an der Kolonne entlang und einen Augenblick sehe ich zwei Gestalten halb liegend schwarzblaue Röcke, wachsbleiche Gesichter weisse Verbände; die ersten Franzosen, verwundet, gefangen.- Wieder stockt die Kolonne. Ein Meldegänger radelt vorbei: „Wie lange wird die Rast dauern?“ „Der Reitmeister kanns nicht sagen.“ Der Befehl zu Weitermarsch konnte jeder Zeit kommen, aber da man nicht immerzu in Bereitschaft bleiben kann, fängt Alles an zu essen. Der Mond ist glänzend aufgegangen, hie und da flackert ein Lagerfeuer auf, die meisten aber essen ein essen eine Fleischkonserve kalt und Brot dazu. Wein ist noch in allen Feldflaschen vorhanden. Dann betten wir uns am Chausseegraben, in der lauen Nacht genügt der Umhang zum Zudecken. In der Frühe [Anmerkung am Rand: 11] ist wieder die Frage: soll man Kaffee kochen? Niemand wagts recht, weils ja jederzeit weiter gehen kann. Aber am Bach im Grund kann man ganz kriegsmäßig Morgenwäsche machen; ich benutze sogar das Rasiermesser, das ich im Schwammbeutel mitführe. Dann aufs Pferd, um sich weiter vorn mal umzuhören. Ich trabe an der Colonne entlang. Der Rittmeister? „Ist im Dorf!“ Da vorn Die In der Strasse von Rufach, mit hübschen alten Portalen, mit Bauernhöfen in denen Munitionswagen hielten, sah ich ein kleines Café, wos frisches Gebäck und Cafe mit köstlich mundender frischen Milch gab. Als ich raus trat, war mein Pferd verschwunden. Ich suchte die Strasse ab, fuhr mit einem Rade an ein paar Kolonnen entlang, wohin der Pferdehalter es irrtümlich gebracht haben konnte, und fand es, nach einer Stunde zurückkehrend, friedlich bei meiner Bagage, (zu) der ein anderer Fahrer es zugeführt hatte.

Endlich kommt der Ruf: „Fertigmachen!“ und kurz vor Mittag rollt die Wagenreihe rasselnd durch Rufach. An einem Kloster werden den Soldaten Teller mit heisser Graupensuppe gereicht und ich bin vergnügt auch einen mit einem grossen Klumpen Suppenfleisch zu erhaschen, den ich im Sattel in der nächsten Seitenstrasse mir einverleibe. In den Dörfern, durch die wir kamen, wurden uns von Frauen und Kindern auf allen Gassen Erfrischungen geboten und gierig schlickte man ich durcheinander kalten Kaffee, Mirabellen, küns[t]liche Limonade. Dabei ärgerte ich mich über ein grosses Lastautomobil, das in der Kolonne vor uns fuhr. Von einer Strassburger Brauerei war es requiriert für das Musikkorps des einen Infanterieregiments und diese Blechspucker hielten an jeder einladenden Kneipe, und während sie einen hoben der Wirt volle Biergläser in die ausgestreckten Hände verteilte, kam die ganze Kolonne dahinter ins Stocken. Dann fuhr, in einer Wolke von Benzoldampf und Gestank, das schwere Auto wieder an, rasselte beschleunigt hinter den vorgerückten Wagen her und wir konnten sehen, wie wir aufkamen. Die Sonne brennt erschlaffend und nach mittags sehen wir links von der Strasse die ersten Spuren des Schlachtfeldes; zerfahrene Äcker, die auseinanderziehenden Wagenspuren deuten auf das erste Auffahren der Artillerie, und gleichzeitig sehen wir über die Höhe weg in der Ferne wo Mühlhausen liegt, Rauchwolken der brennenden Stadt. Vor Uffholz giebts wieder längeren Halt, wir hören dass das Dorf gestern gestürmt ist. Die Neugier treibt mich wieder an die Spitze der endlosen Kolonne. Die anderen Offiziere sitzend rauchend am Wegrand, die Strasse sperrt ein Doppelposten, zwei 126er, und der eine erzählt bereitwillig wie sie durch den Weinberg vormussten da oben und wie er auf den ersten Franzosen zielte. „Aber die Kerls konnten uns nichts machen, schossen alles drüber weg. Nur nachher, wie die 132er von der Seite angriffen, haben sie auf die Unsern geschossen, und die konnten besser Zielen.“ Mich packte ein leichtes Entsetzen. Ich ritt herüber ins Dorf, nach Zeichen der Schlacht aussehend. Da stand ein Karren mit Monturstücken, zwischen unsern braunen Felltornistern Ranzen lagen schwarze Wachstuchtornister, aha, Seitengewehre aus Metall, Geschosskörbe. Auf dem kleinen Dorfkirchhof gruben acht Männer ein grosses Grab; daneben lagen verhüllte lange Gegenstände. Ob das Leichen wagren? Und dann um die Ecke, stosse ich auf einen breiten Karren, auf dem etwa zwanzig tote Soldaten lagen, feldgraue und dunkelblaue Freund und Feind durcheinander, eine verkrampfte gelbe Hand mit schmutzigen Nägeln, ein Fetzen eines erbsengrauen Waffenrockes hing herunter, über und über bedeckt mit verdächtigen nass braunen Flecken. Ich bekam das Schlucken und wandte mich ab. Der Brunnenstock gegenüber strömte das klarste Wasser aus; von dem hatte vielleicht Einer getrunken, der da jetzt lag. Ein junger Dragoner, der auch herangeritten war, sah mich entgeistert an und murmelte: Entsetzlich! So, unvermittelt packte uns der Krieg an, und schlimmere Bilder habe ich seitdem nicht wieder gesehen. Niemand, der das Begräbnis leitete, kein Unteroffizier, der für Ordnung sorgte. Ein (anderer) Soldat schnallte einen im Dreck liegenden französischen Wachstuchtornister aus und entnahm ihm eine blaue Conservenbüchse – erste Kriegsbeute.

(Als ich zurückritt, waren am Chausseerand Feuer angesteckt und die Erbsensuppe brodelte im Kochtopf. „Das ist ja für 50 Mann“ sagte ich wir habens aber zu sieben aufgegessen.) Aus der Wiese quoll neben der Strasse eine Wasserader. „Vergiftet!!“ stand auf einem Papierblatt, das an einen Stock daneben geheftet war. „Auch in Uffholz sollen haben sie die Brunnen vergiftet!“ „Kann man denn Quellen überhaupt vergiften?“ „Gewiss, mit Bacillen zum Beispiel – ich möchte jedenfalls nicht davon trinken!“ Ein Trupp flüchtender Landleute kam die Strasse, im Sonntagsstaat, mit schiefsitzenden Kapotthüten, Kinderwagen schiebend, hochbepackt mit ihrer Habe. Dann ein paar junge Kerls. „Dürfen denn die überhaupt hier durch?“ fragte mich einer der Kameraden, der nach hinten ritt. „S´ sind französische Soldaten, die sich in Uffholz Civil angezogen haben,“ sagte meinte ein Unteroffizier. „Da oben steckt noch alles voll von Franzosen“ er deutet auf den Berg. Von Uffholz her fielen zwei Schüsse. Auf einem Fussweg drüben ging wieder eine Gruppe von Frauen ein halbwüchsiger Bengel und Kinder. „In den Packen, die sie tragen, sind sicher auch Civilkleider für Soldaten, die sich versteckt halten.“ „Feldwebel, nehmen sie die Leute fest“ rief ein Bagageführer. Der schwärmte mit drei Mann über die Wiese und rief die Bauersfrau an. Wortwechsel, Untersuchung, dann schwank kam der ganze Zug, lamentierende Weiber, unerbittlicher Feldwebel, schwankender Kinderwagen durch die sumpfige Wiese herüber. „Herr Leutnant hier das habe ich gefunden bei der Frau versteckt,“ der Soldat zog eine rote Kreuzbinde aus ihrem Korb. Im Nu hatte sich ein dichter Kranz um die wimmernden Frauen und mich gebildet. „Man sollte kurzen Process machen mit dem Pack“ sagte der dicke rote Musikmeister das sind hier alles Ver[r]äter. „Was ist denn Verdächtiges gefunden? fragte ich den Feldwebel scharf bestimmt „Ich weiss nicht, aber… er sah die andern an.

 „Na hören Sie, wir führen doch keinen Krieg mit Frauen und Kindern –“ „Hat denn der Kerl einen Pass?“ Der junge Mensch zog eifrig aus seiner Brusttasche ein fettiges Papier mit unkenntlichem Bildchen.- Mein Beruhigungsversuch wirkte nicht lange; in die Reservisten war eine Aufregung gekommen, die die unsinnigsten Gerüchte nährten. „Gewehre nach vorn!“ hiess es plötzlich. Von jedemr Regimentsbagage traten zwanzig bis dreissig Schützen zusammen; ein Unteroffizier von den Jägern liess seinen Zug seitlich ausschwärmen. Vorn begann es wie wild zu knattern. Aber das Schiessen hörte bald auf, die Leute kamen zurück. Was war denn los vorne? Niemand wusste es recht, und der Rittmeister, zu dem ich ritt, sagte in Seelenruhe „Da vorne soll wohl so ‘n Kerl geseh`n sein.“ – Das kann ja eine hübsche Nacht werden“ dachte ich und suchte mir als es dunkelte am Wiesenrand eine passende und noch nicht verdreckte Stelle zum Schlafen aus; nachdem ich meinen Leuten noch eingeschärft, nicht ohne meinen Befehl zu schiessen. Nach der Bergseite wurden zwei Doppelposten aufgestellt, den Pferden die Gurte gelockert. Sie blieben aber, wie die vorige Nacht, im Geschiss stehen. [Anmerkung am Rand: 11] Um Mitternacht kam wieder das Kommando „Fertigmachen!“ Ich stülpte den Helm auf, liess meinen Wäschesack aufladen und ritt an der Kolonne entlang. Als ich mich überzeugt hatte, dass alle Wagen marschbereit waren, liess ich anfahren. Vor uns war eine Lücke, da die anderen früher losgefahren waren, aber schon nach einem Kilometer holte ich die stockende Kolonne auf. Langsam gings weiter, stockte, ging wieder vorwärts. Auf den Wagen schliefen, zusammengesunken, die Kanoniere, auf den Pferden schaukelten schlafend die Fahrer. mit aller Mühe suchte ich mich des Schlafes zu erwehren, den entsicherten Revolver steckte ich bald wieder weg und suchte auf und abreitend die Kerls wachzuschreien, denn wenn einer W der schlafenden Wagen stehen blieb, ging der Anschluss verloren und später dann fing ein wildes Traben an. Waren es Stunden, die wir so vorrückten? Es begann zu dämmern, als wir nach Sennheim kamen. Um die Ecke biegend erkannte ich den Giebel der Kirche. Die Doppeltür stand weit offen und drin,- Mysterium,- bewegten sich bei Lichterschein lautlos viele Gestalten hin und her. Dann begriff ich: Verwundete pflegte man; sah erwachend die Kirchenbänke auf der Strasse gestapelt und sah sie drin im Halbdunkel in dichten Reihen liegen, die ersten stillen Helden dieses Feldzugs. Am Ausgang von Sennheim gabs wieder einen Halt, der bis Mittag dauerte. Unterdess hatten wir in einer Wirtschaft Erfrischungen bekommen; er gab Bier, Kaffee später auch warmes Essen. Mit der Hitze des Nachmittags kam wieder der trockene zehrende Durst, den ich schon tags zuvor vergebens mit den vielen Limonaden zu stillen versucht hatte, die in allen Dörfern bereitwillig in Kübeln und Gläsern den durchreitenden Soldaten geboten wurden.

Der Tanzsaal der gegenüberliegenden Kneipe war ebenfalls Verbandplatz, drin lagen auf Stroh dreissig Stöhnende zerschossene Soldaten, furchtbarer Geruch von Karbol und Schweiss, in der Mitte operierte der Arzt mit aufgekrempelten Hemdärmeln  In den kleinen unsaubern Hof hatte man, wohl um Platz zu machen, zwei Sterbende auf ihren Bahren aus Ästen gelegt. Dem einen, einem französischen Artilleriekapitän, war der Rock übers Gesicht gedeckt. Seine schwarzes g Käppi mit Silberschnüren, das er sich frisch in Lyon gekauft hatte, lag in einer Ecke. Ich steckte es zu mir. Der andere war ein deutscher Soldat, dessen Brust sich noch schwer hob und senkte. Mit stumpfsinniger Neugier drängten ein paar Reservisten in das Höfchen. Herrgott ist das ein Graus! Drüben vor dem grossen neuen Gebäude, dem Krankenhaus, hielten in der vollen Sonne immer wieder Wagen, Bahren wurden ein und ausgeladen.

Gegen abend kamen Befehlsempfänger von den Regimentern, um die Bagagen zu den Truppen vorzuholen. Ich bekam einen Zettel der Regimentsadjudanten und rückte mit meinen Wagen nach Niedermichelbach. Kein Soldat zu sehen; rechts und links ausgehobene Gräben, eine Artilleriestellung, und in dem ausgestorbenen Dorf ein brennendes Gehöft. Also weiter nach ________michelbach; zwei Berittene auf verschiedenen Wegen vorgeschickt. Links auf dem Acker sah ich Lagerfeuer brennen, eine Abteilung biwakierte vor dem Dorf, der Regimentsstab habe sich drin einquartiert. Das Dorf; in das ich mit dem Stabspackwagen suchend einritt, war gespenstig erhellt von schwelenden Brandstellen: ausgebrannte Gehöfte zeugten davon dass von Einwohnern oder hinterhältig aus ihnen auf durchmarschierende Truppen geschossen sei. Später hörte ich dass auch eine unserer Batterien gezwungen wurde im Dorf abzuprotzen und die Strasse hinunter zu schiessen. Das Auffinden des Regimentsstabs in diesem Durcheinander war nicht einfach; aber schliesslich landete ich am Pfarrhause, wo der Oberst war und natürlich – fest schlief. Schlaf war sicher nötiger wie Essen, Koffer, und was unser Wagen sonst brachte – so liess ich die Herren schlafen – obwohl mir mitgeteilt wurde, dass ich in drei Stunden wieder abrücken müsse, und die Bagage sich vor nach Sennheim bei Tagesgrauen zurückziehen müsse. Im Pfarrhaus wurde mir von der Haushälterin noch ein Imbiss geboten, dann dann wies man mir das Zimmer mit dem sauberen Bett, aus dem ich mich seufzend bald darauf wieder erhob. Die schlaftrunkene Bagage hatte sich auf der Strasse gesammelt; müde gings im Schritt wieder nordwärts. Die schwarzen Umrisse der hochbepackten Wagen mit den schlafenden Fahrern schaukelten mir vor den Augen; ich ging zu Fuss und führte mein Pferd, um mich besser munter zu halten. Da stolpere ich und falle auf einen Pferdekadaver nun hält der Ekel einen wenigstens eine Strecke wach. Vor Sennheim Halt – es ist uns jetzt schon Gewohnheit, dass wir die Stunde nutzend uns an die Wegböschung zum Schlummer legen, wo uns die Morgensonne bald aufweckt. [Anmerkung am Rand: 13.8] Dann kam der Befehl zur Truppe wieder vorzurücken und zwar lag mein Regiment in Michelbach. Die Kochgeschirre und Eimer wurden angeschnallt und wir fuhren im flotten Tempo durch Oberasbach und dann die Höhe herauf, wo ich die Wagen den einzelnen Batterien zuschickte. Ich selbst ging zum Gefechtsstand der II Abteilung und machte Major Meyer Meldung. Die Offiziere sassen in einer ausgegrabenen Erdstellung auf der südlichen Höhe und man musste das letzte Stück geduckt anschleichen. Die Kanonen standen etwas rückwärts. Der Major trug ein kleines Pflaster auf der Stirn – Schrapnellkugel sagte er wegwerfend. „Kann man feindliche Stellungen sehen?“ Nein. „Und wir?“ Bleiben hier in Bereitschaft. Was sollen wir weiterrücken gegen die Kanonen von Belfort.

Später suchte ich am Bach eine saubere und genügend breite Stelle zum Baden. Überall plätscherten Soldaten im Wasser oder kühlten ihre Pferde. Als ich aufwärts eine Stelle gefunden und mich ganz ausgezogen, kam ein Offizier in der Nähe vorbei  Wissen Sie nicht dass Alarm ist? Sie wollen wohl sitzen?“

„Nein doch, sehen Sie die Haubitzbatterien dort zurückfahren?“ Die wurden allerdings aus den tiefausgegrabenen Stellungen herausgezogen. Ich zog mich an und ging zum Bauernhaus, in dem wir lagen. Ja Alarm is, aber wofür, das weiss man nicht recht. Jedenfalls müssen Sie weg.“ Ich bekam Befehl, am Bahnhof Wittelsheim Lebensmittel und Futter einzunehmen. An diesem Bahnhof kam ich mit der Bagage mitternacht an. Eine lange Reihe von Laternen zeigte von weitem schon den Weg durch die Nacht. Auch zu dieser Stunde arbeitete die deutsche Organisation. Aus einem Proviantzuge wurde alles Notwendige von einer langen Kriegsrampe ausgeladen. Ich wollte meinen Unteroffizieren zur Aufmunterung einen Schoppen vorsetzen, aber das Bahnhofsalkoholverbot liess es nicht. zu. Wo sollten wir für den Rest der Nacht bleiben? Ich liess die Wagen auf einen trockenen Acker im Viereck auffahren, Stallleinen spannen und bald war das Biwack fertig. Am anderen Morgen, als wir nach Sennheim rückten, begegnete uns ein grosser Gefangenentransport. Schon aus grosser Entfernung sahen wir überrascht die dunkelroten Fleckchen in langen Reihen, wo man sonst immer nur das fast unsichtbare Feldgrau unserer Reihen Truppen wahrnahm. Dann rief einer freudig: Franzosen Herr Leutnant! Die vordersten zogen ein Feldgeschütz, weiss gestrichen mit einer Richtvorrichtung aus blinkender Bronze.

Von Sennheim zog ich meinen Trupp auf die grosse Strasse nach Rufach wo schon andere Wagenkarawanen lagerten. Links von der Strasse hatte eine Feldfliegerabteilung sich aufgebaut und ich bewunderte wie durchdacht alles für ein flinke Anlage eines Flugplatzes war. Lastautos waren als Reparaturwerkstatt, andere zum Befördern der Hülfsmannschaft eigerichtet; Anhängewagen nahmen die Zelte auf, die stets da unten auf der Wiese aufgeschlagen standen. Ein Flieger, der eben dem sauber gestrichenen Doppeldecker entstiegen war, meldete: „Auf Belfort werden starke Truppen zusammengezogen.“

[Anmerkung am Rand: 14.8] Bis zum Nachmittag lagen wir, wie fahrendes Volk, wieder an der Strasse, kochten Essen und hielten Mittagsruhe: der ständige Aufenthalt in der frischen Sommerluft schuf Hunger und Müdigkeit. Am anderen Morgen rückt die ganze Bagage der Division geschlossen nach Norden; auf der grossen Strasse, die ohne Dörfer zu berühren, Sennheim mit Rufach verbindet. Wohin? Warum? weiss niemand. Die Feldpost, deren Wagen mit in unserem langen Zug fahren, giebt schon die ersten Grüsse von Angehörigen aus; unsere Briefe aber werden vorläufig noch zurückgehalten. Bei Bollweiler soll unser Regiment verladen werden in die Eisenbahn. Die Bagage trifft mit den Batterien zusammen, und nachts um 10 Uhr fahren wir am Bahnhof Bollweiler, in einem hohen Kornfeld, auf um bis zur Abfahrt des Zuges zu parkieren. Die Pferde werden ausgeschirrt, die Fläche einigermaßen eingeteilt, da kommt der Befehl, weiterzurücken. Die Eisenbahn konnte vielleicht die Beförderung aller Truppen nicht leisten; Pferde und Wagen wurden aus dem niedergetretenen reifen Korn wieder herausgebracht und im Trabe gings nun weiter durch die dunstige Sommer Nacht. Am frühen Morgen kamen wir nach Rufach wo die Batterien am Bahnhof wieder zum Biwack aufgefahren waren. Hier hatten wir einen willkommenen Rasttag; die Märsche wurden deshalb auf die Nachtstunden verlegt, um feindlichen Flieger die Beobachtung unserer Truppen nicht zu gestatten. Ich klingelte an einem nahegelegenen Gärtnerhaus, erbat mir ein Zimmer, wo ich aus einem Sofa fürstlich schlief, später badete ich im Bache, in dem sich in der heissen Mittagsstunde auch viele Mannschaften u. unterhalb Pferde tummelten. Nachmittags ging es im Verband der Divisionsbagage weiter nach Colmar, die Batterien waren vorausgerückt. In der Nacht Nach Eintritt der Dunkelheit, da der Marsch fortgesetzt wurde verloren sich bei der Verschlafenheit der müden Fahrer die Verbände; ich entdeckte, dass vor uns die Landstrasse leer, ein grosses Loch war und auch die Regimentsbagage, die hinter uns folgte, war verschwunden. Ein Teil unserer Wagen, der bei einer Wegegabelung aus in eine falsche Strasse eingebogen war, rasselte im Trabe wieder herbei. Da beschloss ich auf eigene Faust mit meinen Bagagen kurze Rast zu machen; wir legten uns an den Strassenrand, aber die Schnaken machten sich so zahllos über uns, dass wir nach einer Stunde wieder aufbrachen. Durch Colmar waren die Spuren der voraufgefahrenen Teile der Bagage zu verfolgen; sie waren im Bogen um das Innere der Stadt gefahren. (Die Batterien waren einige Stunden früher eingerückt und hatten einen begeisterten Empfang durch die Colmarer Bürger als „Sieger von Sennheim“ erfahren.) Auf der Strasse, die von Colmar nordwärts nach Hausen führt glaubte ich ganz fern das Stampfen und Rasseln unserer Kolonne zu hören und galoppierte eine halbe Stunde voraus.

Vor Hausen traf ich kampierende Bagage der Division und liess daher meine Wagen gleichfalls zur Nachtruhe auf einem Stoppelacker auffahren. Am anderen Morgen Meldung beim Rittmeister; meine Bagage rückte soll selbstständig über Ostheim Schlettstadt weiterrücken. Es ist wieder Nacht, als wir uns Benfeld nähern, wo wir ins Quartier kommen sollten. Quartier konnte mans freilich nicht nennen, wenn jedes Haus, an das man klopfte, schon bis auf den Eingangsflur mit Soldatenbelegt war, jede Scheune und Einfahrt gedrängt voll von Pferden stand. Als ich ein paar Wagen dirigiert und den andern zugerufen hatte: „Helft Euch selbst, zupfte mich der langer Meyer am Ärmel und fragte listig: Wollen Herr Leutnant Quartier? Ich hab hier im Ort Verwandte.“ Er führte mich zu einem stattlichen Haus, wo ein Metzger, von gleicher Confession, wohnte, und wo ich sehr gut aufgenommen wurde. Am anderen Morgen ging es über Erstein weiter; die grosse Landstrasse wurde für die in gleicher Richtung marschierenden Truppen frei gehalten. Bei Erstein hörten wir einen Knall; die Schleuse wurde gesprengt, um die Niederung unter Wasser zu setzen. Weiterhin sahen wir an verschiedenen Stellen Erddämme aufwerfen in den Wasserläufen um sie zu stauen: die Festung Strassburg wurde im weiten Umkreis in Verteidigungszustand gesetzt. Von Fegersheim, wo wir uns mit den Batterien vereinigten, rückten wir nach Geispolzheim und über Breusch-Wickersheim nach Fessenheim. Unterwegs sahen wir weitere Vorbereitungen: Ein ganzes Wäldchen auf einer Höhe war umgelegt; die Strasse von Schützen gräben eingefasst.

In Fessenheim bezog der Regimentsstab Quartier in einem grossen Bauernhof – die Annehmlichkeit, dass für den Stab die besten Quartiere belegt werden, habe ich im Lauf der ersten Feldzugsmonate oft empfunden. Ausser uns lagen Jäger und Infanterie in dem wohlhabenden Dorf. Abends ritt ich nach dem benachbarten Hürdenheim, wo der Divisionsstab lag, holte dort die Post ab, die schon in vielen Säcken angekommen war, und den Tagesbefehl für morgen: „Alles da? Fragte der Generalstabsoffizier uns in die Schulklasse eigetretene Offiziere und Radler, scharf musternd, ob kein fremdes Gesicht dazwischen sei und begann dann in klarem Befehlston zu diktieren.“ „Die Division rückt vor über Marlenheim, Wasselnheim…“  Man wusste dass wir in den Vogesen mit feindlichen Kräften zusammenstossen würden. Demgemäß sammelten sich die Bagagen am anderen Tag wieder für sich, und lagen, nachdem die Truppen vormarschiert waren, bis zum Abend an der Landstrasse, die von Fessenheim nach Norden führt. Ein Flieger, dessen Abzeichen nicht zu erkennen waren, wurde aus hunderten von Gewehren beschossen, das war das einzige kriegerische Ereignis. Die Gr. Bagage der ersten Abteilung, die in den Vogesen gefochten gestanden hatte, traf ein, und mit Eintritt der Dunkelheit flammten an der langen Wagenreihe hin, die mit Strohhütten, kleinen Zelten malerisch durchsetzt war, die Kochfeuer auf. Ich ritt nochmals nach Fessenheim und liess mir in dem bisherigen Quartier ein Essen auftischen. Auch wechselten mir die Leutchen bereitwillig ein paar französische Goldstücke die sie hatten gegen mein deutsches Papier – man konnte ja in Feindesland nicht wissen….

Am anderen Tag gehts auch für uns weiter über Wasselnheim Romansweiler (und hinauf durch die herrliche Vogesenstrasse)[.] Hinter Wasselnheim wieder längerer Halt den die Unternehmenden zum Abkochen benutzten. Ich reite ins Städtchen zurück, wo mir in einem Gasthof das letzte Schnitzel gebraten wird. Zwei Häuser sind zu Lazaretten eingerichtet, die Leichtverwundeten, die vor den Häusern sitzen und zum Teil jetzt erst zurückkommen. Eine Kiste Cigarren, die ich nach auftreibe, wird dankbar angenommen und einer hilft dem andern, der mit dem Arm in der Binde dich kein Streichholz anstechen kann. Sie erzählen von den harten Kämpfen, ein Jäger schildert besonders die Erstürmung des hoch gelegenen S. Leon. Inzwischen benachrichtigt mich ein Berittener, dass das Signal zum Fertigmachen für die Bagage gegeben ist, und ich trabe vor. Wir rücken keine halbe Stunde weit, das stockt der Tross wieder. Der Führer der Bagagen hat angefangen, die Wagen auf einem Acker vor Romansweiler auffahren zu lassen.

Aber für alle Regimentsbagagen ist kein Platz dort und da mir auch der Boden zu weich erscheint für unsere schweren Wagen, erreichen wir als es, dass die Bagagen der Artillerie da oben wo sie grade steht, übernachten kann. Ställe werden durch Spannen der langen Leinen hergerichtet, wobei uns ein starker Regen überrascht, dann beginnt das abendliche Lagerleben. Ein Soldat bringt mir zwei kleine Browningpistolen, die er auf dem Acker fand, [die Abendsuppe wird gekocht] Büchsenfleisch wird gekocht und dann der Kaffee, der unsern Soldaten schon das unentbehrlichste Genuss mittel geworden ist – obwohl sie zugeben, im Frieden niemals soviel Kaffee zu trinken. Am nächsten Morgen reite ich früh nach Romansweiler ein und mache in einem Hause wo man mir einen Eimer Wasser und Handtuch stellt, grosse Morgenwäsche. Die Frau erzählt von ihrer Tochter, die in Nancy in Pension war

Über dem Dorf surrte, in grosser Höhe, ein Zeppelin durch die klare Morgenlust. Es war das erst und letzte das ich im Feldzug gesehen habe – später hörte ich, dass es am gleichen Abend zerknickt auf den Tannen des Donon gelegen habe. Von hier ging der Marsch weiter, die herrlichen Vogesen hinau. In grossen Schleifen stieg die Strasse, für die Zugpferde eine gehörige Anstrengung. Es dunkelte schon, als – auf der Passhöhe – wieder einer von den endlosen Halten kam, bei denen Keiner wusste, für wie lange, und die Hauptursache meist des Rittmeisters Ratlosigkeit war. Fern im Grund sah man einige Lichtchen, sie gehörten den vorderen Wagen unserer Kolonne. Spät in der Nacht,- wir hatten Dachsburg grade hinter uns, aber das merkte ich erst am andern Morgen,- gabs wieder Halt und ein Berittener meldete von vorn, dass hier parkiert würde. Die Leute richteten sich also am Strassengraben zum Schlafen; ich ging ins nächste Haus zurück. Die Frau, die mir aufmachte, erklärte, sie habe sechs verwundete Offiziere da, aber sie wies mir die gute Stube an, wo ich auf einem Sopha leidlich schlief. Das Haus schien eine Art von Fremdenvilla, am andern Morgen sah ich welch herrlichen Blick auf die Höhen es hatte. Dann wurde wieder „fertiggemacht“ wir fuhren über Schäferhof, Forsthaus Rehtal und von da südlich in ein Quertal, das deutliche Spuren des Kampfes zeigte. Stämme waren umgelegt und zu Verhauen geordnet, Schützengräben etagenförmig am Hang hinauf gebaut und ich sah hier die Gewandtheit der Franzosen in der Auswahl von Verteidigungsstellungen. Der westliche von ihnen verteidigte Hang war bewaldet, der östliche, den unsere Truppen herabstürmten mussten war nur mit Weide bedeckt, konnte also völlig unter Feuer genommen werden, der Bach, der im Tal von Nord nach Süd floss, bildete durch ein starkes Wasser auch ein ziemliches Hindernis. Wir kamen nach Wallscheid, einem ärmlichen langgezogenen Dorf, wo es wieder Halt gab. Am Ausgang sahen wir alle Spuren des Kampfes; Uniformstücke und Lederriemen trieben im Bach, zerbrochene Gewehre und Kartuschen lagen auf einem grossen Haufen. Die Strasse stieg in grossen Schlingen nach S. Leon hinauf, den steilen Berg, den die achten Jäger in einem glänzenden Sturm Tags zuvor genommen hatten. Ein französischer Hauptmann soll gesagt haben: Wenn die Deutschen S. Leon nehmen, so ist mein Vaterland verloren. Auf halber Höhe gabs wieder Stockung der Kolonne, stundenlang. Im Mittagslicht des prächtigen Herbsttages suchte ich mir eine behagliche Stelle zum Schlafen; man überblickte von da das Tal hinauf und die beiden bewaldeten Höhen, die den erbitterten Kampf gesehen hatten und heute wieder si friedlich dalagen. Auf einer Wiese da unten sah ich noch ein paar tote Franzosen liegen. Unsere Soldaten hatten sie auch schon bemerkt und stapfen durch den Grund hinüber – nicht etwa um sie zu beerdigen, sondern aus platter Neugier und in der Hoffnung etwas Brauchbares im Tornister der Gefallenen zu finden. Da zwei Infanteristen aus einer andern Richtung, die sie auch gesehen hatten, heraneilten, begann ein grotteskes Wettrennen. Gegen abend ging ich zur Kirche, die natürlich in ein Lazareth verwandelt war. Zwei Leute der Bagage hatten sich krankgemeldet und ich stellte sie dem dort arbeitenden Arzt vor. Es war ein famoser schneidiger Herr, der in diesen Zagen Enormes leisten musste. Das Kircheninnere bot den traurigen Anblick eines improvisierten Feldlazareths; zwischen den Säulen lagen auf Stroh und Decken die Verletzten, Deutsche und Franzosen durcheinander, mit blassen Gesichtern, der Eingangsraum war an einer Seite durch segeltuchbahnen abgetrennt als Operationssaal. Ich äusserte mein Staunen, dass hier im Dorf und auf dem Schlachtfeld nicht Truppen zum Aufräumen zurückgelassen seien. Er zuckte die Achseln: man muss doch den letzten Mann mit nach vorn nehmen. Übrigens sind zum Begraben der gefallenen Franzosen Dorfbewohner angestellt, aber sie haben nicht viel geschafft. Sie haben bei den Toten Geld gefunden und nun haben sie sich da oben in einer Kneipe besoffen. Ich bot ihm ein paar Leute zu Hülfe an. „Mit ein paar ist mir nicht gedient, ich müsste wenigstens fünfzig haben. Aber eins erzählen Sie ihren Kameraden: ich habe hier mehrere Verwundete Deutsche, die von hinten mit dem Bajonett in den hintern gestochen. Die Därme sind mit dem scharfkantigen französischen Bajonet völlig zerstochen und Rettung ist kaum möglich“. Wir einigten uns mit ein paar Kraftausdrücken über die Schamlosigkeit dieser Barbarei. Später erwähnte ich dem Grafen davon mit gleicher Empörung. Da meinte er: „Stellen Sie sich doch einmal vor diesen höchsten Elan, mit dem ein Soldat stürmt; da rast er, ist Bestie und Sticht auf alles was sich vor ihm nur regt.“ Bewusste Grausamkeit ist damit noch nicht bewiesen.

Gegen Abend brachen wir wieder auf, hielten, als meine Bagagen auf eben über die Höhe waren, für anderthalb Stunden, rückten weiter um zwei Stunden Kilometer drauf endgültig stehen zu bleiben. Die Nacht war dunstig und schon empfindlich kalt; ich fand eine leidliche Schlafstelle in einem halbleeren Futterwagen, auf ein paar Hafersäcken und von einem duftenden Woilach zugedeckt schlief ich ausreichend. In der Frühe erbat ich in ein paar dürftigen Häusern, an denen wir vorbeikamen Kaffee für mich und die Mannschaften und die Leute brachten das Bischen braune Brühe, das sie grad hatten, in Tassen auf die Strasse und reichten es den Vorbeireitenden in den  Sattel. Die Verbindung mit den anderen Regimentsbagagen war gelockert, aber ich wusste, dass sich das bei den massenhaften Halten schon ausgleichen würde. Es ging in Kehren wieder bergan und dann hinab nach S. Quirin, einem Dorf; das nach den Aufschriften der Häuser schon ganz französisch wirkte. Wir wussten, dass wir uns der Grenze näherten und freuten uns auf den Augenblick. Aber als wir durch den Wald und einen Tannengrund soweit gekommen waren, konnte ich die eigentliche Grenze, die ich meine Bagage mit Hurrah überschreiten lassen wollte, nichts sehen. Die eisernen Grenzpfosten waren umgestossen – in einem Graben sah ich irgendwo ein paar Brocken Gusseisen liegen. Weiter gings zunächst durch einen schönen Buchenwald, in dem herumliegende tote Pferde auf das Einschlagen von Granaten deuteten. Es gab wieder den üblichen Halt, bei dem wir an der Kolonne entlang zur Spitze trabten, um dort die Befehle für die Quartiere der einzelnen Regimenter entgegen zu nehmen; dann aß ich bei den Begleitmannschaften des Regimentstab die inzwischen fertiggemachte Erbsen suppe mit Büchsenfleisch – wir lebten damals fast ausschliesslich von Büchsen, da die eisernen Portionen wiederholt angegriffen und wieder aufgefüllt wurden. Mancher Bagagekutscher verdrückte damals in dessen eine Fleischbüchse so „nebenbei“ zum Frühstück und briet sich dann abends im Quartier erst seine Hauptmahlzeit.

Nachmittags kamen wir durch Cirey, das erste französische Dorf. Die Bewohner hatten wohl schon soviel fremde Soldaten gesehen in diesen Tagen, dass sie unbekümmert an ihrer Hausarbeit blieben. Die Mairie, in Sandstein gebaut, die gediegen gebaute Markthalle, waren die (ersten) charakteristischen Zeichen der französischen Dorfbaues Communal-Verwaltung. Südlich von Cirey sahen wir auf allen Hängen Biwacks; unser Regimentsstab hatte eine kleine Sägerei vor Petitmont als Quartier. Als ich mit dem Wagen heranritt, sah ich schon von weitem an einem selbstgefertigten langen Tisch im Freien unsere Herren sitzen, dampfendes Mittagessen in einigen Blechschüsseln vor sich, ausserdem Rotwein, den jeder aus seinem Blechbecher trank. Alle waren gutgelaunt und unrasiert und freuten sich der von mir angebrachten Post. In dem grossen Arbeitsraum dar Sägerei suchte ich mir eine Ecke, die ich durch Aufschrift: Hotel Volkmann als mein Quartier für die Nacht belegte. Dann ging ich in das Dorf Petitment, über ein paar Granatenlöcher, die die Wiese aufgerissen hatte, springend. Dort waren einige Bauernhäuser noch bewohnt, andere verlassen. In diese hatten sich unsere Truppen einquartiert, durchsuchten Zimmer und Möbel, und ich sah zum ersten Mal den ekelhaften Anblick solcher durchwühlten Stuben.- Am andern Morgen rückte der Regimentsstab nach Süden weiter. Ich suchte, da meine Nachtruhe auf den zusammengeschobenen Hobelspänen sehr dürftig gewesen war, in einem kleinen Privathaus, aus dem ich einen Unteroffizier herauskommen sah, noch etwas zu schlafen. Aus den Scheunen an der Dorfstrasse schleppten unsere Kerls grosse Mengen von Stroh für ihre Pferde, eine lange Munitionskolonne hielt auf der Strasse, und eine unserer Batterien suchte beschleunigt an ihr vorbeizukommen. Ich ging aus Neugier noch in ein anderes der verlassenen Häuser und beobachtete, wie eine ganz eigenartige Grundrissform, die an den altrömischen Hausgrundriss erinnert, ganz allgemein und unverwischt wiederkehrte erhalten war. An einer Strassenecke hatten sich vor einer kleinen geschlossenen Tür Soldaten gesammelt: „Herr Leutnant, die Leute haben noch Wein, und wollen ihn nicht herausgeben, obwohl wir bezahlen wollen.“ Ich wandte mich an die Frauen, die mich mit einem Wortschwall übergossen, aus dem ich nur: „pour ma mère malade“ und „pour les pauvres blesséss verstand. Ich erklärte, wir wollten uns von ihren Beständen überzeugen, stieg mit zwei Musketieren hinab, und fünfzehn Flaschen von ihrem Rotwein und ihrer Citronenlimonade wurden ihr gelassen, den Rest musste sie an unsere wirklich durstigen Soldaten verkaufen. Sie waren mir anscheinend noch dankbar, denn man lud mich zu Kafe und Kirsch ein.

Die Bagage sammelte sich nachmittags um am Südausgang des Dorfes zu parkieren. Wir liessen die Wagen auf verschiedenen Äckern zu beiden Seiten der Strasse auffahren, schnell entwickelten sich wieder die Callotschen Lagerbilder, die Fahrer ritten ihre Pferde zum Tränken wieder ins Dorf zurück und schleppten neue Strohmassen an. Das Wetter, das uns bisher ununterbrochen begünstigt hatte, war auch jetzt trocken und sonnig. Auch ich ritt zurück ins Dorf und erlebte jene Gastlichkeit die ich sooft seitdem im Feindesland erfahren habe und die so himmelweit verschieden ist von dem was unsere Zeitungen über Verhalten der Bevölkerung vorbringen. Vor einem etwas saubereren Hause hielt ich und brachte dem älteren Ehepaar, das erschien, meine Bitte vor. Gewiss, ich könne zu essen bekommen, auch schlafen, sie hätten das Zimmer, in dem gestern ein Major gelegen wieder frisch gemacht. Der Mann öffnet das Scheunentor und zieht mein Pferd ein, ich nehme im Schlafzimmer eine erfrischende Waschung vor, dann wird mir inder Esszimm Küche, dem Haupt-Wohnraum der französischen Hauses, das Essen aufgetischt. Sie entschuldigten sich, dass Fleisch fehlt, und bringen eine Suppe, prachtvollen Salat mit Rührei, dazu die so rar gewordene Butter, hinterher einen dampfenden Kaffee, einen Kirsch. Die junge Frau, die auftischt, ist die Tochter, verheiratet an einen Bäcker in Cirey, der bei der Fahne ist. Sie hat von ihrem Mann seit Ende Juli nichts gehört. Er sei fünf Tage vor Kriegsausbruch zu einer „Übung“ einberufen.-

Für die Nacht ritt ich wieder zu meinen Bagagen heraus, aber am andern Morgen kam ich nochmals zum Frühstück zu den Leuten.

Da unsere sechste Batterie seitlich detachiert war, führte ich ihre Wagen das Tal hinunter nach S. Sauveur zu, wo wir eine Stunde vergeblich auf einen Boten warteten, uns in einer Mühle Wein von der allein zurückgebliebenen alten Frau geben liessen, um dann zurück zu fahren. Die Bagage sammelte sich und stellte sich auf der Strasse nach Raon l`Etappe zu auf – was aber keineswegs bedeutete, das wir schon abrückten.

In den ersten Kriegstagen wunderte ich mich wie schnell die Verrohung des Soldaten geht, gegenüber den kürzlich Gefallenen; jetzt beachtet man es nicht gross, dass an einem Soldatengrab von zwei Jägern zu Pferde das Kreuzlein aus Ästen behängt ist mit den ausgewaschenen Taschentüchern eines Bagagesoldaten.

Endlich rücken wir vorwärts, durch einen Wald, in welchem rechts und links Spuren französischer Biwacks sind und ein paar Pferdekadaver liegen. Die französische Truppe bevorzugt anscheinend den Wald zum Biwak; (sehr geschickt) werden Laubhütten durch Zusammen gebu binden junger Bäumchen und belaubter Äste geschaffen. Das Fehlen von Zeltbahnen erlaubt ihnen nicht auf Stoppelfeldern zu kampieren – der Forstbeamte wird hinter her wenig erfreut sein. Auch die Kochlöcher sind etwas anders gegraben, kleiner wie die von unseren Kerls und dann erkannten wir, dass ein Biwack ein französisches gewesen war, daran, dass die runden Blechkonservenbüchsen blau oder braun gestrichen waren. 

Am Ausgang des Waldes wird Halt gemacht wieder gehalten, die Stunden rinnen und wir schlafen unter freiem Himmel. Vorher giebts wieder eine kleine Aufregung; hervorgerufen durch ein paar Schüsse im Walde. Wir schickten ein paar Patrouillen herein, die ihrerseits natürlich zu schiessen anfingen, wieder beschossen wurden, sodass sich beinahe die Kerls wieder gegenseitig über den Haufen geknallt hätten. Die ersten Schüsse waren gefallenen, da zwei herumstrolchende Infanteristen bei einem verlassenen Hof eine Kuh gefunden hatten, die auch ihrerseits verwildert war, sodass die beiden Helden ihr nur so beikommen zu können glaubten. Am 27. August ging ich auf die nahe Anhöhe, von der man weit ins Land sehen konnte, nach Fort Mannonviller zu, das in diesen Tagen von unseren fabelhaften Geschützen zusammengeschossen war. Später ritt ich nach Parux das jämmerlich zerstört war. Von der Kirche standen ein paar geschwärzte Granaten Mauerreste, die Bauernhöfe waren fast alle ausgebrannt und zerstört, die noch heilen Stuben durchsucht. Auf einem Tisch standen ein paar halb ausgegessene Marmeladetöpfe. Ich eilte übers Feld zurück; die unsere endlose Wagenreihe machte noch keine Miene, aufzubrechen. So legte ich mich hinter einem Busch in die Mittagssonne, schlenderte dann zum Regimentspackwagen, wo die Burschen inzwischen die übliche grosse Essportion gekocht hatten. Auch nachmittags kam kein Befehl; nur Voss, der von vorn geritten kam, um eine Munitionskolonne zu suchen, erzählte kurz, wie es stände. Ein klares Bild gab er nicht – es bestand immer wieder die Hoffnung, dass die beiden das durch die Mittelvogesen vorstossende XV. AK. in Verbindung mit südlich kämpfenden bayrischen Reserve Truppen ein französisches Contingent im Raum Raon l`Etappe St. Die` einkesseln solle – einzelne Zurückkehrende sprachen schon von riesigen Gefangenenzahlen – aber Deimling trieb seine Infanterie vorwärts (die 30 I. D. war vorn, die 39. Reserve) sodass der Franzmann aus dem Kessel herausgedrückt wurde.

[Mittags legten wir uns ich mich in die Sonne und] Gegen Abend ritten Pelzer und ich nach Bremesnil voraus, da sich die Mär verbreitete, dass dort ein Keller mit Bier entdeckt sei. Unterwegs begegneten uns Soldaten mit Fässern auf Handkarren und Wägelchen; wir trabten in das Dorf, das ebenso zerschossen war wie die andern. Wir Gingen durch auf ein Tor zu, vor dem mehrere Soldatenpferde angebunden standen, über noch heissen verkohlten Schutt eine schmale halsbrecherische Treppe hinab in ein Kellergewölbe das infolge der Brandzerstörung einzustürzen drohte. Ein paar Soldaten, die überlaut redeten, tranken aus ihren Blechbechern das helles schäumendes Bier. Den Zugang zum eigentlichen Fasskeller aber bewachte ein bayrischer Unteroffizier, der uns auf besondere Anweisung Fässer ausgab. Wir tranken hastig ein dargebotenes Glas – auf den Spürsinn des bayrischen Landwehrmannes, der diese Fährte gewittert hatte, und ritten zurück. Ein jämmerlich verwilderter, magerer Hund schlich über die Strasse; im Graben, grade da wo die Wagen der Divisionspost die anderthalb Tage hielten, lag ein Pferdekadaver der zu riechen begann. Es half nicht viel, dass man ihn oberflächlich mit Erde bewarf.

  1. Aug

In der Nacht, nachdem ich mich wieder in einem Futterwagen unter die Zeltplane gebettet hatte, wurden wir durch den Befehl zum Aufbruch geweckt und rückten vor bis Pexonne, wo der Halt so lange dauerte, dass ich an die Spitze ritt, um zu hören, dass der Rittmeister vorauf geritten sei ins Schloss, sich Quartier zu suchen. Trieb mich die Neugier auch zu dem Schloss; ich trat in eine weisse Diele, mit Hirschgeweihen geschmückt, in einem Erdgeschosszimmer lagen Ordonanzen und Telegrafisten auf Decken und Matrazen, einer arbeitete noch am Hörer, während ein anderer gähnend erklärte, oben schliefen die Herren der Division und das Haus wäre übervoll. Ich erbat darauf vom Rittmeister die Erlaubnis auch meine Pferde und Leute im Dorf unterzuziehen;

  1. Aug

wir öffneten, nachdem ich zurückgeritten war und den Quartiermeistern schnell die nötigen Anweisungen gegeben, die Scheunentore rechts und links an der Strasse und konnten wenigsten einen Teil der Pferde unter Dach bringen. Für mich suchte ich darauf Quartier in dem Haus,- in dem ich den langen Meyer hatte verschwinden sehen – und fand ein Zimmer mit Bett – es waren freilich schon vor uns Soldaten gewesen und die Räume waren unsauber und ziemlich unordentlich.- Die Leute waren indess gefällig, die Soldaten brieten an ihrem Herd am anderen Morgen ihre Mahlzeit und ich gab meine Wäsche zum Waschen. Als wir sie grade zum Trocknen in der Stube aufgehangen hatten, kam – der Aufbruch. Diesmal ging es rückwärts – besorgte Gemüter zeigten schon etwas verstörte Mienen, obwohl der einzige Grund der war, dass die Grossen Bagagen der Schwesterdivision, die vor uns auf der gleichen Strasse marschiern der Feuerlinie zu nahe gekommen war. Deshalb mussten wir Raum geben und wurden gleich das ganze Stück bis zu unserm früheren Halteplatz zurückgeschickt.

Am 30./8. 1914 kam der Befehl wieder vorzurücken und wir fuhren nun bei Tage nochmals durch Badonviller und kamen nachmittags nach Neufmaison, einem Dorf in einer Talmulde, das von verschiedenen Truppen und einem Lazarett belegt war. Unterwegs hatte ich mir bei Schloss Pexonne zwei Flaschen Sekt gegen Bezahlung und vier Flaschen Burgunder gegen einen Gutschein geben lassen. In Neufmaison hatte der Graf einen prachtvollen Malaga aufgetan, und diese üppigen Weinzustände waren die Einleitung zu den Voräten von Raon d`Etappe, wo unsere Soldaten in den Tagen, wo wir vor dem Städtchen lagen, aus den Kellern leerstehender Häuser ungezählte Flaschen Sekt und Südwein entführten. Trotz der Überfüllung des Dorfes fand ich ein famoses Zimmer in einem Haus, das -wie überall die besten Quartiere, vom Feldlazareth belegt war. Der Oberstabsarzt stellte mich zwar wegen zur Rede – aber erst am anderen Morgen, nachdem ich ausgiebig geschlafen und meine Koffer benützt hatte (und niemand mir das Genossene rauben konnte)

Samstag 31/8 rückten die Batterien aus Neufmaison nach Süden ab, um drei Uhr sammelte ich die Bagagen. Aber als wir zehn Minuten weit in den Wald marschiert waren, trafen wir auf die letzte Kolonne des Regiments, welches in seiner ganzen Länge auf der Waldstrasse hielt. Hielt den Nachmittag hindurch und bis der Mond über den Tannen aufging. Wir sollten eigentlich in ein Ruhequartier nach Celles kommen – aber die taktische Lage machte doch wieder ein Bereitbleiben unseres Regiments nötig. Dass die Kämpfe um Raon l`Etappe beendet waren, wussten wir, aber in welchem Rahmen die ganze Schlacht sich abgespielt hatte, das war (nicht bekannt) uns damals nicht klar. Von Cirey bis Neuf-Maisons hatte die Strasse am Rand der Vogesen entlang geführt, von Neuf-Maison nach Raon l`Etappe schnitt sie wieder in das Waldgebirge hinein. Aus dem (Charakter der unteren Vogesen) Gebirgscharakter ergab sich, dass die eine Schlacht sich mehr in Einzelgefechte in jedem Tal gliedern musste, begleitet von Zusammenstössen in den Bergwäldern, die von uns durch Jägerkompagnien, von den Franzosen durch Jäger und Gebirgsgeschütze ausgefochten wurden. In Celles trafen wir auf Spuren des Kampfes, der sich im Plainetal gleichzeitig mit unserem, Gefecht entwickelte hatte.

1.9

Morgens kam bei Dunkelheit der Befehl zum Abrücken, nachdem ich wieder ein paar Stunden im Wagen geschlafen hatte. Da die Bagage erst den Batterien folgte, hatte ich Zeit, nach Raon l`Etappe hereinzureiten. Das blühende Städtchen war durch Kanonade grauenhaft zerstört, zerfleischt. Die Granaten hatten die ganzen Fassaden dreistöckiger Geschäftshäuser eingeschlagen; aus Steinhaufen ragten verbogene Eisenträger und zerfetzte Reklameschilder, deren Aufschriften zu dem Graus in zynischen Gegensatz standen wie „a la perfection“.

In der grossen Markthalle standen noch einige Säulen aus roten Sandstein, die Kirche hatte ein paar wagengrosse Löcher. Im Laden eines Bäckers liess ich mir Kaffee geben und ritt zurück. Der Weg nach Celles führte ein entzückendes Waldtal, im morgenschein glänzten die Wiesen und eine Ruhequartier hätte man dem Regiment kein hübscheres friedlicheres Dörfchen zuweisen können. Für mich und zwei Kameraden war Quartier gemacht bei einer jungen Wittwe, die sich einen „jeune officier“ ausgebeten haben sollte. Es gab sogar eine Art Badezimmer. Das Essen nahm der Regimentsstab gemeinsam in dem gegenüberliegenden Hotel, wo von unseren Köchen mit den von uns gelieferten Speisen bereitet. In Celles entwickelte sich schnell das friedliche Bild (des Quartierlebens eines Mannöverquartiers); auf der Strasse dampften die Feldküchen und die Soldaten traten dahinter zum Stiefelapell an; jeden Jemand hatte ein Weinlager entdeckt und der Inhaber kroch besorgt zwischen seinen Fässern herum, um alle Bons zu sammeln, die ihm in die Hand gegeben wurden. Auch ein Krämerladen, gestopft voll mit Conserven, Schnäpsen Compotts, wurde so überlaufen, dass er zeitweise schliessen musste. Die Soldaten bezahlten baar, wir Offiziere mit Gutscheinen, die der Verkäufer glatt annahm. Einer unserer Kameraden, der, in der Freude über die länger entbehrten Dinge, einen Einkauf von vierhundert Mark für seine Batterie gemacht und baar bezahlt hatte, überbrachte schrieb später einen Schein und liess sich das Geld wieder geben. Der Graf beauftragte uns, zum Maire zu gehen, um fünfzig Flaschen ausgereiften Bordeaux „für seinen kranken Magen“ beizutreiben. So kam ich zu einer stattlichen Villa am oberen Ende des Dorfes, die neben der Fabrik den Wohlstand des Besitzers bekundete. Die Rote-Kreuz Fahne zeigte, dass der Besitzer sein Haus den Verwundeten zur Verfügung gestellt hatte. Durch den Eingangsflur sah ich auf dem spiegelnden Parkett ein paar schwerverwundete Franzosen liegen; ein deutscher Militärarzt gab einem mit dem Tode Ringenden eine Einspritzung und drei junge Mädchen aus dem Dorfe, mit Schwesternhäubchen, bemühten sich um den Soldaten, während die Dame des Hauses, in vornehmem weissen Haar, mit dem Arzt sprach. An der Wand hingen ein paar grosse alte Kupferstiche mit Schiffen. Im Garten trafen wir den Hausherrn, Maire wohl nur im Nebenamt, dem P. in  stockendem, wohl nicht nur wegen seines Französisch, den Auftrag übermittelte; er möge vielleicht einigen Bürgern Anweisung geben, uns Wein zu liefern. Er meinte: „ Ca ne vant pas la peine“, und liess den Wein aus seinem Keller holen. Auf dem Rasen waren neben einer Palme hastig ein paar Soldatengräber ausgehoben und feldgraue Helme lagen drauf neben schwarzblauen Käppis-

Später beteiligte ich mich an einem Revolverschiessen, spazierte in den Tannenwald hinein, requirierte mit Forster ein paar Hühner und dann badeten wir gemeinsam in dem klaren Bergbach. Im Grunde dieses Baches sahen wir massenhaft Gewehrpatronen; vielfach waren ganze Rahmen weggeworfen – wahrscheinlich waren unserer Infanterie soviele zugestopft worden, das sie sich ihrer beim schnellen Vorgehen entledigte.

Am 1. IX ? brach das Regiment auf und rückte wieder die Strasse herab. Nachtquartier machten wir in La Trouche, der Regiments- und Abteilungsstab ging in eine Villa, die im einer Art Jugendstil modernen Pariser Maccaronistil erbaut war. Im Innern ein wildes Durcheinander; indess konnten wir, da nich die Einrichtung nicht zerstört war, uns einigermaßen einrichten. Von den Batterien kampierten mehrere im Freien. Die Bagagen sammelten sich am andern Morgen am Ausgang des Dorfes, während die Regimenter vorrückten. Gegen Mittag kam der Befehl, dass die Bagage von Artillerie 80 und einem Infanterieregiment auf des Nordufer des Baches rücken sollten und dort selbstständig lagern; die betreffenden Regimenter seien als besonderes Contingent südlich detachiert worden. Ich liess meinen Wagenzug herüberfahren und baute ihn neben einem Bauernhof auf. Im Hof richteten wir uns auf einem runden Tisch ein üppiges kaltes Abendessen, wozu sich ein paar Flaschen Sekt gefunden hatten. Besuch des naheliegenden Schlosses von Baron Türkheim das vom Besitzer verlassen war wie hier herum eigentlich alle Häuser. Der alte Diener führte uns durch die mit Altertümern vollgestopfte Zimmerflucht, das schönste indess war der Garten mit seinem farbenleuchtenden Blumenparterre.

  1. IX

Freitag mittag rücken Saal und ich ab; durch Raon l`Etappe, von da die Vogesen hinauf und bis Sales, wo wir abends gegen neun Uhr einen Zipfel deutschen Bodens betreten. Unterwegs treffen wir Kolonnen, Munitions- und Lazarethtransporte. Unsere Regimenter haben den Auftrag bekommen, ein bei Fouchiful, Coinches fechtendes bayrisches Reservekorps zu unterstützen. Nachts um 1 Uhr kamen wir in Bertrimoutier an. Da von über unsern Truppen nichts zu erfragen war, suchten wir uns Biwackplätze und parkierten. Ich schlief mit Köhne und einem Dutzend Fahrer in einem Heuboden. Später sagte mir einer, er habe, als wir mit unsern Wagen auffuhren, in der Entfernung die Stimme seines Wachtmeisters gehört, die Batterie müsse da grad abgerückt sein. Nun wars zu spät, nochmals Verbindung aufzusuchen. Ich ritt darauf am andern Morgen, auf Grund von sehr unklaren Beschreibungen, die mir ein paar bayrische Artillerieoffiziere gaben, nach Fouchiful vor. Traf unsere beiden Munitionskolonnen und fand so auf einem steilen Berg liegende Dorf, wo der Graf, mit ein paar fremden Offizieren hinter einer Scheune Kriegsrat hielt. Ich meldete mich und nahm am Sattelfrühstück teil. Unsere Batterien hatten enorm geschossen, keine Verluste, anscheinend gute Wirkung. Die bayrische Infanterie war, wie Rittberg sagte, nicht zum Vorwärtsgehen zu bringen. Dann ritt ich zurück. Das Gastspiel unsers Regiments bei der „Division Benzino“ war kurz. Sonntag kam der Regimentsstab zurück, abends auch die Batterien und ich erfuhr, dass wir auf einen andern Kriegsschauplatz abtransportiert werden sollen. Wohin – das wusste natürlich niemand.

IX

In der Kirche wurde die Messe gelesen; zwischen den Landleuten standen bayrische Soldaten und bewegten die Lippen, während die Hand die Mütze mit der grossen weissblauen Kokarde drehte. In den Seitenschiffen lagen Verwundete, da die Kirche aus als Lazareth diente, und während das feierliche Schellchen klingelte, wickelten sie einem Schwerverwundeten den Verband vom Bein. Ich teilte Cigaretten unter die Leichtverwundete, sah und hörte, dass die Verluste recht gross waren. Wie wertvoll für uns ist es doch, dass wir nicht hier in den Vogesen, durch Lothringen oder das Elsass, unsern Hauptstoss angesetzt haben. Die blutigen Verluste bei diesen kleineren Operationen zeigen genug, wie sorglich die Franzosen im Gebirge alles vorbereitet (hatten) und sich selbst auf die Verteidigung dieses unübersichtlichen Geländes gedrillt hatten. Bei unsern Stäben kursierte ein Heft, das einen französischen Artillerieoffizier abgenommen sein sollte. Darin waren von dieser Gegend nicht nur genaue Kartenskizzen, sondern auch Ansichten mit sorglicher Eintragung aller für beide Teile möglichen Artilleriestellungen mit Entsprechungen.

Mein Quartier für die letzten Nächte war ein kleines Schwesternkloster, wo Forster und ich wenigstens je ein Bett fanden; das gemeinsame Essen des Rgtsstabs war im Garten der Doktorsvilla.

Am 6. IX 14 rückte das Regiment in langer Kolonne herauf nach Sales wo wir erbeutete Geschütze verladen sahen, und weiter nach dem entzückend gelegenen Schirmeck.

Weiter im andern Band (Kriegstagebuch II)

Dezember 30, 2020
von Jens Winter
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Kriegstagebuch Friedrich Lisberger 1859-1860

Das Kriegstagebuch von Friedrich Lisberger über seinen Einsatz im Sardinischen Krieg 1859

Das Kriegstagebuch von Friedrich Lisberger, der Pionier im 1. Pionierbataillon in Klosterneuburg war, umfasst den Zeitraum vom 22. April 1859 bis 4. Januar 1860. Das Heft hat ein Format von 11 x 16,8 cm und umfasst insgesamt 22 Seiten, von denen 10 Seiten mit den Erlebnissen 1859/60 beschrieben sind.

Einen Namenseintrag gibt es vorn nicht. Allerdings befindet sich auf einer Seite ein Such-Rapport vom 5. August 1860, der mit Friedr. Lisberger, Wachkommandant, unterzeichnet ist. Aus diesem Report geht auch hervor, dass er beim 1. Pionierbataillon in der 2. Kompagnie diente.

Dem Buch liegt auch ein Zeitungsartikel über den verstorbenen ehemaligen Grenzoberwächter Mathias Lisberger bei, der am 29. Mai 1892 im Alter von 92 Jahren in Seekirchen verstorben ist. Bei ihm handelt es sich vermutlich um den Vater Friedrich Lisbergers, jedoch nicht um den Kriegstagebuchschreiber selbst.

Anmerkung zur Abschrift des Kriegstagebuches

Das Kriegstagebuch wurde buchstabengetreu abgeschrieben. Wenige Worte konnten nicht eindeutig gelesen werden. Diese sind dann mit eckingen Klammern und Fragezeichen markiert. Einige Ortsnamen konnten nicht eindeutig eintziffert werden. Sie sind dann mit eckigen Klammern und Fragezeichen gekennzeichnet. Die korrekte heutige Schreibweise der Ortsnamen wurden zum leichteren Verständnis in eckigen Klammern angefügt.

Erste Seite des Kriegstagebuches von Friedrich Lisberger

Kriegstagebuch von Friedrich Lisberger 1859/60

Beshreibung

Ich bin am 22ten April 1859 von Salzburg Weg zu Fuß nach Linz den 28ten in Linz Rasttag den 29ten von dort nach Wien auf den Eisenbahn, den 30ten nach Klosterneuburg zum Batailon [1. Pionierbataillon] eingerückt und zu den 2ten Feld-Kompagnie in Stande gebracht.

Aldort verblieb ich bis 8ten Mai, aldort ausmarschiert und angekommen in Wien am 9ten in Gratz, am 10ten Marburg und Zilli und Leibach den 11ten bis Nabresina mit der Eisenbahn, und dann zu Fuß bis Duino an den Ateratischen Meer in Kistenland. Den 12ten über Monfolguna nach Palma die erste Festung in Ithalien den 13 Codroigo den 14ten Transporthaus in Portonone, dann von hier mit der Eisenbahn nach Verona von dort nach Biskera [Brescia] und Bergamo. Den 15ten in [Bokolia?] sind 2 Locomadife zusamen zusamen gestoßen und hat 6 Wagons zerschmetert wovon 30 Mann verwundet u. 10 Todt gefuden wurden von Rgmt. Raishau.

Am 16ten kamen wier in Mailand an den 17ten von dort weg nach Witschewano [Vigewano] den 18ten Mordara [Mortara] aldort wurde abgekocht, und dann wiederum abmarschiert nach Calaska [Garlasco], den 19ten in Pawia angekommen, aldort verblieben und dort eine Kriegs-Brücke und 2 Nothbrücken gebaut. Am 28ten von dort weg nach Messana [vermutlich Mezzana Corti] hier eine Strasse untergraben, und eine Brücke zersprengt wo wier an die feindlichen Vorposten angestoßen und einen Tag u. eine Nacht ohne Schlaf ohne Mönage u. ohne allen in größter Wachsamkeit zubrachten, am 30ten wiederum zurük, nach Pavia daselbst mit meinem Bruder zusammen gekommen und verblieben bis3ten Juni, aldort weg nach [Pelona?] und Macenta [Magenta] vor die Schlacht.

Hier war keine Zeit zum Mönarschieren und musten mit unser 8 Kriegsbrücken Equipagen zurück nach Pavia. Am 8ten von Pavia weg nach Vizikatona [Pizzighettone] und Cremona, um 9 Uhr Abends wiederum weg zurück nach Vizikatona, dort nun Brücke geschlagen über den Fluß Ada [Adda], wo 3 Armme-Corps drüber marschierten, und dort mehrere bekante von 15ten Jägger-Baon [Jäger-Bataillon] antraf. Am 9ten Cortolona [vielleicht Corteolona] 10ten [Pistolenko?] am 11 nach [Gawa?] den 12ten nach Verolanowa [Verolanuova] wo das 4 Baon [Bataillone] von August E. H. Rainer war, und dort zu frohe viele bekannte kam. Am 13ten nach Assollo [Asola]. Den 14 Goito den 15ten Vilafranka [Villafranca di Verona]. Von dort bei der nacht mit 2 Equipagen nach Valegio und wiederum retur nach Vilafranka. am 16ten nach Verona. Von dort weg nach Zewio, am 17. aldort verblieben bis 23ten.

Am 24ten von dort weg nach Verona dort am Abend weg nach Valegio wo die Hauptschlacht war. Am 25ten zurükung nach Barona [Parona] 1 ½ Stunde von Verona entfernet, eine Eisenbahn Brücke angeschottert unfahrbar gemacht und mehrere Schiffe um Schiffmüller vernichtet, und wieder retur nach Verona. Am 26ten auser der Stadt Bäume umgehauen, am 28ten die Tornister abgegeben am 29ten Pi u. Pi frei den 1 Tag.

Am 1 July von Verona nach [Bassina?] eine Brücke geschlagen über die Etch und Schanze gebaut, aldort verblieben in Laager bis 15ten. Am 16ten weg von dort nach Montorio aldort verblieben bis 14ten August. Von dort weg nach St. Bonavatio
Den 15 Rasttag

Den 16 Vizenza

Den 17 Cittatella
Den 18 Castelfranka

Den 19 Rasttag

Den 20 Treviso
Den 21 Conegliano

Den 22 Portenone
Den 23 Rasttag
Den 24 Cotroipo
Den 25 Palma
Den 26 Romans
Den 27 Rasttag
Den 28 Görz
Den 29 Heidenschaft
Den 30 Pröwald [Prevole]
Den 31 Rasttag
September
Den 1 Planina
Den 2 Oberleibach [Vrhnika]
Den 3 Leibach u. [Cermatz?]
Den 4 Rasttag
Den 5 Treblec ein sehr hoher Berg wo wier 2 Tage u. Nächte unter freiem Himmel bei Regen u. Wind zubrachten.
Den 7ten angekomen in St. Martin dort geblieben bis 13ten dan nach [Rodoppendorf?]
Den 14 Rasttag
Den 15 Großlup [Grosuplie]
Den 16 Leibach zum 2ten mal. Und [Stasze?].
Dor verblieben wir etwa bis 10. November.
Den 10 November nach [?]
Den 11 November [?] {Windisch
Den 12 November Zilli
Den 13 November Rasttag
Den 14 November [Ganowitz?]
Den 15 November [Windisch Veistritz?]
Den 16 November Marburg
Den 17 November Rasttag Sturmisch
Den 18 November [Straß?]
Den 19 November Gnas
Den 20 November Feldbach nach Regensburg
Den 21 November Rasttag
Den 22 November Ilz
Den 23 November Hartberg
Den 24 November Grafendorf
Den 25 November Rasttag
Den 26 November Friedberg
Österreich
Den 27 November Aspan
Den 28 November Seebenstein
Den 29 November Rasttag
Den 30 November Wienerneustadt
Den 1 Dezember Mödling
Den 2 Dezember Wien
Den 3 Dezember Klosterneuenburg
Alda verblieben bis 26ten Dezember von dort nach Wien auf Waffenbereitschaft wo wier in die Reitter Casernen in der Leopoldstadt bequartiert wurden und dort auf bloßen Boden liegen mußten um bei der größten Kälte hinaus auf den Donau Arm um dort den Eis einen [?] zu machen damit es keinen Schaden macht. Am 1ten Jänner zurück nach Klosterneunburg alda verblieben bis 29ten August von dort nach Wien ins Tranzportshaus. Von dort am 31ten weg auf der Eisenbahn nach Linz und verblieben bis 3ten dort weg nach Salzburg am 4ten weg.