Kriegstagebücher und Kriegserinnerungen

Texte und Kontexte

Februar 14, 2021
von Jens Winter
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Kriegstagebuch Leutnant d. R. H. Reich 12. Bayr. Inf. Reg. (25. Juli 1917 bis 7. Juni 1918)

Über den Verfasser dieses Kriegstagebuches, Leutnant der Reserve H. Reich, ist leider nicht viel bekannt, weder sein Wohnort noch sein vollständiger Vorname.

Nach der Regimentsgeschichte des 12. Bayerischen Infanterie Regiments „Prinz Arnulf“ war H. Reich im Nai 1917 Vizefeldwebel der Reserve in der 1. Kompanie. Spätestens mit Beginn des Tagebuches, also am 25. Juli 1917, wurde er dann zum Leutnant d. R. befördert.

Während der Zeit von Juli 1917 bis Juni 1918 war Reich mit seinem Regiment an der Westfront in Frankreich eingesetzt.

Vorsatz des Kriegstagebuches von H. Reich mit Namenseintrag und Einheit
Erste Textseite des Kriegstagebuches von H. Reich

Kriegstagebuch Leutnant d. R. H. Reich 12. Bayr. Inf. Reg. (25. Juli 1917 bis 7. Juni 1918)

25.7.17. Keine besonderen Ereignisse. Heute früh die Franzosen an 3 oder 4 Stellen, doch nicht bei uns. Es ist ein Empfinden wie bei einem Erdbeben. Morgens wird L. Ittameier in Urlaub fahren. Ist ja nicht gerade angenehm, weil ich selber in Urlaub möchte u. auch dürfte u. infolge dessen hingehalten bin. Vielleicht wird bald ein anderer L. mit der Führung betraut, u. ich kann doch weg. Am Abend bei der linken Nachbarkomp. bis spät in die Nacht hinein Minen.

06.7.17. Früh 400 wieder eine Quetschung beim 15. Inf. Regt. Am Abend eine Gewehrgranate auf den Unterstand. Schöne heiße Sommertage.

27.7. Ittameier auf 3 Wochen in Urlaub.

28.7.17. Starkes Gewitter, der ganze Graben schwimmt.

29.7.17. Nichts besonderes.

30.7.17. Noch immer die alte Comp.

31.7.17. Nicht Neues.

Bis 3.8.17. In der Stellung.

Bis 7.8.17. Im Schreinertal als Arbeits-Kompagnie.

Bis 11.8.17. In Lager Bomaswalde. Regenwetter.

11.8.17. Nachm. wieder in Stellung u. zwar in U. Absch. Reserve mehr im Lager Küchental. Unterkunft gut, persönlich einen schönen Unterstand.

Bis 19.8.17. Hier. Es ist zum Aushalten. Stets Gewitterregen u. Sonnenschein.

Am 19.8.17 wird L. Ittameier eintreffen sodaß ich denn in Urlaub darf. Die Tage werden recht langweilig.

20.8. in Urlaub.

21.8.17. Das Wetter während des Urlaubs durchschnittlich sehr schön. Hute 29.8.17 Regentag.

 

[In anderer Schrift am 31.8.1917]

31.8.17. Mit Herrn Leutnant in Gersthofen, wunderschöner Regentag, beim Straßer im feuchten Eden besichtigt Herr Leutnant den Flugplatz von Gersthofen. Amen Julia Ebert

31.8.17. ½ 9 Uhr Herr Leutnant ist zur Zeit sehr stark in anspruch genommen, er träumt wie mir scheint von seinem früheren lieben Kußerl und ist infolgedessen mit einemal gänzlich verstreut. Hoffe Ihn wieder in balde aus seinem Traum erwecken zu können.

Mit Gruß Julia

 

1.9.17. Angenehmes Wetter.

Am 5.9.17. Abend bei strömendem Gewitterregen in Stellung Ulm II. mittleren (II. Zug) übernommen. Wetter schön. Stellung gut ausgebaut, wenig Feuer, links von uns heute 9.9.17 abend 9h starkes Feuer.

10.9.17. Nichts Besonderes.

11.9.17. Wie die Vortage, herrliches Wetter.

12.9.17. Wird die Komp. in I. Linie abgelöst u. kommt ins Mittellager.

Am 19.9.17. Komp. vom Mittellager (wo der Gegner einmal 10 Granaten 22,5 Kal. reinsetzte u. auch meinen Unterstand verschüttete) wieder in I. Linie (Ulm II). Im allgemeinen ruhig, nur nachts Ulm I. und M. IV. zeitweise starkes Artillerie- u. Minenfeuer.

Am 22.9.17 eine größere Unternehmung bei den 20 mit starken Artillerie- u. Minenfeuer jedoch ohne Erfolg. Am Abend vorher erwischte eine Patrouille der 8. Komp. links von uns 2 Franzosen.

Seit 21.9. bin ich wieder Komp. Führer, da L. Ittameier auf 8 Tage in [?] nach Berlin kommandiert ist. Während dieser Zeit bis heute 23.9.17 nichts besonderes.

26.9.17. früh abgelöst durch 2/12 u. nach Lager Eyach-Nord ([Keensagne?]) ein ungemütliches Lager, liegt namentlich nachm. unter ziemlich starken Feuer aus schweren Kal.

Bisher 28.9.17 sind wir ziemlich verschont geblieben. Würde ja nicht viel ausmachen, mal die Unterstände sehr gut sein. Mein Unterstand (Komp. Frhr.) steht allerdings ziemlich unter Wasser. Es muß ständig gepumpt werden. Werden bis 3.10.17 hier sein u. dann wieder nach Ulm II kommen; alsdann hoffe ich auf 7 Tage Ruhe in Bois Emont. L. Ittameier wird am 1.10. auch wieder eintreffen.

Das Wetter ist herrlich, ein großartige Altweibersommer. Zur Zeit nehme ich an einem mehrtägigen M.G. Kurs teil. Interessiert mich u. ist eine ganz nette Unterhaltung. Den Unterricht erteilt L. Welz 1. M.G.K. im Mittellager. Heute erhielt ich von meiner Braut endlich ein Contrefait, auf das ich schon längst wartete.

3.10.17. früh wieder Ulm II. 1. Linie. G. Lt. Hiller ist dem 1. Rgts. Battl. als stellv. Komp. Führer bestimmt; ärgert mich, aber es macht nichts. Ist noch ruhig, Wetter hat umgeschlagen; teilweise Regen.

5.10.17 1. Kp. übernommen. Auf wie lange weiß ich nicht. Eyach-Nord noch am Abend nach Eyach-Süd. Die Bude ist wenigstens trocken; bombensicher ist sie ja nicht.

6.10.17. Heute früh Regenwetter. Noch 8 Tage in Ulm II., dann abgelöst durch 6./12. und 8 Tage in Ruhe in Emont-West.

12.-13.10. Die Komp. ist Baukompagnie u. arbeitet in einer neuen R Stellung an Unterständen bei Very [Véry]. Während der 8 Tage ein flotter Kasinobetrieb.

Am 21.10. 11h abends Abmarsch in die Stellung (Unterstützungs-Komp. im Westend-Lager (Lustnau).

Am 25.10. früh 400 soll Unternehmen Müller stattfinden. Bin neugierig.

25.10.17. Unternehmen Müller mißglückte. Die Leute machten kehrt. Auf jeden Fall klappte nicht alles.

28.10.17. Löste die Komp. 3./12 in Ulm IV ab. Der Abschnitt ist recht schlecht. Zusammengeschossen u. eingefallen u. sehr viel Wasser. Feuer wenig.

Am 4.11.17 früh wird die Komp. durch 4./118 I.R. (Hessisch) abgelöst. Wohin es jetzt wieder geht weiß ich noch nicht. Auf jedenfall wieder in Großkampf. Große Freude u. Befriedigung lösen zur Zeit die schönen Erfolge der Deutschen u. Österreichischer an der Franzosenfront aus. Bisher heute sind über 180000 Gefangene u. 15600 Geschütze eingebracht. Für alle Fälle ist das noch nicht der Enderfolg. Wahrlich ein herrlicher Sieg! Obwohl diese Nachricht im Ententelager nicht ernüchtert?

Bin nur gespannt wo uns jetzt das Schicksal, d.h. unsere Oberste Heeresleitung, jetzt uns wieder hin versetzt. Gleichwol wohin tun unsere Schuldigkeit, dann wird es auch wieder recht werden.

Mit Gott, für König u. Vaterland!

Einige Tage in Stenay. Im dortigen Offiziersheim einige ganz volle Tage verlebt. Die Unterkunft geht an. Habe ein Zimmer u. eine Matratze.

Stenay ist ein ganz altes kleines Städtchen: Es sind dort noch ziemlich Zivil. jetzt auf Hilfsdienst. Nach 4 Tagen abtransportiert nach dem Sündgau (Oberelsaß). Die Komp. ist in Waldighofen untergebracht (Fabrik). Sind jetzt 16.11.17 circa 8 Tage hier. Obwohl nur 7 km von der Front entfernt ist die ziemlich große Ortschaft noch bewohnt. Die Zivilisten aber nicht besonders gut auf die Soldaten zu sprechen. Die dauernde Einquartierung aller möglichen Truppen wird sie natürlich recht verstimmt haben. Bin hier schon 3 mal umgezogen; jetzt mag ich nicht mehr; habe jetzt eine leidliche Bude mit einem ganz guten Bett. Leider fehlt es an Braumaterial.

Machte heute einen größeren Geländeritt nach Pfirt. Diese Ortschaft ist zwischen Burgen gekrönten Bergkegeln schön gelegen. Führe ab gestern 16.11.17 wieder I.V. die Komp.

17.11.17 früh 645 steht die Komp. am Bahnhof Waldighofen verladebereit gegen 1000 dann Abfahrt. In Schlettstadt gegen 400 nachm. gute Verpflegung. 18. Mittags Ankunft in Chauvency [Chauvency-le-Château] bei Montmedy [Montmédy], hier Landmarsch (ca. 15 km) nach Thonne la Long, größere Ortschaft nahe der belgischen Grenze.

19.11.17. Ruhetag. Die Quartiere sind durchwegs sehr schön.

20.11.17. Vormittags Exerzieren.

21.11. Exerzieren. Regentag.

22.11.17. Entlausen u. Baden in Breux ca. 1 Stunde entfernt. Dort ist die 2. Kp. untergebracht.

23.11.17. Übung bei Virton (Besichtigung einer Abtlg. vom 9. Feld. Art. Regt. I/12 (3. Kp.) benötigt)

24.11.17. Ruhetag.

25.11.17 marschbereit. ½ 12h kam der Abmarschbefehl, kurz vor dem Essen 130 nachm., sollten wir in Montmedy [Montmédy], Kleinbahnhof Süd sein; kamen infolge der knappen Zeit (Es sind 2 Stunden Marsch) ¾h zu spät. Von hier mit Kleinbahn nach Damvillers. 600 abends. Marschierten dann nach Etraye [Étraye] wo wir einquartiert werden sollten. (Die Ortschaft lag übrigens unter starkem Feuer) Doch gleich darauf kam der Befehl wir würden mit Autos nach Flabas gefahren u. kamen gleich in Stellung. So war es auch. Der Anmarschweg von Flabas nach der Stellung lag unter starkem Feuer, hatten auch ziemlich Verluste bis heute 27.11. sind mir als Offiziersverluste bekannt H. Lt. Dresler, †, H. Lt. Schütze verwundet, Oberarzt †, H. Lt. Kauz. H. Lt. Schmidinger verwundet. Sind am linken Flügel des Batl. bei Samogneux in Granattrichtern in Stellung, zu Essen bekam heut 25.11. Mittags die Komp. bis heute noch nichts. Heute Abend soll Verpflegung eintreffen. 21.11.17. nichts besonderes: Verpflegung traf endlich ein. In der Nacht vom 30.11. auf 1.12.17 wird das Batl. durch I/R.I.B. 245 (Sachsen) abgelöst. Ablösung vollzog sich ohne Verluste. Marschierten nach Etraye [Étraye] wo uns Mittags 12h Autos abholten u. nach Grand Failly verbrachten. Quartiere gehen an.

2.12.17 hier großer Reinigungsdienst.

3.12.17. Nachm. Grand Failly. Abende 700 bei H. Hauptmann. „Belohnung?“ über Äußerung meinerseits die ich am Abend vorher gemacht hatte. Abend wurde nunmehr die H. Komp. Führer zum Bierabend geladen. Macht auch nichts.

4.12.17. Warte auf meinen Urlaub. Der könnte heute kommen.

Ab 5.12.17 auf Urlaub. Mußte leider mit dem Batl. vorher noch den Umzug nach Lager _______? (bei Damvillers) mit machen, weil ich kein Fuhrwerk für meinen Koffer auftrieb, kam so leider 1 Tag später heim.

Heute 22.12.17 ist der Urlaub, der nur zu rasch wieder verging wieder vorbei. Muß jetzt um 10h weg. Bis 500 nachm. hier in Montmedy [Montmédy] warten bis das Kleinbähnle nach Damvillers fährt.

Bis 30.12.17 in Stellung als Komp. Führer i.V.

Nette Sylvester u. Weihnachtsfeier im Lager Morimont, aber sehr kalt.

Am 4.1.18 fuhr ich weg in M.G. Ausbildungskurs für Offiziere nach Waulsort bei Dinant. Sitze jetzt 4.1.18 nachm. 200 wieder im Offiziersheim in Montmedy [Montmédy] u. esse zu Mittag u. versuche mich etwas aufzuwärmen, bin auf der Kleinbahn schrecklich erfroren. Will sehen wann ich heute Nacht in Waulsort ankomme.

5.1.18. Beginn des Kurses. Kam am 5.I. früh 100 in Waulsort an; der Bahnhof liegt ¼ Stunde vom Ort entfernt. Meldete mich gleich an u. erhielt Quartier Unter Weg 5, Zimmer 1. Das Zimmer geht an. Licht, Bett, Ofen sind vorhanden. Bin der 2. Lehrkomp. zugeteilt.

Die Umgebung (Maas mit dem hohen, felsigen Ufer) sehr schön. Unterricht nicht zu viel. Das Leben endet aber heuer. Esse im Hotel Modana:

Kaffee 1 M

Dinner 4 M

Saufen 3.20 M

Es wird allerdings täglich ein Verpflegungsgeld von 8 M ausgezahlt. Aber trotzdem sitze ich heute 20.I.18 recht trocken. Freue mich auf die morgige Auszahlung.

7.II. Kursschluß. Nachm. 3h abfahrt nach Charleville. Dort Übernachten; annehmbare Unterkunft.

8.II. Fahrt nach Longuyon und Longwy. Hier übernachten u. abwarten der Ankunft meines Gepäcks (Hotel Cannace, Essen sehr gut u. billig).

9.II. nachm. Durch Gui mit dem Füchsen der Comp. abgeholt u. abends ankunft in Villers la Montagne. Dort Unterkunft leidlich bei Madame Frizou, die 1842 geboren ist. Dort Aufenthalt bis zum 18.III.18. Übungen in größeren u. kleineren Verbänden. Bei den Div.-Übungen meist sehr weiter Märsche, am weitesten von sämtlichen Truppen der Division. War in Villers la Montagne sehr nett. Eine große Ortschaft (vielleicht 1000 Einwohner) Zivilbevölkerung anständig.

Am 18.III.18 früh 700 abmarsch nach Constantine Ferme, wo wir nachm. 300 ankamen. Unterkunft den Umständen entsprechend. Während der Nacht feindl. Flieger auf den dortigen Flugplatz Bomben geworfen. 2 Bomben schlugen in nächster Nähe (80-100 m) ein. 1 Telephonhäusl zerstäubt. 1 Mann tot 2 schwer verwundet. Derselbe Flieger bewarf auch Longwy. Der dortige Bahnhof abgebrannt. 17 Waggon eines Munitionszuges in die Luft geflogen.

19.III. früh Abmarsch nach Morimont. Nachts 1100 Abmarsch wieder nach Constantine Ferme 300 früh ankunft Villers la Montagne in die alten Quartiere. Dort am 21.III.18 früh bewegung, sollen bereits die 8. Division sein, die diese Manöver machte. Hoffe noch auf einige schöne Tage hier, werde das Bett noch tüchtig ausnutzen. Das Wetter hatt sich wieder gebessert. Morimont am 19.III. regnete es ungeheuer. Die Straßen schwammen; bin meiner guten Stiefel froh.

22.III.18. ab 1200 Mittags marschiert.

23.III.18. abends 8oo Abmarsch in Villers la Montagne. Am 24.III. früh 400 in Audun le Romagne verladen.

25.III. nachm. ankunft in Cambrai. Quartier in St. Vaast rue No. 47.

26.III. früh Abmarsch in Cambrai nach Raillencourt (1h entfernt).

26.III. abends von hier Weitermarsch nach Havrincourt, dort im Schloßpark Biwack. Fror mich ungemein.

27.III. 18 früh Weitermarsch Bertincourt, Unterkunft in Baracke.

28.III. früh Marsch nach Ligny-Tylloi [Ligny-Thilloy], mir wohl bekannt aus der Sommeschlacht, dort Biwack bezogen. Abends 700 Rückmarsch nach Betincourt bei strömendem Regen. Dort die ganze Komp. in 2 kleine Baracke, völlig durchnässt zusammengefercht.

29.III.18. Weitermarsch nach Moisleins [Moislains] (auch wohlbekannt). Dort Biwack. Wetter bessert sich weiter. Das eroberte Gelände ist sehr interessant. Englische Ausrüstungsgegenstände der verschiedensten Art. Tote (Englische u. deutsche, Pferde, Gefangene etc.).

30.III. früh Weitermarsch nach Estrées im Gebiet der Sommeschlacht. An der großen Straße nach Amiens, in Deniecourt [Deniécourt] in Zelten u. alten Unterständen Unterkunft. Abends bei ekelhaftem Regen Marsch nach Herleville (noch nie deutsch). In einer kleinen zerschossenen Hütte 2 Komp. untergebracht.

31.III. 730 Abmarsch nach Beaucourt en Santerre 17 km südlich. Dort 2h ankunft. In dem Wäldchen östlich Verpflegung.

1.4.18. Hier Biwack, ebenfalls am

2.4.18 u. 3.4.18. Wetter geht an, Regen u. Sonnenschein. Fliegergefahr. Ein Flieger schoß unseren Feldballon ab u. wurde dann von unserem M.G. abgeschossen. Er soll erschlagen worden sein. Finde ich nach meinem Empfinden nicht recht. Heute früh sprang schon 1 Fuchs im Lager rum, war anscheinend im Wäldchen im Bau u. bekam Junge.

3.4. Abend 10h in Bereitstellung vor Ville aux Erables [Villers-aus-Érables].

4.4.18. früh 6h-810 setzte unser Artilleriefeuer ein. 810 trat unsere Artillerie zum Sturm I/12 Divisions-Reserve. Vormittags nachgezogen bis nach Morisel-Süd (Festung). Um 320 Nachm. treten wir zum Sturm auf die Höhen westlich Morisel an. Ziemliche Verluste durch Artillerie- u. Inf. Feuer.

5.6.7.8./4.18. in Stellung. Befehl zum eingraben u. die Stellung unter allen Umständen halten. Wetter sehr schlecht. Friert uns bis auf die Knochen.

9.4.18 früh bei Tagesgrauen durch Rgt 57 abgelöst. 1 Nacht 2 Lager bei Beaucourt.

10.4.18. Rückmarsch nach Rosières Biwack.

12.4.18. Seit heute abend eine Baracke.

13.4.18 heute windiges Wetter.

14.4.18. Noch hier (abscheulicher Sturm, fror uns ein)

15.4.18. Noch hier.

16.4.18. Ab nachm. so bereit halten, daß 1 Stunde nach Eintreffen des Abmarschbefehls abmarschiert werden kann. Ab heute nachm. I.V. Komp. Führer 1./12. I.R. H. Lt. Rösch fußkrank. H. Ittameier weigerte sich mich zum Verdienstorden 4. Kl. vorzuschlagen. Macht auch nichts. Bin es ja gewöhnt.

17.4.18 nachts 2h kommt Befehl, daß ich mit Herrn Lt. Spörl zum III. Batl. versetzt bin, gleichzeitig marschbereit. 530 früh antreten auf die Alarmplätze; wie verlautet, damit die die wieder vermutete französische Angriff erfolgen sollte, gleich antreten können. Melden uns nach Ausfindigmachen des III. Batl. gleich beim H. Kommandeur Hptm. Schäffer. Dieser teilt mich der 10., Lt. Spörl der 12. Komp. z. Herr Lauenstein, Führer 10./12. I.R. recht liebenswürdig, hoffe, auch mit ihm gut auszukommen. Der erste Eindruck ist recht nett. / Die Marschbereitschaft wurde 1100 früh wieder aufgehoben; sind wieder in die früheren Quartiere abgerückt. Hoffe, daß wir hier noch einige Tage sind. / Aß heute mit Herrn Lauenstein Roßleber u. Herz: schmeckte nicht übel. /

18.4.18 früh wieder marschbereit. 1000 wieder aufgehoben, um 1020 vorm. Aufstellung vor dem Kommandeur. (Fällt aus, Abmarsch nach Beaucourt).

18.4.18. Abend I.V. Komp. Frhr. 12/12. am abend noch in ein anderes Waldlager (wo wir vor dem 1. Einsatz waren) umgezogen (wegen Beschießung).

19.4.18 abend in Stellung. 10h Abmarsch.

20.4.18 früh 200 12./84.7 I. R. in  1a an der Straße Moreuil-Thennes abgelöst. Schönes Wetter. Will sehen was weiter geht. Komp. Abschnitt bisher ziemlich ruhig. Bisher Gottlob keine Verluste.

H. Lt. Lauenstein (10./18.) wurde verwundet, ebenso Spörl, der die Komp. übernehmen mußte.

21.4.18. Gefechtstätigkeit wie gestern. Heute früh 5-600 starkes fdl. Artilleriefeuer; 11. Komp. hatte eine Patrouille zu machen. Wetter gestern u. heute schön. Nachts Reif u. daher recht kalt.

22.4.18. Nichts Neues. abends u. während der Nacht leichter Strichregen.

23.4.18. Heute wieder schönes Wetter. Sonst ohne Neuigkeit.

24.4.18. Während der Nacht besuchte Pfarrer Auwander die Komp. Früh Angriff angesetzt. Um 600 vorm. beginnt der Artillerie-Wirkungsschießen. Um 700 vorm. beginnt rechts u. links der Angriff. Das verabredete grüne Leuchtzeichen zum Angriff bei 15. I.R. blieb aus. Starke Vergasung, die Luft undurchsichtig. 830 dann Vorrücken der Komp. in 2 Wellen, 1. Welle bis über die bisherige Vorpostenlinie hinaus, starkes M.G. u. Inf. Feuer von halbrechts. Rechts der Straße 15. I.R. kam aus der Stellung nicht heraus. Die Komp. blieb aber als dann liegen. Später einsetzen der eigenen Artilleriefeuer verursachte empfindliche Verluste, 4 Tote u. mehrere Verwundete, worauf sich der Rest des rechten Flügels der 2 Welle wieder in Ausgangsstellung u. nach links zog. Es kam dann der Befehl um 1200 abermals anzugreifen. Komp. drang vor bis 40 m vor die gegnerische Stellung 2 l M.G. Rechts abermals keine Unterstützung, links kam der angriff nicht nach u. ins Stocken. Komp. blieb in der genommenen Linie liegen u. hängte sich ein. Um 1100 nachm. Ablösung durch 7./12 die am weitesten vorgedrungen Teile wurden zurückgenommen. Verluste namentlich infolge eigener Artillerie u. fdl. M.G. u. Inf. Feuer recht empfindliche 9 Tote 13 Verwundete.

25.4.18. Komp. in Bereitschaft bei Lepigny Ferme. Fdl. Artilleriestreufeuer. Heute abend stürmt (wurde nichts) I. Batl. Sandgrube u. Wäldchen westlich davon. Von Ablösung noch nichts bekannt. Hoffe nicht mehr vor zu müssen.

26.4.18. Noch in Stellung bei Lepinoy-Ferme. Sonst nichts Neues. Einige Granaten auf die Stellung. Der Tag im Großen u. Ganzen ruhig, trübes Wetter. Von Ablösung vermerkt nichts. Ebenso heute den 27.4. noch nicht. Tag über starke Feuerüberfalle u. Streufeuer. Eigener Flieger abgeschossen in der Nähe der Komp. abgestürzt. Beobachter tot. Führer Bauchschuß, von der Komp. verbunden u. zurück gebracht. Am abend noch umziehen, weiter links, vorwärts, I. Batl. wird abgelöst u. kommt nach Beaucourt.

28.4.18. Der Raum in dem die Komp. liegt ist bisher auch noch feuerfrei.

29.4.18 Noch hier ohne besondere Ereignisse.

Ebenso 30.4.18. Nebeliges Wetter.

1. Mai 1918. Wetter trüb. Fdl. Artillerie sehr lebhaft. 1 Überfall kam sehr nahe. Sonst nichts Besonderes. Wie verlautet sollen wir erst 3 auf 4 abgelöst werden. Schöne Aussicht!

2. Mai herrliches Wetter, tagsüber starke Artillerietätigkeit (fdl.); ab 500 nachm. sehr stark bis Einbruch der Dunkelheit. Gott Lob ging es ohne Verluste ab.

3. Mai 1918. Hoffe, daß es heute wieder besser wird. Sollen heute endlich einmal abgelöst werden durch 80 I.R.

4. Mai 1918 früh 100 durch 4/80. I.R. abgelöst. Auf dem Rückweg wurde H. Lt. Wirth 9./12 noch ziemlich schwer verwundet. Stieß in Villas auf ihn u. ließ durch meine Leute ihn zurückschaffen in Lager Beaucourt nach Casse [Caix] gefahren, dann Weitermarsch nach Rosières.

Abend 800 auf einen Bauzug verladen u. nach Brie gefahren. Sollten nach Villers Carbonelle [Villers-Carbonnel] in Baracken kommen, als wir jedoch dort ankommen nach 1h Marsch, hieß es wir können nach St. Christ [Saint-Christ-Briost]. Blieb also nichts übrig als wieder zurückmarschieren.

5.5.18 früh 300 kommen wir in St. Christ an u. wurden leidlich in Baracken untergebracht. Ich selber hatte eine Zeltbaracke u. war zufrieden. (Kahnfahren, Fischen, Reiten).

6.5.18 u. 7.5.18 noch dort. Am 8.5. früh Marsch nach Peronne [Péronne] ca. 10 km. Um 10 kamen wir dort an u. mußten bis abends ½ 900 warten bis ein Bauzug kam der uns nach Cambrai brachte. Dort kamen wir am 9.5.18 früh 400 an. Von da Weitermarsch über Solesmes nach Bousies. Um ½ 300 Ankunft. Eine schöne große Ortschaft, gute Unterkunft.

10.5.18 hier und heute Nacht gut geschlafen u. ausgeruht. Bagage kam heute Mittag 100 an. 11.5. 12.5. 13.5. 14.5. 15.5. 16.5. 17.5. hier, ohne viel Neues. Dienst in der Komp. in dem sehr schönen Forêt de Mormal. Wetter sehr schön.

18.5.18. Paradeaufstellung der Division in Bahnhof Salesches wo Seine Majestät König Ludwig III. 1040 vorm. Einfahrt des Hofsonderzuges u. Königshymne. Abschreiten der Front durch Seine Majestät. Alsdann Verleihung von Verdienstorden u. Verdienstkreuzen durch S. M. an Angehörige der Division. S. M. unterhält sich lange mit den gesondert aufgestellten Inhabern der Tapferkeits-Medaillen E.K.I. Klasse. Dann Ansprache des Divisions Kdr. v. Zöllner. S.M. erwiderte.

Alsdann Abrücken der Truppen. Offiziere zu S.M. gerufen. Vorstellung der Kdr. und wieder Offiziere die sich besonders ausgezeichnet. Zog alle ins Gespräch. Nebenbei bemerkt Gefolge von S.M. Ministerpräsident Dandl ebenfalls. Als dann besteigen des Hofsonderzuges der dann gemächlich unter den Hurrarufen des Offizierskorps den Bahnhof verließ.

Das Wetter war sehr schön, leider zu heiß, sodaß manche Leute umfielen.

Vor der Ankunft waren fdl. Flieger in der Nähe, sodaß die Div. in Deckung ging. Aber Gottlob verlief die Aufstellung selbst friedlich.

6.6.18. Besichtigung der Komp. im Gefechtsschießen. Ausgezeichnetes Lob erhalten, vom [?] Brigadekdeur, Div. Kdr. [?], General.

7.6.18 Abtransport, verladen 1000 abends, Landrecies.

Februar 7, 2021
von Jens Winter
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Unteroffizier Friedrich Noll – 22. Bayerisches Infanterie Regiment (06. August 1916 bis 22. Februar 1917)

Friedrich Noll wurde am 29. März 1891 in Niederwürzbach geboren. Seine Eltern waren der Glashüttenarbeiter Joseph Noll und Maria Noll, geb. Schnepp. Friedrich Noll verstarb am 10. Juni 1974 im Alter von 83 Jahren in Niederwürzbach. Noll heiratete am 1. Mai 1914 Sofia Noll, geb. Herrmann aus Niederwürzbach. Sofia Noll wurde am 1. Januar 1891 in Niederwürzbach geboren. Das Sterbedatum ließ sich bisher nicht ermitteln. Wie wir aus der Kriegsstammrolle erfahren, hatte das Ehepaar zwei Kinder. Er wohnte mit seiner Familie in der Distriktstraße 78 in Niederwürzbach.

Der Bergmann Friedrich Noll versah ab Oktober 1911 seinen Militärdienst beim 22. Bayerischen Infanterie Regiment in der 5. Kompagnie. Am 1. November 1912 wurde er zum Gefreiten ernannt und am 20. September 1913 wurde er in die Reserve entlassen.

Am 1. August 1914 wurde er dann durch die Mobilmachung wieder einzogen zu seiner alten Kompagnie (22. IR, 5. Komp.). Sein Regimente kämpfte an der Westfront in Frankreich. Am 5. September 1914 kam er dann, vermutlich wegen eines Handschusses, ins Reserve-Lazarett nach Rastatt, wo er bis 15. Oktober 1914 verblieb. Anscheinend war er dann nicht mehr kriegsverwendungsfähig, denn er musste zunächst nicht mehr ins Feld ziehen. Am 15. Oktober 1915 wurde er zum Unteroffizier befördert.

Am 6. August 1916 änderte sich diese Situation jedoch und er musste wieder zu seiner Kompagnie nach Russland. Seine Reise an die Front begann Noll am 1. August 1916 in Zweibrücken, wo er dann am 6. August 1916 bei seinem Regiment in Poworsk (heute Ukraine) ankam. Hier hielt es sich jedoch nur bis 9. August 1916 auf, da sein Regiment dann nach Rumänien verlegt wurde. Noll war ab dem 12. Oktober 1916 im Lazarett in Szolnok (heute Ungarn), anschließend vom 1. bis 3. November 1916 im Lazarett in Budapest. Der Grund für den Lazarettaufenthalt ist nicht bekannt, da dieser in der Kriegsstammrolle unleserlich ist. Noll selbst erwähnt ihn nicht.

Von Budapest fährt Noll dann zu seinem Regiment an die Front in Rumänien, wo er dann bis Mitte Januar beim 22. Bayerischen Infanterie Regiment bei der 5. Kompagnie mitkämpft. Anschließend wird das Regiment in den Raum Schlettstatt im Elsaß verlegt, wo Noll am Maschinengewehr ausgebildet wird. Das Tagebuch endet am 22. Januar 1917. Jedoch erfahren wir aus der Kriegsstammrolle, dass Noll auch weiterhin bei seinem Regiment mitkämpfte, bis er am 30. März 1918 nach Niederwürzbach entlassen wurde.

Das Kriegstagebuch von Friedrich Noll beginnt am mit dem Satz:

Ich bin am 6. August [1916] daß 2 mal ins Feld nach Russland zur 5. Komp. 22. I.R.

Ob Noll bereits während seines ersten Einsatzes im August/September 1914 ein Kriegstagebuch geführt hat, ist nicht bekannt. Das Kriegstagebuch endet am 22.2.1917. Der eigentliche Eintrag nach dem Datum ist herausgerissen. Das Buch ist auch vollgeschrieben. Vermutlich existieren noch weitere Bände, die mir allerdings nicht vorliegen.

Die Abschrift des Kriegstagebuches erfolgt buchstabengetreu. Zur besseren Lesbarkeit wurde Kommas und Punkte eingefügt, da Noll darauf zumeist verzichtet hat. Die Schreibung der Ortsnamen wurde von Noll übernommen. Soweit seine Schreibweise von der heutigen abweicht, habe ich die heutige Schreibweise der Ortsnamen in eckigen Klammern ergänzt. Leider konnte ich bisher nicht alle rumänischen Orte, die Noll erwähnt, ausfindig machen.

Der Text des Kriegstagebuches wird hier komplett wiedergegeben. Am Anfang sind deshalb Informationen wie seine Heimatadresse zu lesen, aber auch Angaben über Geldsendung an seine Familie. Am Ende des Kriegstagebuches finden sich Angaben über die Soldaten seiner Gruppe sowie ein Gedicht, das er über den Einsatz seines Regiments am Fluss Stochod verfasst hat.

Erste Seite des Kriegstagebuches von Friedrich Noll
Beginn der Tagebuchaufzeichnungen von Friedrich Noll auf der rechten Textseite

Kriegstagebuch von Friedrich Noll (6. August 1916 bis 22. Februar 1917)

Untffz. Noll

5. Komp. 22. bay. I. Rgt.

6. bayr. Inft. Div.

Unterffz. Noll

Frau Friedrich Noll

 

Kriegstagebuch aus Rumänien

10.11.1916

Unffz. Noll

5/22

aus Nieder Würzbach

geboren den 29. März 1891

 

Unterffz. Noll

22. bay. Inft. Rgt.

Erkennungsmarke 192

Gasmaske No. 28

Wolldecke No. 28.

 

II Zug

 

Geld heimgeschickt

Russland 20 M. 30M. 50 Mark

In Lucheny Ungarn 9. Nov. 20 Mark

In Rumänien 24. Nov. 10 Mark

In Rumänien 3. Dez. 10 Mark

In Rumänien 20 Dez. 20 Mark

 

Adsse. meiner Frau

Frau Friedrich Noll

Niederwürzbach Districktstr. 78

Pfalz

 

Meiner Eltern

Familie

Joseph Noll

Niederwürznach Huhsstr. 20

Pfalz

Zwei Löhnungsrücksendungen von KuK Res. Spital Gruppe III Szolnock vom 21.10.16 und 1.11.16. Empfangen pro Dekate 1 Krone.

 

Ich bin am 6. August dass 2mal ins Feld nach Russland zur 5. Komp. 22 I. Rgt. Am 1. August in Zweibrücken vormittags 505 abgefahren über Ludwigshafen Leipzig Bebra, Breslau, Lods [Łódź], Warschau Komel Powursk [Poworsk] zum Rgt.

 

Geld heimgeschickt in Russland.

mal 20 Mark mal 30 Mark 50

In Lugany in Ungarn am 9. Nov. 20

In Rumänien am 24. Nov. 10

In Rumänien am 3. Dez. 10

In Rumänien am 20. Dez. 20

 

Ich war vom 6. August 1916 bis zum 9. 10.11. in Russland. Am 3.10.16 in Russland noch Nachmittags Abmarsch über Powursk [Poworsk] nach Kriviadki angekommen. Nachts 12 Uhr verpflegt, um 1 Uhr verladen Abfahrt des Zuges 130 über Kovel, Vladimir-Volinski [Wolodymyr-Wolynskyj]. Dort verpflegt. Weiterfahrt Porizk-Sokal verpflegt, Bels-Bawa-Ruskov verpflegt. 11.10.: Jaroslau, Pryemysl [Przemyśl] – Zyrow durch die Karpaten weiter Nstry – Ramanza verpflegt Luykow nach Ungarn hinein Hamona [Humenné]-Satraljauiheli [Sátoraljaújhely] verpflegt 12.10. Miskols [Miskolc] verpflegt Mözököweyd [Mezőkövesd] – Hardwan [Hatvan] verpflegt. Jasberreny [Jászberény] Szolnok. Dort ins Lazarett bis zum 1. Nov. und Lazarett nach Budapest dort 2 Tage 3ten Abends 930 Abfahrt nach Arad Töwis hier eine Nacht morgens weiterfahrt hier Ettappen gemeldet wurden verpflegt und bekommen noch für 2 Tage Fleisch Brot Zucker Kaffe Taback mit. Ich fuhr zurück über Küskagust nach Iöwer von dort über Karlsburg Piski Shela nach Petroseny [Petroșani] am 6 Abends kam ich nach Petroseny [Petroșani] an und melde mich bei der 11. bayr. I.D. Von dort kam ich ins Unterkunftshaus, wurden verpflegt Fleisch mit Brot und Pulion, nur eine Nacht dort und ging morgens 8 Uhr noch weiter der Bahn nach bis Vulkau von dort nach Lugeny zur Komp. hier noch im Quartier bis zum 10. Nov. Am 9. war hier der Rgts. Inhaber und Fürst v. Wilh. v. Hohenzollern. Am 10. Nov. Marsch von Lugeny ins Gebierg nach dem Forsthauß. Biwack im Wald am 11. Nov. Marsch über Vulkan geht nach Bolika dort Verpflegungsrast weitermarsch bis zum Waldrand. Die preußische 41. I.D. griff an diesem Tag an. Am 12 mittags Abmarsch zirka 3 km vor dann Biwack. Am 13. Vormarsch bis in die tiefe Schlucht von Veiden, 2 Zug EW 14.

Am 14. Nov.

Mittags Abmarsch aus den Bergen raus ins eine Ortschaft. Wir sind jetzt aus dem Gebirg. Die Gegend ist herlich.

Am 15. Nov.

Früh 5 Uhr Abmarsch wir maschierten weiter links durch Sambutin über die Brücke über den Jui, werden gegen Abend in eine Ortschaft einquatiert, hier viel Wein Schnaps auch 2 Hühner geschlachtet.

Am 16. Nov.

Morgens 6 Uhr antreten zum Abmarsch, lagen an der Straße bis mittags, bekommen 5 Fleischbüchsen für die Gruppe, maschierten dan bis Abends in eine Ortschaft, einquatiert, eine Ente geschlachtet und ein Huhn. Nachtlager auf dem Speicher, schlechtes Wetter Regen und Schnee.

Am 17. Nov.

Wir maschierten mitt Marschsicherung in eine Ortschaft, unser Zug FW III in die Ortschaft die 1 Gruppe als U.P. an die Straßengabel, die Straßen wurden verbarrikadirt. Kavalerie Patroulie reiten.

Am 18. Nov.

Vormittags griffen die Rumänen rechts von uns die 7. und 8. Komp. an, wurde aber unter großen Verlusten zurückgeschlagen. Ich machte mittags eine Patroulie, Verbindung mitt dem 3 Rgt. 3 Ortschaften vor der Front in einen Hof bekam von dem Bauer Schweinebraten und Wein, in der Ortschaft fand ich noch 30 Eier.

Am 19. Nov.

Mittags wurden wir abgelöst und kamen auf die Höhe als FW, es war sehr kalt und liegt Schnee. Ich kam auf U.P, wir sitzen die ganze Nacht um ein Feuer eine sächsische Radfahrer Komp. war auch bei uns als FW.

Am 20. Nov.

Wir rückten morgens zurück in die Ortschaft in die Kirsche, um 8 Uhr maschierten wir ab, unser Battl. unsere Komp. als Spitzenkomp. Bei uns ist 1. und 2. Battl. des 152 Inft. Rgts., wir maschierten nach Nordosten, gegen Abend kamen wir ins Quatier, hier wurden wir von Civilisten beschossen. Wir lagen im Schulhaus zwei Welschhühner geschlachtet. 4 Civilisten wurden erschossen, auch viele verwundet und erschossen von unseren Patroulien. Viel Honig Wein Nüsse und Obst fanden wir hier.

Am 21. Nov.

Abmarsch 35 km in eine Ortschaft einquatiert.

Am 22. Nov.

Früh Abmarsch wir kamen wieder zum Rgt., um 1 Uhr mittags verpflegungsrast und Post gefast, um 2 Uhr weider in eine höhere Ortschaft Quatier, schlachten ein Schwein, Wein Schnaps gabs auch hier.

Am 23. Nov.

Früh Abmarsch wir maschierten als linke Flankendeckung 32 km. Battl. wird einquatiert, II. Zug als FW in einen schönen Guthshof, von 12 Uhr bis morgens 7 Uhr meine Gruppe auch NP sehr kalt und Regen. Durch den Ru. Dolmetscher wurden bei dem Gutsbesitzer 50.000 Ztr. Weizen, 20.000 Ztr. Welchkorn 6000 kg Benzin und viele Sachen beschlagnamt. Der Bauer hatte zwei große Walzenmühlen, hier auch das erste Bett geschlafen in Rumänien.

24. Nov.

Morgens Abmarsch werden in eine Ortschaft einquatiert.

Am 25. Nov.

Früh Abmarsch durch daß Städchen Lubsu, nach 5 stündigen Marsch machten wir Rast, dann weiter ins Quatier (35 km)

26. Nov.

Früh 1 Uhr wurden wir Allarm wird maschierten ca. 2 Stunden bis Mamura an der Alt. Bei Tag sollten wir übergesetzt werden über den Fluß reihenfolge 7-6. MGK. Gr. W. 5. 8. Komp. Die 7. Komp. setzte über unter starken Verlusten, die 6. Komp. kam nur noch zwei Gruppen über. Der Angriff wird eingestelt. Die 5. Komp. maschierte zurück in die Ortschaft 5 Verwunden. Am Abend muste der 2. u. 3. Zug vor an den Fluß auch FW. Ich kam mitt 12 Mann auf NP weider rechts an die Übergangsstelle. Die 7. Komp. wurde wärend der nacht durch Pioniere zurück geholt. Wir wurden bei Tagesanbruch zurückgeholt in die Ortschaft. Die Rumänen gingen zurück. Wir konten noch etwas schlafen in einem Hause.

27. Nov.

Um 8 Uhr maschierten wir rückwärts bis 11 Uhr und rasten dann an der Straße nach Statina. Hier gabs Gebirgsschuhe Hosen und Post. Die Meldung kam daß die Rumänen die Alt-Linie geräumt haben und sich zurückgezogen haben. Wir maschierten um 5 Uhr bis zur großen Alt-Brücke vor Slatina. Diese war zerstört, einzelne Teile waren noch passierbar. Als die Spitze des Rgts auf der Brücke ist, bricht diese ganz zusammen. Es gab. u.a. auch ertrunken welche (die Alt ein stark reisender Fluß). Die Pioniere schlugen eine Schiffsbrücke, diese wird noch Nachts um 1 Uhr fertig. Wir passierten dan und kamen um 130 Uhr nach Slatina, eine schöne Stadt, hier gabs viel zu Essen und zu Trinken und Allerhand schöne Sachen.

28. Nov.

Morgens 7 Uhr Abmarsch am Bahnhof vorbei, dort Branten große Gebäude Schuppen, wir werden gegen Mittag einquatiert in eine Ortschaft zu Zigeuner. I. Battl. kam in eine andre Ortschaft unsere Artll. schoß die Rum. nach. Dort erst um 3 Uhr maschirten wir wieder weiter 35 km, hier gabs noch Post.

29. Nov.

Um 6 Uhr morgens Abmarsch. Es werden für die Komp. 3 Offizierswagen requiriert und die Tornister gefahren. Wir maschierten ca. 38 km über Mirozy [Miroși] um 6 Uhr Abends werden wir Einquatiert.

30. Nov.

Marsch feindliche Kavalerie zeigt sich, wurde von unserer Attl. beschossen.

Am 1. Dec.

7 Uhr Abmarsch nach ca. einer Stunde Rast hält Alles. Rumänische Arttl. beschießt daß preusich. Battl. 18er hinter uns. Wir maschierten in die nächste Ortschaft und rasten dort. Hier Löhnungsappel. Mittags maschierten wir ab. Wir halten noch mal weil daß Schützen Battl. die Ortschaft wo wir quatiert werden sollten zuerst nehmen muß. Wir werden gegen 11 Uhr Abends einquatiert.

Am 2. Dez.

Dasß III. Battl. geht bei Nacht über die Brücke über den Argesul. Die Rumänen hatten vor der nächsten Ortschaft eine gute Stellung. Daß III. und I. Battl. nehmen die Stellung (1200 Gefangene). Wir machten als linke Flankendeckung links hinaus unsere Komp. zunächst als Artll.-Deckung. Beim Vormarsch kam 8. und 6. Komp. mitt Rumänischer Nachhut ins Gefecht, trieben sie zurück und machten ca. 400 Gefangen. Die Komp. maschierte am Abend zum Battl. vor. Ich war am Argesul endlang auf Patroulie. Abends Ortsunterkunft, schlachten ein Schweinchen.

Am 3. Dez.

Maschiert die 5. Komp. vor und besetzt einen Waldrand. Wir gruben Schützenlöcher. Ich machte Patroulie nach Titu, dem Bahn und Straßenknotenpunkt nach Bukarest. Zum 3. Battl. Abends kamen wir aus dem Wald in die Ortschaft und stelten ein Untffz. P. auf.

Am 4. Dez.

Mittags Abmarsch. Wir werden durch daß Alpenkorps abgelöst und maschierten durch Titu, kamen gegen Abend in eine große Ortschaft, wo wir Quatier bezogen, kaum im Quatier kam der Befehl antreten. Wir maschierten 8 km. Dort soll die Komp. VP beziehen an der Bahn, hier war Kavalerie und 6 Minenwerfer und M.G.K. eingebaut. Wir lösten Husaren ab. Da kam unser Battl. wieder. Maschiert und wir musten nach 8 km vor daß erste Battl. von uns und daß Battl. 18er gehen rechts von uns vor (Wir geben Zeichen durch Leuchtkugel). Die Ortschaft Balteni ist frei. Wir werden einquatiert und stelten FW und III. Zug kam hier auf FW.

5. Dez.

Wir werden 5 Uhr geweckt und graben uns am Ortsrand ein. Rechts von uns wird daß 1. und III. Battl. heftig angegriffen. Wir maschierten zur Unterstützung auch hin. Wir sollten durch einen Stoß in die gegnerische linke Flanke die andere Battl. entlasten. Die 5. Komp. nimt am Ortsrand von Balanesti [Bălănești] Stellung. Die andere Komp. gehen links vor. Der Gegner hatt schwere Artllr. und nimt uns auch unter Feuer. Wir hatten (1 Toter und 5 S. verwunde). Nach einbruch der Dunkelheit musten wir den vor uns liegenden Wald durchstoßen bis zu einem Bach. Die Rum. haben sich zurückgezogen. Wir gehen wieder nach Balanesti [Bălănești] zurück in Unterkunft. Quatier ein Heuschuppen, sehr kalt und den ganzen Tag und Nacht Regen.

Am 6. Dez.

7 Uhr Abmarsch. Wir maschierten mitt vielen Unterbrechungen bis zum Abend ein. Daß Battl. in Quatier kommt müssen wir wieder in eine Ortschaft in der Artllr. liegt. An diesem trag machten die 41. I.D. eine ganze Rum. Div. zu Gefangen. 7000 Mann 1. General.

7. Dez.

Marsch in eine Ortschaft vor Bukarest nördlich.

8. Dez.

Rasttag. Wir schlachten zwei schwere Schweine, hatten viel Wein. Mittags hatten wir Gewehrappel. Hier bekam ich seid 8 Wochen die erste Post. 3 Briefe und eine Karte.

9. Dez.

Marsch bei sehr schlechtem Wetter und Regen ins Quatier.

Am 10. Dez.

Vor morgens 10 Uhr ab marschbereit, um 2 Uhr Löhnungsappel, um 230 Abmarsch, sehr schlechtes Wetter und eine sehr schlechte Straße und kamen um 520 nach Gratchi ins Quatier.

11. Dez.

Von 8 Uhr ab marschbereit, um 2 Uhr kam der Befehl Marschbereitschaft aufzuheben, ein Schwein geschlachtet, um 5 Uhr kam Befehl daß wir hier bleiben, um 6 Uhr wurden Liebesgaben gefast. Der Mann 10 Cigarren, Speck wurde auch gefast, im Quatier viele Läufe u. Flöh.

Am 12. Dez.

Um 5 Uhr morgens antreten zum Morgen Post fassen. Inn mitt Ruhe von 7 Uhr ab marschbereit, um 8 Uhr kam Befehl Marschbereitschaft aufzuheben, um 10 Uhr kam Befehl antreten. 38 km Marsch, um 4 Uhr mittags maschierten wir über den Fluß Jalomitu [Ialomița]. Die Brücke war 2 mal gesprengt. Daß Wetter war schlecht. Wir maschierten dan der Bahn entlang über den Bahnhof von Jalomita [Ialomița], hier waren die große Getreideschuppen der Bahnhof abgebrant. Hier standen 15 rumänische Lokomotiven. Die Bahn zerstört. Den ganzen Tag nichts zu Essen, um 12 Uhr kamen wir ins Quatier.

Am 13. Dez.

Früh 7 Uhr Essen gefast, heute 23 Eier gefunden, wir waren in Radulesti [Rădulești] im Quatier (gut), eine schlecht bewohnte Gegend. Mittags Pfannenkuchen gebackt, um 3 Uhr musten wir ausziehen an den Ostausgang vor der Ortschaft. Die 378er Artllr. und Kav., schönes Wetter viel Wein, neues Quatier auch gut, in der Ortschaft viel Gedreite Weizen und Taback. Hier ging daß Gerücht daß der deutscher Kaiser unserm Feinde den Frieden angeboten hatt mitt rücksicht auf unsere Erfolge in Rumänien.

14. Dez.

Morgens 930 Abmarsch 9 km nach Urzyzeni [Urziceni], hier ins Quatier. Wohnung eines rumänischen Oberst Ltn. gut, angekommen um 3 Uhr, hier daß erste Bett in Rumänien.

15. Dez.

630 Abmarsch Gotorca [Cotorca] nach Smardanul [Smârdan] 24 km um 315 Quatier bezogen (sehr schlecht). Gegend schlecht bevölkert. Eine Gans geschlachtet. Wetter sehr nebelich. Straße schlecht und aus gefahren.

16. Dez.

Ruhe Tag. Mittags ein Schwein geschlachtet, sehr nebeliches Wetter und kalt.

17. Dez.

Von morgens 8 Uhr ab maschierte. Um 1015 Uhr Abmarsch 20 km, schönes Wetter nach Caldaresti [Căldărăști]. Dort in Quatier, hier kamen wie wieder von der 41. p. zur 11. bayr. I. Div. vor der Ortschaft war eine gute russische ausgebaute Stellung.

18. Dez.

Morgens um 8 Uhr Abmarsch nach einem Gutshof ins Quatier, schöner Hof. Hier lag kolosal viel Getreite, heute kam osteuropäische Zeit herraus eine Stunde später. Im Hof standen 300 Gefangne Russen, Gutshof Lubiul am Fluß Calmätnin.

19. Dez. Jamar 50 km

Morgens 430 Abmarsch über Bülteni [Bălteni]-Boseti [Rosetti], Sordila–Greci [Surdila-Greci] nach Bahnhof Faurei [Făurei]. 26 km Marsch, eine Stunde Verpflegungsrast, um 1 Uhr kamen wir an den Bahnhof. Gefechtsbereit, die 11. bayr. I.D. griff heute um 3 u. 13 Rgt. machten den Angriff. Um 3 Uhr kam Befehl daß II. Battl. 22 zurück maschieren nach Faurei [Făurei] ins Quatier, hier fanden wir Bratwürste und Schweinefleisch, auf dem Bahnhof Faurei [Făurei] standen 3 bis 4 Transport und Petroliumzüge. Bahnhof selbst war viel zerschossen.

20. Dez.

Morgens von 5 Uhr abmarschbereit blieben doch hier. Mittags 139 Gewehr und Löhnungsappel, heute machten die Russen bei der 11. I. Div. ein Gegenstoß, wurden aber abgewiesen über großen verluste. Abends machten wir uns Kartoffelsalat und Fleischkuchel.

21. Dez.

Wieder Ruhe Trag um 4 Uhr mittags musten wir ausziehen, musten den bayr. Kavallerie Platz machen (heute 3 mal Pfannenkuchen und Fleischkuchel gebackt).

22. Dez.

10 Uhr Appel mitt Patronen und Eiserm Bestand, 230 Uhr antreten um 3 Uhr Abmarsch in Stellung, lösten daß III. Battl. 22 ab. Wir lösten die 11. Komp. ab, schlechte Stellung. Nachts schanzen.

23. Dez.

Morgens 40 Uhr Kaffe kochen, um 700 Uhr schweres Artilleriefeuer links bei der 9. Armee. Wir waren am linken Flügel der Donau Armee (Makensen). Abends um 9 Uhr wurde unser Zug abgelöst und kam zurück in Reservestellung. Schützenlöcher, die Nacht sehr kalt.

24. Dez.

Heute sollte der Sturm auf daß Gut Filipesti [Filipești] sein, wurde verschoben auf 25. Dez. Nachts muste ich auf Patroulie gegen daß Gut, sonst den Tag hindurch Ruh. Abend um 10 Uhr gingen wir in Sturmstellung, um 2 Uhr war die Stellung ausgehoben. Die Russen waren ziemlich ruhig, um 3 Uhr herum kam eine Russisch Patroulie, die wir unter Feuer nahmen.

25. Dez.

Morgens um 8 Uhr setzte daß Vorbereitungsfeuer der Artllr. und Minenwerfer ein von 9 bis 10 Uhr. Trommelfeuer. Punkt 10 Uhr gingen wir zum Sturm vor ohne Verluste, erbeute 2 M.G.K., gingen zuerst vor bis übers Gut um 12 Uhr vor über daß Dorf Filipesti [Filipești]. Dort musten wir uns eingraben und lagen hier bis 9 Uhr. Dan wurden wir durch die 6. Komp. abgelöst. Der Sturm wurde gemacht von I/22 und der 5. Komp. 22. Wir kamen Abends zurück ins Gut in einen Stall, sehr schlecht und kalt.

Heute ist auch unser Zugführer gefallen Vz. Feldw. Remlinger, ein sehr guter Führer, er liegt an der Kirche auf Gut Filipesti [Filipești] begraben.

26. Dez.

Ruh. Heute bekommen wir den Ersatz 50 Mann in die Komp.

27. Dez.

Morgens 445 Antreten die Komp. antreten, um 5 Uhr. Abmarsch nach Filipesti [Filipești]. Dort die Komp. Rgt. Res. um 10 Uhr bekam daß Artllr.feuer um 220 Uhr ging die Inft. zum Sturm vor, nicht geglückt. Die 5. Komp. wurde Nachts eingesetzt und wurde morgens um 5 Uhr abgelöst und kam zurück nach dem Bahnhof Faurei [Făurei] auf den Speicher, hier bekam die Komp. nach langer Zeit Post. Ich bekam eine Karte.

28. Dez.

Den Tag auf dem Bahnhof in Ruh.

29. Dez.

Um 715 antreten der Komp. 730 Abmarsch nach Filipesti [Filipești]. Hier lagen wir von 930 bis 130 und wurden verpflegt um 130 Abmarsch nach Detulesti [Deduleşti], dort ins Quatier gut.

30. Dez.

Morgens 630 antreten der Komp. um 730 kam der Befehl daß der Gegner abgezogen ist, wir maschierten 15 km und kamen nach Racowita [Racovița] ins Quatier.

31. Dez.

Morgens 730 Abmarsch des Battl. über Grüdin nach Scortarul-Vou [Scorțaru Nou] 15 km. Dort ins Quatier dazwischen verpflegt. Den ganzen Tag Regen. Quatier gut. III. Zug kam auf FW. hinaus.

1. Januar [1917]

Über Tag im Quatier ein Schwein geschlachtet, mittags Löhnungsappel 630 Uhr II. Zug Abmarsch auf FW. Wir lösten den I. Zug hier ab, lagen in den Schützenlöchern 1000 Meter vor den Russen.

2. Januar

Morgens um 630 durch den III. Zug auf FW abgelöst, zurück in die Ortschaft. Quatier war abgebrant, mittags Alarm, musten den Ortsrand besetzen. Abends hatten wir in Sturmstellung, wurde aber verschoben.

3. Januar

Über Tag Alarm. Quatier, ein Huhn gemacht und Kartoffel gebraten. Mittags um 2 Uhr wurde die Ortschaft von den Russen ohne Erfolg beschossen.

Abends 420 gingen wir vor in Stellung.

4. Januar

Nachts 130 Uhr hingen wir in Sturmstellung wärend wir in Stellung gingen, wurden wir von R.M.G.K. beschossen, von meiner Gruppe wurde ein Mann verwundet. Morgens 8 Uhr fing unsere Artll. an zu schießen, von 10 bis 11 Uhr Wirkungsschießen. Um 1130 gingen wir zum Sturm vor, wurde etwas aufgehalten am Drahtverhau. Die Russen wurden unter großen Verlusten zurück geworfen, machten viele Gefangen und 2 M.G.K. gingen vor bis vor Tetulesti, schanzten uns dort ein. Nachts blieb der II. Zug auf FW. Draußen sehr kalt, 12 Nachts verpflegt.

5. Januar

Morgens samelte daß Rgt. und ging mitt Schützenschleier gegen den Fluß Sereht [Sereth] vor gegen 11 Uhr wurden wir von den Russen beim vorgehen stark mitt Schrappnel beschossen. Um 12 Uhr kam Befehl daß Rgt. halten, um 2 Uhr gingen die 3 Battl. zurück ins Quatier, vor uns fuhr noch die Rumänische Eisenbahn.

6. Januar

Morgens 700 Uhr Abmarsch zurück über Scardanul [Scorțaru]. Dort begegneten wir der Bulgarischen Div., die uns ablöste, nach Konstantinesti [Constantinești]. Dort in die alte Quatiere (20 km) Marsch. Um 300 kamen wir hieran, schon 2 Tage schlechtes Wetter Schnee und Regen.

7. Januar

Morgens 645 Uhr Abmarsch über Janka [Ianca]. Dort eine Stunde Rast, hier bekamen wir Post, ich eine Paket, eine Karte. 11 Uhr weitermarsch nach Detulesti [Dedulești]. Dort ins Quatier, schlecht. 19 km Marsch, um 130 kamen wir hier an.

8. Januar

Morgens 700 Uhr Abmarsch über Filipesti [Filipești]-Faurei [Făurei] ohne Rast 25 km nach ____________. Hier ins Quatier, sehr müde. Quatier aber gut.

9. Januar

Rasttag, mittags Gewehrappel und appel mitt Bekleidungsstücke, um 4 Uhr Löhnungsappel.

10. Januar

Rast[t]ag. Ein Rind geschlachtet, gehaktes gemacht, mittags um 2 Uhr Appel mit dem Eisernen Bestand. Kaltes naßes Wetter.

11. Januar (8. u. 7. Komp. verladen)

Morgens 840 Uhr antreten der Komp. 900 Uhr abmarsch des Battls zur verlade Stelle nach Ruseti [Rosetti] nach Cilibia [Cilibia] ins Quatier, im Quatier zimlich Fette und Butter gefunden, auch haben wir uns Brot gebackt. Auf dem Marsch dursch ein Sumpf, wir waren sehr naß und voll Dreck. 12 km Marsch 6 Stunden maschiert.

12. Januar

Morgens in Cilibia im Quatier gebraten und Pfannenkuche gebackt, mittags um 300 Uhr Abmarsch zum Bahnhof Cilibia. Dort um Feuer gelegen bis 900 Uhr, um 1000 Uhr verladen, schlechter Wagon. Abfahrt 1200 Uhr über Ploiesti [Ploiești]. Dort angekommen um 800 Uhr früh.

12. Januar

Morgens angunft in Ploesti [Ploiești] um 800 Uhr, verpflegt. Dann zur Entlausungs-Anstalt, erste echte Entlausung, um 12 Uhr zurück in die Bahn, um 100 Abfahrt, in Ploesti [Ploiești] waren sehr große Voräte an Petroleum, sehr große Tanks waren zerstört und abgebrant. Um 100 Uhr Abfahrt des Zuges über Brags nach Civinia, angunft 400 Uhr. 1 Stunde Halt, verpflegt Brot Wurst und Suppe gefast.

13. Januar

Fahrt über Titu Pitesti [Piteşti]. Dort verpflegt, um 745 Uhr früh auch Wurst gefast, weiter Fahrt über Slatina.

14. Januar

800 Uhr früh Angunft in Herrmannstadt [Hermannstadt; heute: Sibiu), verpflegt Kaffe und Brot. 900 Uhr weiterfahrt über Piski [heute: Simeria] und Liga.

15. Januar

Über Dewa [Deva] nach Arad. Dort Abends 500 Uhr verpflegt Bohnensuppe und Brot.

16. Januar

Fahrt über Szolnock [Szolnok] verpflegt.

17. Januar

Rakus verpflegt morgens 745 Uhr Kaffe und Wurst, weiterfahrt über Budapest. Dort 1 Stunde Halt um 10 Uhr weiterfahrt über Helemba [Chľaba] der Donau endlang bis nach Rarkani. Dann nach Nana. Dort verpflegt.

18. Januar

Fahrt über Ersukujivar [Nové Zámky] morgens Wien Böheimkirchen St. Pölten. Dort verpflegt Kaffe und Brot. Fahrt über Melk sehr schöne Gegend. Amstädten verpflegt.

19. Januar

Morgens 230 Salzburg, eine schöne Stadt.

20. Januar

Morgens 700 Uhr Ankunft in Rosenheim. Dann zur Entlausungsanstalt gebaden und saubere Wäsche bekommen, nach dem Baden um 11 Uhr bekammen wir daß Essen, eine sehr gute Suppe Kartoffel Brot, nach dem Essen gabs noch eine guten Tee, nach den Endlausung wurden wir ganz neu Eingekleidet. Um 7 Uhr Abmarsch nach Kolbermohr [Kolbermoor] ins Quatier, ein Saal sehr gut.

20. Januar

Den ganzen Tag in Kolbermohr [Kolbermoor] auch eine schöne Ortschaft hier gabs viel und billig zu Essen. Abends 810 Uhr Abmarsch nach Bahnhof Rosenheim. 10 Uhr verpflegt.

12 Uhr Abfahrt des Zuges über München Augsburg Ulm.

21. Januar in Ulm verpflegt Suppe Brot und Kaffe (um 800 Uhr Sontag)

Fahrt über Kebbingen württembergische Zell-Ober-Edlingen – Ludwigsburg 400 Uhr Pforzheim – Durlach – Karlsruhe – hier um 600 Uhr verpflegt, eine gute Suppe, weiterfahrt um 700 Uhr über Rasstadt nach Schlettstadt [Sélestat]. Dort Ankunft 12 Uhr. Ausgeladen, dann ein Marsch von 12 km nach Ebfieg [Epfig] hier ins Quatier gekommen morgens zu einen guten Bauer Quatier sehr gut.

22. Januar

Den ganzen Tag Ruh gehabt.

23. Januar

Mittags 300 Uhr Abbel mitt Anzug Feldmütze.

24. Januar

Morgens 1000 Uhr Appel mitt Gewehr, mittags Appel um 300 Uhr mit Patronen und abliefern der scharfen Patronen 120 Stück jeder Mann.

25. Januar

Morgens Appel mitt Helm und Mantel, mittags um 200 bis 400 Uhr Dienst. Ich hatte die Schuhe übernommen um 10 Uhr morgens viele Post empfangen, 10 Brief und 4 Karte.

26.1.17

Morgens 1000 Uhr Appel mitt Schanzzeug und Patronentasche, um 8 Uhr kams Battl. und die 7. Komp. von Transport, mittags von 2 bis 400 Uhr Exerzieren. Abends um 1000 Uhr Wirtschaftspatrolie mitt 2 Mann.

27.1.17

Heute Kaisergeburtstag, morgens um 9 Uhr Kuchenparade, 11 Uhr Post fassen, um 2 Uhr Löhnungsappell, 4 Uhr Gesundheitsbesichtigung. Heute gabs 4 M. Erfrischungszuschuß 1 M. Kaisergeld.

28.1.17

Sontag. Eine Fahrt nach Schlettstadt. Die Stadt nicht besonders schön.

29.1.17

Morgens 10 Uhr Appel mitt Lederzeug und Tornister, mittags von 2 bis 4 Uhr Einzelexerzieren.

30.1.17

Morgens von 10 bis 11 Uhr Unterricht, von 2 bis 4 Uhr Einzelexerzieren. Abends um 6 Uhr nochmals antreten, wurden Untffz. und Mannschaften ausgesucht zu M.G.K.

31.1.17

Morgens Exerzieren.

Morgens 1015 antreten um 1045 Abmarsch zum Rgt. daß Regt. wurde heute besichtigt durch seine Exzellenz von Kindel Oberbefehlshaber der Armeegruppe 3, mittags um 3 Uhr wurde die ganze Komp. geimpft gegen Tiphus, auch wurden heute Liebesgaben gefasst, Cigarren und Cigaretten.

1.2.17

Morgens von 9 bis 10 Exerzieren, mittags von 2 bis 330 einzelexerzieren, von 4 bis 5 Uhr Löhnungsappel Zucker Honig und Wein gefasst.

2.2.17

Morgens von 930 bis 11 Uhr Exerzieren, mittags um ein Uhr bin ich auf Wache gezogen, Rathaus Epfig mitt 6 Mann. Abends um 7 Uhr wurde ich abgelöst.

3.2.17

Morgens um 8 Uhr musten wir uns bei der 2. M.G.K. melden zum ausbilden 8 bis 9 Unterricht, dan ins Gelände Exerzieren, mittags von 2 bis 445 Unterricht und M.G. reinigen.

4.2.17

Sontag morgens um 1030 Appel und austeilen der Weinachtsliebesgaben, ich bekamm eine Flasche Wein ein Taschentuch eine schöne Holzfeife Taback eine Dose Ölsardinen und Zuckergebäck, mittags um 3 Uhr Durstappel.

5.2.17

Morgens von 8 bis 11 Uhr Unterricht und Exerzieren, mitt M.G.K. mittags von 2 bis 4 Uhr Unterricht und Reinigen der M.G.K.

6.2.17

Morgens 10 Uhr Kirchgang der Katholiken, mittags von 2 Uhr ab Unterricht und Exerzieren mit M.G.K. Abends hatte die Komp. Weinachtsfeier im Rathaus Epfig gabs Bier und Cigarren, war sehr schöne Unterhaltung.

7.2.17

Morgens kein Dienst, mittags Exerzieren bei M.G.K.

8.2.17

Morgens von 830 bis 11 Uhr Exerzieren M.G.K. Ex.-Platz, mittags Unterricht und Exerzieren.

9.2.17

Morgens von 830 bis 11 Uhr Exerzieren M.G.K., mittags von 230 bis 4 Uhr Unterricht und Exerzieren mitt Gewehrreinigen. Heute gefiel dem Zornig Hilfendegen der Reisemarsch ausnahmsweise sehr gut, was selden der Fall ist.

10.2.17

Morgens von 830 bis 11 Uhr Exerzieren M.G.K., mittags von 2 bis 3 Uhr Unterricht über Schißverfahren am M.G. 330 Gesundheitsbesichtigung, um 5 Uhr Löhnungsappel mit Dienstappel, gab auch Post, ein Brief, eine Karte.

11.2.17 (Sontag)

Morgens 10 bis 11 Uhr Unterricht mittags ging ich nach Schlettstadt.

12.2.17

Morgens um 830 bis 11 Uhr Exerzieren M.G.K. Mittags ging die ganze 5. Komp. nach Schlettstadt zum Baden. 230 Abfahrt des Zuges. Die Komp. badet in der Badeanstalt vom Jäger Battl. No. 18, ein gutes Bad. Dann zurück an der Bahn um 545 Abgefahren, um 615 zurück nach Epfig.

13.2.17

Von Morgens 830 Exerzieren mitt M.G.K. Mittags von 230 bis 440 Richt- und Zielübungen mitt M.G. Abend um 600 ging ich nach Gagenheim [Kogenheim] (Bahnstation) (von Epfig bis Gogenheim [Kogenheim] 8 km) um 11 Uhr kam ich zurück. Heute landete ein Flieger aus Freiburg, hier beim Landen ist der Apprat umgestürzt und war defegt geworden. Den Flieger machte es nichts. Meine Gruppe stelte die Fliegerwache bis Abends.

14.2.17

Morgens 830 Abmarsch zum Schießplatz Schulschießen (Einzelfeuer), gut geschossen. Die Komp. hatte um 10 Uhr Kirschgang. Mittags um 3 Uhr ab hatten wir daß Reinigen der Maschinengewehre.

15.2.17

Morgens 830 bis 11 Uhr M.G. Exerzieren. Mittags Unterricht Schießvorschübe und Gewehrreinigen.

16.2.17

Den ganzen Tag Exerzieren mit M.G.

17.2.17

Die M.G. Komp. ging heute nach Schlettstadt zum Baden, wir hatten keinen Dienst. Mittags ging ich um 3 Uhr nach Eichhofen [Eichhoffen] und um 6 Uhr nach Sturtzheim [Stotzheim]. Kam Abends um 900 Uhr zurück.

18.2.17 (Sontag)

Ging herüber nach Eichhoffen. Spazieren mitt e. Frau.

19.2.17

Morgens Exerzieren M.G. Mittags hatte ich dienstfrei und ging nach Eichhofen [Eichhoffen] spazieren und kam Abends um 800 Uhr zurück.

20.2.17

Morgens 615 Antreten der M.G. Komp., gingen zur Bahn um 720 Abfahrt des Zuges nach Schlettstadt, maschierten auf den Flugplatz, besichtigten die Kampflugzeuge und die M.G. der Flieger, auch wurden Flüge gemacht, sehr schön, gingen um 1230 zur Bahn Rückfahrt nach Epfig um 110 mittags, hatten wir eine Stunde Gewehrreinigen.

21.2.17

Den ganzen Tag dienstfrei. Mittags Löhnungsappel.

22.1.17

[Der Rest der Seite ist herausgerissen.]

 

 

Rumänien

In Rumänien waren wir vom 11. Nov. bis zum 5. Januar, wurden dursch die 41. bulgarische Division abgelöst am Gefecht, kammen zurück und wurden noch 3mal einquatiert bis wir am 12.1.17 verladen wurden auf dem Bahnhof Cilibia.

Rumänien den 12.1.17.

Untffz. Noll

5. Komp. 22. I.Rgt.

 

In gröseren Städte waren wir wärend des Vormarschs in Rumänien

In der Walachei

Balsu

Slatina

Kitesti

Titu

Urzizeni

Faurei

Sancka

Vom 10. Nov. bis 4. Januar.

 

Wir waren in Russland am Stochod in St. Unury rechts der Bahnlinie Kowel-Luk [Luzk], eine schlechte Gegend, sehr sumpfich, wir hatten hier eine schöne Stellung, aber ein sehr schlechtes Wetter ga[b]s hier. Wir waren hier von Juli bis zum 9. Oktober 1916. Dan kamen wir vort nach Rumänien.

Geschrieben in Russland am Stachod den 9.10.16 Untffz. Noll 5/22

 

Ober Elßaß

Wir kammen am 22ten 1.17 morgens nach Epfig im O. Elßaß in Ruh, es ist eine ganz schöne gegend, auch wird zimlich Wein hier gebaut. Epfig hatt zirka 2500 Einwohner und sind fast hundert Bauern hier, es ist eine ältere Ortschaft, von hier hatt man eine schöne Aussicht gegen die Vogesen, wir lagen hier in Ruhe bis zum

Epfig den 31.1.17 Noll Untffz. 5/22

 

 

4. Gruppen II. Zug 5. Komp. 22. I.R.

Untffz. Noll

Gefr. Appel Oggersheim

Inft. John Sand

Inft. Geiger Obernusstadt

Inft. Herger Bocksbrunn

Inft. Krauss Laz.

Inft. Klag Mannheim

Inft. Lagenmanier Werrishofen

Inft. Rupprecht Karlsstadt

Inft. Fertig Amorbach

Inft. Ziegler Donauwörht

 

 

2. Gruppe II. Zug 5. Komp. 22. I.R.

Untffz. Noll

Geft. Assel von Lautern

Geft. Hütter von Bottenbach

Geft. Steingas von Mannheim

Geft. Rückt von Otterbach

Geft. Jonson von Aschaffenburg

Geft. Müller von Bösostheim

Geft. Mayer von Erbach

Vz. Feldw. Remlinger

Gefallen am 25. Dez. 16 bei Filipesti [Filipești] in Rumänien

 

 

Am Stochod

Wer kent diesen Namen nicht

Wo jeden Russenwelle bricht

Ein kleiner Fluss der Stochod

Mancher Russ holt sich den Tod

Der anrant voll Illission

An die 11 Bayr. Division.

 

Dort war einst schönes Guth

Jetzt ist es gedrängt von Russenblut

Lauter kurz geschossne Bäume

Steht in Trümer auch ein Häuschen

Und eine Grabesstädte ist es schon

Weises Haus nant es die 11. Div.

 

Bei Julewitche stand ein Kirchlein

Ist auch so schon u. fein

Als die Russen kamen

Ging es in Flammen

Dort viel auch mancher Sohn

Von der 11. bayr. Division.

 

Russland den 9.10.1916

Januar 23, 2021
von Jens Winter
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Kriegserinnerungen von Ewald Lochte (Oktober 1914 bis Juli 1916)

Ewald Lochte stammt aus Wolfenbüttel. Er verstarb im Juni 1965 im Alter von 79 Jahren. Er war mit Mally Lochte, geb. Römer verheiratet.

In dem kleinen Büchlein hat Lochte seine Erinnerungen an den 1. Weltkrieg eingetragen, jedoch hat er diese nie fertiggestellt. So gibt es zwar eine Seite betitelt „Meine Erinnerungen aus der Mobimachungszeit 1914. August – September in Wolfenbüttel“, aber die folgenden Seiten sind leer.

Seine Aufzeichnungen beginnen im Oktober 1914 mit seiner Zeit als freiwilliger Militärkrankenwärter in den Reserve-Lazaretten Wolfenbüttel und Helmstedt. In diesem Abschnitt sind lokalhistorische interessante Informationen zu diesen Reservelazaretten zu finden.

Von Januar bis April 1916 wurde Lochte beim Ersatzbataillon Reserve-Infanterie-Regiment 73 in Hannover zum Soldaten ausgebildet. Im Februar 1916 bat Lochte seinen Freund, den Kompagnieführer Leutnant Oppermann um Versetzung zur 19. Reserve-Division an die Front bei Verdun, was auch tatsächlich gestattet wurde. Am 2. Mai 1916 wurde er auf dem Bahnhof Hannover verladen und kam nach Frankreich in den Raum Verdun.

Lochte berichtet ausführlich über seine Einsatz und die von ihm erlebten Abenteuer während der Kämpfe bei Verdun.

Ende Juni wurde Lochte dann in die Argonnen verlegt. Am 30. Juni 1916 endet das Kriegstagebuch. Die restlichen Seiten sind leer.

Die leeren Stellen im Originaltagebuch werden unterstrichen wiedergegeben. Ergänzungen von mir werden mit eckigen Klammern kenntlich gemacht.

Einband des Kriegstagebuches von Ewald Lochte aus Wolfenbüttel

Kriegserinnerungen von Ewald Lochte aus Wolfenbüttel (Oktober 1914 bis Juni 1916)

Meine Erinnerungen aus der Zeit als freiwilliger Militair-Kranken-Wärter in den Reserve-Lazaretten Wolfenbüttel und Helmstedt

1. Oktober.

Morgens 7 Uhr Abfahrt zum Bezirks-Kommando II. Braunschweig. Mittags Abfahrt nach Helmstedt mit noch ca. 12 Mann, größtenteils Lehrer und Pastöre, die sich auch zum Sanitätsdienst freiwillig gemeldet hatten, nach dem Res. Lazarett in Helmstedt.

Dort gegen 4 Uhr nachmittags angekommen. Löhnungsempfang, Essen (Gänsebraten.)

2. Oktbr.

Morgens 7 Uhr zum Einkleiden nach Braunschweig, erhalten blaue Uniformen. 92er Nachm. Abfahrt nach Helmstedt ins Res-Laz. „Petzolds-Hotel“ als Mil. Krankenwärter.

3. Oktbr.

Als Krankenwärter. Arbeitsdienst: Reinigen der Zimmer, Aufwaschen der Fußböden usw. Verwundete sind zur Zeit nicht im Lazarett,

4.-30. Oktbr.

Dienst der übliche. Nachm. Üben im Krankendienst u. Ausbildung im militärischen Benehmen, Grüßen lernen u.s.w.

1.-15. Novbr.

Morgens Beschäftigung auf der Schreibstube des Lazaretts. Am 4. d. Mts. erhalten wir im Laz. Verwundete aus d. Kämpfen um Dixmuiden, Ypern.

11.-21. Novbr.

Beschäftigung wie sonst.

22.-3. Dezbr.

Wegen Erkrankung meines Schwagers nach Wolfenbüttel, welcher am 30. Novbr. morgens verstarb.

Am 3. Dezbr. Beerdigung dortselbst.

4.-20. Dezbr.

Beschäftigung wie sonst. Meine Schwester schreibt ein Gesuch um Versetzung in der Res. Laz. Wolfenbüttel.

21. Dezbr.

Abfahrt zum Res.-Laz. Wolfenbüttel morgen 8 Uhr Ankunft dortselbst gegen ½ 1 Uhr mittags. Gemeldet b. Ober-Inspektor Stellv. Wendroth. Einstellung ins Laz. Antoinettenruh (Laz. Insp. Wallbaum).

23. Dezbr.

Beschäftigung: Morgens 7 Uhr aufstehen, bis 9 Uhr reinige d. gr. Saales, in denen ca. 120 Verwundete untergebracht sind. Ich werde zum Geschäftszimmer d. Lazarettes gerufen und erhalte die Verwaltung der Wäschekammer sämtl. Lazarette (Sternhaus, Antoinettenruh, Genesungsheim) durch Laz.-Inspektor Bock. Übernahme d. Wäschekammer. (Untffz. Habekost).

24. Dezbr.

Heiligabend. Gegen 7 Uhr abds. Feier der Verwundeten im gr. Saale durch den Lazarettgeistlichen. Die Verwundeten sowie wir Kranken-Wärter erhalten Geschenke vom Frauen-Verein Wolfenbüttel in Gestalt von Nähzeug[,] Tabak, Cigarren, Cigarette, kurze Pfeife, Lesebücher[,] Bleisift, Wall-+Haselnüsse, Honig-Kuchen.

25. Dezbr.

Morgens 9 Uhr: Andacht durch den Lazarett-Geistlichen. Mittags Fest-Essen (Kranken-Wärter d. Lazaretts: Antoinettenruh

Bockelmann

Lönneckre

Bank

Greinert

Rollwage

Bätge

Bothe

Dietrichs

Lochte.

Sanitäts-Untffz.+Mannschaften

Utffz Rost.

25.-31. Dezbr.

Die übliche Beschäftigung

Am 31. abends 8 Uhr Beginn der Sylvesterfeier mit Punsch + Glühwein bis ½ 1 Uhr nachts.

Neujahrsfeier durch den Lazar.-Geistlichen.

2.-6. Januar.

Urlaub.

7.-31. Januar.

Beschäftigung: Reinigen des gr. Sales morgens, um 10 Uhr Visite des Sanitätsrates Dr. Kirchberg. 12 Uhr: Essen tragen. Krankenwärter essen in der Küche der Frau Beilicke. Darnach bis gegen 3 Uhr Mittagspause. Dann Kaffeetrincken um 3 Uhr, um 6 Uhr abends: Essen, um 9 Uhr Zapfenstreich. Ich schlafe rechts der Bühne über der Herrentoilette mit noch 4 Kameraden näml. Bockelmann, Greinert, Bäthge, Rollwage.

Februar:

Am 8. Februar werde ich auf Wunsch d. Insp. Bock zum Lazarett Genesungsheim versetzt. Meine Beschäftigung ist dort Morgens: Reinigen der mittleren Station, darnach Dienst auf der Wäschekammer, Mittags Essentragen + Essen, darnach Mittagspause, um 3 Uhr nachmittags Kaffeetrinken, um 6 Uhr abds. Abendessen, 9 Uhr Zapfenstreich.

Mil. Kr. Wärter d. Genesungsheims

Jürgensmeier (Bega/Lippe)

Illemann (Braunschweig)

Kassebaum (Langelsheim)

Bock (Hannover)

Schöneborn (Hannover)

Diestel (Osterlinde)

Geifrig (Holzminden)

Lambrecht (Lutter a/Bbge)

Alle Woche für Reinigen bezw. Wachen der Wäsche sorgen. Das Wachen + Desinfizieren wird im Städt. Krankenhause besorgt. Gespanne zum Fortschaffen stellen uns die Wolfenbüttler Gärtner freiwillig (Asmuss, Beddig, Oppermann)

März – Mai 1915

Die übl. Beschäftigung. Einige Verwundeten-Transporte kommen an.

Juli – September 1915

Die übl. Beschäftigung. Im August (8.) Überführung eines Schwerkranken nach dem Krankenhause Britz b/Berlin.

Oktober – Dezbr. 1915

Die übl. Beschäftigung. Bei Löhnungsappells helfe ich dem Insp. Bock beim Auszahlen des Geldes. Die Station Genesungsheim wird seit August Station für Lungenkranke. Nacht- und Tagwacht müssen gestellt werden. Ich bekomme die mittl. Station, in der Schwerkranke untergebracht sind. Zimmer 5 sogen. Sterbezimmer. Unter andern (3 Schwerkranke: Lungentuberkulose) auch einen Kanonier Schumacher. Vom Beruf Schmied, zuletzt Portier in Berlin, der im Felde an Lungenentzündung schwer erkrankte. Sch. War einer meiner besten + zufriedensten Kranken, ein Mann[,] der sein Loos mit Geduld ertrug. Obwohl er genau wußte, dass sein Leiden unheilbar war, war er bis zum letzten Augenblick heiterer Laune. Er bekam fast tägl. Mehrere Blutstürtze, die ihn sehr schwächten. Seines ausgezeichneten Körperbaues wegen, (seiner Kräfte) ist es auch zuzuschreiben, das er noch längere Zeit leben durfte wie andere Kameraden gleicher Krankheit. Er starb am ___. Novbr. Morgens 8 Uhr. Die letzten Nächte durfte ich auf Befehl des ordin. Arztes Sanitätsrats Dr. Engelbrecht nicht mehr bei ihm verbringen, da ich zu abgespannt durch die Pflege geworden war. Noch gegen Mittag verlangte er, mich zu sprechen, war aber leider nicht im Lazarett. Ich kam gerade, als er seinen letzten Atemzug tat. Einige Tage später wurde er auf dem Friedhof Wolfenbüttel mit milit. Ehren beigesetzt. Als letztes Liebeszeichen bette ich seinen Leichnam in Blumen ein. So starb in aller Ruhe ein Held, dessen guten Karakter ich stet im Gedächtnis behalten werde. Er stand im Alter von 28 Jahren kurtz ca. 14 Tage vorher besuchte ihn noch aus Rostock sein alter 83jähriger Vater, der ihn thränenden Auges wieder verliess.

Während meines Aufenthalts starben noch 4 Kameraden dort an Lungen- + Darmtuberkulose. Etwas Schlimmeres giebt es wohl kaum, als Schwindsüchtige sterben zu sehen.

Unter den Lungenkranken (Trempler m/Namen) befand sich auch ein Nervenkranker (Simulant), der es ausgezeichnet verstand, die Gebährden eines Kranken nachzuahmen. Trotz des Verstellens wurde er durch sorgfältige Beobachtung überführt und zur Bestrafung seinem Truppenteil überwiesen. Er ahmte Nervenzucken nach. Durch abwechselnde warme + kalte Wasserüberschüttungen wurde er nach einigen Tagen zusehends besser, konnte ohne fremde Hilfe gehen[,] essen u.s.w. Aufmerksam sind wir auf diesen erst durch Schuhmacher gemacht, der einige Zeit mit ihm zusammen auf einem Zimmer lag.

Am 24. + 25. Dezbr. Weihnachtsfeier.

Am 31. Dezbr. Silvesterfeier im Genesungsheim.

Am 17. Novbr. Wurde ich z. Gefreiten ernannt.

1.-9. Januar 1916

Dienst wie sonst.

Auf mein Gesuch an das stellv. Sanitsamt in Hannover erde ich zwecks Ausbildung im Dienst m. d. Waffe dem Ers. Batl. Res. Inf. Regt. 73, Hannover überwiesen.

 

Meine Ausbildungs-Zeit in Hannover beim Ers.-Batl. Res. Inft. Rgt. 73

Januar 1916 – April 1916

Am 10. Januar 1916 wurde ich zwecks Ausbildung im Dienst mit der Waffe auf mein Gesuch hin dem Ers.-Batl. Res.-Inft.-Regt. 73, Hannover, Kestnerschule, überwiesen.

Ich wurde zunächst dem Rekruten-Depot zugeteilt.

Fhrer: Oberltnt. Wolter

Kmpg. Feldwb. Haller.

Wohnung hatte ich in der Stadtstrasse ___, blieb jedoch nur 8 Tage dort, um nach Annenstr. 9I b. Frau Voges zu ziehen.

Grund des Fortzuges: Bei mir wohnte ein Ldstm. Tangermann, durch dessen unaufhörliches Schnarchen ich ständig in meiner Nachtruhe gestört wurde.

Während meiner 4 wöchentl. Ausbildungszeit im Rekr.-Depot lernte ich all den nötigen Schliff unter meinem Korporalschaftsführer Utffz. Schwabe Hannover.

Mitte Februar wurde ich zur 4. Kompagnie versetzt.

Komp.-Führer : Hptm. Geitmann.

Komp.-Feldw: Frie

Zugführer: Fldwb.-Ltnt: Schleusener und Ltnt Döscher.

Unsere Übungen, größtenteils auf der Gr. Bult abgehalten, bestand in Schwärmbewegungen, Schützen-Ausbildung, Vorpostenaufstellung, Exerzieren, Zielen, Fechten, Handgranatenwerfen, Schützengrabenbau, Schießen u.s.w.

Der Schießstand befand sich auf der Kl. Bult, hinter der Stadthalle und neben d. Zooligischen Garten.

Gruppen- + Zugschießen wurden in Kaltenweide abgehalten.

Im Februar schrieb ich an meinen Freund Kompagnieführer Ltnt. Oppermann aus Wolfenbüttel, der seit Beginn des Krieges im Felde seht und die 4. Komp. Res. Inft. Regt. 73 führte um Versetzung zur 10. Res.-Division.

Durch seine Vermittlung werde ich zum Battl.-Adjutanten unseres Ers.-Battl. Gerufen, wo mir mitgeteilt wurde, dass ich beim nächsten Transport zur 4. Komp. Ins Feld versetzt würde. Am 1. Ostertage 1916, als ich von Wache am Döhrener Munitionslager kam, erhielt ich 4 Tage Heimaturlaub. Nach Ablauf des Urlaubs meldete ich mich zurück. An diesem Morgen (27. April) haten wir Schießen mit russischen Gewehren auf der Kl. Bult. Hier wurde mir vom Htpm. Geitmann mitgeteilt, dass ich voraussichtl. am 2. Mai ins Feld käme. Auf dem Wege zur Kestnerschule erhielt ich von einer Ordonanz d. Btls.-Geschäftszimmers den Befehl, mich sofort beim Btls.-Adjutanten zu melden, woselbst mir gesagt wurde, dass ein Transport Spielleute am 2. Mail z. Regiment abtransportiert würde. Ich fuhr dann sofort mittags wieder auf Urlaub in die Heimat bis Sonntag, den 30. April.

Am Montag den 1. Mai wurde ich eingekleidet u. am 2. Mai morgens 8.55 Uhr wurden wir auf dem Haupt-Bahnhof Hannover verladen.

Während meiner Ausbildungszeit wohnte mit mir zusammen ein Kamerad[,] welcher ca. 8 Tage vor Ostern zum Rekr.-Depot der 19. Res.-Division in Marville versetzt wurde. H. war ein netter Kamerad, mit dem ich manche fidele Stunden verlebte u. häufig draußen im Felde getroffen habe. Er fiel in den Kämpfen an der Somme durch Granatvolltreffer am ____. Oktober 1916. H. war in der 5ten Kompagnie.

Meine Erlebnisse im Felde Mai – Juli 1916

I. Verdun

II. Argonnen

2. Mai 1916.

Morgens 7.30 Uhr Antreten in der Kestnerschule z. Abtransport ins Feld 13 Tamboure, 2 Hornisten, 2 Vizefeldwebel (Gronau + Wilhelmi) und ich, als einziger mit Gewehr. Um 8 Uhr Abmarsch vom Schulhof durch die Lavesstraße zum Bahnhof. Tamboure spielen fröhliche Weisen, alle mit Blumen beschmückt.

Um 8.55 Uhr Abfahrt über Wunstorf Cöln nach Trier. Beim Passieren der Rheinbrücke b. Cöln bläst der Hornist Opel das Lied des Trompeters von Säckingen: „Behüt Dich Gott, es wär so schon gewesen“.

Ankunft in Cöln gegen 3 Uhr nachm. Dort einige Stunden Aufenthalt, dann weiter nach Trier. Ankunft dort gegen 12 Uhr nachts. In Artilleriekaserne dicht am Bahnhof übernachtet.

3. Mai

Abfahrt von Trier morgens 5 Uhr über Wasserbillig, Grevenmacher nach Luxemburg, dann weiter über Autel (Belgien) nach Arlon. Vo[n] dort, wo man schon Kanonendonner hört, mittags 1 Uhr wieder über Autel nach Longwy Ankunft gegen 4 Uhr nachm. Nach einigen Stunden Besichtigung der Stadt Longwy-Bas u. Longwy-Haut (Festungswerke durch den Kronprinzen eingenommen, Bahnhofsgebäude zerstört, Eisenwerk) weiterfahrt nach Longuyon. Stadt vollständig zu Anfang des Krieges zerstört, Häuser vernichtet. Wir haben hier wieder Aufenthalt u. besichtigen die Stadt. Gegen 8 Uhr abds. weiter nach Montmedy. Hier angekommen marschieren wir unter dem Klang der Trommeln u. Pfeifen in Montmedy ein. Wie werden hier durch die Ortskommandantur verpflegt. Inzwischen ist es dunkel geworden u. beziehen Unterkunft in einem ehemaligen Kuhstall unterhalb der Festungswerke, die oben auf einem Berge liegen, durch unsere 42er zerstört. Der Kommandant der Festungswerke erschoss sich bei Übergabe der Festung. Nach ziemlich schlafloser Nacht (unaufhörlicher Geschützdonner von Verdun her) brechen wir von hier auf u. gehen in die Stadt. Auf dem Marktplatz Autos u. starker Verkehr.

4. Mai

Vom Marktplatz aus zum Bahnhof. Hier wird bis zur Abfahrt des Zuges mittags 12 Uhr gelagert. Man hört das Brüllen der Geschütze schon deutlicher. Es ist ziemlich heiß. Um 12 Uhr Abfahrt mit einer Kleinbahn weiter im Tal Richtung Verdun. Unterhalb der Stadt Montmedy ein Flugzeugpark.

Stationen der Kleinbahn: Montmedy [Montmédy], Juvigny, Remoiville, Jametz, Peuvillers, Damvillers, Wavrille, Gibercy, Ville devant Chaumont, Romagne s. l. Côtes.

Um 3 Uhr nachm. Ankunft im Viller Wald. Dort wird abgestiegen. Der Wald durch schwere feindl. Artillerie stark beschossen. In der Luft Fliegerkämpfe. Wir fahren mit einer Benzolbahn weiter nach Romagne sur les Côtes (Im Viller-Wald sehe ich den ersten 42er). Um 4 Uhr kommen wir dort an. Als ersten Bekannten treffe ich einen Trainsoldaten, Thoreu aus Wolfenbüttel. Nach einer Stunde Ruhe brechen wir wieder auf u. marschieren über einigen Berge nach Chaumont z. Standort uns. Batl. Ich melde mich in der Schreibstube des Bataillons. Anfangs sollte ich einer anderen Kompagnie zugeteilt werden, auf meinen Protest hin, ich sei für die 4. Komp. bestimmt, antwortete mir, bezw. Fragt mich der Offizier, aus welchem Grunde ich gerade zur 4. wolle, worauf ich erwiderte, ich wäre ein Freund von Ltnt. Oppermann, und auch aus Wolfenbüttel, Herr Ltnt. O. hätte auch deswegen an der Ers.-Batl. Geschrieben. „Der Offizier antwortete mir: Komisch, alle Wolfenbüttler wollen in die 4. Komp. Machen Sie, das Sie dorthin kommen. Kehrtwendung und schon war ich fort. Ich meldete mich darauf in der Schreibstube der 4. Komp., welche im ersten Hause rechts an der Straße Ville-Chaumont ihr Quartier aufgeschlagen hatte. Feldwebel Gohl nahm mir meine Papiere (Soldbuch u. Pass) + die Erkennungsmarke an. Ich bezog Quartier in demselben Hause, über der Schreibstube, fand dort mehrere Kameraden vor u. richtete mich häuslich ein. Hier erfuhr ich auch, dass die 4. Komp. Heute Nacht aus Stellung käme. Von der Reise müde u. abgespannt, begab ich mich etwa gegen 10 Uhr, nach noch einem kleinen Spaziergang durch das kl. U. zerschossene Dorf. (In der Schreibstube war auch der Untffz. Tarvernier anwesend, nichts ahnend, dass ich später in seine Korporalschaft kommen sollte.) Mein Bett bestand aus einem Holzwollsack, der auf dem dünnen Fußboden ausgebreitet war, als Kopfkissen mein Tornister.

Vergeblich suchte ich einzuschlafen, das unaufhörliche Schießen, vielmehr das Platzen der schweren Geschosse vor dem Dorfe liess mir nicht Ruhe; die noch wenigen vorhandenen Fensterscheiben klirrten fortwährend. Anfangs hatte ich angenommen, es seien Abschüsse unserer Geschütze, nachdem ich aber nach einigen Stunden mich erhob, wurde ich gewahr, dass der furchtbare Krach jedesmal ein Einschlag feindlicher Geschosse war, die um Ville herum platzten.

Das Dorf Ville, das in einem Tale lag[,] war auch gänzlich zerschossen, ebenso wie Chaumont. So verbrachte ich wiederum auch diese Nacht schlaflos.

Nach einigen ungeduldigen und ruhelos verbrachten Stunden hörte ich draußen gegen 4 Uhr morgens menschliche Stimmen. Ich erhob mich von meinem Lager und wanderte hinaus. Blutrot war der Himmel von dem unaufhörlichen Aufblitzen der Geschütze schwersten Kalibers, dazwischen sah man hellaufleuchtende Stellen, das waren Leuchtkugeln, die weithin das Gelände erhellten.

5. Mai

In diesen schaurig schönen, so viel Tod u. Verderben stiftenden Anblick, mischte sich das Rufen + Schimpfen der Munitions-Kolonnen, das Rasseln der Munitionswagen und das Stampfen u. Schnauben der Rosse, die bei den aufgeweichten Straßen wahrlich Schweres zu leisten hatten (einige Tage vorher hatte es stark geregnet). Gegen 5 Uhr morgens kam nun ein Teil der 4. Komp. vor der Schreibstube an. Ich suchte in der Dunkelheit Leutnant Oppermann, konnte ihn aber nicht finden. Ich frug nach Untffz. Cohn, auch ein Wolfenbüttler u. Mitglied d. Verbandes ehem. Realschüler zu Wolfenbüttel u. fand ihn vor der Feldküche sitzend, gegen wie Wand des Hauses gelehnt. Nach herzlichem Begrüßen bot ich ihm von meinen heimatlichen und mitgebrachten Lebensmitteln, wie Knackwurst, Mettwurst, Käse u.s.w. an, er wollte aber nichts weiter vor Ermattung als nur condens. Milch u. Zucker. Ich gab es ihm gern. Nach etwa einer halben Stunde wurde mir von einem Kameraden mitgeteilt, Ltnt. Oppermann sei in der Schreibstub. Ich stellte mich darauf vor den Hauseingang u. wartete auf sein Erscheinen. Es dauert auch nicht lange, so trat er heraus u. ich meldete: „Gef. Lochte vom Ers.-Batl. Res. Inf. Regt. 73 zur…“ Weiter lies er mich nicht kommen u. unterbrach mich. „Du S…….f, weshalb kommst Du gerade in diese Schweinerei nach hier?“ Ich antworte ihm darauf, wie es gekommen sei.

Als ich so mit ihm zusammen plauderte einen herzl. Gruss von seinen Eltern u. ihm mitteilte, dass ich ein Paket mit Sülze, Zwiebeln[,] Essig usw. (sein Lieblingsessen) von seinen Eltern mitgebracht hätte, bemerkte ich bei Morgendämmern erst, wie dreckig u. leidend er aussah. Das Eiserne Kreuz I. Klasse war fast nicht vor Dreck u. Schmutz zu erkennen.  Ich sagte ihm: er sähe in seinem angehenden Spitzbart aus wie das Leiden Christi selbst. Dann bat er mich, ihm am anderen Morgen gegen 11 Uhr zu besuchen, der habe um die Zeit sich etwas von der Strapazen erholt u. ich möchte ihm weiter von seinen Eltern daheim erzählen. Er ging fort u. ich begleitete ihn noch ein Stückchen mit. Dann verabschiedeten wir uns u. ich suchte Utffz. Cohn wieder auf, der inzwischen seinen stärkenden Kaffee eingenommen hatte. Mittlerweile war es hell geworden, die Sonne stieg am Horizont mehr u. mehr empor. Ich schritt zu dem vor dem Dorfe liegenden Wiesen, um meine Morgentoilette zu beginne. Als Waschgefäß benutzte ich eine leere Dose von Bismarck-Heringen, die mir von einem Kameraden angewiesen wurde und ihre Platz unter einem Stege hatte. Wasser schöpfe ich aus dem nahen Bache, obwohl wenig sauber, hatte es doch eine erfrischende Wirkung. Auf der Wiese tummelten sich die Rosse der Artillerie u. der Munitionskolonnen im Schein der Sonne, am Himmel sah man Flieger, die zur Abwehr feindlicher Flugzeuge u. zu Erkundigungen aufgestiegen waren. Den Vormittag hielt ich mich auf der Wiese auf u. sah dem Leben u. Treiben hinter der Front zu. Mittags 1 Uhr holte ich mir mit meinen übrigen Kameraden aus unserer Gulasch-Kanone Essen u. darnach ging ich fort Ltnt. Oppermann aufzusuchen. Er hatte sein Heim auf dem Berge bei Chaumont in der Holzbaracke. Ich ging die Dorfstrasse entlang, die Anhöhe hinauf. Über einige ehemalige Schützengräben u. zerstörte Drahthindernisse hinweg erreichte ich die Spitze des Berges. Ich sah mich um und hatte vor mit eine herrl. Aussicht. Zu meinen Füßen das kleine Chaumont, weiterhin das zerschossene Ville, rechts von den Höhen der Côtes Lorraine das Dorf Flabas. Links das Kap der Guten Hoffnung, mit dem Bahnhof unserer Feldbahn, Azannes, Gremilly, u. noch andere Ortschaften[,] Fesselballons, sowohl unsere wie auch feindliche sanden am Himmel, um Beobachtungen über die Wirkung der Artillerie zu machen.

Auf den vor mir liegenden Höhenzüge, im Wavrille Wäldchen, im Herbebois u. Soumazannes konnte man deutlich das Einschlagen feindl. schwerer Granaten (Kal. 28) sehen, erst der weiten Entfernung wegen das Aufspritzen der Erde, Steine u.s.w. u. dicht hinterher das unheimliche Sausen u. den furchtbaren Krach. So ging es den ganzen Tag. Ich wendete mich wieder um und kam an ein kl. Buschwerk vorbei, das auch von Schützen+ + Laufgräben durchwühlt war, jenseits zu den ehem. Stellungen unserer Artillerie. Diese Stellungen waren aus Beton hergestellt und zogen sich die ganze Höhe entlang. In ungefähr 150 m dahinter waren Holzbaracken aufgestellt, in denen z. Zt. neue Truppen aus dem Rekr.-Depot der 19. Res.-Division Unterkunft gefunden hatten. Ich schritt hinzu u. hörte plötzlich einen Knall und gleichzeitig einen Schrei. Vor mir stand ein jüngerer Kamerad vom Res.-Regt. 78, der eine Sprengkapsel einer Handgranate gefunden hatte und nichts ahnend damit gespielt. Sie entzündete sich u. riss ihm die Fingerspitzen der linken Hand ab, ein Sprengstück traf noch einen anderen Kameraden unterhalb des rechten Auges. Ich verband beide und lieferte den ersteren Kameraden an einen Feldwebel ab, der ihn halb ohnmächtig zur Komp. brachte.

Inzwischen hatte sich eine ziemliche Menschenmenge angesammelt, darunter befanden sich auch einige Kameraden von Hannover her (Warsen, Hillemann + Hartmann), die sich natürlich sehr wunderten, mich hier im Felde zu treffen. Meinten sie doch, ich sei noch in Hannover. Nach erzählen ihrer Erlebnisse beim Rekr.-Depot, von einem Fliegerangriff in Marville, versprach ich Ihnen, sie mal wieder aufzusuchen[.] Darauf verabschiedete ich mich von Ihnen und traf nach einiger Zeit meinen Freund Ltnt. Oppermann, auf einer Decke liegend, sich im Sonnenschein von dem 18tägigen Aufenthalt in der Kampffront ausruhend. Er begrüßte mich herzlichst und ich musste ihm von Haus berichten. Gleichzeitig überreichte ich ihm sein Paket mit Sülze u.s.w., er verspürte jedoch wenig Apetit, da er über seinen Magen, wie auch über große Ermattung klagte. Neben ihm lag noch ein Vizefeldwebel. Er stellte sich mit vor als Uzfldw. Tepe, den ich von Ansehen bereits von Hannover her kannte und als Zugführer in der 4. Komp. gewesen war. Ebenso lernte ich noch Ltnt. Spitzbarth kennen. Nach einigen Stunden Unterhaltung bei einer Flasche hellen Bieres tranken wir vor seiner Behausung Kaffee, den uns seine Ordonanz, namens Mögenburg, servierte. Bis gegen 6 Uhr blieb ich bei Ltnt. Oppermann u. ging mit ihm zum Geschäftszimmer der 4. Komp. Es fand dann Befehlsausgabe statt. Dienst wurde für den folgenden Tag nicht angesetzt, da alle zu ermüdet waren. Nach Beendigung der Parole, wurde und neuer Ersatz zugeteilt, unterwiesen auch die 3 Kameraden Hillemann, Warsen + Hartmann, Hillemann + Warsen kamen in meine, 5. Korporalschaft (Korporalschaftsführer: Utffz. Tavernier). Ich traf an dem Abend auch noch einen ehema. Hannoveraner, den Wehrmann Dura (auch 5. Korporal)

Mannschaft der 5. Korporalschaft: 4/R. 73

Utffz: Tavernier (Hannover)

Gefr. Koch

Gef. Lochte (Wolfenbüttel)

Wehrm. Dura

Res. Müller

 

Als neues Quartier erhielten wir eine Scheune an der Dorfstr., wie an der Kirche vorbei, nach Gibercy führend. Abendportionen wurden empfangen, bestehend aus Feigenmarmelade und einer Art Mettwurst, sogen. Gummiwurst (wegen ihrer Zähigkeit). Alle 2 Tage empfingen wir Kommisbrot 1 ½ Pf. schwer.

Die Nacht über schlief ich schon etwas besser. Ich wachte verschiedentlich auf durch ein Zucken am ganzen Körper. Die Läuse, die es dort draußen gab, machten sich bemerkbar. Auch durch den anhaltenden Geschützdonner aufmerksam gemacht, eilte ich hinaus. Wiederum war der Himmel hell erleuchtet durch das Aufblitzen der Geschütze, wie auch durch Leuchtkugeln + Leuchtsignale. Schwere Geschosse fielen in den vorunsliegenden nahen Viller Wald und auf die Straße Ville-Azannes. Im Viller Wald bei Azannes + Flabas standan unsere schweren Geschütze, die 42er Mörser, im Walde bei Romagne ein 38er Langrohrgeschütz. Gegen 2 Uhr nachts leuchtet ein hellgelbes Licht am fernen Horizont auf, was sich zusehends vergrößert und die umliegende Gegend wunderbar erkennen läßt. Ein großes Munitionslager ist in die Luft geflogen, ob von unserer Seite oder vom Feinde habe ich nicht erfahren können.

6. Mai 1916

Morgens 7 Uhr wird sich vom Lager erhoben, am nahen Brunnen in einer Büchse (ehemals eine Dose v. Schmalzersatz) gewaschen. Einer aus der Korporalschaft hat inzwischen in Kochgeschirren Kaffee von der Feldküche geholt. Bei einer Scheibe Kommisbrot wird der edle Mokka eingenommen. Ich ziehe mich bis auf die Haut aus und suche Läuse. 7 Stück sind das Ergebnis der Jagd. Tagsüber hört das Brüllen der Geschütze nicht auf. Ich besuche nachmittags Ltnt. Oppermann, er teilt mit, dass er wahrscheinlich ins Lazarett nach Montmedy kommt. Ltnt. Werner wird mein Zugführer,. Gegen Abend zieht schwarzes Gewölk am Himmel auf, ein starker Wind macht sich bemerkbar, es reißen sich plötzlich die französ. Fesselballons los und überfliegen unsere Gegend, von unseren Abwehrgeschützen lebhaft beschossen. Ener unserer Ballons landet in der Nähe von Montmedy[,] ein feindlicher, wie ich nachher erfahre, ohne Insasse in der Nähe von Broistedt auf der Strecke Braunschweig-Hildesheim. Nachts übliche Beschießung.

Morgens 2-5 Uhr heftiges Geschützfeuer in Richtung Verdun. Franzosen beschießen Ville mit schweren Schiffsgeschützen. Mann hört ganz deutlich das Sausen der Granaten. Tagsüber beschießen unsere 42er Verdun. Mächtig erdröhnt die Erde bei jedem Abschuss, unheimlich gurgelt das Geschoss durch die Luft. Gegen Abend Regen.

8. Mai 1916

Regen. Wir liegen seit 9 Uhr morgens im Alarm, Sturmgepäck wird geschnürt, sonst das übliche Geschützfeuer. Gegen 3 Uhr nachm. Alarm aufgehoben, das II. Btl. geht in Stellung. Ich treffe die 5. Komp. vor der Kirche u. rufe nach Heidorn, der sich auch meldet und nicht wenig erstaun[t] ist, mich auch hier zu finden.

Ich übergebe ihm sein Taschenmesser, welches er bei seinem Aufbruch von Hannover bei unserer Wirtin liegen liess. Ich wünsche ihm viel Glück und er geht in Stellung, Lebensmittel nach vorn schaffen. Ltnt. Oppermann verabschiedet sich, Lazarett.

9. Mai 1916

Sonnenschein, Wir lausen uns wieder draußen auf der Wiese. Sonst das übliche Schießen. Wir stehen in Korpsreserve.

10. Mai 1916

Sonnenschein, nichts von Bedeutung[.]

11. Mai 1916

Morgens 7 Uhr Abmarsch des Regts. Bei Regen von Chaumont über Gibercy, Damvillers, Peuvillers, Vittarville, Dombras, nach Rupt. Unterwegs bei Damvillers treffe ich Offi. Stellvertreter Willi Kuntze (Wolfenbüttel), ein ehem. Schulkamerad, der mit seiner Komp. (8./R. 78) unterwegs n. Chaumont ist. Die Straßen sind sehr aufgeweicht u. schlecht zu passieren. Bei Peuvillers wird Halt gemacht u. Kaffee aus den Feldküchen geholt. Um 2 Uhr nachm. Ankunft in Rupt. Ich beziehe mit meiner Korporalschaft Quartier an der Hauptstraße inmitten des Dorfes. Mir gegenüber hat der Btls-Führer Haptm. Fink sein Quartier, Ltnt Spitzbarth[,] Ltnt. Werner, Ltnt. Ruf, VizFldw. Tepe[,] Wilhelmi.

Hier in Rupt noch Civilbevölkerung. Ich hole Milch u. Eier zusammen mit Utffz Cohn. 1 Ltr. Milch = 18 Pfg., 1 Ei = 10 Pfg.

12. Mai 1916

Vorm. 9.10 Uhr Exerzieren auf den Feldern in der Umgegend v. Rupt, nachm. Appell.

13. Mai 1916

Vorm. 9-10 Uhr Exerzieren. Nachm. Appell. Während meiner freien Zeit sehe ich mir das Dorf an. Ein Teil der Häuser zerschossen. Unten im Tal ein Gutshof, mehr Schloß, mit großem Park. Hinter unserem Quartier eine Anhöhe mit etwas Wald, wo wir uns tägl. Ausruhen. Ich nehme Sonnenbäder. Gegen Abend Regen.

14. Mai 1916 (Sonntag)

Morgens 11 Uhr Feldgottesdienst im Park (I. Btl.) Regen. Unsere Regimentskapelle begleitet die Gesänge.

15. Mai 1916

Warm. 8 Uhr Übungsmarsch über Petit Failly, Ham les St. Jean, Marville nach Rupt. Hinter Marville holt uns unsere Regts-Kapelle ab. Schönes Wetter.

16. Mai 1916

Vormittags Exerzieren, Überwinden von Hindernissen.

Nachmittags Verpassen von Gasmasken im Stinkraum durch den Gasoffizier Ltnt. Reusche. Gewehrreinigen (Sonnenschein)

17. Mai 1916

Vorm. Exerzieren, nachm. Gewehrrevision

Wir baden indem Bach Othain; dort zufälliger Besuch des Kanoniers Röhmann (vor mehreren Jahren Lehrling bei meinem Schwager in Wolfenbüttel[)] Röhmann kam vom Toten Mann per Rad, um seine Bruder, der bei unserer 3. Komp. war, zu besuchen. Wir blieben noch bis gegen 10 Uhr auf der Wiese mit ihm zusammen.

Gegen Abend: Empfang von Liebesgaben v. Hannov. Provinzialverband (1 Trinkbecher Rotwein, 4 Cigarren, 6 Cigaretten, Steinhäger)

18. Mai 1916

Vormittags: Unterricht im Stellungs-Krieg

Nachmittags: Turnspiele unten in der Wiese. Stafettenlauf, Dritten abschlagen, Wettlaufen.

Nachts Flieger über uns.

19. Mai 1916

Morgens 4 Uhr Abmarsch zur Entlausungsanstalt in Carignan über Petit-Failly, Ham les St. Jean, Marville, Villers les Rond, Chareny-Vezin. Von dort mit der Bahn über Montmedy [Montmédy], Chauveny, Lamouilly, Magut-Fromy nach Carignan. Der Weg nach dort geht durch die genannten teilweise gänzlich zu Anfang des Krieges zerschossene Ortschaften. Am Tunnel von Montmedy [Montmédy] kann man noch die Wirkung der Sprengung am Ein- u. Ausgang wahrnehmen, die Drahtverhaue. In Carignan selbst werden wir in Abteilungen von 30-40 Mann zum Lausoleum einer früheren Mühle geführt. Das Zeug, sämtliche Bekleidungsstück[e][,] werden abgegeben u. gefangene Russen müssen sie in großen Kesseln durch Dampf erhitzen. Während dieser Zeit nehmen wir in einem Raum Brausebäder u. reinigen unseren von Staub u. Dreck beschmutzten Körper gründlich. In noch heissem Zustande empfangen wir nach etwa einer Stunde unsere Kleidungsstücke wieder und zogen uns an, um aus dieser von den schlechtesten Zeuggerüchen durchzogenen Atmosphäre zu verschwinden. Ich traf mich draußen mit meinem Zugführer Vizefeldw. Wilhelmi u. noch einem Leutnant d. 3. Komp. um den vor dem Orte liegenden Flugpark zu besichtigen. Unter Führung eines Flieger-Unteroffiz. sahen wir die Kampf-Doppeldecker, die Einrichtung der Zelte u.s.w.

Um ½ 6 Uhr abds. brachen wir von Carignan nach Verpflegung auf dem dortigen Bahnhof wieder nach Rupt auf (Sonnenschein sehr heiss.)

20. Mai 1916

Morgens 9 Uhr Unterricht über Märsche.

Nachm. 5 Uhr Appell (Sonnensch.)

21. Mai 1916

11 Uhr vormitt. Löhnungsappelll (Sonnenschein)

Nachm. unternehme ich einen Ausflug in die Umgegend v. Rupt. Auf der Straße n. Grand-Failly mehrere alte Schützengräben + Kriegsgräber. In derselben Straße ein Kruzifix und Reste einer ehem. Holzbrücke, da die alte steinerne Brücke gesprengt war. Ich unterhalte mich mit einem 80jährigen Franzmann, der mir seine Erlebnisse vom Kriege 1870 u. dem jetzigen erzählt.

22. Mai 1916

Morgens 8 Uhr Exerzieren (Sonnensch.) (Sturmangriffe) nachm. Baden u. Turnspiele unten in der Wiese am Othain.

Gegen Abend unternehme ich einen Spaziergang in den nahen Wald u. kehre gegen ½ 9 Uhr zurück[,] inzwischen waren wir alarmbereit geworden.

23. Mai 1916

Morgens 3.15 Uhr Abmarsch von Rupt nach Marville um anderen Truppen Platz zu machen. Alarm aufgehoben. (Sonnenschein)

24. Mai 1916

Morgens Exerzieren, Nachm. Baden in der dortigen Badeanstalt (Gewitter)

25. Mai 1916

Morgens Exerzieren. Nachm. Uniformen verpassen durch Feldw. Schünemann. Ich besuche Vizefeldw. Wilhelmi und unternehme mit ihm einen Spaziergang durch Marville.

Marville ist ein Städtchen von ungefähr 3000 Einwohnern (zu Friedenzeiten) und eine der ältesten Niederlassungen, älter als Trier. M. ist festungsartig angelegt, ehemals wichtiger Ort in der Geschichte. Wir gehen auf den sogenannten Schädelberg, der auf seinem Gipfel eine Kapelle u. Kirchhof trägt. In einem kl. Häuschen sind ca. 40.000 Schädel u. Beinknochen bis unter die Decke gestapelt. Was sie zu bedeuten haben, konnte ich nicht erfassen. Oben konnte man wieder starkes Artilleriefeuer von Verdun her hören.

Wir sind wieder marschbereit.

26. Mai 1916

Morgens 4 Uhr Abmarsch über Delut, Vittarville, Peuvillers, Damvillers, Gibercy nach Chaumont. Wir sind in Korpsreserve. Mittags besucht mich Gefr. Heidorn aus d. 5. Komp. u. ladet mich ein z. Schweinebraten essen. Ich habe auch von Hand Pakete erhalten. Gegen 6 Uhr abends, wir sitzen vor dem Quartier Heidorns u. lassen uns den Braten, den wir über ein Feuer erhitzt haben, gut schmecken. Kaffee hatte ich gekocht. Die Garderegt. 6.+7. kommen durchs Dorf, ebenso auch Bayern (Regen)

27. Mai 1916

Nichts neues (Regen)

28. Mai 1916

Morgens Grüßen üben (bewölkt)

29.+30. Mai 1916

Morgens Exerzieren (bewölkt)[,] ich treffe unter dem neuen Ersatz einen Ldstm. Meyer aus Wolfenb.

31. Mai 1916

Morgens Exerzieren.

Nachm. Turnspiele. 5. Korporalsch. Erhält im Stafettenlauf den 1. Preis = 1 Flasche Cognac.

1. Juni 1916 (Himmelfahrt)

Morgens ¾ 11 Uhr Löhnungsappell. Nachm. dienstfrei.

42er schießen. Ich sitze morgens gegen 9 Uhr in der Wiese, hatte mir vom Untffz. Hasenlust (Gr. Benkte) ein Fernglas geborgt und beobachte die 42er, als plötzlich ein Gegenstand mit unheimlichem Sausen durch die Luft fliegt. Ungefähr 100 m links von mir schlägt er in die Erde. Alles flüchtet erst entsetzt, kommt aber wieder zusammen an der Stelle 1 m vor einer Kantine. Dort liegt ziemlich tief in der Erde ein Gegenstand aus Stahl. Es war das Rohr des 42ers geplatzt u. ein Sprengstück (ungef. 3 Ctr. Scher) aus 1 km Entfernung hier her geflogen. Es wurde ausgegraben, man konnte deutlich die abgenutzten Züge erkennen. Ein anderes Stück (1 Ctr. Scher) war bei der Telefunken-Station nieder gefallen.

Nachts ein Uhr.

Bis 12 Uhr nachts hatten wir in unserem Kuhstall Ratten fangen wollen beim Schein der elektr. Taschenlampen, jedoch nichts erreicht. Gegen 1 Uhr erwache ich plötzlich durch das Geknatter der Maschinengewehre. Der Ruf: „Flieger! Licht aus!“ wird laut. Ich krieche in der Dunkelheit aus meiner Schlafkoje heraus u. gelange auch an den Ausgang uns. Kuhstalles. Vorsichtig auge ich hinaus u. sehe am nächtlichen Himmel bereits Scheinwerfer spielen. Ein Krach und ich war wieder in meiner Behausung verschwunden. Ungefähr 150 m von mir entfernt hate das feindl. Flugzeug eine Bombe fallen lassen, in der Nähe dort liegende Mannschaften getötet u. verwundet (2 Mann tot, 4 verwundet). Ich habe mir kurze Zeit darauf die Stelle angesehen u. hörte noch das Schreien u. Wimmern der Verwundeten.

2. Juni 1916

Morgens Exerzieren. Ich werde als Sturmtruppführer ausgebildet.

Nachm. werde ich zum Unterricht am franz. Maschinengewehr n. Romagne abkommandiert.

Gegen Abend komme ich von dort wieder zurück.

Ca. 2000 Franzosen passieren die Straße von Azannes.

3. Juni 1916

Vorführung des Sturmtrupps vor Hauptmann Fink (Btl.-Führer) in Gegenwart der 1.-3. Komp. Wir bekommen Stahlhelme.

Nachm. 4 Uhr bei Regenwetter über Gibercy, Damvillers, Merles nach Waldlager bei Dombras. Wir liegen in Baracken aus Vasenholz.

4. Juni 1916 (Sonntag)

Tagsüber nichts von Bedeutung. Ich gehe in den nahen Wald u. finde Erdbeeren. (Sonnenschein).

5. Juni 1916

Morgens Exerzieren auf der vor unserem Waldlager sich hinziehenden Waldwiese. Sturmangriff üben. Bewölkt gegen Abend Regen.

Utffz. Cohn erhält d. Braunschw. Verdienst-Kreuz.

6. Juni 1916

Morgens Besichtigung durch d. Divisionskommandeur eur. Excell. v. Wartenberg.

Nachm.: Dienstfrei (Regen).

Es heisst: Der Herzog v. Braunschweig will uns morgen besichtigen.

7. Juni 1916

Mittags bei Regen Abmarsch vom Waldlager Dombras über Merles, Damvillers, Wavrille, Gibercy, Ville devt. Chaumont nach dem Bois de Ville (in der Nähe vom Bois les Vaux Hordelle)[.] Gegen 8 Uhr abds. kommen wir bei Regen dort an. Die Schlucht sogen. Brunnenschlucht, in die wir kommen, liegt links (westlich) der Straße Ville-Beaumont ca. 1 ½ km südl. Ville. Der Weg Ville-Beaumont der oberhalb des Tales (Küchenschlucht) am Abhang d. Bois le Comte in süd-südwestli. Richtung sich hinzieht, wurde vom Franzmann abw. Beschossen, besonders mittags u. abends. In der Schlucht standen die Feldküchen. Die Wege waren aufgeweicht, der Dreck floss förmlich die Wege hinab. Unteroffizier Tarvernier, der als Quartiermacher voraus geeilt war, hatte uns einen Wellblechunterstand gesichert. Dahinein kam meine 5. Korporalschaft. Nur wenig Holzwolle stand uns als Unterlage zur Verfügung. Wir warfen unsere Waffen und sonstiges Gepäck ab u. richteten uns häusl. ein. Ich kochte Kaffee und briet mir Kartoffeln mit Speck, die ich in der äussersten Ecke d. Unterstandes neben einem beinahe leeren 25 Pf. Eimer Feigen-Marmelade entdeckte. Ich war noch nicht mit meiner Braterei zu Ende, als der Befehl kam, mit Gasmasken, aber ohne Gepäck und Koppel auf dem in der Brunnenschlucht sich hinziehenden Weg anzutreten, um Stollenbretter vom Pionierpark im Fosses-Wald nach der Kapelle am Wege Chambrettes-Ferme-Pfefferrücken zu transportieren. Auf schlüpfrigen Pfaden, teilweise bis an den Stiefelschäften im Schlamm, traten wir unseren Marsch an längs der Strasse Ville-Beaumont.

Etwa 2 ½ km neben der Fahrstrasse her, bogen wir nach Südosten, um die Anhöhe hinauf, weiter durch den Wavrille-Wald, dann über die Chaussee Cap d. guten Hoffnung – Beaumont, am ehem. Gefechtsstand der Artillerie vorbei über die unbewaldete Höhe ca. 1 km östl. von Beaumont. Vor uns breitete sich der Fosses-Wald aus. Dieser Weg dorthin wurde vom Franzmann ständig, wenn auch nicht stark unter Feuer genommen, besonders die Umgegend von Beaumont. Der Ort selbst war gänzlich zerschossen. Die erste Schlucht (sog. Panzerschlucht) war sehr steil, durch den Regen glitt man auf dem aufgeweichten Lehmboden häufig hin, Fluchen u. Schimpfen war an der Tages-Ordnung. Die schweren Geschosse sausten über uns hin und schlugen krachend um uns (aber ziemlich weit) ein. Der Fosses Wald hatte durch das ewige Einschlagen der Granaten stark gelitten. Die Bäume lagen zersplittert über und unter einander, sodass es bei der inzwischen eingetretenen Dunkelheit sehr beschwerlich wurde, den richtigen Weg inne zu halten. So kam es auch verschiedentlich vor, dass die Verbindung abriss u. erst mit vieler Mühe wiederhergestellt werden konnte. Nachdem die Höhe von der Panzerschlucht aus nach Osten unter diesen Schwierigkeiten erstiegen war, kamen wir in der Fosses-Schlucht an. Die ganze Strecke bis hier unten zum Pionierpark am Grunde der Schlucht wurde in schnellstem Schritt zurückgelegt, teilweise sogar im Laufschritt. Vor dem Pionierpark angekommen, ruhten wir uns erst man von den Strapazen aus, ich  nahm diese Gelegenheit wahr und füllte meine inzwischen leer gewordene Feldflasche aus einem Granattrichter wieder, nachdem ich mich selbst gestärkt hatte; obwohl das Wasser stark lehmig war. Im Pionierpark empfing nun meine Komp. die Stollenbretter, und schleppten meine Kameraden nicht gerade leicht daran, solch ein Brett wiegt wohl immer ca. 40-50 Pf., zumal sie noch vom Regen getränkt waren. Im Gänsemarsch ging es nun weiter wieder eine steile Anhöhe hinauf, durch den Wald, ca. 200 m südl. an der Chambrettes-Ferme vorbei zur sogen. Kapelle, welche ich aber nicht zu sehen bekam. Beim Austritt aus dem Fosses Wald konnte man durch das von Leuchtkugeln erhellte Gelände die Wirkung der feindl. Geschosse erkennen, alles ringsherum war von Granatendurchwühlt, ein Granatloch neben das andere. Unsere Artillerie feuerte auch lebhaft besonders die 21er Mörser, die damals im Fosses-Walde lagen, ebenso auch die Langrohr-Geschütze. Nachdem wir die Stollenbretter dort abgeliefert, vielmehr hingeworfen hatten, traten wir den Heimweg wieder im Laufschritt an. Vor uns marschierte die 3. Komp. Abermals hatten wir Schwierigkeiten. Auf der Höhe östlich von Beaumont bekamen wir plötzlich ca. 300 m vor dem Wavrille-Walde, heftig. Feuer. Da die Granaten näher kamen, suchten wir Deckung in den Granatlöchern. Nach ca. ½ Stunde erhoben wir uns wieder. Gerade beim Eintritt in d. Wald ging dasselbe nochmals los. Schnell waren wir am Boden verschwunden, als ich ein Stöhnen u. Rufen nach dem Sanitäter hörte. Ich kroch vorsichtig heran. Vor mir sassen hinter einem zerschossenen Baume zwei verwundete Kameraden, rechts ca. 10 m von mir vor einem Granatloche lag ein Toter der 3. Kp. Auf das Ersuchen den beiden zu helfen, verband ich den einen, welcher einen Granatsplitter im Rücken unterhalb des Schulterblattes bekommen hatte, mit Hilfe meiner Verbandpäckchen. Der andere, ein gewisser Musk. Böhmann aus Börssum hatte nur eine unbedeutende Wunde an der linken Hand (Handgelenk). Inzwischen hatte meine Gruppe die entstandene kleine Feuerpause benutzt u. laufend diesen gefährlichen Ort verlassen. Leider war es mit nicht möglich, den Verwundeten weiteren Beistand zu leisten, sondern mußte schleunigst aufbrechen, um meine Gruppe wiederzufinden. Nach wiederholtem Rufen u. schnellstem Laufen, wobei ich mehreremale über Drahthindernisse stolperte u. hinfiel, kam ich endlich bei meiner Gruppe an. Für den weiteren Abtransport der Verwundeten sorgten die Sanitäter der 3. Komp., die ich nachher noch traf. Um 5 Uhr morgens kamen wir nach diesen Strapazen u. denen des vorangegangenen Tages müde in unserer Küchenschlucht wieder an.

8. Juni 1916

Es wird Kaffee getrunken u. bis Mittag geschlafen. Gegen Mittag wieder Befehl „Stollenbretter nach vorn schaffen.! Diesmal aber von Ville zum Pionierpark in der Vasseschlucht. Unter Leutn. Rufs Führung gegen wir nach dem nahen Dorfchen Ville u. empfangen Stollenbretter. Abermals saure Arbeiten, Schimpfen u. Fluchen. Doch schießt der Franzmann nicht mehr so stark wir am vorherigen Tage. Ohne Verlusten kommen wir wieder um 12 Uhr nachts an. Dann wird sich wieder ausgeruht.

9. Juni 1916

Tagsüber beschießt der Franzmann wieder mit schweren 28ern die Küchenschlucht. Es schwirren die unheimlichsten Parolen in der Luft, man erzählt sich, das es heute Nacht in Stellung gehen soll.

Gegen Abend 7 Uhr Befehl: „Sturmgepäck fertig machen!“

Um 9 Uhr abs. Abmarsch, wohin, unbekannt. Man sieht unruhige Geister, allgem. gedrückte Stimmung. Wieder geht’s denselben Weg wie an den Tagen vorher. Bis zur Panzerschlucht keine Verluste. Hier kommen wir in der Reservestellung der Res. 74 an. Wir suchen uns Bunker aus, da wir annehmen, dass wir das Regiment ablösen sollen. Nach ¾ Stunden, etwa gegen 12 Uhr nachts, brechen wir wieder auf. Wir wissen jetzt, wohin es geht, in Stellung. Bei unserem Aufenthalt bei den 74ern spürten einige Kameraden einen kleinen Ballon Schnaps auf. Auf schnellstem Wege werden die Feldflaschen gefüllt. Ich verzehre ein Stückchen Kom[m]isbrot mit Feigenmarmelade u. dazu Schnaps. Einige meiner Kameraden haben sich des Guten zuviel getan u. schwanken bedenklich. Aufbruch. Der Weg geht weiter durch den Fosses Wald. Es entstehen Verluste durch die Strapazen der vergangenen Tage, einige bleiben vor Ermattung u. dem genossenen Alkohol abseits am Wege liegen. Sanitäter sorgen für das weitere. Es geht an der Chambrettes-Ferme vorbei, der Kapelle am Laufgraben entlang zur „Totenschlucht“. Der Franzmann schiesst wieder heftiger. Die Verbindung reist ab. Liegen ¾ 1 Uhr kommt Meldung durch die Kette: [„]Uffz. Cohn verwundet.“ Cohn war der letzte unserer Komp. Eine Granate hatte ihm den linken Arm abgerissen. Bei dieser Meldung liegen wir unterhalb des Chauffour Waldes, am Anfang der Totenschlucht. Nach ungefähr 10 Minuten brechen wie wieder auf. Heftige Kanonade rechts und links. Kaum etwas  vorwärts, wieder Aufenthalt – immer an den gefährlichsten Stellen – dann plötzlicher Aufbruch, im Laufschritt geht’s weiter. Stolpern, Fluchen, Schimpfen, Höhenkamm u. Schlucht unter starkem Feuer, Graben vielmehr Pfad verschüttet, links im Chauffour Reservestellungen, Aufenthalt, dann geht’s wieder plötzlich weiter durch die Totenschlucht; hier herrscht wirklich der Tod. Kein grünes Fleckchen mehr, alle aufgewühlt, vereinzelte Baumstämme starren in die Luft, die Leichen werden immer zahlreicher. Es herrscht furchtbarer Gestank. Unser Führer hat den Weg verloren in der Dunkelheit. Begegnung mit einem Truppenteil, Zusammenstoß, Drängerei. Wir sind an der Minzeschlucht angekommen. Einige Verwundete werden in der Dunkelheit angestossen und schreien laut auf. Es geht wieder eine Anhöhe hinauf. Endlich finden wir wieder einen Laufgraben. Hinein um wenigstens etwas Deckung zu haben. Hier Aufenthalt[.] Wieder weiter, erst langsam, dann rascher. Ich trete auf eine weiche Masse im Schlamm, ein Schaudern geht durch meinen Körper – ein Toter -. Nach Kriechen u. Rennen sind wir in der Tettau-Schlucht angekommen. Wieder die steile Anhöhe hinauf u. über Löcher, Steintrümmern u. Leichen hinweg. Eine Granate platzt in ca. 50 m Entfernung von mir, ich fliege zur Erde um mich vor den Splittern zu schützen. Lntnt. Werner erhält endlich Befehl mit einem Teil der Komp. in Stellung, ungefähr 400 m vor uns, zu gehen, der andere Teil bleibt als Relaisposten zurück. Das ist ungefähr um 2 Uhr nachts. Ich bekomme Posten 10 in der Tettauschlucht, ungefähr 1 ¼ km westl. Fort Douaumont. Ich gehe unter Führung von einem Kameraden des Res 78er mit noch 4 Mann meiner Gruppe dorthin. Über zerwühltes Gelände hinweg kommen wir am Stollen an. Im Eingang verschiedene Kameraden, welche Schutz suchen.

10 Juni 916

Ich übernehme den Posten 10, die Abgelösten verbleiben noch bis gegen 4 Uhr morgens bei uns. Als Läufer zur Überbringung von Befehlen sind bei mir

Wehrm. Dura

Ldstpft. Eckelmann

Ldstpft. Kruse

Ldstpft. Meyer

Ich habe die Verbindung aufrecht zu erhalten mit dem Bataillonsunterstand am Eingang zur Tettauschlucht und Minenwerfern oberhalb meines Stollens. Unaufhörlich feuert der Franzmann rechts (gegen Osten) sehe ich b. Tagesanbruch die Reste d. Forts Douaumont etwas westlich davon das Dorf D., nur noch ein Trümmerhaufen.

Der Stollen ziemlich tief, ca. 6 m unter der Erde u. 6 m in die Erde hinein. Unser Sturmgepäck, Gewehr u.s.w. hängt unten an einem in die Wand geschlagenen franz. Seitengewehr[.] Decken, natürlich sehr verlaust, dienen als Unterlage und zum Zudecken. Bei Tagesanbruch gehe ich hinaus vor den Stollen. Vor dem Eingang eine mannshohe Wehr zum Schutz gegen Sprengstücke u.s.w. Die Kanonade hört nicht auf. Von Fort Vaux oder Damloup her werden wir mit 28ern bedacht. Tagsvorher ist der Nachbar-Unterstand dadurch verschüttet. Mehreremale müssen die Läufer Befehle z. d. Minenwerfern u. d. Posten 9 überbringen. Verwundete kommen vobei. Die Hitze u. der Gesatnk werden unerträglich. Flieger beobachten das Gelände, jedesmal b. Sichtung eines feindl. Fliegers ertönt eine Signalpfeiffe, alles verkriecht sich eiligst. Gegen 10 Uhr vormitt. gehe ich zum Zugführer, vielmehr laufe unterwegs bis zum Posten 1 bekomme ich Masch. Gewehr, woher? Ich komme dort gut an, bitte um eine Flasche Wasser u. um Verpflegung[,] ich erhalte einen Trinkbecker voll Wasser, eine Flasche Schnaps von einem Kameraden. – Dann wieder zurück nach Posten 10, habe Anweisung erhalten, bei Posten 5 (Gefr. Helmedag) muß ich länger verweilen, da ich Sperrfeuer bekomme, wieder weiter, ich verfehle den Laufgraben, da völlig eingeebnet[,] ich krieche zurück, finde ihn wieder, erhalten von rechts Masch.-Gewehrfeuer, bleibe hinter der Grabenwand liegen, krieche langsam über deine Leiche hinweg u. verliere meine Flasche mit Schnaps. Schliesslich finde ich sie im Schlamm versteckt wieder. Dann geht’s in Windeseile durch die Tettauschlucht, wieder die steile Höhe hinauf u. befinde mich im Laufgraben vor dem Batl.-Unterstand. Gott sei Dank, ich bin aus der gefährl. Zone heraus u. komme zu meinem Posten 10 zurück. Ich verteile den mitgebrachten Schnaps – wenigstens eine Stärkung für den Durchfall, an dem wir alle leiden mußten. Dan ganzen Tag hört der Franzmann nicht auf mit Schießen. Gegen Abend bei Anbruch der Dunkelheit verstärkt sich das Feuer Trommelfeuer, der Franzmann trommelt die Umgebung ab, unten im Unterstand brennen wir Stearinkerzen, über unserem Unterstand liegen zwei Pioniere begraben, darunter wohnen wir. Man kann den Gestank der verwesenden Leichen wahrnehmen. Befehle kommen während der Nacht verschiedentlich an und werden weitergegeben. Immer im Laufschritt. Gegen Mitternacht Sperrfeuer. Die Truppenverstärkungen u. Verpflegungstrupps kommen heran. Schnaufend und in Schweiß gebadet erhalten wir durch Läufer vom Unteroffizier Ahring (Posten 9) unsere Verpflegung bestehend aus einem Kommisbrot, einen halben Becher schwarzen Kaffee u. etwas Mettwurst sogen. Gummiwurst. Unterhalb Douaumont quillt aus einem Gemäuer Wasser, Dura u. Eckelmann gehen dort mir Kochgeschirr u. Feldflaschen hin. Nach einer ½ Stde. kehren beide zurück. Der Weg dorthin war beschwerlich. S[c]hrappnells platzten in der Nähe der Quelle, ohne Schaden anzurichten. Um ihnen herum liegen die Leichen, halb vom Schmutz bedeckt.

11. Juni 1916

Von dem mitgebrachten Wasser wird Kaffee gekocht u. gleichmäßig unter uns verteilt. Von der Hitze macht sich großer Durst bemerkbar; die Feldflaschen werden leer, trotzdem sparsam mit den vorhandenen Flüssigkeiten umgegangen wird. Nur der Gaumen wird damit angefeuchtet[.] Schrecklich dieses Dürsten. So geht es während der ganzen Zeit unseres Dortseins. Wenig Flüssigkeit, wenig zu essen. Das Artilleriefeuer beginnt am Mittag stärker zu werden, am Abend steigert es sich noch mehr. Die gegenüberliegende Höhe mit Gasgranaten beschossen. Ein Schwefelgeruch macht sich bemerkbar, wir legen unsere Gasmasken bereit. Die Nacht versucht der Franzmann einen Angriff bei Fort Douaumont. Gewehrfeuer ist aus aller nächster Nähe hörbar. Gegen Morgen ruhiger. Die Artillerie schießt nicht mehr so stark wie am Abend vorher. Dura u. Kruse holen wieder Wasser, kommen aber mit leeren Gefäßen zurück. Sie erhalten starkes Feuer und müssen umkehren. Bei Morgengrauen steht ich vor dem Stollen. Ein Transport etwa 121 gefangene Franzosen werden den Abhang zu unserer Schucht fortgeführt, eine Granate schlägt in die Gruppe ein, zwei bleiben unverwundet, 4 tot, die anderen teils leicht, teils schwer verwundet.

12. Juni 1916

Tagsüber wieder heftiges Geschützfeuer in Richtung Fosseswald Chambrettes-Ferme. Es regnet etwas. Wir spannen vor unserem Stollen meine Zeltbahn aus, und fangen das zusammengelaufene Regenwasser in ein untergehängtes Kochgeschirr auf. Feiner Sprühregen, es dauert lange bis ein Kochgeschirr voll ist. Einige Male erhalten wir wieder Kohlenkästen (28er) vor unseren Unterstand. Mir gegenüber am anderen Abhang liegt ein toter Franzmann. Verschiedentlich wird er durch Granaten ein- u. wieder ausgewühlt, bis er ganz u. gar verschwunden ist. Im Grunde der Schlucht ein franz. Zertrümmertes Geschütz.

In der Nacht gegen 1 Uhr werde ich abgelöst u. übernehme Posten 11., der noch weiter vorn liegt in d. Albain-Schlucht.

Posten 11 ein ehemal. französ. Telephonunterstand, enger Eingang nach Süden, also dem Franzmann zu. Ich muß Verbindugn halten mit dem vordersten Gaben und Posten 9, bezw. Bataillonsunterstd. Es kommt der Befehl durch nur Briefe tagsüber zu befördern mit dem Vermerk „eilig“ oder „eilt sehr“. Im Unterstand sind:

[Namen fehlen!]

Beim Hinaustreten aus dem Unterstand bekommen wir aus der linken Flanke Maschinen-Gewehrfeuer. Drei Läufer der Relaiskette meine Vorgängers sind verwundet, Müller, Warsen, Beiß.

Tagsüber wieder heftiges Geschützfeuer, nachts noch stärker.

Gegen Morgen schwächer werdend. Im Unterstand ein Kamerad Lege (4. Komp.)[.] Im Graben durch Gewehrschuss am linken Oberarm verwundet wollte er sich zum Sanitätsunterstand begeben, wurde aber vom Franzmann nochmals in unsere Nähe beschossen und blieb in einem Granatloch hilflos liegen. Durch sein Rufen aufmerksam geworden, meldete mir ein Läufer. Ich wollte ihn holen lassen, konnte jedoch vor Sperrfeuer nicht ran. Es gelang uns am nächsten Abend erst. So hatte er noch einen Tag und eine Nacht drauß0en im Granatfeuer zubringen müssen. Wir hatten ihn schon längst aufgegeben, denn tagsüber war es uns nicht möglich ihn zu holen. Bei Anbruch der Dunkelheit des 14. Junis meldete er sich. Trotz seiner zweiten Verwundung, Schuss durch den linken Oberschenkel unter Verletzung des Knochens war er ganz in die Nähe unseres Unterstandes gekrochen. Ich holte ihn mit noch anderen Kameraden u. so gut es ging brachten wir ihn in die äusserste Ecke des gerade nicht allzu großen Unterstandes. Nachdem er sich gestärkt hatte mit einigen Bissen trockenen Brotes u. etwas Kaffee, erzählte er von seinen Erlebnissen dort draußen. Er hatte sich mit Hilfe des noch unverwundeten rechten Armes und der Zähne mit seinem Hosenträger das linke Bein abgebunden. Es blieb noch bis zum anderen Abend in unserem Unterstand u. lieferten ihn unter großen Schwierigkeiten beim Sanitätsunterstand in der Tettauschlucht ab. Meldung darüber hatte ich meinem Komp.-Führer Ltnt. Werner gemacht. Den 14. Juni verbachten wir unter dem üblichen Artilleriefeuer.

Nachts 12 Uhr setzte ein unheimliches Trommelfeuer des Franzmannes ein, welches bis zum 15. Juni mittags 12 Uhr dauerte. Flachbahngeschosse sausen über uns in einigen Metern Entfernung vorüber. Granaten schwersten Kalibers platzen ganz in unserer Nähe. Stine und Granatsplitter fliegen in den Eingang unseres Unterstandes, wir kriechen nach rückwärts und kauern dort zusammengepfercht in einer Ecke. Man sieht Angst in den Gesichtern der Kameraden. Steine und Erde bröckeln von der Decke herab. Ein herber Schlag, unsere Stearinkerze erlischt, dicht vor dem Eingang platzt eine Granate, der Eingang ist zugewühlt. Hacken und Spaten werden hastig ergriffen, wir sind verschüttet doch nur der Eingang. Zersplitterte Balken, Bretter[,] Erde und Steine versperren uns den Eingang. Sofort wird alles weg geräumt[,] um Luft zu bekommen. Von draußen hört man dumpfe Schläge, das Unwetter ist noch nicht vorbei. Das war gegen 3 Uhr morgens. Wir bessern den Schaden nur notdürftig aus, stützen die Decke ab, die einzufallen droht. Kaum sind wir damit fertig, wieder ein furchtbarer Krach[.] Wiederum werden wir von allem möglichem überschüttet. Diesmal aber mehr wie vorigesmal. Die Luft wird dünner, mit Händen und Füßen werden die Splittern beseitigt, nach rückwärts geworfen. Eingang vollständig zu. Ein bedrücktes Gefühl. Angstschweiß bedeckt die Stirn[.] Wir sind verloren. Blitzschnell fliegt das Leben an uns vorbei[.] Alle nur erdenklichen Augenblicke gehen durch das Gehirn. Wir werden schlapp. Erstickungsgefahr droht mehr u. mehr. Da bekommen wir durch ein kleines Loch frische Luft, das Loch wird größer gerissen, erleichtert atmet alles auf. Wir sind gerettet[.] Immer noch wütet draußen das fürchterliche Trommel- bezw. Sperrfeuer.

Mittags 12 Uhr tritt plötzliche Ruhe ein. Der Franzmann greift an. Wird aber zurückgeschlagen. Unser[e] Kompagnie vorn versucht einen Gegenangriff im Verein mit der 3. Komp. Gefr. Sasse leitet den Sturmtrupp. Er erreicht den französ. Graben[.] Später erhält er dafür das Eiserne Kreuz I. Kl. Utffz. Mittendorf verwundet.

Abends gegen 10 Uhr setzt wieder Sperrfeuer ein. Wir erhalten keine Verpflegung, Wasser ist schon seit 2 Tagen nicht mehr vorhanden, wir leiden alle an Durchfall. Unsere Bedürfnisse verrichten wir in leeren Konservendosen, die erst nachts in einem Sandsack fortgeschafft werden können. Es herrscht deshalb in unserem Unterstand ein grässlicher Gestank.

16. Juni 1916

Wieder den ganzen Tag über das übliche Trommelfeuer, jedoch nicht so stark als die Tage vorher. Nach mehreren Tagen Fastens u. Dürstens erhalten wir wieder nachts Verpflegung und gleichzeitig die Meldung, dass wir diese Nacht noch abgelöst werden sollen. Um 2 Uhr kommt die Ablösung. Vorher ist schon alles zurecht gelegt, um möglichst schnell diesen Ort zu verlassen.

17. Juni 1916

Gegen ½ 3 Uhr morgens verlassen wir fluchtartig den Unterstand, laufen über zerwühltes Gelände hinweg die Höhe hinauf und erreichen keuchend den Bataillons-Unterstand in der Tettauschlucht. Wir erholen uns einen Augenblick. Ich sinke vor Erschöpfung um, Utffz. Ahring reicht mir kalten Kaffee und einige Cigaretten. Nach ¼ Stunde brechen wir wieder auf[,] laufen vielmehr stürzen den Abhang hinab in die Totenschlucht. Räder, Balken, Trümmern häufen sich dort auf. Unser Weg führt in der Schlucht entlang. In der Dunkelheit verlieren wir ihn, wir laufen zu weit, erhalten Feuer, kehren um, halten uns aber mehr nach Osten, endlich finden wir wieder einen Laufgraben. Treffe Utffz. Mittendorf verwundet, der auch zum Zugführer, Ltnt Ruf will. Endlich erreichen wir ihn in der Minze. Ich erhalte Erlaubnis, zum Sanitätsunterstand zu gehen, um mir Tannalbintabletten u. Opiumtinktur zu holen wegen meines Durchfalls. Bis gegen 12 Uhr bleibe ich dort. Das Trommelfeuer lässt nach. Vom Zugführer erhalte ich Befehl Posten 6 u. 7 zu übernehmen. Gegen 1 Uhr. Ich befinde mich vor dem Posten 2, wo ich den Kameraden Schmidt au[s] Wolfenbüttel treffe (Sohn des Kirchendieners). Da der Franzmann sich ruhig verhält, beschliesse ich Wasser aus einer Quelle gegenüber der Minzeschlucht zu holen. Mit einigen Kochgeschirren u. Feldflaschen laufe ich hin, erhalten aber Schrapnellfeuer unterwegs und nehme Deckung in einem Granatloch. Gott sei Dank waren es nur 3 Schuss. Bei der Quelle angekommen trinke ich mich erst mal satt und verschwinde dann eiligst wieder mit meinen gefüllten Behältern. In der Totenschlucht platzt ein 28er, ich falle hin, die Kochgeschirre sind nur noch halb voll. Endlich komme ich wieder bei Posten 2 an. Wir kochen Kaffee. Ich sitze am Stolleneingang, da sehe ich meinen Kameraden Heidorn den Graben entlang kommen. Er erkennt mich erst nicht, seine Brille ist entzwei gegangen. Er will eine neue holen aus Gibercy. Ich bekomme als Entschädigung für einen Trunk Wasser 3 Cigarren. Gegen 4 Uhr nachm. Aufbruch nach Posten 6 u. 7. Bei Posten 4. Muß ich wegen Granatfeuer halt machen. Ich will in den Unterstand, ist jedoch schon überfüllt, ich bleibe im Eingang sitzen. Nach 1 Std. kommt ein Befehl durch ein Läufer, muß ihn weiterbefördern. Da ich nicht den richtigen Weg weiß, schliesse ich mich ihm an. Nach vielem beschwerlichen Laufen erreichen wir Posten 6 trotz Maschinengewehrfeuer wohlbehalten. Ich erkundige mich nach der Lage von Posten 7. Im Stollen 6 befindet sich ein Braunschweiger mit Namen Bienäcker. Ich nehme meinen kleinen Raum im Stollen ein. Er ist so groß, dass eben nur 2 Personen hineinpassen, aufrecht stehen kann man nicht. In der Nacht kamen mehrere Befehle durch. Bienäcker spielt trotz des Trommelfeuers Mundharmonika. Galgenhumor.

18. Juni 1916

Morgens erhalten wir Nachricht, dass wir diese Nacht abgelöst werden sollen, um in Ruhestellung zu kommen. Wir atmen auf. Der Tag will garnicht hingehen. Gegen Abend: „Diese Nacht um 12 Uhr wird abgelöst.“ Wir machen alles fertig, nach langem Warten ungefähr gegen ½ 4 Uhr, es wird schon wieder hell, erscheint die Ablösung. Raus aus dem Stollen. Der Franzmann schießt auf uns mit Masch.-Gew. Es wird niemand verwundet. Halb kriechend halb laufend kommen wir in der Minze an. Hier wird Gruppenweise gesammelt und im Gänsemarsch, vielmehr Lauf, geht’s zurück. 19. Juni 1916 Gott sei Dank, der Franzmann ist ruhig. Wir erreichen den Fosseswald. Trotz der Anstrengung machen wir nur kurze Zeit Pause, wir erholen uns nur notdürftig. Der Durst macht sich wieder bemerkbar. Wir erreichen die Höhe vor dem Wavrillewäldchen. Hier sehen wir erst die Wirkung des Sperrfeuers der vorhergehenden Tage, alles aufgewühlt. Pferdeleichen liegen noch umher. Dann durch den Wavrillewald, in die Küchenschlucht. Jetzt sind wir erst einigermaßen sicher. Wie laben uns an einer Quelle., es ist furchtbar kaltes Wetter. Wir frieren besonders im Schatten. Die Sonne erwärmt uns etwas. Nach ca. ½ Std. gesellen sich zu uns noch ein kleiner Rest unserer Komp. unter Ltnt. Ruf auf der Viller Landstraße. Langsam gehts weiter, vor Ermattung bleiben wir fast alle 10 Minuten liegen. An der Wegekreuzung nach Azannes sammeln wir uns abermals. 56 Mann ist der Rest der ehemals 180 Mann starken Komp. Ich treffe auf der Landstr. Nach Ville eben ehem. Schulkameraden Utffz. Schuppe aus Fümmelse. Die Sonne ist bereits höher gestiegen und erwärmt uns allmählich mehr. Wir erreichen Gibercy gegen 11 Uhr mittags. Ruhen uns vor der Kommandantur aus. Anfangs sollen wir hier bleiben. Um 1 Uhr brechen wir auf. Wir bitten Ltnt. Ruf um Besorgung einiger Lastautos, da wir vor Ermattung nicht weiter können. Schlieslich erhalten wir zwei. Wir fahren durch Damvillers nach Villarville, wo wir in Ruhe sind. Es wird sich gründlich ausgeruht.

20. Juni 1916

Wir werden entlaust. Pakete und Briefe aus der Heimat werden endlich nach 14 Tagen wieder empfangen. Welche Freude. Tagsüber wird sich auf der Wiese gesonnt.

21. Juni 1916

Um 5 Uhr Aufbruch nach Marville zur Kornprinzenbesichtigung. Um 12 Uhr mittags. Der Kornprinz schreitet mit Exzellens v. Wartenberg die Front ab. Wir stehen dicht am Marktplatz. Der Kronprinz verteilt Eiserne Kreu[ze] und unterhält sich mit den Leuten meiner Korporalschaft. Nach dem Vorbeimarsch an S. Kgl. Hoh. brechen wir wieder auf und kommen gegen 6 Uhr abds. wieder in Villarville an. Natürlich wieder sehr ermüdet.

22. Juni 1916

Morgens 3 Uhr Abmarsch nach Ville-Cloye bei Montmedy. Ich fahre jedoch mit einem Kranken mit der Eisenbahn nach _______________

23.-27. Juni 1916

Aufenthalt in Ville-Cloye. Morgens Exerzieren nachm. Appells. Zuerst wohnen wir in einer Scheune. Vom zweiten Tag an beziehen wir Quartier in der Schule. (Utffz. Tavernier, Specht, Ahring und ich)[.]

Wir besitzen ein Bett mit Sprungfedernmatratze, einen eichenen Schrank, Tische, Stühle u.s.w. sogar Gardinen sind vorhanden. Ich gehe in den ersten Tagen auf Suche nach Lebensmitteln. Von einer älteren Frau erhalte ich nachmittags ständig ca. 2 ½ l Milch und Eier. Von Haus erhalten wir Kaffeebohnen u. Puddingpulver, es wird gekocht. Von meinem Schwager aus Salzdetfurth bekomme ich Angelgerät u. Tavernier u. ich angeln im nahen Flusse, fangen jedoch nichts. Etwa am 25. Kommen neue Ersatz-Truppen an, darunter Fenne Garbe aus Wolfenbüttel. Nachts werden wir häufig von Fliegern besucht.  Während des dortigen Aufenthaltes habe ich an einem der Tage Arrestwache vor dem Spritzenhause.

28. Juni 1916

Um 6.30 Uhr morgens Abmarsch d. I. Batl. Nach Ville-Gloye über Velosnes nach Chareney-Vezin. Dort werden wir verladen, mittags 12 Uhr. Wir fahren über Montmedy, Chauvency, Lamouilly, Margut-Fromy, Carignan, Douzy, Bazeilles, Remilly, Autrecourt-Villers, Yoncq, Horancourt nach St. Juvin. Hier wird ausgestiegen auf der Station werden wir verpflegt. Dann marschieren wir weiter über Grandpré n. Senuc, wo wir um ½ 12 Uhr nachts ankommen und übernachten.

II. Argonnen

29. Juni 1916

Morgens 9 Uhr marschbereit. 9.30 Uhr Abmarsch über Grand Ham ___________ Laneon, Toter Mann-Mühle in Bereitschaftsstellung B.

Der Weg dorthin führt v. Senuc aus dem Tal des _______________ entlang am Rande des Argonnen-Waldes. Bis Lançon gingen wir Zug weise, von hier aus Gruppenweise, da Lançon schon vom Franzmann beschossen werden konnte. Neben dem ganzen Wege her fuhr eine Schmalspurbahn. Von Lançon aus gingen wir über eine Höhe hinweg und gelangten in die Nordausläufer des Argonnenwaldes. Herrlicher, dichter Buchen- u. Eichenbestand, teilweise von Schlinggewächsen durchzogen. Wir folgten also weiter der Eisenbahn über Charlepau [Charleveaux], Toter Mann Mühle durch das Charlottental in die Bereitschaftsstellung B. Hier wurden den einzelnen Korporalschaften Unterstände, sogen. Bunker angewiesen, die wunderschön unter der Erde ausgebaut waren. Von jedem Bunker aus ging ein Laufgraben zum Schutz gegen Granatsplitter u.s.w. Die anderen Wege waren mit Holzrosten belegt.

Wir lagen zu ungefähr 25 Mann in dem Unterstand, jeder hatte seine Ruhestätte, bestehend aus übereinander gelegten Balken, die mit Drahtgeflecht überspannt waren, sodass man sich der Länge nach darauf legen konnte. Den Lagerstätten gegenüber war der Eingang und die Fenster wie ungefähr Kellerfenster und vor diesen die Tische u. Bänke. Verpflegung holten wir Korporalschaftsweise aus dem Charlottental, ungefähr 15 Minuten entfernt, ebenso auch Wasser. Nachts hatten wir sehr unter Ratten zu leiden, die unaufhörlich über uns hinwegliefen.

30. Juni 1916

Morgens hielten wir uns vor unserem Bunker auf. Es war herrlich schönes Wetter.

Mittags 12.30 Uhr Abmarsch in Stellung.

Wir gelangen durch Laufgräben bei La Harazée und Four de Paris und lösen das Res. Inf.-Rgt. 83 ab.

Die Gräben sind sehr gut ausgebaut.

Ich beziehe einen Stollen und bekomme Nachtposten zu stellen. Bei mir sind [Namen fehlen!]

Nachtposten Sappe 25. Ausserdem Grabendienst (von 12-2 Uhr nachts). Die Stellung ist sehr ruhig, nur ab und zu hört man Geschützfeuer. Fliegertätigkeit ist rege.

Grabendienst v. 8-10 Uhr. Der uns gegenüberliegende Franzmann verhält sich ruhig, nur ab u. zu schießt ein Scharfschütze in Sappe 23. Übliche Beschäftigung: morgens Reinigen des Grabens und Auspumpen des vor unserem Unterstande befindlichen Wasserloches mit Hilfe einer Flügelpumpe in stündlichen Zwischenräumen.

 

[Die folgenden restlichen 37 Seiten des Tagebuches sind unbeschrieben.]

Januar 23, 2021
von Jens Winter
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Oskar Volkmann – Offizier beim 3. Oberelsässischen Feldartillerie-Regiment Nr. 80 (Teil 3/3)

Hier folgt nun der dritte und letzte Teil des Kriegstagebuches von Oskar Volkmann.

Volkmann wurde Ende 1917 an die Dolmetscherschule in Berlin abkommandiert. Doch bereits im Januar 1918 sollte er wieder mangels Verwendungsmöglichkeiten zur Truppe auf den südlichen Kriegsschauplatz geschickt werden. Eine Rückkehr zu seiner alten Einheit war nicht möglich, da seine Stelle bereits besetzt war.

Zufällig traf er dann eine alten Kriegsbekannten, der Volkmann in der Landesaufnahme in Berlin vorstellte. Dort wurde er dann auch angenommen und blieb dort bis Kriegsende.

Besonders Interessant sind Volkmanns Berichte über die Revolution in Berlin. Er schreibt über den 9. November 1918 in Berlin:

Nachdem ich zu Haus gegessen (wobei mein Bursche mir erzählte, dass sie auf der Chausseestrasse einen Offizier erschossen hätten) zog ich den Civilanzug, den ich mir abends vorher von Bruder Erst hatte holen lassen, an, um mich auf der Strasse umzusehen. Alles ruhig, Kinder werden an die schöne Herbstluft gefahren; ein paar Soldaten kommen ohne Kokarden daher. Wie ich an den Tiergarten komme nahe dem Stern, fährt über die Hauptallee ein Lastauto, auf dem sie einen roten Lappen schwenken. Schreie ertönen, ein zweites Auto langsam hinter dem ersten und dann eine wilde Menge, Soldaten und Civilisten mit Gewehren dazwischen Frauen. Autos werden angehalten, ein paar junge Kerls mit Gewehr und gezogenen Seitengewehr springen über den Rasen auf eine Autodroschke zu, die angehalten wird, und, visitiert, weiter fährt. Ein Beamtenstellvertreter, am Arm seiner Frau, ohne Waffe und mit hässlichen Stellen, wo die Kokarden sassen, kommt eilig vorbei, die Angst im Gesicht. Schüsse hört man nicht. Auf den Nebenwegen gehen Spaziergänger; jeder wechselt Worte mit andern. „Kommt man dahin noch durch?“ fragen ein paar Soldaten, die noch mit Kokarden und Seitengewehr gehen.

 

Durchs Tiergartenviertel gehe ich zu den Geschwistern. Gerade als ich vorm Haus bin, kommt von der andern Seite aus der Potsdamer Str. wieder ein Zug[.] Zwei Lastkraftwagen voll Kerls – nachher hörte ich dass Masch. Gewehre darauf seien, und eine riesige Schar von Mitläufern. Der alte Portier liess mich ein, draussen wurde grade mal wieder „Es lebe Liebknecht“ gerufen. Schon kurz darauf kamen mit Tschakos und vollem Gepäck Jäger oder Marineinfanterie – sie hatten wohl das Reichsmarineamt besetzt – und waren ebenso butterweich herübergerutscht wie das Militär an allen andern stellen. Oder welchem Befehl mochten sie folgen?

Zeitungen wurden wie immer verkauft – in der Vossischen Abendzeitung steht ausführlich, dass der Kaiser abgedankt und dass der Waffenstillstand geschlossen. So stürzt des deutschen Reichs Herrlichkeit, zugleich mit allerbürgerlichen Ordnung zusammen. Kaum macht der Verstand es sich klar, dass dies vielleicht mein letzter Tag als Offizier, im feldgrau, war; dass während ich noch Mittags geschrieben hatte, alles hier ist ruhig – mit Sonnenuntergang eine neue Ordnung da war.

Am 11. November 1918 resümiert er über die Revolution:

Merkwürdig wie sich doch alle Revolutionen gleichen. Wie beim Wasserfall vorher das Stagnieren, dann einsetzende Bewegung, die, erst unmerklich, überraschend schnell zum Absturz bringt. Für Ludendorffs Abgang, die Demokratisierung des Kabinets, die bei den ersten consitutierenden Versammlungen nur mühsam hergestellte Einigung zwischen radikalen u. noch Radikaleren, für alles sind die Vorbilder da, und die Zukunft? Der Zeitungsleser von gestern damit erfreut, dass der Bolschewismus auch die, die bei den ersten constituierenden Versammlungen nur mühsam hergestellten Einigung zwischen Radikalen u. noch Radikaleren, andern Nationen, Hollender, Italiener erfasse – aber die Presse, dem Bolschewismus hörig geworden, lügt seit Einführung „völliger Censurfreiheit“ noch viel faustdicker wie vordem.

In den Tagen nach der Revolution beendet Oskar Volkmann am 18. November 1918 sein Kriegstagebuch. Er schreibt zum Schluss:

Der Krieg ist zu Ende und damit dies Buch, das meine Kriegseindrücke aufnahm mit der Zusammenhanglosigkeit, die, währendem Erleben, die einzige Möglichkeit einer Darstellung ist.

Hoppenstedt, 18. November 1918.

Kriegstagebuch von Oskar Volkmann von Dezember 1917 bis 18. November 1918 (Teil 3/3)

Berlin, Hotel Atlas.

 

Seit fast zwei Monaten nun habe ich mein Kriegstagebuch nicht mehr in die Hand genommen, denn seither war der Krieg für mich – wenn auch nicht vorbei, so doch suspendiert. Doch haben diese zwei Wintermonate in Deutschland mir mehr Eindrücke, mehr Erlebtes und Unternommenes gebracht wie die Mehrzahl von den 40 „von denen ich wie die Maria Egyptiaca (Faust II, Schluss) sagen kann, dass ich, treu in Wüsten blieb.“

Also der Wachtmeister trat eines Morgens herein wie jeden Morgen, in mein Zimmer. Aber um seinen ruhigen Mund zuckte es auffallend, als er nun einen Zettel vorlegte: „Oberlt. Volkmann kommandiert zur Dolmetscherschule nach Berlin S.O.“

Da stands also, also doch noch! Roess, „Satteln“ Noch ein letztes Mal wollte ich über die herbstlichen Ödfelder galoppieren. Um 5 Uhr liess ich die Mannschaft antreten und verabschiedete

mich von jedem persönlich; abends noch ein Fass Bier mit den Unteroffizieren. Der Abschied war mir nach soviel Kriegsmonaten nicht leicht. Die treue feldgraue Kutsche in der ich anderen Mittags zur Bahn fuhr, hatten sie mir bekränzt wie einen Hochzeitswagen. Im Talgrün hinter Mercy-le-Haut liess ich halten; ich konnte doch nicht so in Audun am Bahnhof ankommen. Das Gepäck war voraus, es hatte einen besonderen Wagen gefüllt, denn wenn man ein so lange Kriegsexistenz auflöst –

Bauer und Müller 3 fuhren zu seiner Beförderung mit; trotzdem erreichte ich den erhofften Anschluss nicht; der mich noch abends spät nach Düsseldorf gebracht hätte, sondern lag vier Nachtstunden in Koblenz im Wartesaal. In Düsseldorf 3 Stunden, in Hoppenstedt einen Tag – am nächsten war ich in Berlin, ging ins Hotel Atlas und meldete mich in der Dolmetscherschule.

Man wusste dort von nichts – und dies erschien mir auch weiterhin die hervorstehende Eigenschaft der dortigen Geschäftsführung: niemand teilte einem etwas Bestimmtes mit, gab klare Vorstellungen. Also ich wurde für den italienischen Kursus vermerkt und eine Prüfung wurde angesetzt. Nun hatte ich zwar, nur aus verklungenen Erinnerungen meine italienischen Sprachkenntnisse aufzufrischen versucht, aber vor dieser Prüfung bangte mir doch mit Recht. Denn Kriegsjahre zahlen doppelt auch in dem, was man vergisst von ehemaligen Können. Also ich fiel glänzend durch. Der Lehrer, Leutn. D. bezeichnete es als höchst unwahrscheinlich, dass eine spätere Wiederholung der Prüfung ein anderes Ergebnis haben würde. Der Adjudant, mit dem ich sprach hatte dagegen mehr Verständnis für geistige Kriegsbeschädigungen und versprach die Sache beim Hauptmann vorzubringen.

Es geschah nun zunächst nichts. Ich besuchte den Unterricht, der in einem Keller befindlichen Versammlungsraum des Marinehauses stattfand, „ricovero parascheccie“ von uns Italiani genannt. Einige Herren kamen bald zur Front, die Zahl von 8- 10 Schüleroffizieren schmolz etwas zusammen. Für alle Fälle versuchte ich zu ergründen, wenn ich eigentlich meine Kommandierung zu danken hätte, ob nun mein Gesuch oder etwa auch dem Hauptmann Rupell, dem Schwager Hollenders. Auch suchte ich die Kriegsrohstoffabteilung auf von der aus die Offiziere zur wirtschaftlichen Bearbeitung unserer Etappe versandt werden. Auch hier wurde mir einige Hoffnung gemacht.

Da las ich eines morgens am 5. oder 6.12 im Tagesbefehl; Oberst.V. Zur Truppe zurück. Dem Hauptmann, der mich tags zuvor bei einer Besichtigung des sogenannten Anfängerkurses hatte sitzen sehen, in den ich aus lauten Eifer ging, war an mein Dasein erinnert worden.

Ich trug ihm nun andern Tags, im Helm, vor wie die Verhältnisse bei mir lägen und dass ein Zurückkehren zur Kolonne, nachdem ich mich gemeldet, nicht allzu angenehm wäre. Er gestattete mir entgegenkommender Weise noch zu einer neuen Sprachprüfung einzuarbeiten, nun arbeitete ich energisch weiter und genoss nur nebenbei Berlin, das hungernde Berlin des 4. Kriegswinters mit seinem unverminderten Rummel. Kurzer Besuch von Liese Mitte Dezember – die Prüfung, derenthalben ich unser Zusammensein schmälerte, fand nicht statt. Weihnachten kam näher und damit das Ende des Kurses. Die Offiziere, die nicht ins Feld gesandt wurden, blieben von selbst bis zum nächsten Kurs. Der fängt erst am 3. Januar an. Dazwischen aber, vom 22. Dezember bis 2. Januar, wird man nach Hause reisen können. Traumhafte Aussicht! Es gibt zwar allerhand einschränkende Bestimmungen für Urlaubsverkehr an diesen Weihnachten der abgenutzten

Schienen, der astmatischen Lokomotiven – aber zum Schluss gehts doch – wie stets beim Militär.

Es folgt der Weihnachtsurlaub in Hoppenstedt, dem ein poetisch veranlagtes Gemüt zu einem „Winteridyll“ im Sinne des Stielerschen unbedingt verarbeiten würde, während ein zeitgemäßer Kopf ihn zu einem höchst wirkungsvollen und einträglichen Film verwerten müsste. Etwa so erstes Bild, der verschneite Traumwald, in der Morgensonne funkelnd. Durch den tiefen Schnee stapft der feldgraue Urlauber mit seiner Frau, Axt und Säge in der Linken, um einen Weihnachtsbaum zu erlegen. Die umgesägte Tanne wird dann von beiden, voll Ausgelassenheit, nach Hause geschleift. Zweites Bild u.s.w. Vorher natürlich Bahnhofshalle im Dunkel des Wintermorgens, Bogenlampen blinzelnd durch den Dunst, der Bahnsteig überfüllt mit paketebeladenen Kriegern, Einlaufen des Zuges, Stur auf die überfüllten Wagen – –

Es folgt Kinderjubel, feiertäglicher Gottesdienst in der Dorfkirche, Schlittenfahrt und viele volle Schüsseln auf dem einsamen Heidegut.

Am 3.1.1918 begann der Sprachkursus wieder wie üblich; am 4. sagte mir der Lehrer, er werde mich am andern Tage prüfen, und wenn ich auch über dem Ausgang ziemlich ruhig war, so passte mirs doch nicht recht, dass ich gerade an meinem Geburtstag gesteigert ochsen sollte, und liess mich auch nicht abhalten zu feiern. Die Prüfung war diesmal von beiden Teilen – dermaßen gut vorbereitet, dass keine Fehler vorkamen. Am 6.1, der ein Sonntag war, sollten wir uns gleichwohl alle in der schule versammeln, und tun, wie wenn wir flüssig arbeiteten – denn ein hohes Tier aus dem Gr. Hauptquartier wollte die Schule „in Betrieb sehen“. So setzte ich bemooster Scholare mich auf die Bank – wie jeden Morgen den Tagesbefehl vorher lesend. Und da stand, dass ich, nebst anderen Herren des ital. Kursus, wegen mangelnder Verwendungsmöglichkeit auf den südlichen Kriegsschauplatz zur Truppe zurück geschickt würden. Das heisst, zum Ersatztruppenteil, denn meine Feldstelle, die Kolonnenführung ja ohne dies in andere Hände übergegangen.

 

Jan.1918

Sechs Wochen nur währte dies verspätete Studentendasein an der Dolmetscherschule – und gleichwohl musste ich mehrfach nachhelfen, dass ich nicht schon nach 2, nach 5 Wochen abgeschoben wurde – während andere in den Vorbereitungskursen viel länger herumsassen wie ihnen lieb war. Der Bedarf an der Front war eben unregelmäßig – wie es denn ein Zufall war, dass gerade, als ich mich der fertigen Ausbildung näherte, unsere (Operationen) deutschen Unterstützungen gegen die macaronis ganz zurückgezogen wurden. Der Unterricht war recht zweckvoll, morgens Sprachkursus, der die allgemeine Kenntnis der Sprache voraussetzte, und mit allen Schützengrabenausdrücken, den Abzeichen der Armee und Marine vertraut machte. Nachmittags sogen. techn. Unterricht, der uns mit den höchst ingeniösen „Arend“aparaten bekannt machte. Da der Betrieb sinngemäß auf die Kriegsbedürfnisse eingestellt war, so fehlte alles hemmend Kommissige. Durch einen Zufall, das Wiedersehen eines alten Kriegsbekannten in Hornborstels Buchhandlung, wurde ich – während schon mein Marschbefehl und Fahrschein nach Hagenau zur Einsatzabteilung geschrieben war – bei der Landesaufnahme eingeführt und angenommen. Zunächst wurde ich dort vorgesehen für die Vermessungsschule in Warschau; – da aber der Ordonanzoffizier des Obersten Launhardt ins Feld kam, erhielt ich dessen Posten. Zunächst glaubte ich mich bei meinem Alten und nach der langen Gewöhnung an militärische Selbständigkeit – für eine solche Tätigkeit nicht recht geeignet. Ich denke aber, mich gut eingespielt zu haben, und konnte bald meine volle Arbeitskraft an eine Sache setzen, die -, während der kurzen Monate meiner Mitarbeit,- um ein Vielfaches wuchs. Der „Leitung der Gesamttriangulation“ wurden, auch die an die Landesaufnahme übergehenden Vermessungsarbeiten des besetzten Ostens übertragen. Hier war das Arbeitspersonal, Stäbe, Vermessungstrupps, Trigonometer, Topographen erst aufzustellen, z. T. erst zu beschaffen, und die Leitlinien mussten festgelegt werden, während gleichzeitig Aufgaben in der Türkei hinzukommen und Rumänien.

 

1918

Vom 1.II bis ___V, kurz nach Pfingsten, arbeite ich mit Oberst Launhardt zusammen; einen Vorgesetzten, wie man ihn wohl selten findet in solcher Freundlichkeit und Offenheit. Ich gab mir um so mehr Mühe da ich nie ein Wort des Tadels zu hören bekommen habe. Keinerlei Kommiss-betrieb, der Geschäftsbetrieb war auch nicht gross genug, um eine eigene buro mäßige Ordnung zu haben. Oberst L. erfasste sehr rasch, arbeitete schnell und machte sich daher die Arbeitsstunden recht bequem. Von mir verlangte er nichts anderes. So blieb ich wieder ein paar Tage an der Dolmetscherschule – am Donnerstag stand aufs neue im Befehl: „Der Abmarschbefehl ObLt. Volkmann bleibt bestehen“. Aber die paar Tage hatten genügt mich einen andern Weg finden zu lassen für mein Kriegsdasein: Ich war in einer Buchhandlung zufällig meinen alten Bekannten Hauptm. Trauss begegnet, mit dem ich schon in Flandern auf Bücher gefahndet hatte. Beim gemeinsamen Abendessen erwähnte ich, dass ich mit morgen ein Stellungsloser  sei, u. Er schlug mir so gleich vor, mich bei dem Chef der Landesaufnahme, bei der er seit kurzem beschäftigt sei, unserm alten Divisionsk´deur von Bertrab zu melden. Als ich diesen anderen Morgens im Dienstanzug meine Bitte vortrug, nahm er mich gleich an u. ich sollte wenn die Genehmigung der Ers. abt. einträfe, der neugegründeten Schule für Vermessungsausbildung der Polen in Warschau als Offizier beigegeben werden. Die Einwilligung liess lange auf sich warten – zwischendurch durfte ich „zur Vervollständigung meiner Feldausrüstung nach Düsseldorf fahren. Als sie am 31.1. kam, war über meine Verwendung schon anders bestimmt: als war zum Ord. Offizier des Obersten im Generalstabe Launhardt bestimmt, der die Gesamttriangulation unter sich hat. Einarbeiten war bei dem geringen Geschäftsumfang leicht.

Vom 7-10.II machte ich mit Oberst L die erste Dienstreise nach Warschau u. Brest-Litowsk. Im Schlafwagen fuhren wir vom Bahnhof Friedrichsstrasse bis Warschau durch, wo wir morgens acht Uhr, mit knapp 1 Stunde Verspätung einliefen. Das Leben der slavischen Grossstadt, obgleich durch den Krieg sicher stark gebunden und modifiziert, pulsierte lebhaft. Flinke Droschken; deren Gummiräder der Deutsche des Jahres 1918 mit fremdartigem Staunen sieht, fliegen über das Holzpflaster. In den Läden sind noch die bei uns traumhaft gewordenen Dinge reichlich ausgelegt: Schinken und Schmalz, Backwerk, gutes Schuhzeug. Das große Hotel ____ ist mit internationalem Comfort angelegt; wir erhalten durch die Kommandanten jeder ein gutes Zimmer zugewiesen. Die Besichtigung der Vermessungsschule ist eine kurze Stippvisite. Am anderen Morgen nach Brest-Litowsk, auf das in diesen Tagen die Augen der Kriegsführenden mit Spannung gerichtet sind. Dass der Friede mit der Ukraine in der letzten Nacht unterzeichnet sei, hörten wir schon unterwegs. Litauisch-Brest ist eine Ansammlung von Häusern, von dürftigen einstöckigen, teils nach russischer Art aus Holz gebauten, teils mit Putzschwindel international verkleideten. Sehr weiträumig in dieses Land, das ja nichts kostet, aufgestellt – doppelt trostlos im jetzigen Zustand der Zerstörung. Die Citadelle liegt 20 Minuten davon. Ihre – sämmtlich nicht zerstörten Kasernen und Häuser beherbergen nicht nur das Oberkdo. Ost, sondern in diesen Wochen auch die Friedensdelegationen der Mächte, die in einer Reihe von Hausblocks aus rotem Ziegelstein, etwa für verheiratete Unteroffiziere, untergebracht – sich wenigstens nicht über Ungleichheit in der Quartierung beschweren können. Übrigens merkt man von der Bedeutung dieses Ortes und den Fäden, die sich von hier zu den Hauptstädten der Kriegführenden spinnen, nicht viel, die Strassen sind leer kaum sieht man einen Kurier. Der Oberkommandierende, der alte Leopold von Bayern, hatte seinen 70 Geburtstag, und so kamen wir gerade recht zum Fest. Oberst. L war ins Casino 1, der „Spitzen“ geladen; in dem grossen Casino 3, wo ich war, ging es aber nicht weniger festlich zu – zumal in dem Nebenzimmer, wo die verschiedenen Gattungen der kriegsmäßigen Luftfahrerei ihre besondere Tagung mit viel flüssigen und einem rheinischen Tönchen begingen. Ich war durch Freund Albert Poensgen dorthin mitgenommen – und der Oberst hatte den sicheren Riecher als er mir vorher sagte: „ich hole Sie dort ab“ – um so bis in die späteren Stunden an dieser davor hafteren Tafel kleben zu bleiben.

18/19.2 allein Dienstreise nach Münster a/ St.; zurück über Rüdesheim, Düsseldorf, wo ich mit Angina 2 Tage festlag, Hoppenstedt (wohin ich erst nach  einem unfreiwilligen Nachtaufenthalt in Celle kam).

24.02 zurück Berlin

7. März 1918 abends Schlafwagen Dienstreise nach Stuttgart, Besichtigung der Ersatz- und Versuchsstelle für im Feld zu verwendende Trigonometer u. Kastenzeichen. Besonders die bisherigen Ergebnisse und die Methoden des trigonometrischen Bestimmens von Punkten aus Flugzeugphotoprogrammen, werden uns durch Lt. d. R. Fischer einen Wissenschaftlers vorgeführt. Dies Problem durch welches die Flugzeugphotographie nicht nur ein wichtiges Hilfsmittel des Kastenzeichnens würde, sondern mit der Genauigkeit trigonometrischer Messung die Punkte des Geländes berechnen lassen würde, war schon bei dem eine Woche vorher in Berlin tagenden Kongress ein in Brennpunkte stehendes gewesen.

Am 9.2 11 Uhr vorm mit einem Dienstauto entzückende Fahrt durchs Schwabenland (Marbach, Waiblingen,) abends 8 Uhr Rückfahrt bis Erfurt, von wo ich für den Sonntag nach Bachstadt fahre.

Am 15 abends nach Wien mit Oberst L. und Hauptmann Degners. Besprechung im mil. geogr. Institut.

Montag 18. habe ich für mich. Von ½ 9 – ½ 1 allein unter den schätzen der kaiserlichen Gemäldegalerie, nachm. Schönbrunn, Stadtbummel Abendessen 7 Uhr zu Nordwestbahn; Ankunft anhalten 03.11 Uhr früh. Die Aufgaben der „Leitung A“, d. h. des Obersten (Launhardt), vergrössern sich in diesen Monaten wie ein Luftballon, der aufgeblasen wird. Eine Vermessung und topographische Aufnahme der ganzen Gebiete, die von uns im Osten jetzt besetzt gehalten werden.

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22.03.1918 Am Tage unseres grossen Sieges an der Westfront hält hier in Berlin Herr Lohn-Wiener oder Wiener-Lohn einen Vortrag über Cezanne und Gauguin, Van Gogh „jene epochale Trias“ u.s.w. in neugeformten Superlativen.

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Pfarrer Schütz soll die Witwe meines Kampfmann Langrock geheiratet haben (oder wohl richtiger umgekehrt)- für Den der die Figur dieses Satyrspiels nach der Tragödie kennt, ist es diffizile, tragicomediam non scribere.“

 

Vom Ostersamstag, 30.03 bis 11.04 Osterferien in Hoppenstedt Besuch von Oberst L. zur (Birkhahnbalz), und Vorfrühling in der Heide.

Am 15.04. abends mit Oberst L. zu den Vermessungsarbeiten der Gesamttriangulatuion im Westen. (Es war für mich schmeichelhaft, dass Hauptmann Leupold, den Adj., bat, dass ich hier bleiben solle als der in den wichtigen in Vorbereitung befindl. Arbeiten bewanderte. Aber der colonello wollte sich u. mir den Spass nicht verderben) Morgens Köln, nachm. 06. Trier, wo mit Pehnack im Casino eine gediegene Weinprobe nimmt. 17.04. Fahrt nach Trierweiler, wo ein Vermessungsturm; zurück Trier, dann über Station Waldhof nach Luxemburg. Bei der schnellen Fahrt im offenen Auto hatte ich so gefroren, dass mir der Pelz, den eine Kompanie des Landsturmbattl. aus ihrer Kammer mir lieh, sehr willkommen war. Auf den Stationen Bericht der Beobachter Messungen konnten wegen der Witterungen in unserer Anwesenheit  nicht ausgeführt werden. Nachmittags Luxemburg, sah mir das Städtchen allein an, mache Einkäufe

18.04 von Luxemburg über Arlon nach Monmédy [Montmédy] (aus pneumatikalischen Gründen), Margut, St. Walfroi [St. Walfroy], Sedan. abends „Traube“ wo auf dem Turm der hochgelegenen Wa[l]lfahrtskirche die „Gruppe 2“ ihr Beob.gerüst hatte.

19.04 Sedan – Bouillon (von fern den Holzturm gesehen) – zudem in der Einsamkeit weitab von der Straße gelegenen Jagd schloss der König der Belgier, Ch. des amérois, das wir fleißig besahen u. photographierten[,] dann Besichtigung der auf dem Felsen über der Sambre trotzenden Burg der Grafen von Bouillon. Die baugeschichtlich so interessante Burg wurde besichtigt. Weiter über weite, einsame Waldhöhen – denen Axt und Säge- Hilfsmittel für den Stellungsbau – mit deutscher Gründlichkeit- zur Leibe gegangen sind, nach Mézière-Charleville [Charleville-Mézières]. In dem neu ausgestatteten Offiziersheim aßen wir (erneut Panne!) und fuhren abends noch nach Mainbrécy [Mainbressy ] (Station 3) und Vervins, wo ein behaglich – alt eingerichtetes französisches Hotel das Offizierquartier war. Hier hinten merkt man nicht sehr viel von den schweren Kämpfern – nachts ein paar Flieger, für Weller, den Burschen u. Buchbinder, den alten Knacker, den Launhardt überflüssigerweise mitgenommen, ein Heldenerlebnis.

20.04 morgens fährt auf dem laut übers Pflaster klappernde Verbreiterungsplatten an den riesigen Rädern eine Traktorenkolonne ein geheimnisvoll überdecktes Geschütz vorbei. –

Samstag. 20. Vervins-Marle neuen Punkt, den Pehnack erkundete. Mittags Guise. Fahrt Thioleth [Thiolet], wo ein riesiges Beob. gerüst, von Sembries gebaut, fast fertig ist. Rückkehr Guise.

Sonntag. 21. Ausflug westwärts u. Quentin, dem grauen voll zerschossenen, und in die Stellungen

westlich von wo einige „Kriegsandenken“ mitgeschleppt werden kostete/Schlauch/Reifen

 

[Bemerkung am Rand, Bezug zum Text unklar:] die sich einen Monat ja weit hinter unsern Linien liegen

 

Abends Le Cateau.

Montag. 22. – Avesnes – Maubeuge Ausflug im Auto ins Belgische

Dienstag.23. Maubeuge Köln, Mittwoch Köln – Düsseldorf – Berlin.

Hier finde ich die furchtbare Nachricht, dass 3 liebe Regimentskameraden, darunter der treueste, Konrad, gefallen sind. Vorher die Nachricht vom Tode von Otto Preyer und die uns in Herbesthal erreichende Trauerkunde, die jeden wie der Verlust eines persönlichen Freundes traf, dass Richthofen gefallen! Das Niederdrückendste sind die Gegensätze! Der Egoismus dieser mehr dem Vergnügen wie etwas anderen dienenden „Dienstreise“ wo hier die Aufgaben drängen. Auch die beschwörenden Plakate zur Kriegsanleihe stehen in einem bösen Gegensatz zu der Art wie hier Staatsmittel ausgegeben werden, herumgereist wird „da es ja jetzt keinen Etat giebt.“ Besser wie Kriegsanleihe zeichnen ist: Dazu beitragen, dass der Kriegsanleihe bedarf möglichst nicht ins uferlose wächst – da kaum mancher ein Teilchen zu helfen.

Zum Landsknechtsdasein sieht meine Generation sich noch länger verurteilt, die wir uns das Leben gedacht hatten, in Erfüllung eines erwählten Berufs, mit Frau und Kindern.

Nun liegt dies Dasein (diese Kultur) irgendwo, hunderte von Kilometern fern, noch immer in Kisten und vielleicht werden wir es um uns erst wieder aufbauen für den Lebensabend wie jener Condottiere, dem die sehnende Gattin während seiner Kriegsfahrten die Villa Imperiale bei Pesaro erbaute mit der Aufschrift: „redeunti e bellis conjugi erexit uxor fidelis“

Bis dahin aber schlägt man täglich seinen Purzelbaum in der Tätigkeit, in die der tausendste Zufall einen stellte.

Berlin, das geistige Berlin, ist eigentlich noch ganz vorkriegs-zeitlich: Wedekind, und die Mehrzahl der Litteraten die zu Worte kommen, leiden noch an den selbstbereiteten Schmerzen der Überkultur (aus Mangel an anderen schwereren Erfahrungen) und ihre Dichtungen ihre Weltanschauungen werden (wie gestern, 28.4.) vor einem ganz vor-kriegszeitlich wirkenden Auditorium von Kunst- Weiberln, semitisch aussehenden Jünglingen, vorgetragen – übrigens vorzügliche Deklamation – von L. Hart.

04.05.18 Dienstreise mit Excellenz v. Bertrab und Oberst L. nach Jena zu den Zeiss-Werken. Anschließend Weimar und Besuch in Bachstedt über Sonntag Montag.

Dass unsere gewaltige Frühjahrsoffensive nicht zu einem vollen „Durchbruch“ gediehen ist, wird bedauert und betrauert. Mir scheint ein solcher „Durchbruch“ ins Freie „der uns wieder zu Zuständen wie im August 1914 führen würde, heute unmöglich. Denn wenn die Stoßtruppe auch so viel Stellungen hintereinander überrannt hätte, dass schließlich keine Truppen, keine ausgebauten Stellungen mehr vor ihr liegen würden – dann – kann sie selbst nicht weiter. Nicht nur wegen eigener Erschöpfung – die soll auch als nicht vorhanden angenommen werden – sondern weil der Tross durch das zerfurchte Gelände der Linien einfach nicht so nachkommen kann. Und ohne die Wagentruppen: die Kanonen, die ungeheuren Munitionsmengen, die Verpflegungskolonnen können die zusammengeballten in Infanteriemassen nicht vor. Viel schneller wie die herankommen, hat unbedingt der Gegner Reserven von anderen Fronten von rückwärts durch das – noch unzerstörte Gelände herangekarrt, die, wenn nötig auch ohne vorbereitete Stellungen, das artilleristisch nicht mehr vorgearbeitete Vorgehen der Infanterie aufhalten. Deshalb ist – was vom Standpunkt des alten Grabenkampfes 1915 paradox klingt – nicht das Überrennen der feindlichen Hauptstellungen das schwerste Stück – sondern die Verluste sind nun so schwerer geworden, je weiter wir darüber hinausdrangen.

Eine andere, wirklich vorhandene Gefahr beim Durchbrechen ist das Finden von grossen Vorräten das unsere auf essbare Schätze schwer erpichten Jungens einfach festkleben lässt. Bei Montdidier z.B. sind die erbeuteten Schokolade- und Sektmengen dem Weiterdringen verhängnisvoll geworden.

Da mein Katarrh anhält, lasse ich mich vom Arzt untersuchen und ein leichter Lungenspitzenkatarrh wird festgestellt. Himmelfahrt brachte ich im Bett zu und vor Pfingsten wurde mir ein sechswöchentlicher Erholungsurlaub verordnet. Ich reiste erst nach Rückkehr von Oberst Launhardt am 23.05 nach Hoppenstedt u. kam am 05.07 wieder nach Berlin. Sechs Wochen wie im Frieden.

Gartenbau und Kindeszucht und Lesen guter Bücher, vor allem musste ich ja meiner Gesundung wegen Liegen im Freien und untätig sein.

Nach der Rückkehr heile ich mich in Berlin in der behaglich eleganten Wohnung, die mir in der Bochumerstrasse von ihrem Inhaber, einem kriegsverletzten Offizier überlassen ist, erst völlig aus. Tätigkeit nicht übermäßig groß da in meiner Abwesenheit von Major von Rönne die Geschäfte der Leitung A. organisatorisch stark ausgebaut und noch andere Offiziere beschäftigt sind.

In unserer Politik vor dem Kriege war einer der schwersten Fehler die Überschätzung Oesterreichs als einer Macht, seine Beurteilung aus einer Perspektive der Kabinettspolitik, die die centrifugalen völkischen Triebe unterschätzt, wie Metternich unseligen Angedenkens, als er die Donaumonarchie neu zusammenklebte, nach der Landkarte. Allein die furchtbare blutige Ironie der Geschichte ist es, dass die Preußen-Deutschland, dass der Habsburgerstaat einen nieder zu halten suchte, wie er konnte, nun sein ganzes Herzblut vergiesst, um dieses Staatengebilde zu halten, das doch nicht mehr zu halten ist. Dieser Zerfall schon soweit fortgeschritten ist, dass zum Beispiel in den Kriegszügen der abgefallenen Tschecho-Slovaken eine Erscheinung zeigt, wie es die Weltgeschichte wohl noch nicht gesehen hat. Diese Leute, die schlechte Soldaten waren, solange sie im Felde lagen gegen die Feinde ihres Staates, beweisen Zähigkeit und Todesmut nicht nur, sondern auch Disziplin, als sie nun kämpfen können und dem Ziele Oesterreichs zu zerstören. Gegen den Staat, von dem Sieg, eine Legion von 40-60 Tausend Hochverrätern ihr Volkstum losreißen wollen, können sie aus der Ferne ihre Gefangenschaft, die Waffen nicht richten – es genügt ihrem Willen, dagegen zu kämpfen, ihrer Zähigkeit, wenn sie das Russland, das mit Oesterreich Frieden schloss, angreifen. Auf tausende von Meilen getrennt von Freunden, von einer helfenden Basis, gegen die Übermacht so riesigen Massen wollen sie doch kämpfen, kämpfen – Uns kann recht sein, wenn so in der Wolle gefärbte Feinde des Germanentums nun ordentlich zur Ader gelassen werden, nachdem sie regimenterweise überlaufend, vorher ihre Kraft erhalten hatten – aber ausrotten kann man ihre [stirps?] nicht mehr.

In unserer Lebenshaltung sind wir heute – trotz aller Einschränkungen – noch vor kriegszeitlich; der Geldverdienst ist heute bei der Mehrzahl der Leute ein wesentlich höherer, dass die Teuerung der Waren, die ja auf manchen Gebiet erst eine Folge des so stark vermehrten flüssigen Geldes ist, vom einkaufen, vom Geldausgeben nicht abhält. Und ob dies und das wirklich weniger gekauft wird ist ja nicht das Entscheidende, sondern die Gesinnung, der Wille einfach zu sein. (weniger Eleganz etc.) Die wirkliche Einschränkung wird erst eintreten nach dem Kriege, wenn die Kriegsaufträge, die mit den gepumpten Milliarden bezahlt werden, wegfallen.

 

Anfang August und Anfang September Besuch von Liese in meiner möblierten Wohnung. Ich habe mich von Berlin weggemeldet aus „inneren Gründen“ – auf die freiwerdende Stelle des Leiters der Hauptdreiecksmessung West. Beende damit nach 10 Monaten mein Berliner Gastspiel.

Vorher sendet mich der Oberst zur Teilnahme einer Grundlinienmessung nach Rumänien, – ein willkommener Auftrag, und ich sehe es nicht als meine Sache an, zu prüfen ob in diesen bitterschweren Zeiten eine solche Arbeit kriegswichtig genug ist. Für die trigonometrischen Arbeiten im Ölgebiet von Leutnant Wrage giebt sie eine feste Unterlage. Ich fahre Sonntag, 22.09. von Berlin über Liegnitz, wo ich mir einen kurzen Überblick der dortigen Barockarchitekten erschaffe – nach Breslau, dessen Städtebild ich einen Tag studiere. Montag Abend, nachdem ich auf dem abgelegenen Freiburger Bahnhof mit den von Josefstadt zur Messung, kommandierten Herren zusammengetroffen bin, fahre ich allein mit Schlafwagen nach Budapest, dessen großstädtische, regelmäßige Anlage mit dem lärmvollen magyarischen Strassenleben mich bis Mittwoch mittag fesselt. Weiterfahrt über Arad – wo ich glücklicherweise aus dem übervollen ungarischen Schnellzug in den deutschen „M.U. Zug“ steigen kann. Am anderen Morgen um 6 Uhr Schässburg mit der auf grünen Hügel lagernden Kirche. Halt bis Mittag. Stadt, Schlossberg, Spaziergang weiter Kronstadt.

Freitag 27.09. Zinno bestiegen, Stadtkirche, Aufnahmen Weiterfahrt über die Berge nach Predeal, weiter Campina Ploesti [Ploiești]. – an Baicoi [Băicoi]fuhr der Schnellzug vorbei. Abendessen, Telefongespräch mit Wrage in Calinesti [Călinești]; darauf Rückfahrt nach Baicoi, wo mich Wrage im Wagen abholt im Landsitz Cantacuzenu.

Fahrt nach Campina mit Hauptm. Breitter.

Sonntag: Spaziergang zum Weinberg.

Montag: Beginn der Basisvorbereitungen, ich lerne das Dasein des rumänischen Bauernvolkes in dieser herrlichen Gegend, am Fuss der Berge, die dem Landschaftsbild den Stempel geben, kennen.

Nachm. Fahrt nach Magureni [Măgureni], wo wir auf dem Gut Dörrpflaumen, Dörräpfel, Pflaumenmuß im Grossen einkaufen. Ein Kastenwagen muss die schweren Kisten abholen. Bei der Rückfahrt in Floresti [Florești] Halt bei unserer dicksten Freundin die den obligaten Zuika mit einem Glas Buttermilch kredenzt. Das Herrenhaus des „Doktor“ Kantacuzenu – eines Mitgliedes der bekannten Fürstenfamilie dem hierherum riesiger Landbesitz gehört – ist von der Strasse her einstöckig, weiss geputzt wie alle Häuser hier und mit seinen flachen Dach wenig imposant.

Nach der Rückseite wo das Gelände zur Prahowa Niederung abfällt zweistöckig mit ein paar Gartensälen, die, halb in der Erde steckend, vorzüglich angenehm sind für die brütend heissen Sommertage. Alle Räume sehr gross, wenig Fenster, Durchaus Pariser Einrichtung. Auch die Bücherschränke verraten die völlig französisch gerichtete Kultur.

Mittwoch 02.10. nachm. Wieder zum Mosttrinken und Traubenessen mit den anderen Herren der

Messung zum Weinberg, wo Wrage sich von der reizenden nicht trennen kann.

Donnerstag Bukarest, das wie ein riesiger Trödelmarkt wirkt. Zusammen hanglos steckende Häuser, Eleganz Pariser Kitsch, neben dummen Hütten dazwischen verstreut die kleinen orientalischen Kirchen.

Dass unser Feldgrau noch absolut die Herrschaft und Ordnung hat, hindert die rumänischen Offiziere nicht, stutzerhaft in ihren eleganten Uniformen und mit ihren Kriegsgedenkzeichen auf der Kalea Viktoriei zu bummeln – unsere Offiziere, die hier kein schlechtes Leben zu führen scheinen, haben sich offenbar mit den rumänischen Damen besser befreundet –

Ich kaufe durch Vermittelung des Wirtschaftsoffiziers billig Weine und Liköre; der Droschkenkutschen, der die schwere Kiste zur Bahn fahren soll, muss erst geschickt überlistet werden. – Den Beobachtungen u. Erlebnissen des Architekten gebe ich in diesem Kriegstagebuch keinen weiteren Raum.

Freitag 04.10.1918 Teilnahme an der Messung, die bei den eingespielten Teilnehmern (die ja unmittelbar vorher in Josephstadt dasselbe gemacht hatten) gut vorangeht. Am Samstag mittag werden wir fertig. Es kommen einige Herren von unserer Vermessungsschule in Bukarest als Zuschauer. Sonnabend zweiter Besuch in Bukarest. Die begehrten Spirituosen können nun abgeholt werden, wenn man Flaschen bringt.

Sonntag Gäste im Schloss. Autofahrt ins Zigeunerdorf Margineni [Mărgineni]. Hahnen auf Spiess. Morgens Zigeunermusik im Hochzeitshaus („nunte“) – In diesen Tagen werden die ernsten Rückschläge an unserer Westfront, die Demokratisierung der Regierung Deutschlands bekannt.

Die in deutscher u. rumänischer Sprache verfassten Heeresberichte werden von den Bukarestern voller Interesse studiert.

Dienstag 9.54 Abfahrt von Baicoi nach Bukarest – Güterbahnhof. Da wir gegen 4 Uhr ankommen und der Mil. Url. Eiltransportzug („Utez“) dem unsere beiden Wagen angehangen werden sollen erst um 10 Uhr abends geht, ist Zeit, in der Hauptstadt entweder – Freimarken zu kaufen

wie es Beer, der grosse macht oder das Juden- und Zigeunerviertel zu besuchen und, nach der schnell hereingebrochenen Dämmerung, bei Jordache ein echt rumänisches Abendessen einzunehmen.

Die Rückfahrt am eisernen Tor vorbei, über Temesvar, Budapest Güterbahnhof, durch Mähren (Kremnitz mit seiner unvergleichlich schönen Burg über der Stadt) und Schlesien geht es langsam, wie das bei diesem Zug anzunehmen war – es wurde vier mal dunkel und wieder hell, bis wir, mit 12 Stunden Verspätung – am Görlitzer Bahnhof hielten.

Der inzwischen zum General beförderte Colonell teilt mir mit, dass ich nun mehr ans Herausfahren in den Westen zu denken habe.

Dienstag 15.10. fahre ich über Lehrte – Hoppenstedt- Düsseldorf nach Méz. Charleville [Charleville-Mézières]. Die Aufgabe, um deren Übernahme ich den General vor 2 Monaten gebeten, die militärische Leitung der vier im Westen an einer neuen Hauptdreieckmessung arbeitenden Gruppen – gewinnt unter den inzwischen auf der Weltbühne eingetretenen Erschütterungen eine andere Beleuchtung.

Laon und Guise die die vorderen Eckpunkte der geplanten und in ihren Signalbauten fertiggestellten Dreieckskette werden sollten, liegen unter feindlichen Feuer, und in letzten Tagen in die Hand der französischen Truppen gekommen, infolge des riesigen Apparates unserer Rückzugsbewegung sind die Verbindungen verstopft – es gibt, von diesen so gross (zu gross!) angelegten Vermessung Arbeiten zu retten, auszuwerten was noch zu retten ist. Wahr ist´s, in dieser Stunde der Not gehörte jeder Mann an die Front, aber mit der nationalen Erhebung wird immer noch kein Anfang gemacht. Das Entfachen der Flamme wird nicht versucht – vom zündend verfassten Aufrufen grossen Worten haben wir in den 4 Jahren ja schon so viel gehabt und durch greifende energische Maßregeln ein Abbauen unserer riesigen Organisationen um des Kriegeswillen – dazu sind eben diese Organisationen zu schwerfällig. Es wird hier und da eingeschränkt, aber ich hörte von keinem, der selbst die Feder hinlegte und wieder zum Säbel griff – jedenfalls von keinem Aktiven von den Tausenden in der Kriegswirtschaftsbetrieben und Ämtern tätigen Herren.

Von Méz. Charleville [Charleville-Mézières] versuche ich zur Beobachtungsgruppe 1, die ich in La Bouteille vermute, zu kommen. Da aber bei telefonischer Anzeige von Hirson aus keine der fraglichen Ortskommandanturen etwas weiss, fahre ich zurück nach Maubert-Fontaine wo ich mein Geschäftszimmer einzurichten beabsichtige. Das heisst, ich besteige den Zug – eine Abfahrt schien vorläufig von den entscheidenden Mächten nicht beschlossen.

Nach Eintritt der Dunkelheit wurde der Zug in einen Nebengleis gefahren – wie wir bald merkten, weil bei dem mondhellen Abend Flieger vermutet wurden. Die kamen dann auch und bald tobte „die wilde Schlacht“ Signale, das Bellen von Abwehrgeschützen, dicht bei uns auf den Gleisen der Krach von Bomben mit schwarz aufsteigender Rauchwolke, dazwischen rasseln der Maschinengewehre, die Lichterstreifen zweier Scheinwerfer wie drohend hin und her bewegte Finger.

Am 16. Oktober beginnt der Krieg wieder für mich – wenigstens ein wenig, im Hintergrunde. Ich fahre über Méziére-Charleville [Charleville-Mézières] nach La Bouteille zur Beobachtungsgruppe, unserer Hauptdreiecksmessung; d.h. ich mache den Versuch – aber in diesen Tagen des grossen Räumens ist der Eisenbahnverkehr ganz unregelmäßig. Da auch telefonische Verbindung nicht zu bekommen, fahre ich von Hirson nach Maubert Fontaine, das mir als Ort für die Leitung der Dreiecksmessung empfohlen war. Der Zug, der 6 Uhr abends abfahren sollte, hielt und hielt – endlich wurde er in ein Seitengleis gefahren; bei dem mondklarem Abend vermutete man Fliegerangriffe. Bald waren wir auch wirklich in den wildesten Schlacht. Signale, dann auf allen Seiten Bellen der Abwehrgeschütze, dicht bei uns auf den Gleisen der Krach von Bomben mit schwarz aufsteigenden Rauchwolke, dazwischen das Rossrasseln der Maschinengewehre, die Lichtstreifen zweier Scheinwerfer wie drohend hin und her bewegte Finger. Nach Mitternacht, als drei Angriffe vorbei, setzte sich der Zug in Bewegung, und um 3 Uhr ging ich durch die mondstille Dorfstrasse zur Kommandanten wo wir sogleich Quartierzettel erhielten. –

Wird Deutschland die Kraft aufbringen zur inneren Erhebung? Die Frage bedrückt das Herz in diesen Tagen furchtbarer Einbusse. Werden wir diesen schwerfälligen ungeheuren militärischen Aparat auflösen können der zu viel Kräfte von der Front abzog?; die Maschine umschmieden können zum Schwert? Im Torweg steht ein kräftiger junger Soldat. Was sind sie?

„Der Kraftfahrer des Herrn Distrik[t]sveterinärs“ Und ihr? „Handwerker beim Scheibenbahnkommando des Schiessplatzes“ – Die ganze Schiessplatz- Verwaltung mit Offizieren u. Werkstätten, Burschen u. Offizierkoch soll verlegt werden nach Donaueschingen –  wärs nicht zeitgemäßer, ihn aufzulösen! Überall ein Weiterarbeiten ins Leere – fast wie bei den Arbeiten der Hauptdreiecksmessung. Lille ist geräumt Roubaix, Tourcoing und dem ganzen Westländern durch 14 Kriegsmonate mir vertraut. Lille, das von uns mit vielen Millionen Kosten zur modernen Festung ersten Ranges ausgebaut war, ohne einen Schuss aufgegeben. Freilich, die Rückzugsbahnen begannen bedroht zu werden, der Engländer brennt an der vorgetriebenen Ecke bei Kortrijk mit besonderer Hitze – gleichwohl, welche Werte, welche Pfänder liessen wir fahren.

In der Knechtschaft  erst lernen die Völker das zähe Festhalten am Nationalen, die Verschlagenheit. Die Rumänen wurden unter dem Druck der Türkenherrschaft ein Volk; die Polen haben unter Deutschlands Herrschaft gelernt, Handwerker, sparsame, zäh zusammenhaltende auf eine nationale Einigung hoffende Menschen zu werden; – wird den Deutschen die Not ebenso die Eigenschaften lehren, die ihm mangeln.

Der deutsche Michel mit der Zipfelmütze, der Bierbankphilister mit seinem „Recht muss Recht bleiben“ –  so stellt sich nach den Sozis nun auch Herr Erzberger auf und verkündet als der Weisheit höchsten Schluss in seiner Absonderung über den Völkerbund dass Deutschland Belgien im höchsten Maße unrecht getan habe – verkündet, darauf liegt der Ton inmitten unserer Kämpfe.

„Ich stand in der Mitte des Leben, als alles Dies kam.“

 

2.11.1918

In der Frage, wie weit Das, was jetzt hereinzubrechen scheint, unabwendbar ist, – wo die Grenzen des Möglichen für unser Volk liegen, hört man in Gesprächen manche Einzelheit ( und nun aus Einzelheiten) Zunächst, dass unsere schlechtesten Soldaten des jüngste Jahrgang sind, der die letzten vier Jahre keine Prügel, keine väterliche Zucht mehr erfahren hat und das viele Geld verdiente. Freilich, auch auf die alten Knaben, die mit den Kolonnen, Bagagen und Magazinen schon bis über die Maaß zurückgenommen werden, wirkt das „Richtung Heimat“ so faszinierend, dass sie für die Gefahr der Lage keinen Sinn haben und alles andere sind wie bedrückt. „Raus aus dem ….. Frankreich!“ Der Amerikaner geht vielfach schon so schlecht  vor wie der Engländer – aber unsere Kerls wollen eben nicht mehr. So wird uns auch die Maaßlinie nicht auf die Dauer schützen – zumal mit der nationalen Erhebung immer noch nicht ernst wird –  dem ein Leitartikel in unserem neuen Regierungsorgan, dem Vorwärts, kanns allein auch nicht machen – und für Aufrufe ist man ohnehin schon etwas unempfindlich.

Vom 02.11 bis 08.11 1918 bin ich in Berlin, in Vertretung des verreisten General Launhardt.

So muss es kommen! Ein Deutscher Militärtransport in Budapest auf dem Bahnhof entwaffnet! Als ob erst diese Nacht der Stimmungsumschwung dort gekommen wäre und nicht schon seit Tagen Deutschenfeindschaft, die Oppositionsdemokratie zur vollen Herrschaft, zum Bruch mit der Habsburgerei drängte ohne von diesen alten Mächten irgendwie gehindert zu werden. Freilich, die Evolution (von Revolution wie Graf Carolyi in einem Telegramm an den Vorwärts rühmte, kaum keine Rede sein) ist schnell gekommen aber eine Leitung, die auf dem Posten war, musste dies soweit übersehen, dass sie keine Transporte mehr nach Rumänien absendet. Wozu auch noch! Man darf es wirklich nicht laut sagen, was bei uns alles ruhig weitergeschieht – trotz dem Weltgeschehen dieser Tage! Da zeigt sich erst, wie schwerfällig unsere Maschine ist. Nachdem die erste Erschütterung vorbei ist dass Ludendorff abtreten musste, gewinnt, die kühlere Beurteilung Anhänger, dass er nicht nur der geniale General und Operationsleiter der riesigen Ausmaße, sondern daneben der unberufene Leiter des deutschen Nationalschicksals geworden war, und zwar unberufen in jedem Sinne. Selbst wenn er die Grenzen des Möglichen für unsere Sache richtiges hätte einschätzen können – mit einer wirklichen Regierung hätte er auf die Dauer in dieser unverantwortlichen O.H.-L.= Politik nicht arbeiten können. So aber hat es die Kasse an den Rand des Argumentes gebracht.

Ein Schlaglicht auf die „orientalischen Praktiken“ einiger führenden Türken auch in diesem Kriege wirft folgendes Geschichtchen. Dschavid bestellte bei einer deutschen Sektfirma einen Waggon Sekt mit dem Auftrag, die Flaschen müssten Etikettes und auch den Korkbrand <Veuve Clicqout> und <Pommery> tragen. Da die Firma sich weigerte, wurde die Sendung ohne Etikettes gemacht und die Flaschen erhielten in Constantinopel hergestellte Etiketten mit den edlen Aufschriften. Beförderung des Eisenbahnwagens erfolgte natürlich als dringendes Heeresgut. Da die Flasche französ. Sekt in Cospoli damals etwa 5 Pfund kostete, und der Einkaufspreis des deutschen 17,50 M. Betrug, muss der Handel gelohnt haben.

Wenn bei allen militärischen Behörden ein derartig unverhüllten Egoismus herrscht wie bei der L., dann scheint unser Zusammenbruch beinahe eine Notwendigkeit. Hauptmann Leupold der den Krieg seit Jahr und Tag in Berlin mit macht, ohne dass eigentlich jemand recht weiss, was ihm fehlt, hatte aus diesem Grunde nicht die Zahl von 60 Tagen im zu Ende gehenden Jahr im Kriegsgebiet verbracht; deren es bedarf, damit das Jahr als ´Kriegsjahr´ angerechnet wird. Er „erkrankte“ nun auf einer Dienstreise in den Osten – und schrieb von da an den Burounteroffizier, der möge ihm mitteilen, wie viel Tage ihm an den notwendigen 60 noch fehlten –

Anf. Nov.

Als ich von Rumänien zurückkam, tief gedrückt durch die Entwickelung der letzten Tage und in Erwartung einer neuauflebenden Kriegsstimmung – wunderte ich mich dass von den Buromannschaften verschiedene fehlten. „Ja, die <Heldengreif> Commission war da, das liess ich sie vorher verschwinden.“ Als sich jemand neu meldete, „Sind Sie kv.? „Ja“ – Da müssen Sie zunächst noch mal für´n paar Tage weg“……

Okt. 1918

Als ich in Bukarest war – in den Tagen, wo durch die Unterwerfung Bulgariens das Geschick unserer macedonischen Unternehmung besiegelt und die Rückwirkungen dieser Dinge auf die Bukarester Bevölkerung schon deutlich zu spüren waren, arbeiteten wir mit Hochdruck an der Einrichtung einer Vermessungsschule in Bukarest, in der von unsern eingespielten Beamten ein Stab von Trigonometern und Topographen ausgebildet werden sollte u. zwar neben Deutschen auch Rumänien. Schon, dass deutsche Vermessungstechniker, die z.T. in ihrer vorigen Stellung tüchtige Frontoffiziere waren, aus der Truppe gezogen wurden, wie Lt. P. , der als Bataillonsführer sich den „Hohenzollern“ geholt hatte – ist unbegreiflich, aber, dass wir unsern kaum bezwungenen Feinden uns hier wieder beeilen, unser militärisches Können beizubringen ist so – so- deutsch, dass man schaudernd sieht: wir haben nichts gelernt u. werden´s wohl nie lernen. – Der Gedanke, dass wir, um die grossen Vermessungen in den jetzt besetzten Gebieten schnell durchführen zu können, uns Gehülfen aus den Landeseinwohnern, heranziehen, die entscheiden den Arbeiten aber selbst machen und zusammenfügen wollen – dieser Grund rechtfertigt ein Verfahren nicht, bei dem der Feind uns derart viel militärisches Können und Wissen absieht.

Dass die Polen damals all unserem Streben, ihnen eine Wehrmacht zu schulen, so renitent gegenüber standen, müssen wir heute, wo sie gegen uns die Zähne fletschen preisen. Als wir sie vor 1 ½  Jahren ins Leben riefen, ging unsere Politik andere Wege und sah die Welt anders aus, gut; aber in diesem Frühjahr z. Beispiel konnte mir auch der an der Ausbildung arbeitende Hauptmann Menz Schwager von Amy Gathmann den Zweck der Übung nicht erklären – und es wurde doch fortgewurstelt.

[Weiter unten auf der Seite, wobei der Kontext unklar bleibt, in Bleistift:] sich längst gewandelt

 

6.11.18

Auch über die Tätigkeit des Hauptmanns jetzigen Majors Schack bei der Landesaufnahme in diesem Kriegsentscheidungsjahr ist es schwierig, eine Satire nicht zu schreiben. Wrage rühmte ihn zwar als angenehmen Vorgesetzten, er habe einem nie in den Kram geredet, habe sich nämlich in den Monaten, wo er dies Sonder Kommando führte, nie bei seinen Arbeiten sehen lassen. Arbeit leistete er – ausser vielfachen Anfragen u. Briefen um Tagegelder – mit Anträgen um einen lippe- oberlippischen Orden, der dann auch später eintraf. Um den „Hohenzollern“ war er s.Z. persönlich bei Launhardt vorstellig geworden mit der Begründung, es sei für ihn, als Bataillonsführer später doch peinlich, ihn nicht zu haben – verdient – bemerkte er zum Schluss nebenbei – habe er ihn ja reichlich. Auch er als sonst gesunder Mann seit Jahr und Tag bei der L.

 

Diese Kleinigkeiten halte ich fest weil sie zeigen, wie stark und unumschränkt der Egoismus im Offizierkorps herrscht __ freilich die, die hier sind, sind ja auch nicht erste Garnitur.

 

6.11. abends

Die Ereignisse überstürzen sich.; der helle Aufruhr, dessen Flamme von Kiel auf die andern norddeutschen Städte übersprang, sucht nach Berlin einzudringen. Aber hier sind Maschinengewehre, ein paar aus dem Felde herangezogene Reserve-Jägerbataillons für den Fall von Tumulten, sind niederfliegende Flieger mit Gasbomben zu erwarten – da würde ein Putsch nicht so glatt gehen wie im unbewachten Hamburg……..

 

7. Nov.

Ist es wirklich erst ein paar Monate her, seit auf dem Platz vor dem Lehrter Bahnhof, auf den die Fenster unserer Geschäftsräume hinausgehen, auch ein paar Kompagnien heranmarschierten und auf dem abgesperrten Vorplatz in dessen Umkreis hunderte von Menschen erwartungsvoll standen, eine Schar Matrosen  empfangen wurde? Die „Wolff“ Mannschaft zog, von einer Ehreneskorte geleitet, in die Stadt. Heut wird wieder eine Reihe von Matrosen eskortiert. Das Militäraufgebot ist etwas stärker und schussbereite Maschinengewehre stehen auf der Marschallbrücke. Die meuternden Matrosen, die seit 4 Tage in Kiel das Heft in den Händen haben, sind zu Hunderten nach hier gefahren, aber der Stadtkommandant hat aufgepasst und die ´Blauen´ werden klanglos abgeführt.

In Berlin bleibt alles ruhig; auch an diesem Samstag, 9.11. wo ich aus meinem Moabiter Quartier wie gewöhnlich zur Landesaufnahme fahre. Die Strassenbahn verkehrt, alle Leute gehen zur Arbeit, und bis der General habe ich die wie an jedem anderen Tag eingekommenen, Eingänge vorgearbeitet. Nieschlag telefoniert aus seiner Kaserne, wo er seit gestern einer Alarmbatterie zugeteilt ist, es sei alles friedlich allerdings sei seit 9 Uhr Generalstreik erklärt. Der General arbeitet schnell wie immer alles durch; wir besprechen an der Hand einer Karte die Möglichkeiten wie Mackensen durch Ungarn sich wohl durchschlagen wird.

Nach Eins sagt mir der General: im Innern sollen Unruhen beginnen die „Maikäfer“ kaserne gestürmt sein. Ich geh nach Haus, sonst reissen sie einem noch die Kokarden ab“. Auf den Strassen noch alles wie immer, Elektrische fuhren, vor dem Generalstab drüben stand ein Doppelposten. Ich blieb noch eine Weile, da kam Hauptmann Degener und ein anderer Offizier herein, schon im Mantel: „Zu spät, s´ ist schon zu spät.“ „ Na, ich werde sehen noch durchzukommen, habe Civil zu Haus.“ Ich ging gleich herunter und am Wasser lang zurück. Bei Schloss Bellevue eine Kompagnie Rekruten, Schutzleute umgeschnallt – alles machte einen beruhigenden Eindruck. Nachdem ich zu Haus gegessen (wobei mein Bursche mir erzählte, dass sie auf der Chausseestrasse einen Offizier erschossen hätten) zog ich den Civilanzug, den ich mir abends vorher von Bruder Erst hatte holen lassen, an, um mich auf der Strasse umzusehen. Alles ruhig, Kinder werden an die schöne Herbstluft gefahren; ein paar Soldaten kommen ohne Kokarden daher. Wie ich an den Tiergarten komme nahe dem Stern, fährt über die Hauptallee ein Lastauto, auf dem sie einen roten Lappen schwenken. Schreie ertönen, ein zweites Auto langsam hinter dem ersten und dann eine wilde Menge, Soldaten und Civilisten mit Gewehren dazwischen Frauen. Autos werden angehalten, ein paar junge Kerls mit Gewehr und gezogenen Seitengewehr springen über den Rasen auf eine Autodroschke zu, die angehalten wird, und, visitiert, weiter fährt. Ein Beamtenstellvertreter, am Arm seiner Frau, ohne Waffe und mit hässlichen Stellen, wo die Kokarden sassen, kommt eilig vorbei, die Angst im Gesicht. Schüsse hört man nicht. Auf den Nebenwegen gehen Spaziergänger; jeder wechselt Worte mit andern. „Kommt man dahin noch durch?“ fragen ein paar Soldaten, die noch mit Kokarden und Seitengewehr gehen.

 

Durchs Tiergartenviertel gehe ich zu den Geschwistern. Gerade als ich vorm Haus bin, kommt von der andern Seite aus der Potsdamer Str. wieder ein Zug[.] Zwei Lastkraftwagen voll Kerls – nachher hörte ich dass Masch. Gewehre darauf seien, und eine riesige Schar von Mitläufern. Der alte Portier liess mich ein, draussen wurde grade mal wieder „Es lebe Liebknecht“ gerufen. Schon kurz darauf kamen mit Tschakos und vollem Gepäck Jäger oder Marineinfanterie – sie hatten wohl das Reichsmarineamt besetzt – und waren ebenso butterweich herübergerutscht wie das Militär an allen andern stellen. Oder welchem Befehl mochten sie folgen?

Zeitungen wurden wie immer verkauft – in der Vossischen Abendzeitung steht ausführlich, dass der Kaiser abgedankt und dass der Waffenstillstand geschlossen. So stürzt des deutschen Reichs Herrlichkeit, zugleich mit allerbürgerlichen Ordnung zusammen. Kaum macht der Verstand es sich klar, dass dies vielleicht mein letzter Tag als Offizier, im feldgrau, war; dass während ich noch Mittags geschrieben hatte, alles hier ist ruhig – mit Sonnenuntergang eine neue Ordnung da war.

—-

Sonntag 10. gehe ich wieder ins Büro – vornehmlich aus Neugier. Zugleich um festzuhalten, ob Nieschlag wohlbehalten sei, der gestern zu der Artillerie-allarmbatterie getreten war. Aber auch da war kampflose Übergabe an eine Deputation des A. und S. erfolgt. Man rieb sich in den Geschäftszimmern sozusagen die Augen, zwei, drei Offiziere, natürlich in Civil, musterten, sich gegenseitig erheitert – auch die Burosoldaten hatte die Gewohnheit zur Stelle geführt. Zu tun gabs ja so gut wie nichts mehr; man macht es sich kaum erst klar, dass eine riesige Arbeit, der freilich wie der Turm zu Babel ins Ungemessene ausgedehnt worden war, nun um so klangloser zusammenbrach. Und welch ein Stück Nationalvermögen geht damit in den Dreck!

Aber die Geldentwertung wird wohl überhaupt noch rapide zunehmen. Gespräch auf einer Elekrischen, deren Vorderperrons jetzt überfüllt sind mit Soldaten, die natürlich nicht zahlen: „Mensch, ich bin aus Breslau ohne Urlaub herjereist, nu hab ick mir hier neu einkleiden lassen, unn´ 60.M. Vorschuss.“ (Ein anderer 50 M., und auf was für Kontrollen!) Die Pferde, die sie den berittenen Schutzleuten abnahmen, wurden abends irgendwo verkloppt.

Komme mir recht erbärmlich vor, dass ich dies klägliche Theater am Samstag hier ertrug – aber ich wäre so ziemlich der einzige gewesen, wenn ichs anders gemacht hätte.

                                                           _______________

11.11.

Merkwürdig wie sich doch alle Revolutionen gleichen. Wie beim Wasserfall vorher das Stagnieren, dann einsetzende Bewegung, die, erst unmerklich, überraschend schnell zum Absturz bringt. Für Ludendorffs Abgang, die Demokratisierung des Kabinets, die bei den ersten consitutierenden Versammlungen nur mühsam hergestellte Einigung zwischen radikalen u. noch Radikaleren, für alles sind die Vorbilder da, und die Zukunft? Der Zeitungsleser von gestern damit erfreut, dass der Bolschewismus auch die, die bei den ersten constituierenden Versammlungen nur mühsam hergestellten Einigung zwischen Radikalen u. noch Radikaleren, andern Nationen, Hollender, Italiener erfasse – aber die Presse, dem Bolschewismus hörig geworden, lügt seit Einführung „völliger Censurfreiheit“ noch viel faustdicker wie vordem.

                                                           _______________                              

Auch wenn die Geschichtchen, die über den Kronprinzen erzählt werden aus Stenay und seinen Damenverkehr in (Mézieres)-Charleville nicht alle wahr sein mögen – er hat es während des Dauerkrieges verstanden sich völlig ungeachtet und ungeschätzt zu machen in weiten Kreisen, die die Monarchie verehren. Noch denke ich der Verärgerung des ostdeutschen Korpsveterinärs, gewiss königstreu bis in die Knochen, über die im dritten Kriegsjahr in Charleville wieder eingeführte Bestimmung, S.K.H. durch Front machen, auch von Offizieren, zu grüssen. Wie hätte er, kürzlich noch, die abgespannte Stimmung an der Front heben können, wenn er etwa aus den Burschen, der Kavallerie Stabs- Wache, und zahllosen recht unnötigen Hauptquartiersoldaten, ein Regiment, eine Brigade gebildet hätte und nach vorn geführt. So verschwindet er unbetrauert. Auf der Friedrichstrasse lag ein erschossener Arbeiter, den man beim Plündern in einem Cigarrenladen ertappt hatte und zum Exempel liegen liess.

Die in drei, vier Tagen ganz Deutschland so in allen Provinzen, allen Bundesstaaten durchzuckende Bewegung beweist doch eine ungeheure Notwendigkeit, ein Überreifsein, das uns oben stehenden kaum bewusst war. Nicht eine Stadt scheint sich ausgeschlossen zu haben.

Kennzeichnend die Rolle der Juden, die am schnellsten ihr Mäntelchen nach dem Winde gehängt haben. Ein Herr Colin Ross, als Kriegsberichterstatter bis vor ganz kurzem noch unentwegt in das Horn tutend „unserer unvergleichlichen Wehrmacht“ ereifert sich jetzt in den Reihen des Arb. u. Soldatenrates.

So völlig unerwartet nur, und gewiss der Mehrzahl der deutschen, dieser schnelle und völlige Umschwung, der Revolution – (da ein besseres Wort noch nicht geprägt ist)- kommt, so schnell revidiert man seine Ansichten. Alles, was sich öffentlich äussern dar, hat sich schon „auf den Boden der neuen Tatsachen gestellt“- wie die bequeme Phrase lautet. Eine Woche liegt erst seit dem roten Samstag, und doch scheint heute schon eine Rückkehr der vorigen Zustände, die man am Morgen des 9. noch für vollkommen unerschütterlich hielt, undenkbar. Die anderen haben eben die Macht; die andern das heisst die Hunrigen; diejenigen dagegen, die irgend etwas ihr eigen nennen, die Mehrheit, die jetzt das Maul hält, sie haben das zulange entbehren müssen, was ihnen das Leben nun eben geschenkt hat, sie sind müde geworden, und ihr einzige Hoffnung war irgend etwas, das dieser Aussichtslosigkeit ein Ende machte. Auch darf man nicht vergessen, dass etwa 2 Millionen draussen unter der Erde liegen, die für das Deutschland wie es war, eingetreten wären. Draussen, in den Karpathen, in den rumänischen Bergen, auch in Palästina – und nun fehlen in den deutschen Ostprovinzen die deutschen Männer.

Die Ereignisse rollen weiter – aber der Krieg ist zu Ende, noch ehe die Friedenshandlungen begonnen haben. Das Zurückfluten der Truppen scheint ein Wieder – Aufbauen der Linien hinterm Rhein auszuschliessen – wozu auch? Wir sind in die Hände unserer Feinde gegeben, nachdem der deutsche Michel das Schwert von sich geworfen.

Der Krieg ist zu Ende und damit dies Buch, das meine Kriegseindrücke aufnahm mit der Zusammenhanglosigkeit, die, währendem Erleben, die einzige Möglichkeit einer Darstellung ist.

 

Hoppenstedt, 18. November 1918.

Januar 21, 2021
von Jens Winter
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Kriegstagebuch eines unbekannten Soldaten der Reserve-Fernsprech-Abteilung Nr. 18 (August 1914 bis Juli 1916)

Dieses Kriegstagebuch eines unbekannten Soldaten der Reserve-Fernsprech-Abteilung Nr. 18 (XVIII. Reserve Armeekorps) von August 1914 bis Juli 1916 ist in einer sehr sauberen Handschrift geschrieben worden. Dem Tagebuch sind keinerlei persönliche Angaben des Soldaten zu finden. Weder steht irgendwo sein Name, noch schreibt er über seine Familie oder seinen Geburtsort. Nichts!

Der Soldat war bei einer Fernsprechabteilung eingesetzt, die zu den Korpstruppen des XVII. Reserve Armeekorps gehörte. Als Korpstruppen werden jene Einheiten eines Korps bezeichnet, die direkt unter dessen Kommando stehen und die die vom Korps geführten Divisionen unterstützen oder sonstige Aufgaben zur Führungsunterstützung übernehmen. Die Fernsprechtruppen stellen die Verbindungen zwischen den eigenen und benachbarten Einheiten sicher. Wir wir aus dem Tagebuch erfahren, war der Soldat deshalb hinter der Front eingesetzt, um dort entweder Leitungen zu legen oder zu reparieren. Auch besetzte er den Klappenschrank – also die Telefonzentrale.

Er blieb während des gesamten Zeitraums des Tagebuches bei dieser Einheit. Über Urlaube in der Heimat schreibt er nicht. Sein Einsatzgebiet war in Frankreich ab September in den Ardennen, vor allem im Raum Autry.

So berichtet er nicht nur von seinem normalen Dienst hinter der Front, sondern auch von wichtigen Kriegsereignissen, die in seiner näheren Umgebung passiert sind. Er schreibt über die Eroberung der Höhe 191 südlich von Cernay und darüber, wie deutsche Pioniere die französischen Schützengräben unterminiert und gesprengt haben am 2. Februar 1915.

Das XVIII. Reserve Armeekorps war in den Stellungskämpfen der Champagne und der westlichen Argonnen beteiligt, bis es im Juli 1916 in den Raum Verdun verlegt wurde.

Das letzte Datum im Tagebuch ist der 16. Juli 1916, an dem der unbekannte Soldat über die Verlegung nach Sorbey nordöstlich von Verdun bei Longuyon berichtet.

Warum das Tagebuch hier endet, ist ein Rätsel, denn es sind noch viele Seiten frei. Ist der Soldat vielleicht gefallen? Oder hat er einfach kein Tagebuch mehr geführt? Vermutlich werden wir diese Fragen nie klären können, solange den Namen des Verfassers nicht kennen.

 

Erste Seite des Kriegstagebuches des unbekannten Soldaten bei der Reserve-Fernsprech-Abteilung Nr. 18 (XVIII. Reserve Armeekorps)

Kriegstagebuch eines unbekannten Soldaten (August 1914 bis Juli 1916)

Autry, Weihnachten 1914.

Dieses Tagebuch beginne ich am 2. Januar, da es mir als Christgeschenk gesandt wurde. Da ich in Autry genügend freie Zeit finde trage ich aus meinem seither gebrauchten Notizheft alle Begebenheiten hier nachträglich ein.

 

Am 31. Juli 1914 erfolgte die Erklärung des Kriegszustandes über das Deutsche Reich, der am 1. August abends 5 Uhr der Mobilmachungsbefehl folgte.

Der 3. Mobilmachungstag (4. Aug.) rief mich zur Fernsprech Abteilung des XVIII. Reserve Armeekorps. Während des Einkleidens, welches vom 4. bis 7. August dauerte, war die Abtlg. in Erbenheim einquartiert. Daß ich mich dann selbst bei „Muttern“ einquartierte ist selbstverständlich.

Am 7. Aug. abends rückten wir ab nach Mainz und dort erfolgte das Verladen der Wagen und schließlich auch 11 Uhr abends unsere Abfahrt ohne daß wir selbst unser Ziel wußten. Die Abfahrt war nicht besonders freundlich denn es regnete nicht zu wenig sodaß wir mit nassen Kleidern uns in den Waggons bequem machten. Während der Fahrt wurden wir auf den Stationen wo unser Zug hielt sehr reichlich von Frauen und Mädchen mit Butterbrot Kaffee u. dgl. bewirtet.

Unsere Fahrt brachte uns durch das Nahetal nach Wadern bei Saarbrücken. Es war am 8. Aug. 10 Uhr vorm. als wir dort unsere Fahrzeuge ausladen. Der am Nachmittag stattgefundene Apell machte uns mit dem Abteilungsführer, Zugführer und Truppführer näher bekannt. Unsere Abteilung bestand aus 3 Zügen welche durch Hptm. Küsgen befehligt wurde. Den 1. Zug führte Ltn. Taut. Den 2. Ltn. Kessler und den 3. Viezewachtmstr. Betzel. In dem 3. Zug war ich dem 2. Bautrupp zugeteilt. In Wadern erhielt ich ferner die Erkennungsmarke Nr. 99. Während der vier Tage, welche wir dort weilten, wurde die Zeit mit Übungsbauten, Depotarbeiten und Fahrübungen ausgefüllt. Letztere gestalteten sich sehr interessant da die Pferde, aus Bauernpferde bestehend nicht „eingefahren“ waren. Es war manchmal sehr spaßig zu sehen wie die Pferde trotz heftigen Schlagens nicht fort zu bringen waren. Wann das Kommando „Halt“ ertönte, standen manche Fahrzeuge quer auf der Straße.

Am 12. Aug. vormittag marschierte die Abtlg. nach Merzig (Kreis Trier). Dort erfuhren wir den 1. Seig über die Franzosen bei Sennheim (Mühlhausen). Nach 2 Tagen rückten wir in der Frühe des 15. Aug. nach Palzem a. d. Mosel. In einer Instruktionsstunde wurde uns gesagt daß wir zur 4. Armee gehören, welche durch Sr. Kgl. Hoheit Herzig Albrecht v. Württemberg befehligt wird. Am 18. August um 8 Uhr vorm. überschritten wir die Mosel, welche hier die Grenze von Luxemburg bildet. In Remich bezogen wir Quartier.

In der Frühe des 19. Aug.  marschierten wir daselbst ab mit dem Ziel der Stadt Luxemburg welche wir um 11 Uhr vorm. erreichten. Als Quartier diente uns ein stillgelegter Fabrikbetrieb (Eisengießerei). In Luxemburg machte ich meinen ersten Stationsdienst auf dem General Kommando. Die Bewohner dieses neutralen Staates zeigten den durchziehenden Truppen durchweg ein freundliches Gesicht. Obwohl nur 30000 Einwohner macht die Stadt einen großstädtischen Eindruck. Unter den schönen Gebäuden der Stadt fällt besonders das Großherzogliche Schloß auf. Besonders erwähnenswert ist eine große Brücke, welche mit einem Bogen ein Tal überspannt.

Um wieder zu der Abtlg. zurückzukehren möchte ich noch Einiges erwähnen. Das Unterbringen der Pferde war ziemlich schwierig. Die an solche „Ställe“ nicht gewohnten Pferde schlugen aus und richteten allerlei an. So trat das Pferd des Zugführers eine schwere Gußform, woran es gestanden war, zum Staunen Aller in die Höhe. Mit der Verpflegung war es nicht besonders bestellt und da gehlte [sic!] man einfach 1,40 Mk aus. Die Gelegenheit in der Stadt zu essen nutzten viele aus, sich Privatquartier zu suchen. Die wenigen Stunden in der Nacht, welche ich frei hatte verbrachte ich auf einer Schulbank schlafend in der Höhe des Apparats. Der am nächsten Tag (20.8.) erfolgte Marsch brachte uns nach Redingen woselbst wir Quartier bezogen. Es sind dies von Luxemburg 32 km; Eintreffen daselbst Nachmittags. Die Einquartierung fast immer truppweise war ohne Verpflegung. Das Absprechen für die ganze Abtlg. ging nicht so rasch und beim Befehlsempfang wurde das Essen auf 9 Uhr abds. angesetzt. Es ist aber doch 10 Uhr geworden bis wir das gutschmeckende Essen bekommen welches aus Konservenfleisch, Rüben und „Allerlei“ bestand. Daß die Wenigsten solange warteten und Wirtschaften und Metzgereien auskauften läßt sich bei dem leeren Magen denken. Der Befehl des Antretens am andern Morgen wurde nicht mehr, denn schon um Mitternacht wurden wir aus dem schönen Schlaf geweckt. Mit dem 1. Zug marschierten unser (3.) Zug um1 Uhr nachts ab, unbewußt wohin. Es ging in fast stetem Trab schnell vorwärts. Die Nacht war sehr finster und das Pferd meines Truppführers scheute, sodaß es auf einmal das Tempo eines Rennpferdes einschlug und seines Reiters spottend an den Wagen vorrüber fegte. Unser Weg führte uns dicht an die Grenze von Belgien. Es war am 21. August als wir in dem Grenzort Rombach um 8 ½ Uhr früh Rast machen. Hier verblieb der 1. Zug und der 3. Zug marschierte über Martelange nach Fauxvillier [Feitweiler?]. Von hier aus wo das General Kommando war hatten wir eine Leitung zur 25. Reserve Division zu bauen nach Anglier. Unsere Ltg. war, wie befohlen um 12 Uhr Mittags fertig aber der Div. Stab ließ noch bis drei Uhr auf sich warten. Diese Zeit gab uns Gelegenheit der durstigen Infanterie, welche in endlosen Kolonnen an uns vorrüber zog Wasser zu geben. Diese armen Kerle litten sehr unter der Hitze. In dem Hause wo unsere Station und der Div. Stab ruhete war der Keller voll Ia Rotwein. Wir sprechen natürlich dem edlen Tropfen fest zu und machten gerne, ohne Ablösung  zu wollen, die ganze Nacht stets Dienst. Um 9 Uhr vorm. des nächsten Tages (22.) bauten wir die Leitung wieder ab. Nach kurzer Rast in Fauxvillier setzte sich unsere Abtlg. in Marsch in der Richtung Neufchateau [Neufchâteau]. Das konnten wir aber wegen der in dieser Gegend stattfindenden Schlacht nicht erreichen. Wir machten Rast auf einer Wiese rechts der Straße wo sich allmählich die ganze Abtlg. einfand. Vor uns weilete die Schlacht und gegen Abend sprengte ein Feldgendarm heran mit der Meldung: Feindl. Kav. Div. im Anmarsch. Es entstand eine Verwirrung bis uns jemand zum „Ausschärmten“ kommandierte. Aber war je grundlos und so suchten wir eiligst unsere Wagen auf und im Trab ging es zurück zwischen Bäcker und Mun. Kol. Die Straße war so mit Fahrzeugen aller Art überfüllt, so daß ein Bauwagen in den Graben geriet, ein Rad brach und umschlug. Die Telegraphisten dieses Wagens suchten nun Platz auf den andern Fahrzeugen. Hierbei blieb auch das Pferd des Fahrers Schütz zurück mit Satteltaschen u. dsgl. Was aus ihm wurde weiß ich nicht. Dieses Zurückgehen war ganz ohne jede Ordnung denn von hinten wurde „Halt“ von vorn „Trab“ geschrien. Endlich erreichten wir eine Wegegabel welche wir benutzten aus diesem Durcheinander zu kommen. Es wurde nunmehr Nacht und wir hatten ungefähr ½ Std. gewartet als das Auto unseres Hptm. Scheubg. mit dem Befehl kam nach Longlier zu marschieren. Dies lag in Richtung auf Neuf-chateau [Neufchâteau]. Hier möchte ich noch hinzufügen daß viele Autos mit deutschen Verwundeten von der Front kamen und auch später wir die ersten deutschen Toten sehen. Auch sehen wir viele franz. Gefangene.

Wir erreichten dann endlich um 11 Uhr nachts Longier. Welches Bild bot sich uns? Alle Häuser waren in rauchende Trümmer verwandelt. Wir machten auf dem bahnhofähnlichen Platz Halt und verbrachten die Nacht bei den Feuern welche wir uns anzündeten. Neben uns lagen auf dem Platz das 81. Inf. Reg. Wir erfuhren von diesen, daß besonders das II. Batl. große Verluste hatte. Auch kamen dort eine große Zahl franz. Gefangene durch. Auf die andere Straßenseite lag in einem verschont gebliebenen Gebäude der Stab unseres Gen. Kdo. Am 23. August marschierten. wir von 12 Uhr dort ab über das Schlachtfeld nach Neuf-chateau [Neufchâteau]. Der Anblick war fürchterlich. Auf den Feldern, im Straßengraben und auf der Straße lag alles voller Leichen und Pferdekadaver. Es war schrecklich der Anblick der manchmal sehr verstümmelten Leichen. In allen möglichen Lagen hatten unsere braven Infanteristen ihr Leben ausgehaucht. Dazu kam noch das Durcheinander da auf dem Straßendamm vorn. Zerbrochene französischen Mun. Wagen und Fahrzeuge aller Art wurden in der Eile von uns etwas an die Seite geschleift damit unsere Kolonnen durchgeführt u. rasch der Truppe folgen konnten. Der Ort selbst sah nicht besser aus. Unsere Granaten hatten das Ihrige an den Häusern getan. Selten traf man ein noch gut erhaltenes Haus an. Die Bevölkerung war natürlich längst nicht mehr da. Sie war geflüchtet sowie die Kolonialtruppen auf die Frankreich große Hoffnungen setzte. Nicht minder schrecklich war auch der Anblick der toten Franzosen, welche in großen Mengen auf den Feldern lagen. Gegen Abend erhielten wir den Befehl des Gen. Kdo. mit 21. Res. Div. zu verbinden. Das Gen. Kdo. hatte sich als Quartier ein noch gutes Haus ersehen, welches abseits der Straße etwas am Ort entfernt lag.

Es diente bis dahin als Lazarett und wurde sofort geräumt. Es war gegen 8 Uhr abds als wir mit dem Bau der Ltg. begannen. Mittelst Tragbauten vor von dem Haus quer durchs Feld zur Straße. Der 5 km lange Bau sollte um 9 Uhr beendet sein und bei den vielen Windungen der Straße verzögerte sich die Fertigstellung. Es wurde dunkel und erschwerte den Bau noch mehr. Aber bei uns anwesende Zugführer Wachtmstr. Betzel kommandiert im Trab zu bauen. Wir konnten dann uns noch das Kabel in den Straßengraben legen dabei manchmal über Tote stolpernd. Wie schon erwähnt wurde durch die Windungen der Straße das Kabel immer wieder auf die Mitte der Straße gezogen. Wir wußten alle daß unsere Arbeit zwecklos war, mußten aber dem Befehl d. Wachtmstrs. nachkommen. Die uns folgenden Kolonnen zerrissen oder zerfuhren unser Kabel und so erreichten wir endlich gegen 11 Uhr unsere Endstation Strainont wo sich der Div. Stab 21. Res. Div. befand. Die Früchte unserer Hast zeigten sich, als wir die Stat. erreicht hatten, es war keine Verständigung vorhanden. Es wurden sofort einige Leute als Leitungstrupp abgesendet, welche aber nicht den Fehler behoben, da schon um 3 Uhr nachts der Befehl zum Rückbau der Leitung kam. Unser Kamerad Weiener hatte das Glück in einem Haus eine sehr fette Kochwurst zu finden und mit einem Brocken Brot stillte dieselbe unsern Heißhunger, dazu unseren Rotwein aus der Feldflasche trinkend. Mit Wachestehen bei den Fahrzeugen verstrich die Zeit bis 3 Uhr sehr rasch und wir bauten wieder ab. Brauchten aber die ganze Ltg. nicht ab zu bauten, da ein anderer Trupp uns von der Anfangsstation entgegen kam. Wieder in Neuf-chateau [Neufchâteau] angelangt sehen wir in einer Scheune einen Belgier erhängt, was nicht gerade erhebend auf uns wirkte. Auf dem Platz wo wir Halt machten und sich die Abtlg. sammelte lag eine Unmenge frz. Waffen und Ausrüstungsstücke. Es war für uns von Interesse darin zu suchen was uns ein Bild gab von der Ausrüstung der franz. Truppen. Besonders waren die Seitengewehre begehrt, da sie nicht aus einer flachen Klinge, sondern aus einer vierkantigen Klinge bestanden welches den Zweck hat eine möglichst schwere Wunde zu verursachen. Die Gewehre (Magazingewehre) waren alle unbrauchbar gemacht werden durch Abschlagen d. Schaftes. Wir konnten von diesem ganzen Plunder nichts verwenden höchstens ein Andenken mitnehmen. Nach etwa ½ stündigem Aufenthalt marschierte unsere Abtlg. auf der selben Strecke über Straimont-Lacoisine [Lacuisine] nach Florenville. Um 3 Uhr nachmittags machten wir vor dem Ort halt. Hier hatten wir Gelegenheit zum Abkochen und die Hühnersuppe war vorzüglich, das Fleisch dagegen zäh wie Juchtenleder. Wir blieben die ganze Nacht auf der Straße vor dem Ort und der Straßengraben war unsere Lagerstätte. In einem Hause, welches unmittelbar an unserem Halteplatz stand und alles Mobiliar zerschlagen war schimpfte die später zurück gekehrte Besitzerin und stellte uns als die Schuldigen da obwohl wir versicherten daß es die Franzosen waren. In der Frühe des 25. Aug. setzte sich unsere Abtlg. in Marsch durch Florenville und überschritt um 10 Uhr vormittags die belg.-franz. Grenze und machten Rest in Tremblois [Tremblois-lès-Carignan] wo wir biwakierten. Besonders schwierig war das Wasserholen. In einem kl. Tal schöpften wir mit Trinkbecher unser Kochgeschirr voll Lehmwasser aus den Gräben welche die Wiesen durchzogen. Als ich dort Wache stand, ertönte, als alles in tiefem Schlaf lag aus einem Zelt Hilferufe, was sofort die ganze Abtlg. und ein dicht daneben liegendes Batl. Infanterie alarmierte. Was war es? Ein Telegraphist hatte geträumt. Viel Lärm um nichts! In der Frühe des andern Tag marschierte ein Zug unserer Abtlg. ab während wir noch bis gegen Mittag dort verblieben. Als des Mittags unser Zug nach Les deux Villes marschiert wurde ich als Radfahrer vorgeschickt um bei unserem Hptm. Befehl zu holen wohin wir marschieren sollten. Unser Weg führte uns durch Carignan nach Blagny. Dort fanden wir unsern Hptm. und es gab Befehl nach Sailly zu marschieren. Bei Carignan hatten die zurückgehenden Franzosen die Brücke gesprengt da wir mußten über eine schmale Brücke welche obwohl auch ein Loch noch tragfähig war. Der zu überschreitende Fluß war eine Nebenfluß der Maas-La Chiers. Carignan ist ein sehr sauberes Städtchen mit vielen Geschäften. Auf dem Rückweg zur Abtlg. haben wir Offz. Harder u. ich von dem schmackhaften Essen der Feldküchen Gebrauch gemacht. Wir marschierten nach Sailly, woselbst wir am Abend auf einem freien Platz hinter der Straße Quartier bezogen. Es regnete in Strömen, unsere Fahrer hatten sich in dem Ort einquartiert. Den ganzen Abend dauert der Kanonendonner an.

Am 27. Aug. hatte ich Stat. Dienst auf dem Gen Kdo. Um 600 vorm. marschierten wir durch den Ort und zwischen 21. und 25. Res. Div. nach Mouzon woselbst wir um 830 vorm. die Maas überschritten da die Franzosen alle Brücken zerstört hatten, war durch unsere Pioniere eine Pontonbrücke geschlagen worden. In dem Dorf wurde ein kurzes Halt gemacht was uns Gelegenheit gab in den Kellern der eingestürzten Häuser Wein zu requirieren.

Mouzon selbst, machte den Eindruck eines sehr schmutzigen verwahrlosten Dorfes. Die Straßen waren links und rechts mit Mist und Jauche eingefaßt. Man mußte sich auf dem Geröll der eingestürzten Häuser Eingang verschaffen. Am Ausgang des Ortes bezog das General Kommando seinen Standort. Rechts der Straße war ein Friedhof woselbst die 21. Res. Div. lag, sodaß wir gerade zwischen beiden Stäben lagen. In der Nähe des Ortes fanden unsere Truppe ein franz. Granat und Schrappnellager welches unschädlich gemacht wurde, indem wir alles in die Maas versenkten. Links vor uns über der Straße gewährte uns eine Höhe einen guten Überblick über das Aufmarschieren unsrer Truppen. Kaum waren dieselben oben, als auch schon die franz. Artillerie drauf feuerte. Zuerst mit Schrapnell u. dann mit Granaten welche an dem schwarzen Rauch gut erkennbar waren. Hierbei hatten die Franzosen einen Volltreffer in die, unweit vor uns liegende Sanitätskompagnie. Von dem General-Kdo. aus wurden Ostertag u. ich als Leitungstrupp zur 25. Res. Div. geschickt. Das Flicken des Kabels nahm ziemlich viel Zeit in Anspruch, da es an sehr vielen Stellen zerschossen war. Des starken Art. Feuers wegen konnten wir aber die Störung nicht beheben. Unser Gen. Kdo. mußte sich am Abend wieder in den Ort zurückziehen auf die andere Seite der Maas. In der Dunkelheit baute ich, noch mit einigen Leuten anderer Trupps die Leitung zum Gen. Kdo. Als die Stat. errichtet war, suchte ich lange nach unsrer Abtlg. welche sich schließlich auf einem Platz biwakierend fand. Am andern Tag, 29. Aug. hatten wir einen kl. Leitungsbau von uns 3 km in das Dorf Pourron, Stab 21. Res. Div. Auch dort biwakierten wir nachdem wir vorher noch 1 Schwein geschlachtet hatten, von dem der größte Teil liegen blieb. Alle Häuser dieses Ortes waren dicht mit Verwundeten gefüllt. Auch trafen wir dort die Fernsprecher des 18. A.K.

Am andern Tag, nachdem 2 Mann unseres Trupps dort blieben, marschierten wir nach Stonnes [Stonne]. Von dort aus bauten wir um 5 Uhr nachm. eine Leitung nach La Celliere [La Berlière?]. Ankunft 630 nachm. An dem Tag war es sehr heiß und wir hatten sehr unter Durst zu leiden. Der Bau ging ziemlich flott von statten und die Verständigung war eine gute. Station wurde in einem Schloß errichtet, woselbst auch das Gen. Kdo. war. Gleich nach Beendigung d. Baues bot uns die Feldküche eines Inf. Reg. ihr Essen an wovon wir natürlich ausgiebig Gebrauch machten. An demselben Tag bezogen wir hinter dem Schloß Biwak, mußten aber am andern Tag mit einem Platz vor dem Schloß, rechts der Straße, wechseln. Das Schloß machte einen ehr altvornehmen Eindruck. Mit vielen Nebengebäuden, welche noch Raum für die Feldpost boten, einen schönen Park erinnerte es doch an frühere Zeiten und ließen erkennen daß es einem sehr reichen Herrn gehören mußte. In La Celliere [La Berlière?] erfreuten wir uns nicht lange der Ruhe, denn am Nachm. hatten scheinbar die Franzosen den Generalstab dort entdeckt und feuerten feste nach uns. Die Folge war, daß unsre Fahrzeuge, stets marschbereit, aus diesem Feuer zu entkommen suchten. Ich war auf Stat. und, als Störungssuche eingeteilt, hätte ich daselbst bleiben müssen. Als die Granaten immer näher kamen, wollte ich meine Apparate zu den Wagen bringen aber die waren längst weg. Ich ging einige Minuten die Straße nach fand aber nichts und kehrte, das Feuer ließ inzwischen wieder nach, zur Stat. zurück. Gegen Abend fand sich unsere Abtlg., welche in dem Wirrwarr ganz auseinander geraten war, wieder auf dem alten Platz ein, woselbst wir noch bis 1. Sept. blieben. Am Nachm. bauten wir unsre Ltg. wieder ab zur 25. Res. Div. welche auf einer Höhe 194 gestanden war. Wir legten unseren Helm und Seitengewehr ab und bauten ab ohne uns im Krieg zu wähnen.

Die große Hitze hatte uns dazu veranlaßt und vor Durst klebten die Zungen am Gaumen. Besonders unseren Kamerad Kreuser rann d. Schweiß aus allen Poren; er hatte ja auch, als es quer durch ein Tal ging die immer schwerer werdende Trommel zu tragen. Um sich dies einigermaßen zu erleichtern ging er einige Meter vor und legte sich dann, während wir aufkurbelten auf seinen dicken speckigen Bauch. Das mit dem Aufkurbeln verbundene „Schlagen“ der Trommel teilte sich auch einer regellosen Speckmasse mit und als aller Mund erschallte: „Stußß e mol!“ Als der Rückbau beendet war ging es wieder zurück nach La Cerliere [La Berlière?]. Bei der großen Hitze verbreiteten dich vielen auf den Feldern liegenden Pferdekadaver einen unausstehlichen Geruch. In der Frühe des 2. September 600 mrgs. setzte sich unsre Abtlg. in Marsch nach Grandprè. Der Weg führte uns durch Authe nach Germont, woselbst wir an der Straße nach Briquenay Halt machten. Als wir dort nach kurzer Rast die Pferde getränkt hatten, das Wasser mußten wir ziemlich weit holen, wurde ich als Radfahrer von meinem Trupp geholt. Ich blieb mit Hptm. Schulz in Germont Anschaltstation bis die Leitung nach Grandprè fertig war. Gegen Abend folgte ich unserer Abteilung und kam gerade dazu als eine Schwadron Kavallerie unser Kabel zerriß. Ich stellte wieder die Verbindung her und in Briquenay angekommen schickte mich unser Hptm. nach Brieulles [Brieulles-sur-Bar] woselbst das Gen. Kdo. 18. Res. Korps war aber inzwischen auch diesen Ort verlassen hat. Ich hatte mich auf dieser Station als Leitungstrupp zu melden und hatte das zweifelhafte Vergnügen während der Nacht mehrmals die Leitung zu flicken. Um 4 Uhr morgens mußte ich wieder von dort weg um nicht mehr zurückzukommen. Zuerst möchte ich noch bemerken daß Brieulles [Brieulles-sur-Bar] nur noch ein rauchender Trümmerhaufen war. Es war ein wunderschöner Morgen, als ich mit Apparat und Drahtgabel ausgerüstet mich aufs Fahrrad setzte und in gemütlichem Tempo die Leitung entlang fuhr. Die Leitung war an sehr vielen Stellen gestört, war mich auch weiter nicht Wunder nahm. Kolonnen aller Art belebten die Straßen und die Leitung welche doch ziemlich flüchtig gebaut war, wurde umgerissen oder überfahren. Kurz vor Briquenay mußte ich Ltn. Kessler noch mein Rad abtreten und er sagte ich solle nur nach Grandprè gehen wo unsre Abteilung wäre. Die Leitung, welche inzwischen nicht mehr gebraucht wurde brauchte ich nicht mehr nachsehen denn sie wurde abgebaut. Ich hatte keine Lust in der Hitze zu Fuß diesen Weg zu machen und setzte mich auf den Protzkasten einer vorbeifahrenden Artillerie Mun. Kol. Gegen Mittag traf ich dann hungrig und durstig in Grandprè ein. Aber schon man ich zu spät; unser Zug war schon längst wieder fort in Richtung Vouziers. Ich schloß mich dann dem Trupp des UOffz. Ruben an welcher dort die Vermittlungsstation zu bedienen hatte. Grandprè hatte noch wenig von den Granaten u.s.w. verspürt denn der Ort war sehr wenig zerstört. Auch hatten sich die Zivilisten dort ziemlich zahlreich aufgehalten. Trupp Ruben hatte sich bei einem Klempner einquartiert und diese Leute welche sich sehr ängstlich gegen uns benehmen, stellen Küche u. Kochgeräte zur Verfügung. In Grandprè fanden sich noch ungeheure Vorräte an Wein und Eßbarem. So fanden der Trupp Ruben eine große Menge eingelegter Eier die uns noch langer Entbehrung vortrefflich schmeckten. Unsere Station, welche sich auf dem Vorplatz in einem Schloß befand diente vorerst noch unserem Gen. Kdo. welches aber am nächsten Tage abrückte und dann war es nur noch Vermittlung auf der Strecke Vouziers (A.O.K.) und Haus (18. R.K.).

Das Schloß selbst, auf einer Höhe stehend machte mit seinen alten massiven Mauern einen vornehmen Eindruck. Es mußte einem sehr reichen Herrn gehört haben, was aus der Einrichtung und den vielen Nebengebäuden zu ersehen war. Prachtvolles Möbel stand in den Zimmern und eine schöne Bibliothek war auch vorhanden. In dienstfreier Zeit war es für mich ein Vergnügen darin zu stöbern und erfreute mich an den schönen Einbänden. In der Frühe des andern Tages rückte das Gen. Kdo. ab und wir blieben noch dort. Ich war fast den ganzen Tag allein in dem Schloß und quartierte mich dann in eins der Zimmer welches vorher einem Generalstabsoffizier diente. Seit langer Zeit konnte ich mich wieder einmal der Kleider entledigen und ich schlief in dem weichen Bett großartig. Am 5. Sept. um 10 Uhr früh, begannen wir die Leitung nach Autry abzubauen. Wer ahnte damals, daß ich noch später einmal auf so lange Zeit dort hin käme?

In Autry angekommen mußten wir unserer Abtlg. nachfahren was ein richtiges Hin- und Hersuchen der richtigen Straße erforderte denn die Truppführer unserer Abtlg. waren noch nicht mit Karten ausgerüstet. Wir fuhren, fast unwissend wohin, auf fast immer ganz leeren Straßen nach Süden. Endlich erreichten wir nun Mitternacht die andern Teile des 1. Zuges welche bereits in einer Scheune Quartier hatten und durch unsere Ankunft in ihrem schönen Schlaf gestört wurden. Ein sonderbarer Zufall war es daß auch der Zugführer des 3. Zuges hier war während Ltn. Taut bei dem 3. Zug war. Nicht lange schliefen wir hier denn schon um 3 Uhr Morgens ging unsere Reise weiter. Immer nach Süden. Ich war der Einzige des 3. Zuges welcher bei dem 1. Zug war und so kam es, daß ich bald von einem Fahrzeug auf das andere geschoben wurden denn es hatte doch jeder seinen Platz. Schließlich wurde ich auf dem Platz auf dem Wassereimer nicht mehr gestört. Wenn auch unbequem so war doch schlecht gefahren besser als gut gelaufen. So trafen wir dann nach langer Fahrt in Charmont ein, wo dieser Zug wieder mit dem Bau einer Ltg. begann. Durch ein Radfahrer erfuhr ich, daß unsere Abtlg. hier vorbei käme und in der Hoffnung wieder zu meinem Zug zu kommen, blieb ich dort. Aber diese Hoffnung wurde nicht wahr denn unsere Abtlg. hatte einen anderen Weg genommen und bereits in Bettancourt [Bettancourt-la-Longue] Ruhe gemacht. Dort war auch unser Gen. Kdo. Ich entschloß mich, diesen Weg zu Fuß zu machen und fand dann auch in einer Ferme wieder meinen Trupp. Ich war froh, wieder bei meinen Bekannten zu sein. In dieser Ferme waren ein älterer Bewohner und wir haben unseren Hunger an dem dort vorfindbaren gestillt. Schlechte Wasserverhältnisse wie schon so oft, fanden wir auch. Ganz in der Nähe von Bettancourt wütete der heftige Kampf um den Rhein-Marne-Kanal. Am 8. Sept. 815 vorm. rückte unsere Abtlg. durch den Ort, durch Rancourt [Rancourt-sur-Ornain] auf die Straße nach Revigny [Revigny-sur-Ornain]. Wir machten auf der Straße kurz vor Revigny, da wo die Eisenbahn die Straße kreuzt, Halt und blieben dort bis gegen Abend. Von der Straße aus konnten wir das ganz naheliegende Revigny in Flammen sehen. Besonders bot der brennende Kirchturm ein schmerzlich schönes Bild. Gegen Abend machten wir Kehrt und in Rancourt errichteten wir Station im Schulhaus. Aber bei den vielen Truppenbewegungen waren fast die ganze Nacht die Leitungen gestört. So mußten 4 Leute unseres Trupps auf Störung suchen. Weiand und Drechsler wurden im Auto ein Stück Wegs der 25. Res. Div. entgegengebracht. Lohmann und ich waren als Störungssucher dreimal der Leitung zur 21. Res. Div. Die Nacht war mondhell und so konnten wir die Fahrräder benutzen. Am schlimmsten war es als wir des Morgens gegen 400 „los“ mußten. Es ging zuerst ohne viel Hindernisse, als wir aber uns dem Kanal näherten wurde die Sache immer schwieriger. Der Ort am Kanal Sermaize [Sermaize-les-Bains] bot ein trostloses Bild. Die Trümmer der Häuser versperrten alle Straßen und die vielen Fabriken, darunter eine große Zuckerfabrik waren mit sämtl. Maschinen total vernichtet. Durch den Ort durchzukommen war gänzlich ausgeschlossen. Auch die Kirche war dem Erdboden gleich, und der Altar war unversehrt. Noch schrecklicher als das Bild dieses ruinierten Ortes war der Anblick der vielen toten Franzosen. Im dichten Knäuel lagen sie links und rechts der Straßen und an den Böschungen. Auch in einem Nebenwasser des Kanals lagen die toten, starren Leiber in allen Stellungen. Wir konnten manchmal nicht feststellen, ob diese Toten der schwarzen Rasse angehörten so entstellt war das Gesicht und mit Blut bespritzt. Wir mußten unseren Weg durch einen Friedhof nehmen. Der Eingang war ja leicht aber einen Ausgang fanden wir nicht und so mußten wir mit Gerät und Fahrräder eine Mauer überklettern. Zuerst mußten die Fahrräder hinüber und da auf der anderen Seite stehende niedrige Gehölz ließ sie einigermaßen weich fallen. Mit vieler Mühe gelangten wir durch das Gehölz wieder zur Straße und flott ging es weiter nach Andernay. Dort war sonderbarer Weise kein Soldat und die Zivilisten bilden auf der ganz leeren Straße Spalier. In steter Schußbereitschaft den Karabiner haltend fanden wir endlich hinter dem Dorf die Störung. Es war dicht um einen Mast durchgeschnitten. Als wird es wieder geflickt hatten ging es diesen grauenvollen Weg wieder zur Station zurück. Den Vormittag hatten wir Gelegenheit zum Kochen und bei warmem Wetter auf zum Baden. Übernachtet haben wir in einem Hause wo gerade die Dragoner ausrücken mußten. Sie waren gerade am Brotbacken und mußten es halbfertig liegen lassen. Unser Kamerad Schneider verstand es und backte uns ein gutes Brot um das uns die anderen beneideten.

Am 10.9. erhielten wir am Nachm. den Befehl zum Bau der Ltg: Rancourt – Vroil – Nettaucourt. Wir blieben daselbst bis zum andern Tag und hatten dann das Vergnügen dieselbe Ltg. wieder abzubauen. Dies war ein gewohntes Stück denn der Feind war uns tüchtig auf den Fersen. Unsere Art. hatte zwischen Rancourt u. Vroil schon wieder Stellung genommen und kurz vor Vroil war auch unsere Inf. und richtete ihre Schützengräben her. Von einem Kavallerieposten wurden wir angehalten und uns gesagt daß wir uns auf eigene Gefahr hin gehen könnten. Es war ja auch ein sehr gewagtes Unternehmen ohne jede Deckung mit den schwerfälligen Bauwagen dem Feind entgegen zu fahren. Wir errichteten noch gut die Wegegabel nach Bettancourt als es uns doch zu brenzlich wurde und wir von dort den Rückbau begannen. In Rancourt konnten wir an dem höhnischen Lachen der Bevölkerung ihre Freude über unseren Rückzug erkennen. Ein strömender Regen durchnäßte uns ganz und erschwerte die Rückkehr welche gegen Abend beendet war. In einer Scheune hatten wir uns ein Lager gemacht und gegen 10 Uhr morgens brechen wir wieder vom Dorf auf nach La Neuville aux bois. Es war gegen Mittag als wir diesen Ort erreichten und den Befehl erhielten zum A.O.K. zu bauen. Von La Neuville aux bois bis Espense sollte ein anderer Trupp bauen und wir von dort nach Dampierre le chateau, wo das A.O.K. sein sollte. Wir hatten schon einige Kilometer gebaut als wir durch Herrn Hptm. Schulz den Befehl erhielten wieder ab zu bauen da der Feind uns auf den Fersen war. Aber ganz konnten wir den Rückbau nicht ausführen denn schon ließ uns die Feldwache nicht mehr zurück. Wir waren also ganz von der Abtlg. abgeschnitten und irrten umher nicht zu wissen wohin wir sollten. Auch auf Erkundigungen konnten wir nicht erfahren wo sich unser Gen. Kdo. befand. Als es schon sehr zu dunkeln anfing suchen wir endlich auf einer Straße eine Bagage. Wir fuhren darauf zu und zu unserem Glück war es die große Bagage unseres Korps. Wir schlossen uns sofort derselben an. Ein feiner Regen wurde immer stärker und der noch dazu kommende Wind machte uns das Fahren durchaus nicht angenehm. Alle Zeltbahnen und Mäntel nutzten aber nichts und so waren wir bald total durchnäßt. Wir kamen so, immer mit der Bagage fahrend durch verschiedene Orte, darunter auch St. Menehould. Wir kannten das Ziel der Bagage nicht und als es uns doch zu bunt wurde rangierten wir des Nachts um 1 Uhr aus. Nun galts in dem Dunkel einen Stall für die Pferde und auch ein Lager für uns zu suchen. Ein Pferdestall hatten wir bald gefunden und die Schafe, welche vorher drin waren, flüchteten sich ängstlich in eine Ecke desselben. Eine Scheuen fand sich auch bald für uns und wie wir waren, blos ohne Stiefel, krochen wir tief in das Kleeheu und nach festem Schlaf erwachten wir als es schön längst Tag war. Nun wechselten wir erst unsere Wäsche, welche schon zum großen Teil am Körper getrocknet war; erfuhren nun auch bald den Namen des Orts: Berzieux. Ganz in unserer Nähe hatte eine Sanitäts-Kompagnie schon ihre Erbsensuppe gekocht und sie gab an uns auch ab; o wie gut hatte sie geschmeckt. Als wir wieder alles gepackt hatten, machten wir kehrt und fuhren zum nächsten Ort wieder zurück, denn inzwischen hatten wir erfahren, daß dort unser Gen. Kdo. ist. Des Mittags erreichten wir La Neuville am Pont. Nicht allein wir, sondern auch unser Kdo. war froh als wir uns wieder einfanden denn schon wähnten sie uns in Feindeshand. Kaum waren wir dort so erhielten wir auch schon den Befehl zum Abmarsch; konnten aber noch schnell zu Mittag essen. Um 2 Uhr marschierte unsere Abtlg. mit dem Gen. Kdo. und der Feldpost nach Vienne la Ville und von dort nach St. Thomas. Dort hielten wir einige Zeit und am Abend ging es wieder nach Vienne la Ville zurück. Im Schulsaal machten wir uns ein Strohlager und kaum hatte ich etwas geschlafen als man mich zum Stationsdienst auf das Gen. Kdo. holte, wo ich bis gegen 8 Uhr früh blieb als unsere Abtlg. schon wieder bereit zum Abmarsch stand.

Wir marschierten am 14. Sept. vorm. ab und kamen gegen Mittag in Binarville an, wo wir den Bau der Leitung nach Autry begannen. Die Straße war durch die vielen Mun. Kol. belegt und so gestaltete sich unser Bau ziemlich schwierig, morgens auch noch der Regen half. Am Nachm. konnten wir Station errichten in Autry wo unser Gen. Kdo. war. Unser Truppführer blieb noch den ganzen Abend auf Station, während wir uns ein Quartier suchten und uns dort einrichteten. Gegenüber unseres Hauses in Scheune hatten unsere Fahrer ihre Pferde sehr gut untergebracht und auch wir krochen dort des nachts in der Stroh. Unser Truppführer erzählte uns dann, daß er aus den Gesprächen des Generalstabschefs herausfand daß unsere Armee Anschluß an 3. und 5. Armee nahm um so den Kampf besser durchführen zu können.

Am 15. Sept. hatten wir den Befehl erhalten uns marschbereit zu halten und so standen die Pferde den ganzen Tag geschirrt da, und wurden erst gegen Abend wieder abgeschirrt. Immer mehr Verwundete, (meistenteils leichtverwundete) kamen nach Autry und in mehreren Häusern waren Lazarette errichtet. Immer mehr wurde der Kampfplatz zu einem Befestigungsplatz wo immer die Truppen ihr Schanzen vervollständigen. Es ereignete sich somit wenig auf dem Kampfplatz und unser Stationsdienst verlief ganz regelmäßig. Einige Stunden Dienst und dann wieder mehrere frei.

Am 26. Sept. früh um 7 Uhr wurden wir alarmiert, da unser Korps ein Angriff versuchte. Es gelang auch der 31. und 25. Res. Div. vorwärts zu kommen und so mußten auch wir um den Anschluß nicht zu verlieren in unsere alten Stellungen. Am Abend desselben Tages bekamen wir die ersten Liebesgaben aus Wiesbaden vom Roten Kreuz (Schloß Mittelbau). Sehr reichlich waren sie ausgefallen. Zu dieser Zeit hatte unsere Abteilung auch 2 Verluste durch eine Granate. Es waren der Telegr. Henne und der Fahrer Nicke welche auf diese Weise ihr Leben hergeben mußten.

Am 26. besuchte unser Kronprinz das hiesige General Kommando und kam auch die folgenden Tage. Es wurden viele Truppenverschiebungen vorgenommen und wir erhielten als Armee-Kommandeur Sr. Kais. Hoheit den Kronprinzen. Damit hat sich auch die Nummer geändert, es ist jetzt 5. Armee. Am 6. Oktober mußte ich mit mehreren Kameraden Artillerie-Stellungen besetzen. Der Beobachter saß in den vordersten Stellungen im Bois de ville, weiter rückwärts standen unsere Feld Art, wo ebenfalls 2 Mann blieben, während ich am weitesten rückwärts zur schweren Art. ging. In der Nacht gegen 12 Uhr setzte ein heftiges Granatfeuer ein und der Raum zwischen der l. u. schw. Art. wurde tüchtig befunkt, ohne Schaden an zu richten. Daß auch meine Verbindung zur l. Art. gestört wurde nimmt mich weiter nicht Wunder. Um 2 Uhr nachts rückte die schwere Art. ab und ich blieb allein im Unterstand bis es Tag wurde wo ich meine Kameraden wieder aufsuchte. Alle Art. war abgerückt und wir brauchten doch nicht mehr die Stat. zu besetzen, nahmen unsere Apparate und marschierten heimwärts. Aber 2 fehlten noch: Lohmann u. Drechsler welche beim Beobachter saßen und vergeblich uns „anriefen“. Als wir unserem Abtlgs. Führer unser Tun meldeten, bekamen wir noch eine „Armee Zigarre“ mit dem Bescheid zu warten bis er nach „vorn“ käme. Auf dem Bahnhalteplatz Cernay trafen wir alle wieder und in größter Hitze, schwer mit Apparaten bepackt ging es nach Autry wo sich alles in Wohlgefallen auflöste. Nun wieder einige Tage Stationsdienst in Autry und dann ging es wieder auf eine Feld Station nach La mare aux beufs [La Mare aux Bœufs] diese Feldstation war aber sehr einfach. Zeltbahn an 4 Enden aufgespannt schon war die Fernsprech-Station fertig. Etwas eingenickt am Abend wurde ich wieder durch heftiges Feuer geweckt welches aber bald nachließ als unsere Art. einige Granaten hinübersandte.

Am späten Nachmittag des anderen Tages werde ich Leitung abgebaut und zurück nach Conde les Autry wo ich noch einen Teilnehmeranschluß zum Artillerie Kommandeur baute. Nach Fertigstellung desselben ging ich wieder nach Autry zu meinem Trupp. Es war am 10. Oktober 10 Uhr als ich dort wieder eintraf. Am darauffolgenden Tag, einem Sonntag, hatte ich Gelegenheit einen schönen Feld-Gottesdienst bei zu wohnen. Die folgenden Tage bis 14. Oktober hatte ich Stat. Dienst. Am 15. erhielten wir Befehl eine Leitung zum Flughafen zu bauen welcher bei der Ferme des Rosiens aufgeschlagen ist. Die Ferme befindet sich bei Sechault [Séchault]. Als wir gegen 5 Uhr nachm. den Bau beendet hatten, war keine Verständigung vorhanden. Als wir dann als Störungstrupp etwa 2 km von der Endstation entfernt anriefen kam der Befehl zum Rückbau der Ltg. welcher aber am anderen Tag erst ausgeführt wurde und wir fuhren ins Quartier nach Autry zurück; um wieder dort Stat. Dienst zu machen.

Am 19. Okt. rückten wir zur Stationsbesetzung nach Bouconville. Die Station befand sich im Stabsgebäude 21. Res. Div. die Herren, mit denen wir nun zu tun hatten waren folgende:

Exl. v. Schwerin als Kdr.

Hptm. Zimmermann als Gen.stabs Offiz.

Hptm. v. Holwede Adj.

Lt. Gotheiner Adj.

Stn. Guilini Adj.

Rittmstr. Martin Ord. Offiz.

Rittmstr. Mumm v. Schwarzenstein Ord. Offiz.

Zu Anfang gestaltete sich der Stationsbetrieb etwas schwierig da man diese Herren nicht kannte aber bald wurde es geläufig. Bouconville ist, wie alle kleineren Dörfer schmutzig und die Wohnhäuser sehr primitiv. Besonders zu erwähnen sind die einfachen Decken in den Häusern. Wenn jemand im oberen Stubenorte durch die Stube geht, fällt den unten der ganze Schmutz auf den Kopf. Alle Wände sind so dünn, daß man stets hören kann was nebenan gesprochen wird. Meistenteils ist in den Orten nur ein oder zwei Häuser zu finden welche fest gebaut sind. Bouconville ist sehr hoch gelegen und diese Lage läßt darauf schließen daß die Wasserverhältnisse sehr schlecht sind. Die wenigen Brunnen waren schon so verdreckt daß das bischen Wasser was darinnen war kohlschwarz war.

Es gehört schon einige Überwindung dazu, derartige Wasser zum Kochen zu verwenden. Ungefähr 10 Minuten vom Ort entfernt ist eine kleine Talmulde wo sich etwas Wasser sammelt und in dieser Lehmbrühe haben wir uns gewaschen. Man hat das Waschen mit solchem Wasser nicht recht als Wohltat empfunden. Meistenteils haben wir uns auf der Station im Hofe der Division Wasser „requiriert“ wie man im Kriege sagt. Unser Quartier war dort in dem „Revier“ das ist das Haus wo die Krankenstuben der Div. sind. Es war wohl nicht sehr warm darinnen aber für diese Zeit doch erträglich. Auf dem kleinen Herd brauchte ein Topf Wasser zum Kochen volle zwei Stunden. Hatte derselbe ja auch keinen richtigen Zug denn das Ofenrohr war durch eine zerbrochene Fensterscheibe ins Freie geleitet.

Die schönen Herbsttage nutzten unsre, sowie auch die feindl. Flieger sehr reichlich zu Erkundungsfahrten aus. Am 22. Oktober war ein franz. Flieger mehrere Bomben auf den Ort. Ein Feldwebel wurde schwerverwundet u. starb nach kurzer Zeit. Sonst wurden keine Schäden angerichtet. Es verliefen dann einige Tage ohne weitere ernste Zwischenfälle. In der Nacht vom 29. auf 30.10. weckte uns ganz heftig ein Sanitäter mit der Worten „Aufstehen, Granaten schlagen ganz dicht bei dem Ort ein.[“] In aller Eile wurde in die Stiefel geschlüpft und im Hausflur und im Hof verharrten wir in banger Angst. Man hörte deutlich den Abschuß und dicht an das Haus gelehnt verfolgten wir das Sausen über unseren Köpfen. Alle 5 bis 10 Minuten kam eine geflogen. Sie gingen alle über den Ort und ungefähr 2-300 Meter entfernt schlugen sie ein. Am folgenden Tag suchten wir die Löcher auf und erfuhren von Offizieren daß es schwere Flachbahngeschütze waren; vermutlich Schiffsgeschütze. Wo sie standen war ein Räthsel und so konnten wir sie nicht unschädlich machen und die übernächste Nacht war es wieder dasselbe, auch daß sie fast auf demselben Platz einschlugen. Jedesmal wenn sie aufhörten, suchten wir unser Lager wieder auf, aber ein rechter Schlaf wollte doch nicht kommen.

Am 2. November wurden wir abgelöst durch einen anderen Trupp und wir waren froh, wieder nach Autry zu kommen, wo bessere Wohnungsverhältnisse und auch besseres und reichlicheres Wasser ist. Allerdings hat für uns „Gemeine Soldaten“ auch Autry den Nachteil daß mehr militärisches Leben herrscht. Dies zeigte sich schon in den am folgenden Tage (3.11.) stattfindenden Apells.

Ich will noch kurz vorher erwähnen daß die Straßenbezeichnung auch jetzt hier deutsch wurde und unser Quartier an dem Wilhelmsplatz war. Ein feiner Stadtteil! Aber nur kurz war es das vergönnt die Wohnung zu behalten und am 9. Novbr. zogen wir nach Eckartsberg Nr. 1 (benannt nach dem Ortskommandeur). Der Dienst wurde jetzt hier geregelter als zuvor. Wie die Ablösung auf den Außenstationen wurde auch hier alle 14 Tage Wachdienst, Baudienst und Stat.Dienst gewechselt. Während die Kameraden meines Zuges Wache standen, richteten UOffz. Lemmert, Telegr. Busch Lohmann und ich die Station Autry vollkommen ein. Es wurden die Einführungen zum Stat. Lokal so sorgfältig angelegt als ob es ein dauerndes Postamt sein solle. Kurz nachdem die Station einige Zeit so eingerichtet war wurde wieder ein Klappenschrank eingebracht und es gab wieder Veränderungen.

Sonst gestaltete sich das Leben immer regelmäßiger. Der Lebensmittelempfang fand täglich zur festgesetzten Zeit statt. Sie konnten jetzt bequem durch die Eisenbahn bis nach Bahnhof Autry gebracht werden, woselbst ein Proviant-Amt errichtet wurde. Sämtliche Truppenteile des Armeekorps holten in den Vormittagsstunden hier die Lebensmittel und die gute Organisation ermöglichte ein rasches Abfertigen.

Vom 2. bis 15. November dauerte der Wachdienst und dann kamen 14 Tage Stationsdienst; der angenehmere Dienst für den Telegrafisten. Die Ruhestellung sämtlicher Truppen ermöglichte es und das Leitungsnetz, welches seither aus Feldkabel bestand, mit Bronzedraht auszubauen. Wenn dies auch eine mühsame und langwierige Arbeit war, so wurde sie schließlich durch die Länge der Zeit vollendet; das teure Kabel konnte nun wieder in Stand gesetzt werden.

Um die Essenfrage besser zu lösen, haben mich die Leute meines Trupps zum Haus- und Kochdienst bestimmt; ich hatte dafür zu sorgen wenn sie vom Leitungsbau zurück kamen, daß sie ein warmes Essen vorfanden. Mit dem Kochen sind natürlich auch andere Beschäftigungen verbunden wie: Abspülen, Aufräumen bzw. Ausfegen und Holz zerkleinern. Hatte also alle Hände voll zu tun um die Zufriedenheit meiner Kameraden zu erwerben und um einigermaßen Ordnung zu halten, konnte man stets auf den Beinen sein.

Am 14. Dezember ging es wieder nach Bouconville um wieder dort Stat. Dienst zu machen. Es war in dem Ort selbst wenig Veränderung eingetreten. Die Station wurde während unserer Abwesenheit in das Haus neben dem Div. Stabs-Quartier verlegt wodurch wir ein helleres und größeres Lokal bekamen. In das Quartier wo wir vor 6 Wochen waren konnten wir nicht mehr einziehen und das was wir bekamen war ein gut Theil schlechter als das erste. An allen Ecken ging der Wind durch und die nebenan stehenden Pferde störten unsere Nachtruhe nicht wenig. So trennte uns nur eine ganz dünne wackelige Wand von denselben und schreckten oft das Nachts auf in der Meinung die Pferde brechen durch. Man tröstete sich halt immer auf die 14 Tage die es nur dauert.

Das Weihnachtsfest rückte immer näher und von der lieben Heimat treffen denn auch in sehr reichen Maße Liebesgaben u. Christgeschenke ein. Wir trafen auch Vorbereitungen zu diesem schönen Fest: holten uns in der Nähe des Flughafens einen Tannenbaum und schmückten denselben mit Christbaumschmuck aus der Heimat. Auch unsere Station wurde festlich geschmückt. Die Feier bestand in Absingen von Weihnachtsliedern und von einer Kompagnieschreibstube bekommen wir noch Bier. Durch den Lichterschein des Christbaumes wurden auch 2 Pioniere mit Musik-Instrumenten angeleitet und ein alter Landwehrmann hielt noch durch seine komischen Vorträge alle lange beisammen. Gegen zwei Uhr nachts legte ich mich zu Bett (d. heißt ins Stroh) und an die Lieben in der Heimat denkend schlief ich ein. Ein für Soldaten und Kriegszeit schöner Abend war es doch.

In der Frühe des 1. Feiertags ging ich zum Gottesdienst in die noch gut erhaltene Kirche worin eine schöne Statue der Jungfrau v. Orleans steht. Diesmal konnten wir Bouconville wieder verlassen ohne mit Granaten bedacht zu werden.

Am 28.12. ging es wieder nach Autry. Hier bezogen ein kleines Häuschen, das wir Villa Billa nannten. Es ist ganz am Außenrand von Autry und wir haben hier ein ziemlich ruhiges Plätzchen. Dies Haus gehört einer kleinen Familie, deren Ernährer in den feindlichen Reihen steht. Die Frau, welche hier in der Kirche interniert ist kommt an Sonntagen als zu uns um zu sehen ob es noch gut im Hause steht mit Möbel u. dgl. Sie bittet uns, schonend damit umzugehen, was wir nach Kräften tun und bewirten sie, mit Kaffee u. dgl. Wir leben in ziemlich guten Einverständnis mit Ihnen aber sie denken noch immer: Deutschland sei der Urheber des Krieges und diesen Gedanken können wir ihnen nicht ausreden.

Der größte Teil unseres Zuges hatte Wachdienst; ich selbst hatte das Glück, zum Stat. Dienst eingeteilt zu werden. Dieser Dienst führte mich auch auf die Station der Ballonabwehrkanone welche in der Nähe des Bahnhofs Autry stand. Der Dienst war ja dort sehr langweilig, denn kein Flieger ließ sich bei dem Regenwetter blicken. Mein Dienst war also nur nach dem rauchenden Ofen zu sehen! Bis zum 24.1. hatte ich dann noch Stationsdienst auf unserer Zentrale. Diesmal dauerte unser Aufenthalt in Autry länger, denn die Außenstationen wurden nun auf 4 Wochen besetzt. Die seither zu unserem Armee-Korps gehörende 11. Inf. Div. wurde durch die Div. Mühlenfels abgelöst und unser Trupp wurde beauftragt, diese Station zu besetzten. Eine sehr angenehme Station war es die noch den Vorteil hatte, daß sie unmittelbar bei unserem Quartier lag.

In dieser Zeit erhielten wir hier auch ein Geschütz der österreichischen Mörserbatterie welche bei Servon [Servon-Melzicourt] in Stellung gingen mit den Aufgabe die hochumstrittene Höhe 191 südl. Cernay [Cernay-en-Dormois] zu befunken. Am 2. Feb. wurde denn auch die Höhe genommen was durch eine Sprengung der franz. Schützengräben gelang. Unsere Pioniere hatten die franz. Schützengräben unterminiert und sprengten sie am 2. Febr. mittags 12 Uhr. Wir kamen dadurch bis nahe an Massiges und dieser Erfolg brachte auch unseren Wiesbadener Achtziger ziemliche Verluste. Allerdings war auch ein wichtiger Stützpunkt der Franzosen genommen.

Die unmittelbar darauffolgenden Tage und Nächte machten die Franzosen verzweifelte Angriffe um die Höhe zurück zu gewinnen aber diese Angriffe waren mehr mit Vorteil für uns verbunden als für sie denn es wurden noch einige Gefangene gemacht. Es vergingen nun mehrere Tage bis sich die Franzosen erholten und dadurch waren diese Tage sehr ruhig.

Unser Trupp machte weiter seinen Stationsdienst auf der Division Mühlenfels. So lebten wir denn ganz sorgenlos bis zum 16. Februar (Fastnacht-Dienstag). Als wir etwa 1-2 Std. im Bett lagen und recht fest schliefen, schlug die erste Granate mitten im Dorf ein. So etwas hätten wir denn doch nicht gedacht denn wir sagten uns, der Franzose hätte schon lange Autry beschossen wenn er es könnte. Das Generalkommando wußte ja besser Bescheid denn schon vor einiger Zeit ließ das Gen. Kdo. den Kirchturm abbrechen durch Pioniere um so der fdl. Artillerie das Zielen auf Autry zu erschweren. Ferner wurden Unterstände gebaut woselbst sich das Gen. Kdo. bei der Beschießung flüchten konnte. Wir Telegraphisten haben darüber nur lächerliche Bemerkungen gemacht aber in dieser Nacht auf den Aschermittwoch wurden wir leider anders belehrt. Wie schon vorher gesagt hatten sie gut gezielt und so saßen auch die nächsten Schüsse. Der erste Schuß fiel mitten auf die Straße und da gerade dort Infanterie angetreten war zum Ablösen in die Schützengräben brachte uns diese Granate einige Verluste bei. Die zweite fiel ganz in die Nähe unseres Quartiers. Während des Sausens in der Luft flüchteten wir in unseren Unterstand. Unser Quartier lag nämlich dicht an einer hohen Felsmauer und in diese Wand war so eine Art Keller eingehauen. In bangem Warten verbrachten wir die Nacht frierend darinnen. In ziemlich großen Pausen feuerte die Art. Es schlugen nach mehrere Granaten ein, worunter ziemlich viele Blindgänger waren ohne merklichen Schaden anzurichten. Etwa drei Stunden hatten die Franzosen ausgesetzt denn gegen 600 morgens fing das Bombardement von Neuem an. Diesmal noch heftiger aber immer mit geringem Erfolg. Also dann endlich Tag wurde, waren wir froh denn bei Tag konnten die Franzosen doch nicht schießen ohne Gefahr zu laufen erkannt zu werden. Wir erhielten sofort Befehl um 800 marschbereit zu sein denn das Gen. Kdo. verlegte seinen Standort nach Termes. Als wir um 800 Autry verließen hatten wir den Befehl das Gen. Kdo. wieder mit der 21. R. Division zu verbinden. Wir konnten zu diesem Zweck an eine schon bestehende Bronzeleitung anschließen. Es war an der Wegegabel 1 ½ km südwestl. von Montcheutin. Der ungefähr 5 km lange Bau nach Termes war ziemlich schwierig. Der Ort Montcheutin hielt uns lange auf, denn der ganze Ort war voller Truppen und Bagagen. Später als wir die freie Strecke erreichten ging der Bau ziemlich flott von statten. Nachmittags um drei Uhr hatten wir unsere Endstation erreicht und nachdem wir eine gute Verständigung hatten zogen wir in das Quartier, welches noch mit den Mannschaften einer Artilleriemunitionskolonne belegt war. Dieselbe ging an dem anderen Tag aus und wir begannen ein „großes Reinemachen“. Es gab für uns ein feiner Quartier um das und andere Trupps beneideten. Der erste Teil unseres Dortsein (14 Tage) hatten wir Stationsdienst. Als dieser zu Ende war und wir Bauzug wurden da bekam unser Trupp den Auftrag, den Garten des Hauptmanns herzurichten. Ich übernahm dann die folgenden 4 Wochen wieder den Kochdienst. Da das Quartier unsers Hauptmanns neben dem unsrigen war, so hatten wir Gelegenheit auch gleich die Front unserer Häuser zu verschönern. Ich malte über den Eingang die Worte: Deutsches Haus. Einige schöne Nachmittags ließen uns angenehme Spaziergänge machen; wobei der „Photo“ in Tätigkeit trat.

Termes ist ein ganz ansehnlicher Ort von etwa 700 Einwohnern, welche meistenteils Landwirte sind. Dicht bei Termes steht eine Mühle, welche von dem Militär in Betrieb gehalten wird und das im Korpsbezirk requirierte Getreide mahlt. Die in der Mühle ausgenutzte Wasserkraft treibt auch den Motor für das elektrische Licht in unseren Quartieren. Die noch zurückgebliebenen Einwohner, meistenteils Greise u. Frauen u. Kinder sind in der Kirche untergebracht und werden die Männer zur Straßenreinigung verwendet.

Als wir uns am 21.3. wieder zur Abfahrt von Termes rüsteten erhielten wir Kunde von der Beschießung von Bouconville. Die 21. Res. Division hatte zum Glück schon früher ihren Sitz in ein Schloß verlegt welches etwas weiter rückwärts lag. Dahin kamen wir nun zur Stationsbesetzung. Das Schloß war nach dem, um dasselbe herumziehenden Graben benannt und hieß nach der Karte Château de Francs Fossès [Château des Francs-Fossés]. Aber für uns sollte es kein Château (Schloß) sein denn unser Unterkunftsraum war ein Stall welcher etwas gereinigt war. Wir hatten also Arbeit genug denselben einigermaßen bewohnbar zu machen. An allen Ritzen (die Wände waren Bretter) zog es herein. Aber wir deckten uns gleich zu mit Decken der „Reichswollwoche“. Aber allerliebste kleine Gäste die fleißig unseren Eß-Kisten zusprachen hatten wir in Menge. Diese vierbeinigen Mitbewohner unseres Stalles hielte des Nachts Hindernisrennen ab an den Köpfen und Füßen der Schlafenden. Nicht allein darum, weil es franz. Ratten waren, konnten wir sie nicht leiden, sondern auch weil sie in allen Tonarten quiekten. Öfters veranstalteten wir, ausgerüstet mit den fürchterlichsten Waffen, Jagden wobei wir annähernd die Zahl 100 erreichten. Auch ein, uns fdl. gesinnten Pferde-Depot störte oft unsere Nachtruhe denn es war schon vorgekommen, daß die dünne Wand an unseren Köpfen leicht durchstoßen worden ist. Für all diese schönen Vorzüge einer Außenstation wurden wir noch obendrein an Regentagen mühelos im Quartier gewaschen.

Dank einer zahlreichen Besetzung boten diese Tage doch viel Erholung. Der Dienst am Klappenschrank steht dem bei dem Gen. Kdo. nicht nach, im Gegenteil glaube ich, daß die Verbindung nach zahlreicher sind. Einige schöne Tage ließen uns Spaziergänge machen in die erwachende Natur. Wäre die Verpflegung besser gewesen dann wäre für uns dieser Stall ein Luftkurort gewesen. Als wir uns ganz gut eingelebt hatten da mußten wir uns auch schon wieder rüsten für die Abfahrt nach Termes. Am 19. April zogen wir wieder daselbst ein, um auf weitere vier Wochen hierselbst Stationsdienst zu mache. Wir bezogen das „Deutsche Haus“ und freuten uns als wir dasselbe noch verschönert wieder vorfanden. Der Trupp, welcher während unserer Abwesenheit hier wohnte, hatten einen schönen Vorgarten angelegt. Auch ein Tisch und eine Bank, aus Birkenstämmen gezimmert vervollkommneten das Gärtchen. Aber für uns blieb auch noch mancherlei zu tun übrig. Der hinter dem Hause liegende Garten wurde umgegraben und mit verschiedenen Sorten Samen besamt. Immer mehr verschwindet das Bild vom Krieg hier. An freien Plätzen wurden sogar große Bauten aus Birkenstämmen gebaut, die Straßen wurden regelmäßig gefegt und die in franz. Sprache angebrachten Aufschriften von den Häusern entfernt oder überstrichen. Wie wohltuend diese Ordnung und Reinlichkeit auf uns wirkte empfindet der am besten welcher vorher in diesem Schmutz zu leben gezwungen war. Mögen sich die zurückgebliebenen Einwohner ein Muster nehmen an dem deutschen Ordnungssinn. Ich selbst hatte für die vier Wochen Stationsdienst auf dem Gen. Kdo. Etwas langweilig aber auch eine wohltuende Ruhe entschädigte mich dafür.

Vom 17.5. ab wurde unser Trupp nach Montcheutin befohlen. Daselbst ist der Stab der 9. Landwehr Division, bestehend aus:

Ex. Generalltn. v. Mühlenfels

Generalstabsoffz. Hptm. Held

Ordonanzoffiziere:

Rittmeistr. v. Pavel

Obltn. Aumüller

Obltn. Grolmann

Hier in Montcheutin entwickelte sich im Laufe der Zeit eine größere Station und wir versäumten auch nicht unser Quartier aufs wohnlichste herzurichten. Allerdings war das nicht wenig Arbeit denn es vollzog sich eine gründliche Änderung. Besonders zu erwähnen ist unsere gute Verpflegung, die wir von der 8. Komp. L.I.R. 83 erhalten. Wir hatten alle nur den Wunsch auf dieser Station das Kriegsende zu erwarten. Montcheutin ist ein kleiner Ort von ungefähr 3-400 Einwohner in Friedenszeiten. Jetzt allerdings zählt die Zahl der darin untergebrachten Feldgrauen 2-3000. Allabendlich konzertiert eine Kapelle des L.I.R. 85 vor der Kirche und gerne lauscht die Infanterie den Klängen. Es muß für die in der Kirche einquartierten Leute eine gute Erholung sein, wenn, aus dem Schützengraben gekommen, in ihr Quartier die Klänge eines Heimatliedes ertönten. Die seitherige Stille in dem Gefechtsabschnitt der 9. Ldw. wurde unterbrochen durch einen unsererseits geplanten Angriff. Allerdings war der Angriff nicht in größerem Stile geplant, denn es galt nur einen kleinen Geländeabschnitt zu gewinnen durch den die Franzosen in der Lage waren, unseren Graben Flankenfeuer zu geben. Das Hauptangriffsfeld lag bei der links von uns liegenden 27. Inf. Division zum XVI. A.K. gehörend. Der Angriff war auf den 20. Juni festgesetzt und gut vorbereitet. Unsere Abtlg. hatte ein sehr verzweigtes und gutes Leitungsnetz in die vorderen Gräben gelegt was besonders für die Minenwerfer notwendig war. Es gelang sehr gut den Feind das Stück Boden abzunehmen und auch eroberten wir Masch. Gewehre u. Minen-Werfer. Die Zahl der in diesen Gefechten gemachten Gefangenen betrug bei unserer Division 3 Offiziere 256 Mann.  Ich habe auf dem Durchmarsch durch Montcheutin die Gefangenen gesehen und es waren kräftige Männer in verschiedenem Alter. Die Zahl der bei der 27. I. D. gefangenen Franzosen war bedeutend höher und die Leute in der Heimat werden sich des Erfolges der Kronprinzen-Armee gefreut haben. Unsere Verluste waren im Verhältnis zu dem der Franzosen doch viel geringer. Daß die Franzosen diesen Verlust nicht so ohne Weiteres hinnehmen nahm und weiter nicht Wunder, denn sie bereiteten einen Angriff größere Stils vor. Wie man in den Zeitungen später las, versuchten sie an ihrem Nationaltag in den Argonnen und in Flandern einen Durchbruch. Wir waren also gut vorbereitet. Se. Exl. und der Generalstabsoffz. begaben sich um einen besseren Blick zu haben in den Divisions-Gefechtsstand bei La mare aux beufs [La Mare aux Bœufs].

Ich will noch kurz bemerken daß 2 Telegraphisten sich bei dem 1. Angriff das E.K.  verdienten (Mitglieder meines Trupps). Nach langer Artillerie Vorbereitung, (die Franzosen hatten unsere vorderen Gräben ganz zerschossen) stürmten sie am 14. Juli morgens um 920. Den ungeheuren Massen gelang es bis in eines unser Reservelager zu dringen. Sie hatten ihre besten Truppen, Kolonialtruppen eingesetzt und brachten uns große Verluste bei. Es gelang uns aber infolge Heranziehung von Verstärkungen sie wieder zu vertreiben und diese harten Kämpfe brachten uns 3 Offz. 450 Mann Gefangene dazu noch einiges Kriegsmaterial. Nun trat wieder nach diesen heißen Kämpfen Ruhe ein und unsere Pioniere und Infanterie ist fleißig tätig, die Hindernisse zu verstärken und die Gräben auszubauen. Für uns Telegrafisten waren es auch harte Tagen, denn die Franzosen suchten durch das Beschießen rückwärtiger Orte die Verstärkungen fern zu halten. Es waren deshalb alle Leitungen nach dem Gefechtsständen dauernd gestört und diese Leitungen mußten oft in Nacht u. Regen wieder hergestellt werden. Allmählich verlief wieder alles seinen gewohnten ruhigen Gang. Ein Dankgottesdienst verbunden mit Ordens-Auszeichnungen durch Se. Kais. Hoheit den Kronprinzen war das Ende der Kämpfe in den Argonnen die so lange schwiegen. In dem Stationsdienst verlief es stets gleichmäßig. Ich versah während unseres Aufenthaltes in Montcheutin die Stelle eines Koches und konnte bei der guten Verpflegung gut Gerichte auf den Tisch stellen.

Am 29. Juli holte man mich nach Termes um dort für einige Tage den beurlaubten Buchbinder zu vertreten. Viele freie Zeit und wenig Arbeit brachte mir dieses Kommando. Während dieser Tage wurde auch bei dem Zug der die Station in Termes besetzte die Feldküchenkost eingeführt, allerdings wurde dieses von den meisten Leuten verurteilt denn die Güte unseres Essens litt dadurch sehr. Jedoch war diese Einführung nur von sehr kurzer Dauer, sie wurde schon nach acht Tagen wieder abgeschafft. Inzwischen war auch der beurlaubte Buchbinder wieder zurückgekehrt und ich kehrte zu meinem Trupp nach Montcheutin zurück. Die schönen Sommertage wurden von den Fliegern natürlich gut ausgenutzt und wir hatten dann auch am späten Nachmittag frz. Fliegerluft. Am 13. August warf ein fdl. Flieger einige Bomben auf Montcheutin ohne viel Schaden anzurichten. So vergingen die Tage in M. in fast gleich bleibender Ruhe bis eines Tages unsere Ablösung erfolgte. Die 9. Ldw. Div. erhielt einen eigenen Fernsprechzug und wir siedelten nach Termes über. Der Umzug gestaltete sich besonders interessant da der Wagen, auf dem wir unsere Sachen hatten mehr einem Zigeunerwagen glich als einem militärischen Gefährt. Rings herum um den Wagen hingen Kochtöpfe, Helme, Gewehre und Stühle. An der Seite ragte hoch das unvermeidliche Ofenrohr in die Luft. Wir erregten mit diesem Umzug überall nicht geringe Heiterkeit.

In Termes bezogen wir mit noch einem Trupp ein neuerbautes Blockhaus. Es war dies am 12. September 1915. Da nun bekanntlich unser Zug unter den Befehl des Wachtmstrs. der Abtlg. gestellt wurde, änderte sich auch mein Dienst. Mit dem Kochen war es nun vorbei und ich erhielt Artilleriedienst. Manchmal ja eine schöne gesunde Beschäftigung wir z.B. Stangenschlagen, dann aber wieder besonders bei schlechter Witterung lehrreich. Doch hielt dieser Dienst nicht lang an denn nach einigen Tagen wurde ich zum Stationsdienst an den Klappenschrank befohlen. Dieser Dienst war mir ziemlich nervenaufreibend besonders während den Tagen der französischen Offensive. Es waren damals ungefähr 50 Leitungen zu bedienen. Das Schwere dieses Dienstes wegen war auch die Ablösung eine öfter nämlich 2 stündlich, während bei der Telegrammannahme 6 stündliche Schichten eingeführt waren.

Am 21. September 1915 setzte die franz. Offensive mit starker Artillerie Beschießung ein. Es war ein 72 stündiges Artilleriefeuer deren Heftigkeit man noch nicht erlebt hatte. Dieses dauernde dumpfe Rollen wurde nur durch die Einschläge der ganz schweren Geschosse in seiner Eintönigkeit unterbrochen. Kein Ort, und mag er noch so strategisch unwichtig sein, wurde von der schw. Art. des Feindes verschont. Besonders zu erwähnen ist der Ort Challerange; ein Eisenbahnknotenpunkt und die Zufuhrstrecke der Kronprinzen Armee. Gerade für die Telegrafentruppe bedeutet das Beschießen der rückwärtigen Verbindungen sehr viel da die Operationstruppen dadurch von den Kommandostellen abgeschnitten werden. Die für diese Fälle eingerichteten Lichtsignalstationen haben sich bei der franz. Offensive gut bewährt.

Am 24. Sept. begann der Feind die Infanterieangriffe die größtenteils mit hohen Verlusten abgewiesen wurden. Besonders schwere Kämpfe entwickelten sich am Südhang der schon früher genannten Höhe 191, am 25. u. 26. Sept. Da unser rechtes Nachbarkorps gezwungen war in die 2te Verteidigungslinie zurück zu gehen so erlitten auch unsere Stellungen eine Änderung in der Aufgabe der Höhe 191. Hier kam die große Offensive der Franzosen zum Stillstand. Einige Tage später versuchte der Feind es nochmals mit langer Art. Vorbereitung aber es war ebenso erfolglos wie der erste Versuch uns bis zum Rhein zurückzutreiben. Wir hatten nun alle Hände voll zu tun die zerstörten Leitungen wieder herzustellen, was in den bodenlosen Feldern manche Schwierigkeiten bereitete.  

Es verstrich so nun fast ein ganzer Monat ohne daß sich viel von Bedeutung ereignete. Täglich herrschten neue heftige Art. Kämpfe. In diesen Tagen wurde hinter unserer Korpsfront ein feindl. Flieger zum Absturz gebracht.

Am 28. Okt. nachm. 400 ich hatte gerade Klappenschrankdienst erfüllte ein heftiger Schlag die Luft. Es war die Explosion der Kirche in Mouron, eines Ortes unweit Termes. Die Kirche war zu einem Munitionslager hergerichtet und dieses explodierte. Noch bis spät in die Nacht hinein explodierten einzelne Geschosse und es war mit großer Lebensgefahr verbunden sich in der Nähe des Ortes aufzuhalten. Die Kirche und einige der in der Nähe stehende Häuser waren nur noch ein Trümmerhaufen. Als ich am darauffolgenden Tage einen Besichtigungs-Spaziergang dorthin unternahm konnte ich mich von der kolossalen Wirkung der Explosion überzeugen. In den Gärten und Feldern um das Dorf herum lagen Steine und Balken der Kirche zersplittert. Ich sah einen Stein etwa in der Größe eines Wassereimers ungefähr 500 m von der Kirche entfernt 2 m tief in der Erde stecken. Die umhergeschleuderten Geschosse lagen massenhaft, teils krepiert, teils ganz, in unschuldigem Frieden auf der Erde. Wie durch Fügung Gottes waren die Verluste dieser gewaltigen Katastrophe gleich Null.

Die nächstfolgenden Tage waren für unser Korps nicht weiter von Bedeutung. Nur am rechten Flügel nach der Champagne zu war es lebhaft an Artillerie-Kämpfen. Nach und nach flaute der Sturm der großen Offensive immer mehr ab. So wurde Weihnachten. Das zweite Kriegsweihnachten. Ein großes neuerbautes Haus wurde dazu festlich geschmückt. Um auch gleichzeitig an den ehemaligen Chef unsers Generalstabs zu erinnern taufte man dieses Haus „Studnitz-Haus“. Unsere Abteilung versammelte sich hier und feierte fern den deutschen Landen das deutsche Weihnachtsfest kein strahlender Christbaum. Regimentsmusik, Bier, Vorlesung und Ansprache unseres Herrn Hauptmanns war das übliche Feiern. Aber nicht allein zu Weihnachtsfeiern diente das Studnitz-Haus. Ein Kino war darin und bot uns, wenn auch etwas primitiv gute Unterhaltung. Wenn auch manches nicht so klappte und die Bilder zeitweise nur hell erschienen, so war es dich sehr beliebt und täglich ausverkauft. Wenn auch nicht, der Eintrittspreis war ja so niedrig wie etwas. 10 Pf. nur!!! Lange Nächte und kurze Tage in steter gleichbleibender Ruhe. Eine kleine angenehme Abwechslung war für mich eine Autofahrt nach dem Etappengebiet um dort Einkäufe zu machen für die Kantine unserer Abteilung.

In meinem Dienst vollzog sich insofern eine Änderung, daß ich nun [die] Zentrale des Gen. Kdo. bedienen mußte. Diese Station verdient doch wegen ihrer einzigen Art beschrieben zu werden. Es war der Heizraum in dem der Klappenschrank stand, und von wo aus das ganze Haus geheizt wurde. Man frage mich ob es angenehm ist 6 Stunden lang neben einem fast glühenden Kessel zu sitzen und Telephon-Verbindungen her zu stellen. Der Schweiß rann etwa vom Kopf auch wenn man nichts tat. Aber da gerade Winterzeit es war so konnte man es eher ertragen. Besonders des Nachts tat einem die gleichmäßige Hitze wohl; zu gleich auch einschläfernd wirkend; man hatte große Mühe sich des Nachts wach zu halten. Die spannendsten Erzählungen waren zum Wachhalten gerade gut genug. Es ist fast nicht zu glauben was man alles in diesem jahrelangen Nachtdiensten lesen kann.

Der Winter verging und mit beginnendem Frühlingswetter auch neue Taten. Am 21. Februar 1916 begann an der Front um Verdun die Artillerie-Vorbereitung zu unserer Offensive. Am Abend desselben Tages wurden von diesen Truppen die ersten Stellungen nebst einigen Vorwerken genommen. Die schwere Artillerie (42 cm) brachen die Forts und neben großen örtlichen Erfolgen brachte uns dieser Tag 3000 Mann unverw. Gefangene. Besonders schwierig waren die Maasübergänge, da das Wasser mit fingerdicken Drahthindernissen durchzogen ist. Nach den ersten acht Tagen dieser erbitterten Kämpfen konnten wir als Beute angeben: 76 Geschütze, darunter 8 schwere, 86 Maschinengewehre, 228 Offiziere u. 16575 Mann. So nahmen die Kämpfe weiter an dieser Front einen für uns günstigen Verlauf trotz allem Einsatz an französischen Elitetruppen. Daß sich diese Kämpfe immer schwieriger gestalteten war voraus zu sehen denn dieser Teil der Front war der wichtigste. Ich will hier Abstand davon nehmen, weitere Einzelheiten zu erwähnen da sich doch diese Kämpfe nicht bei uns abspielen.

Am 29. Febr. abends saß ich wie gewöhnlich an meinem Fernsprecher als auf einmal, es war gegen ½ 12 Uhr in ganz bedenklicher Nähe das fürchterliche Geheul eines schweren Geschosses hörbar wurde. Der Einschlag war ganz im Gegensatz dazu garnicht zu stark. Was war es? Der Franzose beschoß Termes! Es dauerte keine halbe Minute und ein Pfeifen und Krachen erfolgte. So machte der Feind ein ziemlich rascher Folge etwa 25 Schüsse abgegeben haben als die Batterie von unserer Artl. niedergekämpft wurde. Natürlich war für die meisten die Nachtruhe dahin. Am andern Tage besahen wir die Einschläge und staunten nicht wenig als wir Löcher entdeckten wo man ein mittelgroßes Auto hineinstellen konnte. Es stellte sich heraus daß es 14 cm Granaten waren mit denen der Franzmann uns drohte, denn alle Schüsse lagen ungefähr 400 m von dem Ort entfernt. Es erschien sogar noch fraglich, ob der Feind es nicht auf den naheliegenden Bahnhof Senuc-Termes abgesehen hatte.

Das verlegen des Gen. Kdo. wurde am nächsten Tage beschlossen und nachdem in Grandpré alle Vorbereitungen (Legen der Tel. Leitungen) beendet war wurde am 23. März das Korps-Stabs-Quartier nach Grandpre [Grandpré] verlegt. Dies ist ein kleines Städtchen und machte einen guten Eindruck. Vor allem hatte es noch wenig unter dem Krieg gelitten und waren alle Häuser ziemlich wohlbehalten. Mit noch 3 Kameraden hatte ich Dienst auf der Generals-Vermittlung, welche getrennt von der Hauptvermittlung am Ausgang des Ortes nach Termes lag. Die ersten Tage vergingen noch unter Einrichten der Wohnung und Station. Fast alle Telegrafisten wohnten in einem Hause, von dem wir, d.h. 4 Mann von der Gen.-Stabs. Verm. ein freies Zimmerchen innehatte. Sogar neu tapeziert haben wir es und unserem Dekorationsschmuck wurde fleißig Nachahmung getragen. Ein spätere Aufnahme fiel zur allgem. Zufriedenheit aus. Nun begann allmählich die Witterung besser zu werden und dies lockte uns in die nähere Umgebung. Da ist vor allem nach Chevieres [Chevières] zu ein wunderschönes Jagdschloß das uns immer anzog. Rings herum von Tannenwäldern umgeben lag dieses wohlerhaltene Besitztum eines Deputierten da. Vor dem Schloß war ein großer Weiher auf dem man Nachen fahren konnte. Ich erinnere mich an den Ostersonntag wo ich es Nachmittags [war]; vor dem Schloß spiegelte eine Inf. Kapelle, mit meinem Kameraden Weiand eine herrliche Kahnpartie machte und wo unser Kahn bei den Klängen eines Straußschen Walzers sachte durch das Wasser glitt. Ganz die Musik auf sich wirken lassend dachten wir beide an keinen Krieg mehr als plötzlich über uns ein feindl. Flieger seine Kreise zog. Die Schläge der Ballonabwehrkanonen waren das Finale des schönen Nachmittags. Noch öfter zogen wir gemeinsam in der Frühe durch den herrlichen Park um Maiblumen für das Quartier und auch für die Lieben zu Hause zu holen.

Der Dienst an dieser ruhigen Front war ja nicht anstrengend und wir hatten genügend Zeit, unseren Garten, der hinterm Haus lag, zu bestellen. Es glich ja mehr einem Trümmerhaufen als einem Garten und nachdem wir allen Unrat beiseite geschafft hatten und bestellt war, kam mehr Unkraut zum Vorschein als das was wir säten. Das einzige, was ich daraus erntete, waren ein paar Rettiche, die noch nicht halb ausgewachsen waren. Nur es ja immer so bei dem was die Soldateska bestellt, da fehlt später die Pflege. Mehr als diese Arbeit zog uns ferner des Nachmittags das Konzert an, das eine sehr gute Inf. Kapelle auf dem Marktplatz gab. Obwohl wir genug Zerstreuung hatten suchte doch das Gen. Kdo. uns noch mehr zu bieten indem es in einem Seitengebäude des Schlosses uns ein großes Kino einrichtete. Wenn auch der Raum nicht gerade bequem war, so stand es doch absolut auf der Höhe. Es wurden dort große Films gegeben und der Eintritt war nur 10 Pf.

So vergingen die Trage ziemlich eintönig. An der Front gab es auch wenig Veränderungen. Nun kursierte seit einigen Tagen, Anfangs Juli, das Gerücht, daß unser Korps nach der Kampffront bei Verdun komme. Dies wirkte wie ein elektrischer Funke. Bei Verdun waren damals die schweren Kämpfe und unser Korps hatte seither fast immer eine ruhige Stellung gehabt. Nach einigen Tagen wurde dann auch dieses Gerücht zur Wahrheit, um 16. Juli siedelten wir nach Sorbey bei Longuyon über. Abgelöst wurden wir durch das Gen. Kdo. 16. A.K. das später sich Argonnen-Gruppe nannte. Während unsere Abteilung schon abrückte, hatten Weiand und ich den Auftrag, die Telegr. anzulernen, sodaß wir erst einige Tage später nach Sorbey kamen. Die Fahrt dorthin gestaltete sich sehr lustig, vor allem auch deshalb, weil wir noch eine Waschtischplatte mitzunehmen hatten die überall nicht geringe Heiterkeit erweckte. Aber was machten wir große Augen als wir unsern neuen Ort bezogen. Wir trafen dort nur Hütten an, die riesig verdreckt waren. Fenster u. Türen waren nirgends. Aber das Quartier kam in zweiter Linie. Der Betrieb am Klappenschrank war ganz neu. Man brauchte nicht aufzuschreiben während seiner Dienststunden so rasselte es aus dem Kasten. Ehe man sich versah waren die 2 Stunden Dienst, länger hielt man es nicht aus, vorbei. Es mündeten über 100 Leitungen in diese Zentrale und da an der Front schwere Kämpfe ausgefochten wurden, hatten auch wir keinen leichten Stand, alle Gen. Stabsoffiziere zur Zufriedenheit zu bedienen. Obwohl es nur Nervenarbeit war, kam einem doch oft der Schweiß aus allen Poren. Der Fernsprechverkehr war nicht so stark und wurde des Nachts, da Mangel an Personal war, von uns, dem Klappenschrankpersonal mitgemacht. So kamen wir durchschnittlich 3-4 Tage an Nachtdienst. Aber dies ließ sich ertragen; es war ja Sommer und die Nächte kurz. Das Quartier wurde nun auch allmählich wohnlich, vor allem richteten wir unter der Leitung unseres Kameraden Krauser eine schöne Küche uns ein. Wir hatten ja auch genügend zu kochen und lebten garnicht schlecht. Es wächst auch rings um Sorbey herum viel Obst und das fehlte niemals auf dem Tisch. Von den Franzosen handelten wir genug Erbsen und Karotten, die Kartoffel ernteten wir (gesät haben wir sie nicht selbst auf den Feldern). Meistens mußte ich den Koch machen und wenn alle Kameraden lustig aßen konnte man seine Freude daran haben.

Januar 16, 2021
von Jens Winter
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Oberleutnant Stollberg – Kurze Marine Kanonen Batterie Nr. 3 (Oktober 1915 bis März 1916)

Das Tagebuch II von Oberleutnant Stollberg habe ich vor einigen Jahren bei Ebay ersteigert. Weitere Tagebücher Stollbergs wurden damals leider nicht angeboten. Der vollständige Name des Verfassers steht nirgends geschrieben und seine Biographie bleibt bis auf die Selbstaussagen im Tagebuch unbekannt. Das Tagebuch hat ein Format von 13 x 19,4 cm mit  insgesamt 97 durchnummerierten Seiten. Auf den Seiten 5 bis 42 finden sich Einträge vom 14. Oktober 1915 bis 14. November 1915, wo sich Stollberg in Illuxt und Dünaburg aufgehalten hat. Die Seiten 42 bis 54 betreffen seine Zeit in Danzig. Von Seite 55 bis zum Ende (S. 97) berichtet Stollberg über seinen Einsatz in der Schlacht von Verdun. Am 13. März 1916 bricht das vollgeschriebene Tagebuch ab.

Dem Tagebuch liegen weitere lose Seiten in gleicher Handschrift bei. Auf einer aus einem anderen Tagebuch herausgerissene Seite (Format 9,4 x 15 cm), die beidseitig beschrieben ist, finden sich Einträge vom 23.1.1916. Drei weitere Bögen im Format 10,9 x 17,2 cm sind ebenfalls. Beschrieben ist hier nur der erste Bogen auf den ersten beiden Seiten sowie auf der Rückseite. Da diese beiden Zettel mit großer Sicherheit von Stollberg geschrieben wurden und die Informationen zum Tagebuch ergänzen, sind sie am Ende mit abgedruckt.

Das besondere an Stollbergs Tagebuch ist die Tatsache, dass er ausführlich über den Einsatz der Dicken Bertha, einem 42-cm-Geschütz, in der Schlacht von Verdun berichtet. Der Einsatz seiner Batterie kann nun bis zum 13.3.1916 im Detail nachvollzogen werden.

Die wenigen Worte, die nicht entziffert werden konnten, werden mit [?] gekennzeichnet. Sämtliche Unterstreichungen und Hochstellungen wurden von Stollberg übernommen, ebenso auch die Rechtschreibung. Auf die Auflösung von Abkürzungen wurde verzichtet. Die heutige Schreibweise der Ortsnamen wurde – wenn sie gefunden werden konnten – in eckigen Klammern eingefügt, um so ein schnelles Auffinden der Orte zu ermöglichen.

Die Kurze Marine Kanonen Batterie Nr. 3

Oberleutnant Stollberg war während des 1. Weltkrieges bei einer ganz besonderen Einheit eingesetzt – bei der Kurzen Marine Kanonen Batterie Nr. 3 (auch genannt Batterie Erdmann). Seit dem 2. August 1914 war er bei dieser Einheit. Das besondere an dieser Einheit war, dass sie für die Bedienung eines Mörsers mit dem Kaliber 42 cm zuständig war. Bei diesem Mörser handelt es sich um die sogenannte „Dicke Bertha“. Die Dicke Bertha gab es in zwei unterschiedlichen Bauweisen. Zum einen gab es das sogenannte Gamma-Gerät mit einer Gesamtmasse von 150 Tonnen, welches in zehn Eisenbahnwagen befördert wurde. Bis 1912 wurden von diesem Modell fünf Exemplare gebaut. Während des 1. Weltkrieges kamen noch fünf weitere dazu.

Das M-Gerät hatte dagegen nur eine Masse von 42,6 Tonnen und wurde in vier Teillasten gefahren. Bis 1913 gab es hiervon zwei Exemplare. Während des 1. Weltkrieges kamen nochmals zehn dazu.

Die Kurze Marine Kanonen Batterie Nr. 3 hatte zwei M-Geräte in ihrem Bestand.

Zu Kriegsbeginn dienten in dieser Batterie fünf Offiziere sowie 98 Mannschaften (1 Feldwebel, 1 Vize-Feldwebel, 4 Sergeanten, 7 Unteroffiziere, 20 Obergefreite, 1 Gefreiter, 81 Gemeine und 1 Oberfeuerwerker). Am 21. Oktober 1915 waren es vier Offiziere, ein Arzt, zwei Beamte sowie 260 Mannschaften, die für Transport, Aufbau und Bedienung der beiden M-Geräte zuständig waren. Hinzu kamen noch 6 Reitpferde und 20 Zugpferde. Batterieführer war bis zum 10. September 1915 Major Erdmann. Sein Posten wurde dann übernommen von Hauptmann Zacke. Wenn Zacke im Urlaub war, übernahm Oberleutnant Stollberg die Batterieführung.

Stollbergs Friedenstruppenteil war Versuchsbatterie der Artillerie-Prüfungskommission. Am 22. März 1916 wurde Oberleutnant Stollberg dann als Führer zur 5. Batterie im Fußartillerie Regiment 10 versetzt. Ob dies auf eigenen Wunsch geschah, geht aus dem Tagebuch nicht hervor. Unwahrscheinlich ist dies jedoch nicht, denn er stand seinem Batterieführer Hauptmann Zacke sehr kritisch gegenüber, wie im Kriegstagebuch an zahlreichen Stellen zu lesen ist. Auch war er z.B. mit der Anerkennung seiner Arbeit in der Batterie nicht zufrieden. Er hatte 1915 auf das Eiserne Kreuz gehofft, dies wurde ihm allerdings damals nicht verliehen – auch nicht bis zum Ende des Tagebuches am 13. März 1916.

Das Kriegstagebuch der Kurze Marine Kanonen Batterie Nr. 3 gehört zu den deutschen Beuteakten zum Ersten Weltkrieg und befindet sich heute im Zentralarchiv des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation (Bestand 500, Findbuch 12519 (1)). Digitalisiert kann es im Deutsch-Russischen Projekt zur Digitalisierung deutscher Dokumente in Archiven der Russischen Föderation eingesehen werden.

Dicke Berta (M-Gerät) mit dem Kaliber 42cm

Das Kriegstagebuch von Oberleutnant Stollberg

Das Kriegstagebuch II beginnt am 14. Oktober 1915 mit dem Abtransport der Batterie aus Köln an die Ostfront. Am 19. Oktober 1915 wurde die Batterie am Bahnhof Jelowka östlich von Illuxt ausgeladen. Die Batterie Bezog Quartier in und um das Gut Schödern (Šēdere). Am 22. Oktober wurde mit dem Aufbau der beiden Geschütze begonnen. Am 23. Oktober verschoss die Batterie in den Kämpfen um Illuxt insgesamt 30 Geschosse mit dem Ziel Schlossberg wenige Kilometer östlich von Illuxt. Am 24. Oktober wurden die Geschütze gedreht, um das neue Ziel Skrudaliena

 beschießen zu können. Zwei Tage später gab die Batterie insgesamt 20 Schüsse ab, allerdings wurde wegen fehlender Beobachtungsmöglichkeiten das Ziel Skrudaliena verfehlt. Wenige Tage später, am 2. November 1915, wurde dann der Abtransport der Batterie befohlen. Bis zum 9. Januar 1916 wurde die Batterie dann in Danzig-Neufahrwasser abgestellt, bis sie nach Longuyon transportiert wurde. Dieser Abtransport am 9. Januar 1916 erfolgte unter strengster Geheimhaltung, da die Batterie an der Schlacht von Verdun teilnehmen sollte.

Am 14. Januar 1916 wurde mit der Errichtung eines Hüttenlagers im Bois de Mangiennes begonnen. Ziel der Batterie sollte die Beschießung von La Wavrille sein. Ab dem 28. Januar wurde dann die Stellung für das erste Geschütz am Westausgang von Romagne vorbereitet. Ab dem 7. Februar wurde die zweite Feuerstellung im Thilwald gebaut. Am 12. Februar war die Batterie dann schußbereit.

Am 21. Februar 1916 begann die deutsche Artillerie die Schlacht um Verdun. Auch die Einheit von Stollberg feuerte an diesem Tag Schüsse ab. Auch in den folgenden beiden Tagen wurde geschossen – und das ganz erfolgreich, wie Stollberg schreibt. Dennoch wurden am 24. Februar Vorbereitungen zum Ausbau der Batterie getroffen, denn auf Grund der begrenzten Reichweite konnten keine weiteren Ziele Richtung Verdun, die noch in französischen Händen waren, mehr getroffen werden. Die Suche nach einer neuen Stellung dauerte einige Tage, bis schließlich eine Stellung bei Forges gefunden wurde. Allerdings wurde die Einheit dort durch französisches Geschützfeuer an der Arbeit gehindert, so dass sie auch diesen Ort wieder verlassen musste.

Das Tagebuch am 13. März 1916 – wenige Tage vor der Versetzung Stollbergs. Das Buch wurde bis auf die letzte Zeile beschrieben. Es ist davon auszugehen, dass es noch weitere Bände gab. Allerdings befinden sich diese nicht in meiner Sammlung.

Erste Seite des Kriegstagebuches von Oberleutnant Stollberg

Oberleutnant Stollberg: Tagebuch II (14.10.1915-13.3.1916)

Donnerstag, d. 14. Okt. 1915

Vorm. teleph. Priv. Nachricht, daß Prk. Kp. v. Cöln abtransportiert.

Nachm. teleph. Benachrichtigung durch L. Kdt. Elberfeld über sofortigen Abtransport. Telegr. Nachricht durch Hpt. Z. [Batterieführer Hauptmann Zacke] über Ziel pp.

Abds. 800 Verladen von Mannschaften u. Pferden, sowie Fhrzg., das sich jedoch durch Mißverständnisse beim Ablassen der fertig zusammengestellten Züge auch Bhf. Essen-Nord stark verzögert. Viel Hinundher: telephonieren bis endlich

Nachts 100 der 1. Zg. (Traktor) abgehen kann.

Inzwischen Nachricht v. Chef d. Feldeisenbahnwesens, daß die anderen beiden Züge mit je 12 Std. Abstand folgen sollen.

 

Freitag, d. 15. Okt. 15.

Früh Verpfl. in Wunstorf (vor Hannover) (ganz ausgezeichnet u. sehr reichlich). Dann weiter über Stendal-Rathenow (Verpfl.) bis Berlin-Moa., wo Nachricht vorliegt, daß Zug liegen bleibt bis Nachts 306. Abds 700 Verpfl.

Nachts 200 dsgl.

Besuch v. Fr. u. B´s.

Sonnabend, d. 16. Okt. 15.

306 ab Berlin über Lichtenberg Küstrin – Kreuz (Verpfl.) – Schneidemühl – Konitz (Verpfl.) – Dirschau – Marienburg

 

Sonntag 17. Okt.

Dort nachts 100 telegr. aus dem Zug geholt mit dem Befehl von A.O.K. Njemen-Armee: sofort nach Schaulen [Šiauliai] zu kommen.

Bis Elbing noch mit dem Zug mitgefahren, dann ausgestiegen u. auf den D-Zug von Berlin gewartet, der mit 1 Std. Verspätung einlief u. mich 700 über Königsberg nach Insterburg brachte. Dort umgestiegen bis Tilsit.

Hier bei E. I. wegen Autoverldg. nachgefragt, die jedoch erst den flgd. Tg. gehen sollte. Quartier beschafft. Graf Bülow von der E.I. getroffen, der mir sogleich ein Extraauto zur Verfgg. stellte.

Mit noch 2 anderen Herren (Lt. Frh.v. Boineburg u. Lt. Siemon (Zeithain)) in schneller Fahrt durch öde litauische Landschaft bis Schaulen [Šiauliai] (600); dort beim A.O.K. gemeldet u. über die Bttr. Auskunft gegeben.

Z. [Hauptmann Zacke] war noch nicht da.

Mit B.B.A. (Hpt. v. Westernhagen) wegen drehen der Ss-Wg. gesprochen; nachher war es doch falsch von ihm angegeben.

Abds. ins Quartier: Offz. Heim 2, Schadowstr. beim Schaulen-See.

 

Montag, d. 18. Okt. 15.

Vorm. nochmal zum A.O.K., das mir jedoch kein Auto zur Verfgg. stellen will, um nach Komarischki [Komariškiai] zum I. Res. A. (Obst. Neumann) zu kommen.  daher um ½ 11 mit Proviantzug gefahren.

Sehr langweilige Fahrerei auf der eingleisigen Strecke.

In Ponejewitsch [Panevėžys] die Herren d. Verpfl.-Station Wartenburg als Bhf-Kmdt. getroffen, die gleichzeitig als Orts-Kmdt. gerade bei Gerichtssitzung waren.

Weiter in geradezu trostloser, kalter Bummelfahrt im Packwg.. Stdlanger Aufenthalt in Radziwiliski [Radviliškis]. Die Nacht über im überheizten stickigen II. Kl.-Wg. langsam auf der Verschickung nach Sibirien weiter.

 

Dienstag, d. 19. Okt. 15.

Immer noch langweilige Weiterfahrt. Kalt, trostlos.

Endlich am Nachm. in Abeli [Obeliai]. Zug fährt nicht weiter, auf der Strecke vor uns jedoch ist ein Mun.Zg. stecken geblieben, den unsere Lokomotive, von hinten nachschiebend, weiter bringen soll. Der Packwg. fährt mit, u. so gelange ich mit noch einem Kommando v. rd. 30 M. glücklich gegen 500 nach Jelowka, der Endstation der Strecke nach Dünaburg.

Beim Staffelstab 203, gegenüber d. Bhf., erreiche ich telephg. das G.K. I. Res. A. in Komarischki [Komariškiai] u. erfahre, daß Z. [Hauptmann Zacke] schon am nachm. im Auto dort eingetroffen ist.

Ich lasse mich abholen u. bleibe die Nacht beim G.K. im Gen. Stb.´s Zimmer.

 

Mittwoch, d. 20. Okt. 15.

Erkunden der Auslademöglichkeiten am Bhf. Jelowka. Um 1000 trifft Prk. Kp. mit einem Teil der Traktoren ein u. wird gleich ausgeladen.

Hpt. Lichter macht Quartier bei u. in Gut Schödern [Šedere].

Wir suchen Feuerstllg. aus am Waldrand 1 km östl. des Gutes u. fahren dann zur Beob. nach Höhe 180 bei Osotschiniki.

Die Nacht in Gut Schödern [Šedere] dsgl. die folgenden.

 

Donnerstag, d. 21. Okt. 15.

600 trifft Ger. Zg. ein u. wird sogleich ausgeladen, war wegen der falschen Drehung der Bremserhäuschen gr. Schwierigkeiten macht, da immer umgeladen werden muß.

Ich suche mir Beob. in Schußrichtg. am Waldrand bei Vw. Neu Lassen gegen Schlossberg u. Illuxt [Ilūkste].

Die Fhrzg. werden noch vor Abd. bis zur Feuerstellg. gefahren, wo schon die vorbereitenden Arbeiten zum Einbauen des Gesch. getroffen sind.

Exz. v. Morgen kommt beim Ausladen u. lobt das gute Aussehen der Mannschaften.

 

Freitag, d. 22. Okt. 15.

Wieder vor zur Beob. u. Einrichtung der B.-Stelle (Bau von Hoch- und Unterstand).

Im Laufe des Vorm. trifft 2 Teil des Trakt. Zgs. ein mit Frspr.- u. Beob.-Ger.[,] Schanzzeug pp., sowie die Pferde. Sofort ausladen u. Ltg. legen. Beob.Ltg. durch den Wald hindurch, getrennt zuerst mit Pf. dann mit Mannsch. (Deichsel gebrochen). Auf dem Wege dahin Furt u. Hohlweg an Eisb. wstl. Neu Grünwald.

 

Sonnabend, d. 23. Okt. 15.

Schießtag (30 Sch.)

Ziel: Schlossberg v. Illuxt.

Sehr sorgfältige u. gründliche Art.-Vorbereitung mit Inf.-Feuerüberfall (neu!) in den Pausen. Der Sturm gelingt glatt. Geringe Verluste. 3500 Gefangene. 23 M.G.

Die Bttr. hat ihren Ehrentag u. zeigt sich mal wieder als die alte 3. Richtung Ia; Bedienung tadellos. Beob. recht günstig. Exz. u. Gen., Vorgesetzte a.A. u. Zuschauer sind einfach hin; nachm. tiefe Bücklinge u. können sich in Lobsagungen nicht genug tun.

Die Beob. von Vw. Neu Lassen am Waldrand war sehr schön. Ein prächtiges Bild, wie das Höllenfeuer auf die russ. Art. eröffnet wird, wie Schuß auf Schuß am Schloßberg einschlägt. Die Feuerpausen auf die Minute genau eingehalten u. einstimmig u. pünktlich prasselt wieder ein neuer Orkan von Eisen u. Blei, von Stahl u. Schwefel auf die in den Unterständen verborgenen Russen. Mienenwerfer krachen dazwischen. Ein Höllenspektakel bricht los, das sich von Min. zu Min. steigert. Ein Volltreffer von uns schlägt in das Gutshaus. Mauern stürzen, roter u. gelber Rauch füllt den Gipfel in Qualm. Neue Massen von Sprengstückchen prasseln in den Park, auf die vordersten Gräben, in die Reserven, in den rückwärtigen Grund. Da springt die Inf. auf u. stürmt vor, eine dichte prabbelnden Linie. Die ersten Russen eilen, die Hände hoch, aus den Gräben auf uns zu u. suchen Deckung in unseren Stellungen, von wo sie angstverstört in Trupps nach uns zu zurückfluten. Neue Inf. springt vor zum Sturm; die erste Welle langt am fdl. Drahthinderniß an, bricht durch, stößt weiter vor bis zum Parkrand. Eine 3. u. 4. Linie wächst aus dem Boden u. drängt hochstehend nach. Frspr. folgen mit ihren Kabeln; Reiter sprengen der Front zu. Einzelne Verwundt. kommen zurück. Bis unmittelbar vor dem Einbruch feuerten die Russen, dann warfen sie die Gewehre fort u. haben die Hände hoch. Graben nach Graben wird genommen. Die Brauerei, das Schloß sind in unserer Hand. Schon überschreiten die Vordersten den Höhenzug u. dringen ins Tal jenseits nach Illuxt vor. Was da geschieht, sieht man nicht. Ein letzter Schuß in die zurückflutenden Kasernen der Russen nach Illuxt hinein, u. auch dies wird unser.

Nur rechts am Waldrand halten die Russen. Starkes Inf. Feuer schallt herüber, die Kuppeln schlagen bei uns am Waldrand ein, klatschen gegen die Bäume u. fahren als Querschläger durch das Gebüsch. Ein Schuß streift meine Leiter, ein anderer geht durch die Protze, hinter der meine Leute geduckt hocken. S. u. St. kommen als Schlachtenbummler, verziehen sich aber schleunigst wieder, als die Kugeln ihnen um die Ohren pfeifen. Im Laufschritt zurück, so daß sie ganz echauffiert beim Chauffeur anlangen u. mit meinem [?] Reißaus nehmen! voilà, globetrotter!

 

Sonntag, d. 24. Okt. 15.

Nachts lebhaftes Inf. Feuer, da die Russen ihren Rückzug durch das Waldgelände sdöstl. v. Illuxt decken wollen.

Gesch. werden ausgebaut u. mit Rchtg. auf: Skrudelina [Skrudaliena] – W.W. wieder eingebaut (800 – 200). Bau u. Verstärkung weiterer Unterstände, Masken von Tannen u. Strauchwerk.

Ein russ. Flieger, der auf Bhf. Jelowka Bomben ohne Erfolg abgeworfen, überfliegt die Bttr. u. wird durch ein dtsch. Flugzeug vertrieben. Die Feuerstllg. ist nach Aussagen der Herren v. d. Feld-Flieger-Abt. 15 nicht erkennbar.

Ltg. aufnehmen. Dieselben Schwierigkeiten wie beim Legen.

 

Montag, d. 25. Okt. 15.

Erkdg. u. Wahl eines neuen Beob. Stelle in Schußrchtg. bei Gut Alt Grünwald.

Nachm. Ltg. legen von 122 in doppelter Rchtg.: 1) nach Alt Grünwald, 2.) nach 180.

Auf Höhe sdl. Alt Grünwald wird eine Scheinbttr. gebaut, nach der am nächsten Tg. auch die Russen ihr Feuer hinlenken.

Abds. die Herren v. Fl. Abt. 15 zu Gast. Gr. Saufski. Hpt. Bahr geht endlich aus seiner Reserve heraus, nachdem er mit stoischer Ruhe auch die größten Gläser voll Schnaps ohne Wimperzucken hinter die Binde gekippt hat.

 

Dienstag, d. 26. Okt. 15.

Nachts Schnee.

700 Bttr. besetzt. 800 Beginn des Schießens gegen Szaszali-W.W.-Skrudelina [Skrudaliena]. (20 Sch.)

Beobachtung nicht besonders günstig. Falsche Orientierung meinerseits; bedingt durch das kein Merkpunkt bietende Waldgelände. Ich halte Timschane [Timšāni] für Skrudelina [Skrudaliena]. Kann aber auch nach richtig eingestellter Orientierung  das Schießen nicht unterstützen, da die Einschläge für mich im Wald verschwinden, obschon ich auf der Leiter (8m) sitze.

Das Schießen im allgem. ist auch nicht so stark wie am 23., obschon man einen gleich guten Verlauf erwartet. Wohl kommt eine Unmasse Eisen in die russ. Stllg., aber der gesamte Eindruck ist wesentlich geringer u. schwächer. Auch wie der Sturm der Inf. einsetzt, hat man keinen überwältigenden Eindruck. Nur 1 Linie u. die auch noch dünn, geht vor dringt durch die Drahthindernisse durch u. verschwindet hinter der Kirchhofshöhe vor Szaszali. Der Dunst wird allmählich so undurchsichtig, daß man nicht unterscheiden kann, ob die schwrz. Gestalten, die zurückkommen unsere eigenen abgeschlagenen Inf. ist, od. ob es gefangene Russen sind. Ein Bangen werde ich nicht los, daß der Angriff gescheitert ist. Auch kein Wunder bei der mangelhaften Vorbereitung, bei der geringen Stoßkraft der Inf., denn nur wenige Gruppen kommen nach geraumer Zeit als Reserve zum Vorschein. Rechts, von 158 her, schlägt Flankenfeuer in unsere Gräben, in die vorgegangene Inf.. Das Gefecht im Wald bei Szaszali wird auch immer lebhafter u. deutet auf keinen durchgehenden Erfolg. Die russ. Art. schießt immer heftiger auf unsere Gräben u. auf ihre eigenen flüchtenden Gefangenen, die sich immer noch mehren. Ich schwanke hin u. her in der Beurteilung der Lage. Ich hoffe auf guten Ausgang, ich fürchte es steht schlimm. Der Tg. neigt dem Ende zu. Unbefriedigt geht´s nach Hause. Der folgende Morgen bringt Gewißheit. Nur im N bei Szaszali ist etw. Boden errungen, im übrigen blutig abgeschlagen.

 

Mittwoch, d. 27. Okt. 15.

Unsere Stimmung ist nicht beruhigt. Das gestrige Schießen war nicht berauschend. Die Rchtg. wird geprüft; stimmt. Die Trigonometer werden angespannt u. messen die Bttr. ein. Wenngleich es sich herausstellt, daß die Waldziehung der Karte falsch ist, so ergibt die Rchtg. doch dasselbe Ergebnis.

Es wird umgebaut, was schon größere Schwierigkeiten bietet als beim 1. Mal, da der Waldboden durch das Schießen nicht besser wird. Gleichzeitig werden die Bremszylinder nachgesehen, die beim gestrigen Schießen Bremsflüssigkeit vorn herausspritzten. Am Nachm. wird, nachdem die Bettung noch etw. geschwenkt worden ist (Mitte Skrudelina [Skrudaliena]),auf aufgeweichtem Boden bei Schnee u. Regen das 2. Gesch. eingebaut, beim 1. die Bremszylinder ausgewechselt.

 

Donnerstag, d. 28. Okt. 15.

Das 1. Gesch. wird eingebaut, doch kommt es nicht zum Schießen.

Gleichzeitig wird ein Knüppeldamm mit Abzweigungen zu den Gesch. hin vom Wege aus gebaut als Vorsorgemittel bei noch größer werdendem Schmutz u. anhaltendem Tauwetter.

Auswahl einer günstigeren Beob. als bei Alt Grünwald in Höhe v. 180, jedoch nordl. davon.

Gr. Offz. Besprechung, bei der der Mißerfolg des vorgestrigen Tages zur Sprache kommt u. die Mittel erwogen werden, um einem neuen Fehlschlag beim Angriff am 31. vorzubeugen.

Durch die Ziehung eines Fus. Bts. stellt es sich heraus, daß unsere Schüsse recht gut in u. um den russ. Gräben lagen, wo sie von 3 Meßstellen aus angeschnitten wurden. Die Ehre der Bttr. ist also wieder mal gerettet, zum Überfluß beweisen Fliegerphotogr. dasselbe.

Abds. Leuchtraketen am Himmel.

 

Freitag, d. 29. Okt. 15.

Ruhetag

Nachm. Noch einmal Prüfen der Rchtg., da wir jetzt als Ziele die Kirchhöfe v. Szaszali. u. Timshane [Timšāni] zugewiesen erhalten. Schwenken des Laf. Schwanzes ergibt ausreichende Seitenrichtung. Vorm. Obst. Neumann u. Maj. Pothnagel von Alt Grünwald aus orientiert. Wunderschöner Wintermorgen.

 

Sonnabend, d. 30. Okt. 15.

Neue Mun. wird in die Bttr. geschafft.

Der angesagte Angriff wird abgesetzt, da Verrat vorgekommen ist u. Überläufer der Inf. die Russen aller Wahrscheinlichkeit nach unterrichtet haben.

Nachm. setzt starkes russ. Art. Feuer ein.

 

Sonntag, d. 31. Okt. 14.

Nachts verstärkt sich das Feuer. Die Russen versuchen Angriff, über Angriff besonders in Rchtg. Illuxt u. dann vor allem aus den Seen heraus zw. Swenten- u. Ilsen-See. Wurden abgeschlagen. Genaues hört man nicht. Den ganzen Tag über setzen die Russen ihre Angriffsversuche fort, die wir größtenteils stillschweigend übergehen. Nur ab u. zu antwortet unsere Art., im übrigen werden die russ. Angriffe vor unserer Front mit d. M.G. abgeschlagen. Einzelheiten sind nicht zu erfahren.

 

Allerheiligen Montag, d. 1. Nov. 15.

Das russ. Feuer läßt noch immer nicht nach. Illuxt brennt.

Nachm. plötzlich Alarm. Die Bttr. ist in ¾ Std. schußbereit. Die Beob. jedoch äußerst ungünstig u. hört mit vorrückender Std. gänzlich auf. Zum Schießen kommt es nicht.

Die Russen sollen im S bei der 35. I.D. durchgebrochen sein. Es finden Verschiebungen der Truppen statt. So ganz sicher sind die Leute nicht mehr. Man hört verschiedene ungewisse Gerüchte über die schlechte Haltung der vorderen Linien.

 

Allerseelen Dienstag, d. 2. Nov. 15.

Ltg. nach Ginowka [Ginovka] gelegt in fdl. Sicht u. im russ. Feuer.

Abds. Befehl zum Abtransport d. Bttr.

 

Mittwoch, d. 3. Nov. 15.

Gesch. abbauen bei Matsch u. Regen. Man gut, daß Knüppeldamm vorgesehen war. Mühsames Vorwärtsdringen der einzelnen Fahrzeuge auf den völlig aufgeweichten Wegen; z.Z. 2 Traktoren verlegt, Berge mit Seilzug hinauf, nachdem der Schlamm abgeschaufelt war. Am Abd. erst 2 Lasten oben; an 4 Stellen müssen Nachts Posten stehen.

Ltg. aufnehmen u. nachsehen des Frsp.- u. Beob. Ger.

 

Donnerstag, d. 4. Nov. 15.

Immer noch Tauwetter. Die Fhrzg. werden der Reihe nach unter Schwierigkeiten wie am gestrigen Tg. heraufgeschafft. Nachm. folgen die Lastkraftwg. nach, die von Zugmasch. gezogen werden.

Frspr. Kabel werden weiter nachgesehen u. geflickt. Elemente geprüft u. aufgefüllt, Kasten gereinigt pp.

Abds. bei Flg. Abt. 15 zu Gast.

Elende Bläue.

 

Freitag, d. 5. Nov. 15.

Total verrückter Tag. Regen, Regen, Regen. In den Stuben regnet es durch, der Kalk der Decken fällt herunter. Es zieht an allen Ecken, Türen, Fenstern. Öfen zu spät angemacht, Essen nicht rechtzeitig auf dem Tisch. Richtige Katerstimmung. Lampen brennen nicht. Azetylen stinkt. Verlorener Freitag.

Am Abd. improvisierter bal paré!

Ananasbowle! Kommersgesang! Melodramatische Vorträge der verrücktesten Art. Alles aus dem Stehgreif. Blödsinnig u. toll, dabei tropft der Regen noch immer durch´s Dach. Blitzlichtaufnahmen des Art. Fßr. 19.

 

Sonnabend, d. 6. Nov. 15.

Schnee. So ein Wetterwechsel! Langweiliges Warten auf die Ankunft der Züge; dauernde Telephongespräche deswegen, bis in die Nacht hinein. Wieder ein um die Ohren geschlagener Tag ohne rechte Beschäftigung, ohne angemessenen Tätigkeit. Wozu ist man da im Felde? Führen wir überhaupt noch Krieg? Zur fechtenden Truppe soll man da noch gehören, die eis. Krz. I. Kl. bekommen aber Stadtbauräte u. ä. Leutchen in der Heimat. Daß einer von denen aber draußen vorm Feinde gefallen wäre, liest man nicht.

Am Nachm. kommt Hpt. St. mit seinen empfangenen Sachen u. mit Liebesgaben zurück, die ausgesucht u. für Weihnachten aufgehoben werden.

Abds. trifft die Nachricht vom Falle Nisch´s [Niš] ein.

 

Sonntag, d. 7. Nov. 15.

Ruhe. Schnee. Der gestrige Brand Rchtg. Illuxt hat aufgehört.

Züge sollen ankommen, u. oh Wunder: der 1. Zg. für´s Gerät kommt auch wirklich gegen Mittag an. 200 Beginn d. Verladens., 630 beendet.

950 Abfahrt d. Ger. Zuges „76043“.

Beim Abfahren der Gesch. am Morgen waren die Radgürtel am Boden festgefroren u. mußten mit Feuer aufgetaut werden.

 

Montag, d. 8. Nov. 15.

Tauwetter. Regen.

Zu Pferd auf grundlosen Wegen über eingebrochene Brücken, durch moorige Wiesen, Schlamm, Schmutz, Dreck und Schmier nach Puschli [Pašuliene?] zum Empfang von 3 eis. Krz. Er war in Pusle, also umgeritten durch glitschigen Schnee, Löcher, in denen die reinste Schokoladenbrühe steht, u.s.w.

Schnee, weiteres Warten auf den 2. Zug, der jedoch noch immer nicht kommt.

 

Dienstag, d. 9. Nov. 15.

Zug ist im Einlaufen, also wird gepackt u. der Haushalt aufgelöst. Gegen Mittag geht es zur Bahn. Welch´ ein Weg! Durchweg braune Chokoladenbrühe, knöchel- bis knietief. Alle Löcher u. Rillen überdeckt u. jede Unebenheit wird naturgemäß pflichtschuldig vom schwer arbeitenden (1. Gg.) Auto ausgekostet.

Als wir glücklich beim Bhf. Jelowka ankommen, ist natürlich noch kein Zug da, aber Z. [Hauptmann Zacke] drängte mal wieder unsinnig. Schließlich kann bei Regen u. Schneewetter gegen 400 mit Verladen begonnen werden. Z. [Hauptmann Zacke] quasselt selbst dazwischen u. verwechselt mehr, als daß er voran bringt. Unseren gewandten Schirrmstr. hatte er schon mit dem 1. Zg. weggeschickt. Warum? aus Dämlichkeit natürlich. Doch was tut das? Es ist nicht das einzigste Verrückte, was er angeordnet hat. Es geht nur langsam vorwärts. Da holt er mich zur Aufsicht: „ihm wäre es zu langweilig.“ Oha! Also mit frischen Kräften ´ran an die verfahrene Kiste. Nach einigem Krachschlagen meinerseits gelingt es auch, in der Hälfte der Zeit wie vordem die doppelte Anzahl Fhrzg. zu verladen. Jetzt häufen sich die Schwierigkeiten: Schlechts, unvollkommenes Wagenmaterial, so daß ich 3 überhaupt ausrangieren lassen muß. Das Licht geht zudem aus u. an Fackeln mangelt es. Da kommt das Großmaul wieder, ärgert sich über meine Ruhe u. fährt, nachdem er mich erst mal angeblasen hat, mit seinen eigenen falschen Anordnungen dazwischen. Ein Fhrzg. soll drehen; ich sage „ Das geht nicht“. Er „Ich befehle es.“ Gut. Also dreht das Fhrzg. u. fällt im Dunkeln den steilen Hang der Rampe so unglücklich herunter, da0 das Vordergestellt nicht zu drehen geht. Voilà tout. Z. [Hauptmann Zacke] tobt u. schimpft. Das Fhrzg. rührt sich nicht. Wütend rennt er auf u. ab u. verzieht sich endlich wieder. Mit Mühe u. Not kriegen wir den Kasten wieder flott u., – da inzwischen wieder neue Beleuchtung geschaffen ist -, kann das Verladen weiter stattfinden. Um 1100 ist der letzte Traktor auf der Achse, nachdem uns noch vorher ein Rungenwg. beim Überladen aus den Schienen gesprungen ist.

War das ein Stck. Arbeit! 15 Mon. fahren wir auf 5 Kriegsschauplätzen herum, haben noch nie bei Nacht verladen, weil wir wissen, welche gr. Schwierigkeiten dies in der Dunkelheit auf schlechten Notwegen macht, wo man bei ungenügender Beleuchtung keinen Überblick hat u. bald rechts, bald links Gefahr läuft, vom Wgbord herunterzufahren; u. da kommt dieser unfähige u. unwissende Häuptling u. befiehlt Nachts zu verladen. Ja, „mit Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens“, Schiller hat schon Recht.

 

Mittwoch, d. 10. Nov. 15.

1230 ab, zunächst bis Abeli [Obeliai], wo stdlg. Aufenthalt. Dann weiter. Der Morgen sieht uns in Poniewitsch [Panevėžys] u. in langweiliger Fahrt geht es bis Schaulen [Šiauliai], wo wir Abd. Verpflg. erhalten. Alte Erinnerungen steigen auf an die Zeit vor rd. 4 Wochen, wo ich die gleiche Strecke in entgegengesetzter Rchtg. zurücklegte, stille, frohe Gedanken im Herzen an Glück u. Auszeichnung, Ruhe u. Anerkennung. Und jetzt fährt man die Strecke zrck. Hoffnungslos, ohne I. Kl. u. daheim wundert sich wohl mancher und manch´ eine. Nur immer hübsch nach der Rangliste u. nach guten Fürsprachen, man ja nicht außer der Reihe. O heiliger Bürokratius, der du schon im Frieden so mäßig bist, auch im Krieg bist immer derselbe geblieben. –

In Rasziwiliski [Radviliškis] traf ich übrigens die Herren der Verpflg. Anstalt Wartenburg wieder. Bei ihnen auch einen alten Maj. d. Feldart., der durch seine ironischen Äußerungen mich herausforderte, ihm in recht deutlicher Weise andere Meinung über Fßart. beizubringen, woraufhin er schwieg.

Z. [Hauptmann Zacke] u. Siemons verlassen uns, um im Auto vorauszufahren u. für Quartier zu sorgen. Ich bin neugierig, war sie erreichen. Z. [Hauptmann Zacke] sicher nichts Berühmtes, wie die Beispiele von Brüssel, Cöln u. Berlin zur Genüge beweisen.

 

Donnerstag, d. 11. Nov. 15.

Vorm. in Prekule.

Achse. eines B-Wg. heiß gelaufen. Wg. m. 2 M. ausrangiert, kommt m. Zg. d. Prk. Kp. nach.

Nachm. in Bojahren.

Traurig öde Landschaft; flach, kahl ud. unregelmäßig bewachsen, dabei überschwemmt, sumpfig. Dazu Nebel, Regen, Feuchte. Höchst unfreundlich u. ungemütlich. Abds. in Memel.

 

Freitag, d. 12. Nov. 15.

Nachts 200 in Tilsit. Entlausung. Ewig langes Warten. 2x Verpflegung.

450 Nachm. weiter über Labiau. Endlos bummeliges Fahren.

 

Sonnabend, d. 13. Nov. 15.

700 Vorm. in Königsberg (Verpflg.)

1020 weiter in immer noch Schneckentempo über Braunsberg – (Verpflg.station Güldenboden wird überfahren. Grund? Fahrplan u. tatsächliche Fahrzeiten.) – Elbing Selbstverplg. aus eigenen Küchenbeständ.

 

Sonntag, d. 14. Nov. 15.

Nachts an in Praust [Pruszcz Gdański].

Von Z. [Hauptmann Zacke] natürlich keine Nachricht da, kein Bote. Die Kdt. Dzg. sagt teleph., daß Bttr. dort abgestellt u. einquartiert wird.

Ich rein mit Vorortzg. nach Dzg. Z. [Hauptmann Zacke] gesucht, der natürlich im verabredeten Quartier nicht ist u. ebenfalls daselbst keine Nachricht hinterlassen hat. Echt Z. [Hauptmann Zacke].

Also zrck. Allgemein Stinkwut. Wir wollen mit dem Ausladen von Pferden u. Autos beginnen. Da trifft Befehl ein, daß Zg. nach Saspe [Zaspa] soll.

Mittags eigene Küche.

1200 an Dzg., wo Z. [Hauptmann Zacke] sogar auf dem Bhf. ist. Beiderseits sehr frgl. Begrüßung. Wohnung bei Schnell mitgenommen. Pfefferstadt 52 b./ Zeuner.

Nachm. Heyertomen u. Kurd getroffen. Mit ihnen zusammen Kaffee getrunken u. alte Erinnerungen aufgefrischt, da wir uns seit 1909 nicht wieder gesehen hatten.

 

Montag, d. 15. Nov. 15

Vorm. nach Brösen-Neufahrwasser. Nachm. im D-Zg. nach Berlin, wo ich abds. eintreffe u. v. Tr. abgeholt werde.

 

Dienstag, d. 16. Nov. 15.

Vorm. nach Ihmmdf. wegen Pferdeersatz u. Wintersachen. dsgl.

 

Bußtag Mittw. d. 17. Nov. 15.

In Ihdf. Rauthe getroffen, der meine Kasernenwohnung besucht.

 

Bis zum Mittag d. Freitag d. 19.11.15 in Berlin. Buka´s u. Engelberg´s besucht u. Brükner´s, wo ich auch unvermutet ihn antraf, der gerade aus d. Feld auf Urlaub kam.

Mit Tr. in „Trudes Diele“, wo ich 2 Lts. v. 4. Rgt. traf, die 1913 Fahnenjunker waren u. in meine Wohnung Pestalozzistr. eingezogen waren.

Kurz u. gut ein sehr, sehr netter Berliner Urlaub mal wieder, der schöne Erinnerungen weckte u. neue knüpfte.

Auch traf ich m. Wesener zusammen u. konnte mich noch ´mal ordentlich mit ihm aussprechen.

Um überhaupt Deutsche mal wiederzusehen, ist Berlin das schönste Eldorado dazu. Bei Schlempinski der „Ober“ anfangs Aug. 14 eingezogen zur V.B. (Händedruck; giftiger Blick eines Hptms)

Nachm. nach Mgdbg. Hrzl. Wiedersehen mit L. Abds. im Wilhelm Theater „Wiener Blut“ („Franzi“-Li.)

 

Sonnabend, d. 20. Nov. 15.

Einkäufe. Pelz angeschafft.

Mittags m. Li. bei Danbo u. Richter´s. Nachm. auf meinen Hotelstübchen. Zu Abd. bei Franke, nachher Bols.

 

Totensonntag Sonntag, d. 21. Nov. 15.

Früh zum Kaffee bei mir.

Vorm. abgefahren.

Mittg. m. Tr. in Berlin, Hohenzollernrestaurant. Erinnerung an 1. Aug. 14

Straßenauflauf u. Umzüge v. Weitem unter d. Linden, die bald durch Polizei zerstört.

Nachm. zrck. nach Dzg.

 

Montag, d. 22. Nov. 15.

Z. [Hauptmann Zacke] auf Urlaub. Ich Bttr.-F. bis etwa End. d. Monats.

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Ruhige Dzg´er Zeit.

Theater:              „Der Juxbaron“

                               „Gasparone“

                               „Nachtasyl“ v. Gorki (russ. Zustände, wie wir sie z.Z. auch kennen gelernt)

                               „Jung muß man sein“.

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Dumme Kartoffelträgergeschichte. Jeder Hundsfott kann einen beleidigen u. man muß sich womöglich totschießen lassen, nachdem man durch die Schlachten heil durchgekommen ist, nachdem man 100x dem Tod entgegengesehen hat.

 

Dez. 15.

Am 23. Weihnachtsfeier in Zoppot bei E.K.K. langweilig, zotig, keine Stimmung, obwohl Damen dabei waren.

Am 24. Feier in d. Bttr. Erst Kirchgang in Neufahrwasser (eigenartiger rein liturgischer Gottesdienst, Frage u. Antwortspiel, teils gesprochen, teils gesungen zwischen Pfarrer einerseits, sowie Schulkindern u. Gemeinde andererseits); dann Essen in d. Kaserne, wo ein kl. Bäumchen für uns Offz. brannte. Darauf im Kurhaus zu Brösen gemeinsam Feier mit den Mannschaften. Recht nettes Zusammensein. Gute Vorträge, vor allem ein vierstimmiger Chor. Vorzüglich improvisierte Erzählungen d. Obgfr. Ziegert aus d. Bttr. in satirischer Form, ohne zu verletzen.

Für mich noch keine Weihnachtsstimmung.

 1. Feiertag: Sonnabend, 25. Dez. 15.

Vorm. im D-Zg. nach Breslau zu Rauthe´s Hochzeit.

Bis Posen zusammen mit Panic Dr. gefahren.

 2. Feiertag: Sonntag, 26. Dez. 15.

Vorm. m Rauthe zusammen.

Mttg. bei seinen Schwiegereltern Dr. Herrmann Besuch gemacht u. mit ihnen gespeist. Sofort reizende Aufnahme gefunden. Sofort ein fröhlicher-herzl. Verkehrston, so daß die Mama selbst bedauert, nicht noch eine Tochter zu haben. Auch die junge Braut mit sehr sympatisch u. mir zugetan.

Kurzum alles nach Wunsch u. ganz allerliebst.

Abds. ein „erster Polterabd.“ im Haus. Gesangs- und Klaviervorträge der Damen, netter junger Mädchen, mit denen man auch erstere Gespräche, tieferen Inhalts führen kann.

Selbst vorgetragen: „Wette von Marienburg“ u. „Tod des Tiberius“. Dank durch Händedruck, dem liebsten Applaus des Künstlers. (Es erinnerte mich so an Li, die es beim 1. Mal auch so machte) Nachher noch mehrfach Anerkennung gehört.

Zum Schluß wurden am Christbaum die Lichter entzündet, u. jetzt zog im traulichen Familienkreise, in dem ich mich so schnell wohl, von Herzen wohl u. geborgen gefühlt habe, auch bei mir beim Gesang der alten Weihnachtslieder die richtige weihnachtliche Stimmung ein.

Eine junge Dame sang noch Rauthe´s u. mein Lieblingslied, das so schöne „mit dem rührenden Refrain: „Vogel fliegt in die Welt hinaus…“

Bttr. wird der 5. Armee zugewiesen.

 

Montag, d. 27. Dez. 15.

Auf allgemeinen Wunsch bereite ich mich am Vorm. noch für lustige Vorträge nach dem Festessen vor, denn getanzt durfte natürlich wegen der Kriegszeit nicht werden. Da trifft von der Bttr. der telegr. Befehl zur sofortigen Rückkehr ein. 100, u. um 400 sollte d. Trauung sein.

Während sich die Hochzeitsgesellschaft fröhlich versammelte, machte ich traurig meinen Abschiedsbesuch, der mit in d. Tat recht schwer wurde. Vor allem der Abschied von dem reizend, liebenswürdigen Elternpaar, u. beim Handkuß an die junge Frau Oblt., stieg es mir doch heiß in die Augen.

428 ab, nach Dzg. zurück, ungewiß, was los ist, denn auf meinen d.d. teleph. Anfrage hatte ich keinen klaren Bescheid bekommen können. Und dann der Gedanke an mein armes, armes Gretel. Den folgenden Tg. wollte ich noch 1/2 jhr. Trennung wird es mit ihr glücklich zusammentreffen, wollte wir beide unsere Sehnsucht stillen. Wie hatten wir uns gefreut auf dieses günstige Zusammensein! Was hatten wir uns alles zu erzählen! Und jetzt – ein harter grausamer Strich durch  alle Liebeshoffnung: durch unseren Wiedersehenstraum….

Auch meine sonstigen Urlaubspläne wurden bös gekreuzt. ich gedachte, Sylvester in Berlin zu feiern u. die Neujahrsnacht bei meinem Tr. zu verleben. ich wollte nach Mdbg. hinüber u. Li überraschen. Ach, was hatte ich nicht alles vor bis zum 2.1.16!

Und nun saß ich im Zg. u. hinter Posen steigt unser Panic Dr. mit ein u. heim geht´s, dem Ungewissen entgegen.

 

  1. Dez. 15.

Nachts, nach Mitternacht, kommen wir in Dzg. an. Bttr. ist noch da, von Abmarschbefehl noch keinen Dunst.

Als einzigen Trost finde ich einen Teil meiner Weihnachtspost vor, unter allem anderen besonders Grete´s so schönes Bild u. das so vornehme Cigarettenetui von ihr. Weihnachtsstimmung – Weihnachtsliebessehnsucht!

Und nun folgen die letzten Tg. des Jhr. langsam aufeinander. Warten, warten, warten; von Tg. zu Tg., von Std. zu Std. Bttr. ist verladen, die Koffer gepackt, u. kein Marschbefehl!

So rückt Sylvester heran, das ich mit Schnell zusammen zu Haus zu 4. feiere.

War hat das Jhr. gebracht? Keine Befriedigung für mich u. meinen Ehrgeiz, kein richtiges Arbeitsfeld u. keine Belohnung. Dank meiner Vorgesetzten nicht einmal die I. Kl., dafür aber Ärger u. Mißgunst, Unzufriedenheit u. Arbeitsunfreude.

 

Sonntag, 9. Jan. 16.

Vorm. Befehl zur Abfahrt bis Longuyon. Strengste Geheimhaltg.

600 soll 1. Zg. gehen. Bttr. hat z. Zt. Verladen. Abfahrt verzögert sich bis 804 ab Hptbhf.

2. Zg. 1100

3. u. 4. entsprechend später.

Nachm. nach kl. Abschiedsfeier à [?].

Kurd kommt noch zum Abschied.

Abds. 1000 Dirschau.

Schlaflose Nacht im kalten Abteil, das erst geg. Morgen warm wird.

 

Montag, d. 10. Jan. 16.

300 Verpflg. in Komitz.

Trüber, unfreundlicher Tg. In Gegend Schneidemühl Schneegestöber, nachher Regen, Nebel, besonders in d. Warthe-Niederung.

1200 Kreuz Mittags-Verpflgg.

Nachm. mehrfache Überholung durch D- und Personenzg.

Abds. 1100 Berlin. In Neu-Kölln (ehem. Rindorf) Verpflgg. statt 730 1030. O diese L. Kdtr!

Weiter über Grunewald.

 

Dienstag, d. 11. Jan. 16.

Güsten – Nordhausen (900 Verpflg.)

häßliches, naßkaltes Wetter. Weiter Leinefelde – (schnelle Fahrt, wie Personenzug) – Threysa (Bauern und Bäuerinnen in Tracht) – Marburg; 400 Verpflgg. 600 weiter. 1000 Limburg. 1200 Coblenz. mitternächtiger Rheinübergang. (Caule)

100 Cobern Verpflgg.

 

Mittwoch, d. 12. Jan. 16.

Cochem – Trier – Diedenhofen, 730 .

Z. [Hauptmann Zacke] kommt u. unterrichtet mich über die Lage u. Aufgaben der Bttr.

Er handelt sich um nichts geringeres als die Belagerung u. Einnahme von Verdun. Eine Aufgabe gleich groß im Erdenken, wie gewaltig in der Anlage u. genial im ganzen Plan der Ausführung. Das 1. Mal, das eine planmäßige, gründlichst vorbereitete Belagerung in diesem Riesenkriege durchgeführt werden soll. Z. [Hauptmann Zacke] und ich fahren im Auto über Longrey nach Longuyon voraus, um Quartier – wenigstens vorläufig – für die Bttr. zu besorgen. Anweisung für die Bttr. Stllg. durch Hpt. Friedel (Btl. Lautenschläger) hart westl. Romagne sous le Côtes.

Quartier bekommen wie in Sorbey durch Ul. 6, Rttm. Graf v. Schmettow, zurecht gemacht. – Abds. zrck nach Longuyon, wo wir beide einquartiert sind in einem confections-Laden; recht gut.  – –

Nach langem endlich mal wieder Autofahren. Welch´ Genuß! Noch dazu auf sehr guter gerader Straße, so daß wir ordentlich Geschwindigkeit herausholen.

Wie anders waren die Chausseen (!) in Polen u. Rußland, wo man von einem Loch in das andere fiel.

Bei schönem Sonnenschein begann unsere flotte Fahrt, die sich an Feste Gentringen vorbei allmählich aus dem Moseltal aufwärtsstieg u. und schöne abwechslungsreiche Landschaftsbilder brachte! Da machte sich in der Erinnerung so recht der Unterschied gegen den Osten bemerkbar mit seinen weiten kahlen Ebenen ohne Bebauung, ohne natürliche Bewachsung. Auch die Häuser u. Orte so ganz anders. Dort ab u. zu ein einsames entlegenes Gehöft, ein elender Holzbau mit tiefem Strohdach, hier zusammenhängende Dörfer, Steinbauten mit Schindeldächern u. der typischen frz. Mauer um jedes Grundstück, wo vor jedem Haus nach der Straße zu der Düngerhaufen liegt. Erinnerungen aus der Metz´er Zeit seligen Andenkens.

Leider setzte Regen ein, der auch die folgenden Tage u. Nächte nicht nachließ u. teils als Graupeln, teils als Schnee od. in Gestalt von Nebel u. Feuchte fiel. Der Straßenschmutz war auch danach, aber ganz anders wieder als wir ihn zuletzt in Jelowka kennen gelernt hatten. Z. Zt. dunkel, leicht flüssig, hier hell, zäh, dicker Brei. Untergrund überall hier fest, wasserundurchlässig, daher auch im Sommer gr. Wassermangel, ja Wassernot herrscht u. mithin eine Unternehmung zu dieser Jahrzeit geg. V. ganz ausgeschlossen ist. Der Schaum ein dicker weißlich-brauner Brei, der schwer an den Stiefeln klebt. Im Walde sehr eisenhaltig u. Letteboden.

 

Donnerstag, d. 13.1.16.

Im Auto vor nach Romagne u. ins bois de Merles zur Auswahl einer Lagerstelle, wo wir unsere Hütten aufschlagen können. Regelung der Lieferungen von Dachpappe, Balken, Stämmen, halbhölzerne Nägeln u.s.w. u.s.w. Durch Pi. B. P. in Romagne, wo wir auch die Zeichnungen anfertigen lassen, u. uns einen Panzerturm zur Beob. sicherstellen lassen.

Zrck. nach Longuyon, um Bttr. zu erwarten, die mit der Mehrzahl der Mannsch. u. Schanzzeug pp. auf Wagen der E.K.K. eintreffen soll. Jedoch erst Abds. um 800 kommt sie endlich in Sorbey an.

Am Nachm. noch in St. Laurent bei der 10. Res. Div., der wir unterstellt sind. Liebenswürdiger Empfang durch Exz. v. Bahrfeldt!

Die Nacht nochmal in Longuyon, wo wir auf dem Bhf. recht gut zu essen bekommen. – Allgemein fällt hier hinter der 5. Armee die Ordnung u. Regelung der kl. und gr. Bedürfnisse auf. Kantinen u. Marketendereien, in denen alles u. jedes zu haben ist, sind fast in jedem Dörfchen, in jeder Stadt. In Longuyon gibt es sogar eine Feldbuchhandlung u. auf dem Bhf. frühs  um 900 die Morgenzeitung vom selben Tg. aus Cöln u. Frankfurt. Ferner Waschräume u. Bad, Offz.-Zimmer u. dergl. m.

Genaue Bezeichnung von Ortschaften u. Wegen, Verwarung an eingesehenen Stellen, im beschossenen Gelände. Quartiervorbereitung für die Masse der Inf. Wegeausbesserung u. w. drgl. m.

 

Freitag, d. 14.1.16.

Zu Gen. Ziethen, Maj. Aust, Hpt. Delius u. Grund (Przemysl) nach Rouvrais, wo uns durch Obstlt. Kämmer 2. Bayer. Fßr.  eine andere Hüttenlagerstelle im bois de Mangiennes zugewiesen wird. Auswahl derselben u. Unterweisung der Uffz. und Gesch.-Führer über Feuerstllg. Lagerplatz, Anmarschwege, eingesehen (!) auf Sachsenweg vom Dtsch. Eck aus (Masken daselbst), dsgl. von Pillon nach Mangiennes. Einrichten der Ortsunterkunft.

Zur Flieger Abt. 44 hin wegen Photographieren unseres Zieles: la Wavrille. Daselbst Wittkowski getroffen (Jüterborg). Im Pi. Haupt Park einen 11. Pi., ehemals Kriegsschulkamerad, Oblt. . . .

 

Sonnabend, d. 15.1.16.

Erkundung d. Beob. St. u. des Ziels auf der Côte. Anweisung durch Hpt. Friedel.

Großartige Anlage der schon eingerichteten Stände. Stollengänge 5m unter der Erde, betoniert, Stahlschwenken, Vorbeton, gepanzerte Sehschlitze u. ä. m. Erdhütten, z.b. „Stiegenhams Froschkeller“. Überhaupt die Bezeichnung von Wegen u. Gesch., z. b. „Kugelbahn“, „Gummikanone“.

Im Auto nach Longuyon zur Erkdg. der Rampenverhältnisse. Einlagen einer Weiche in angemessener Entfernung.

Zum Etpp. Magazin wegen Empfang von Lebensmitteln, die es hier auch reichlicher gibt, auch in Auswahl, als beim [?] Morgen. „Marmeladendivision“ (Herbstsammlung d. vaterländ. Frauenvereins, d. Rot. Krzs. u. a.)

 

Sonntag, d. 16.1.16.

Weiterbau am Hüttenlager, der z. T. gr. Schwierigkeiten macht beim Graben der Pfostenlöcher, die über Nacht immer wieder voll laufen. Beschränkung im Platz u. im Fällen der Bäume, da noch eine ganze Div. in das bois gelegt kommen werden soll.

Sonst Ruhe für mich. – Am Abd. Stumm zu Gast u. Hpt. Heims, der mit seiner Bttr. in Spingcourt steht. Stumm´s Quartier in Arrancy, café de la Meuse, Yvonne; Bruder frz. genie-Offz., Afrika.

trockenes Wetter.

 

Montag, d. 17.1.16.

Morgens Fliegerbesuch, der scharf beschossen wird, doch ohne Erfolg.

Nachm. bei Hptm. Delius u. Flg. Abt. 44.

Vorm. beim Lagerbau.

Sonnenschein,  der gut abtrocknet.

 

Dienstag, d. 18.1.16.

Nachts Regen, dsgl. über Tag, der am Nachm. in dichtem Nebel niederfällt.

im Auto zum Pi. P. in Romagne nach Mureau zur Hpt. Luvas 16. u. über Lager-Baustelle nach Longuyon (Sekt kaufen), zu Maj. Aust nach Rouvrais (Anfordern d. Prk. Kp.) u. nach Hause.

Abds. Heims, Wolf u. E. K. K. zu Gast; Feier v. Dankworth´s gestrigen Geb.

 

Mittwoch, d. 19.1.16.

Dichter Nebel, der als Regen fällt.

In diesen Tagen einer gewissen persönlichen Untätigkeit, denn wegen Regen u. Nebel ist nichts zu erkunden od. zu beobachten, habe ich großen Drang zum Lesen, Bilder-Besehen u. ä. In Longuyon aus der Feldbuchhandlung erstehe ich mir den „Türmer“ u. Velhagen „Monatshefte“ u. finde darin ganz vorzügliche Stücke, so vor allem kraftvolle Bilder von Prof. Arthur Kampf, dem Ernst der Zeit angemessen. Prof. K. bringt ja immer Vorwürfe, in denen ein besonders markanter Zug des inneren Seelenlebens zur Darstellung kommt. Vor mir liegt z. B. sein ergreifendes Gemälde „Wir treten zum Beten…“, das dtsch. Krieger aller Altersklassen im andächtigen Mitsingen dieses – für mich schönsten – Kampfliedes zeigt, jeder Gesichtsausdruck typisch für den Sänger, typisch für den dtsch. Soldaten, typisch für das Volksheer.

Und als Gegenstück dazu sein Entwurf zu dem Mosaikbilde „Abschied“. Der starke, bärtige Landwehrmann, der mit treuem, beruhigendem Blick seiner schmerzerfüllten Frau die Hand zum letzten Abschied gibt reicht. Der alte Greis, der tiefernst, die Hand auf der Schulter des noch unmündigen, neugierig unwissenden Enkels, verloren der ausziehenden Wehrmacht nachschaut. Die Urahne, die den jüngsten Säugling auf den Beinen ihn wie eine Norne das Schicksal seines mächtigen Vaterlandes zu weissagen scheint; sie alle tragen die typischen Gesichter innerer Seelenstärke, die Züge starken Wollens u. sieghaften Vollbringens. –

Ähnliche packend wirkt Michelangelo´s „persische Sibyllen“, die lauschend die Runen der Weltgeschichte aufzeichnet, des Weltgeschehens künftige Lösung vorausahnend, bangend in erwartungsvoller Sehnsucht, in mitleidender Seele auf den Endspruch, den ihr wissender Griffel verkünden darf.

 

Donnerstag, d. 20.2.16.

Gegen Morgen Regen, der bis in den Vorm. hinein rauscht; über Mittag Sonnenschein.

Unterstellung der Bttr. unter Abschn. C, Rgt. III. Befehlsvergebung.

Weitere Sicherstellung von Baustoffen u. A., vornehmlich Bretter, Dachpappe u. Öfen; ferner Stallzelt.

Pferde treffen nach 2tg. Fußmarsch ein. Im Auto in Billy – Mazeray – Nouillon Pont.

Auf den Feldern viele Raubvögel (Bussarde, Sperber) u. Elster-Schwärme, sowie Scharen von Kolkraben. Ebenso Hasen und in den zahlreichen Waldstücken Wildschweine. Viel Mistelgewächs, Primeln, Schneeglöckchen, Christrosen im Garten.

 

Freitag, d.21.1.16.

Bau- bzw. Ausbesserung des Weges von der Chaussee zum Lagerplatz. Dazu Steinschlag Abfahren aus Haustrümmern von Mangiennes. 2 Wg. m. Pferden zum Abfahren u. A.

 

Sonnabend, d. 22.1.16.

Weiterbau am Wege.

Empfang von Knüppelrosten u. Hürden aus Russenlager Dimbley. Abfahren derselben. Versagen der E.K.K.

Gen. Schabel getroffen; dsgl. Hpt. Hasper 6. u. Maj. Neumann [?].

Trübes Wetter, ab u. zu Niederschläge.

2 Pers. Wg. aus Diedenhofen treffen Abds. ein.

 

Sonntag, d. 23.1.16.

Ich gewinne immer mehr den Eindruck, daß die Armee bisher hier geschlafen hat. Die Vorbereitungen u. Sucherstellungen für den Angriff sind gänzlich mangelhaft u. ohne organisatorische, weite Voraussicht angelegt.

Abds. Hasenessen. Dazu Fhjk. Sasse, Fldw. Hagen und Müller.

 

Montag, d. 24.1.16.

Reif. wenig Dunst. Sonnenschein. Nebelige Niederschläge.

Auswahl einer Beob. Stelle auf der côte. Weiterbau am Lager u. am Wege. Empfang eines Einheitszeltes. E.K.K. versagt immer mehr.

Nachts 1000 müssen Mannsch. nach Billy zum Abladen von Rundhölzern von der Bahn. Natürlich war es mal wieder nicht so ängstlich. Den nächsten Morgen wären sie auch noch zur Zeit gekommen.

 

Dienstag, d. 25.1.16.

Zur Verm. Abt. 3 nach Grand Failly. hochinteressant. Dann zur Baustelle. Ferner nach dem völlig zerschossenen Etain, das bös aussieht.

Sehr oft Sicht des Gegners; erst jetzt beginnt man mit Maskenbau, was schon vor 1 ½ Jhr. hätte geschehen können, nein müssen.

Wetter: in früher Morgenstunde Nebel, später Dunst u. Sonnenschein; im allgemeinen ein schöner trockener Tag. Gerade ausgezogen u. hingelegt.

Abds. 1100 Befehl zum sofortigen Abladen des zusammengestellten Per.- u. Trakt.-Zuges in Landres. Um 1200 Abfahrt d. Bttr.-Mannsch. unter mir auf 6 Wg. d. E.K.K. über Spincourt-Avillers. In Landres, 2000. Verfahren in Bertrameix nach Piennes zu infolge ungenauer Karteneinzeichnung.

Der Zug trifft statt 121 um 330 ein. 400 Beginn d. Abladens, das sehr gut von statten geht, wenngleich das Stichgleis zum Rangieren sehr lang ist u. so die Arbeiten verzögert werden.

Kalte Nacht; dunkel, jagendes Gewölk (Siegfried´s Leiche im Rheintal) Minutenland Mondschein. Gegen Morgengrauen Nebel. (Faust I. Ende)

 

Mittwoch, d. 26.1.16.

Um 900 Bttr. entladen. Auffahren der Fhrzg. auf Chaussee Landres-Ivory.

Gen. Stbs. Offz. v. 9. R. I. D. m. angeblich Gegenbefehl. Im Auto über Mercy-le-Bas – Longuyon zrck. Nachm. ausgeschlafen, da todmüde.

Wetter trocken.

 

Donnerstag, d. 27.1.16.

Marsch d. Bttr. v. Landres über Longuyon bis Ferme Constantin. Natürlich wieder am Feiertag, wie wir das auch nicht anders kennen. Anfangs gr. Schwierigkeiten trotz sehr guter Chaussee mit den Motoren, besonders mit Lanz-Maschinen. Es ist, wie Vischer sagt in seinem „Auch einer“: „Die Tücke des Objekts“. Bald ist es die Düse, bald der Vergaser od. Unterbrecher, immer die kleinsten Teile, die versagen. Nach der Mittagspause in Mainbottel ganz flotter Marsch bis 600. Die beiden Rohrwg. als letzte Fhrzg. bleiben sehr zrck. Durch Languyon glatt ohne Radgürtel marschiert, da zum Glück kein Steinpflaster.

Wetter gut;  bis Mittag bedeckt.

Am Abd. auf der Heimfahrt treffe ich auf einen gr. Auflauf: ein Lastwg. der E.K.K. 6 war mit einem anderen zusammengestoßen. Der Fhr. Eichenberg schwer verletzt, stirbt während des Transports zum Laz. in Noyon Pont. Ein anderer Uffz. d. E.K.K. an Arm u. Hand verwundet, muß zur Heilung nach Dtschld. zrck. Unser Fldw. Glas Splitter in der Hand.

Abds. Sekt u. stille Kais. Geb. Feier.

 

Freitag, d. 28.1.16.

Ausheben der Bttr. Stllg. in Romagne-Westausgang.

Aufräumungsarbeiten im Hüttenlager.

 

Sonnabend, d. 29.1.16.

Weiteres Ausheben der Gesch.-Stände. Beginn des Ausbaus der Beob. St. u. des Stollens zur ihr.

Aufstellen eines Einheitszeltes als Stallzelt im Hüttenlager.

 

Sonntag, 30.1.16.

Fortsetzung des Aushebens der Geschützeinheiten. 2. wird fertig. Straßenausbesserung an den Gesch.

Einzug ins Hüttenlager.

Marsch d. Gesch. mit nur 25 M. Bedienung bis Mangiennes.

 

Montag, d. 31.1.16.

Die Deckung fürs 1. wird weiter ausgehoben. Marsch d. Gesch. bis Romagne in aller Frühe. Einbau muß wegen klaren Wetters u. der damit zu befürchtenden fdl. Lufterkundung verschoben werden. Ausgerechnet am letzten Jantg. muß das Wetter gut werden u. uns so einen Strich durch alle Pläne machen.

In der Dämmerung Erkdg. der 2. Feuerstellung für den Stellungswechsel bei Ville. Viele Geschoßtrichter längs des Weges, der am Nachm. stark beschossen wurde; ein Feldgesch. in der Wiese bei der Mühle durch Volltreffer vernichtet.

Am Abd. Beginn des Einbaues.

Zur Hülfe 100 M. v. 9/12. Aufbau des Hebezuges 2 Std. Weiteres Einbauen unmöglich wegen der schwierigen Bodens u. der mangelhaften Beleuchtung. Auch ist die Inf. ungeübt im zweckmäßigen zufassen. Der Mangel der angelernten Mannsch. d. P. D. macht sich doch unangenehm bemerkbar.

 

Dienstag, d. 1.2.16.

800 Beginn d. weiteren Einbaues.

Sehr gr. Schwierigkeiten wegen des zähen Lehmbodens, der die Radgürtel mit Ztr.-Last am Boden festhält. Die Lasten gleiten statt zu rollen, die Zugmannschaften glitschen u. rutschen hin u. her u. haben keinen festen Halt im Matsch u. Dreck. Die 12. Gren. helfen wieder. Große Schwierigkeiten mit dem Seilzug wegen der hohen steilen Bttr.-Deckung. Bäumen reißen mit Wurzelwerk aus; starker Verbrauch an Zugtauen u. Langtauen, Verschleiß von Drahseilen u. Ketten, S-Haken u. Seilrollen. Beide Gesch. gleiten mit Hebezug auf der Bttg. zrk., so daß Drahtseile der Bettg. nicht mit Sporn verbunden werden können.

Rohrung der 1. muß an allen 4 Rädern durch Schlitten- u. Klauenwinden herausgehoben werden. Bohlen haften so saugend am Boden, daß sie durch Brechstangen hochgekantet werden müssen. Viel unnütze Zuschauer, die umherstehen, aber nicht mit zupacken wollen.

800 Aufhören d. Arbeit.

 

Mittwoch, d. 2.2.16.

Ruhetag.

Die Traktoren u. Leeffrzg. wurden in der Mulde vor Mangiennes neben der Chaussee aufgestellt.

Abermaliges Anfordern d. P.K. zu Vorbereitungen eines raschen Stllgswechsels u. bei demselben.

 

Donnerstag, d. 3.2.16.

In 2 stg. Arbeit gelingt es nach Verkeilen des Hebezuges u. Hochholen des Sparens mit Laf.-Schwanz durch Ziehen m. Mannsch. u. Wuchten an den Lafrädern, sowie Unterklotzen der Radgürtel die Drahtseilabdg. herzustellen.

Die Erfahrungen beim Gesch.-Zusammensetzen haben gezeigt, daß zur Verhinderung des Zurückgleitens der Laf. auf d. Bttg. bei glitschigem Boden eine geeignete Lage derselben nach vorn sowie sofortiges Unterklotzen der Räder beim Einziehen der Laf. notwendig ist. Stellmuffen als Ger.-Verbesserung der Drahtseile!

Niederlegen des Hebezuges u. Stapeln derselben abseits der Bttr.-Stllg. Alles wird zugedeckt u. gegen Fliegereinsicht mit Käfig überdeckt.

Weiterbau an den Mun.-Deckungen sowie Beob. St. u. des Stollens u. Unterstand.

Am Nachm. sehr gute Fernsicht.

 

Freitag, d. 4.2.16.

Weiterbau an den Deckungen.

Beginn des Einbaues vom Panzerturm.

 

Sonnabend, d. 5.2.16.

dsgl.

 

Sonntag, d. 6.2.16.

dsgl. Die Unterstände für die Bedienung u. der Frspr.- sowie Kartuschraum werden mit ɪ-Trägern eingedeckt, sowie mit Cement- und Sandsäcken.

 

Montag, d. 7.2.16.

dsgl. Erkdg. der 2. Feuerstllg. im Thilwald, also nicht bei Ville.

 

Dienstag, d. 9.2.16.

In der Nacht kommt Mun. Zg. beim Dtsch. Eck an. Durch E.K.K. soll Mun. in die Bttr. gebracht werden. Bis zum 900 Abd. sind 73 Sch. in der Stllg. Bei den sehr schlechten Wegen sind die Lastwg. der E.K.K. der Aufgabe nicht gewachsen. Die Wg. bleiben einfach stecken, die meisten Kupplungen reißen.

100 treffen 100 M. der P.K. ein u. werden im Zelt untergebracht, das durch eine weitere Bahn vergrößert wird.

Die 2. Feuerstllg. im Thilwald wird in Angriff genommen. Rchtg. ausstecken.

Ich lege mich mit Influenza zu Bett. Einbau des Panzerturms vollendet.

 

Mittwoch, d. 9.2.16.

Weiteres Einbringen der Mun. mit Beugelbahn; im ganzen 135 Sch. bis 900.

19 Sch. nachts durch ein Kmmdo. in den Pi.Pk. gebracht.

dsgl. im Thilwald.

 

Donnerstag, d. 10.2.16.

Weiterarbeiten in der Feuerstllg. u. an der Beob.-St. Mun. bis 154 Sch. i d. Bttr. bis 800.

 

Freitag, d. 11.2.16.

Eindecken der Räume mit Trägern. Durch Regen sind Teile der Geschoßdckg. umgestürzt, wie überhaupt der Lehmboden nachgibt.

Arbeiten im Thilwald.

Beob. St. dauernd besetzt.

 

Sonnabend, d. 12.2.16.

Am Abd. d. 11. trifft Nachricht ein, daß 42 Sch. in der Nacht am Dtsch. Eck. eintreffen. Ein Kmmdo. zum Ausladen geht heraus. Z. [Hauptmann Zacke] hat unterdessen alles rückgängig gemacht ohne unser Wissen, so daß es mal wieder zu spät ist. 14 Sch. sind bereits abgeladen. Der Rest geht nach Arrancy zrck., wo er durch E.K.K. aufgeladen u. bereit gehalten wird.

730 Bttr. schußbereit.

1100 Angriff um 24 Std. verschoben wegen schlechten Wetters u. mangelnder Fernsicht.

Die 14 Sch. werden im Thilwald niedergelegt.

Weg zum Hüttenlager ausgebessert.

Die Nacht im Unterstand auf d. Beob.

 

Sonntag, d. 13.2.16.

700 Bttr. schußbereit.

Angriff wieder verschoben.

Arbeiten im Thilwald.

Lt. Stumm tritt zur Bttr. zrck.

 

Montag, d.14.2.16.

715 Bttr. schußbereit, Angriff abgesagt. Wegeausbesserung in Romagne. Traktoren in Stand gesetzt.

Durch Armierungsarbeiten wird hinter dem 1. ein Knüppeldamm gelegt.

 

Dienstag, d. 15.2.16.

715 Bttr. schußbereit. Wiederum wird der Angriff um 24 Std. verschoben.

Sturmtruppen abgelöst. Es klärt sich auf; sehr heftiger Wind der schnell trocknet. Doch wird Angriff wieder verschoben. Abds. regnet es sich wieder ein.

 

Mittwoch, d. 16.2.16.

715 Bttr. schußbereit.

Angriff wieder mal abgesetzt,

Den ganzen Tag über heftiger Regen.

Abds. Mondschein, klarer Sternenhimmel, helle Nacht. Arbeiten an den Mun. Deckg. Der Frspr. Stand verläuft u. muß abgegraben werden.

 

Donnerstag, 17.2.16.

Erkdg. einer vorgeschobenen Beob. für Lt. Schnell bei Bttr. Caesar (Buschmann) u. bei 6/Bay. 2 auf 349.

Starke Schneeschauer, Regen, heftiger Wind. Abds. wie gestern. Geg. 800 Flieger, anscheinend Dtsch.

500 Bohlen werden in die Feuerstllg. im Thilwald gebracht.

 

Freitag, d. 18.2.16.

Einrichtung der vorgeschobenen Beob. bei Buschmann u. Legen einer Ltg. dafür.

Ab u. an Regen. Sollen wir denn garnicht mehr aus der Nässe herauskommen? Da war es ja bald in Rußland schöner, wenn dort nur nicht die trostlose Einsamkeit, die weiten öden Flächen gewesen wären! Ich erhalte Grüße von Oblt. Mundt Flg. mit dem ich vor 1 Jhrzehnt im Bismarck-Gmyn. die Schulbank drückte.

 

Sonnabend, d. 19.2.16.

Zur Beob., das Wetter ist immer noch schlecht. Wir bleiben im Schlamm mit dem Auto stecken u. wurden durch Lastkraftwagen herausgezogen.

Sehr klarer, heller Himmel u. Sternenschein.

 

Sonntag, d. 20.2.16.

Zur Beob. Gutes klares Wetter mit Fernsicht. Sonne, zum 1. Mal nach Wochen. Franzosen schießen stark auf C-Kap; wir antworten schwach.

Wunderbarer Mondschein gegen Morgen.

 

Montag, d. 21.2.16.

alea iacta est. 820 Vorm. Feuereröffnung der gesamten Belagerungsart. Im NO-Abschnitt. 908 eröffnen auch wir das Feuer geg. La Wavrille. 300-500 gegen Herbébois. 400-500 lebhaftes Feuer, bei dem wir etwa alle 2 Min. einen Schuß heraus jagen. Eine großartige Leistung für die tadellose Bedienung der Geschütze. 500 beginnt der Sturm geg. beide Stellungen, der – soweit ich sehen kann – auch gut voran geht. Das Feuer wird auf den Chaumes-Wald verlegt.

 

Dienstag, d. 22.2.16.

Wegen schlechter Sind erst um 915 Feuereröffnung geg. La Wavrille. 1230-430 Feuerverlegung geg. NO-Ecke Fosses Wald.

Die Franzosen schießen geg. den Ostausgang von Romagne auf die dort stehenden Mrs. von denen sie 2 durch Volltreffer außer Gefecht setzen, an der Blindgänger(!) Chaussee.

 

Mittwoch, d. 23.2.16.

Schneetreiben. Trotzdem schießt die Bttr. gegen Fosses-Wald. Dicke Bertha u. Bttr.-Plan! Wenn das jmd. vorm Kriege geäußert hätte, wäre er zum Tempel hinausgeflogen. schwrst. Steilfeuer ohne Beob.!

E.K.K. bringt 50 Sch. in d. Bttr., die gleich von Prk. Kp. abgeladen werden.

Bttr. wird Rgt. Weiss unterstellt u. beschießt d. wstl. M.G.-Stand im La Wavrille.

130 Feuerverlegung geg. Fosses Wald, Bttr. 519b u. sdl. davon. La Wavrille wird im Sturm genommen.

Etwa 20 Sch. fallen – genau Strich auf die Gesch. – in der Nähe d. Bttr. nieder. Anscheinend 155 mm Kal. 1 Sch. blind davon vorm 1. Gesch.

 

Donnerstag, d. 24.2.16.

In der Nacht wird eine vorgeschobene Beob. durch Lt. Schnell in d. SO-Ecke des La Wavrille eingerichtet. Leitung dahin gestreckt; 800 betriebsfähig. Gleich darauf jedoch zerschossen u. gelingt es nicht wieder eine Verbindung herzustellen.

1040 Feuereröffnung geg. Fosses Wald. Wieder ohne Beob. nach Plan geschossen. Ein vorgesch. Beob. von Btl. Bensieg II/20 auf Δ307 meldet richtige Lage der Schüsse.

1145 verlegt 1. Gesch. Feuer geg. Dorf Beaumont. Ballon meldet gleich den 1. Sch. bei der Kirche. 215 Feuer eingestellt.

Es wurden Vorbereitungen zum Ausbau der Gesch. getroffen. Völliges Ausbauen muß noch unterbleiben bis das sächs. Mrs.-Btl. v. neben uns Stellungswechsel nach C gemacht hat.

Erkundung einer neuen Bttr.-Stllg. am Cap u. an der Str. über Ville, da das als neues Ziel zugewiesen Ft. Douaumont aus der Stllg. im Thil-Wald nicht gefaßt werden kann.

 

Freitag, d. 25.2.16.

Bttr. baut aus. 400 marschiert im Dorf E.K.K. verlädt Mun. u. stellt sich in Sorbey bereit. Einige Schuß noch nach Romagne.

Vergebliches Suchen nach einer neuen Bttr.-Stllg. beim Cap u. bei Soumazzanes, sowie bei Gremilly. Es findet sich nur immer Platz für 1 Gesch. Die in Aussicht genommenen Stllg. sdl. Idicourt an Str. Ville-Beaumont (im Abschn. Stüve) kann wegen Einsicht von der Louvement-Höhe aus nicht genommen werden.

Am Abd. wird Ft. Douaumont gestürmt.

 

Sonnabend, d. 26.2.16.

Ruhetag. Apell mit Bekleidungsstücken.

 

Sonntag, d. 27.2.16.

dsgl. Besichtigung d. Punktes 310 im Herbébois u. des La Wavrille (M.G. Stand getroffen!). Recht gute Lage unserer Schüsse. Furchtbare Wirkung!!!

zersetzt, zerschossen, halb verbrannt u. viele Haufen toter Helden….

Das hätten auch dtsch. Nerven nicht ausgehalten.

Festgestellt, daß Karteneintragungen über die Stllgen am Südrand des La Wavrille sowie Bttr. 425 an Meßecke falsch sind.

 

Montag, d. 28.2.16.

Waffenapell.

Vor zur Erkundung des Anmarschweges über Mancourt nach Fromezey zum Instellunggehen geg. Ft. Moulainville u. sdl. Ein Durchkommen mit dem Auto zw. Azannes u. Gremilly ist völlig ausgeschlossen. Kolonnen sind Morgens aus Azannes abgefahren u. haben sich in 12. Std. glücklich bis Gremilly durchgeackert, wo sie endgültig festsitzen. Ein Lt. der Ordnung schaffen will, wird in dem furchtbaren Gedränge überfahren; tot. 

 

Dienstag, d. 29.2.16.

Bttr. unmittelbar d. XV. A. K. zugeteilt, marschiert über Mangiennes – Billy – nach Vaudoncourt. Dazu die Prk. Kp. Unterwegs Abgleiten des W. u. Sg. Fhrzg. von der Str. Unsere Mannschaften gleich nach Foameix.

Erkdg. der Wegeverhältnisse über Etain hinaus u. Suchen einer Bttr.-Stllg. geg. Ft. Moulainville. Hinzu wird die ganze Linie von Braquis über Herméville [Anmerkung unten auf der Seite: Hüttenlager d. Afrikaner, rund und spitz, Wigwams ähnlich, Geflecht mit Lehmbewurf, nur 1 Tür, keine Fenster.] aufgerollt. Alles vergeblich, da von überall her eingesehen. Fdl. Stllg. mehr als 100 m rings um überhöhend. Es wäre Selbstmord die Bttr. leichtsinnig in dem flachen Gelände einzusetzen. Mldg. in diesem Sinne an Obst. v. Behrendt, der – gleicher Ansicht – ebenso an Gen. Schabel weiter meldet.

Bttr. wird nicht eingesetzt.

Obstlt. Scheck u. Hpt. Hintze getroffen.

Abds. wieder ins Hüttenlager reu, de- u. wehmütig  zrck.

 

Mittwoch, d. 1.3.16.

Ruhetag. Sehr viel Fußkranke anläßlich des ungewohnt langen Marsches von rd. 50 km.

 

Donnerstag, d. 2.3.16.

Ruhetag. Im Auto nach Longuyon zur Pferdesammelstelle.

 

Freitag, d. 3.3.16.

Überführung 3 kranker Pferde zur Sammelstelle Longuyon.

Verhandlung aufnehmen.

Zum Pisten revidieren nach Vaudoncourt. Über Longuyon u. Laurent (Post) zurück.

Wittkowski getroffen.

 

Sonnabend, d. 4.3.16.

Ruhetag.

 

Sonntag, d. 5.3.16.

Erkundung der Anmarschwege über Etain-Weg nach Morgemoulin für die nächsten 5-6 Tg. unpassierbar, da die dort schneidenden Gräben u. Stützpunkte erst zugeworfen werden müssen. 100 Russen an der Arbeit. Weiter über Foameix – Gincrey – Maucourt bis Ornes. Von dort zu Fuß nach Bézonvaux, das völlig zerschossen ist. Zahlreiche Pferdeleichen auf den Straßen, z. T. noch an umgestürzten Fhrzg. od. Protzen. Eingebrochene Brücken. Für unser Gerät sind die Wege in u. um Bézonvaux nicht fahrbar, ebensowenig die Straßen von Azannes über Gremilly nach Ornes.

in Gremilly Maj. Wiening u. Hpt. Schäfer getroffen.

 

Montag, d. 6.3.16.

über Montmédy nach Belgien hinein: Lamorteau wegen unseres Mun.-Zuges. Wundervolle Fahrt. Schnee.

Bttr. erhält am Mittag von A.O.K. 5 den Befehl, in Gegend Brabant s. M. in Stllg. zu gehen. Erkundung der Wegeverhältnisse über Stenay – Dun C. u. v. d. Maas bis Consenvoye; Höhe 265 ist gerade genommen.

Die Gesch. rücken bei starkem Schneetreiben von Vaudoncourt ab. Plötzlich einsetzender Frost u. Unmassen von Schnee erschweren den Marsch ungemein, so daß in 7 Std. harter Arbeit nur 2km zrck. gelegt werden. Die Chaussee ist völlig vereist, so daß die Fhrzg. hin u. her gleiten. Bei den Zugmaschinen frieren dauernd die Benzolleitungen u. Ölzuführungen zu u.  müssen stets von neuem aufgetaut werden.

Die Bttr. sollte bis Longuyon kommen. Wir finden sie endlich hinter Spincourt zwischen Souillon – Pont bis Vaudoncourt eine völlig eisige Zone, dichtester Schneenebel u. grimmige Kälte, alles stark verschneit, als wäre ein Blizzard niedergegangen allerdings ohne dessen sturmreichen Begleiterscheinungen.

Mannsch. übernachten neben Verwundeten in Kirche Spincourt.

Nachts 130 endlich im Hüttenlager.

 

Dienstag, d. 7.3.16.

Bei wärmer werdender Luft rückt Bttr. weiter nach u. marschiert im Laufe des Tages bis Longuyon (730) 5 Zugmsch. sind zu Bruch gegangen bei der enormen Inanspruchnahme auf dem vereisten Wege.

Quartier in wiederhergestellten Kasernenräumen am Bhf. Erkdg. Der Maas-Brücken bei Consenvoye. Beim A.O.K. wegen Zuteilung von Zgmsch. der Bttr. Scharf (M7), die jetzt – nach dem 2. Rohrkrepierer – völlig verwendungsunfähig ist.

Es wurden 5 Zgmsch. zugesagt, die auch am nächsten Morgen mit Personal in Marville zu uns stoßen.

Letzte Nacht in unserem so lieb gewordenen, warmen, gemütlichen Hüttenlager, das aus 5 Wochen lang so angenehm behütet hat.

 

Mittwoch, d. 8.3.16.

Glatter Marsch der Bttr. Auf sehr guter Chaussee über Marville – Jametz – Baalon – Stenay bis Mouzay / 40 km); daselbst recht gute Ortsunterkunft. Die Bag. vermag die Bttr. nicht einzuholen u. verbleibt mit der Prk. Kp. in Marville. Sie hatte gr. Schwierigkeiten, erst mal aus dem Lager auf dem miserablen Wege auf die Chaussee zu kommen u. dann den Berg hinter Villers hinaufzukommen.

E.H.K. 6 fährt nach Stenay, wo 3000 Gefangene abgezählt werden. Erkg. Einer Btr.-Stlg. bei Forges an der Brücke.

 

Donnerstag, d. 9.3.16.

Bttr. rückt bis Sivry vor u. bei einsetzendem Nebel gleich weiter über die eingesehenen Höhen sdl. dessen bis Conyenvoye.

Bag. erreicht nur Dun.

Erkdg. des Zieles: Ft. Marre u. Belle Epine von Höhe 265 sdl. Forges. Dabei stark beschossen.

 

Freitag, d. 10.3.16.

Ausbau der Bttr. Stllg. Leitungen legen

1) von der Feuerstllg. nach A.K. Consenvoye,

2) über Gercourt nach Maj. Lindenborn als Vermittelung mit Romagne, Gen. Meckel,

3) zur Beob. Stelle.

Ausbau der Beo. St. bei einem alten frz. Unterstand.

Am Nachm. wird die Sicht völlig klar. Der Weg zur Forges-Brücke wird von dem noch immer nicht genommenen „Toten Mann“ eingesehen, u. so kommt starkes frz. Feuer anscheinend 155 mm Beifang in die Bttr. Stllg. Ein Volltreffer schlägt in die Deckung beim 2. Gesch. 9 M. z. T. schw. verwundet. Ein 2 Volltreffer schlägt beim 1. Gesch. ein. Pferde v. Beob. Wg. gehen durch. Ich führe die Bttr. aus dem Feuer zurück. Alle Ltg. zerschossen.

Unterdessen Maas-Überquerung der Gesch.-Fhrzg. Anhalten derselben. Ein Einbauen der Hebezüge kann unter den Verhältnissen nicht stattfinden, bevor nicht der „Tote Mann“ genommen ist.

Frspr. Patr. im Forges-Wald mit Gasgranaten beschossen.

E.K.K. 6 rückt nach Brenilles.

 

Sonnabend, d. 11.3.16.

Nach persönlicher Rücksprache mit Gen. Meckel Befehl zum Zurückgehen der Bttr. über die Maas. Im Abd.-Dämmer wird das letzte Fhrzg. zrck. gezogen. Ein weiteres Zurücknehmen der anderen Fhrzg. lassen die völlige Dunkelheit u. der gesteigerte Kolonnenverkehr nicht zu.

 

Sonntag, d. 12.3.16.

630-845 Warm. werden alle Fhrzg. über die Maas zrck. gebracht u. in Consenvoye aufgestellt. Sehr interessanter Fahrversuch, der zeigt, daß die Wiege- u. Spann-Fhrzg. sich am besten steuern lassen, weil dann ihre Lasten auch sinngemäß verteilt sind: die leichtere Last vorn. Am schwersten sind beim Rückwärtsfahren Bettungs- u.  Opr.-Wg. zu lenken.

Erwägung eines Instellunggehen beim Orte geg. den „Toten Mann“. Abgelehnt wegen Gefährdung der 6. A.

Zur Regelung des Mun. Nachschubes nach Montmédy zum Bba. u. zum Abstellbhf. Lamorteau. Also zum 2. Mal in Belgien. Den Nachm. auf Friedhof II. in Dun, wo Hpfldw. Müller begraben liegt: 582.

 

Montag, d. 13.3.16.

Instandsetzen des Radgürtelgeräts u. Reinigen der Fhrzg.

Erkundung einer seitl. Beob. bei Brabant s. M. u. Samogneux geg. Ft. Marre.

Prk. Kp. beschafft Holz zum Bttr.-Deckungsbau.

Lose im Tagebuch liegende Seiten

D. 23.1.16

Bei hellem Mondschein lag früh morgens die Gegend in dichten Nebel gehüllt. Schwer wollte er in den Tälern, braute dick in den Ortschaften, lag zäh um jeden Baumwipfel, jede zackige Erhebung. Allmählich schaffte die aufgehende Sonne Tageslicht, aber die grauen Schwaden wichen nicht, lasteten nur schwerer über der dampfenden Erde.

Bald zogen sie lichter um den Gang einer Höhe, ballten sich dieser im Grund warm nächsten Hügel, bald ließ der Boden die Umrisse eines nahen Berges unscharf erkennen, dessen schwarzen Baumtraum wie ein dunkler Atollring sich in weiter Runde zum Kranz vereinte.

Den ganzen Traum währte dies stille wechselnde Ziel, dauerte dieser stumme wogende Kampf zwischen Sonne u. Nebengebilden, zwischen dem strahlenden Licht des Tages gegen die dunklen Schemen der weichenden Nacht. Die unfaßbaren jagenden Nebelreiter glitten lautlos über jedes Hindernis, zogen in geschlossenen Zügen über Höhen u. Hügel, ballten im grauen Knäuel sich wogend wirbelnd um die zackigen Dornenhecken, um kahles Astwerk, um rostiges Drahtgewirr…

 

D. 23. u. 24. ohne Beob. geschossen wegen Nebel. Trotzdem gut gelegen, seitlich wie der Länge nach; z.B. geg. Beaumont gleich mit d. 1. Sch. an der Kirche gelegen. Dsgl. gut im Fosses-Wald nach Angaben des Beob. auf Höhe 307. Bald werden wir noch zum nächtlichen Schießen übergehen. Planschießen m. dem schwst. Kal.! Wer hätte das je gedacht?

Als wir am 24. geg. 430 zur Erkdg. der neuen Feuerstellg. vorfahren, treffen wir unterwegs den Stb. d. 25. I.D. der m. d. Auto festsitzt, weil der Tank ausläuft. Wir nahmen Exz. . . . m. 1 Adj. nach Ville mit. Unterwegs begegnen uns unsere Bttr.-Fhrzg. Nachher zahlreiche Franz., die in kl. Gefangenentrupps uns entgegen kommen. Viele Afrikaner darunter, Turkos m. rotem Fes, Zuaven m. weiten Pluderhosen; z. T. m. engl. Mänteln bekleidet, z. T. alte blaue. Alle den Stahlhelm auf, der weithin blitzt. 

 

v. d. Osten (Kons.) im Preuß. Landtag[:]

am 23.2.16: Da hat die Dicke Bertha schon 3 siegreiche Kampftage vor Verdun gehabt!!!

„… Der Abgeordnete Ströbel hat von einer Maske für die Interessenpolitik in einem Augenblick gesprochen, wo mit überwältigender Einmütigkeit festgestellt worden ist, daß unsere Industrie u. gerade unsere Rüstungsindustrie, den Neid u. die Bewunderung der ganzen Welt erwirken u. Außerordentliches geleistet haben. Wie jämmerlich sind doch die Angriffe auf die Firma Krupp wo deren gewaltigen Leistungen zusammengebrochen. Denken Sie daran, wie die Dicke Bertha im Sturm die fdl. Festungen niedergeworfen hat. Wie kann man sich im Landtag hinstellen u. sagen, das sei die Maske für die Interessenpolitik. (Stürmische Zustimmung bei den bürgerlichen Parteien)

Januar 12, 2021
von Jens Winter
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Oskar Volkmann – Offizier beim 3. Oberelsässischen Feldartillerie-Regiment Nr. 80 (Teil 2/3)

Hier folgt nun der zweite Teil des Kriegstagebuches von Oskar Volkmann vom 10. Januar bis 11. November 1917. Anfang 1917 war Volkmann in Mouron an der Aisne stationiert, ab Juni im Raum Spincourt westlich von Verdun. Mitte Oktober 1917 verlegte Volkmann dann wegen der zunehmenden Gefahr in den Ort Mercy-le-Bas. Ende November 1917 wurde Volkmann dann zur Dolmetscherschule nach Berlin abkommandiert. Hier endet dann dieser Abschnitt des Tagebuches.

Die Abschrift des Kriegstagebuches erfolgt buchstabengetreu. Wenn Ortsnamen falsch geschrieben sind, dann wird die korrekte Schreibweise in eckigen Klammern ergänzt.

Kriegstagebuch von Oskar Volkmann von Januar bis November 1917 (Teil 2/3)

Am 10.I.17 treffe ich abends sieben Uhr über Lüttich kommend, in Vouziers ein und werde in der Kolonnenkutsche zu dem Lager, das nördlich der Strasse Mouron-Termes liegt, gefahren. Das Lager ist von einer Kolonne gebaut und auch nur von meiner Kolonne belegt; mir fällt das Blockhaus zu, das sich mein Vorgänger mit grosser Liebe urbehaglich ausgebaut hat.

Am Tage nach meiner Ankunft beginnt Schnee zu fallen. Die weglose Hochebene, über die man von Mouron aus zu unserm versteckt gelegenen Barackenlager gelangt, ist durch das unablässige Wagenfahren und die Huftritt der Pferde während der nassen Monate in einen tiefen Morast aufgeweicht. Nun setzt Frost ein, aber in den dicken Schlamm dringt er nicht ein; die Pferde treten jedesmal durch die Eisschicht durch und schneiden sich die Fesseln. Endlich aber dringt der anhaltende Frost in die Tiefe, und man geht. Stolpert nun über die hartgewordenen Furchen erstarrte Klumpen und Schollen. Bis Anfang Februar hält die Kälte bei klarem Wetter an, die schönste Schneeschuh-Gelegenheit – ohne Schneeschuhe! Zu tun ist für die Kolonne sehr wenig, da der Gefechtsabschnitt der Division sehr ruhig ist, wie alle Fronten in diesem kalten Monat, dem Monat der umfassenden Vorkehrungen für neues Losschlagen.

Unsere guten Pferde instand zu halten, ist gleichwohl nicht leicht wegen der knappen Futterrationen. Die Tiere stehen in den langen Ställen auf dem platten Boden oder im Mist – das wenige Stroh, das empfangen wird, bekommt die Häkselmaschine. Mehrfach muss die Kolonne Mannschaften abgeben und empfängt an ihrer Statt sechsundvierzigjährige Familienväter, oder Halbinvaliden. Die Verpflegung ist reichlich an Fett und Wurstkonserven – nur Kartoffeln fehlen jetzt gänzlich.

2.2.17 Der Tageslauf in diesem Winteridyll, der Villa „Knusperhäuschen“, ist stillfriedlich und regelmäßig, die Pferde werden nachmittags im Freien geputzt, wo die Sonnenstrahlen sich schon bemerklich machen, während nachts das Thermometer auf -14, auf -18 Grad sinkt – eine Kälte, wie sie in hiesiger Gegend deren die bekannten ältesten Leute (soweit noch vorhanden) sich nicht erinnern können. Der Abend bringt noch einen Befehl, so eingreifend, wie ihn die Kolonne in den zweieinhalb Kriegsjahren noch nicht erhielt. Irgend ein Staffelstab mit einer hohen Hausnummer, aus einem Etappendorf, drahtet, dass die Kolonne von heute ab ihm unterstellt sei. Also nicht mehr beim Regiment, dem Achtigsten, mit dem nach Kriegsende in Colmar wieder einzurücken ich im stillen fest gehofft hatte. Eine halbe Stunde später schon erscheint der „Urhahn“ (Wiechert, der Regimentsveterinär) auf der Bildfläche, um, einem unmittelbar vorher gegebenen Regimentsbefehl zufolge die 14 besten Pferde noch aus der Kolonne herauszuziehen. Ich stellte ihm Mittelsorte vor, die ich ohnehin bei der Verkleinerung meiner Kolonne ausgeschieden hätte, aber er kennt ja, nachdem er 1 ½ Jahre mit der Kolonne gelebt hat, jedes Pferd auswendig, und hätte sie am Telefon hersagen können. Es war eine böse Stunde, nicht nur für den treuen Futtermeister, für den Wachtm. Müller, sondern auch für ihn selbst. Wer zeichnet diese Tragik des Soldatenberufs? Jahr um Jahr hat einer die Truppe betreut, zusammengeschweisst – und in der Stunde, wo er an eine andere Stelle gestellt wird, kämpft er schon für die, die ihm bis dahin ganz freund war; reisst er im Weggehen noch rücksichtslos das Beste bei seiner alten Formation aus dem Zusammenhang, um der neuen zu helfen – Sinn für das Geschaffte darf es da nicht geben – nur auf das die vorliegende Aufgabe die Augen gerichtet. Verbrenne, was Du angebetet hast! (So einer war auch Klapp.)

Nun, der neue Befehl über den Übertritt lag mir schon vor – er war ja zweifellos nur deshalb so überraschend gegeben, um die Kolonne gegen völlige Ausplünderung zu schützen – aber das Regiment braucht Pferde, und ich will nicht den Etappenkrieger, dem der Sinn fürs Ganze abgeht, spielen.

So zieht der mutige Markus, der Goldfuchs Marie, unsere schönste Ardennerin, mit zwölf andern vierbeinigen Getreuen zu Tal – mit trauernden Mienen verfolgt von ihren Pflegern.

Am andern Morgen reite ich nach Laisy westl. Vouzires und melde mich beim Rittmeister von Lucius.

Samstag, 3.2.1917. Abends ist wieder Casinoabend in Termes, an dem der Regimentskommandeur äusserst anerkennende Worte zum Abschied an Köhne und mich richtet. Ich glaube, so ist noch kein Offizier des Regiments im Felde verabschiedet. Später ging die Stimmung hoch, und als ich, heimwandernd durch die eisige Winternacht dreiviertel Stunde, über die Hochebene, in mein Blockhaus gekommen war, zeigte die Uhr ½ 6.

Die Ruhe des Abschnittes, in dem wir hier liegen, ermöglicht es, dass die Regimenter zusammengeschweisst und kampfbereit werden. Das Problem der Frühjahrskämpfe im Westen dürfte das sein, die Verteidigung bei der heutigen Technik des Grabenkampfes und den sich immer wandelnden Kampfmitteln, weniger verlustreich zu gestalten wie den Angriff. Nördlich Verdun am 15. December wars bekanntlich umgekehrt und an der Somme auch wiederholt. Es scheinen aber die Lehren daraus gezogen und allgemein verbreitet zu werden, und so hätte jene Schlappe hinterher doch etwas Gutes.

Letzthin wurde die Ansicht vertreten (die ja ohne weiteres überzeugt=, dass nur Überraschung bei künftigen Angriffen Erfolg verspricht. Nicht stundenlanges, oder tagelanges Trommelfeuer ist nötig, wie es Joffre bei der Champagneschlacht Herbst 15 zum ersten Mal, wie wir es Februar 16, auf die Stellungen vor Etain-Fromezy [Fromezey] – leeres Stroh dreschend – niederprasseln liessen, sondern unregelmäßig einsetzende, kurze aber äusserst heftige Feuerwellen, dass der in die Stollen gekrochene Gegner nicht weiss, wo er dran ist.

15.2. Bis zur Mitte des Monats bleibt die scharfe Kälte und das sonnige Wetter, auch der Mondwechsel bringt nicht die sprichwörtliche Änderung. Die Sonne, die sich an allen windstillen Stellen bemerklich macht, schmilzt den Schnee, der festgefroren, seit 5 Wochen liegt. Heute ist „Schnepfenstrich“, eine Unternehmung gegen die frz. Stellungen rechts von unserem Abschnitt. Seit gestern verstärktes Schiessen – seit dieser Nacht Trommelfeuer; das heut abend noch ohne Unterbrechung rollt und kracht. Munition braucht meine Kol. nicht zu fahren. Am 11. hatte ich unsere Batteriestellungen südlich Cernay angesehen; es war, bei köstlichem Wetter, ein Spaziergang.

Am 16.2. tritt langsam Tauwetter ein, zunächst friert es in den Nächten wieder, dann aber weicht der Boden völlig auf und der Weg vom Lager bis zu einer Strasse wird für die ausgehungerten Pferde eine Strapaze. Da auch das Stroh, bei den knappen Haferrationen eine wichtige Zusatznahrung, für einige Tage ausbleibt, wird der Ernährungszustand recht schlecht. Tätigkeit bleibt gering. Die Ernährung ist trotz der fehlenden Kartoffeln nicht schlecht, da reichlich Wurst u. Speck ausgegeben wird.

Zwei Tage später versucht der Franzmann, den Geländeverlust an der Champagneferm zurückzuholen. Seine Technik geht diesmal nicht von einem wilden Universal-Trommelfeuer aus, sondern die Batterien werden freilich bedeckt, der vordere Graben aber erhält nur zehn Minuten Trommelfeuer, sodass die Infanterie in den Lächern sitzt und schon kamen die Stosstruppen an. Sie wurden aber völlig abgeschmiert und zwar mit bösen Verlusten.

28.II. Fahrt nach Rethel, dem völlig zerstörten, einst reichen Städtchen. Über ganz niedrige Mauerreste sieht man zu der gotischen Kirche auf dem Hügel, die in ihrem malerischen Umriss fast allein verschont blieb. Mit sieben Hühnern, die Werneburg mir ablässt, komme ich zurück.

Die Einsamkeit wirkt immer drückender auf Stimmung u. Verdauung – vor 10 Monaten im Syrielager hatte ich zuviel Rummel – hier zu wenig. Immer nur lesen!

Das mir übertragene Amt des Briefspions liegt mir nicht, und doch wird man manchmal wieder Willen festgehalten, einen Brief wirklich zu lesen, einen mit Bleistift hingekritzelten Kartenbrief etwa, in dem einer so klar und so bitter darüber spricht wie ihm die Jugendjahre verrinnen….

Anfang März 1917 muss die Kolonne mehrfach Munition von schweren Batterien, die für das Unternehmen Schnepfenstrich eingesetzt waren, zurückholen. Das Wetter wird wieder winterlich, am 5. und am 7. hat die Landschaft ein weisses Kleid; eine zweite scharfe Kältewelle setzt ein.

Mitte März französisch Angriffe. ein Tagesbefehl des Kommandierenden vom 7. lobt die Truppen, die Standgehalten haben (es sind drei Bataillone der Regimenter 2..-2..) nur ein paar Nester an der Champagneferm sind nicht wieder ausgehoben. Zwei Tage später hat der Franzose aber aller wieder, was wir gewonnen hatten, soviel auch unsere Kriegsberichterstatter darum herum lügen.

Viel thörichtes Gerede macht diese Eunuchenschar auch um unsere Rückwärtsbewegung an der Somme. Die Sache ist doch einfach: wir verkürzen die Linie bedeutend – das kommt dem Gegner im gleichen Maß zu Gut: dagegen beziehen wir Stellungen, an denen schon seit November gebaut wurde, und zwingen ihn, die Basis seiner Frühjahrsoperation aufzugeben und durch das rasierte Zwischengelände, eine grauenvolle Wüste, vorzuschieben. Das verzögert etwaige Angriffe – eine grundsätzliche Schwierigkeit kann es einem so zähen Gegner nicht machen. Der Graf, den ich auf der Dorfstrasse traf (er ist nach sechsmonatlicher Trennung wieder bei der Division gelandet) meinte auch „Selbst schlauere wie ich – sofern es noch einen solchen geben sollte- sind sich über den Zweck nicht klar.“

Wenn man an diese neue Art von Verwüstung denkt, die der Krieg hier fordert, fasst einen das Grauen. Der brave Apotheker in Gouzeaucourt, der mir sein Schlafzimmer zur Verfügung gestellt hatte, in dem sauberen Häuschen, das er sich als Altenteil erbaut hatte – wie war er verbittert als ihm von den Frühbeeten nachts ein Glasfenster weggeholt war. Denn er hatte, wie all die Dörfchen ringsum, zwei Jahre stillfriedlich in deutscher Etappe gelegt – bis es der feindlichen Heeresleitung einfiel grade hier, im gesegnetsten Landstrich Nordfrankreichs, ihren Stoss anzusetzen, der das Zermalmungsprincip an Steller früherer militärischer Principien des gänzlich principienlosen Grabenkriegszustandes stellte. Ein Schlossbesitzer in der Nähe soll 20 Millionen geboten haben, wenn man seinen alten herlichen Park verschone – weg!

Im gleichen Stile ist ja grauenvoller geworden das Ringen im Grossen, das gegenseitige Aushungern der Völker. Tatsachen, die man über das in Deutschland umschleichende Hungergespenst, über wild steigende Preise erzählt, sind entsetzlich. Wann hat das ein grosses Volk getragen, wann ist jäher ein Erdteil aus Überfluss und Weltherrschaft in so unerträglicher Not geschleudert! Alles hungert, alle zerfleischen sich, bis alle am Boden liegen!

– Die Einsamkeit meines Waldlagers zwingt mich, das Leben erträglich, etwas inhaltsvoller zu machen; ich trete mit grösseren Buchhandlungen in Verbindung, lasse mir Kataloge kommen und danach einen Haufen Bücher. Werneburg in Rethel lässt mir einen Stamm Hühner ab, ich habe mir bald ein Dutzend zusammengekauft (trotz der Absperrungen durch dräuende Ortskommandanten) und jeden Morgen macht mir der Kampfruf meines Gockelhahnes, das Verbessern des Stalles und des Auslaufs Freude. Auf der Sonnenseite diese so absonnig und ungeschickt erbauten Lagers lege ich ein Frühbeet an. Der Boden besteht freilich nur als Kalk- und Tonbrocken – aber Pferdemist und Waldboden sind ja billig zu beschaffen. Ebenso billig wie Baumstämme, die ich zum Anlegen eines festen Weges über die morastige Hochebene gebrauche. D.h. morastig ist der Weideboden erst geworden durch das dauernde Fahren schwerer Wagen – ausserhalb der Zone, die wir durchfahren, trocknen die Wiesen schon an, aber die täglich sich eindrückenden Räder quetschen und kneten eine tiefe Lehmschicht zusammen, die kein Wasser versickern lässt.

Ein paar Dutzend starker alter Pappeln sind mit Hülfe eines Russenkommandos gefällt und zersägt – aber da sie sich schwer spalten, gehen wir zu Eichen über, die ebenfalls in schönen gradegewachsenen Exemplaren hier im Tal stehen. Das Anlagen dieses Bohlweges von einigen hundert meter Länge und 3 m. Breite ist hier die Hauptarbeit; Stamm um Stamm wird von starken Pferden geschleppt. Daneben beginne ich zur Verbesserung des Unterkommens meiner Kanoniere, eine neue Baracke.

Der Winter war dies Jahr nicht nur ungewöhnlich streng, sondern hält auch lange an – Ende März wechselt noch scharfe Kälte mit Schneetreiben.

Die Front an unserm Abschnitt ist ganz ruhig, seitdem der Franzmann das wieder hat, was wir ihm abgenommen hatten.

Ja, die Zeiten ändern sich! Einst (aber freilich wars schon in diesem Kriege) ritt man mit ein paar gewandten Burschen einem Bauern auf den Hof, liess sich – während er gute Miene dann machte oder auch nicht – Hühner fangen, in dem Bewusstsein, korrekt gehandelt zu haben, da das Zettelchen, das er bekam, ja den Stempel trug. – Gestern machte ich einen langen Spaziergang durch weltabgelegene Etappendörfer, und wo ich grosses Hühnervolk sah, fragte ich, auf Umwegen die Unterhaltung anbahnend, um eine oder zwei Hennen, die geschätzteste Scheidemünze des Pisang ist  – umsonst. Alle stehen völlig in der Furcht des Herrn von der Etappe, – und der – ist unerbittlich. – Am nördlichen Aisneufer entlang, dreissig bis vierzig kilometer hinter der Linie, sind neue durchlaufende Stellungen an der Höhe angelegt. Zunächst nur angedeutet. Dazwischen schneiden irgendwie im Zickzack eingefallene. Halbüberwucherte Laufgräben den Hang hinauf. Es sind französische Schanzanlagen vom August 14, wo hier ein Gefecht stattfand. Wie Höhlenmenschenkunst neben der heutigen, so muten diese nur knietiefenden Gräben nach zweiunddreissig Kriegsmonaten an. Die Dörfer St. Lambert u. _______ sind von damals her halb verlassen. Es liegen öfter Truppen drin, scheinbar immer nur kurz. Die letzten sind seit zwei Tagen weg; diese leerstehenden, zerfetzten Herrenhäuser machen einen gräulichen Eindruck.

„Haben Sie übrigens gehört, wie es Poel geht?“ „Der ist tot.“ Als Poel, der Hamburger, Verwaltungsassessor, vor Monaten verwundet wurde, hiess es, die Verwundung sei nicht schwer. Ich wollte es nicht glauben, konnte mirs nicht vorstellen und suchte vergebens, dies Dasein als ein vollendetes, abgeschlossenes zu sehen.

Hundert Kriegserinnerungen tauchen auf, eigentlich alles vergnügte Stunden. Wie wir in Celles bei der Wittwe einquartiert waren, die um einen „jeune officier“ gebeten hatte, wie wir auf Befehl des nie zufriedengestellten conte Rittberg Hühner requirierten. Wie oft haben wir nach Jahr und Trag, in seinem Katnerhaus bei Alt Kruiseck oder in Béchamp [Béchamps], vergangener Tage gedacht und Derer, die nicht mehr waren; an Ney und Stadler. Mit ihm ist der letzte der Offiziere, mit denen die zweite Batterie ins Feld zog, hingegangen.

3.4.17 Ein eisiger Wind pfiff über die Hochfläche, dazwischen setzt Flockenwirbel ein und die Menschen danken oder sagen es zueinander (soweit das sich mit der Dienststellung vereinbart) wohl zum hundertsten Male: Dies Jahr will es aber gar nicht Frühling werden!

Als Kriegsmensch lebt man ja viel unmittelbar mit der Natur zu sammen, und ist mehr von ihren Launen abhängig wie der Städter.

4.4. Die Kolonne empfängt heute an Portionen für 4 Offiziere 119 Mann u. Rationen für 147 Pferde:

(für 2 Tage) – die abkommandierten sind abgesetzt

im Ganzen d.i.f. den Kopf

 

1. Tag

2. Tag

 

18,0 kg frisches Fleisch

150 gr

(vorgestern waren es 24,8 kg

davor waren es 43,4 kg

dann kein Dauerfleisch)

 

18,0 kg Dauerfleisch

150 gr

150 gr

 

9,0 kg Wurst

75 gr

 

6,0 kg Schmalzfleisch

50 gr

 

12,0 kg Marmelade

100 gr

56 kg Kohlen

9,0 kg Reis

75 gr

3,5 l Petrol

15,0 kg Nudeln

120 gr

3,5 kg Carbid

6,0 kg Backobst

50 gr

–   

40 kleine Lichte

36,0 kg Kartoffeln

150 gr

150 gr

 

72,0 kg Kohlrüben

600 gr

600 gr

3 l Öl

120 Brote zu 1 ½ Pfund als

   

+ 4 als Zulage

   

9,6 kg Mehl

40 gr

40 gr

 

4,8 kg Salz

20 gr

20 gr

 

1,44 kg Cichorie

6 gr

6 gr

voriges Mal gabs statt dessen: 3,9 kg Kaffee

8,4 kg Zucker

35 gr

35 gr

 

476 St. Cigarren

   

476 St. Cigaretten

   

1256 kg Hafer

   

668 kg Heu

   

628 kg Stroh

   

Der Wert dieser Lebensmittel beträgt heute in Deutschland; bei Annahme von Gros-Preisen:

1 kg Rindfleisch (im Handel, Kleinverkauf 4,80 M) Höchstpr.

1 kg frische Wurst 7- (in Belgien zahlt man schon 11-14 M.)

1 Ctr. Heu (geschätzt) 5 M.

1 Ctr. Stroh (geschätzt) 3,60-3,80 M.

woraus die Kosten, die eine untätige Kolonne – nur in ihrer Verpflegung in einem Monat verursacht, zu erraten sind.

Ein paar hundert Schritt vom Kolonnenlager nach Westen fällt die Hochebene steil ab zum weiten Aisnetal. Geographisch ist die Gegend insofern interessant, als die Höhen auf beiden Ufern, die da, wo der Fluss sich nach Norden wendet, 6-8 km auseinanderliegen, ganz ungleiche Formation zeigen. Auf dieser Seite bewaldet, die Ränder mit Obstkulturen und Äckern bedeckt, drüben unfruchtbarer Kalk mit tief ausgewaschenen Furchen und seltsamen steilen Hängen.

Das Tal selbstfüllen weite Wiesen und die Salweiden dazwischen sind in ihren brennend rot leuchtenden Reihen die ersten Frühlingssignale. Die Aisne glänzt in ihren vielfachen Schlingungen als silbernes Band herauf und die kleinen Teiche, die sie rechts und links gebildet hat und die kürzlich noch vom Eis bedeckt waren, spiegeln den Abendhimmel wieder. In weiter Ferne, gegen Reims zu, sieht man Fesselballons; einen winzig hinter dem andern stehend, zeigen sie den Verlauf der Schlachtfront nach der Seite hin, wo jetzt neue scharfe Kämpfe entbrannt sind. Da – ist es Frühling – leuchtet eines der schwarzen Pünktchen auf, ein Rauchwölkchen steigt auf, und langsam, qualmend sinkt was ein Ballon war, herunter.

So wie Noah in seiner Arche nach der Taube mit dem Ölzweig Rundschau hielt, hält man jeden Nachmittag um halb fünf, wenn die Zeitung gebracht ist, in ihren Spalten Umschau nach einer Nachricht, an die sich Hoffnungen, Ausblicke, Möglichkeiten ranken könnten. –

Aber nur graue Wellen ringsum. Die „Nachrichten der Auslandspresse“ die ich regelmäßig erhalte, zeigen, wieviel offener und schärfer die Kritik in England sich äussern darf – naiv, aus solchen Auslassungen auf grössere Unlust jenseits des Kanals zu schliessen.

Eine harte Maßregel ist die Verringerung der täglichen Brotration von 750 auf 500 gr., und dabei kamen unsere jungen Fahrer schon vorher nicht aus und waren froh über jedes halbe Brot, das ein gefälliger Proviantsmensch einmal zugab. Da lese ich, dass sie daheim von 200 gr auf 170 gr heruntergesetzt ist!

Der Riegel des Fensters neben meinem Bett, mein Seismograf, meldet durch leises Klirren wieder starke Kanonade von Reims her, sonst stört nichts die ungeheure Stille dieser Weltabgelegenheit.

Heute am 26. April gebe ich mich wieder mit Behagen der Tätigkeit des Ofeneinkachelns hin. Das will seine Technik haben und solange man diese kleinen, eisernen Füllöfen mit Holzscheiten richtig durchheizt, kann man nichts anderes anfangen; das richtige Nachlegen, das Vortrocknen der halbfeuchten Scheite nimmt einen ganz in Anspruch. Aber die feinen Düfte der Waldhölzer machen die Beschäftigung zu einem Genuss zumal bei den hier bestehenden geringen Holzpreise. das leise auf der Ofenplatte schmorende Buchenscheit reicht ganz anders wie die Eiche; am süssesten ist der Duft vom Birkenholz, wenn er die Stube durchzieht und Erinnerungen lebendig macht an andere Holzbuden.

Am 30. April 1917 setzt mit einem Schlage der Frühling ein – und der Sommer eigentlich zugleich. Denn es wird schon am zweiten der sonnigen Tage die sich nun ohne Unterbrechung folgen, merklich warm.

4. Mai. Durch den prangenden Wald Ritt nach Vouziers, wo ich mit Liese u. den Jungen am Telefon spreche und die Nachricht bekomme, dass mein dreiwöchentlicher Urlaub genehmigt ist.

Am 7. Mai fahre ich nachmittags über Mohon Kurve nach Namur wo der Schnellzug um 1 Uhr nachts ankommt.

8.V. Skizze; Lederkoffer gekauft, Fahrt Brüssel: Rehorst, Läden, Rathaus, abends Mecheln.

9.V. zurück Brüssel (telef. Düsseldorf, wo ich zu erfahren suche, ob es ein Bub oder Mädel ist. Ich muss lange warten im Brüsseler Haupttelegrafenamt) Essen im Generalgouvernement. Nachm. Tirlemont abends Lüttich. 10.V. Düsseldorf nachm. 5 Uhr.

13.V. Fahrt Hannover

14.V. nachm. Techn. Hochschule Fahrt Berlin

15. Bibliothek, Porcellan Manufaktur, Kempinsky, Hilbrich, Lessingtheater: „Mad. Legros”.

10.40 abends Abf. n. Graudenz: Packen

18.V. 11 Uhr früh zurück Berlin.

19.V. Bibliothek, Taufe bei Ernst, Schauspielhaus: „Ant. u. Kleopatra“.

20. zurück Ddorf.

21. Mai Taufe in der Hohenzollernstr.; abends 10 Uhr über Aachen, Namur nach Vouziers. Durch telef. Meldung beim Staffelstab Savigny erfahre ich, dass meine Kolonne die wie mir schon telegrafisch nach Düsseldorf von meinem Vertreter gemeldet war, abtransportiert ist und zwar in die Gegend von Hirson, dem bayr. Staffelstab 7 unterstellt. Erst Nachm. 5 Uhr geht ein Zug in der Richtung sodass ich Zeit habe in dem dürftigen Vouziers, das seit Verlegung des A.O.K. nicht reizvoller geworden ist, mich nochmals umzusehen. Nur die gediegen gebaute frz. Kürassierkaserne auf der Höhe, jetzt von zahllosen Kolonnen belegt, bietet einiges Interesse.

Abends 1 Uhr treffe ich in Hirson ein, und fahre mit St. Loos in meiner Gig nach Ribeauville [Ribeauvillé], dem dreistunden entfernten Ardennendörfchen, wo meine Kolonne untergebracht ist. Der Staffelstab hier hinter der Front stellt ein Kolonnen-Aufmöbelungsinstitut dar. – Der Kommandeur erteilte, wie mir gemeldet wird, auf Grund einer Besichtigung meinen Pferden ein verdächtig grosses Lob, d.h. die Kolonne ist einsatzfähig und wird bei der nächsten Anforderung weitergeschickt. – wahrscheinlich in den Bereich einer andern Armee. Ribeauville [Ribeauvillé] zeigt sich bei Tageslicht als ein idealer Erholungs und Ferienort für eine Kolonne. In diesem harten, hügeligen Lande, das wie das hohe Venn einen späten Sommern hat, wird kaum Ackerbau getrieben. Die Bewohner leben von Viehzucht, also dürftige Häuser, landschaftliche Schönheit. Jetzt, am ersten Juni prangen die von Buchenhecken eingefassten Weiden in Blumen und hohen Gräsern, die für unsere Pferde ein Paradies sind; die Schieferdächer der Häuser verschwinden völlig unter den dichten Baumkronen. In der wundervoll klaren Luft ist kein Laut als das befriedigte Brüllen des Rindviehs in der Ferne, bei den Bauern giebts noch viel Hühner (zum Höchstpreis von 2,40 M, während man in deutschen Städten jetzt mindestens das Sechsfache bezahlen muss!) Freilich, alles mit der Gewissenhaftigkeit deutscher Ortskommandanturen registriert und – gesperrt! Durch Aubenton reitend mache ich dem Adjudanten des Etappenkommandanten die bedauerliche Meldung, dass bei einer Reitübung vier Hühnern von Ribeauville [Ribeauvillé] die Beine gebrochen seien. Ich bäte, die Leichen zur Verbesserung unserer Kost den Bauern abkaufen zu dürfen. (Die Hühner der Dorfbewohner sind natürlich von einer sorgsamen Etappe genau registriert und es giebt hohe Strafen wenn eins fehlt). Mit süsssaurem Lächeln genehmigt er, dass die betr. Hühner verkauft werden, und abends mache ich mich mit dem Ortobüttel, dem „chef-culture“ auf, die fettesten Hennen aus den Ställen zu suchen.

Spruch: Die Kolonne ist am 7.6. 12 Uhr mittags am Bahnhof Any [Any-Martin-Rieux] verladebereit Abfahrt 2.29, Fahrtnummer so und so. Wo wird’s diesmal hingehen? Bei sengender Sonnenhitze wird die Arbeit des Verladens, die ja oft genug geübt ist, geschafft. 2.15 Uhr setzt der lange Zug sich in Bewegung über Mezières, Sedan und fährt gegen 9 Uhr abends an der Rampe von Spincourt vor – einer Station nördlich Bavoncourt [vermutlich: Vaudoncourt], dem Schauplatz unseres ersten Kriegsabschnittes vor Verdun. Einen Befehl oder eine Mitteilung über unsere neue Verwendung hatte ich während der Fahrt nicht bekommen; auch am Bahnhof lag nichts vor. Ich begann daher zu telefonieren, ans A.O.K.-Kommandantur M. u. T; an das Generalkdo in Norroy le Sec, des 18. Res. Korps, an die 192 I. Division. Überall waren die Offiziere im Casino, wussten die Schreiber nicht Bescheid. Die Kolonne stand schon abgeladen, marschbereit, als ich heraus hatte, dass wir in das Bayernlager, etwa drei Wegstunden nach vorn, kommen sollen. In dunkler Gewitternacht, ab und zu aus einer Baracke einen schlafenden Armierungssoldaten herausholend, finde ich mich durch den Wald bis in das etwas abgelegene Lager, wo uns ein Gefreiter Quartiere anweist. „Das Lager soll sehr stark belegt werden in diesen Tagen.“ So, erwartet man vorn etwas? Der Staffelkommandeur, bei dem ich mich andern Tages melde, deutet an, dass mit einem Angriff der Franzosen von den Cotes her gerechnet würde – in grossem Stil.

Vier Tage bleiben wir in dem Lager, das in den Mannschaftsbaracken etwas primitiv ist, mir ein ausreichendes Bretterhaus bietet, von dessen Veranda wir in diesen Sommertagen einen herrlichen Blick in den Eichenwald geniessen. Da kommt der Befehl, umzuquartieren in der Lager Frankfurt-Nord, in dem keine Räude sein soll und das unmittelbar an der Strasse von Loisson liegt, anderthalb Kilometer rückwärts. Auch hier findet die Kolonne bald, nachdem sie sich in dem weitläufigen Bretterdorf erst eingenistet ha, was sie braucht an Platz, und es spinnen sich die Tage weiter, wo der Dienst aus Grasholen und Geschirrputzen besteht. Für mich wieder gutes Quartier in zwei Bretterhäusern mit luftigen Stuben.

„Obs wohl noch losgehen wird?“ „I glaab´s net[“,] meint der bayrische Luftschifferhauptmann, der denen auf der côte ja etwas von oben in die Karten sehen kann.

Am 18.6.1917 wage ich zu wandeln verlassene Pfade zum Syrielager. Alles wie einst. Einsam liegen die Wege die durch weite mit leuchtend gelbem Unkraut üppig bedeckte Ödfelder führen. In der Ferne zeichnet sich die langgestreckte Höhenlinie der côtes genau so wie in den langen friedlichen Wochen des vorigen Spätsommers, und doch unnahbar unsern Tritten. Sie führen Einem das Sinnlose dieses Kriegszustandes wieder vor Augen. Im Lagerwäldchen sind einige neue und schönere Baracken entstanden, aber im Ganzen haben die jetzigen Bewohner in einem Jahr nicht so viel getan wie wir in einem halben.

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Heute ist sich alles einig in der Verurteilung Falkenhayns und des verhängnisvollen Verdun unternehmens. Wer eines Feldherrn Rechnung prüft, pflegt aber die irrationalen Grössen nicht mit einzusetzen und macht Erfolg und Nichterfolg allein zu Wertmessern. Für die Gegenwart müssen sie es ja auch sein, muss der General gehen, der den Erfolg nicht auf seiner Seite hat; die Geschichte darf, davon unabhängig, den Ansatz des Exempels prüfen.

Tatsache ist jedoch, dass bayrische „Leiber“ und marburger Jäger bis in den Kehlrücken von Souville waren – Wahrscheinlichkeit, dass wenn wir Souville hatten, die Überlegenheit auf der côte  unser war. Vielleicht hätte an jenem Maitage 1916 der Fehler eines frz. Bataillonskommandeurs zu unsern Gunsten entschieden! Oder sind sie doch zäher wie wir? Der böse Fehler bei Verdun begann erst, als wir in jenem Tage zum letzten Mal so blutig zurückgeschlagen und unter dem Druck an der Somme, dies Ringen endgültig aufgaben. Und in der Überlegung „der Franzmann hat auch abgebaut“ da liegen und stehen blieben, wo wir standen – d.h. in Stellungen, die nie Verteidigungslinie sein konnten, weil sie den Zufällen entstammten, wie wir eben vorgedrungen waren. Und weil sie meist nicht einmal verteidigungsmäßig ausgebaut wurden. Deshalb gelang es Nivelle im September, den Douaumont wie ein Butterbrot, den darin befindlichen Reservekompagnien zu entreissen. Und noch schwerer war unsere Schlappe vom 15. Dezember, weil noch nicht einmal da die notwendigen Lehren gezogen waren. Der deutlich sich verbreitende Angriff wurde angeblich von Lochow nicht weiter ernst genommen. Das Zusammentreffen der andern verhängnisvollen Umstände: die 39 I Division frisch eingesetzt u. mit dem Gelände nicht genug vertraut, die alten Knaben [der] bayrischen Reserve-Infanterie Regimenter schon viel zu lange in den nassen Gräben. –

Übrigens: Das schlechte Wetter sollte man aus dem Spiel lassen als Entschuldigungsgrund, denn wenn es uns im Februar gehemmt hatte anzugreifen, – damals im December war es den angreifenden Franzosen wahrlich nicht günstiger! Kennzeichnend dafür, wie schwer unsere Generalität umlernt: in einem Tagesbefehl, der dieser Niederlage folgte wiederholte noch wer die altpreussische Wendung: „Kein Fussbreit Bodens darf nun weiterhin aufgegeben werden!“

26.6.17. Ohne dass wir seither hier einen Schuss Munition gefahren hätten, füllt sich der Tag so ziemlich mit der Beaufsichtigung des inneren Dienstes. Morgens, wenn ich nicht selbst früh reite und die Fähnriche u. Unteroffiziere dabei mit dem Gelände vertraut mache, gehe ich auf die Waldwiese, wo Wachtmeister Müller die jungen Fahrer reiten lässt[,] dann Unterschriften im Geschäftszimmer, Gespanneinteilung, Anordnen von Arbeiten im Lager und in der Werkstatt, ein Gang auf die Heuwiese: Gutsbesitzerdasein!

Der Juli lässt sich regnerisch an, in der Tätigkeit, vielmehr Untätigkeit keine Änderung. Ein paar Gespanne werden gestellt, die zwei Fähnriche beschäftigt und ausgebildet, am Schreibtisch weitergearbeitet.

Am 15. Juli fährt die Kolonne zum 1. Male Munition: 4 Wagen –

Der August bringt mehr Regen wie Sonnenschein und unter den Eichen ists, so schön bei gutem Wetter, so trübselig wenn überm Kopf das Prasseln auf die Wellblechtafeln nicht aufhören will. Die innerpolitische Wandlung, die die Not der Zeit dem „rocher de bronce“ der preussischen Regierung abtrotzt, lässt uns hier drausssen ziemlich kalt. Was heisst es denn, dass später nach einem anderen Verfahren gewählt werden soll, das nur in der Erinnerung noch wirklich ist. Und sicher ist bei diesem Wahlrecht wie bei jenem das Eine, dass der Kandidat, für den wir Oberen Zehntausend vom Geiste zur Urne gehen – durchfallen wird!

Anf. August. Höher noch wie unser neues Vordringen in Galizien, das den Ostteil dieses früher so wenig aufgesuchten Landes, mit Tarnopol und Cernowitz, zur Abwechslung einmal wieder uns in die Hände bringt – diesen Erfolg gegen das Russland Kerenskijs schätze ich militärisch weniger hoch ein wie ein die gelungene Abwehr-schlacht in Flandern.

Die grossen Masseneinsätze im Frühsommer dieses Jahres, von den Franzosen in der Westchampagne und am Winterberg, von den Engländern bei Arras hatten uns ausser Geländeverlust 5-10000 Gefangene und eine der Zahl der überrannten Linien entsprechende Menge von Geschützen gekostet. Nach dem zweiten Tag der Infanteriekämpfe, die sich von der Lys bis herauf an den Yserkanal entspannten, meldet der englische Bericht, dass die Deutschen zwei Hauptpunkte von dem eroberten Streifen wieder genommen haben.

10. Aug. 1917. Seit zwei Monaten werden wir mit dem Gerücht einer Offensive des Franzmannes im Verdunbogen gespeist – heut beginnt das Feuer etwas lebhafter zu werden. Grade vor und hinter unser Lager sausen einige „Kindersärge“ in den Lehm. Der 38er Langrohr, der hinter unserm Lager auf der Sorelfermwiese eingebaut ist, und alle Buden im Frankfurter Lager zittern lässt, wenn er sein Maul auftut, soll durch weisse Rauchmassen eingehüllt werden, wenn beim Abschuss seine grosse braune Rauchwolke hochkräuselt. Aber die Kerls zünden nur ein paar von den Rauchtöppen an, und statt zu verhüllen, zeigt die weisse Dampfmasse deutlich die allgemeine Richtung, wie wir der Waldwiese beim Revolverschiessen gut beobachten. Nach dem zweiten Schuss schon unseres Dicken wimmern von drüben die Antwortschüsse. Ein paar Granaten schlagen dicht in seine Nähe, andere mehr in unser Lager.

11. Aug. ist ziemlich lebhaftes Feuer in verschiedenen Richtungen ums Lager herum. In verschiedenen Flötentönen wimmert es über unsere Köpfe weg, auf Billy zu, rechts und links in den Wald um uns.

Noch immer stehen die Pferde zum grössten Teil in dem Notstall hinter meinem Quartier und die fünf Räudepferde (unter denen vielleicht jemals zwei oder drei richtige Räudepferde gewesen sind) im offenen Schuppen abgesondert.

12. Am hinteren Waldrand, wo Pioniere ein Lager haben, hats eingehauen und den Küchenoffizier verletzt. Der Führer schickt eben seine Bagage nach rückwärts, als wir auf einem Abendspaziergang vorbeikommen. „Wir wollen da unten rum durch eine Waldschneise…“ „Würd ich Ihnen nicht raten; gleich fängt der Vierundzwanziger wieder an und dann antworten die drüben, und grad in die Ecke da.“ Wir drehten also bei, und schon nach zehn Minuten dröhnten aus dieser Gegend die Einschläge. Aber auch in unserem Lagerbezirk kracht es jetzt; ein Einschlag auf der Lagerstrasse veranlasst die Mannschaften, die da herum liegen, eilig in einen abgelegenen leeren Stall sich zu koncentrieren. Um die Mannschaften ruhig zu halten, lassen wir unsern abendlichen Doppelkopf im Freien nicht fahren, doch nach und nach wird die Beschiessung des Kolonnenlagers stärker, sodass ich Befehl gebe, alles einzuräumen. Ich versichere mich noch, dass alle bis auf zwei Posten, die hinter Bäumen hocken, weg sind und in der Nacht auch selbstmit meinem Bettsack hinüberwanderte in das verlassene Offiziershaus fünfhundert Meter rückwärts an der einsamen Waldwiese. Alle fünf Minuten wimmert ein „Paket“ heran und zwischen den Bäumen steigert sich Krachen und klack! Klack! Schlagen noch lange nachher Eisenbrocken gegen die Stämme ringsum.

Es wird nach dem Sanitätsoffizier gerufen, der neben mir am Boden schnarcht. Ein Mann meiner Kolonne soll verwundet sein. Wir finden ihn mühsam und tragen ihn nach Anlegen eines Notverbandes on die Blechbude an der Wiese, wo sein Stöhnen mir für den Rest der Nacht die Möglichkeit des Schlafes nimmt. In der Dämmerung wird festgestellt, dass auch fünf Pferde, – natürlich von den besten – tot in der Reihe liegen. Dann ein paar verwundet.

13.8[.] Ich hatte das Verlassen des Lagers schon beschlossen und ritt, morgens nach den nötigen Befehlen zum Aufpacken, los um Unterkommen zu suchen. Die Dörfer dicht hinter der Front sind zu solchen Zeiten gerammelt voll. Von rückwärts kommen unablässig Einsatz-Truppen, schwere Artillerie und eine Division, die bisher weiter hinten lag – von den beschossenen Waldlagern fluten Kolonnen, Pioniere, Armierungskompagnien zurück.

Ich musste mich entschliessen in einem Waldstreifen zu kampieren. Resigniert sehe ich vor mit die Aussicht, der Kolonne noch einmal aus dem Nichts ein Unterkommen zu schaffen, noch einmal Phasen des Lagerbaues durchzumachen mit ihren Kämpfen, ihrem Dreck. Monate wird es im günstigsten Fall dauern, bis einigermaßen ein Dach für alles geschaffen ist; Monate in Schlamm und Regen. Denn es giesst schon während des Umzuges wie aus Mulden. Am andern Morgen gehe ich zum Frankfurter Lager zurück, da siehts wild aus: die Lagerstrasse mit Baumästen u. Blättern bestreut, ein paar metertiefe Löcher im Lehmboden rechts u. links von unsern Hütten[,] die Stube der Fähnriche durch einen Einschlag völlig zerrissen, mein Bretterhaus ist von Granatsplittern mehrfach zerlöchert; der alte Bauernteller an der Wand liegt in Scherben. Von den toten Pferden liegen nur zerfetzte Reste da, und ein paar Russen sind grinsend beschäftigt, sich „Ross“beaf von den Gerippen herunterzuschneiden. Nachtquartier finde ich bei Rittmeister Kleine in Loison in einem Zimmer wo über mir vier oder fünf Offiziere und ein Köter, der ein Sack voll Flöhen sein muss, grad über mir, wo die Decke fingerbreit Ritzen hat, sein Lager hat.

15.8. Am zweiten Tag unseres Biwacklebens hat die Sonne ein Einsehen, und statt der unablässigen  Regengüsse schickt sie ihre herbstlich brennenden Strahlen, die die Wege schnell trocknen und das Lageleben zu einer Freude machen. Ich beginne mit dem Bau von zwei Mannschaftsbaracken, einem grossen Stall, Geschäftszimmer, und, etwas abseits im Gebüsch geschoben, einem Bretterpalast für mich. Übung im Anlagen solcher kleinen Kommandeursvillen kann ich ja wirklich für mich in Anspruch nehmen; dass sie nicht zu nah und nicht  zu fern den Mannschaftsbaracken, mit hübschen Ausblicken und doch auch versteckt liegen, und für den Winter die Räume sich kompakt zusammenschliessen – denn wenn ich auch stark hoffe, im Winter nicht hier zu kampieren, muss man doch immer schon daran denken. In wenig Tagen hause ich wieder in meinen vier Pfählen, und kann in den allzu zahlreich gewordenen Gepäckstücken kramen.

20.8[.] Es giebt beinahe jede Nacht Munition zu fahren, ausserdem betätigen sich 10 Mann der Kolonne in der B. Stelle der hiesigen Feldartillerie-Abteilung, 10 Mann arbeiten in dem anstrengenden Förderbahnkommando, das die ganze Nacht hindurch Munition in Stellung schafft.

Gut übrigens, dass wir ohne lange zu fackeln, auszogen – jeden Tag wird unser bisheriges Lager weiter beschossen. In dem Waldzipfel zwischen Loison und Senon (man kennt die Topografie dieses kümmerlichen Französisch-Lothringen nun bald wie ein Dorfschulmeister von hier oder ein Stabsofficier des Generalkommandos Verdun) entwickeln sich nun wieder Bilder „in Callots Manier“: Zelte, die an gespannten Tauen oder abgehakten Ästen stehenden Pferde, das Durcheinander der Wagen, von denen die illegitimen (die hiesige Staffel nennt sie „Wirtschaftswagen“) bald ebenso zahlreich sind wie die legitimen vierundzwanzig Munitionswagen.

Mit Leutnant Schrader (Hannover), der nun auch mit seiner Armierungskompagnie hierher ins Grüne gezogen ist, als anhänglicher Nachbar, bespreche ich unter der Zeltbahn, wie hübsch es doch jetzt hier im Sommer, wie übel es doch im Winter sein wird, da springt der lange Geppert durch die Büsche. „Suchen Sie mich?“ „ja, die Kolonne kommt weg, Herr Oberleutnant!“ –

Also wieder anders als man denkt. Nach dem rückwärtigen Dorf Vaudoncourt, ins Quartier einer Etappenkolonne. Da können in warmen Ställen die Pferde sich wieder von den Nächten im Freien erholen, und den Leuten[,] die seit zehn Monaten kaum noch in richtigen Häusern gelegen haben, ist der Wechsel erst recht zu gönnen.

Am 21.8[.] rückt die Kolonne ins Dorf.

Am23. Die Nachricht, dass der Gefreite Buecher der Verwundung, die er im Frankfurter Lager erhielt, erlegen ist. Ich hielt seinen Beinschuss, als ich ihm den Notverband anlegte, nicht für lebensgefährlich; es sei Gasbrand hinzugetreten, teilte mit der Chefarzt mit. Er war schon beerdigt, ich veranstalte noch eine Gedenkfeier an seinem Grabe.

Die Nacht vom 23. u. vom 24[.] hat die Kolonne keine Munition gefahren.

Der Douaumont und das ganze nördliche Stück der côte, das wir hier vor uns haben, raucht wieder von hunderten von Rauch- und Dreckwolken, wie nur je in diesen drei Jahren.

Am 25. abends trete ich den „3“tägigen „Etappen“Urlaub nach Graudenz an.

Nachtfahrt über Metz-Köln nach Hannover, wo ich meine Liese abends um 6 Uhr am Bahnhof abfange. Abends Berlin, am andern Morgen nach Graudenz. Am 28. wird der grosste Teil der Wohnungseinrichtung verpackt, am 29 früh hält der Möbelwagen vor der Tür, der schon mittags vollbeladen und knirschend losfahren kann. Noch ein zweiter Bahnwagen ist nötig, doch können wir abends die Rückreise antreten im Schlafwagen nach Berlin.

Ein Tag an der Spree, in der üblichen Zeitausnutzung! Die Aushungerung der Reichshauptstadt ist sichtlich vorgeschritten. In den Centralmarkthallen ist zwar noch das Massenangebot an Saisongemüsen, vor allem an Kürbissen, aber wenn man dann dem Schloss zugeht, sieht man schon eine sehr grosse Zahl geschlossener Läden. Auch Cigarrenhändler haben keine Ware mehr. Die eleganten Restaurants, wie Hiller, Kannenberg, geschlossen, aber auch billige Betriebe wie das Linden-Restaurant. Am wenigsten berührt von der Zeiten Knappheit scheint das Theaterleben: eine Aufführung der „Toten Augen“ im Charlottenburger Opernhaus war eine Meisterleistung.

Über Hannover, wo am Bahnhof meine Jungen stehn und winken, über Düsseldorf, wo mich die Geschwister begrüssen, geht die unerbittliche Weiterfahrt nach Diedenhofen und Longyon [Longuyon], wo ich um 4 Uhr nachts das Wägelchen erkletterte.

5. Sept. 17. Seit gestern abend rollt der Geschützdonner wieder ununterbrochen, befindet sich der nie (endenden) schweigende Artilleriekampf nördlich Verdun in einem Siedezustand, der durch hunderte von neu eingesetzten Kanonen verstärkt ist. Durch die Dorfstrasse werden 15 cm Landrohrgeschütze von hochräderigen Traktoren geschleppt, und die Soldaten bestaunen das mächtige Rohr. Nachts rasseln 21 cm Mörser vorbei, Richtung nordwärts. Hier in Vaudoncourt ist ein Bataillon des neu ausgestatteten Fussartillerie Regiments 25 einquartiert, die mit 10 cm Langrohren schiessen. Die Wiesen und die ungeheuren Waldflächen der vorderen Zone bedecken sich mit schwarzen Erdlöchern, kleinen und grossen; weiter vorn ist an einigen Stellen der Boden von neuem derartig zerpflügt, dass man die breite Strasse nicht mehr wahrnimmt und wie zerfetzte Besenstiele ragen die einst prachtvollen Eichen der Woewre [Woëvre]-Forsten auf. Und alles, um – in günstigstem Falle – einen schmalen Streifen nördlich Verdun hinzuzugewinnen, der strategisch auch (nichts) keine Bedeutung bekommen kann. Oder nein, nicht deshalb;- sondern um Kräfte des Gegners zu fesseln oder, noch richtiger, um Verpflichtungen gegenüber den Bundesgenossen zu erfüllen, das eine als Kriegsaufgabe noch steriler wie was andere.

Bei den Kämpfen nördlich Verdun hatten die Franzosen sehr greifbare militärische Ziele: im September 16 wie im December wollten sie der noch bedrohten Festung Luft machen – die Zwecke sind heute erreicht; der Stoss würde, auch wenn es gelänge, an dieser Stelle ins Leere gehen. Ihre Berechtigung können die Operationen nur darin beim französischen Generalstab gefunden haben, dass hier das Anpacken, zumal die artilleristische Arbeit, unter günstigen Bedingungen für sie erfolgt.

9. 10. Sept. Angriffe an der Strasse von Samognieux [Samogneux] – Bezonvaux im Chaumewald und gegen den Ornesrücken; mit geringen örtlichen Vorteilen der Franzosen. Auch die Gefangenen-Zahl kann sich mit der bei früheren Aktionen dieses Stils nicht messen.

Die Kolonne fährt 4 Nächte nacheinander Munition, gleichzeitig spielt der Schlussakt der Räudekomödie.

Infolge der mehrfachen Quartierverschiebungen hatte die Person des behandelnden Veterinärs, d.h. desjenigen, der sich um die Pferde so einer für sich gestellten Kolonne wirklich mal kümmert, vier-fünfmal gewechselt und das Brandmal der Säuche, das die Pferde in keine Stallungen hereinlässt, haftete ihnen noch an. Wie es stand, nämlich dass es gut stand, wusste ich ja durch die treuen und sachgemäßen Beobachtungen des Futtermeisters. Die Stabsveterinäre, denen die Kolonne unterstand, begnügten sich von Anfang an mit Weitergeben der eingehenden Meldungen. Angesehen hat die Rösser in den vier Monaten weder der Staffelveterinär obschon er mich zum Kaffee aufsuchte, noch der Divisionsveterinär. Da begab es sich, dass ein neuer Korpsveterinär am Horizont auftauchte, und da – kam der Divisionsveterinär. Er kam dann zwei Tage später wieder mit, als der neue Herr die Pferde durchsah. Und zeigte ihm „seine Pferde“. „Nur Bisswunden, die Schrammen da am Halse, ich kenne das Pferd seit langem.“ Der vorführende Fahrer starrte ihn an. „Na, die Pferde können also wieder in die Ställe, die stehen doch seit acht Wochen leer?“ Natürlich waren sie nach unserm Herausziehen und nach einer sogenannten Desinfektion mit Weisskalk von andern Truppen bezogen. „Jawohl, das heisst (da der Herr Miene machte, zu den Dorfstallungen herüberzugehen) ein Raum ist wegen des Quartiermangels nach gründlicher Desinfektion wieder bezogen – „So? ja aber das ist gänzlich unzulässig. Da werden wir doch eine Meldung schreiben.“ „Ja, gewisse, ganz unzulässig“, pflichtet der Divisionsveterinär bei, „na darf ich wohl schon entsprechend melden?“ Ich atmete beruhigt auf.

13. Das starke Feuer in unserm Abschnitt hat nachgelassen.

Am 14.9.1917 führe ich wieder Munitionstransport, da es ein etwas windiger Auftrag ist, nämlich einen vorgeschobenen Geschütz bei Maucourt 600 Schuss Langgranaten zu bringen. Ich richtete mich so ein, dass ich im Morgendämmern nach vorn kam, nicht nachts wie bisher. Denn es ist die letzten Tage gegen Morgen ruhig, der Morgendunst hindert jede Sicht und das Zurechtfinden ist wesentlich leichter. Es ging auch anfangs gut, ich rückte 3 Uhr nachts ab und wir kamen unbeschossen bei glücklicherweise sehr schlechtem Wetter nach vorn. Da ging plötzlich das wilde Orchester einer allgemeinen Feuerüberfalles unserer Batterien los, meine Hildegard hält erfahrungsgemäß das Maul solange wir so schiessen. An dem Förderbahngleise, das vom Parisauxwald aus vor führt, entlang ging ich vor, um ein paar Loren aufzutreiben. Ich bettelte mir zwei zusammen bei einem in seiner Betonhöhle schlafenden Batterieoffizier. Als die inzwischen herangekommenen sechs Kutschen die vollen Körbe aufgeladen hatten, wurde Japs und ein zweites starkes Pferd vorgespannt und nach mehreren Zerreissungen der sehr primitiven Kuppelungen rollten die überschwer beladenen Loren langsam los. Wir waren glücklich durch alte Stacheldrahtverhaue und neue Granatlöcher ein ziemliches Stück im Walde vorgekommen, da stossen wir auf vier grosse mit Mörsermunition beladene Loren auf dem Gleise. Die wurden in unserm Schweiss mit vorgeschleppt bis zu einer Weiche, da – sprang der vordere Wagen aus den Gleisen und begann prompt in den Schlamm zu sinken. Neue Loren auftreiben! Ich fand sie erst, als ich bis zum vorgeschobenen Geschütz vorausgetrabt war. Dann wurde umgepackt und gegen 10 Uhr hatten wir endlich die Last an Ort und Stelle.

Den Nachmittag und Abends ein rieselnder Regen, dass man die Behaglichkeit französischer Kamine wieder in Gang bringt – zum Abschiednehmen just das rechte Wetter. Und der Abschied kommt wie immer, wenn man ihn nicht erwartet. Divisionsbefehl: Kolonne 212 an 13. Res. Div. abgegeben. Der Schmerz ist nicht gross.

Sonntag 16. Sept. rückt der Wandercirkus ab. Ins Dorf St. Laurent [Saint-Laurent-sur-Othain] fünfzehn Kilometer nördlich. Also nicht in Ruhe, denn hier, im Ornessektor, ist der Kampfzustand noch heisser. Schon am Abend des Tages wo die Kolonne mit müden Pferden eingerückt ist, ehe ich mich noch bei der Division gemeldet hatte, (was ich geflissentlich hinausschob) findet mich ein Bote auf mit dem Befehl, sofort Munition zu fahren. „Und warum die Kolonne nicht schon gestern angekommen.“

Während wir uns in dem selbst für uns abgehärtete Krieger über die Maßen schmierigen Dorf, in höchst dürftigen Quartieren einzurichten suchten, wird auch die zweite Nacht Munition gefahren. Ein Pferd fällt vor Entkräftung um und bleibt auf der Stelle liegen. Die Unsauberkeit sowie die Möglichkeit beiden neuen Vorgesetzten einen Urlaub zu bekommen, veranlasst mich, sogleich Urlaub bei der Division einzureichen, der genehmigt wird und trotz der Schwierigkeiten die am letzten Tag entstehen, am 20. mittags angetreten wird. Über Loingyon [Longuyon] nach Düsseldorf, dann Bachstedt und Hoppenstedt.

Am 6/10 abends 6 Uhr fahre ich in Düsseldorf wieder los, wo mich noch die Nachricht erreicht hat, dass die Kolonne wieder verlegt ist, in den Wald. In den Wald, das heisst bei dem herrschenden kalten Regenwetter in unergründlichen Lehmschlamm, zwischen umgehackte welkende Sträucher und Dreckhaufen. So malte ich mirs aus, während das Auge zum letzten Mal über das blinkende Silbergeschirr auf dem glänzend polierten Eichenholz glitt, daheim bei den zwölf Aposteln…..

Am 7.10 fand ich die Kolonne in einem trostlosen Zustand, seit 10 tagen im nassen Wald stehend, dabei angestrengt Nacht für Nacht Munition fahrend. Jeden tag ungefähr geht ein Pferd, im Schlamm liegend, vor Entkräftung ein. Und die übrigen unersetzlichen Tiere kaum wieder zu erkennen. Die Mannschaften haben als einziges Unterkommen die am Boden gespannten Zeltbahnen, die jeden Tag durchregnen. Dabei hat sich nur einer erst krank gemeldet – und alle schaffen um die Wette. Als ich mich in der dürftigen Bretterbude für den Rest der Nacht hinlegte und durch die Wand, auf gut badisch die halblaure Unterhaltung hörte: „Die ganz Kolonn´ ist doch froh, dass e widde do is.“ Da fühlte ich mich trotz allem behaglich.

10 Oktober Strapatzen und ertragendes Heldentum dieser Tage übertrifft alles, was die Kolonne bisher geleistet und geduldet hat. Der nasskalte Schlamm auf den Waldwegen wird jeden Tag unergründlicher, wenn mal ein Vorgesetzter – der Staffelmajor oder der Gruppenstaffelmajor – herkommt um sich den Zustand der Pferde anzusehen bleibt er auf dem ersten besten Rasenstück oder Baumstumpf stehen, lässt sich die Pferde, soweit sie noch bewegungsfähig sind, heranführen, und watet dann schleunigst zu einem Auto zurück. Dabei fährt die Kolonne jede Nacht Munition mit allen Pferden, die sich noch anspannen lassen. Führer sind wechselnd Vizewachtmeister Müller und Strittmatter. Der Franzose schiesst nicht mehr seit seine Angriffskämpfe nach den geringen örtlichen Erfolgen zum Stehen gekommen sind.

Gestern 12 Gespanne zu 4, mit Kastenwagen einer benachbarten Kolonne 700 Schuss Haubitzenmunition.

Nacht 12.-13. müssen sämmtliche noch zugkräftigen Pferde zweimal fahren; es brechen wieder fünf zusammen. „Da liegt Kriegsanleihe“ meint ein Fahrer halblaut, auf einen der verschlammten Kadaver hinweisend, da ja augenblicklich wieder die Trommel der Anleihe-Werbung unter den Soldaten gerührt wird. Übrigens, zu uns in den Schlamm kommt keiner der Werbeoffiziere heraus!

Die Inferiorität unserer Sozialdemokratie gegenüber der französischen – zeigt sich in diesen Tagen mit besonderer Schärfe und als ein entscheidender Kriegsfaktor gegen uns. Drüben fasst der Parteitag den Entschluss, die Kriegsführung mit allen Mitteln zu unterstützen – in unserm Reichstag das Platzen einer Stinkbombe. Abgeordnete der äussersten Linken treten beschönigend, beinah lobend ein für einen standrechtlich erschossenen Hochverräter –

Die Nadel eine Goya fände reichlich Anregung, meine heruntergekommenen Pferde hängend, schwanend zwischen den hervorstehenden Hüftknochen, festzuhalten. Und die Kadaver erst mit langen Halsen und verdrehten Beinen, wenn sie schlammtriefend wie ertränkte Mäuse, auf die Karre hoch gehoben werden.

Am 15. abends bzw. 16 früh kam der Munitionsauftrag nicht ausgeführt werden – die schon unterwegs zusammengebrochenen Gäule kommen den Steilhang zur Batteriestellung nicht mehr hoch – Meldung.

Nun endlich giebt es Ruhe für die Kolonne; es verbreitet sich das Gerücht – und bestätigt sich am 18. durch Befehl – dass die Kolonne wegkommt. Zwar hört da mit das Sterben noch nicht sofort auf unter den Gäulen – man hatte ihnen zuviel zugemutet von dieser übertriebenen Räudequarantäne an – aber – es ist doch ein Ende da!

Die Kolonne kommt nach Mercy-le-bas, irgend einem der Dörfchen im weiteren Umkreis um den für uns imaginären Mittelpunkt Verdun, um die ich nun seit 21 Monaten mit kurzen Unterbrechungen pendele. Von dem weiter nichts zu verzeichnen ist, als dass es an der malerischen gewundenen Talgrund eines Baches liegt, und nicht ganz so zerstört ist wie die Dörfer weiter hinten seit dem August 1914. Die Bauernhäuser reihen sich, mit den flachen Giebeln zusammenstossend, in einer Strasse; Aborte: Fehlanzeige.

Der Umzug muss wegen der völligen Erschöpfung der Pferde in zwei Teilen erfolgen, nachdem die wertvolleren Bagagewagen und eine Sektion der Munitionswagen den 30 km weiten Weg befördert sind, müssen die überhaupt noch etwas zugkräftigen Pferde 2 Tage Ruhe haben, ehe sie den Rest holen.

Am 23.10.1917 reite ich nach Gorcy, um mich bei der Etappenstaffel zu melden. Bei einem Regen, wie sich dessen die bekannten allerältesten Leute der ganzen Gegend nicht entsinnen können, müssen Agnes u. der Cosak laufen, was sie können.

Am 24.-25. Heimliche Fahrt nach R´desheim [vermutlich Rüdesheim]

26.10[.] Bei Tolmein haben wir über 10.000 Italiener gefangen genommen, am Chemin des Dames nach französischen Angaben, an achttausend der Unsern eingebüsst. Ich wünschte aber, wir hätten die Maccaronis nicht und hätten die Unsern noch. Hätten die Divisionen, die wir den Lakel´n [sic!] von Bundesbrüdern an die Seite stellen mussten, weil sie sonst vor lauter Kriegsunlust unter jeder Bedingung Frieden machen würden, dort mit einsetzen können.

30.10. Zum Korpsintendanten mit ein paar kleinen Wünschen, eine Waage, die für die genaue Zumessung der Marketenderwaren so erwünscht ist, Lederfett, das die Fahrer für das hartgewordene Geschirr dringend gebrauchen. Abends zum ersten Mal geflogen; über die herbstbraunen Wälder, über Flächen, durchzogen von graden hellen Linien der Strassen und über die Talschluchten; da glänzt in der Abendsonne die Maaß mit ihren Windungen, (scheinbar) gar nicht so fern. Von den Maaßhöhen hebt sich nichts ab. Eine Wendung nach Norden, und nach einigen Minuten, auf ein Zeichen von mir, senkt der Führer den Vogel. –

Die zerstörten Dörfer, die hier überall herum sind, und deren farbig schimmernde Bruchsteintrümmer nun, im vierten Kriegsjahr, schon zu überwachsen beginnen, erinnern mich an die Erzählung eines bayrischen Rittmeisters, wie er 1914 um sein Gepäck kam. Er hatte mit seiner Magazin-Fuhrpark-Kolonne beim Einmarsch in einem neuen Quartier bezogen, da schiesst abends ein Soldat auf eine Gans. Aus verschiedenen Fenstern erschallt sogleich er Ruf: „Ohnzinde, Ohnzinde!“ und im Nu stand das Nest in Flammen, und er konnte nicht mal mehr seine Sachen aus seinem Quartier holen.

Das abgetrieben Aussehen der Pferde hat sich nach wenig gebessert, dafür sind die Haferrationen, jetzt 3,5 kg für die Mehrzahl meiner Pferde, zu gering. Noch heute ist einer eingegangen an Entkräftung. Das bischen Gras, das jetzt noch auf den Weiden wächst, das wenige vertrocknete Kummt und Spreu von der Dreschmaschine, das treue Fahrer für ihre Tiere zusammenschleppen, ändert daran nichts.

1.11.1917. Eben bummert es wieder drüben an der Front, den klaren Tag werden die Franzmänner anwenden, um die Vaux-Kreuz-Höhe wiederzuholen zu versuchen, die ihnen die Garde-Ersatz Division vor ein paar Tagen abgenommen hat. Und für so eine Geländewelle nördlich von Verdun, die schon zehnmal hin und her gegangen ist, und aus ein paar Granattrichtern und Baumfetzen besteht, wird mehr Munition herangefahren und mehr Blut unserer besten Jahrgänge verspritzt, wie da unten in Friaul augenblicklich nötig ist, um eine Armee zu klappen. Das ist das deprimierend öde an den Kämpfen hier.

6.11. Habe mich nach dem ital. Kriegsschauplatz gemeldet und dabei meine Sprach- und sonstigen Kenntnisse nicht untern Scheffel gestellt; ein Besuch in Montmédy beim A.O.K., Nachrichtenoffizier, veranlasste das Gesuch an die Dolmetscherschule, gleichzeitig ein paar Zeilen an Hollender contra seinen Schwager Roepell, der seit Langem da unten arbeiten soll. Vom Nachrichtenoffizier werde ich dann noch aufgefordert zur Einreichung von Lebenslauf und ärztl. Zeugnis, der der hiesige Ortsarzt auf „G.V. Feld“ ausstellt. –

Inzwischen wickelt sich eintönig das Grau der Novemberlagen ab. Die Ruhezeit der Kolonne wird durch Apells u. Instandsetzungsarbeiten kaum unterbrochen.

9.11. Zu Ehren von Sankt Hubertus setze ich einen Morgengalopp durch den herbstlichen Wald an, für die paar nicht abgematteten Reitpferde. Loos, die Wachtmeister, Köhler. Durch Schlängelpfade, dann steil hinab in den Grund den Forellenbach durchwatet, wieder bergan, bergab und zum Schluss Attake auf eine Hammelherde. Abends ein festliches Essen mit den Ortskommandanten. – Selbst frische Zeitungen sind in dieser weltabgelegenen Untätigkeit nicht zu erlangen – u. wenn man Nachrichten bekommt – von dem grossartigen Vorwärts in Italien, von dem Hexenkessel in Russland – dann wecken sie Ärger, dass man hier festgebannt sitzt und sitzt…

11.11. In Montmédy frage ich telefonisch bei Gosewisch „ja Sie könnten heute in Italien sein mit Ihrer Kolonne“, wenn ja wenn Herr Oberlt. von W. nicht gesagt hätte, das geht nicht, ich habe Herrn V. eingegeben…. Ich war platt. „Aber Si haben mir doch selbst gesagt, Ihre Kolonne kommt nicht in Frage.“ „Hat sich hinterher geändert…“

Ja, wenn man eine unglückliche Hand hat! Nun werde ich wohl noch eine Weile Bizique spielen und Hühner füttern können. Die Pferde – es sind noch 80 von 143 da, und 23 befinden sich in Lazaretten – die Pferde wieder hochzubringen, ist bei dem knappen Hafer fast ausgeschlossen.

Major Coing ist in Flandern gefallen – und noch ein paar der besten jungen Offiziere.

Januar 10, 2021
von Jens Winter
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Kriegstagebuch von Georg Wilhelm Schmedes aus dem Jahr 1866

Georg Wilhelm Schmedes wurde am 23. Mai 1831 in Homberg (Kurhessen) geboren. Sein Vater war Hauptmann Christian Friedrich Schmedes (7. Januar 1794 – 12. Mai 1858), seine Mutter Louise Friederike Wilhelmine Schmedes, geb. Lichtenberger (1800 –  18??).  Zusammen hatten sie sieben Kinder:

  • Heinrich Julius (1828-1891)
  • Carl Theodore (1829-1892)
  • Georg Wilhelm (1831-1898)
  • Caroline (1833-1915)
  • Heinrich Caspar Otto (1835-1915)
  • Friederike Marie Eleonore (1837-1900)
  • Friedrich Eberhard (1840-)

Georg Wilhelm war der dritte Sohn. Bis zum 10. Lebensjahr wurde er im elterlichen Hause in Fulda erzogen. Sein Vater war dort als Stiftssyndicus Mitglied des Stadtrates und auch im Schulvorstand der Stadt Fulda.  Von 1841 bis 1846 besuchte Georg Wilhelm das Gymnasium in Fulda. Von 1846 bis 1849 war er dann im Kadetten-Korps in Kassel. Am 8. Juni 1948 wurde er Portepeefähnrich in der Kurhessischen Artillerie. Seine weitere militärische Laufbahn beschreibt er selbst in seinem Lebenslauf.

Am 4. Oktober 1865 heiratete Georg Wilhelm Schmedes (34) seine Frau Stephanie Rudolphine Emilie Schmedes, geb. Beninga-Kettler (26).  Sie wurde am 9. Sep 1839 in Emden geboren, die jüngste Tochter des Oberamtsdirektors Stephan Rudolph Emilius Beninga-Kettler (1802-1875) und der Charlotte Louise Reimers (1803-1866).

Georg Wilhelm und Stephanie hatten vier Kinder, von denen bisher nur wenige Informationen bekannt sind.

  1. Die Tochter Anna Friedrike Auguste Schmedes wurde am 2. September 1868 in Thorn geboren und verstarb am 2. Januar 1878 in Königsberg.
  2. Der Sohn Heinrich Julius Eberhard Schmedes wurde am 1. Dez. 1869 in Thorn geboren. Er heiratete am 22 Juni 1900 die Frieda Ottilie Pauline Wagner in Diedenhofen, Elsass-Lothringen und verstarb am 18. Juli 1955 in Kassel. Er war Generalleutnant a.D..
  3. Der Sohn Karl Eberhard Adalbert Schmedes wurde am 10. Juli 1872 in Posen geboren und verstarb am 21. Nov. 1945 in Berlin-Dahlem. Er war Reichsbahnpräsident i.R..
  4. Die Tochter Louise Julie Caroline Schmedes wurde am 28. September 1879 in Königsberg geboren und am 9. Dez 1879 vom Militärpfarrer in Cöln getauft. Sie starb am 6. Nov 1880 in Cöln an Krämpfen.

Georg Wilhelm Schmedes verstarb am 28. Mai 1898 in Hannover an Darmkrebs. Zuletzt wohnte er mit seiner Frau in der Hartwigstr. 1. Er wurde 67 Jahre 5 Tage alt und wurde am 31. Mai 1898 auf dem Stadtfriedhof in Hannover beerdigt.

Militärischer Werdegang von Georg Wilhelm Schmedes

Frühere Verhältnisse

1831 den 23ten Mai geboren

Erziehung im elterlichen Hause bis zum 10ten Lebensjahre, von 1841 bis 1846 ins Gymnasium in Fulda, von 1846 den 1ten Juni bis 1849 den 8ten Juni im Kadetten-Korps zu Cassel.

1849 den 8ten Juni Portepeefähnrich in der Kurhessischen Artillerie. Vereidigt am selben Tage.

1849 den 12ten October zum Second-Lieutenant befördert[.] Patent vom 13ten October 1849.

1856 den 30ten September zum Premier-Lieutenant befördert[.] Patent vom 5. October 1856.

1866 den 30ten October zum Hauptmann in der 5ten Artillerie-Brigade ernannt. Patent vom 30ten Octobr. 1866. H.

Vereidigt bei der Uebernahme in den Preußischen Dienst im Monat October 1866.

Kommendes

1854 den 27ten April bis 1856 den 30ten September in der Kurhessischen Pionier-Kompagnie.

1856 bis 1859 nacheinander:

Führer der Kurhessischen Train-Abtheilung Vertreter des Vorstandes der Kurhessischen Artillerie. Werkstätten- und Feuerwerks-Lieutenant.

1861 den 17ten März bis October 1866 Regiments-Adjutant der Kurhessischen Artillerie.

1868 2 Kursus zum Besuch der Artillerieschießschule.

Feldzüge, Belagerungen[,] Schlachten und Gefechte

1866 Feldzug in Südwest-Deutschland. Doppelt zu nehmen.

1870/71 Feldzug gegen Frankreich.

70 u. 71 doppelt zu nehmen

1. Belagerungen

Cernierung von Paris vom 19ten September 1870 bis 29[.] Januar 1871.

2. Schlachten

Schlacht bei Wörth am 6ten August 1870

Schlacht bei Sedan am 1ten September

Schlacht unter dem Mont Valerion am 19. Januar 1871

3. Treffen

4. Gefechte

Gefecht bei Weißenburg am 4ten August 1870

Gefecht bei Sonne und Beaumont am 30ten August 1870

Gefecht bei Ricôtre am 19ten September 1870

Gefecht bei Malmaison am 21. October 1870

In preußischen Diensten

1866 30 Oct. Hauptmann in der 5. Art. Brigade Patent H.

1867 22 Aug. zum Kompagnie resp. Batteriechef 5. Art. Brigade.

1872 26. Oct. In das Niederschlesische Fuß. Art. Regiment Nr. 5 versetzt.

1874 9. Juni zum Major im Ostpreuß. Fuß. Artillerie Regiment Nr. 1 Patent C. Durch Verfügung der General-Inspection der Art. Vom 14/6 74 zum Kommandeur des 2. Bataillons ernannt.

1879 den 16. September unter Stellung à la suite des Regiments zum 1. Art. Offizier von Elch in Coeln ernannt.

1881 den 10. März mit der Führung des Ostpreuß. Fuß. Artillerie Regiments Nr. 1 beauftragt.

1881 den 22. März zum Regiments-Kommandeur ernannt.

1881 den 16. Sept. zum Oberlieutenant Patent C. e.

1882 den 11. Juli mit Pension aus seiner bisherigen Uniform zur Disposition gestellt.

Revidirt u. richtig befunden den 15/4 86 Schmedes

Kriegstagebuch von Georg Wilhelm Schmedes von 1866

Das Kriegstagebuch wird vom Folgenden buchstabengetreu wiedergegeben. Unleserliche Worte werden mit eckigen Klammern markiert, ebenso wie Ergänzungen.

Das Besondere an dem Tagebuch ist die genaue Beschreibung der militärischen Bewegungen während des Mainfeldzuges 1866. Schmedes war damals Offizier in der Kurhessischen Artillerie. Persönliche Bemerkungen oder Gefühle sind dagegen nicht niedergeschrieben. Schmedes ging es rein um die Darstellung des militärischen Geschehens.

Erste Seite des Kriegstagebuches von Georg Wilhelm Schmedes über den Mainfeldzug 1866

Tagebuch [1866]

16. Juni

Früh 2 Uhr wurde das Regiment das auch daß zum Ordreempfang befohlen war und das Gerücht sich verbreitet, daß die Garnison ausmarschieren solle, alarmiert. Die Ordreempfänger kehrten früh 6 Uhr zurück, ohne daß etwas bestimmtes war. Um 11 Uhr theilte der Herr General von Cochenhausen mit, Preußen habe an Hessen den Krieg erklärt, des Regiment solle sich zum Abmarsch parat halten, dasselbe solle in 2 Kolonnen, die eine zum Leipziger Thor, die andere zum Frankfurter Thor hinaus, ausgeführt werden, es sollten 2 Munitionswagen mit Munition für glatte Geschütze und 1 solches mit Munition für gezogene Geschütze mitgeführt werden. Die Train-Abtheilung war bereits mit Fuhren für die Pionier Komp. beschäftigt, es wurden also die Reservepferde der Batterie verwendet, um die Munition von dem Pulvermagazin zu holen. Hierauf wurde vom Kh. Kriegs-Ministerium angeordnet so viel Munition zu empfangen als zur Hebung sämmtlicher Protzen erforderlich sei, da erstes Kommando schon abmarschiert war, so gelangte der Befehl nunmehr 2 Wagen gezogene Munition und 3 Wagen glatte Munition zu empfangen nicht mehr in die Hände des mit ersterem Kommando beauftragten Oberfeuerwerker Türk. Kaum war letzterer Befehl übergeben, so kam ein weiterer Kriegsm. Beschluß der die Mitnahme von 5 Munitionswagen per Batterie und mehr, Befehl, da die Batterien marschiert bleiben sollten, so konnten zur Ausführung dieses Befehls nur sehr beschränkte Mittel an Pferden und Mannschaften verwandt werden, die Batterien schickten ihnen Mittelpferde zu diesem Munitionsempfang aus, um nöthigenfalls nach mit einer Bespannung zu 4en abmarschieren zu können. Der 12 Pfd. Batterie wurde aufgegeben einen Kasten-Wagen und einen Gepäckwagen zu empfangen und zu bespannen; die Train-Abtheilung erhielt die Auflage 4 [Feurgins?] zu empfangen und zu bespannen und die Kriegskasse zu transportieren. Gegen 1 Uhr kam die Genehmigung Kurh. Kriegs-Min. Transportmittel von den Hausgemeinden requirieren zu dürfen.

Hiernach kam der Kriegsm. Befehl die gezogenen 4 Pfd. Geschütze nebst Munitionswagen, sowie die 4 gez. 6 Pfd. Res. Geschütze, deren Rohre auf dem Waffensaal des Zeughauses hinterlegt waren mitzuführen, die Mitnahme wurde angeordnet, die Requisition wegen der Pferde erlassen. Hiernach gegen ½ 3 Uhr kam noch ein weiterer Kriegsm. Befehl der die Mitnahme von sämmtlichen zu einer Mobilmachung erforderlichen Ausrüstungs-Montirungs-Stücke und Waffen p.p. anordnete, dieser Befehl wurde den Abtheilungen mitgetheilt, konnte aber nicht ausgeführt werden, da um 3 Uhr der Befehl anlangte, das Regiment solle sich alsbald vorbereiten und binnen einer Stunde mit der Eisenbahn nach Bebra befördert zu werden, hierauf wurden von den Batterien alle Kommandos eingezogen und mit dem Transport der Batterien sowie der bis dahin empfangenen Geschütze und Wagen nach dem Bahnhof begonnen. Nach 4 Uhr begann die Verladung der Pferde p.p. in die Eisenbahnwagen, bei welcher Gelegenheit Major Bauer von einem Pferd vor den Kopf geschlagen und nach seiner Wohnung zurückgefahren wurde. Um 9 Uhr ging der 1te Zug unter Kommando des Oberleut. v. Dumen nach Hersfeld ab, woselbst er um 12 Uhr einlief, das Ausladen dauerte dort mit provisorischen Einrichtungen sofort vorgenommen und war binnen 2 Stunden beendigt[.]

Den 17. Juni

Um 7 Uhr früh traf der 2te Zug mit dem Rest des Regiments in Hersfeld ein. Von hier aus wurde an den Feuerwerker Helm der Befehl ertheilt, sämmtliche stehen gebliebenen Wachen einzuziehen und mit sämmtlichen noch in Cassel befindlichen Leuten des Regiments alsbald über Hersfeld zu folgen. Die Verhältnisse im Regiment wurden durch Regiments-Ordre geordnet. – Der seitherige Kommandierende des Armee-Korps Generallieutenant Prinz Friedrich Wilhelm von Hessen wurde durch Allerhöchste Ordre von dieser Stelle entbunden und dieselbe dem bisherigen Kommandanten von Cassel Generalmajor von Schenk übertragen.

Um ½ 1 Uhr Ausrücken des Regimentsstabs der 12 Pfd. und 6 Pfd. Batterie nach Hünfeld, Regimentsbefehl und 6 Pfd. Batterie nach Hünfeld, 12 Pfd. Batterie nach Rückers.

Um ½ 2 Uhr Ausrücken der Reitenden und 1. gez. Batterie unter Kommando des Oberlt. Von Numeck nach Eiterfeld; 1. gez. Bat. Quartier Eiterfeld, Reit. Sect. Quartier Leimbach.

Den 18. Juni

Die Regimenter erhielten die Auflage auf Grund der Allerhöchsten Ordre Nr. 62, welche die Mobilmachung der Armee-Division ausgesprochen, vorerst noch keine Baurleutten einzuziehen. –

Rendezvous: Vormittags 9 Uhr bei Rückers. Der Anmarsch der Preußen von Großenlüder her, war annoncirt, es wurde deshalb früh 6 Uhr Pr. Lt. Linker und Collen, so wie einige berittene Unteroffiziere zur Prognoscierung nach Großenlüder und weitere entsendet, die Truppen nehmen Stellung vor Rückers, gegen 12 Uhr wurde erst der Weitermarsch nach Fulda angetreten. Quartier Fulda: Regimentsstab, 1. gez. Batterie 6 Pd. Batterie. Quartier: Johannisberg: Reit. Batt Quartier Kohlhaus: 12 Pfd. Batterie. Munitions- und Artillerie-Kolonne Quartier Fulda[.] Auf Vorposten am Leipzigerhof wurde 1 Zug Artillerie aufgestellt.

Den 19. Juni

Ruhetag in Fulda. Die Artillerie-Kolonne marschierte nach Hanau weiter.

Den 20. Juni

Rendezvous Vormittag 9 ½ Uhr am Löscheröder Wirthhaus südlich Bronzell. Die Kavallerie marschierte mit der Reit. Batterie über Bierstein nach Hanau. Quartiere: Regimentsstab, 12 Pfd. Und 1. gez. Batterie nach Schlüchtern, 6 Pfd. Batterie nach Niederzell.

Den 21. Juni

Rendezvous: Vormittag 8 Uhr jenseits Steinau auf der Straße. Quartiere: Regimentsstab, 12 Pfd. Und 1. gez. Batterie Gelnhausen, 6 Pfd. Batterie Meerholz.

Den 22. Juni.

Rendezvous: Vormittags 8 Uhr auf der Frankfurter Straße zwischen Rothenbergen und Langenselbold. Quartiere: Regimentsstab und 1. gez. Batterie nach Hanau, Reit. Batterie nach Bruchköbel, 6 Pfd. Batterie nach Langendiebach, 12 Pfd. Batterie nach Mittelbuchen. – Mit am Einrücken der Truppen in und um Hanau ging des Kommando über dieselben von Generalmajor von Schenk an den Generalmajor von Loßberg über. –

Den 23. Juni.

Die zur Pionier-Kompagnie commentirt gewesenen Infanterie-Mannschaften kehren zum Dienst in ihre Bataillone zurück. Eine Ordre de Bataille wurde ausgegeben.

Den 24. Juni.

Es findet folgende Dislocation statt

Reit. Batterie Hochstadt

12 Pfd. Batterie Windecken

1 gez. Batterie blieb in Hanau

6 Pfd. Batterie Bruchkobel

Es wurden Bestimmungen über den ärztlichen Dienst in den [?ments], Einrichtung von Krankenstube, Füllung der Feldapotheken, Herbeischaffung von Verbandszeug p.p. gegeben.

Den 25. Juni.

Hptmann Zwirnemann u. Pr. Lieutenant Collet wurden zur Dienstleistung zum Kommando der Armee-Division commentirt, das Kommando der 6 Pfd. Batterie übernahm Pr. Lieut. Hicker, das der Train Abtheilung und des Munitionsparks Pr. Lieutenant Hormann. Eingang von Meldung von der Gefangennahme des Second Lieutenant v. Kitzoll. Der Pionier-Kompagnie, Weiterbeförderung derselben an das Kommando der Armee-Division. – Nachmittags vorher über das Nichteintreffen des Feuerwerkes Burghardt der 1. gez. Bt. Und Helm der Reit. Batterie beim Regiment. Es wurde ein Tagesbefehl ausgegeben der die Kurh. Truppen unter die Befehle des Kommandeurs des 8 Bundesarmeecorps Prinz Alexander von Hessen stellt.

Den 26. Juni.

Proclamation Sr. Königl. Hoheit des Kurfürsten an das kurhessische Volk wurde mitgetheilt. Die Verlegung der 12 Pfd. Batterie von Windecken nach Langenselbold auf den 27.c. beschlossen. Eingabe vom Lieut. Mangold über Dienstunbrauchbarkeit seines Chargenpferdes, desgln. v. Pr. Lieut. Schmedes über vorläufige Dienstunbrauchbarkeit s. Chargenpferdes, der Feuerwerker Burghardt meldete sich bei seiner Batterie zum Dienst.

Den 27. Juni.

Das Chargenpferd des Second. Lieut. Mangold wurde erschaffen. Antrag beim Commando der Armee-Division für Herr General v. Cochenhausen Pr. Lieut. Schmedes u. Sec. Lt. Mangold je 1 Pferd beschaffen zu lassen. An das Kommando des 8. Armee-Korps soll täglich ein Rapport eingegeben werden, das Kommando der Armee-Division befiehlt die Eingabe des Rapports täglich um 1 Uhr.

Den 28. Juni.

Dem Regiment wurde mitgetheilt, daß dasselbe zu 3 Batterien und zwar zu 2 gez. 6 Pfd. Batterien à 4 Geschützen und zu einer gez. 4 Pfd. Batterie zu 6 Geschützen formiert werden würde. 2 mobile Escadrons des 2ten Husaren-Regiments unter Kommando des Majors Heusinger v. Waldegg sollen sich marschbereit machen, um am 1. Juli abmarschieren zu können, der übrige Theil des Regiments fällt unter das Kommando des 1. Husaren-Regiments.

Den 29. Juni.

Vorm. 7 Uhr große Parade vor dem Kommandieren des 8 Bundes-Armee-Korps Prinz Alexander von Hessen. – Meldung vom Kommando der Pionier Komp. daß das Chargenpferd des Pr. Lieut. Bode kollerig geworden. – Es wurde durch Ordre mitgetheilt, daß die Kurhessischen Truppen nach Mainz verlegt werden sollten, um sich daselbst mobil zu machen. – Es sollen sämmtliche sich im freiwillig um Dienst meldenden Leute im Dienst behalten werden. – Ein Feldobermunitionsrat wurde commandiret.

Den 30. Juni.

Die 1. gez. Batterie wurde per Eisenbahn über Frankfurt u. Höchst nach Mainz befördert. Hr. Oberstlt. v. Ohumers schließt sich an. Die monatlichen Quartal-Eingaben sollen bis auf Weiteres unterbleiben. Ein Armeebefehl des Bundes Feldherr Pr. Karl v. Baiern wurde bekannt gemacht.

Den 1. Juli.

Mittags 1 Uhr 25. Wurden nach Mainz befördert die Artillerie-Kolonne mit den Handw. Kompagnien und der Train-Abtheilung. – Die um Langenselbold stehenden Truppen, darunter ein in Selbold stehende 12 Pfd. Batterie, wurden unter das Kommando des Obersten v. Baumbach vom 1. (Leib) Husaren Regiment gestellt. Das Obercommando über die in u. um Hanau stehenden Kurh. Truppen übernahm General v. Schenk.

Den 2. Juli.

Die ernannten Remonteankaufs Commissionen sollten das Remontegeschäft den 4. Juli beginnen, vom Artillerie-Regiment war dazu bestimmt: Lieut. von Hoppe und Regimentsthierarzt Fischer.

Um 10 Uhr wurden nach Mainz befördert die Pionier-Kompagnie mit Brückentrain, um 6 Uhr abends die in Bruchköbel centrierende 6 Pfd. Batterie. Jede Abtheilung hat 2 Eisenbahngutscheine von Hanau nach Frankfurt und von Frankfurt nach Mainz duplo auszustellen. Die Fuhrwerke mußten jedesmal 3 Stunden vor Abgang des Zuges auf dem Bahnhof parat stehen. Die Reiterei Batterie wurde nach Hanau verlegt. – Dir Premier Lieutenant Schmedes erhielt das Pferd Nr. 1509 der R. Batterie als Chargenpferd. –

General v. Schenk wurde mit der Kriegsverwaltung beauftragt, General von Cochenhausen übernahm das Commando der in und um Hanau stehenden Truppen. Es mußten Bestimmungen über die Verpflegung der Truppen in Mainz gegeben. Die 12 Pfd. Batterie wurde nach Rückingen verlegt.

Den 3. Juli.

Die Reit. Batterie marschirte mit 3 Esc. Des 1 (Leib) Husaren-Regiments Nachmittags 5 Uhr von Hanau ab nach Höchst und den folgenden Tag weiter nach Mainz. – Die 12 Pfd. Batterie wurde nach Kesselsbach verlegt. Ein Commando des Reit. Batterie in der Stärke von 4 Unteroffizieren, 26 Mann wurde unter Commando des Pr. Lieut. Lentz nach Kesselbach zur Inempfangnahme der angekauften Remontepferde verlegt.

Den 4. Juli.

Vorm. 11 Uhr wurde mit der Bahn über Aschaffenburg, Darmstadt nach Mainz befördert die 12 Pfd. Batterie und der Brigadestab[.] Ankunft in Mainz nach 6 Uhr.

Den 5. Juli.

2 Ausfallbatterien, die 1. gez. und 6 Pfd Batterie à 6 Geschützen wurden formiert, die 12 Pfd. Batterie gab die Pferde ab.

Bestimmung wurde ertheilt, daß von nun an die Gerichte nach den Gesetzen für Kriegszeiten erkennen sollte. Statt der Helme sollten von nun an für Infanterie und Artillerie die Mützen getragen werden.

Die gesammte abkömmliche Mannschaft wurde zu Armierungs-Arbeiten verwendet (145 Mann).

Den 6. Juli.

130 Mann wurden von der K. K. Artillerie Direction zu Armirungarbeiten verwandt, die Ausfallbatterien konnten deshalb nicht firmirt werden. Die Mannschaft wurde sämmtlich in Kasernen untergebracht und Menagen eingerichtet.

Den 7. Juli.

Zu Armirungsarbeiten wurden weitere 120 Mann commandirt, die Ausfallbatterien wurden deshalb noch nicht errichtet. Der 1te Transport Pferde (79) kamen von Hanau an, darunter 26 für Artillerie, 12 für Pioniere, Lieutenant von Gironcouch und Mangold erhielten die Aufsicht darüber, letztere namentlich über die der Artillerie. Von Carlsruhe kamen 2300 Geschosse für gezogene 4 Pfd. Geschütze, Hptmann Horquet hatte den Empfang, Hptmann Zwirnemann die Ausgabe und Verpackung in die 4 Pfd. Batterie zu leiten. – Es wurde berichtet, daß an das Artillerie Regiment derartige Anforderungen gestellt wurden, daß es denselben unmöglich in diesem Umfange nachkommen könne, daß außerdem noch nichts habe geschehen können um sich einigermaßen auszurüsten, daß als Regiment, zum größten Theil die hier her bestimmten Geschütze, noch gar nicht kenne, auch außerdem fast nur junge Mannschaften, die noch nie geschossen habe[n] besitze, sich unter diesen Verhältnissen noch nicht im mindesten habe für das Feld vorbereiteten können, als Festungsartillerie sei die Mannschaft ebenwohl nicht im geringsten ausgebildet.

Den 8. Juli (Sonntag).

Ein Unteroffizier der R. B. mit 20 Infanteristen wurde zum Empfang von Remontepferden nach Hanau entsendet.

Den 9. Juli.

Es wurden wieder 130 Mann zu Armierungsarbeiten commandirt. 2-6 spännige Gespanne der Reit. Batterie wurden zum Empfang von Minié-Munition nach Wiesbaden entsendet. Die 6 Pfd. Batterie sollte 4 Pfd. Munition in die 4 Pfd. Protzen und Wagen verpaken (mußte ausgesetzt werden) die 1. gez. 6 Pfd. Batterie hinterstellte ihre nicht fertig elaborirte Munition im Fort Weißenau. Die Helme wurden, da auf Befehl des Divisions-Commandos im Dienst die Dienstmützen getragen werden sollten, den Batterien p.p. abgenommen und hinterstellt. Die Commandos für Armierungsarbeiten sollen die ganze Woche fortgegeben werden, es werden commandirrt: Pr. Lt. Müller zur Armierung des Forts Hechtheim, Sec. Lieut. Breithaupt zur Armirung des Forts Zahlbach, Sec. Lieut. Scheffer zur Armirung _______________ ferner Lieut. Winter u. Callmann zu Pulvertransporten, Lieut. v. Kietzell zum von Zündnadelmunition, Pr. Lt. Fironecouch zur Train Abthlg., Lt. Mangold zur Beaufsichtigung der Remontepferde, Lt. v. Hoppe ins Hauptquartier nach Frankfurt. – Oberfeuerwerker Fricerici ging zum Revidiren von 4 Pfd. Geschoßkanonen nach Offenbach ab. 

Den 10. Juli.

Lt. Witzell wurde zur Dienstleistung zu den nach Frankfurt entsendeten Pionier. Komp. commandirt und ging heute früh dahin ab. Hauptmann von Kampfer traf von Offenbach kommend hier beim Regiment wieder ein. Es wurde die Eingabe eines Formations-Etats kaschirt auf die Organisirung von 1 Stabsoffizier mit Adjutant.

2 Batterie à 4 gez. 6 Pfd. Geschütze nebst Batterie zu 6 gez. 4 Pfd. Kanonen nebst der 1ten Munitions-Kolonne (pro Geschütz 260 Schuß) befohlen.

Den 11. Juli.

Armirungsarbeiten wie gestern. Allarm. Disposition wurde ausgegeben. 8 Mann der Train-Abtheilung wurden zur Kriegsverwaltung nach Fessenheim commandirt. Ein Laboratorium unter Leitung des Hauptmann von Stamfred zur Anfertigung von Zündnadelmunition wurde organisirt.

Den 12. Juli.

Armirungsarbeiten wie gestern, die permanente Besetzung der Forts Hechtheim, Zahlbach und Stahlberg mit in Summa 6 Unteroffizieren 62 Mann wurde von der Artillerie Division befohlen. Diesem Befehle konnte nicht nachgekommen werden, da der Befehl vom Gouvernement zur Aufstellung von 2 Ausfallbatterien fast die gesammte Mannschaft der Fußartillerie in Anspruch nimmt. Schreiben deshalb an die Festungs-Division.

Den 12. Juli.

Auf Abends ½ 11 Uhr wurde der Ausmarsch der 1. gez. Batterie mit 4 Geschützen und 1 Munitionswagen nach Nieder-Olm befohlen, wurden gegen 9 Uhr Abends wieder abbestellt.

Den 13. Juli.

Armirungsarbeiten wie gestern. Eine Proclamation des General von Loßburg – Erwiderung auf ein Aufforderung des Königl. Preuß. Generals v. Werder wurde ausgegeben. Nachmittags: Verhör über Mannschaft der Train-Abtheilung, die einen Diebstahl mit Einbruch gegen den Candinenwirth in der Hessenheimer Inf-Kaserne beschuldigt. – Es wurde vom Commandirenden des 8ten Bundes-Armee-Corps mitgetheilt, daß dasselbe der Genfer Convention beigetreten sei.

Den 14. Juli.

Armirungs-Arbeiten wie gestern. Die Besetzung der Forts Hechtsheim und Zahlbach wurde zurückgezogen[.] Lieut. Müller u. Breithaupt treten zum Dienst in ihre Batterie zurück. Lieut. Scheffer mit 2 Unteroffizieren 16 Mann zur ständigen Besetzung in Fort Stahlbach.

Den 15. Juli.

Regiments-Ordre, wonach der Formations-Etat den Batterien übergeben wird, um danach ihre Ausrüstungs-Etats aufzustellen[,] die 1. gez. Batterie bleibt 1 gez. 6 Pfd. Batterie, die 2 Pfd. Batterie wird 2. gez. 6 Pfd. Batterie, die 6 Pfd. Batterie wird 1. gez. 4 Pfd. Batterie. Das Commando der Handwerker-Kompagnie soll den Ausrüstungs-Etat für die Munitions-Kolonne aufstellen, Hptmann Zwirnemann ein Artillerie Laboratorium einrichten und Hptmann Herquet behält die Verwaltung des Munitionsparks. Zu Ausfallbatterien blieben die 1. gez. Und 6 Pfd. Batterie bestimmt, dieselben formirten indeß zu 4 Geschützen, wobei die Reiterei Batterie noch etwaigen Requisitionen entsprechen soll.

Den 16. Juli

Zu Armirungsarbeiten 2 Unteroffiziere 16 Mann und einige Artilleriehandwerker. Oberfeuerwerker Friderici, der gestern Abend von Offenbach zurückgekehrt war, meldete sich heute Morgen beim Regiment zurück, derselbe hat Offenbach verlassen müßen[,] weil die Preußen auf Offenbach vorrückten. Es wurden eine Allarm-Disposition ausgegeben für die kurhessischen Truppen, wonach die bestimmten Geschütze auf dem Schloßplatz sich aufstellen sollen.

Abends um ½ 8 Uhr kam der Befehl nun der Artillerie-Direction, daß die Citadelle mit einem Offizier Lt. Rötz 2 Unteroffizieren 20 Mann, das Gau-Thor mit einem Offizier Lt. Oder 2 Unteroffizieren 8 Mann und die Rhein Caponiere am Fisch-Thor mit einem Offizier Lt. Kietz 2 Unteroffizieren und 8 Mann ständig besetzt werden sollen[.] Die Remonten (136) wurden unter Commando des Lt. Hertz und Breithaupt nach Mombach, Tonsenheim und Weißenau verlegt.

Den 17. Juli

Zu Armirungsarbeiten. Abends 8 Uhr. Lieut. Winter, 4 Unteroffiziere und 34 Mann.  Major Bauer wurde zur Dienstleistung zum Generalmajor v. Buttlar nach Cassell commandirt. Die Reiterei Batterie erhielt den Befehl als Ausfallbatterie nach Cassell zu rücken, wurde wieder abbestellt. Der gesammte Train wurde nach Mainz gezogen und biwakirte auf dem Schloßplatz. –

Um ½ 10 Uhr erhielt die 1te. gez. Batterie den Befehl, die Eisenbahnbrücke zu besetzen, die Batterie biwakirte auf der schönen Aussicht. –

Den 18. Juli.

Armirungs Arbeiten 6 Unteroffiziere 48 Mann, Sec. Lieut. Volmar. Die Remontepferde unter Lieutenant Hentz u. Breithaupt wurden wieder nach Weißenau und Zahlbrach verlegt. Sec. Lieutenant Collmann und 4 Artillerie Unteroffiziere wurden dem Generalmajor v. Buttlar zur Verfügung gestellt. Pr. Lieutenant Rentz meldete sich krank. Lieut. Breithaupt übernahm für denselben das Commando. Die 6 Pfd. Batterie marschierte um ½ 9 Uhr nach den Rheinbrücken und biwakirte daselbst.

Den 19. Juli.

Armirungs-Arbeiten 6 Unteroffiziere 45 Mann. Major Bauer wurde zur Inspection über sämmtliche Werke der rechten Rheinuferns bestimmt. Es fielen einzelne Schüße gegen den Riebuion und sich nähernde preußische Abtheilungen. Die Remonte resp. der Artillerie überwiesene 36 Remonten wurden von der Kavallerie übernommen.

Den 20. Juli.

Armirungs-Arbeiten 1 Offizier 4 Unteroffiziere und 34 Mann. 177000 von dem Jägerbataillon in Forts Karl aufgefundenen Zündnadelpatronen wurden in die Kaserne zwischen Lamina und Felicitas geschafft. – Der Belagerungs-Zustand der Festung und des Festungs-Rayons wurden ausgesprochen. – Gegen Mittag rückten preußische Abtheilungen und Artillerie gegen Castel vor einzelne Schüße wurden abgegeben und erwidert.

Den 21. Juli.

Armirungs-Arbeiten wie gestern. 4 Gespanne der 6 Pfd. Batterie wurden zu Geschütztransporten nach Castel commandirt.

Den 22. Juli. Sonntag

186 Mann des Artillerie-Regiments gingen in der St. Johannis-Kirche zur Kommunion. – Zur ständigen Besetzung der Rheinkehl Caponiere unter Lieut. von Kitzell wurden noch weitre 4 Unteroffiziere 15 Mann commandirt. Gegen Mittag wurden von den Werken aus Castel einzelne Schüsse abgegeben. –

Den 23. Juli

Armirungs-Arbeiten Lieut. Winter 4 Unteroffiziere 34 Mann. Errichtung einer Arbeiter Kompagnie Lieut. Volmar ist dazu commandirt. Sec. Lt. Mangold wurde zum Artillerie-Division nach Castel commandirt. Pr. Lt. Hormann zur Dienstleistung in die 12 Pfd. Batterie. – Vormittags 3 Uhr die Festung allarmirt. –

Den 24. Juli.

Armirungs-Arbeiten wie gestern –

Den 25. Juli.

Fahr- und Exerzierübungen der Batterien. –

Den 26. Juli.

Wie gestern. – Es wurde mitgetheilt, daß die herz. meiningschen Truppen aus der Festung zurückgezogen werden. Das Festungs-Commando ging von dem herz. meiningschen Oberst von Bach an den Generalmajor von Loßberg über.

Den 27. Juli.

Fahr- und Exerzierübungen wie gestern.

Den 28. Juli.

Wie gestern. – Nachmittags 3 Uhr marschierten die Meiningschen Truppen über Castel ab, das Obergewehr hatten dieselben ablegen müssen. In Veranlaßung dieses Abmarsches wurde von Mittags 12 Uhr an eine 24stündige Waffenruhe mit dem vor Mainz liegenden preußischen Truppen abgeschlossen.

Den 29. Juli.

Den 30. Juli.

Exerzier-Fahr- und Reitübungen wie in der vorigen Weise. –

Den 31. Juli.

Wie gestern. –

Den 1. August.

Wie gestern.

Den 2. August

Wie gestern. Abends 5 Uhr lief die Waffenruhe auf dem rechten Rheinufer ab. Um 9 Uhr wurde der Garnison mitgetheilt, daß die Waffenruhe für beide Ufer bis auf Weiteres verlängert worden sei.

Den 3. August

Wie gestern. – Ein Artillerie Divisionsbefehl zeigt die Abberufung der großherzg. Badischen Truppen an und verfügte die Ueberlieferung der von badischer Artillerie besetzten Werke an bairische u. kurh. Artillerie.

Den 4. August.

Uebungen wie gestern. Abmarsch der großh. Badischen Artillerie.

Den 5. August Sonntag.

Den Commandierenden wurde vom General v. Hofberg mitgetheilt, daß vom Heer uns freigestellt sei in die betreffenden Heeerestheile abzumarschieren wenn die betr. Heeres-Gener. die Zurückberufung befehlen würden, da letzteres für uns nicht zu erwarten sei, so beabsichtige General v. Hofberg vorerst in Mainz zu verbleiben und das Weitere den eingeleiteten diplomatischen Verhandlungen zu überlassen. –

Den 6. August

Uebungen wie am 4. An Sec. Lt. Mangold wurde ein Chargenpferd abgegeben.

Den 7. August.

Wie gestern – Vorm. 3 Uhr Abmarsch der königl. würtembergschen Truppen. – Der Abmarsch der großh. Hessischen Truppen wurde angezeigt.

Den 8. August.

Uebungen wie gestern.

Den 9. August

Uebungsplane der Batterien wurde vom Commando genehmigt und finden danach die Uebungen statt. Mittheilung der Artillerie-Division, daß sämmtliche fortificitrische p.p. Arbeiten zur Armirung der Festung auf hohen Befehl eingestellt worden seien. –

Den 10. August.

Es wurde den Truppen mitgetheilt, daß Prz. Alexander v. Hessen das Commando des 8. Armee Corps niedergelegt habe, in Folge dessen werden die schwarz-roth-goldenen Armbinden abgelegt.

Den 11. August.

Uebungen nach den Uebungsplänen.

Den 12. August Sonntag.

Den 13. August

Vorm. 11 Uhr Abgabe eines Chargenpferds an den Pr. Lieut. Bode der Pionier Komp.

Den 14. August

Uebungen nach den Uebungsplänen[.]

Den 15. August

Festtag. – Uebungen abbestellt. – Mittheilung der Artillerie-Direction auf die Anfrage des Regiments, daß die zu Objects-Commandanten bestimmten Artillerieoffiziere von diesem Commando nicht entbunden werden können. –

Den 16. August

Wie den 14ten.

Den 17. August.

Vorm 11 Uhr die in Zahlbach stehenden Remontepferde wurden gegen schlechtere Pferde in den Batterien umgetauscht und die Batterien complettirt, der Wechsel p.p. findet den 20. August statt.

Den 19. August Sonntag.

Geburtsfest des Kaisers v. Oestreich – Kirchliche Feuer in der St. Peters Kirche.

Den 20. August.

Wegen des Geburtstagsfestes Sr. K. Hoheit des Kurfürsten wurden die Uebungen abbestellt. – Abends 6 Uhr Extra-Speisung der Mannschaften.

Den 21. August.

Uebungen nach den Uebungsplänen. –

Den 22. August.

– abends Mittheilung daß die Helme weiter getragen werden dürften

Den 23. August.

Die Der Belagerungszustand wurde aufgehoben. Der Abmarsch der Königl. Bairischen Truppen wurde angezeigt. – Uebungen wie gestern. –

Den 24. August.

Inspection der einzelnen Batterien in Exerzieren. Vormittags von ½ 9 Uhr und in der [Kehle?] des Forts Elisabeth. – Der Abmarsch der Königl. Bair. Truppen wurde angezeigt.

Den 25. August.

Der königl. bair.  Gouverneur v. Rechberg zeigt an, daß er den 26ten das Festungsgouvernement an den königl. preußischen General Waldemar Prinz von Holstein abgeben werde. Uebungen nach dem Uebungsplan.

Den 26. August Sonntag.

Vormittags 9 Uhr Ansprache des Herrn General von Cochenhausen an die Offiziere der Artillerie-Brigade. Auseinandersetzung des Verhältnißes zu den königl. preuß. Truppen. – Um 10 Uhr auf dem Schloßplatz Ansprache an die Mannschaften, Ermahnung zu guter Waffenbrüderschaft und zur Verweisung von Ernsten. Um 9 Uhr wurde befohlen, daß der Artillerie-Park alsbald in die Kehle des Forts Elisabeth verlegt werden sollte. Um 12 Uhr rückten 7 Bataillone Preußen in die Festung ein, an der Spitze der neue Gouverneur, General v. Loßberg und die übrigen Generale waren entgegengeritten. Nachmittags 2 Uhr marschierten die Garde du Corps u. um 4 Uhr das Leibgarde- Regiment von hier ab.

Den 27ten August

Vormittags ½ 4 Uhr Abmarsch des Regiments, die Batterien zu 4 Geschützen und jede Abtheilung mit einem Bagagewagen, alle übrigen Fuhrwerke und das sonstige Material wurden mit dem Lieutenant Volmar, 2 Oberfeuerwerker und 12 Mann in Mainz zurückgelaßen, Quartier: Regimentsstab und 2 Batterien in Idstein, 1 Batterie (1. gez. Bat.) und die Handwerker Kompagnie in Wörstadt Ankunft um 1 Uhr Mittags.

Den 28. August

Abmarsch um ½ 5 Uhr, Quartier: Regimentsstab und 2 Batterien in Usingen, 1 Batterie (6 Pfd. Bat.) in Weinborn, Ankunft um ½ 1 Uhr Mittags.

Den 29. August

Regimentsstab: Butzbach

Den 30. August und 31. August

Regimentsstab: Gießen.

Den 1. Sept. Regimentsstab: Kappel

Den 2 Sept.

Regimentsstab: Jesberg

Den 3. Sept.

Regimentsstab: Wabern

Den 4. Sept.

Vorm. 11 ½ Uhr rückten in die 3 Fuß Batterien, die Handw. Kompagnie, Train-Abtheilung und das Remonte-Depot in Cassel ein. – Regimentsstab: Cassel. 12 Pfd. U. 1. gez. Batterie: Bettenhausen, 6 Pfd. Batterie: Heiligenrode. Handw. Kompagnie: Sandershausen. Train-Abtheilung und Remonte-Depot Nieder- und Ober Kaufungen. Das unter dem Commando des Pr. Lieut. Heim vom 2. Husaren Regiment gestandene Remonte-Depot wurde unter das Commando der Train-Abtheilung gestellt und in Nieder- und Oberkaufungen untergebracht. –

Den 5. Sept.

Die Abtheilungen beurlaubten bis auf die Stärke von 24 resp. 25 Fahrern und per Batterie 10 Bedienungskanoniere, sämmtliche Offiziere, Aerzte, Beamte[,] Unteroffiziere, Tambourine und Trompeter blieben im Dienst. –

Um 11 Uhr rückte die Reit. Batterie in Cassel ein und bezog das [?ment] Wolfsanger. –

Januar 9, 2021
von Jens Winter
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Kriegserinnerungen von Paul Nagel (1916-1919)

Paul Nagel aus Hohenstein-Ernstthal hat seine Kriegserinnerungen im September 1924 in das vorliegende Heft geschrieben. Als Grundlage diente ihm sein Kriegserinnerungsbuch, wie er auf der letzten Seite des Heftes schreibt.

Die Kriegserinnerungen decken den gesamten Zeitraum seines Militärdienstes vom 11. September 1916, als er zum II. Ersatz-Bataillon des Infanterie-Regiments 179 in Wurzen eingezogen wurde, und enden mit seiner Entlassung aus dem Militär am 1. April 1919.

Das Infanterie-Regiment 179 unterstand dem XIX. Armeekorps.

Paul Nagel war ab dem 4. November 1916 am Wytschaetebogen bei Ypern in Belgien mit seiner Einheit an der Front eingesetzt. Er erlebte die Schlacht bei Messines (Schlacht am Wytschaetebogen) vom 21. Mai bis 14. Juni 1917) mit.

Die Briten eröffneten den Angriff gegen den Wytachaetebogen am 21. Mai 1917. Die deutschen Stellungen wurden bis 7. Juni 1917 ununterbrochen beschossen. Durch die Sprengung einer Gruppe von Minen bei Messines (Mesen) brach die deutscher Verteidigung diese Frontabschnitts zusammen. Innerhalb von drei Stunden wurde der Frontbogen eingenommen. Die deutschen Gegenangriffe in den folgenden Tagen waren erfolglos. Der Frontbogen viel bis 14. Juni 1917 vollständig in britische Hände. Die Schlacht bei Messines gilt als erfolgreichste Offensive der Alliierten im 1. Weltkrieg.

Paul Nagel berichtet über seine Erlebnisse ab dem 7. Juni 1917: [Am 7. Juni] ging es also wieder mit voller Ausrüstung fort, erst 1. Stunde Marschiert, dann mit der Bahn über Lille bis Menin [Menen], hier ausgestiegen ging es durch die Stadt nach Schelluve [Geluwe], hier gab es erst auf freier Wiese Mittagessen, kamen dann in Schellove [Geluwe] in die Kirche ins Quartier, von hier aus ging es Abends mit Sturmgebäk [Sturmgepäck] bis Temprielen [Ten-Brielen], hier haben wir einige Stunden auf freier Wiese in Zeltbahnen eingewikelt [eingewickelt] geschlafen, am morgen [Morgen] ging es weiter bis Huthem [Houthem] hier sind wir bis zur nächsten Nacht in ein alten Bauerngut geblieben, selbiges lag noch an einem Kanal, welcher durch die Englige [englische] Artillerie immer beschossen wurde hier hatten wir auf 1 Toten und etliche leichtverwunde. Als dann Abends die Feldküche uns versorgt hatte, sind wir dann weiter vor nach Huthem [Houthem], kamen hier an eine Hecke  zu Liegen bis zum Mittag, dann sind wir etwas weiter rechts, hier standen viele Baraken [Baracken] welche aber zusammen geschossen waren, denn die Engländer hatten vor bar Tagen hier Angegriffen und den Ort Huthem [Houthem] mit den Baraken zusammen geschossen, deshalb wurden auch wir hier wieder eingesetzt. Neben diese zerschoßenen Baraken haben wir in Granattrichter gelegen,  am nächsten Tag hat es mich mit 4 Kameraden durch eine Granate verschüttet, wobei 1 Kammart [Kamerad] unsern Motor fort geschleudert wurde und besinnungsloß liegen blieb, bei uns anderen war es noch gut abgelaufen, die Engländern schossen nun noch mit schweren Geschütze hierher, am dritten Tag wurden wir entlich [endlich] wieder abgelöst sind da Nachm. zurük [zurück], wobei uns die Feindliche Arie Artellerie [Artillerie] auf der Straße Huthem – Tembrielen [Houthem – Ten-Brielen] zum Laufschritt brachten, denn die rükwerts [rückwärts] gefunden Straßen wurden stark beschossen, als wir durch dieses Feuer durch muste, schlug eine schwere Granate neben mir ein aber zum Glük [Glück] war ein es Blindgänger, es hob uns mit dem druk [Druck] hoch und sahen bald nichts mehr, aber drotzdem [trotzdem] sind wir dann weiter gesaust, war für wieder mal, weil es ein Blindgänger war dem Tode entgangen. Sind dann zurük bis Amerika [America], ein kleiner Ort woh sich jetzt unser Komp. befand, haben hier in einem Garten grose [große] Zelte gebaut woh wir unsere Unterkunft vorübergehend hatten, hier hatten wir wieder mal 4 Tage Ruhe, dann ging es weider [weiter] vor, diese mal nach Hollebecke , woh wir 1 Tag in Betonunterständen am Eisenbahndamm lagen.

Bis zum 3. September 1917 war Nagel dann im gleichen Raum an der belgisch-französischen Grenze eingesetzt. Vom 3. bis 15. September 1917 war er dann zum Heimaturlaub in Hohenstein-Ernstthal. Bereits am Tag nach seiner Rückkehr zu seiner Einheit wurde er wieder an der Front eingesetzt. Dort wurde er durch einen Granatsplitter leicht am rechten Schienbein verletzt und kam ins Lazarett. Erst am 27. April 1918 kam er, nach Zwischenstationen in Zwickau und zu Hause in Hohenstein-Ernstthal, dann wieder als Soldat an die Front, nun allerdings beim Ersatz-Bataillon Infanterie-Regiment Nr. 134. Dieses Regiment war von Februar bis Juni 1918 an den Stellungskämpfen zwischen Maas und Mosel bei Remenauville, Regniéville und Fey-en-Haye.

Nagel blieb allerdings nur wenige Tage dort im Einsatz. Am 29. Mai 1918 meldete er sich krank. Nach seinen Aussagen hatte ihn eine Art Grippe erwischt. Bis 24. August war er dann im Lazarett sowie für 20 Tage zu Hause, weil seine Schwiegermutter erkrankt und daran auch verstorben war. Bis zum 26. Oktober 1918 war er dann wieder an der Front bei Ypern eingesetzt. In der Nacht vom 26. auf den 27. Oktober erwischte ihn dann wieder eine Grippe und er meldete sich krank. Das Kriegsende erlebte er dann im Kriegslazarett 5. Die Nachricht vom Waffenstillstand fegte auch seine Krankheit weg und er begab sich gesundet mit weiteren Soldaten zum Brüsseler Bahnhof, um ihn die Heimat zurückzufahren. Er war dann wieder bei beim Ersatz-Bataillon Infanterie-Regiment 134 in Plauen. Dort wurde ihm auch 1919 noch das Eiserne Kreuz verliehen. Am 1. April 1919 wurde er aus dem Militärdienst entlassen.

Über den weiteren Lebensweg Paul Nagels ist nichts weiter bekannt.

Anmerkung zur Edition

Das Tagebuch wird in einer buchstabengetreuen Abschrift wiedergegeben. Da Nagel große Schwächen in Rechtschreibung und Zeichensetzung hatte, werden in eckigen Klammern die korrekt geschriebenen Wörter angegeben. Ebenso wurden die französischen und belgischen Ortsnamen, die ausfindig gemacht werden konnten, in der heute bei Google Maps benutzten Schreibweise in eckigen Klammern angegeben. Die wenigen Worte, die nicht entziffert werden konnten, sind mit [?] deutlich gekennzeichnet.

Deckblatt der Kriegserinnerungen von Paul Nagel
Erste Seite der Kriegserinnerungen von Paul Nagel aus Hohenstein-Ernstthal

Mein Militär- und Kriegslebenslauf von Paul Nagel

Ich wurde am 11. September 1916 zur II. Ers. Btl. Rgt. 179 nach Wurzen eingezogen. Sieben Woche sind wir da Ausgebildet worden, wir waren auch in dieser Zeit zweimal auf den großen Truppenübungsplatz in Zeithein [Zeithain], als ich das zweite dort war, wurden 50 Mann herausgezogen, welche sofort ins Feld mußten [mussten] woh [wo] ich da natürlich mit dabei war, wir 50 Mann kamen am nächsten Tag sofort zurük [zurück] nach Wurzen, wurden da neu eingekleidet und konnten noch 2 Tage auf Urlaub fahren, als ich von Urlaub zurük kam, ging es noch nicht fort, erst nach einigen Tagen ging es entlich [endlich] ab, sind von Wurzen bis Leipzig gefahren, haben dort den ganzen Tag auf den Befehl gelauert da aber selbigen Tag kein Befehl kam, sin [sind] wir am Abend  wieder zurük nach Wurzen, und erst eine Woche später ging es dann wirklich fort, das war am 1. November, sind da wieder mit Musik auf dem Bahnhof und wieder nach Leißnig, von hier aus ging Nachmittag 4 Uhr der Transport ab, woh selbst mich meine Frau, da sie mich in Leißnig besucht hat, noch auf dem Bahnhof Bekleidet [begleitet] hat. Nun wusten wir nicht mehr, ob wir nicht einmal zurück fahren und unseren Heimart [Heimat] und Angehörigen wieder zusehen bekommen würden, da gingen um so manche Gedanken durch den Kopf, aber wir wusten doch, das wir erst in ein Feld Batr. Depot [Feldbatterie Depot] kamen und nicht gleich an die Kampflinie, unsere Fahrt ging über Leipzig, Halle, Essen, Dortmund, Aachen, dann durch Belgien über Lüttig, Namur in der Richtung nach Lille in Nordfrankreich zu, unterwegs sind wir auh [auch] etliche mal verpflegt worden. Wir kam dann am 4. November nach Mitternacht wobei es auch noch Rechnete [regnete] in Watignis [Wattignies], was kurz hinter Lille liegt, entlich an. Dann hieß es, alles raus, zur weiteren Einteilung, mußten wir noch eine Stunde bei Regenwetter stehen bleiben, bis es entlich in unser Quatier [Quartier] ging, welche aussahn [aussahen] als ein Pferdestall und aus Holz bestanden woh es immer genau so rechnete [regnete] als in freien hin wir eine Woche, dann kamen wir in das daneben liegende Schloß  welches dann frei würde, weil selbige Komp. die bis jetzt drin lag an die Front kam.

Um diesen Schloß  befand sich ein großer Park, worin wir dann Vor und Nachmittags tüchtig Exerzieren musten, hier lagen wir bis 1. Dezember, dann wurde unser Feld Batr. Depot versetzt nach Buschbake [Bousbecque] woh wir dann in einer Fabrik zu liegen kamen, welche wir erst wieder für unseren Bedarf Einrichten musten, dann ging das Exeszieren  [Exerzieren] hier wieder weiter.

Zum Weihnachtsfest hatten wir dann auch eine kleine Feier mit etlichen Faß Bier, woh wir auch kleine Geschenke erhielten, auch hatten hier ein Feldwebel eine Schrammelkapelle zusammen gestellt, wobei ich als einziger  Konzertspieler mit gewirkt hab. Es war wieder mal ein, nach langer Zeit, schöner Abend, selbiges hat sich an Silvester wiederholt.

Am 7. Januar wurde unsere 1. Komp. in die drei anderen Komp. eingereiht, kam dann zur 4. Komp. bis zum 15. Januar dann kamen wir alle mit an die Front. Nun hatten wir natürlich unseren Kopf voll, dann, es ging nun aus einen ernsteren Ton. Am 15.1. Vorm. 8 Uhr sind wir mit unseren Gebäck [Gepäck] von Buschbake [Bousbecque] abmarschiert nach Comines kamen da 11 Uhr an und wurden dann in das Aktive Regt. 133 verteilt, ich kam mit noch 8 Mann zur 11. Komp. selbige lag in Belg. Comines in einer Angebauten Holzbaracke, hier musten wir uns nun mit den neuen Kameraden zusammen finden. 5 Tage lagen wir da noch in Ruhe, weil die Komp. sich gegenseitig in vorterer [vorderer]  Stellung ablösten, am 21.1 ging dann unsere Komp. in vorterster [vorderster] Stellung, (der Bewegungskrieg hatte da aufgehört, wir und unsere Feinde hatten sich feste Stellung gebaut.) unser Regt. lag in Wihtschantebogen [Wijtschatebogen] lings [links] von Ipern [Ypern]. Um Mitternacht ging es mit Militärsgebäck [Militärsgepäck] auf dem Rücken fort, woh wir nur das Notwendichste [Notwendigste] mitnahmen, hatten eine halbe Stunde zu Fuß, dann ging es mit einer Kleinbahn etwa 1 Stunde bis Bahnhof Freudental, unterwegs sahen wir überal an der Front die weisen [weißen] Leuchtkugel aufsteigen und konnten auch den Donner der Atillerie [Artillerie], trots [trotz] das gerungels der Bahn, ganz deutlich höhren von Freudental sind wir noch 1 Stundte Marschiert, dann waren wir in den Ort Wihschante [Wijtschate], woh natürlich kein Haus mehr vorhanden war, hier ging es dann in einen Laufgraben, woh mann [man] im freien niemand sehen konnte, es waren 2 Meter tiefe ausgeschaufelte Gräben, an den Seiten ausgebaut daß [das] nicht einfallen konnte, in der Hauptsache das der Feind uns nicht sehen konnte 20 Minuten vergingen eh wir in den Vortersten [vordersten] Hauptgraben kamen, hier angekommen lösten wir gleich die für uns bestimmte Gruppe ab, wobei ich gleich mit zuerst auf Posten bei Nacht stehen mußte.  Das waren nun die ersten Stunden die ich vor dem Feind stand, allerdings ein sehr komisch gefühl, man durfte aber bei Nacht sich nicht gar so hoch machen, sonst hätte man von feindlichen Maschinengewehr, die hier direkt gegenüber standen ein bar [paar] Kugel ab gegricht, [abgekriegt] wobei auch ein mancher Kammerat [Kamerad] Kopfschuß davon getragen hatt, mußten Feinde voran hier Engländer, welche auch gute Soldaten sind, des Nachts sind wir alle 2 Stunden auf Posten gezogen, am Tag blos [bloß] einmal 2 Stunden, die zwischenzeit wurde geschlafen, oder unsere Stellung, wann sie von Feind durch Artillerie eingeschossen war wieder in Ortnung [Ordnung] gebracht, unser Essen haben wir auch noch hohlen [holen] müssen, unsere Küchen befanden sich eine halbe Stunde zurück im Walde in großen Holzunterständen, welche gegen den Feind so angebracht waren das sie nicht zu sehen waren, das Essenholen war nichts leichtes, es war ein sehr kalter Winter, das Wasser im Laufgraben wurde zu Eis und noch stockfinstere Nacht dazu, wovon da immer 2 Stunden unterwegs, brachten manchmal blos [bloß] die hälfte Essen u. Kaffe [Kaffee] mit zurück. 5 Tage waren wir hier, sonst war diese Stellung ruhig außer etlichen Minen u. Flachbahngeschosse das heißt leichte Artillerie. Wir wurden nun von einer anderen Komp. abgelöst, und kamen in die zweite Stellung (Kampflinie) etwa 200 Meter zurück von der vordersten Stellung, hier gab es leichte  Holzunterstände wärend [während] wir in der ersten Stellung Betong [Beton] Unterstände hatten, da waren wir einigermasen [einigermaßen] sicher. In der 2. Stellung brauchten wir nicht Posten zu stehen, musten aber des Nachts die zurück gefunden Laufgräben bauen und in Ortung halten, geschlafen haben wir am Tag, auch gab es des Nachts Drahtrollen u. Baumaterial von hinten nach der 1. Stellung zu transportieren, der Stacheldraht wurde des Nachts vor der ersten Stellung gezogen, das der Feind bei einem Angriff verhinterd [verhindert] war, nicht so läuft vorwärts zu kommen, selbigen Drahtziehen muste natürlich ohne Geräusch abgeben das unser gegenüber liegender Feind nichts davon merken durfte, sonst hätte es Maschinengewehrfeuer gegeben, auch gab es Minen von einem Zentner vor zu schaffen. In dieser 2. Stellung lagen wir 10 Tage, dann ging es wieder 5 Tage in die vorderster Linie, woh das Posten stehen wieder loß [los] ging. Nach diesen 5 Tagen kamen wir wieder zurük in unser Ruhequartier nach Comines auf 10 Tage, wurden des Nachts abgelöst, sind bis Huthem [Houthem]  Marschiert, der Ort liegt zwischen Wihschante [Wijtschate] und Comines, sehr viel Baracken sind hier gebaut, wir blieben in Huthem [Houthem] (nicht in Comines) in diesen Baracken, weil wir des Nachts neue Stellungen Auswerfen musten, hätten sonst zu weit Marschieren müssen, vormittags hatten wir Bettruhe, nachmittags Exerzieren u. Stellungsübung. Nach diesen 10 Tagen ging es wieder 5 Tage in die vorterste [vorderste] erste Stellung, dann 10 Tage in zweite Stellung, dann wieder 5 Tage in die erste Stellung. Unsere Stellung war sonst ruhig, blos des Nachts Maschinengewehrfeuer. Als diese 20 Tage vorbei waren, kamen wir wieder 5 Tage nach Huthem [Houthem] woh wir wieder des Nachts Stellung bauen gingen, die nächste 5 Tage kamen wir entlich zurük Comines in unser Ruhequartier, woh wir wieder Exerzieren musten.

Von hier aus ging es dann wieder in Stellung, so es wie vorher abwechsell  [abwechselnd] immer weiter bis mitte [Mitte] März 1917, woh [wo] eines Tages von uns aus eine grösere [größere] Patriolle [Patrouille] mit Atillerie [Artillerie] unternommen wurde, sie wurde von den zusammen gestellten Sturmzug und entlichen [etlichen] Leuten von unser Komp. ausgeführt, Nachmittag von 4-6 Uhr wurde von unser Atillerie [Artillerie] u. Minenwerfer auf den vortersten [vordersten] Feindlichen Graben geschossen, Um 6 Uhr verlegte dann unsere Arie (Artillerie) ihr Feuer weiter zurük in die Feindliche Stellung um damit den Weg noch weiter zurük abzusperren, nachdem machte dann unser Patriolle [Patrouille] von etwa 100 Mann in die Feindliche Stellung, auch liesen [ließen] es sich die Feindliche Arie nicht nehmen auf unsere Stellung zu Schießen, nach etwa ½ Stunde kam unser Trupp wieder zurük mit 40 Gefangenen Engländer, 2 Maschinengewehre und verschiedenes mehr, die Gefangenen wurden dann abtransportiert, und es ging alles wieder weiter wie erst. Selbiges muß ich noch einfügen, das ich wärend [während] der Arie Feuer von 4-8 Uhr auf Posten stand und sämtliches beobachten konnte, allerdings als die Englige [englische] Artillerie einsetzte war es bald nicht mehr schön als die Granaten über und neben uns platzten, unser Graben war etwas zusammen geschossen, ich bin zum Glück mit heiler Haut davon gekommen. dann war es ruhig bis ende März, dann schossen die Engländer jeden Tag 1 Stunde mit ihrer Artillerie auf unsere vortersten [vordersten] Gräben,  wir dachten sie würden, eine grose [große] Partriolle [Patrouille] auf unsere Stellung werfen, lies sich aber niemand sehen, wahrscheinlich war es immer schein, an diesen Tagen lagen wir in zweiter Stellung, da hatten wir viel Arbeit bekommen, denn es war viel angeschossen worden was nicht mehr gangbar war.

Am nächsten Tag kamen wir dann in die erste Stellung, vom dritten volgenden [folgenden] Tag sahen wir dann durch unsere gute Beobachtung wie am Nachm. sich in unsern gegenüber liegenden Feindlichen Graben die Engländer mit Aufgepflanzden [aufgepflanztem] Seitengewehr sich ansammeln, welches wir durch ein Scheerenfernrohr ganz deutlich sehen konnten, wir haben natürlich diese Ansammlung sofort unsere Komp. Führer gemeldet, durch ihn wurde dann unsere Artellerie [Artillerie] durch Telefon benachrichtet [benachrichtigt], in 10 Minuten setzte dann unsere Artillerie ein und legte das Feuer auf den Engligen  [englischen] Graben woh sich die Engländer angesammelt hatten, mit unser guten Beobachtung hatten wir jedenfalls den Engländern ihr Vorhaben verdorben, wir hatten dann nichts vom Feinde wieder gesehen. Am selben Abend haben sie wieder auf unsere Stellung stark geschossen, es hat sich aber kein Engländer sehen lassen, etwas später haben sie dann nachts von uns bei I. R. 199 getrommelt, mit Arie, woh [wo] die Engländer daselbst auch eine Partriolle [Patrouille] gemacht haben, sollen aber wenig erfolg gehabt haben unser bar [paar] Tote und Verwunde auf unser seite, selbiges war gerate [gerade] am grünen Donnerstag [Gründonnerstag], ein Stük [Stück] der vordersten Stellung bleib dann unbesetzt weil es eingeschossen war u. in Wasser stand, sind dann in die neue II Stellung gekommen von hier aus haben wir zwei [Sappen?] nach vorn gedrieben [getrieben] woh sich der zerschossene Graben befand, bis zum 23. April waren wir in dieser Stellung woh sich weiter nichts extraes [extra] Ereignete. Nun sollte wir einmal 4 Wochen in Ruhe nach der Etape [Etappe] hinten kommen.

In der Nacht zum 23. Ap. wurden wir von Preusigen [preußischen] Militär abgelöst sind dann bis Comines 2 ½  Stunden Marschiert, hier angekommen hatten wir viel Arbeit dann Nachm. 6 Uhr ging es mit voller Ausrüstung fort unsere drekige [dreckige] Schützengrabenausrüstung musten da bis dahin in voller Ortung u. rein sein. 6 Uhr sind wir in Comines abmarschiert bis nach Wervik etwa 1 Stunde, woh dann Baden u. Entlausen uns 2 Stunden aufhielt, dann ging es weiter über Buschabake [Bousbeque] u. Rung [Roncq] nach Mußgrun [Mouscron] woh wir dann Nachts 1 Uhr ankamen, hatten da 5 Stunden Marsch mit vollen Gepäk [Gepäck] hinter uns, konnten auch kaum weiter, hier kamen wir zu Einwohner ins Quartier, ich war mit 4 Mann bei zwei älteren Frauen gekommen brauchten uns nicht weiter zu beklagen, die Einwohner waren uns nicht übel gesinnt, uns Sachsen woran sie gut gesinnt, aber von Preusen [Preußen] wollten sie nichts wissen. Hier ging nun das alte Exerzieren wieder loß [los], als wir 10 Tage in Ruhe lagen, hieß es auf einmal, das Gebäck fertig machen es geht wieder in Stellung, da war uns unsere 4 Wochen nichts geworden, wir sind dann am 3. Mai in die Kleinbahn verladen worden und bis Comines gefahren, wir hatten blos Sturmgebäck bei uns, die Turnißter [Tornister] sind nach gefahren worden,  von Comines sind wir Marschiert über Huthem [Houthem] Kurtuwilde [Kortewilde] nach Hollebecke [Hollebeke], hier kamen wir als reserve [Reserve] in eine sogenannte Sonnenstellung, hier gab es grose [große] Unterstände teils aus Holz u. Betong [Beton], es war ein kleines Wäldchen, es war bald die vriste [frische] Sommerfrische, nicht ein einziger Schuß [Schuss] kam hier for [vor], jedenfalls wurde hier etwas vermutet, verläuft ein Angriff, weil wir aus unserer Ruhe geholt und unsere ganze division hier dazwischen eingeschoben wurde, dann vor einigen Tagen hatten die Engländer die vor uns liegende dammstellung zusammen geschossen, was erst eine Straße war, an den Seiten mit unterständen, woh mann [man] aber leiter [leider] nichts mehr von einer Straße sah, auch die vorderste Stellung war zerschossen, hier lagen wir bis 1. Juni ohne das sich etwas groses [großes] ereignet hat, kamen dann wieder zurük in unsere Ruhe, sind dann bis Wervik Marschiert von hier aus mit der Bahn über Lille nach Labriso [La Brisée?] gefahren, hier kamen wir in eine Villa zu liegen, der Besitzer war aber nicht anwesend, an Exerzieren fehlte es selbstverständlich hier auch nicht,  hatten uns soweit wieder eingerichtet als es eines Tages hieß, wir sollten uns wieder fertig machen, unsere Ruhezeit war aber noch nicht um, wurden nun schon wieder an die Front geschaft [geschafft], in der Nacht darauf, es war 7. Juni, ging es also wieder mit voller Ausrüstung fort, erst 1. Stunde Marschiert, dann mit der Bahn über Lille bis Menin [Menen], hier ausgestiegen ging es durch die Stadt nach Schelluve [Geluwe], hier gab es erst auf freier Wiese Mittagessen, kamen dann in Schellove [Geluwe] in die Kirche ins Quartier, von hier aus ging es Abends mit Sturmgebäk [Sturmgepäck] bis Temprielen [Ten-Brielen], hier haben wir einige Stunden auf freier Wiese in Zeltbahnen eingewikelt [eingewickelt] geschlafen, am morgen [Morgen] ging es weiter bis Huthem [Houthem] hier sind wir bis zur nächsten Nacht in ein alten Bauerngut geblieben, selbiges lag noch an einem Kanal, welcher durch die Englige [englische] Artillerie immer beschossen wurde hier hatten wir auf 1 Toten und etliche leichtverwunde. Als dann Abends die Feldküche uns versorgt hatte, sind wir dann weiter vor nach Huthem [Houthem], kamen hier an eine Hecke  zu Liegen bis zum Mittag, dann sind wir etwas weiter rechts, hier standen viele Baraken [Baracken] welche aber zusammen geschossen waren, denn die Engländer hatten vor bar Tagen hier Angegriffen und den Ort Huthem [Houthem] mit den Baraken zusammen geschossen, deshalb wurden auch wir hier wieder eingesetzt. Neben diese zerschoßenen Baraken haben wir in Granattrichter gelegen,  am nächsten Tag hat es mich mit 4 Kameraden durch eine Granate verschüttet, wobei 1 Kammart [Kamerad] unsern Motor fort geschleudert wurde und besinnungsloß liegen blieb, bei uns anderen war es noch gut abgelaufen, die Engländern schossen nun noch mit schweren Geschütze hierher, am dritten Tag wurden wir entlich [endlich] wieder abgelöst sind da Nachm. zurük [zurück], wobei uns die Feindliche Arie Artellerie [Artillerie] auf der Straße Huthem – Tembrielen [Houthem – Ten-Brielen] zum Laufschritt brachten, denn die rükwerts [rückwärts] gefunden Straßen wurden stark beschossen, als wir durch dieses Feuer durch muste, schlug eine schwere Granate neben mir ein aber zum Glük [Glück] war ein es Blindgänger, es hob uns mit dem druk [Druck] hoch und sahen bald nichts mehr, aber drotzdem [trotzdem] sind wir dann weiter gesaust, war für wieder mal, weil es ein Blindgänger war dem Tode entgangen. Sind dann zurük bis Amerika [America], ein kleiner Ort woh sich jetzt unser Komp. befand, haben hier in einem Garten grose [große] Zelte gebaut woh wir unsere Unterkunft vorübergehend hatten, hier hatten wir wieder mal 4 Tage Ruhe, dann ging es weider [weiter] vor, diese mal nach Hollebecke , woh wir 1 Tag in Betonunterständen am Eisenbahndamm lagen.

Am nächsten Tag morgens musten wir dann ganz vor in einem Straßengraben, Schützengraben und Unterstände gab es hier nicht mehr, denn die Engländer waren hier vorgedrungen und sasen [saßen] in unser Stellung. An diesem Straßenrand lagen wir 2 Tage wobei die Englischen Flieger über uns weg fuhren und uns genau sehen konnten woh wir lagen, bevor wir dann abgelößt wurden, bekamen wir nocheinmal Trommelfeuer, hatten dabei uns unsere Verwundete in meiner nähe war auch eine Granate eingesaust. gethan [getan] hat es mir sonst nicht, wuste blos dann nicht gleich woh ich mich eigentlich befand. Wurde dann gegen Morgen abgelößt, kamm [kam] weiter zurük in alte Betonunterstände, woh erst unsere Artillirie [Artillerie] gestanden hat, wir durften uns auch für nichs [nichts] groß in freien sehen lassen, weil die Feindl. Arie viel hier her schoß [schoss], nach 2 Tagen kamen wir wieder 1 Tag vom Bahndamm und am nächsten Tag ging es wieder vor, etwas weiter nach rechts, kamen hier in Granatlöcher zu liegen, ich und noch 5 Kammeraden hatten einen alten Holzunterstand gefunden, woh wird am Tag wenigsten gegen Feindlichen Flieger gedeckt waren, denn mann konnte sich kaum noch retten, sie flogen so tief, das sie alles mit blosen [bloßen] Auge sehen konnte, hier war jetzt nichts weiter loß, nach 2 Tagen kamen wir wieder zurück nach Kurtuwilde [Kortewilde], hier kann jeder Zug in einer mit Gras bewachsenen und starken Baumstämme gebauten grosen [großen] Unterstand, hier haben wir weiter nichts gemacht als gegessen, geschlafen u. geraucht denn wir bekamen für jeden Tag 10 Zigarren und 15 Zigaretten da konnten wir feste dampfen. Am 4 Tag wurden wir von Bayrichen [bayerischen] Kameraden abgelößt, sind gegen Morgen zurük [zurück] nach Amerika [America], bekamen unsere Verpfegung [Verpflegung], musten dann sofort unser Gebäk [Gepäck] fertig machen du fort ging es wieder, 3 Lastauto voran schon bereits auf der Strase [Straße] woh wir eingestiegen sind, unsere Richtung ging nach Ort Laube [Ort nicht auffindbar!], hier wurden wir in die Eisenbahn geladen und sind gefahren über Lille bis Asju [Ascq?], hatte hier vom Bahnhof noch 2 Stunden Marsch mit vollem Gebäk  [Gepäck] und bei groser  [großer] Hitze.

Es war nun bereits das dritte mal [Mal] das wir nun entlich in unsere grose [große] Ruhe kamen, in diesem Ort waren blos noch die hälfte Einwohner da, woh wir hier in die verlassenen Häuser kamen. Hier waren wir nun wieder mal wieder in Ruhe, das heißt lebenssicher und vom Kriegswirren etwas entfernt etwa  6 Stunden, aber hier ging leiter [leider] das Exezieren [Exerzieren] nun wieder loß [los], was uns eigentlich anekellde [anekelte] denn im Feindesland kurz hinter der Front noch Exezieren [exerzieren]. Hier in Asju [Ascq?] befand sich auch ein groser  [großer] Flugplatz von uns. Nach 10 Tagen ging es hier wieder fort und zwar am 7. Juli nach Los [Loos] bei Lille, hier hatten wir wieder 3 Stunden Marsch. In Los [Loos] kamm [kam] unser 4 Kompanien III. Btl. in eine grose [große] Fabrik zu liegen, das Exezieren [Exerzieren] ging selbstverständlich hier wieder weiter, der Exezierplatz [Exerzierplatz] lag in nächsten Ort Lomme, hatten da hin  [dahin] u. zurük [zurück] eine Stunde Marsch. Habe mir auch von hier aus etliche mal Urlaub geben lassen nach Lille und mir diese grose Stadt angesehen, hier war grose Etappenbedrieb. In Los [Loos] lagen wir bis 23. Juli, dann ging es ohne Gebäk [Gepäck] wieder fort nach Wavrin, es waren 2 Stunden von hier, kamen da in einen grose Holzbude, 4 Wände und Dach, hier musten wir erst wieder Ausbauen und unsere Einrichtung selbst herstellen, hatten aber auch noch dienst mit zu tuhn [tun], lagen für 8 Tage dann ging es vom 31. Juli mit Gebäk [Gepäck] fort. Wärend diesen 8 Tagen war ich auch mal 1 Tag in Ostende es ist eine sehr schöne, herrliche Stadt, hier haben wir auch am Strande ein Seebad gemacht und dann innen heisen [heißen] Sand gelegt, in den größten Strandhotel am Strand hab ich mir dort immer des Hotels mal angesehen, so etwas hatte leiter [leider] noch nicht zu sehen bekommen, so herrlich die ganze Aufmachung der Betrieb war allerdings jetzt zur Kriegszeit etwas lahm gelegt, ein schöner Anblik [Anblick] auch vom Strand aus aufs Meer zu schauen, es wird mir eine Erinnerung bleiben. Also hier ging es am 31. Juli mit Gebäck nach Provin, es waren 2 Stunden Marsch, hier kommen wir in verlassene Häuser woh der dienst wieder weiter ging bis zum 8. August. Nun war unsere grose Ruhe zu Ende, es waren nun ganzen 6 Wochen gewesen. Am 8. August waren wir in der Eisenbahn Verladen, die Fahrt ging über Lille bis Menin von hier musten wir mit Gebäk [Gepäck] bis zum nächsten Ort Wervik Marschieren, kamen hier in eine Fabrik welche schon für Millitär eingerichtet war, In Wervik waren jetzt keine Einwohner mehr, es war auch viel zusammen geschossen, nach 2 Tagen ging es Abend wieder in Stellung vor, woh es natürlich wieder bei uns haufen hing 2 ½ Stunden Marsch bis Mesines [Mesen], musten hier in verdekte [verdeckte] Granatlöcher liegen, Schützengraben u. Stellung gab es auch hier nicht mehr, denn die Engländer hatten im Mai, Juni bei einen Angriff zurük gedrängd [gedrängt], hier war es jetzt ruhig, es sag noch alles grün auf den Wiesen, 4 Tage lagen wir in vorterster [vorderster] Linie, dann 4 Tage etwas weiter zurük, aber auch in Granattrichter, nach diesen 4 Tagen kamen wir ins Ruhequartier welches sich jetzt in Baß Flandern [Basse Flandre] befand, hatte hier Holzbaraken [Holzbaracken], musten selbige aber erst nach unsern Bedarf herrichten, so ging die Ablösung alle 4 Tage weiter.

Am 3. September war ich dann an der Reihe mit Heimatsurlaub, hatte allerdings schon lange mit Sehnsucht darauf gelauert, es war auch ziemlich ein ganzes Jahr das ich von der Heimat fort war, meine Komp. ging gerate am 3. wieder vor in Stellung und ich konnte das erste mal wieder nach der Heimat Fahren. 5 Uhr Nachm. bin ich in Menin [Menen] Abgefahren und kam am nächsten Tag Nachts in der Heimatstadt Hohenstein=Er. [Hohenstein-Ernstthal] glücklich an, es kam mir allerdings hier erst komisch vor, so eine Ruhe war mann doch garnicht mehr gewöhnt, hatte 14 Tage Urlaub, habe mich in dieser Zeit zu Hause gut Ammesiert [amüsiert] mann konnte wenigsten einmal in Ruhe und in einen Federbett Schlafen, diese Zeit verging leiter [leider] auch schnell und ich muste wieder ins Feld an die Front, bin da gerate Sonnabendabend  wieder von zu Hause weg gefahren, war da Sonntag Nacht wieder in Menin [Menen] (in Belgien) hier hörte mann schon das Gedonner wieder, hab dann mein Truppenteil suchen müssen, wärend [während] dieser Zeit war mein Regt. woh anderes hin gekommen und zwar nach dem Ort Cuku [Coucou], gegen Morgen hatte ich meine Komp. entlich [endlich] gefunden, am nächsten Abend muste ich auch gleich wieder mit in Stellung vor, weil wir etliche Verwundete bei unser Komp. hatten, bin da mit unser Feldküche ziemlich weit vor gefahren um im Galop [Galopp] die Straßen entlang und durch Granattrichter, denn als ich auf Urlaub war sah es hier ganz anders aus, Straßen konnte man garnicht mehr gehen, denn die waren alle Artilleriefeuer, die Engländer hatte überall angegriffen, um uns zurük zu drängen, unsere erste Linie sah erst noch so frisch und grün aus, diese lag auch jetzt unter Feuer, die Engl. schossen viel mit Gasgranaten, wie ich dann den ersten Abend nach meinem Urlaub wieder mit an erste, vorterste [vorderster] Reihe kam, muste unser Zug gleich ganz vorn Ablösen, am Tag über ging es einigermasen [einigermaßen] hier bei uns, auser [außer] Engl. Flieger, die gern unsere fortersten [vordersten] Sitz auskundschaften wollten, als es Abend wurde setzte auf einmal die Engliche [englische] Artillerie fast in ganz Flandern ein, was dann zum richtigen Trommelfeuer wurde, das war da alles ein buntes Bild durch die verschiedenen Leuchtkugeln mann konnte kaum alles übersehen, durch das Aufblitzen der Feindlichen Geschütze konnte mann sehen wie kollosal [kolossal] viel Artillerie die Engländer hier in Flandern stehen hatte, ob sie dann überall Angegriffen haben, davon habe ich nichts erfahren, bei uns hier war nichts loß [los], die Nacht verliev [verlief] dann ruhig, am Morgen machten sie wieder ein kleiner Feuerüberfall von ½ Stunde auf unsere Trüsten [tristen] gebäude woh wir lagen, wobei leiter [leider] eine Granate in unser Granatloch sauste woh [wo] ich und ein Kamerad Reichel aus meiner Heimatstadt lag, Reichel wurde durch einen Splitter im Laib [Leib] schwer Verwundet, wurde dann zurük transportiert, er ist aber noch wie ich in erfahrung gebracht habe, am selben Tag noch gestorben, er war auch erst kurz von Urlaub zurük [zurück].

Ich wurde leicht verwundet, erhielt einen kleinen Granatsplitter in das rechte Schienbein, hatte es vor aufregung garnicht gleich bemerkt, vom Tag blieb ich noch vorn, als es dann dunkel ward, bin ich mit einem Sanitäter von unser Komp. zum Hauptverbandsplatz, bekam hier einen Verband rann, und bin mit eine Feldküche, welche bis hier her fuhren, dann nach Werwik [Wervik] gefahren, muste dann noch ein Stück allein Laufen bis zu einem Wagenhalteplatz, blieb hier bis zum Morgen, kam dann in ein Sanitätsauto, welches mich mit nach bar [paar] Kameraden nach Menin [Menen] zur Sammelstelle brachte, es war am 19. September woh ich verwundet wurde, gerate [gerade] einen Tag nach meinen Urlaub wieder in Stellung gewesen, und ich war nun glücklich das ich wieder hier vortkam [fortkam], meine verwundung war nich [nicht] all zu schwer.

In Menin [Menen] blieben wir, es waren für viel verwundete bis Abend liegen, woh wir wieder das Gedonner von einem Trommelfeuer höhrten, ich dachte wenn ich nur erst hier noch weiter fort wäre, denn die Engl. Flieger warfen auch hier auch stetz [stets] auch Bomben ab, woh sie einschlugen, war ihnen gleich, wir wurden dann des Abends in ein Schiff getragen, woh lauter Betten aus Holzbrettern eingebaut waren, am Morgen ging es dann auf den Fluss (Ließ) [Leie] nach Kurträ (Curtric) [Kortrijk]. Mittag kamen wir an, ich kam dann ins Feldlazarett 159 woh ich bis Abends liegen blieb, die leicht verwundeten kamen dann wieder hier vort [fort], ich natürlich auch, und zwar am selben Abend noch in einem Lazarettzug welcher auserhalb [außerhalb] des Bahnhofs im freien stand, denn am selben Abend kamen wieder Feindliche Flieger und warfen in der nähe vom Bahnhof Bomben. Unser Zug ging aber erst am Morgen ab, wie wir durch das Lazarettzugspersonal erfahren hatten, fuhr dieser Zug nach Westphalen [Westfalen] bis Hagen u. Schwerte.

Ich war da froh das es wieder nach Deutschland nun ging, unsere Fahrt ging über Löwen, Lüttig [Lüttich], Köln, Hagen und Schwerte, es war gerate Sonntag als wir hier ankamen, eine Woche vorhehr [vorher] am Sonntag war ich diese Strecke vom Urlaub zurük gefahren, hätte da nicht gedacht das ich in 7 Tagen als verwundeter diese Strecken nie Fahren würde, unsere Fahrt mit dem Lazarettzug hatt 30 Stunden gedauert. In Schwerte würden wir in Möbelswagen noch dem Vereinslazarett ins Evang. Krankenhaus gefahren, ich war nun wirklich froh das ich in Flandern weg war, denn es hatte die Offensive  eingesetzt.

Nach 3 Wochen bin ich hier dann mit ins die Eisenschmelshütte [Eisenschmelzhütte] auf Arbeit gegangen, denn ich war wieder im geschik  mit meiner verwundung, bos [bloß] dieser kleiner Splitter war noch im Schienbein sitzengeblieben, selbigen ist auch drin geblieben, da er mir keine Bescherte [Beschwerde] machte. Ich wurde dann nach 7 Wochen vom 30. Oktober vom Lazarett in Schwerte an d. Ruhr entlassen nach meinen Ers. Truppenteil 133 nach Zwickau in meiner Heimat. Meine Bahnfahrt ging dann über Kassel, Bebra, Eisenach, Leipzig, Chemnitz bis Zwickau, unterwegs in Hohenstein hab ich erst meine Fahrt unterbrogen [unterbrochen] und bin 1 Tag zu Hause geblieben, am 1. November kam ich dann nach Nachm. 5 Uhr in  Zwickau an, kam hier zum I. Ers. Batl. 133, 5. Genesen Komp.

Am 3. November bekam ich dann meine 14 Tage Heimatsurlaub, denn ein jeder der vom Lazarett kam erhielt seine 14 Tage Urlaub. Ich war nun froh das ich wieder zu Hause war, nach meinen Urlaub ging es wenigsten nicht gleich wieder an die Front.

Am 18. November bin ich wieder nach Zwickau in 5. Genesen Komp. gefahren,  am 19. hab ich mich Revierkrank gemeldet und kam ins Res. Lazarett I Zwickau. Am 27. November wurde ich Arbeitsfahig [arbeitsfähig] geschrieben, woh ich dann in Zwickau bei Horch u. Combanion [Companion], Autowerk als Hobler gearbeitet hab, noch 14 Tagen kam ich an zwei Fräsmaschinen, woh es auch Nachtschicht gab, unser Essen erhielten wir im Lazarett weiter.

Diese Arbeit ging bis zum 30. Dezember, weil ich dann hier entlassen wurde, zum Weihnachtsfest gab es keinen Urlaub, ich bin aber drotzsdem [trotzdem] einen Tag zu Hause gewesen, was niemand wissen durfte.

Am 5. Januar wurde ich dann hier entlassen zur 5. Gen. Komp. dienst gab es hier keinen blos [bloß] innere Arbeiten. Am 17. erhielt ich dann 4 Tage Marschurlaub, weil jetzt der Bahnurlaub gespert [gesperrt] war, am 21. wurde ich dann zur dritten Komp. versetzt, hier ging auch das Exezieren [Exerzieren] wieder loß, so ging es bis zum Osterfest, woh ich 9 Tage Feiertagsurlaub erhielt. Am 5. April kam ich vom Urlaub zurük und am 6. wurde ich plötzlich zum Transport ins Feld bestimmt und neu eingekleidet, da ich aber nur Ersatzmann war blieb ich noch zurük bis zum 27. Januar [Irrtum Paul Nagels: Es muss der 27. April 1918 gewesen sein.], woh ich als einziger von der Komp. fort muste als Ersatz für einen von der Front der das Alter überschritten hatte, ich bin da natürlich erst einen Tag zu Hause gefahren auf eigene Hand, muste erst nach Leipzig, hier wurde ein Transport für 50 Mann überal [überall] her zusammen gestellt, wir bleiben noch 2 Tage  in der 106. Kaserne liegen, am 30. ging es dann Mittags  2 Uhr fort. Unsere Fahrt ging in Richtung Halle, Sangerhausen Cassel, Marburg, Limburg, Bad Ems, über den Rhein den Moseltal entlang über Trier, Diedenhofen dann über die Grenze nach Marslatour [Mars-la-Tour] bis Jouly [Jaulny], hier kamen wir entlich [endlich] nach 3 Tagefahrt von unser Endstation an. Ich war bestimmt zur 12. Komp. 134. noch 1 Stunde Marsch kam ich dann bei der 12. Komp. an, dieses Quartier bestand aus Holzbaraken [Holzbaracken] und befand sich an einem Berg mit Laubwald welcher zwischen Jouly [Jaulny] und Tiaucourt [Thiaucourt] lag. Hier fing es nun wieder hausen, denn es war das Aktion Batl. 134 was auch überal [überall] mit dabei war, selbiges war erst kurz von der Russigen [russischen] Front wieder zurük nach Westen gekommen, nach einigen Tagen bin ich mit der Komp. in Stellung, nach langer Zeit wieder das erste mal.

Kamen erst 10 Tage in Reserve Stellung, welche sich wieder in einen Laubwald befand und wir uns in Holzunterständen aufhalten musten [mussten], die ersten Tage war es ruhig, eines Tages machten sie einen Artillirieüberfall [Artillerieüberfall], wo sie und bald mit unsern Holzbuff ausgehoben hatten, sind aber zum Glück noch alle gut davon gekommen als diese 10 Tage vorbei waren ging es woh in vorterste [vorderste] Linie, in Res. Stellung hatten wir jeden Tag Transport nach der ersten Linie, die erste Linie befand sich auf freiem Felde, hier hatte jeder Komp. noch eine Feldwache vorgeschoben, woh ich auch 3 Tage mit vor kam, sonst fiel auf unsere Stellung selten ein Schuß, am 26. unternahm unsere Artillirie [Artillerie] rechts u. lings [links] von uns ein gröseres [größeres] Feuer, auf etlichen Stellen wurde von uns vorgedrungen, am nächsten Tag hörten wir dann, dass unsere bei Reims auf 40 Kilometer durchgebrochen waren, etwa 10 Kilometer vorwärts, dann war es wieder ruhig.

Am 29. Mai hab ich mich krank gemeldet hatte eine Art Grippe erwischt, der Arzt schrieb mich ins Lazarett, war da in einer Art auch froh denn ich kam da von weg, ich bin am selben Tag noch zur Sanitätskomp. 48, von hier aus zum Komp. Standtquartier um meine anderen Sachen noch zu holen, dann wieder zur Sanitätskomp. selbige lag eine Stunde hinter der Front in einem kleinen Ort, lag da für einen Tag u. eine Nacht in einer Holzbaracke mit noch etlichen kranken Kameraden, dann ging es Mittags mit der Feldbahn nach Wawille [Waville], hier war Sammelstelle, lag hier wieder bis nächsten Tag in Baracken, dann kam ich mit in ein Lazarettzug welcher nun abfuhr, zunächst über Chambley, Maslatour [Mars-la-Tour], Juromy [Jarny], hier blieb unser Zug 2 Tage liegen, bis es entlich [endlich] am 2. Juni Mittags wieder abging nach Diedenhofen ins Kriegslaz. was eigentlich eine neu erbaute Kaserne war. Hier lag ich vom 3. Juni bis 15. Juli, das war eine schöne Zeit, u. auch Lebenssicher, dann wurde ich versetzt ins Hilfslaz. II weil ich auf einem Ohr das Gehör etwas verloren hatte durch einen Granateinschlag was schon längere Zeit her war, dieses Laz. befand sich im Hotel König auch in Diedenhofen.

Auf ein Gesuch das meine Schwiegermutter schwer krank lag bekam ich dann 20 Tage Urlaub von hier, was mich natürlich sehr freute, wie ich dann zu Hause war starb auch meine Schwiegermutter nach bar [paar] Tagen, habe gerate noch einmal mit ihr sprechen können, als nun alles in Ortnung [Ordnung] Gebrach [gebracht] war und meine 20 Tage auch mit zu Ende waren bin ich am 14. August wieder zurück nach Diedenhofen ins Hilfslaz. II.

Hier blieb ich noch bis 24. August, wurde dann zu meiner Feldtruppe wieder entlassen, hier hätte es so weiter gehen können,  wenn wir keinen Stadturlaub hatten haben wir feste Skat gespielt. Ich kam erst nach Papelsheim woh wir neu Eingekleidet wurden, dieser Ort liegt bei Metz, sind dann bis Metz Marschiert, von hier aus mit der Bahn nach Couflans [Conflans-en-Jarnisy], Jarollewille [Charleville-Mézières?], Werllengjeunes [Valenciennes?], Douai bis Aleuz [Arleux], mein Regt. 134. war jetzt weiter nach Norden versetzt worden, nach 2 Tage lagen suchen kam ich entlich [endlich] bei meiner Komp. an, selbige lag in Ecourt [Écourt-Saint-Quentin], brauchte hier nicht erst mit in Stellung zu gehen, wurde einstweile hinter zur Bagage geschikt [geschickt] welche in Feschain [Féchain] lag, blieb hier zwei Tage und muste dann wieder zur Komp. welche in dieser Zeit nach Lestree [Lestrée] versetzt worden war, bei meiner Komp. waren lauter neue Leute dazu gekommen, die meisten waren in der Zeit woh [wo] ich nicht da war in Gefangenschaft geraten, denn der Feind hatte überal [überall] angegriffen und unsere Linie mit zurück geschlagen. In Lastour [Lastours] lag unsere Komp. zu unserer Sicherheit, kamen für 1 Tag vor den Kanal zu liegen und zwar in Erdlöcher.

Am 1. September sind wir vom Preusen [Preußen] abgelöst wurden, am 2. sind wir Mittags Abmarschiert zwei Stunden Marsch hatten wir bis zur Verladestelle, 6 Uhr Abends wurden wir Verladen, unsere Fahrt ging über Cambrai, Lille bis Tourcing [Tourcoing], wurden des Nachts 3 Uhr ausgeladen, hatten 2 ½ Stunden Marsch und kamen nach Linselles in eine Fabrik zu liegen, am nächsten Tag wurden wir Alarmiert, es ging mit Sturmgebäk [Sturmgepäck] fort, hatten bald drei Stunden zu Marschieren, und wurden als Reserve bei Gemur eingesetzt, kamen nach 3 Tagen wieder zurück nach Linselles, denselben Tag ging es auch gleich wieder fort, und kamen Rechts nach Kemelberg [Kemmelberg] bei Zollebeke [Zillebeke] in Stellung selbiges war am 8. Sept. lagen hier 7 Tage in früher Eng. Minierstollen welche sich in einer Talschlucht befand. Auf den Strasen [Straßen] lagen hier überal tote Pferde welche sehr rochen, es sah abscheulich aus. Wir wurden am 15. durch unser II. Btl. abgelößt [abgelöst], unser Btl. kam hinter bei Werwik [Wervik] in Ruhe, lagen 1 Tag in Baraken [Baracken], mussten dann abends wieder war bei Kurtowilde [Kortewilde] als Divisionsreserve, kamen hier in Holzbaraken [Holzbaracken] woh jeden Tag Feindliche Flieger Bomben abwurfen, hatten da auch bar [paar] Tote durch Fliegerbomben, waren froh als wir nach 6 Tagen hier fort kamen, wir mussten jetzt unser I. Btl. was in vorterste [vorderste] Linie lag ablösen, woh es auch Qualmde [qualmte], diese Linie lag zwischen Hollebeke u. den Kemelberg [Kemmelberg], kamen da in Schützennester zu liegen, auser [außer] Feindl. Fliegern war es allgemein ruhig, 6 Tage lagen wir hier vorn bis zum 27. unser Essen hohlen war hier schwierig, musten des Nachts 1 ½  Stunde zurük, sind da über freies gelände, haben da manches Granatloch gemessen, musten aber auch auf unser Essen obacht geben, es gab hier gelände woh ein Granattrichter an ander war, wir kamen dann Abends zurük etwa ½ Stunde an die Dammstellung in Bereitschaft, am kommenden morgen woh wir in aller ruhe unser Essen verzehrt hatten und uns bisgen [bisschen] Schlafen legen wollten, setzte auf einmal die Engliche [englische] Artilirie [Artillerie] ein mit starken Trommelfeuer und griffen rechts von uns an wobei wir unter starken Feuer hier lagen, hier sahen wir die Engländer in Trupps vorgehen, sie zogen sich dann nach lings [links] und kamen bis 100 Meter vor uns heran, wir machten einen Gegenstoß, konnten aber, weil wir zu schwach an Leuten waren nicht ausrichten, hatten da auch bar [paar] Tote u. Verw. auch waren etliche Gefangenschaft geraten als dann gesammelt wurde waren wir blos noch 18 Mann in Komp. das schlechte war noch das es gerate Regnete, woh wir bis auf die Haut durch waren, wärend des Tages hatten sich die Engländer mit vorgearbeitet, wir wurden nun des kommenden Abend sie wieder kommen würden, wir hatten Befehl die dammstellung zu halten, aber lings [links] u. Rechts von uns war keine Verbindung mehr da, wir waren auf uns allein angewiesen, wir hatten auch schon alle auf unsere Gefangenschaft gerechnet, denn was wollten wir bar [paar] Mann ausrichten, aber wir hatten wieder mal Glück, die Engländer kamen am Abend nicht und Nachts 12 Uhr haben wir uns dann auch zurük gezogen bis in die Artilirieschutzstellung [Artillerieschutzstellung], woran hier bis Morgens 8 Uhr in einem Betonunterstand, dann war es aber höchste Zeit das wir uns noch weiter zurük zogen denn vor uns auf den Höfen lag der Engländer schon, wir mussten uns da mehr griechent [kriechend] zurük arbeiten, die Engländer konnten uns von der höhe sehen und schossen mit Maschienengewehren nach unser gelände, wir konnten bald nicht mehr weiter, rechts u. lings  [links] war der Feind schon weiter vor, wären da bald in einen Kessel rein geraten ob hier alle zurük gekommen sind, weiß ich nicht denn ein jeder war auf sich selbst bedacht, bei diesen zurük gehen hatten wir die Feindl. Flieger stetz [stets] über uns, um uns zu verfolgen, wir waren dann eine Gruppe vom Komp. Führer abgekommen, durch die  Fluchtartigen Rükmarsch. Wir, unsere Gruppe, kann dann als wir nun ein groß stük zurük waren auf die Strase [Straße] Warnton-Comien [Warneton-Comines], kurz vor Comien [Comines] konnten wir auf der Straße von Maschiengewehrfeuer auch nicht mehr weiter, der lag der Engländer schon bei Huthem [Houthem] auf den Höhen woh sie uns wieder einsehen konnten, wir haben uns dann recht [rechts] von Comien [Comines] u. Werwik [Wervik] gehalten in der Richtung woh unser Komp. Standtquartir [Standquartier] lag, zwischen Werwik [Wervik] und Menin [Menen], hier angekommen haben wir erst mal richtig gefudert [gefuttert], denn wir hatten anderthalben Tag nichts gegessen, wir konnten auch kaum noch weiter, unsere durch nässten Kleider musten allein wieder troken [trocken] werden, unser Quartier kam am selben Tag weiter zurük und zwar rechts von Menin [Menen] nach Wevlegem [Wevelgem], kamen hier des Nachts bei Regenwetter an, fanden nicht gleich Quartier, haben uns da 4 Mann selbst welches gesucht, wir hatten es tüchtig satt, den ganzen Tag auf den Beinen und durch bis auf die Haut naß. Am nächsten Tag sind wir zur Komp. u. Nachm. ging es nach Menin woh es wieder rechnete [regnete], in Menin [Menen] wurde uns unser Btl., was eigentlich aus 4 Kompanien besteht, eine Komp. gemacht, so wenig Leute waren wir also blos noch. Wir kamen hier einstweile in Häuser woh die Einwohner fort waren u. fast alles zurük gelassen hatten, mussten und natürlich erst zutritt verschaffen, hier sah mann viele schöne Sachen aber leiter [leider] konnte mann sie nicht mitnehmen mann wuste ja nicht wohin damit. Als es dann dunkel wurde kamen wir weiter vor auserhalb von Menin [Menen] in Holzbaraken als Bereitschaft. Unsere Komp. war der zusammmenstellung  war da blos noch 20 Mann stark, der Engländer war jetzt schon bis Werwik [Wervik] vorgedrungen, 2 Tage ging es, am dritten Tag griffen die Engländer wieder an, wir haben uns dann zurük gezogen bis in die ausgehobene Stellung bei Coucu [Coucou], am Nachmittag kamen wir dann in ein Gehöf zu liegen, 5 Uhr kam Befehl zum Gegenstoß, weil am morgen die Engländer wieder vorgedrungen waren, wir kamen aber zu spät, die I.R. 126 Preusen [Preußen] hatten uns die Arbeit erspart, nächsten morgen musten wir dann wieder vor, es war stokfinster [stockfinster] noch, wir hatten uns dar bar [paar] Mann verirrt und die Komp. verloren, wir bar [paar] Mann haben dann einen Unterstand neben einen Gehöf gefunden woh wir uns dann aufgehalten haben, nach 2 Tagen haben wir dann durch unsere Feldküche unsere Komp. wiedergefunden, sie lag in einen alten Gehöf, nächsten Vorm. hab ich mich krank gemeldet, brauchte ein neues Bruchband, bin dann allein zurück über Menin [Menen] Wevlegem [Wevelgem], Bißigen [Bissigem] über Kurtrik [Kortrijk] nach Walle, hier befand sich jetzt unser Komp. Standtquartier, kam dar erst Abends 7 Uhr hier nach langen Suchen entlich [endlich] an, lagen da in einer Scheune auf dem oberen Boden, am nächsten Tag hab ich dann in einen anderen Ort die Sanitätskomp. 48 gesucht und mir dort ein neues Band geholt, 3 Tage blieb ich dann hinten bei unseren Standtquartier, muste dann wieder vor nach Menin [Menen] woh  meine Komp. jetzt lag und zwar in einem Kloster in Kellerräumen, dieses Kloster war sonst noch gut erhalten, wärend der größte Teil dieser schönen Stadt nicht kaput geschossen war oder Fenster u. Dächer kaput, ich hatte auch noch keine Einrichtung von einen Kloster gesehen, diese vielen Zimmer mit den schönen Möbeln, auch standen 3 Pianos, eine Orgel und ein Harmonium mit drin, woh wir drauf rumm gespielt haben, dachte unser soetwas sollte man mitnehmen können, Wir kamen dann nach 2 Tagen ½ Tag hinter Bißighen [Bissigem], weil die Engländer wieder angegriffen hatten musten wir weiter zurük nach Wewleghemes [Wevelgem], hatten da auch bar [paar] gefangene gemacht, am Abend sammelte dann der Engländer starke Truppen von hinten an was wir von einen Hausdach aus beobacht [beobachtet] hatten, legten dann am nächsten Nachm. starkes Ariefeuer [Artilleriefeuer] auf unsere umgebung, das wir uns nicht halten konnten, haben uns da bei dunkelwerden weiter zurück gezogen. Weil wir nach rechts u. lings [links] keine Verbindung mehr hatten, sind hier über den Fluss (Ließ) [Leie] mit kähnen gefahren weil sämmtliche Brüken [Brücken] aus absicht von unser Seite gesprengt worden sind um den Engländern ihr Vorwärtskommen etwas aufzuhalten. In der Nacht haben wir dann in einem Gut hinter der Ließ [Leie] geschlafen, am frühen morgen griffen sie wieder an, wir sind dann aber eiligst hier fort, denn wir bekamen Ariefeuer hierher, haben dann den ganzen Tag unser Komp. Quartier gesucht, am Abend hatten wir es glüklich gefunden und zwar in Otteghem [Otegem], haben hier nun unsere Verpfegung [Verpflegung] erhalten und musten noch 2 Stunden schon wieder mit vor, woh wir bis auf die Haut nass waren, weil es den ganzen gerechnet hatte und auch kaput waren, 9 Uhr ging es da bei Regenwetter wieder fort, unterwegs bin ich mit einen Unteroffizier erst mal voraus getreten, wir zwei haben dann in einen Haus auf Pflaster geschlafen, wir haben die anderen ruhig weiter Marschieren lassen, am nächsten Tag Mittags sind wir weiter in das nächste dorf zu einen Bauer haben uns da Kartoffel kochen lassen und haben gefuttert, dann sind wir weiter bis Swerleghem [Zwevegem], wir trafen hier mit einen Fremden Kamerat [Kamerad] vom 15. Rgt. zusammen, dieser hatte Fett u. Kakao bei sich, sind da zu dritt in ein Haus haben uns einen Kübel Kartoffel gekocht und Bratkartoffel gemacht, hier waren auch unsere Einwohner geflohen, dann haben wir uns Kakao gekocht, da haben es uns mal richtig gutschmecken lassen, haben dann des Nachts ein Zimmer auf Strohsäcken geschlafen, am nächsten Tag sind wir nach Kurtrik [Kortrijk] um unsere Komp. zu suchen, kamen da bei einen Lebensmittel[?] vorbei welches in einer Fabrik lag, selbiges war aber schon geräumt worden, hier lag auf dem Fußboden viel Gemüse durcheinander auch in einen Keller woh Marmeladenfässer standen, da klebte man mit den Stiefel an Boden an, alles war durcheinander, viel Kisten Kakaopulverpäkchen, die hälfte davon waren zertreten. Wir sind bar [paar] Häuser weiter, fanden da eine M.G. Gruppe von 104 Rgt. haben uns da einstweile hier mit niedergelassen, im Keller haben wir uns auf einen Holzfeuer etwas warmes Essen gemacht und uns dann hier schlafen gelegt, als wir zwei Mann am frühenmorgen erwachten suchten wir die Gruppe von 104er Rgt. welche aber nicht mehr zusehen war, mann sah auf der Strase überhaupt niemand mehr von uns, wir haben dann unser bisgen [bisschen] Gebäk [Gepäck] genommen und sind schleunigst fort denn wir wussten doch nicht ob die Engländer schon hier wärend des Nachts eingerükt waren, wir sind dann erst ein stück durch die Stadt Kurtrik [Kortrijk], mann sah überhaupt niemand, was uns beiden natürlich komisch vorkam. Wir beide waren ein großes stück schon über Kurtrik [Kortrijk] voraus als wir entlich wieder Kameraden von uns sahen, wärend des Nachts sind unsere vortersten [vordersten] Leute zurük gezochen [gezogen] wurden, wovon wir natürlich nichts erfahren hatten. Ich und mein Kamerat [Kamerad] wir wussten aber nun überhaupt nicht von unseren Regt. woh jetzt wieder lag, haben da den ganzen Tag gesucht bis wir es gegenabend fanden und zwar in Dürlik [Deerlijk] in einen grosen Gut, in der folgenden Nacht mussten wir wieder mit der Komp. vor etwas rechts bei Harlebeke [Harelbeke], als nun der Morgen graute musten wir dann ganz vorn als verstärkung einschwärmen, aber mann sah leiter [leider] hier überhaupt niemand mehr von unseren Leuten, dieser Abschnitt, war garnicht besetzt, als wir auf einmal vorn waren setzte die Engl. Artillerie ein und belegte gerate [gerade] unsern Abschnitt mit Trommelfeuer, wir wusten vor den Augenblik garnicht was eigentlich machen, entweder zurük durch dieses Feuer oder in Gefangenschaft gehen, wir haben uns aber doch entschlossen lieber zurük als in Gefangenschaft, wir sind da in Gottesnamen loßgesaust es ging hier auch noch Bergan über Acker und dabei schossen und die Engländer von hinten mit Maschienengewehr hinterher, da krachte und Pfiff es, mann konnte vor lauter Pulverdampf garnichts mehr sehen, sind aber immer weiter, allerdings sind hier auch etliche liegengeblieben, weil sie verwundet waren oder nicht mehr weiter konnten, mussten da noch zum Unglük über einen breiten Wassergraben woh wir halb in Wasser standen, aber es ging immer weiter, sind da zurük bis Anseghem [Anzegem], unterwegs hörten wir das der Engländer bis dichte vorgedrungen war. Wir haben uns dann ihre 8 Kameraden hier Quartier gesucht, nun haben wir ersteinmal unsere Kleidung getroknet, und dann haben wir uns ruhig in unsern decken eingewikelt und geschlafen bis zum nächsten Tag Mittags, dieser Schlaf hatte uns wieder mal gut getan. Haben uns dann Bratkartoffel gemacht und gefuttert, Nachmittag sind wir dann in ein Gehöf woh sich unser Regiment sammelte. Am nächsten Morgen früh 4 Uhr musten wir schon wieder vor in Bereitschaft und zwar in einen Gehöf. Vorm. 10 Uhr griffen die Engländer wieder an, hatten aber diesmal nicht viel erreicht, mittags mustenwir dann weiter vor, waren hier die vorterster [vorderster] Linie geworden weil sich unsere andern zurük gezogen hatten, am Nachm. konnten wir starken Verkehr bei den Engländern Beobachten, am späten Nachm. kam ein Sturmbataillion von uns, unsere leichte Arie fing an zu schiesen woh die Engl. lagen,  unsern Sturmabt. machte weiter vor zu den Engl. als es dann dunkel war kamen sie zurük mit 50 Gefangenen, des Nachts sind wir dann wieder 2 Kilom. zurük gezogen wurden kamen wieder in ein Gehöf, vor uns lagen aber noch Feldwachen, diesen Tag blieb es ruhig, am Nachm. hatten sich die Engl. zuweit vor gearbeitet, konnten da durch das Feuer unsere Feldwache nicht mehr zurük, wir haben da über 30 Gefangene gemacht, am nächsten Tag muste ich mit vor auf Feldwache woh wir in Menierstollen [Minierstollen] lagen am 3ten Tag wurden wir abgelößt, als wir etwa 1 Stunde zurük waren setzte auf einmal die Eng. Artillierie [Artillerie] mit Trommelfeuer ein, wir lagen in einen Gut, haben da schleunigst unser Grämpen genommen und sind fort, musten da durchs Sperrfeuer durch, ich war dar blötslich [plötzlich] allein, jeder war woh anders hingesaust, ich kam dann an entlichen Häusern vorbei woh die Einwohner durch das Feuer vor schrek fort waren, bin da in ein Haus hab mir da meine Büchse voll Weißfett gemacht und fand dann noch eine Schüsel [Schüssel] Eier, habe da nach Apetit [Appetit] eine anzahl ausgetrunken, ich fand sonst weiter nichts hier und bin dann fort, weiter hinten traft ich zur 11. Komp. und wurde da einer Maschienengew.-Gruppe zugeteilt, auf unseren Abschnitt woh wir vorn lagen waren die Engländer nicht weit vor gekommen, aber lings [links] von uns waren sie schon bald in Ansekhem [Anzegem]. Bei dieser Masch. gew. Gruppe muste ich dann etwas zurük bei den Feldküchen Essen hohlen, als ich zurük muste ging das Trommelfeuer wieder loß, haben aber nicht angegriffen. In der kommenden Nacht wurden wir dann entlich wieder einmal abgelößt, wir hatten doch viele Tage kein richtigen Schlaf gehabt, waren da mal glüklich sind da bei Nacht abmarschiert bis nach Audonorde [Oudenaarde] etwa 3 Stunden, kamen hier in ein groses Haus in ein groses Zimmer woh Heu lag, haben uns hier Schlafen gelegt bis nächsten Mittag, 3 Uhr Nachm. sind wir wieder weiter marschiert bis Abends 7 Uhr, wir waren da kaput zum Umfallen hätten aber auch nicht weiter gekonnt, dieser Ort hier hieß Audenhofen St. Groy, wir kamen da in Häuser zu liegen haben uns kommende Nacht einmal richtig ausgeschlafen das war von 26 zum 27 Oktober.

Unsere Komp. war sehr schwach geworden höchsten 20 bis 25 Mann waren noch da. Am 2ten Tag schmekte mir kein Essen mehr es ekelte mich alles an, habe mich da Krank gemeldet, hatte da 39 grat [Grad] Fieber eine art wie Grippe, wurde da ins Lazarett geschrieben ich habe da mein Gebäk [Gepäck], das heißt Sturmgebäk [Sturmgepäck] denn mein Turnister [Tornister] war nicht mehr da, hatte da eine neue Weste und edlich [etliche] Paar Socken und etlich gleinigkeiten [Kleinigkeiten] was da natürlich weg war.

Ich muste da dieses Lazarett suchen, habe da etliche Orte abgefragt fand es aber nicht, auf andere Lazarette nahmen niemand auf weil es immer weiter rükwärts ging, als ich keine Unterkunft fand und zum suchen hatte ich auch bei einen Fieber keine Lust mehr, da bin ich mit einen Wagen den ich unterwegs traf zur nächsten Stadt gefahren, bin hier auf dem Bahnhof und einfach nach Brüssel gefahren, auf den Brüssler Bahnhof hab ich mich beim roten Kreuz gemeldet und kam dann in einen Auto ins Kriegslazarett 5, dieses war am 29. Okt.

Den ganzen Rükzug von Kemelberg [Kemmelberg] bis nach Anseghem [Anzegem] hatten ich nun mit gemacht woh ich daran gedenken werde.

Dieses Lazarett lag in einen Schloß  woh wir im Park, in einen großen Halle lagen, nach einigen Tagen Bettruhe hatte sich mein Fieber langsam wieder gebessert, hier lauerten wir nun jeden Tag auf den Waffenstillstand der eintreten sollte bis entlich am 11. November Mittags der Waffenstillstand gemeldet wurde. Die Stimmung unter uns war da wie umgewandelt denn weil nun entlich noch reichlich  4 Jahren wieder mit den Mordinstrumenten Ruhe war, ich war somit wieder gesund nun hieß es aber so schnell wie möglich in die Heimat denn innerhalb 10 Tagen sollten unsere Truppen das Feindliche Gebiet bis zur Grenze geräumt haben, haben uns nicht länger halten lassen, am zweiten Tag haben wir uns unsere Soldbücher geben lassen und sind da etliche 40 Mann mit Feuden [Freuden] auf den Brüssler Bahnhof, hier konnte mann aber Militär sehen, alles wollte nach der Heimat die Personenzüge welche abfuhren waren so voll besetzt das Hunderte noch auf den Wagendächern Platz gesucht hatten um mit fortzukommen. Abends 6 Uhr bin ich dann mit Kameraden vom Lazarett in einen Zug eingestiegen, aber unser Zug fuhr erst Nachts 3 Uhr ab woh uns die Zeit bald Ewigkeit wurde, als wir abfuhren wurden nun Heimatslieder angestimmt was sehr feierlich und ergreifend war. Unsere Fahrt ging aber langsamm vor sich durch das grose durcheinander, nächsten Abend 7 Uhr waren wir in Löwen, hier hatten wir 18 Stunden Aufenthalt anderen Tag Mittag ging es wieder ab, nächsten Morgen 6 Uhr waren wir in Lüttig [Lüttich] nach 2 Stunden ging es weiter kamen abends 9 Uhr in Aachen an 11 Uhr wieder ab und Morgens 7 Uhr waren wir in Köln am Rhein, hier sind wir umgestiegen in einen DZug  welcher bis Magdeburg fuhr, diese Fahrt dauerte 12 Stunden woh wir 8 Uhr in Magdeburg ankamen, 11 Uhr sind wir dann mit Schnellzug wieder bis Leipzig. Kamen nach drei Stunden Nachts 12 Uhr in Leipzig an.

Meine Fahrt von Brüssel bis Leipzig hatte da 4 Tage gedauert hier bin ich auf den Bahnhof beim roten Kreuz  über nachtet, am nächsten Tag Nachm. 2 Uhr bin ich dann wieder nach Cemnitz [Chemnitz] hier hatte ich gleich Anschluss nach Hohenstein-Er. Es war 7 Uhr Abend als ich nun entlich nach langer Bahnfahrt in meiner Heimatstadt eintraf, dann schnell ging es nach Hause, zu Hause das unverhoffte Wiedersehn war eine große Überraschung u. eine  grose Freude. Ich war nun froh das ich nach 5 tägicher [tägiger] Bahnfahrt entlich wieder in einen Bett Schlafen konnte. Glüklich war ich mit meiner Familie das nun entlich Waffenstillstand war und ich Gottseidank gesund und unverletzt vom Felde nach schweren gefahrvollen Tagen zurük gekehrt war. 6 Tage habe ich dann zu Hause verweilt.

Am 23.11  bin ich von zu Hause aus nach Plauen zu meinen Ers. Btl. 134 gefahren kam hier zur 6. Genesen Komp. welche in der 11. Bürgerschule lag, Dienst gab es jetzt keinen mehr es wurde mir hier die Zeit bald zu langweilig habe mich da viel in der Stadt umgesehen, am 1. Dezember erhielt ich dann 14 Tage Erholungsurlaub weil ich zuletzt im Lazarett war. Diese 14 Tagen vergingen auch und ich muste am 16.12 wieder zurük woh ich dann mit zur Wache eingeteilt wurde, hatte immer 1. Tag um den ander Wache zustehen welche mir bezahlt bekomme so ging es bis zum zweiten Weihnachtsfeiertag, hatte da Urlaub eingereicht u. auch 4 Tage erhalten, bin am 2ten Feiertag zu Hause gefahren, zurük bin ich aber er wieder 2. Januar unsere Komp. brauchte jetzt keine Wache mehr zu stehen denn wärend dieser Zeit war eine Sicherheitskompanie zusammen gestellt worden welche die Wachen nun über hatten,  wir hatte da wieder schöne Zeit u. langeweile, sind viel spazieren gegangen, am 21. Januar wurde dann unser Batl. aufgelöst, ich hab mich da wieder krank gemeldet  und kam ins Reserve Laz. Plauen, hier war ich vom  21.1. bis 1. März woh ich wieder eine sorgenlose schöne Zeit hatte, den ganzen Tag gespielt, gegessen u. geraucht. Wärend dieser Zeit im Lazarett wurde mir von meiner  gewesenen Feldkomp. das Eiseren Kreuz II. Kl.  nach Hause über sand mit einen Schreiben für die Kämpfe in Flandern wovon ich nun aber leiter [leider] nichts davon hatte. Vom Lazarett bin ich zur 9. Komp. 134 gekommen und am selbigen Tag noch 14 Tage wieder auf Erholungsurlaub gefahren, nach 14 Tagen bin ich dann am 15 März wieder zurück nach Plauen und konnte am anderen Tag schon meine Entlassungspapiere in Empfang nehmen woh ich da gleichzeitig 14 Tage Arbeitsurlaub mit erhielt. Jetzt hatte nun das Militärleben ein Ende und eine anderes schweres Leben leiter [leider] nach diesen, für uns verlorenen Krieg, nahm nun seinen Anfang. Es war am 1. April woh ich vom Militär entlassen wurde.

Diese Kriegsjahre wurden mir und noch vielen zurük gekehrten Kameraden und auch unsern angehörigen welche wärend dieser Zeit zu Hause viele Sorgen ums Tägliche Brot und um ihre Angehörigen im Felde durch gemacht haben eine lange Erinnerung bleiben.

Aus dem Felderinnerungsbuch nieder geschrieben im September 1924.

Paul Nagel, Centralstr. 13

Hohenstein-Er. (Sa.)

Januar 8, 2021
von Jens Winter
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Kriegserinnerungen eines unbekannten Soldaten im Infanterie Regiment 357 (August bis September 1916)

Dieser Band von Kriegserinnerungen eines unbekannten Soldaten ist der 4. Band der Erinnerungen.  Der Band umfasst den Zeitraum von August 1916 bis September 1916. Auf der ersten Seite des Bandes hat vermutlich der Verfasser die Nummer des Bandes eingetragen, nämlich 4. Es ist davon auszugehen, dass es noch mehr Bände gab, die allerdings mir nicht vorliegen.

Der unbekannte Mann war Soldat im Infanterie Regiment 357. Vermutlich war er von Beruf Buchbinder. Er hat zeitweise an der Erstellung von Reliefkarten gearbeitet, wo er seine Fachkenntnisse einbringen konnte. Sein Einsatzgebiet war im Raum Verdun sowie im St.-Mihiel-Bogen.

Die Ortsnamen wurden der heute gültigen Schreibweise angepasst. Ansonsten wurde die Schreibweise des Verfassers übernommen.

Bei dem Band handelt es sich um Kriegserinnerungen, da sie wohl im Nachhinein bearbeitet worden sind. Die Eintragungen sind nicht durch genaue Daten voneinander abgegrenzt. Möglicherweise lagen diesen Erinnerungen Kriegstagebücher zu Grunde, die mir aber nicht vorliegen.

Erste Seite der Kriegserinnerungen

Kriegserinnerungen eines unbekannten Soldaten im IR 357 (Aug./Sep. 1916)

Nach Verdun

Also, nachdem wir, wie schon erwähnt zu guterletzt nochmals in Nonsard die preußische Disziplin zu spüren bekommen hatten, um nicht entwöhnt zu werden, marschierten wir zum Bahnhof Vigneulles, von hier ging es per Güterzug nordwärts. Ziel der Reise, wie gewöhnlich, unbekannt. Auf den Stationen, wo wir hielten, wurden die hier Dienststunden Kameraden gefragt, wo die von uns befahrene Strecke hinführte, aber da von dieser mehrere Geleise abzweigten, konnten wir keine auch nur einigermaßen sichere Zielrichtung herausbekommen. Erst als wir frühmorgens vor Billy entladen wurden, wussten wir, dass wir in der Nähe von Verdun waren, was man eigentlich mit uns vor hatte, ahnten wir natürlich immer noch nicht. Nachdem unser Bataillons-Kommandeur von der dortigen Militärbehörde das Marschziel erfahren hatte, marschierten wir los. Zuerst in der frischen Morgenluft, ließ es sich noch gehen, aber je höher die Sonne und zugleich das Thermometer stieg, desto ungemütlicher wurde es für uns.

Das kolossale Gewicht des Gepäcks, welches beinahe mein Eigengewicht ausmachte, drückte doch zu stark und alles Aufmuntern der ohne Gepäck marschierenden Offiziere (nur der Bataillonsstab nicht), nütze nichts, beinahe jede Stunde musste Halt gemacht werden. Kurz vor Mittag machten wir noch eine größere Pause, dann sollte endgültig durchmarschiert werden bis zum Endpunkt. Jedoch noch einmal, vor einer Steigung in einem kühlem Walde, machte unser Bataillon halt. Nachdem wir kurze Zeit rasteten, brachen zwei hinter uns liegende Kompanien die 3. und 4. vor uns auf und verhohnepipelten uns wegen unserer Schlappheit. Gleich darauf zogen wir weiter.
Der durch Bäume beschattete ansteigende Weg fiel uns jetzt verhältnismäßig leicht. Um so mehr erstaunten wir, dass auf halber Höhe sämtliche anderen 3 Kompanien schlapp gemacht und sich hingelegt hatten. Jetzt waren wir die Laufenden.

Kurz nach 4 Uhr kamen wir endlich im sogenannten Gerda-Waldlager an, wo wir vorläufig bleiben sollten. In langen stallartig eingerichteten Baracken wurden wir untergebracht. Längs, in der Mitte, ein breiter Gang. An beiden Seiten von einem zum anderen Ende je 2 übereinander angebrachten Lagerstätten. Diese bestanden aber nicht wie die bisher angetroffenen aus Holzpritschen, sondern aus Maschendraht, welches über stallbaumähnlich angebrachten Rundhölzern gespannt war. Jeder schlief so in einer Art Hängematte. Diese Baracken hatten jedenfalls schon manche Krieger aufgenommen. Davon zeugten schadhafte größere Löcher im Maschendraht. Auch in anderer Hinsicht waren diese Behausungen wenig zum Bewohnen geeignet, da die Dächer und Wände sehr viele undichte Stellen aufwiesen, sodass uns trotz ziemlich milden Sommernächte fror.

Gegen Abend fand noch ein Fußapell statt, welcher sich, der ungefähr 90%  wunde Füße hatten, sehr in die Länge zog. Dem Arzt schien die viele Arbeit nicht zu behagen, denn je mehr Stunden verflossen, je mehr schimpfte und fluchte er. Manche Kameraden hätten gewiss ihr Füße besser pflegen können, aber im großen ganzen hatten doch gerade wir die wenigste Schuld an der Sache.

Im allgemeinen lebten wir im herrlichen Walde ganz gut. Unsere Vorgänger hatten für alles Mögliche gesorgt. Es gab hier besondere Baracken für Kantinen, Schreibstube, Offiziersquartiere u.a.m.

Auch Lauben standen überall unter den alten, hohen Bäumen. Das das Wetter während unseres dortigen Aufenthalt sehr gut war und in den Baracken weder Tische noch Sitzgelegenheiten vorhanden waren, nahmen wir in den Lauben unsere Mahlzeiten ein und erledigten auch hier unsere Schreibereien. Die Verpflegung, welche in den letzten Monaten sehr nachgelassen hatte, ließ hier, Umständen nach, nichts zu wünschen übrig. In der Küche unseres Lagers in einem Wiesengrund zwischen großen Waldungen befand sich eine große, zu der etwas höher gelegenen Ferme, Viehtränke welche durch einen durchfließenden Bach stets mit gutem klaren Wasser versorgt wurde. Hierhin durfte wir täglich zum Baden gehen. Diese Erlaubnis wurde dann auch bei der herrschenden Hitze gründlich ausgenutzt. Der Dienst bestand hier nur in wichtigen Appells sowie Handgranaten werfen und Exerzieren mit Gasschutzmasken. Die Freizeit wurde mit Instandsetzen der Sachen, schreiben, Sport und mehr hingebracht.

Hin und wieder schenkten die Kantinen auch Bier und Schnaps aus, welche Gelegenheit leider viele Kameraden vornahmen sich gehörig zu benebeln.

Gleich am Abend unserer Ankunft gab es das erste Bier. Während die meisten Leute es trotzdem vorzogen, früh ihre Lager aufzusuchen, konnten es mehrere Kameraden, hauptsächlich Hamburger, nicht unterlassen sehr viel Alkohol zu genießen.

Kurz nach 11 Uhr wurden wir in unserer Baracke plötzlich aus tiefem Schlaf geweckt. Einer der Hamburger, Gerstenberger, hatte sich so betrunken, dass er sein auf der Etage neben meinem befindlichen Lager nicht finden konnte. Nach langem Hin- und Hersuchen, Rufen und Fragen, wodurch schließlich der letzte Schläfer gestört wurde, gelang es endlich seinen Begleitern, dieses zu finden. Fünfmal versuchte der Bekneipte hierauf zu kommen und fünfmal fiel er zurück auf das untere Lager.

Auf Kommando als Buchbinder

Bis seinen Kumpanen schließlich die Geduld riss und ihn einfach auf sein Lager warfen, oder vielmehr hatten sie es vor, denn Gerstenberger fiel sofort durch den arg zerrissenen Maschendraht hindurch auf den unter ihm liegenden Kameraden.

Hier blieb er ruhig liegen, selbst die Schläge, welche er von einigen Kameraden zur „Erziehung“ bekamen, störten ihn gar nicht.

Am 26.07 kam ich nachmittags arglos vom Baden ins Lager zurück, als mir von allen Seiten zugerufen wurde, der Feldwebel habe mich gesucht, ich sollte sofort zu ihm kommen. Erst wollte ich es gar nicht glauben, was sollte ich beim Spieß? Verbrochen hatte ich meines Wissens nichts, also musste es schon etwas besonderes sein. Nachdem es mir auch mein Korporal bestätigte, machte ich mich dann auf den Weg. Der Feldwebel empfing mich freundlich. Nun, da sind sie ja, machen sie sich schnell fertig, sie werden abkommandiert für Buchbindearbeiten, in 45 Minuten müssen sie reisefertig sein. Wenn das Packen auch wohl in 15 Minuten zu machen war, so hatte ich doch vielerlei zusammenzusuchen und zu empfangen. Nach 40 Minuten stand ich jedoch in der Schreibstube, bekam meine Papiere und freute, mich auf den Wegen durch den Wald von den alten Kameraden, von denen ich nicht wusste, ob ich sie wiederseh, verabschiedend, ab dem Orte Vaudoncourt zu, wo ich mich bei einer dort befindlichen Vermessungsabteilung melden sollte. Hier meldete ich mich bei dem im Hauptmannsrang stehenden Dirigenten der Abteilung und bezog Quartier im gegenüberliegenden Hause, wo sich auch die Druckerei, Buchbinderei und ein Zeichenzimmer befanden.

Am selben Abend und am nächsten Tage kommen noch mehrere Kameraden aus dem ganzen Regiment an. Ein jüngerer Kollege, ein Buchdrucker, welcher auch als Pappschuster durchgegangen war und drei Zeichner. Außer den Buch- und Steindruckern arbeiteten auch ein Buchbinder und  zwei Zeichnern ständig in der Abteilung. Der Buchbinderei war hauptsächlich Reliefkarten geklebt wurden und den Zeichnern, welche diese austuschten[,] stand ein Topograph (Oberleutnantsrang) bevor. Dieser war ein tüchtiger guter Mensch der uns bei unseren Arbeiten volle Schaffensfreiheit ließ, nur sah er darauf, daß die Ablieferungstermine inne gehalten wurden. Wir mussten zeitweise Umschicht arbeiten, also auch nachts, hierbei hat sich der Buchdrucker manchen Pfusch geleistet, den ich kaum wieder beseitigen konnte. Die Arbeiten an und für sich waren interessant und abwechslungsreich, da wir einmal einen kleinen, ein andermal einen großen Maßstab zu kleben hatten. Nur das Essen lies hier zu wünschen übrig, da auch aus der Heimat wegen der stetig knapper werdenden Lebensmittel auch nicht mehr viel geschickt werden konnte, musste wir oft mit hungrigem Magen zu ,,Bett“.

Bei unserem Umherstreifen nach Feierabend hatten wir Kartoffelfelder entdeckt und kamen auch zu dem Entschluß, gelegentlich einige zu holen, um wenigstens einmal wieder satt zu werden. Dreimal hatten wir, ein Zeichner (Gefreiter u. Spielmann aus der 12. Kompanie) und ich ja einen Sandsack voll geholt, wobei wir, damit es nicht auffiel, beim Auskriegen die Sträucher stehen ließen. Trotzdem mußte die Ortskommandantur dahinter gekommen sein, denn eines Abends sind wir grad wieder beim Mausen, als ein Ulanengefreiter der Ortskommandantur dem Kartoffelfelde näher kommt. In der Hoffnung, daß dieser uns in der Dämmerung bei unserem sehr vorsichtigen Vorgehen nicht gesehen, legen wir uns platt hin. Jedoch auch der Ulan war nicht aus Dummsdorf und fand uns. Er riet uns, da das Stehlen von Kartoffeln sehr schwer bestraft würde und der Kommandant unnachsichtig vorgingem, dieses zu lassen. Er schlug uns auch einen besonderen Weg vor, um dem Kommandanten nicht in die Quere zu laufen. Nach einigen Schritten meinte mein Kumpel du, der will uns anführen und den Kommandanten in die Arme führen, lass uns hier durch den Wald gehen. Gesagt getan.

Im Wald, selbst geduckt, konnten wir die Felder übersehen und auch den vorgeschlagenen Weg zum Orte, auf diesem befand sich wirklich der Ortsgewaltige. Wieder einmal Schwein gehabt, dachten wir. Kurz vor dem Orte versteckten wir die Kartoffeln, der Spielmann machte nun seinen abgenommenen Schwalbennester wieder an, ebenso wurden unseren aus der alten Form gebrachten Mützen wieder aufgesetzt und so bummelten wir langsam dem Quartier zu. Nach Dunkelwerden gingen wir mit noch mehreren Kameraden zum Versteck der Kartoffeln, holten sie hervor und brachten sie nach „Hause“.

Vor „diesem“ stand zufällig der Topograph, an ihm mussten wir vorbei. Jedoch sagte er nichts, sondern sah nur, indem er unsren Gruß erwiderte, lächelnd auf die Kartoffelsäcke.

Am nächsten Abend hatten wir uns mit fünfen zusammengetan. Einer gab einige Eier ein, anderer Speck, der Dritte Butter, der Vierte Schmalz zu, der Gefreite als Fünfter konnte, aus dem an Lebensmittel besonders armen Essen stammend, nichts dazu geben, dafür war er aber der führende Kartoffelmauser gewesen. Im Zeichensaal stand ein großer und guter Herdofen, auf diesen brieten wir dann in einer riesig großen requirierten Pfanne die seltenen Herrlichkeiten. Beim Essen überraschte uns wieder der Topograph. Na, sagte er, wie schmecken die Kartoffeln? Danke Herr Togograph. Dann laßt sie Euch nur schmecken,  ich gönne sie Euch.

Trotz aller Hindernisse wurden weiter Kartoffeln gemaust, denn Hunger tut weh, von den kleinen Rationen konnten wir wirklich nicht satt werden. In dem kleinen Orte Vaudoncourt gab es außer den täglichen Promenaden Konzerten der Kapelle des hier in Bereitschaft liegenden Regiments keine Unterhaltung. Interessant anzusehen waren jedoch die in langen Schlangenlinien den Ort passierenden Bagagen der verschiedenen Truppen. Von nach vorne gewesenen Truppenteilen kamen auch oft, leider recht spärliche Reste zurück, welche nach kurzer Rast weiter marschierten. Von diesen hörten wir, wie es vorne aussah.

Am 31.07 kam auch das im Ort liegende Regiment auf Autos in Stellung, nachdem am Tage vorher Feldgottesdienste stattgefunden hatten. An den Katholische Feldgottesdienst nahmen auch französische Zivilisten teil.

Am 6.8 erhielten wir vom Regimentskameraden Nachricht, daß in diesen Tagen die 357er  bataillonsweise zur Besetzung der Souville Nase vorrücken sollten. Am selben Abend machten wir mit einigen Kameraden einen Spaziergang nach dem 40 Minuten entfernt liegenden Spincout, wo sich ein wichtiger Verladebahnhof befand, auch Lazarette und Verbandsplätze für durchkommende Verwundetentransporte gab es hier. An der Pforte eines solchen Verbands- und Verpflegungsplatzes trafen wir zufällig einige 358er, welche uns berichteten, dass ihr Bataillon von einem der 357er abgelöst wäre und wenn es Verwundete gäbe, diese gewiss auch hier übernachteten, wir sollten man noch etwas warten, um diese Zeit kämen der Verwundetenzug.

Wir gingen jetzt der Richtung zu, wo der Zug herkommen mußte, von der Anhöhe aus verfolgen wir die Schienenstränge, welche in der Ferne in einen Tunnel verschwanden. Da wir nichts versäumten, legten wir uns ins Gras und warteten. Nach ca. 3/4 Stunde erschien dann auch auf der Tunnelöffnung ein langer Güterzug, aus deren offenstehenden Türen eigentümliche weiße Flecke hervorlugten. Im ersten Augenblicke konnten wir uns gar nicht erklären, was das bedeute, erst beim Näherkommen des Transports erkannten wir immer deutlicher, dass es verbundene Köpfe, Arme und Beide waren. Da wir alle meinten, es wäre nur leicht Verwundete, sagte einer der Kameraden, die werden sich schön freuen, daß sie dazwischen raus sind. Um diese zerschossene Kameraden, unter denen sich vielleicht Bekannte befanden, am Bahnhof empfangen zu können, gingen wir langsam dem Bahnhof zu. Hier wurden gleich darauf die zum Teil gar nicht mal leicht Verwundeten ausgeladen, einige konnten kaum gehen, trotzdem waren keine Tragbaren zur Stelle und die Verwundeten waren alle ganz auf ihre leichter beschädigten Kameraden angewiesen, von denen sie gestützt wurden. Andere wieder verzogen vor Schmerz das Gesicht, dieses hinderte aber den führenden Sanitätsgefreiten nicht, die Ärmsten immer wieder zu schnelleren Tempo anzuhalten. Auf halbem Weg brach schließlich ein junger Mensch zusammen, für den dann doch eine Trage geholt warden mußten. Meine Begleiter und ich versuchten mehrere Male mit den Verwundeten Unterhaltungen anzuknüpfen, eventuell zu helfen, wir wurden aber jedes mal barsch von dem Gefreiten zurückgewiesen. Wir begleiteten diesen traurigen Zug bis zum Verbandsplatz und gingen, da unter diesen Kameraden keine unseres Regiments waren, nach Vaudoncourt zurück.

An den drei nächsten Tagen waren einige Kameraden wieder in Spincourt, jedes mal erlebten wir wieder das selbe Trauerspiel. Den ersten Abend trafen sich 3, den zweiten 1 und am dritten 2 Kompaniekameraden, alle zum Glück nur leicht verwundet.

Viele Verwundete sagten aus, dass sie in den letzten Tagen so gut wie gar nichts gegessen und getrunken hätten. Die Essen und Kaffeeholer sind meist gar nicht vorne angekommen, weil das Vorwärtskommen auf dem schlechten Gelände bei dem dauernden Trommelfeuer unmöglich war, manche von den Essen- u. Kaffeeholern seien auch hierbei verwundet worden.

Trotz dieses Umstandes wurden die armen Kerle hier hinten wie eine Horde Vieh behandelt und zu essen gab es auch hauptsächlich Marmeladenstullen und schwarzen Kaffee.

In den folgenden Tagen arbeiteten wir an zwei großen Reliefkarten für den Divisionsstab mit Ablösung auch mussten Überstunden gemacht werden, deshalb konnten wir vorläufig nicht mehr nach Spincourt gehen. In dieser Zeit bombardierten feindliche Flieger in 4 Nächten Spincourt sowie das Gelände zwischen diesem und Vaudoncourt, wenn in Spincourt so ein Ungetüm explodierte hörte sich`s an, als ob es nahe unserer Wohnungen passiert sei. Eine schwere Bombe fiel und krepierte ca. 30 Meter von einem französischen Bauernhause, riss aber „nur“ ein 2 Meter tiefes Loch in den Boden und zertrümmerte die Fensterscheiben, die Bewohner kamen mit dem Schrecken davon.

Bei späteren Besuchen Spincourts trafen wir auch bayerische Truppen zur Verladung ein. Kaum stand die  Bagage, als auch schon Bier ausgeschenkt wurde, nach einer kurzen ½ Std. war alles, auch der Bierwagen, bereits verladen.

Die Bayern konnten nämlich keinen halben Tag ohne Bier zu, selbst während des kürzesten Aufenthaltes war dieses zur Hand. Was mochten die Menschen vorne gedurstet haben, wenn kein Gerstensaft rangeholt werden konnte.

Am 13.08 mussten 7 Kameraden zur Truppe zurück, auch die Zeit meines speziellen Freundes, des Spielmannes, war abgelaufen.

Zurück zur Truppe

So blieb ich allein bei dem ständigen Personal der Abteilung zurück. Arbeit hatten wir jedoch noch genug, deshalb bemühte sich unser Abteilungs-Chef mit allen Kräften bei dem Divisionsstab wenigstens mich noch für einige Wochen behalten zu können.

Alle Vorstellungen nützten jedoch nichts, auch ich wurde nach 6 Tagen zurück befohlen und so zog ich denn am 19.8 ab zur Truppe. Nach vielem Hin- und Herlaufen und Fragen gelangte ich dann am Abend im „Jägerlager“, ebenfalls im Walde gelegen, an, wo die Schreibstuben und Bagagen unseres Bataillons bereits eingetroffen waren. In einem Pferdestall schlief ich für die ersten beiden Nächte zwischen den Pferden, Ratten und Mäusen. Am Tage half ich in der Schreibstube und Küche.

Am 21.8 Nachmittags 5 Uhr Ankunft des Bataillons. Kaum hatten sich die Kameraden vor den Strapazen der Verdunschlacht etwas erholt, als auch schon ein gegenseitiges Erkundigen der Kompanien untereinander einsetzte. Von den kurz vor Instellunggehen noch aufgefüllten Kompanien waren 30 bis 50% gefallen, verwundet oder vermisst, auch der neue Zugführer des 3. Zuges, ein 22 jähriger Leutnant war gefallen. Um 9 Uhr Abends marschierten wir bereits weiter zurück über Billy, Vaudoncourt nach Spincourt zur Verladung, wo nachts um 12 Uhr die Abfahrt erfolgte.

Ruhe in Cesse

Am 22.8 morgens 6 Uhr Ankunft in Cesse. Nach wenigen Stunden wohlverdienten Ausruhens kam schon wieder der Befehl, so schnell als möglich Sachen instandsetzen. Da diese natürlich böse aussahen, hatten wir und die Handwerker schwer zu tun. Am nächsten Morgen fand schon wieder von 8.30 bis 11.30 Uhr exerzieren statt und nachmittags gar schon Besichtigung durch den Divisions- und Brigade-General, wozu die vielen Vorbereitungen und die kleinlichen Appells kommen. Auch in den folgenden Tagen kam man vor übermäßigem und überflüssigem Dienst kaum zur Besinnung. Auch fanden noch 2 große Felddienstübungen statt. Am 24.8 als angenehme Abwechslung baden in der Maas unterhalb der Badeanstalt des Kronprinzen.

Am 26.8 außergewöhnlich viel Dienst. Morgens 2,30 Uhr bereits wecken, dann zuerst Appells. Um 4 Uhr Abmarsch mit Sturmgepäck (circa 40 Pfund incl. Ausrüstung) zum großen Exerzierplatz. Parademarsch vor dem Bataillons-Kommandeur von Ofen.

Nach Rückkehr Handgranaten werfen und zum Schluss von 4-6 Uhr „Spielen“.

Am 27.8 morgens Schützengraben bauen, hierauf mehrere Appells mit Gepäck, nachmittags spielen, nochmal 2 Appells mit Gepäck usw. Nach fast jedesmaligem Wechsel mit vollem und Sturmgepäck blieb es schließlich beim vollem Gepäck. Der Tornister sollte laut Befehl für die am nächsten Tage stattfindende Besichtigung durch den Kronprinzen fertig gerollt und gepackt liegen bleiben, so mussten wir uns in der folgenden Nacht ohne die für unser Lager notwendigen Sachen, Mantel, Zeltbahn etc. behelfen.

Besichtigung durch den Kronprinzen

Am 28.8. 7 Uhr morgens Abmarsch. Nach gut zweistündigem Eilmarsch über hügeliges Gelände hatte  wir auf einer Wiese eine halbe Stunde rast. Hierauf exerzieren.

Um 10 ¾ Uhr antreten im Viereck. Um 11 Uhr Ankunft des Kronprinzen. Als dieser aus dem Auto auf uns zukam, fragten wir uns gegenseitig. Hat der Kronprinz eine Brille auf? Erst beim Näherkommen desselben sahen wir, dass es nur dunkle Ringe unter den Augen waren. Nach einigen ligèren und sehr ligèren Redensarten, womit er einige im ersten Glied stehende Kameraden „beglückte“, hielt er eine kurze Ansprache, verteilte einige Eiserne Kreuze, wünschte baldigen Sieg und Nachhausekommen zur Familie und Verabschiedete sich von uns. Wir machten uns schnell fertig und marschierten zurück. Auf der Straße hielt der Kronprinz noch in seinem Auto und nahm eine „Parade“ ab. Nach weniger Zeit überholte er uns, wobei er Hände voll Zigaretten in Schachteln unter uns warf. Auch ich erwischte eine, die Hoffnung etwas recht gutes erwischt zu haben, betrog uns aber leider. Um 2 Uhr waren wir zurück in Cesse. Nachmittags noch Gewehrreinigungen, Sachen in Ordnung bringen und Verlosung einiger kleiner Hamburger Liebesgaben, Bier, Wein, Schnaps, Zigaretten und vieles mehr, hernach noch Wettlaufen u. s. w.

Alles dieses war selbstverständlich „Dienst“, sonst hätten wir uns lieber aufs Lager gelegt und geruht, denn auch bei dem übermäßigem Dienst hatten wir wirklich kein Fett angesetzt, welches abgetrieben werden musste, aber genau das Gegenteil war der Fall, durch Strapazen, Gefahren, Kohldampf schieben u.s.w. waren die meisten Kameraden soweit, daß sie dringend der Ruhe und Pflege bedurft hätten. Bei der spät herauskommenden Parole wurde uns zum Überfluss noch verkündet: „Morgen Abfahrt zu einer anderen Stellung“. Das Gerücht lief schon seit mehreren Tagen um.

Vorher aber wollte der Kompanieführer noch einen Übungsmarsch in die Umgebung mit uns machen.

Am nächsten Morgen 29.8 morgens 7 Uhr marschierten wir dann von Cesse ab. Beim Antreten konnte man schon auf allen Gesichtern lesen, daß den Leuten dieser Ausmarsch dann doch über die Hutschnur ging. Statt der sonst meist ruhigen oder lächelnden, zu jedem Scherz aufgelegten Mienen sah man nur brummige, mürrische Gesichter. Als dann nach kurzem Marsch dann gar der kurze Befehl kam: „Singen“! war es doch mit dem Gehorsam vorbei. Immer wieder: „Singen“!

Niemand sang. Schließlich meinte der Kompanieführer, wenn wir nicht singen, ließ er stattdessen Ausmarsches auf dem am Wege liegenden Sturzackern exerzieren.

Auch dieses half nicht.

Dann das Kommando: „Linksschwenk Marsch.“ Also hinauf auf einen Sturzacker. Hier ließ der Oberleutnant jedoch erst einmal halten und hielt uns eine kurze Moralpredigt.

In dem Glauben, daß der ausnahmsweise vorne marschierende dritte Zug Schuld am Nichtsingen hatte, ließ der Oberleutnant die Kompanie Kehrt machen, so daß beim nunmehrigen Weitermarsch der 1. Zug (Liebling der Oberleutnants) wieder an der Spitze marschierte, jedoch erst nach längeren gütigen Zureden, Drohen u.s.w. der Offiziere entschlossen sich einige, ein Marschlied anzustimmen, aber nur wenige fielen nach und nach ein. Es fehlte aber von vornherein die Stimmung. Nach 2 ½ Stündigem Marsche kommen wir im Orte Pouilly an. Hier machte der Kompanieführer eine Kantine ausfindig, wo es Bier gab. Zugweise bekommen wir hier dann wieder auf Kosten der Kompaniekasse Bier, pro Mann bis zu 4 Glas. Das der erste Zug als erster rankam und der dritte als letzter, war an jenem Tage wohl selbstverständlicher denn je, so bekamen wir den schäbigen Rest, was wir jedoch von früheren Gelegenheiten gewohnt waren. Herr Oberleutnant Haffner mochte es sehr gut mit uns gemeint haben, indem er uns vor unserer Abreise noch einmal die wirklich romantische Gebirgsgegend zeigte, aber ich hätte es doch seinerseits für richtig gehalten, er hätte vorher unsere Stimmung ausgelauscht. Die Disziplin hätte dadurch nicht gelitten, aber der Kameradschaftlichkeit zwischen Führer und Untergebenen sicher genutzt. Von Pouilly aus marschierten die Züge nach dem Biertrinken einzeln zurück nach Cesse, wir naturgemäß als letzter. Wenn auch nun das Bier, das schöne Wetter und besonders die reizvolle Gegend unseren Trübsinn ein klein wenig eingedämmt hatten, so wollte das Singen doch nicht recht klappen, sodaß der Zug meistens stillschweigend Cesse zuschritt. Zu einer solchen Stille ertönte plötzlich das Kommando unseres jugendlichen Zugführers, des Vizefeldwebels Schultze: „Singen“! Wir sahen uns verständnisvoll an. Ob der sich einbildete, wir befolgen sein Kommando im Kasernenton, wo wir nicht einmal bei den verhältnismäßig gut angesehenen Oberleutnant nicht gesungen hatten.  Das musste er einsehen, wütend tippelte er neben uns her. Als unser „Ruheort“ in Sicht kam, wurde beratschlagt, mit lautem Gesang ins Dorf einzuziehen. Kurz vor dem Eingang in dieses, einigten wir uns schnell auf ein Lied und schon sollte es losgehen, als zum zweiten Mal das gebieterische Kommando erscholl: „Singen“. Im Nu verständigten wir uns –  nun gerade nicht – und ließen es.  Schon waren wir in eine Straße eingebogen, welche fast rings um den Ort lief, als es zur Abwechslung hieß: „Kehrt Marsch!“ Anstatt nun den alten Weg zurück zu gehen, wie der Vizefeldwebel es mit uns vorhatte, bogen Wehrmann, Deutschländer und ich, die wir als einzelne Leute bisher den Schluss gebildet hatten, und nun an der Spitze waren, in die Peripheriestraße ein, da die Marschrichtung des Zuges eher in diese deutete und von einer Schwenkung nicht befohlen worden war. Fast wäre unser Vizefeldwebel vor Wut geplatzt, da er uns trotz seiner vorgesetzten Würde nicht gewachsen war, sich auch nicht noch weiter blamieren wollten, ließ er uns dann doch in den Ort marschieren, konnte jedoch nicht umhin, uns vor dem Wegtreten eine gehörige Standpredigt zu halten, in welcher er mit militärischen Schlagwörtern wie „Schleifen, Schlitten fahren u.s.w.“ nur so um sich warf. Zwischendurch erschollen schon einzelne Rufe: Hummel, Hummel, Sabbel die dot!

Wie aber das Kommando kam: „Wegtretten“, da schwirrte es nur so durcheinander von: Hummel, Hummel, M…, M…, Sabbel die dot! u.m.m. und zähneknirschend ging der Vize-Feldwebel von hinnen, uns sicher zum Teufel wünschend.

Auch wir verzogen uns sofort in die Quartiere, denn es war mittlerweile 1 ¾ Uhr geworden und der Magen verlangte sein Recht. Nach dem Essen hatten wir noch unsern sämtlichen Brocken in Ordnung zu bringen, denn nicht einmal die Stiefel hatten wir wegen des Ausmarsches für den „Umzug“ bereit machen können.

Nachdem wir zu Mittag gegessen, bekam unser neuer Unteroffizier, ein alter, bereits verwundeter Krieger, welcher vor einigen Tagen mit anderem Ersatz zu uns gekommen war, den Bataillonsbefehl mit einem Gefreitem und einem Mann den Transportzug zu übernehmen, wozu auch ich mit sollte. Mit Überstürzung machten wir drei uns fertig, um 4 ¾ Uhr schon waren wir auf dem Weg zum Bahnhof Stenay,

An der alten Front

wo wir nach zweistündigem Marsche ankamen. Nicht lange brauchten wir zu warten, als auch schon unser Zug vorfuhr. Die Wagen waren schnell für die verschiedenen Kompanien, den Stab, Unterstab, Bagage u.s.w. gekennzeichnet, sodaß die nun 7 ½ Uhr eintreffenden Kompanien in die für sie bestimmten Wagen nur einzusteigen brauchten. Zugleich wurde auch die Bagage verladen, als alles verstaut war, stiegen auch wir ein. Kurz nach 8 Uhr fuhr der Zug dann aus dem Bahnhof. Um 5 Uhr des nächsten Morgens, 30.08, bemerkten wir zu unserer Verwunderung, dass der Zug in Vigneulles hielt. Sollten wir etwa in unsern alten Stellung?

Wirklich blies unser Trompeter das Signal zum Aussteigen.

Sofort Antreten und Abmarsch. In der noch forschenden, durch plötzlich einsetzendes trübes Wetter, verstärkten Dunkelheit konnten wir zuerst nicht unterscheiden, wo es hinging, bald bemerkten wir jedoch, daß wir eine andere Richtung als die früher gewohnte, einschlugen.

Um 8 Uhr landeten wir in dem Orte Xammes, 12 km östlich von Vigneuelles gelegen, wo uns nach ½ stündigem Warten im inzwischen eingetretenen Regen, ein großer Pferdestall als Quartier angewiesen wurde. Nachdem Kaffee, den es bald nach der Ankunft gab, schliefen wir einige Stunden, um dann wiederum unser Zeug und unsere Stiefel in Ordnung zu bringen, denn im Orte sollten wir nicht bleiben, sondern noch weiter vorrücken. Abends 9 Uhr marschierten wir dann auch los, quer über freies Gelände an Bouillonville und Euvezin vorbei zu dem im Bois de la Sonnard gelegenen Waldlager.

Um 12 ½ Uhr nachts kommen wir glücklich im strömenden Regen und vollständiger Dunkelheit im Lager an. Wie so oft, gab es auch hier mehrere Verletzte dadurch, daß Kameraden im Dunkeln über Baumwurzeln, Holzresten u.s.w. stürzten, oder mit dem Kopf gegen Bäume, Pfähle u.s.w stießen. Nach langem Hin- und Hersuchen und stolpern fanden wir dann schließlich einen Unterstand. In diesem hauste jedoch noch für eine Nacht das Übergabekommando des von uns abgelösten Regiments 465, weshalb einige Kameraden und ich auch dieses Mal auf Bänken schlafen mussten, am nächsten Tage jedoch rückten die Kameraden ab, nachdem sie uns über alle Sonderheiten des Lagers, der Stellung und des Feindes (Zeiten der Beschießung durch diesen u.s.w.) unterrichtet hatten. Dieses Lager lag nicht so idyllisch wie jene bei Verdun, war aber, da hier die Truppen gewöhnlich länger blieben, besser und sauberer in Ordnung gehalten.

Neben jedem Unterstand befand sich noch ein tiefer Stollen zum Schutz gegen die täglichen Beschießungen des Waldes durch den Franzmann, zum Bewohnen waren sie jedoch nicht eingerichtet. An einer besonders gedeckten Stelle war ein größerer Unterstand für 3 Küchen gebaut und zwar für eine im Walde und zwei in Stellung liegenden Kompanien, eine Kompanie hielt sich, wie üblich, in Ruheort Xammes auf. Hatten wir im Waldlager auch allerhand „neuzeitlichen Komfort“ wie Badeanstalt, elektrisches Licht, Wasserleitung u. a. m., so ließen sich doch manche Sachen, wie das Einexerzieren der jungen Offiziere und Aspiranten etc. besser im „Ruheort“ weiter hinter der Front machen, aus diesem Grunde lag die „Ruhekompanie“ in Xammes. Am selben Tage noch, also am 31.8., abends 6 Uhr rückten wir in Stellung und zwar in einen Abschnitt, welches sich ca. 4 bis 5 km links von Richecourt, unserer früheren Stellung, östlich von St. Baussant vor dem Sonnardwald befand.

St. Baussant war ein kleiner Ort abseits der Chaussee zwischen Maizerais und Lahayville.

Durch Laufgräben erreichten wir in einer knappen ½ Std. den vorderen Graben. Diesen sollten wir vorerst nicht besetzen, sondern nur erst instand setzen, da die Spuren der letzten Regenperiode noch nicht ganz beseitigt waren.

Trotz besten Willens konnten wir leider so gut wie gar nichts schaffen, da der Boden aus jenem zähen Lehm bestand, der sich am Schanzzeug gleichsam fest sog, wie er in Frankreich viel vorkommt. In der Nacht vom 1. zum 2.9. kamen wir wieder zurück ins Sonnardwaldlager, aber dieses Mal in den linken Flügel. In den nächsten Tagen half ich unsere Schreibstubenbaracke instand setzen, ferner holte ich mit unseren Kameraden im Tal hinter dem Sonnardwald gelegenen Verteilungsstelle Lebensmittel und anderer unentbehrliche Sachen.

Am Abend des 5.9. bezogen wir den rechten Grabenflügel des Abschnitts als Posten. Dieser Teil des Grabens war vollkommen ausbetoniert, auch einige Unter- und Postenstände bestanden aus bestem Eisenbeton, letztere hatten jedoch Wellblechdach, da über den Grabenrand hinausragender Beton sofort vom Franzmann zusammengeschossen worden wäre. Die Unterstände waren sehr eng und reichten längst nicht für die nur sehr knappe Besatzung aus, so daß wir uns sehr behelfen mußten. Ein Glück nur, daß de Wettergott uns einigermaßen hold war, nur selten regnete es schwach.

Das Essen holen, welches wir wegen der gedeckten Lage des einen Laufgrabens am Tage besorgen konnten, war hier wegen des gut ½ stündigen Weges zur Küche und des engen Grabens eine kleine Strapaze. Trotz der Deckung gegen feindliche Sicht wurden wir jedoch oft durch starke Feuerüberfälle überrascht, welche zum Glück für uns jedoch verhältnismäßig wenig Verluste brachten. Von unserer Seite wurde viel mit 80 Pfund Minen geworfen, welche beim Krepieren krachten wie eines der schwersten Geschosse. Schon in unserer früheren Stellung vor Richecourt hatten wir diese schauderhaften Dinger – nicht ohne Grauen – gehört. Der Franzmann antwortete gewöhnlich mit Gewehrgranaten oder leichten Feldgeschossen.

Am 10.9. mittags hatten unsere Minenwerfer wieder einige ihrer großen „Konservenbüchsen“ zum Franzmann hinüber geschickt. Wir wußten genau, wir bekommen sie heimgezahlt. Nachmittags stehe ich just in einem bis Schulterhöhe leicht gedeckten und hinten zur Hälfte offenen ca. 60cm im Quadrat umfassenden Postenstand auf Wache, als die Franzosen plötzlich an mehreren Stellen anfingen, uns mit Gewehrgranaten zu beschießen. Ein Schütze hatte es sicher auf meinen Stand abgesehen. Die ersten Granaten fielen weit links von mir, aber deutlich hörte ich jedes Mal das Aufschlagen ständig näher kommend, dann eine ganz nahe rechts, die nächste einige Meter vor mir, die dann folgende kurz hinter dem Graben.

Die nächste trifft auf das dünne Wellblechdach, dachte ich und erwog schon: Hielt das Blech auch den Fall ab, die Explosion sicher nicht. Verdrücken? Am Ende lief ich dem Verderben in die Arme. Wie ein Stück Schlachtvieh stillhalten? Nur Mut, die Sache wird schon schief gehen und sie ging schief, aber für den Franzmann. Die für den heutigen Tag letzte Granate sauste durch die Luft und – ich höre sie heute noch – fiel direkt hinter mir in den Graben.

Nichts Gutes ahnend, hatte ich den Stahlhelm, welcher damals noch nicht Allgemeingut war und nur an gefahrvollen Frontabschnitten und besonderen Postenständen benutzt wurde, über die Ohren gezogen und mich in die Ecke gehockt, als auch schon der tolle langschwänzte Vogel hinter mir krepierte. Im Nu war der enge Postenstand voll Rauch und mir war fast das Hören vergangen.

Was nun? Ich dachte wieder, wirst du getroffen, steht hier ja auch niemand und die Kompagnie ist unnütz um einen Mann ärmer.

Also, zum Zugführer, als welchen wir seit einigen Tagen einen vielleicht 30jährigen Lehrer aus dem Pommerschen Leutnant … hatten.

Dieser kratzte sich hinter den Ohren und meinte: Auf diese Art und Weise totschießen lassen? Blödsinn. Aber: Der Posten darf in der höchsten Gefahr seinen Platz nicht verlassen. Na warten wir ab, vielleicht hat „er“ sich beruhigt. Da das Schießen wirklich aufhörte, besetzte ich auch sofort wieder meinen Posten. Gleich darauf kam auch Leutnant … um den Schaden zu besehen.

Die Gewehrgranate war mitten in den Graben und mitten vor den Stand gefallen, so daß die bis zur Hälfte gehende Rückwand, hinter der ich stand, die Splitter auffing und mich schützte. Bei dieser Gelegenheit konnten wir bemerken, wie hart und fest Cement ist, denn weder auf dem Boden noch an den Seitenwänden des Grabens hatte die Granate Schaden angerichtet, kaum daß winzige Absplitterungen zu sehen waren.

In diesen Tagen wurde viel gemunkelt, die O. H. L. hätte eine große Neueinteilung der verschiedenen Truppenverbände vor, durch diese Umwälzung sollte auch unsere 2. Kompagnie herausgezogen werden und zu einem neuen zusammenstellenden Bataillon kommen. Wir waren sehr gespannt hierauf. 

In der Nacht zum 12.9. wurden wir abgelöst und kamen frühmorgens in Xammes an.

Hier wurde uns bestätigt, daß unsere Vermutungen zutrafen. Am selben Abend mußten wir wegen der Neueinteilung wieder in Stellung, eine Rekordleistung, hatten wir doch erst morgens nach 7 tägigen aufregendem Schützengrabendienst (der französische Graben lag nur 9 Meter von unserem entfernt), den fünfstündigen Marsch über schlechtes hügeliges Gelände, zurückgelegt. Nun sollten wir statt der uns zustehenden Ruhe nochmals den strapaziösen Weg machen. Das war dann doch etwas reichlich, auch hatten wir den ganzen Tag über schwer zu arbeiten, um alles Notwendige für die Stellung zu erledigen.

Hundemüde kamen wir in einen wieder etwas weiter rechts gelegenen, auch cementierten Abschnitt an. Glücklicherweise war das Wetter gut, nachts hatten wir meist leichten Frost. Mit Arbeiten und Postenstehen vergingen auch diese Tage, aber schwer hatten wir jetzt unter den französischen Gewehrgranaten zu leiden.

In der Nacht zum 18.9. wurden wir wiederum abgelöst und kamen nach Xammes. Von nun an galten wir offiziell als 9. Kompanie. Unser Kompanieführer, Oberleutnant Haffner, war zur Zeit abkommandiert und wir sollten Leutnant Gebhard, einen Hamburger Lehrer, bekommen, welcher als tüchtiger Offizier und humaner Mensch im Regiment bekannt war.

Hierzu konnten wir uns nur beglückwünschen, denn ein guter Kompanievater war jedenfalls ein großer Trost in den elendigen Frontsoldatenleben.

Am 19.9 ging es bei herrlichem Herbstwetter nachdem ca. 2 Stunden entfernten Boillonville zum einkaufen.. Da wir auch nicht sehr viel zu tragen hatten, war es für uns ein angenehmer Spaziergang. Um einen Richtweg zu gehen, mussten wir allerdings mehrere Kilometer über kahles, unbebautes, verödetes Acker und Wiesengelände zurücklegen um dann auf einem Hügelrücken zu gelangen, von wo man das gerade zur Zeit unter Hochwasser stehende Boillonville Überschwemmungsgebiet übersehen konnte. An einer Bergkante längs gehend, von Weinplantagen und von unseren Truppen bebaut gewesenen Äckern vorbei, erreichten wir das sich an den Berghang anlehnende Städtchen Boillonville.

Nachdem Entlausen und durchsuchen mehrerer Kantinen nach guten billigen Lebensmitteln, zogen wir den selben Weg wieder zurück nach Xammes, wo es dann noch die üblichen Appells gab. Am nächsten Tage, außer exerzieren ebenfalls Appells. Die ´Truppenteile werden auseinandergerissen. Von nun an: 9./ III. 357 [9. Kompagnie, III. Armeekorps, Infanterieregiment 357].

Am folgenden Tage, 21.9 erschien zu unserer großen Freude wirklich Leutnant Gebhard, um die nunmehrige 9. Kompanie zu übernehmen. In kurzen Worten schilderte und lobte er das bisherige gute Verhalten der in jeder Beziehung als stramm bekannten alten Zweiten, sowie das gute Auskommen zwischen Vorgesetzten und Mannschaften und erfreue sich, dieses, dem aus der Kompanie ausgeschiedenen Herrn Oberleutnant Haffner zu verdankende Ehre übernehmen zu dürfen, er wollte sein mögliches tun, das alte schöne Verhältnis weiter zu pflegen u.s.w.

Aber: „Wat denn köm, har nich komen muß“. Denn weiter führte Leutnant Gebhard aus: Leider kann ich nicht umhin, gleich bei der Übernahme der Kompanie einen Wermutstropfen in diese zu bringen, dadurch das ich zugleich mit dem Befehl zur Übernahme der Kompanie einen solchen bekommen habe, einen Unteroffizier und 22 Mann an die neuzubildende 12. Kompanie abzugeben. Da nun der Kompanieführer der neuen 12. Kompanie von allen anderen in Frage kommenden Kompanien schon Leute bekommen hatte und diese zum Teil nicht ganz einwandfrei waren, (es befanden sich unter diesen Drückeberger und solche die den früheren Vorgesetzten vielleicht wegen ihrer Wahrheitsliebe u.s.w. nicht ganz genehm waren), wurde eine geschlossene Korporalschaft gewünscht.

Nach langem Hin und Her hätte er sich mit dem Feldwebel und den anderen Herrn entschlossen, die 10. Korporalschaft, als letzte, abzugeben. Die Auswahl sei aber nur aus rein technischen Gründen geschehen, da wegen der Zugeinteilung nur 9. Korporalschaften bleiben sollten.

Die Trennung unserer alten Zweiten vom 1. Bataillon war gewiss hart, da wir aber in der Zeit des Zusammengehörens die anderen Kompanien doch sehr selten gesehen hatten, war der „Schmerz“ doch zu überwinden, die Abtrennung unserer 10. Korporalschaft (wegen der meisten Gefreiten die „Strammste“ genannt) von der Kompanie und somit der alte Kampf-Kameraden war jedoch so ungeheuerlich, daß wir uns gar nicht darin finden konnten. Einige Kameraden, welche besonders an der alten Zweiten hingen, versuchten dann auch zu bleiben, was jedoch nur einem, (wegen bestimmter Sachkenntnissen), die der Feldwebel nicht gut entbehren mochte, gelang. Unsere Korporalschaft war wegen Abkommandierungen und Beurlaubungen nicht stark genug, so wurden denn doch 3 oder 4 Unliebsame mit abgeschoben, unser Korporalschaftsführer Unteroffizier Probernon weilte auch just im Urlaub, so hatten für ihn Unteroffizier Wollenburg das Pech mit fortzukommen.

Wir fragten uns, weshalb eigentlich dieses Auseinanderreisen der alten Kameradschaft? Wir wurden nämlich nicht alleine auseinander gerissen. Aus jeder Division wurde eine Brigade, aus dieser wieder ein Regiment, aus diesem ein Bataillon, aus diesem eine Kompanie, hier wieder ein Zug und sogar aus diesen noch Korporalschaften oder einzelne Leute herausgezogen. Sollten die Gerüchte etwa wahr sein, daß die Oberste Heeresleitung sich noch unsicher fühlte und die innere Geschlossenheit der Heeres fürchtete? Es musste wohl so sein. Eine andere Antwort konnten wir nicht finden.

Dann aber war es unseres Erachtens das Verkehrteste, was unsere Führung machen könnte, denn wir legten uns diese Verhandlung so aus: der Obersten Heeresleitung konnte es selbstverständlich nicht verborgen geblieben sein, daß die Erbitterung und Unzufriedenheit im Heere gegen das bestehende militärische System wegen der großen Ungerechtigkeiten, welche oft schikanös wirkten, stetig mehr auswuchs und sich verallgemeinerte, aber auch die kritische Lage und der Hunger mochten hier Schuld mit dran haben.

Täglich liefen Kameraden zu den Feinden über, andere blieben beim Vorgehen zurück, wieder andere übten bei den Schanzarbeiten „passive Resistenz“ u.s.w.

Wenn wohl auch ein großer Teil dieser Leute nicht im besten soldatischen Ruf standen, so mehrten sich doch die Fälle, von tüchtigen, zuverlässige und kampferprobte Unteroffiziere und Mannschaften sich aufs mancherlei Art drückten, nicht aus Feigheit, sondern weil ihnen der Kram über war.

Ja, es tauchten hier und da Gerüchte auf, daß an besonders brenzligen Stellen, ganze Kompagnien, selbst Regimenter das Stürmen und Kämpfen verweigerten, denn zu viel wurde ihnen oft zugemutet. Meiner Überzeugung nach waren diese Leute auf keinen Fall aufgewiegelt durch vaterlandslose Gesellen etc., sondern sie hatten keine Lust mehr, sich durch gänzlich unfähige junge Vorgesetzte zu allem möglichen und unmöglichen Unfug kommandieren zu lassen, weil sie als gediente und geschulte Leute dieses oft nicht verantworten, sich aber auch nicht weigern konnten. jeder ehrliche, wirkliche Soldat musste gewiss zugeben, daß es bei einer großen Organisation, wie sie ganz besonders ein Millionenheer darstellt, nicht ohne Disziplin zugeht. Wie würden sonst die zügelhaften Elemente unter uns zu Kehr gegangen sein.

Aber diesen Kadavergehorsam, Knechtschaftssinn, denn von uns älteren Leuten, meist Familienväter, durch mitunter unfähigen, jungen Offizieren verlangte, konnte den aufrechten Männern schon lange nicht mehr gefallen.

Anstatt nun allzu krasse Gegensätze zwischen Offizier und Mann, Beförderung der Tüchtigsten aktiven Unteroffizieren zu Offizieren und anderen Entgegenkommen der Unzufriedenheit einen Damm vorzusetzen und beruhigend zu wirken, riß die oberste Heeresleitung die Truppenteile auseinander, um etwaige „bolschewistische“ Verschwörungen hierdurch zu zerstören.

Dieses Auseinanderreißen alter Kameraden, welche bisher unzertrennlich Leiden und Strapazen, oft auch das letzte Stückchen Brot geteilt hatten, war unserer Meinung nach das Allerhärteste und Verkehrteste, was unserer militärische Leitung machen konnte. Die Ereignisse zeigten dann ja auch, daß die Erbitterung von diesem Zeitpunkt ab, kolossal stieg und zugleich drastisch bewies, daß die Unzufriedenheit allgemein war, und nicht, wie sich die militärische Führung immer und immer wieder zu entschuldigen versuchte, durch bolschewistische Agitationen entstanden sei.